Süddeutsche Zeitung
09.04.2002
Im Golf von Guinea ragen zwischen Nigeria und Gabun ein paar Inseln aus dem Atlantik: Sao Tome und Principe und einige andere Eilande, die zu dem Ministaat gehören. Ein kleines Stück Afrika, tropisch heiß und exakt auf dem Äquator. Von Portugal 1975 in die Unabhängigkeit entlassen, sucht das Land noch seinen Platz in der Welt. Doch die ist weit weg.
Die Zentralbank auf der Insel Principe hat durchgehend geöffnet. Nicht nur die Türen, auch Fenster, Wände und das Dach. Aus dem Gebüsch zwischen zwei Papayabäumen führt eine monumentale Freitreppe in die ehemalige Chefetage, dort hängen Lianen, Stuck und Fensterrahmen herab. Bäume, deren Wurzeln eine Wand fressen, sind die neuen Besitzer. Nur die Natur ist hier wirklich mächtig. Gegen ihre feuchte und heiße Kraft hat kein Haus eine Chance, und sei es noch so monumental, noch so kolonial erbaut. Die Muster des Fußbodens scheinen ihrem Schicksal entgehen zu wollen und verstecken sich unter einer satten Staubschicht.
Traurig blicken die prächtigen portugiesischen Kacheln durch den Dreck und sehnen sich nach der alten Zeit. Händler eilten über sie, suchten Geld für Kakaoexporte. Ausländische Geschäftsleute planten Investitionen, Landwirte baten um Kredit für einen neuen Traktor, Schiffskapitäne rechneten ab. Doch heute: nichts, nur Ruhe. Zwei Tresore rosten verloren in einer Ecke. In ihnen wird niemand mehr Geld lagern.
Unabhängig im Urwald
Wo soll es auch herkommen? Auf dieser Insel verdient ein Landwirt weniger als 40 Dollar im Monat, es gibt vielleicht 20 Autos und oft keinen Strom. Die letzten Jahre der Autonomie der Hauptinsel Sao Tome waren kein Erfolg. Aber die Einwohner Principes wollten sie und der demokratische Staatspräsident ließ sie ziehen. Nun sitzen sie hier am Ende der Welt, mitten im Urwald, aber in Unabhängigkeit.
Berge aus massivem Grün bedrängen den Hauptort der Insel, Santo Antonio. Der Urwald lauert vor der Stadt, als wollte er sie jeden Moment überfallen. Von drei Seiten greift er an und lässt den Menschen nur den Blick aufs Meer. Frei ist das Papageienpärchen über ihren Köpfen. Aus dem einen Grün kommt es, fliegt ins nächste und bequatscht dabei den Tag. Zwei Männer kommen vom Wald zurück, haben einen Makakenaffen erlegt und können sich nun endlich auf ein Bier niederlassen. Fischer fahren in Einbäumen hinaus und Köter liegen im Schatten. Selbst der Markt gähnt müde. Nur ein paar Avocados und Tomaten warten auf Käufer. Händler sitzen an leeren Tischen: "Macht ein paar Fotos", bitten sie. "Aber ihr müsst sie uns auch schicken!" Filme gibt es auf Principe nicht, wer sollte die hier auch entwickeln?
Der eine Touristenladen, der das übliche Sortiment verkauft, ist zwar nur ein paar Kilometer entfernt, aber trotzdem unerreichbar. Er gehört zum "Bom Bom Island Resort", einer Luxus-Ferienanlage für die Reichen dieser Welt. Sie bleiben unter sich, entspannen oder "sportfischen" auf hoher See neuen Rekorden nach. Viele kommen im hoteleigenen Flugzeug oder am eigenen Hafen an. Ihr Geld verlässt das Resort nicht, und Principe bleibt wie es ist, verfallen und doch von wahrer Schönheit.
Diese Schönheit sehen bisher nur wenige, "ungefähr sechs Touristen im Monat", meint der Schaffner des Inselbusses. Der Bus hat sich irgendwann hierher verirrt, bekam eine ordentliche Bemalung und streift seitdem über die paar Kilometer Straße auf Principe. Ein Wunder, das zwischen Urwald und vergammelten portugiesischen Kolonialhäusern tagaus, tagein nach Fahrgästen sucht. Sogar Schildchen mit Fahrtzielen hängen in der Scheibe. Meist aber steigt jemand ein, schlägt ein Ziel vor, und dann versuchen alle gemeinsam, andere Fahrgäste zu finden. "Wir fahren gerade nach Soundso. Kommt Ihr mit?" Klar kommen wir, in Santo Antonio ist wenig los. Der Schaffner erklärt den Weg vom Haltepunkt zum Strand. Immer rechts nach vorn, etwa 30Minuten.
Nach zwei Stunden verabschiedet sich der Orientierungssinn. Alles ist grün und rechts, hinter einem Knäuel Pflanzen, rauscht das Meer. Es duftet und rankt in alle Richtungen, nasse Blätter glänzen, dazwischen aufgeregte bunte Vögel. Blüten und Bananen schimmeln auf der Erde, die Natur quillt über.
Endlich öffnet sich der Wald und ein Strand schmiegt sich an die Palmen, unberührt und weich, davor ruht der türkisfarbene Ozean. Plopp, eine Kokosnuss landet im Sand. Allein im Paradies. Abends, zurück auf der Straße, nimmt uns die Feuerwehr mit. Aber um diese Tageszeit ist das Auto der Dienstwagen des Flughafenchefs. In welche Pension wir müssen, weiß er schon: "Ich habe euch vom Tower gesehen!"
Auf der größeren Insel Sao Tome ist mehr Leben. In der Hauptstadt, Cidade de Sao Tome, wächst ein Kino in die Höhe, hunderte Taxifahrer suchen Kunden, im Volkspark findet gerade ein Konzert statt. Die Frauen auf dem zentralen Markt sitzen hinter Bergen aus Rot, Lila, Gelb und Grün. Farben, die man riechen kann. "Weißer! Hallo, kauf doch ein paar Mangos! Oder Papaya? Oder Jackfrucht?" Andere Frauen bieten frische Barrakudas und fliegende Fische an, in Schüsseln auf ihren Köpfen zu Kunstwerken gestapelt. Alles brubbelt, schreit, schlurft und in den Ecken gammeln die Reste des Vortages.
"Hühnersuppengeschmack!" schreit der Junge mit der Kiste Brühwürfel. Seit ein paar Tagen gibt es überall Brühwürfel. Ein Frachtschiff aus Portugal muss sie mitgebracht haben. Am Markt sind manche Stellen ganz gelb, so viele Verpackungen liegen weggeworfen da. Auch die fliegenden Händler mit den Plastikkörben haben Brühwürfel ins Sortiment genommen und komplettieren mit ihnen einen bunten Mix aus indonesischer Zahnpasta, französischen Kugelschreibern und südafrikanischer Cola. Alle industriellen Waren, die es auf den Inseln zu kaufen gibt, werden eingeführt, denn es gibt nur eine Fabrik. Und die stellt Bier her.
Von hinten fragt jemand auf deutsch: "Hallo Freunde, wie geht es Ihnen?" Ein Polizist wartet durchdringend, aber freundlich die Wirkung seiner Worte ab. In afrikanischem Sing-Sang redet er, melodisch, fast lallend. Nur eben deutsch. Wie es dazu kommt, will Agostinho am besten bei einem Bierchen erklären. Damals, als Sao Tome noch ein Bruderstaat des Ostblocks war, lernte er ein paar Jahre an der Polizeischule Aschersleben in der DDR. Freundlich waren die Menschen dort, man aß diese russische Suppe "Soljanka" und trank Bier für 50 Pfennig. Ob es noch die lustigen Betten gibt, die warm werden, wenn man sie über sich zuklappt, "ein bisschen wie künstliche Sonnen", will er wissen. Ja, Solarien gibt es noch.
Später ordnet Agostinho den Verkehr in Ribeira Afonso, einem Fischerdorf weiter südlich. Vier Tage lang wird hier der heilige Izodorius gefeiert, doch eigentlich geht es um Palmwein, Bier und Musik. Wie bei den anderen Festen, die mit erstaunlicher Präzision ständig begangen werden. Im Schulhof klettern acht Boxen übereinander und dröhnen um die Wette. So viele Menschen, so viel Leben, so viel Dreck. Bemalte Männer tanzen und stampfen, bis nur noch eine zitternde Staubwolke zu sehen ist. Dazu kommen immer neue Lastkraftwagen voller Musik und singender schweißnasser Menschen. Alles biegt sich und wackelt. Wer es in eins der kleinen Restaurants schafft, kann ausruhen. Geschäftsleute haben schnell Hütten aus Bambusstäben und Palmblättern gebaut, neben denen Fisch, Hühnchen und Maiskolben auf dem Feuer brutzeln. In den obligatorischen Fernsehern läuft ein portugiesisches Fußballspiel.
Sehnsucht nach dem Dröhnen
Tage später liegt Ruhe über der Stadt. Das Meer sieht plötzlich komisch aus, ist staubig und ganz aufgewirbelt. Das Wasser verfärbt sich alle paar Minuten, ist gelb, später grünblau, immer undurchsichtig. Als ob der Meeresboden hochkochte. Fremd lauert der Ozean vor der Uferpromenade und jagt uns Angst ein. Keine hohen Wellen, nur wütende kleine Schaumkronen. Es ist unwirklich still, wie in einem Krimi. Die Natur wartet auf den Show-Down, die Menschen rennen und verstecken sich. Zwei Welten ziehen aneinander vorbei.
Nur eine Warnung. Der Sturm verschwindet schnell und nimmt seine Wolken mit, ein paar lässt er in den Bergen, damit sie sich dort abregnen. Trotzdem, "Gravanita", die kurze Trockenzeit, geht langsam zu Ende und die meisten Touristen packen jetzt ihre Sachen. Dienstagmittag liegt das bekannte Dröhnen über der Stadt. Die Menschen spitzen die Ohren, "Air Portugal". Und sehen den Piloten mal wieder die Landebahn unter der diesigen Luft suchen. Stunden später blicken sie voller Sehnsucht einem zweitem Dröhnen hinterher. Der Airbus dreht noch eine Schleife über der Stadt. Die Welt ist jetzt wieder weit weg. Und sie waren auch diesmal nicht bei denen, die es dahin geschafft haben.
Von Thomas Iwainsky