Freizeit Kurier

Blaues Wunder Mauritius

Wo liegt eigentlich das Paradies?
Im Indischen Ozean, 25 Grad südlicher Breite, 60 Grad östlicher Länge. Und es hat einen Namen: Mauritius.

"Vergiss die Marke. Kein Mensch denkt heute noch an eine Briefmarke, wenn er Mauritius hört." Diese Sätze eines Kollegen verunsichern mich. Kann das sein? Die blaue Mauritius, Objekt der Begierde des heimlichen Philatelisten in jedem von uns, ist kein Thema? 50 Millionen Schilling sind uninteressant? Na das werden wir ja sehen . . . "Briefmarken sagen mir nix, aber Mauritius ist toll", sagt Lilly, Teil eins einer zweiteiligen, nicht ganz repräsentativen Umfrage. Und schwärmt vom Schnorcheln im türkisfarbenen Meer. Badewannenwarm.
Von weißen Stränden. Endlos. Und dem Duft riesiger Ylang-Ylang-Plantagen. Berauschend. Ylang? "Gehört zur Gruppe der Anemonen-Gewächse. Schöne weißlichgelbe Blüten. Aber das Beste ist eben der Duft. Unverzichtbar für Parfüms, Chanel No 5 zum Beispiel." Danach riecht also Mauritius.
Werner, Teil zwei, weiß natürlich noch mehr, weil er das immer tut. "Die Republik Mauritius besteht eigentlich aus drei Inselgruppen. Rodrigues, der Agalegal-Gruppe und der Insel Mauritius, gemeinsam das 167.-größte Land der Welt. Mauritius selbst ist ja nicht viel größer als Wien." Aha. Aber das Einzige, was diese Insel im Indischen Ozean, 800 Kilometer östlich von Madagaskar, berühmt gemacht hat, ist doch diese kleine blaue Marke...
"Urlaub Marke Mauritius?", Werner fängt Feuer. "Hängt ganz davon ab, was du willst. Von total relaxed bis Party, in den Städten im Norden geht schon die Post ab." Hier hätt' ich nachhaken können, Sie wissen schon, Post, Marke und so. Aber Werner ist nicht leicht zu stoppen. Und vielleicht ist das auch gut so, denn sonst wüsst' ich jetzt nicht, daß sich eines der längsten Korallenriffs der Welt fast um die ganze Insel zieht. Deshalb ist das Meer an den meisten Stränden auch so ruhig. Und ein Paradies für Taucher. Außer an der Südküste. Dort ist das Paradies für Surfer. Windig und wellig. Eine kleine Halbinsel im Südosten verbindet die beiden Welten ganz ideal miteinander. Am Südstrand die Surfer, am Nordstrand die Taucher.
Und mittendrin ein ziemlich traumhaftes Hotel. Shandrani, benannt nach der Mondgöttin der Hindu. "50 qm Zimmer, Terrassen mit Blick auf die Lagune, deutschsprachiger Videokanal. Fünf Restaurants, darunter eines mit kreolischen Fischspezialitäten, Le Boucanier. Ich sag' nur: Marlin, geräuchert oder mit Safran, ein Gedicht." Pause. Werners Blick ist nach innen gerichtet. Wahrscheinlich auf einen schon lange gegessenen Fisch. Bekommt schließlich etwas Mitleidiges. "Aber das kannst du dir wahrscheinlich nicht leisten." Ich weiß ja, warum ich ihn so mag.
In den größeren Orten, Port Louis, der Hauptstadt, dem Touristenzentrum Grand Baie oder auch Mahebourg, sind die Hotels billiger, man kann es sogar wagen, erst vor Ort nach einer Bleibe zu suchen. Viele Mauritianer, "Die freundlichsten Menschen, die ich kenne", sagt Werner, vermieten dort kleine Apartments an Touristen. "Pech halt, daß du kein Französisch sprichst. Denn obwohl Englisch seit mehr als 100 Jahren Amtssprache ist, kommt man damit nicht sehr weit." Tiefe Trauer lässt ihn innehalten. Einen Moment lang hab' ich Angst, daß er über meinen mangelnden Französischkenntnissen zusammenbricht.
"Pamplemousses!", schreit er plötzlich. "Jetzt hätt' ich doch glatt Pamplemousses vergessen. Dabei muss man das unbedingt gesehen haben." Im 18. Jahrhundert legte ein französischer Gouverneur, eifersüchtig auf das holländische Gewürzmonopol, im Norden der Insel einen riesigen Garten an. Er experimentierte mit Gewürznelken, Pfeffer, Frangipane und allerlei Duftpflanzen. Heute ist dieser Garten, Pamplemousses eben, einer der artenreichsten, die es gibt. Riesenfarne, Bambushaine, Lotos-Teiche. Die Talliot-Palme, die nur einmal blüht, bevor sie stirbt. "Aber wie! Meterhohe Dolden mit Millionen zartgelber Blüten. Und natürlich die berühmten Seerosen-Teiche. Sind ja eigentlich Wasserlilien, Victoria regia, aus dem Amazonasgebiet. Du weißt schon, diese wagenradgroßen Dinger, in die sie immer kleine Kinder setzen zum Fotografieren..."
Ich weiß jetzt auch, dass ich unbedingt zu einem Pferderennen muss, weil Pferderennen auf Mauritius noch beliebter sind als Fußball und in der Nähe von Port Louis die zweitälteste Rennbahn der Welt liegt. Den 100 Meter hohen Wasserfall von Charamel will ich auf jeden Fall sehen und vielleicht versuch' ich sogar, auf den Piton de la Riviére Noire, den höchsten Berg der Insel, zu kraxeln. 828 Meter, "oder 819, die Daten sind da nicht ganz eindeutig", quasi direkt vom Meeresspiegel hinauf, sind zwar kein Brösel, aber dafür ist man dem Himmel ein ganzes Stück näher. Und der ist über Mauritius "ganz besonders blau, mit niedlichen kleinen Wattebausch-Wölkchen drin", sagt Lilly. Okay, okay, ich will eh hin. Fang' ich halt schon mal an zu sparen.
Und die Marke? Ach, vergiss die Marke...
Von Andreas Russ



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