Freizeit Kurier
13.04.2002

Die Oase Siwa

Fast wie eine Fata Morgana

Der Charme einer echten Oase, bunte Lehmbauten und hohe Dattelpalmen. Einst badete hier Kleopatra. Heute treffen sich dort die Wüstenfüchse. Ein Rundgang durch die Oase Siwa in Ägypten.

Die Freude blitzt grün oder blau. Dagegen ist auch die Sandschicht, die sich an den Gesichter festgenagt hat, machtlos. Die Augen derer, die es per Bus, Jeep oder gar auf dem Rücken von Kamelen bis hierher nach Siwa im ägyptischen Niemandsland an der Grenze zu Libyen geschafft haben, schreien es jedenfalls förmlich hinaus. Grün oder blau. Endlich, endlich eine Oase! Nach Hunderten von Kilometern auf Sandpisten, über und entlang von schier endlosen Dünen wirken selbst einfachste Lehmhütten wie Erholungsheime. Hauptsache, die Wände spenden Schatten, und man kriegt grüne Sträucher und Dattelpalmen zu sehen. Und Wasser. Vor allem Wasser. Mehr als 300 Quellen drängen hier an die Oberfläche. In einer davon, jener beim zerfallenen Amun-Tempel, soll einst sogar Kleopatra gebadet haben.

Aber man muss erst gar nicht in den Türkis farbenen Grund dieses gemauerten Beckens blicken, um eine Ahnung von der Bedeutung dieser Oase zu bekommen. Es reicht, wenn man seinen Blick über die gigantischen Palmenwälder schweifen lässt. Mehr als 300.000 Dattelpalmen verliehen dem Hort fruchtbaren Bodens in der Wüste einen besonderen Reiz. Dazwischen antike Stätten, mitunter mehrere Stockwerke hoch aufgeschichtete Lehmbauten, langsam durch die Gassen ziehende Karren und belebte Märkte. Orient wie im Bilderbuch. Und nicht nur für das Auge wird etwas geboten. Auch die Ohren können es kaum glauben. Besucher, die beim hupenden Verkehrslärm von Kairo und Alexandria schon einmal mit dem Einschlafen gekämpft haben, sind mehr als erfreut, daß die Stärke eines Esels hier noch mehr gilt als Pferdestärken. Natürlich werden die Touristen beneidet, die selten aber doch mit ihren vierradgetriebenen Vehikeln vorbeibrummen.

Mitten im Grenzgebiet zwischen ägyptischen und libyschen Völkern gelegen, war der Hort fruchtbaren Bodens immer wieder Mittelpunkt unterschiedlichster Interessen. Ursprünglich von sesshaft gewordenen Nomaden besiedelt, ließ König Amosis um 600 v. Chr. einen Orakeltempel bauen, der den Ruf von Delphi noch in den Schatten stellen sollte und sogar um 331 v. Chr. Alexander den Großen nach Siwa gelockt hatte. Siwa mit seinen etwa 10.000 Einwohnern und mehr als 300.000 Dattelpalmen liegt sehr abgeschieden, mehr als 250 Kilometer sind es vom Mittelmeer bis hierher am westlichen Rand der ägyptischen Wüste. Abgesehen von einigen kleinen Siedlungen am Pistenrand und vereinzelt einer Kamelherde begegnet man nur Sand. Monoton ist das trotzdem nicht. Die Abwechslung nämlich liegt im Detail. Man passiert Dünen, Wellen, Täler oder zu bizarren Formationen aufgeschichtete Felsen. Vegetation null. Dennoch Natur pur, im Lauf der Jahrtausende von Wind und Wetter angenagt. Sand ohne Ende. Aber dann, ganz plötzlich, taucht sie in der Ferne auf. Die Oase Siwa. Zuerst schemenhaft, einer Fata Morgana gleich in der Hitze flirrend. Ausgerechnet hier in der Wüste Siwa, etwa 250 Kilometer vom Mittelmeer und gut 500 Kilometer von Alexandria entfernt, also so ziemlich genau im Niemandsland, wollte einst Kleopatra auf ihre Lieblingsbeschäftigung nicht verzichten, auf das Bad in Milch. Ein Luxus, denken Sie?

Nein, eher zeugt diese Gewohnheit der als äußerst kapriziös in die Geschichte eingegangenen antiken Kaiserin von praktischem Denken. Denn Milch ist dort, wo sich Ziegen und Esel in Tausenden tummeln keine Seltenheit. Wasser hingegen ist an der Grenze zur libyschen Wüste fast so rar wie hierzulande ein Lotto-Sechser. Zugegeben, einer mit Zusatzzahl. Denn in einem besonders regenreichen Jahr können schon bis zu 40 Millimeter Niederschläge pro Monat fallen. Aber wenn am Monatsende null Regen heisst, ist es auch keine Seltenheit. Die jährliche Durchschnittsmenge an Regen beträgt 9,9 Millimeter. Niederschläge also fast Null. In den Sommermonaten hätten die Bewohner der Oase Siwa allen Grund niedergeschlagen zu sein. Das Gegenteil aber ist der Fall.
Von Bernhard Praschl



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