

Übersicht:
Saint Helena
Südliches Afrika
Geographische Lage: 15.56°S / 05.42°W
St. Helena liegt im südlichen Atlantik und besteht aus den Inseln St. Helena, Ascension, Gough Island, Inaccessible Island, Nightingale Island und Tristan de Cunha Island.
Zeitzone: MEZ - 1h
Fläche: 509 qkm
Höchster Punkt: Queen Mary´s Peak 2.060 m (auf Tristan da Cunha)
Tiefster Punkt: Atlantischer Ozean 0 m
Klima: Tropisch - Maritim
Flora und Fauna: Laubwälder, Schildkröten
Hauptstadt: Jamestown
Bevölkerung: 4.299
Bevölkerungsdichte: 8/qkm
Ethnische Zusammensetzung: Afrikaner, Weiße, Chinesen
Religion: Christen
Sprache: Englisch
Politisches System: Autonomes Gebiet des Königreichs England (Parlamentarische Monarchie)
Währung: St. Helena Shilling
Durchschn. Kaufkraft/Jahr: 2.200 EUR
Wirtschaft: Fischfang
Landwirtschaft, Viehzucht.
Nahrungsmittel- und Fischverarbeitung, Bootsbau, Kunsthandwerk.
Exportgüter: Fischereiprodukte
Landwirtschaft: 6%
Industrie: 48%
Dienstleistung: 46%
Lebenserwartung: 77 Jahre
Analphabetenrate Männer: 3%
Analphabetenrate Frauen: 2%
Information:
Die Geschichte
Die Inseln waren unbewohnt, als sie 1502 von den Portugiesen entdeckt wurden. Im 17. Jh. gründeten die Briten eine Garnison. Berühmtheit erlangte St. Helena als Verbannungsort Napoleon Bonapartes (von 1815 bis zu seinem Tod 1821). Seine Bedeutung als Anlaufstelle für Schiffe sank mit der Eröffnung des Suezkanals 1869. Heute beherbergt die Insel Gough eine meteorologische Station und Ascension (Webcam) einen US Luftwaffenstützpunkt.
Diese Formulierung soll Frankreichs Kaiser, wie sein Warschauer Gesandter de Pradt bezeugte, schon bei seiner Flucht aus Russland (1912) ein paarmal gemacht haben. Zur unfreundlichen Beschreibung seiner Existenz wurde die Bermerkung vielleicht erst, als man ihn, böse Folge seiner Waterloo-Niederlage (18.6.1815), auf die Atlantik-Insel St. Helena verbannte, 1120 Kilometer von der Insel Ascension entfernt und 1900 Kilometer westlich der afrikanischen Küste gelegen. Die Mittelmeerinsel Elba, sein voriger Verbannungsort, befindet sich sozusagen mitten in Europa, St. Helena mitten im Nichts. Was sollte der Mann nun dort machen?
Er hatte Personal, etwas Familie, ein nicht sehr schönes, aber wetterfestes und geräumiges Haus, hoch gelegen, ein paar Kilometer landeinwärts, man kann es heute noch besichtigen. Die Insel gehört zu Großbritannien, das Longwood House wird von der französischen Regierung verwaltet: Hier guckte der Kaiser aus dem Fenster; und da aufs Fensterbrett legte er manchmal seinen Finger; wenn er gerade wieder ein Buch umgeblättert hatte und so weiter.
Es fehlte ihm an nichts, finden manche Historiographen. Also das stimmte sicher, was sein leibliches Wohl betrifft, Speis und Trank waren gewiss hinlänglich vorhanden, obwohl es damals noch keine Napoleonschnitten gab und der gleichnamige Cognac vielleicht auch erst später gebrannt wurde.
Obst, Gemüse und Süßkartoffeln hat man sicher schon zu jener Zeit auf St. Helena angebaut, auch wurden Rinder, Lämmer, Geflügel gezüchtet, alles Lebensmittel erster Güte, nehme ich an, an denen er nicht gestorben sein dürfte. Schwarzmaler äußern dennoch die Vermutung, man habe dem Mann mit der gefälligen Stirnlocke Böses angetan, seine Darmerkrankung sei auf eine vorsätzliche Vergiftung zurückzuführen, bewirkt nicht schlechthin durch das, was in die Küche kam, sondern dadurch, daß es dort nach streng englischen Rezepten zubereitet worden sei, was wieder aus der Küche heraus und in einem Zustand auf den Tisch kam, der für jedermann lebensgefährlich sein musste, der an das Angebot französischer Köche und Kellermeister gewohnt war.
Was sollte Napoleon auf St. Helena machen? Kaninchen züchten? Kräuter fürs Herbarium trocknen? Schmetterlinge fangen?
Es gab dort zu jener Zeit nicht mal einen Kulturbund oder eine Uraniagesellschaft, die solche Steckenpferde durch Klubabende und Lichtbildervorträge organisieren konnten.
Dem ehemals armen korsischen Adelssohn und späteren selbst gebackenen Kaiser fehlte ganz was anderes. Auf St. Helena, dem Zentrum der Weltabgeschiedenheit, konnte der Groß-Stratege beim besten oder schlimmsten Willen keine Schlachten schlagen. Nicht mal welche verlieren!
Das letztere hätte er auch hier, wie allemal woanders, durchaus überlebt.
Nicht aber diese einsame Ruhe.
Goethe, einer der großen Verehrer Napoleons, hätte solche beschauliche Stille wohl eher ertragen als der rastlose Korse. Goethe hatte, wie der Berliner sagt, die Ruhe weg, was man von Bonarparte nicht behaupten kann. Der weimaranische Olympier verfügte, um es populär auszudrücken, über ein gewisses Sitzfleisch. Obwohl er stehen blieb, als Napoleon ihn zu seiner Freude 1808 empfing. Im Stehen. Während der Gastgeber frühstückte, was man vor der Erfindung der Imbiss-Stuben noch im Sitzen tat. Und, in diesem Falle, in Erfurt, wo sich auch später bekannte Leute trafen wie zum Beispiel Brandt und Stoph, denen versammelte Leute die Vornamen zuriefen; man konnte nicht nachweisen, ob sie Willy oder Willi meinten.
Napoleon soll zu Goethe gesagt haben: "Vous etes un homme!" Und: "Ihr habt euch gut gehalten." Beides traf zu auf den sechzigjährigen Dichter.
Den Orden, welchen ihm der Schlachtenheld verlieh, trug er noch stolz, als Napoleon schon auf jenem Schiff saß, das ihn nach St. Helena in die Verbannung transportierte.
Goethe war nicht nur genial, sondern auch klug und besonnen. Er wusste sich einzurichten. Bekanntlich ist er niemals verbannt worden.
Heute sieht St. Helena mitsamt seiner 1600 Einwohner-Haupt- und Hafenstadt Jamestown viel niedlicher aus als zu des Korsen Zeiten. Es gibt ein hundert Kilometer langes Straßennetz, ein paar Autobusse und keine anderen öffentlichen Verkehrsmittel als Taxen. Mit denen kann man beispielsweise von der Bootsanlegestelle zum Ladder Hill herauffahren, falls man nicht den Fußweg über die Jacob's Ladder bevorzugt, welche aus 699 sehr steil angeordneten Stufen besteht. Unser Reisekamerad Ludwig zählte beim Aufstieg bis 133, dann drehte er um und krabbelte wieder bergab. "Da fahre ich lieber mit'm Auto rauf", sagte er, "falls Sie mich einladen wollen." Wir wollten aber nicht und mussten daher auf den Anblick solcher Sehenswürdigkeiten wie High Knoll (was mag das sein?) und der Baptistenkapelle verzichten. Man kann sich im Leben nicht alles gönnen.
Obwohl die Insel vulkanischen Ursprungs ist, veranstalteten wir keinen Tanz auf dem Vulkan, dessen Temperament dem Napoleons wohl eher entsprochen hätte; ihm - und, selbstverständlich, auch Goethe - wird ja diese Redensart zugeschrieben. Wir benutzten zur Besichtigung des hübschen Jamestown auch keinen Kraftwagen, weil wir Angst vor dem Linksverkehr hatten, der auf St. Helena zwar vorgeschrieben ist, aber nicht praktiziert wird, weil die Straßen aus landschaftlichen Gründen zu schmal sind.
Da fährt man einfach in der Mitte, es kommt einem ja selten jemand entgegen.
St. Helena ist 122qkm groß und verfügt über insgesamt sechs Gaststätten, so daß bei einer Gesamtbevölkerung von 5056 Personen statistisch jeweils ein Lokal auf 842 und einen halben Einwohner fällt. Jedes Restaurant hat laut Touristenprospekt "seinen eigenen speziellen Charakter". Wir konnten infolge Zeitmangels nur zwei Kneipen besuchen, welche sich, soweit ich mich erinnere, nicht durch Charakter auszeichneten. Das gilt sinngemäß auch für das dort gebraute Bier.
Eine wichtige Einnahmequelle der britischen Kolonie scheint die gut besuchte Post zu sein. Mir fiel vorm Schalter jene schmackhafte österreichische Anekdote ein, in welcher Graf Bobby gefragt wird, woran die Post eigentlich etwas verdiene, da sie doch eine 20-Schilling-Briefmarke für ganau 20 Schilling verkaufe. Antwort: "Dafür wird ein Brief bis zu 20 Gramm Gewicht transportiert; manche Sendungen wiegen aber, sagen wir mal, bloß 16 Gramm. Von dieser Differenz profitiert die Post."
In Jamestown funktioniert das so: Die Post verkauft den Touristen in großer Zahl die schönen und beliebten St.-Helena-Briefmarken und nimmt liebenswürdigerweise auch größere Banknoten aller möglichen Währungen in Zahlung. Als Wechselgeld gibt sie nur St.-Helena-Banknoten heraus, die nirgendwo in der Welt akzeptiert werden, außer auf St. Helena.
Aus diesem Grund habe ich mir, als unser Kreuzfahrtschiff schon tutete, rasch noch einen Schlips mit St.-Helena-Wappen gekauft, den ich dringend benötige. Er war in Hongkong hergestellt worden.
Die Kolonie wird von 1 Gouverneur, 1 Exekutivrat und 1 Legislativrat (16 Beigeordnete) verwaltet, die allesamt in angenehmster Weise nur unauffallig in Erscheinung treten.
Die Einsamkeit und Ruhe sind der Insel erhalten geblieben. Aber diese Einsamkeit ist nicht trostlos, die Ruhe nicht langweilig. Eine junge Frau aus Deutschland erzählte fröhlich: "Mir gefällt's hier großartig. Auch wer hier arbeitet, lebt erholsam wie im Urlaub. Ich bin schon sieben Monate auf St. Helena und bliebe gern noch mal sieben Monate. Aber mein Mann muß zurück." Das war eine hübsche und, wie uns scheinen wollte, auch temperamentvolle Frau. Aber der Mann musste zurück.
Man ist nicht von der Welt abgeschnitten auf St. Helena. Es gibt zwar keinen Flugplatz, aber "regelmäßige Schiffsverbindungen nach Kapstadt und Großbritannien". Ungefähr einmal im Monat, glaube ich.
Napoleon wollte auch gern weg. Aber den ließen sie nicht.
Da musste er, obwohl man in Jamestown auch Stricke herstellt, geduldig auf seinen Tod warten.
Von Lothar Kusche