Der Standard
16.04.2003

Vermisst in der algerischen Sahara

Immer mehr Fragen um Botschaft eines entführten Salzburgers - Angehörige glauben nicht an geheimnisvollen Anruf - Aufenthaltsort der Touristen soll angeblich Algerischer Polizei bekannt sein

Derzeit beschäftigt der noch immer nicht einordbare Anruf eines Vermissten die Fahndungsbehörden.
Bereits vor einem Monat habe einer der verschwundenen Salzburger auf einem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, in der er von einem "Überfall" spricht. Wie der mysteriöse Anruf für die Suche verwertet werden kann ist noch immer unklar. Laut Medien-Berichten wisse die algerische Polizei jedoch über den Aufenthaltsort der Touristen Bescheid.

Angehörige glauben nicht an geheimnisvollen Anruf
Keinen Glauben schenkt Monika Bleckmann, die Frau eines verschwundenen Salzburgers und Sprecherin der Angehörigen der Aussage des Halleiners Heinz B., der im ORF behauptet hatte, am 18. März einen Anruf von seinem langjährigen Freund Gerhard Wintersteller aus Tunesien erhalten zu haben. "Unsere Leute sind am 17. März nachweislich in Algerien eingereist. Durch eine Überprüfung durch die Telekom hat sich herausgestellt, daß Wintersteller von seinem Handy aus überhaupt nicht telefoniert hat."

Konzentration auf ein kleines Gebiet
"Wir warten wie Sie auf Nachrichten und sind traurig, daß wir keine bekommen." Der Leiter der Sondermission des Wiener Außenministeriums in Algerien, Thomas Buchsbaum, vermutet, daß sich das durchkämmte Gebiet durch das am 8. April gefundene Lebenszeichen verkleinert hat und nun auf diese Region konzentriert.

Konvoi
Unterdessen ist jener Konvoi mit einem Österreicher, zehn Deutschen und acht weiteren Europäern, der von der nigerischen Grenze in Richtung Norden fährt, auch Mittwoch, um 6.00 Uhr wieder aufgebrochen. Die Urlauber können am Ende der bewachten Fahrt über die große Nord-Süd-Verbindung via Algier oder Tunis ausreisen. Der Österreicher, der in dieser Gruppe dabei ist, war aus dem südlichen Nachbarland Niger nach Algerien gekommen.

Behörden arbeiten eng zusammen
Die Arbeit der Sondermission konzentriert sich auf die engen Kontakte mit den algerischen Behörden, die sich nach dem Besuch von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner noch intensiviert hätten. Mindestens einmal pro Tag tauscht sich Buchsbaum auch mit den Botschaften der anderen betroffenen Staaten aus. Und ebenso kümmert man sich um jene rund 30 Österreicher, die für Firmen im Land tätig sind oder hier verheiratet sind. "Diesen Personen haben wir natürlich nicht die Ausreise empfohlen."

Medienbeobachtung
Zugleich beobachtet man die einheimischen Medien, die dem Verschwinden der Europäer mittlerweile breiten Raum widmen - "Enigma", das Rätsel, wird dieses in den Französisch sprachigen Zeitungen genannt. Für Buchsbaum und seine Kollegen ein anstrengender Full-Time-Job. In der Nacht auf heute, Mittwoch hat er sechs Stunden von 1.30 bis 7.30 Uhr geschlafen. "Das war sehr anständig", freute sich der Diplomat.

"Momentan herrscht Funkstille. Jetzt müssen wir uns in Geduld üben und können nur warten", so Monika Bleckmann, die Frau eines verschwundenen Salzburgers und Sprecherin der Angehörigen, am Mittwoch im Gespräch mit der APA. Wenig Sinn sieht sie darin, das Angebot Freiwilliger in Österreich anzunehmen, im Sperrgebiet nach den Vermissten zu suchen. Vielmehr müsse versucht werden, mit den Behörden zusammen zu arbeiten.
(APA)

Sahara: Keine Aktion der Cobra geplant
Suchaktion konzentriert sich auf kleine Region


"Momentan herrscht Funkstille. Jetzt müssen wir uns in Geduld üben und können nur warten", kommentiert die Salzburgerin Monika Bleckmann die Situation rund um die vermissten Touristen in Algerien. Bleckmanns Ehemann sowie ihr Sohn sind zwei der zehn Österreicher unter den insgesamt 31 verschwundenen Urlaubern.
Thomas Buchsbaum, Leiter der Sondermission des Außenministeriums, geht davon aus, das sich das Suchgebiet, das die algerischen Truppen durchkämmen, mittlerweile verkleinert hat. Er vermutet, daß sich die Aktion auf jene Region konzentriert, in der am 8. April eine Nachricht der Vermissten entdeckt worden ist. Eine Entführung wollte er neuerlich weder bestätigen noch dementieren.
Gerüchte in heimischen Medien, das Gendarmerieeinsatzkommando "Cobra" würde sich an einer Befreiungsaktion beteiligen, weist Buchsbaum vehement zurück. "Ich schließe jegliche Teilnahme operativer oder kriminalistischer Art zu 150 Prozent aus", meint der Beamte. Die beiden Cobra-Mitglieder, die als Teil der Sondermission in Algerien sind, seien nur als Verbindungsmänner zur dortigen Exekutive eingesetzt, betont Buchsbaum.
APA

Sahara- Entführungen: Terrorprozess mögliches Motiv
Prozess gegen algerische Terroristen in Deutschland könnte Hintergrund für das mysteriöses Touristen-Verschwinden sein


Ein Prozess gegen vier algerische Terroristen in Deutschland könnte der mögliche Hintergrund für das mysteriöse Verschwinden von 31 Touristen in der Sahara sein. Über den Verbleib der Urlauber, zehn davon aus Österreich, gab es weiterhin keine konkreten Angaben.
"Alles ist möglich." Bei den österreichischen Behörden galt Dienstag weiterhin äußerste Vorsicht bei Auskünften zum Fall der in der algerischen Sahara vermissten Touristen. Die Feststellung des niederländischen Außenamtes, daß es sich definitiv um eine Entführung handle, könne man weder bestätigen noch dementieren.
Tatsächlich dürften sich die Ermittlungen in der Wüste in einer entscheidenden Phase befinden. Wohin die insgesamt 31 verschwundenen Touristen, zehn davon aus Österreich, verschleppt wurden, unterlag höchster Geheimhaltung. Nicht einmal die Stelle, an der vor einer Woche eine versteckte Nachricht der acht verschollenen Salzburger gefunden worden war, wurde preisgegeben. Dienstag kursierten Spekulationen über eine mögliche Befreiungsaktion des algerischen Militärs. In der fraglichen Gegend im Südosten von Algerien sind 6000 Soldaten im Einsatz.

Plausible Entführungsvariante
Der Grazer Tourismusforscher und Kenner des Grenzgebietes von Algerien und Niger, Harald Friedl, hält die Entführungsvariante "für die plausibelste". Dafür spreche, daß bisher nur deutschsprachige Touristen entführt worden seien. Möglicher Hintergrund: In Frankfurt am Main sei bis März ein Prozess gegen vier algerische Terroristen gelaufen, just am Tag der Plädoyers im Februar seien die ersten Sahara-Reisenden verschwunden.
In dem Prozess ging es um einen geplanten Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt im Jahr 2000. Einer der Männer soll laut einem Zeugen mit einem Islamisten in London in Verbindung gestanden sein. Dieser habe versichert, daß die Gruppe im Falle einer Verhaftung freigepresst würde. In dem Prozess waren am 10. März dieses Jahres langjährige Freiheitsstrafen verhängt worden.

Abhörsichere Leitung
Friedl sieht auch noch andere Indizien für einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Frankfurter Prozess und dem Verschwinden der Touristen. So zum Beispiel den Flug des deutschen Innenministers Otto Schily nach Algier. "Normalerweise ist so etwas eine Angelegenheit des Außenamtes", meint Friedl. Außerdem sei eine abhörsichere Leitung zwischen der deutschen Botschaft in Algier und Berlin verlegt worden, "wie man sie bei geheimen Verhandlungen im Entführungsfall braucht", so der Grazer. Weder im heimischen Innen- noch Außenministerium wurde Friedls These bestätigt.
Daß Tuareg die Sahara-Touristen entführt haben, hält Friedl für wenig wahrscheinlich. Aber auch hier gebe es unterschiedliche Ethnien mit unterschiedlichen Einstellungen. Speziell die jüngeren Tuareg hätten bisweilen mit den traditionellen Werten "nichts mehr am Hut". Daß Schmuggler den Touristen etwas angetan hätten, bezweifelt Friedl: "Die benützen Routen abseits jener der Touristen und wollen ja nicht auffallen."
APA

"Dünen platt walzen"

Nur vor Ort organisierter Sahara-Tourismus respektiert die natürlichen Gegebenheiten: Unata warnt vor Touren auf eigene Faust.
Der algerische Dachverband der rund 150 privaten Reiseunternehmen, Unata (Union Nationale des Associations des Agences de Tourisme Alternatif), warnte in der Vergangenheit immer wieder Touristen davor, Wüstentouren auf eigene Faust zu unternehmen.
In einer Erklärung, die dem STANDARD vorliegt, bedauert der Präsident des Verbandes, Mohamed Rouani, die aktuellen Ereignisse in der Sahara und schließt sich "der Besorgnis der betroffenen Familien" an. Er geht aber auch scharf ins Gericht mit "Expeditionen, die ohne einheimische Führer die Dünen platt walzen". Nur der vor Ort organisierte Sahara-Tourismus respektiere die natürlichen Gegebenheiten und garantiere einen würdevollen Umgang mit der Bevölkerung sowie den Schutz von Besuchern.

Sahara-Kenner trauen den Tuaregs Kidnapping nicht zu
Jurist der NÖ Landesregierung war fünfzehn Jahre lang in der Wüste unterwegs und wurde 1992 selbst überfallen


Sollten die insgesamt 31 im algerischen "Sahara-Dreieck" vermissten Touristen entführt worden sein, ist das eher nicht die Handschrift lokaler Tuareg-Gruppen: Mag. Kurt Wollinger, Jurist bei der NÖ Landesregierung und Sahara-Kenner, würde Kidnapping den Tuaregs nicht zutrauen. Das sagte der Spezialist heute, Montag, zur APA. Wollinger war bis 1992 rund fünfzehn Jahre hindurch vor allem in der algerischen Sahara unterwegs und wurde selbst im algerisch-nigrischen Grenzgebiet überfallen.

Revolten
"Das war 1992. Seither bin ich nicht mehr in das Gebiet gereist", sagte Wollinger. Er interessiere sich aber nach wie vor für die Gegend. "Man hat immer wieder Berichte über Revolten von Tuareg-Gruppen gegen die Zentralregierung in Algier gehört", erklärte der Jurist. Islamistische Gruppen hätten hingegen vor allem im Norden, im Atlasgebirge, operiert.
Ein Problem bei Reisen in die algerische Sahara sei der Informationsfluss nach Europa, betonte Wollinger. So habe er vor Antritt der Fahrt im Jahr 1992 keine Nachrichten über Tuareg-Revolten gehabt. Diese Meldungen habe es dann erst an Ort und Stelle gegeben.

Nicht um Leben gebangt
An den Überfall selbst konnte sich Wollinger noch genau erinnern. Er war damals mit einem zweiten Mann und zwei Geländewagen unterwegs: "Wir fuhren im algerisch-nigrischen Grenzgebiet, aber noch auf algerischer Seite. Uns kamen angebliche Tuaregs - ich weiß bis heute nicht, ob sie echt waren oder verkleidet - mit zwei Pickups entgegen und gestikulierten wild, daß wir stehenbleiben sollten." Ihm sei das seltsam vorgekommen, denn solange jemand in der Wüste in Bewegung sei, "hat er kein großes Problem".
Dann sei einer der Männer von dem Pickup auf sein Fahrzeug gesprungen, berichtete Wollinger. Er habe Gas gegeben und den Räuber abgeschüttelt. Sein Reisepartner sei aber zum Stehenbleiben gezwungen worden und musste den Wagen abliefern. "Wir haben aber zu keinem Zeitpunkt um unser Leben fürchten müssen", so der Jurist.

Nachschub-Beschaffung
Es sei den Tuareg offenbar um Nachschub-Beschaffung für den Aufstand gegen die algerische Regierung gegangen. Von Kidnapping durch die Wüstenbewohner habe es bisher noch nie Meldungen gegeben. Das könne vielleicht eher als Indiz für einen terroristischen Hintergrund gewertet werden, aber er selbst beziehe seine Nachrichten ebenfalls nur aus Medien, betonte Wollinger.
Der Beamte wies auch die Kritik der algerischen Regierung an den vermissten Touristen zurück. Diese seien gut ausgerüstet und nicht allein unterwegs gewesen. Er selbst habe in den fünfzehn Jahren ebenfalls nie einen Führer dabei gehabt. Die Kritik sei eher in einem ökonomischen Kontext zur Unterstützung der eigenen Tourismusbranche zu sehen.
APA

6000 Soldaten suchen in der Wüste
Während Spekulationen um eine Entführung der Sahara-Touristen lauter werden, versuchen Offizielle Optimismus zu verbreiten und sprechen von "Hoffnung"


Hoffnung ist eine Pflanze, die sogar in der Wüste blüht. Sie sei, erklärte Außenministerin Benita Ferrero-Waldner nämlich am Wochenende nach einer zweitägigen Algerienreise, "voller Zuversicht", was die 31 in der algerischen Wüste verschwundenen Touristen angehe: "Es gibt einen leisen Hoffnungsschimmer", so Ferrero-Waldder, die auch mit Staatschef Abdelaziz Bouteflika zusammengetroffen war. Es gebe "eine Nachricht, daß die Vermissten am 8. April noch am Leben waren". Man habe, hieß es vonseiten der eigens eingerichteten Sondermission im Außenministerium später, in der Wüste eine auf dem Weg deponierte Nachricht gefunden. Ferrero-Waldner warnte aber ausdrücklich vor "Euphorie". Auch Deutschlands Innenminister Otto Schily sprach von "leisen Hoffnungen".
Unter den 31 Reisenden, die teils seit über zwei Monaten vermisst werden, befinden sich 15 Deutsche und zehn Österreicher. Zwei von den Letzteren sind erst seit dem Wochenende vermisst. Außerdem sind vier Schweizer, ein Schwede sowie ein Niederländer verschwunden. Ein u. a. von deutschen und österreichischen Polizisten begleiteter bewaffneter Konvoi hat mittlerweile zahlreiche andere Gruppen aus der Wüste eskortiert. Am Samstag erreichte der Konvoi die tunesische Grenze und löste sich auf.

Entführungsgerüchte

Mittlerweile sind nach Angaben der algerischen Presse bis zu 6000 Soldaten in der südalgerischen Sahara im Einsatz. Hubschrauber suchen die Gegend Tag und Nacht mit Infrarotkameras ab, Kamelkarawanen streifen durch unwegsames Gelände. Sowohl Deutschland als auch Österreich haben eigene Polizeibeamte nach Algerien geschickt.
Trotz des großen Aufgebotes ist die Suche bisher ohne Erfolg. Zwar stieß eine Kamelkarawane auf ein Labyrinth aus Tunneln und engen Schluchten, aber es ist nicht klar, ob die Verschwundenen sich dort aufhielten. "Ich glaube nicht, daß sie noch in Algerien sind", zitiert die algerische Tageszeitung L'Expression einen Befehlshaber der Suchmannschaften.
Bei den Suchkommandos und den betroffenen europäischen Ländern gewinnt indes die These einer Entführung durch Islamisten immer mehr an Gewicht: In der Sahararegion agiert die Bande von Mokthar Belmokthar, ein Ableger der Salafistschen Gruppen für Predigt und Kampf (GSPC), die wiederum zu Al-Kaida Kontakt hält. Belmokthar soll neben Algerien auch in den Nachbarstaaten Niger und Mali aktiv sein.
Unterdessen haben die algerischen Behörden am Wochenende erstmals Kritik am Verhalten der 31 vermissten Touristen geübt: Diese hätten sich ohne Führer in die Sahara gewagt und die Behörden nicht über die geplante Route informiert.

Algerien kritisiert vermisste Touristen
Diese hatten sich ohne Führer in die Sahara gewagt und Behörden nicht über Route informiert


Die algerischen Behörden haben erstmals Kritik am Verhalten der 31 vermissten Touristen, darunter zehn Österreicher, geübt. Diese hätten sich ohne Führer in die Sahara gewagt und die Behörden nicht über die geplante Route informiert. Die Suche nach den Vermissten gehe aber "Tag und Nacht" weiter, bekräftigten Offizielle in der Zeitung "El Moudjahid". Rund 1200 Polizisten und Soldaten stünden im Einsatz, dazu Helikopter und ein US-Aufklärungsflugzeug mit Nachtsicht-Ausrüstung.

Aufenthalt in Algerien ungewiss
Die Kritik am Verhalten der Touristen wurde vom Ministerium für Fremdenverkehr erhoben. "Sie werden immer noch als in der Weite der Sahara vermisst angesehen, obwohl es keinen Beleg dafür gibt, daß sie sich überhaupt noch in Algerien aufhalten und nicht schon die algerische Südgrenze überschritten haben", schrieb die Zeitung weiter.
In Algerien wurden mittlerweile Sorgen über das touristische Image des Landes laut. In den kühleren Monaten zwischen Oktober und April ist die südliche Region mit ihren zerklüfteten Felslandschaften, Dünen und weiten, steinigen Ebenen Anziehungspunkt für 15.000 bis 20.000 Touristen.
APA

Weitere Informationen http://www.sahara-info.ch/


Frankfurter Allgemeine Zeitung
19.08.2003

Sahara-Touristen

Entführt in der Sahara - Eine Chronologie

18. August 2003. Das sechs Monate dauernde Drama um die in der algerischen Wüste verschleppten ausländischen Urlauber hat ein glückliches Ende genommen.

Die 14 Touristen aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden sind in Mali freigekommen. Insgesamt 32 europäische Sahara-Reisende waren zum Teil seit Mitte Februar verschollen, unter ihnen 16 Deutsche.

Mitte Mai wurde eine erste Gruppe von insgesamt 17 Urlaubern befreit, unter ihnen sechs Deutsche. Eine 46-jährige Deutsche starb an den Folgen der Strapazen. Zuletzt waren noch neun Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer in der Gewalt der Entführer.

21./22. Februar: Ungefähr seit diesem Datum werden sechs deutsche, ein niederländischer und vier Schweizer Touristen vermisst. Sie waren in drei getrennten Reisegruppen zwischen Ouargla und Djanet südöstlich von Algier unterwegs.

22./23. Februar : Letzte Kontakte im Süden des Landes bei Illizi zu drei Reisegruppen mit insgesamt elf Touristen, davon sechs Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer.

10. März : Die erste Gruppe wird als vermisst gemeldet. Die deutsche Botschaft in Algier wird eingeschaltet.

17. März : Die zweite und dritte Gruppe werden als vermisst gemeldet. Letzter Kontakt zur vierten Reisegruppe aus sechs Personen.

30. März : Die vierte Gruppe, fünf Deutsche und ein Schwede, wird als vermisst gemeldet.

2. April : Die fünfte Gruppe, vier Deutsche, als vermisst gemeldet.

4. April : Der sechste Fall: Das Außenministerium in Wien sucht nach acht Österreichern.

6. April : Beamte des Bundeskriminalamts und GSG-9-Spezialkräfte des Bundesgrenzschutzes werden nach Algerien geschickt.

8. April : Bundesinnenminister Otto Schily reist nach Algerien.

11. April : Fall sieben: Zwei weitere österreichische Bergsteiger in der algerischen Sahara verschwunden.

13. April : Wiens Außenministerium hat Belege, daß die Vermissten zumindest am 8. April noch lebten. Ihr Aufenthaltsort sei unbekannt.

4. Mai : Algier bestätigt erstmals, daß die Touristen leben.

7. Mai : Die Suchmannschaft ist auf 5.000 Soldaten angewachsen.

10. Mai : Medienberichten zufolge liegen Lösegeldforderungen in Millionenhöhe vor.

12. Mai : Bundesaußenminister Joschka Fischer trifft zu Gesprächen in Algier ein. Aus deutschen Delegationskreisen wird bekannt, daß ein weiterer Deutscher vermisst wird.

13. Mai : 17 von 32 Geiseln werden bei einer gewaltsamen Militäraktion nahe Amguid westlich von Illizi unversehrt befreit. Mehrere Geiselnehmer werden dabei getötet. Sie gehörten zur Terrorgruppe GSPC. 15 weitere Geiseln bleiben in Hand der Entführer. Sie werden offenbar von einer weiteren Gruppe an einem weit entfernten Ort gefangen gehalten.

15. Mai : Algerische Medien berichten, daß die 15 in der Bergregion von Tamelrik etwa 150 Kilometer von Illizi von der GSPC gefangen gehalten werden. Mehrfach gibt es nun auch Berichte über neue Lösegeldverhandlungen.

19. Mai : Nach zunächst unbestätigten Medienberichten soll es eine Militäraktion zur Befreiung der verbliebenen 15 Geiseln gegeben haben. Nach stundenlanger Ungewißheit wird eine Befreiung der Sahara-Touristen offiziell dementiert.

11. Juni : Wie bekannt wird, sind zwei algerische Soldaten bei dem Versuch gestorben, den in der Sahara entdeckten Geländewagen der vermißten Schweizer zu bergen. Der Toyota war mit Sprengstoff präpariert.

8. Juli : Nach unbestätigten algerischen Medienberichten wollen Deutschland, die Schweiz und die Niederlande den Entführern bis zu 20 Millionen Euro für die Freilassung der Europäer bezahlen.

17. Juli : Unter Berufung auf algerische Militärkreise berichten Medien in Algier, die Armee habe den Geiselnehmern per abgeworfenen Flugblättern freies Geleit zugesichert.

18. Juli : Die Vermissten befinden sich nach Medieninformationen in den Bergen im Norden Malis.

22. Juli : Außen-Staatssekretär Jürgen Chrobog reist zu Regierungsgesprächen in der Hauptstadt Malis, Bamako.

27. Juli : Nach Angaben der schweizerischen Regierung sind zehn Beamte der Regierungen Deutschlands, der Schweiz und der Niederlande zu Gesprächen in Mali. Doch die Spekulationen nehmen kein Ende, nach denen die vermissten zehn Deutsche, vier Schweizer und der Niederländer vielleicht doch noch in Algerien sind.

29. Juli: Manuela Spitzer ist das erste Opfer unter den Geiseln. Die Eltern der 45jährigen aus Augsburg werden von offiziellen Stellen informiert, daß ihre entführte Tochter in der Wüste gestorben sei. Bereits zehn Tage zuvor sei sie den Strapazen der fünf Monate andauernden Geiselnahme erlegen, sie wurden offenbar in der Sahara beerdigt.

31. Juli: Die Entführer nehmen in Mali Kontakt zu offiziellen Stellen auf. Ihnen geht das Essen für die Gruppe aus. Damit ist auch gesichert, daß die Gruppe Algerien verlassen hat.

1. August: Die Entführer der Sahara-Geiseln haben nach Angaben des Fernsehsenders RTL insgesamt knapp 65 Millionen Euro Lösegeld für die 14 von ihnen verschleppten Touristen gefordert.

2. August: Die Bundesregierung verhandelt nach Regierungsinformationen aus Mali über Mittelsmänner mit den Entführern der Sahara-Touristen.

9. August: Der malische Mittelsmann Iyad Ag Ghali, ein früher Chef von Tuareg-Rebellen macht sich laut Verhandlungskreisen erneut auf den Weg in den Norden Malis, um die Freilassung der 14 Sahara-Geiseln zu erreichen.

13. August: Erstmals seit dem Beginn der Entführung erlauben die Geiselnehmer nach Angaben aus Verhandlungskreisen die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten. Mindestens vier der Geiseln seien bettlägerig und könnten sich nur schlecht fortbewegen, heißt es.

17. August: Aufgrund einer Falschmeldung hielt man die Sahara-Geiseln für frei. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, fliegt in einer Bundeswehrmaschine nach Bamako, um die Freigelassenen in die Heimat zu begleiten.

18. August: Nach weiteren Verzögerungen und Gesprächen am Montag meldet die malische Regierung, Vermittler in Gao und das Auswärtige Amt am Abend die Freilassung der restlichen Geiseln.


Frankfurter Allgemeine Zeitung
19.08.2003

GSPC

Vom Hindukusch in die Sahara

Über die Entführer der Sahara-Touristen ist nur wenig bekannt. Von den ersten befreiten Geiseln wurden sie als Islamisten beschrieben, die das Ziel haben, in Algerien einen islamischen Staat zu errichten. Die algerische Führung machte schon bald die Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) für die Entführungen verantwortlich. Vieles deutet tatsächlich darauf hin, daß die Täter der GSPC zumindest lose verbunden sind.

Allerdings ist das, was seit Februar in der algerischen Sahara geschah, nicht typisch für diese kleine militante Organisation, die offenbar in letzter Zeit ihre Vorgehensweise geändert hat. Denn Ausländer hatte sie zuvor nicht im Visier. Ihre Anschläge richteten sich meistens gegen Vertreter der Staatsgewalt: Vor allem im bergigen Nordosten Algeriens griffen kleine, sehr bewegliche GSPC-Einheiten immer wieder Soldaten, Polizisten und Mitglieder von Bürgerwehren an. Das algerische Innenministerium schätzt die Zahl der GSPC-Aktivisten auf gut 300. Ingesamt sind nach offiziellen algerischen Angaben mehr als 600 militante Islamisten in dem nordafrikanischen Land aktiv.

Von der Zivilbevölkerung erpreßte die GSPC Schutzgelder
Erst seit dem vergangenen Jahr wurde auch über Aktivitäten der GSPC in der von den algerischen Sicherheitskräften schwer kontrollierbaren Sahara berichtet. Von der Zivilbevölkerung erpreßte sie Schutzgelder. Militante Islamisten töteten zwar auch Ausländer, zu Geiselnahmen kam es aber zunächst nicht. Immer wieder brachten sie jedoch junge Algerierinnen in ihre Gewalt und mißbrauchten sie in ihren Lagern in den Bergen oft monatelang, bevor sie sie töteten.

Die Entführung der Touristen aus mehreren europäischen Ländern macht zugleich deutlich, wie stark militante Islamisten mittlerweile in kriminelle Machenschaften verwickelt sind. Zeitweise wurde vermutet, Zweck der Geiselnahme sei es, Geld für neue Terroranschläge zu erpressen. Knapp 4,6 Millionen Euro sollen jetzt in Mali gezahlt worden sein, wenn erste Berichte zutreffen.

Mit Schmuggel und Erpressung finanzierten militante Islamisten in den vergangenen Jahren ihre Terroraktivitäten, nachdem sie, wegen ihrer grausamen Morde, den anfänglichen Rückhalt in der algerischen Bevölkerung weitgehend verloren hatten. Das gilt besonders für den lokalen GSPC-Führer Mokhtar Belmokhtar, der zunächst als Drahtzieher der Geiselnahme verdächtigt worden war. Er ist schon länger mit einer kleineren bewaffneten Gruppe in dem Gebiet an der Südgrenze Algeriens aktiv. Wegen seiner Verwicklung ins grenzüberschreitende Schmuggelgeschäft wird er in Algerien auch der "Marlboro-Pate" genannt. Im Süden hatten sich Belmokhtar und seine Anhänger aber bisher nicht durch Mordanschläge hervorgetan - anders als die GSPC-Todesschwadrone im Küstengebiet.

Durch die Medien politisch Einfluß nehmen
Mittlerweile scheint klar zu sein, daß der GSPC-Führer Abderrazak "El Para" hinter der Entführung steckt. Über seinen Platz in der GSPC-Hierarchie herrscht Verwirrung. Es wird auch nicht ausgeschlossen, daß er weitgehend selbstständig handelte - mit undurchsichtigen Motiven. Er sei offenbar im vergangenen Jahr für längere Zeit in mehrere Sahelländer gereist, um mit den Einnahmen aus dem Schmuggelgeschäft Munition und Waffen zu kaufen, berichtete die algerische Tageszeitung El Watan vor kurzem. Das Ziel der angeblich schon länger vorbereitenden Aktion sei es gewesen, durch die Aufmerksamkeit der Medien politisch Einfluß zu nehmen. Nach der gewaltsamen Befreiung der ersten Gruppe sei daraus aber nichts geworden. Mit politischen Forderungen sind die Entführer jedoch nie an die Öffentlichkeit getreten. Die Geiselnahme zeigte jedoch, wie gut sie sich auch in Nachbarländern Algeriens auskennen. Dort bewegten sie sich offenbar schon relativ sicher, bevor sie jetzt mit ihren letzten Geiseln nach Mali gekommen waren.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in Amerika hatte die GSPC gedroht, "europäische und amerikanische Interessen" in Algerien anzugreifen. Ob mit der Geiselnahme diese Drohung wahrgemacht wurde, ist unklar. Seit 2001 wuchs jedoch die Sorge, daß die GSPC und das Terrornetzwerk al Qaida ihre Zusammenarbeit in Nordafrika und den angrenzenden Ländern verstärken könnten. Algerische und französische Zeitungen berichteten von engen Kontakten zwischen GSPC-Mitgliedern und einem Jemeniten namens Abou Mohamed. Der Mann, den algerische Sicherheitskräfte im September 2002 töteten, galt als "Al-Qaida-Gouverneur" für die Maghreb- und Sahel-Region.

Im Mai kamen mehrere Geiselnehmer ums Leben
GSPC-Führer Belmokhtar soll zeitweise mit ihm in Verbindung gestanden haben. Indizien für die Nähe zu al Qaida finden sich nicht nur in seiner Biographie. So zählte Belmokhtar zu den algerischen "Afghanen", die sich am Hindukusch dem Kampf gegen die sowjetischen Truppen angeschlossen hatten. Dort soll es erste Kontakte mit Osama Bin Laden sowie anderen Arabern gegeben haben, die 1998 Al Qaida gründeten. Im selben Jahr wurde auch die GSPC ins Leben gerufen. GSPC-Überläufer und Geheimdienstmitarbeiter berichten, daß der Gründer der algerischen Terrorgruppe GSPC, Hassan Chattab, immer wieder mit Bin Laden telefoniert habe.

Unabhängige algerische Zeitungen zitierten Terrorismusfachleute, die sogar behaupten, die GSPC sei auf Bin Ladens Initiative hin gegründet worden. Wie andere Islamisten war angeblich auch er besorgt darüber, daß sie in der algerischen Bevölkerung an Rückhalt verloren. Denn bei Attentaten der "Bewaffneten Islamischen Gruppe" (GIA) waren zuvor mehr als 100.000 Zivilisten getötet worden. Die neue Organisation nahm nur noch Sicherheitskräfte ins Visier und drängte die GIA bald in den Hintergrund. Das amerikanische Außenministerium hält die GSPC mittlerweile für "die größte und aktivste Terrororganisation in Algerien".

Bisher gingen die algerischen Sicherheitskräfte mit schonungsloser Härte gegen jene militanten Islamisten vor, die das Amnestieangebot im Jahr 1999 nicht akzeptiert hatten. Bei der Befreiungsaktion der ersten Touristengruppe im Mai kamen mehrere Geiselnehmer ums Leben. Bis dahin schienen die Generäle zu dominieren, die für eine "Ausrottung" der bewaffneten Islamisten sind. Die algerische Armeeführung hat in allen wichtigen politischen Fragen das letzte Wort. Präsident Bouteflika schien dagegen dem politischen Druck aus den Heimatländern der Geiseln nachzugeben, wo ein gewaltloses Ende der Entführungen gefordert wurde.

Innenpolitisch ist in Algerien, wo 2004 Präsidentenwahlen anstehen, die Auseinandersetzung mit den Islamisten aber noch nicht zu Ende. Weiterhin zögert die algerische Führung, alle diejenigen unter ihnen politisch zu integrieren, die glaubwürdig der Gewalt abgeschworen haben. So wurden zwar vor kurzem zwei der wichtigsten Führer der verbotenen Islamischen Heilsfront - FIS - aus Haft und Hausarrest entlassen. Sie mußten sich aber dazu verpflichten, politisch nicht mehr aktiv zu werden.
Von Hans-Christian Rößler


Frankfurter Allgemeine Zeitung
19.08.2003

Geiseldrama in der Sahara

Erst am Abend kam die gute Nachricht

Nach langen Stunden der Unsicherheit hatten viele den Montag schon verloren gegeben. Kommen die 14 Geiseln endlich frei, oder stellen die Geiselnehmer im letzten Moment zusätzliche Forderungen? Eine erste Übergabe am Sonntag abend im Norden Malis war angeblich gescheitert, weil die Entführer die über mehrere Lager verteilten Geiseln nicht vor Einbruch der Dunkelheit zum Treffpunkt in Tessalit hatten bringen können.

Wahr oder Ausrede? Die malischen Behörden in Gao, wo die deutsche Transall wartete, ließen am Morgen verbreiten, die Geiseln seien frei. Der Informationsminister in Bamako wußte von nichts. Immerhin, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, hatte am Morgen ebenso wie der Afrika-Beauftragte im Auswärtigen Amt, Harro Adt, und mehrere BKA-Beamte die Koffer gepackt und die Hotelrechnung beglichen, was im von Gerüchten nur so flirrenden Bamako schon als handfeste Information zu betrachten ist.

"Unter malischer Obhut"
Am Abend bereitete die Besatzung den Airbus der Luftwaffe dann jedoch für eine weitere Nacht auf dem internationalen Flughafen vor. Aber kurz darauf klingelte bei Chrobog das Telefon. Der malische Präsident Amadou Toumadi Toure teilte ihm mit, daß alle Sahara-Urlauber "unter malischer Obhut" seien.

Bis sie an diesem Dienstag aus Tessalit im hohen Norden Malis in Bamako eintreffen, steht ihnen ein Staffellauf bevor. Die Urlauber sollen zunächst in Autos aus der Gegend von Tessalit an der algerischen Grenze 500 Kilometer weit nach Gao gefahren werden, wo die Transall auf sie wartet, um sie nach Bamako zu bringen. Von Bamako aus sollen die Urlauber dann den Heimweg nach Deutschland an Bord eines Airbus der Luftwaffe antreten. Damit ist dann für die 14 Geiseln nicht nur ein fast sechs Monate dauernder Albtraum vorüber.

Berlin schätzt Bamako
Für die beteiligten Staaten, Deutschland natürlich, aber auch Mali, ist zugleich mit der geglückten Befreiung ein Tanz auf rohen Eiern zu Ende. Denn bis zuletzt galt es, algerische und malische Interessen zu wahren, skrupellose und in die Enge getriebene Entführer zu beruhigen und das Leben von 14 Menschen zu retten, deren einziges Vergehen war, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort in der algerischen Wüste gewesen zu sein.

Daß die Geiseln über Bamako nach Deutschland gebracht werden sollen, zeigt die Wertschätzung der Bundesregierung für die Mühen der malischen Regierung, diese Affäre, in die sie überraschend verwickelt worden war, nachdem die Geiselnehmer plötzlich im Norden Malis aufgetaucht waren, zu einem guten Ende zu bringen.

Präsident Toure hatte sofort Iyad Ag Ghali, einen der Anführer der Tuareg-Rebellion in Mali von 1990 bis 1996, mit den Verhandlungen betraut. Ghali entstammt einer adligen Tuareg-Familie und genießt beiderseits der ohnehin nur virtuellen Wüstengrenze zwischen Mali und Algerien hohes Ansehen. Die Wahl dieses Mannes war taktisch klug, strategisch aber mit einem nicht zu unterschätzenden Risiko für "ATT", wie der malische Präsident genannt wird, verbunden.

Mali zahlt angeblich Lösegeld
Denn ganz traut Bamako dem Frieden im Tuareg-Land nicht, und Ghali sollte unter keinen Umständen politisches Kapital aus der Geiselaffäre ziehen können. Also wurde ihm Amadou Baba Toure, der ehemalige Chef des malischen Geheimdienstes, als zweiter Verhandlungsführer an die Seite gestellt. Wiederum mit dem Risiko, daß Ghali anschließend querschießt. Daß dies nicht geschah, macht deutlich, wie ernst die Geiselaffäre von allen in Mali Beteiligten genommen wurde. Aus malischer Sicht stand nicht nur das Leben von 14 Europäern auf dem Spiel, sondern der Ruf des Landes als eine der wenigen funktionierenden Demokratien der Region.

Die malische Zeitung "L'Independant" berichtete am Montag unter bezug auf "Verhandlungskreise", Mali habe den Geiselnehmern ein Lösegeld von drei Milliarden Franc CFA (knapp 4,6 Millionen Euro) gezahlt, das Deutschland über eine Aufstockung der bilateralen Hilfe für Mali zurückzahlen will. Zuvor hatte ein Kölner Sender bar jeder Grundlage über Summen von vier Millionen Euro für jede Geisel spekuliert. Die deutsche Seite wollte sich zu einer Lösegeldzahlung nicht äußern.

Geiselnahme womöglich ein Alleingang von "El Para"
Nach Informationen dieser Zeitung aber diente das von den malischen Unterhändlern gezahlte Geld in erster Linie dazu, daß der vermutliche Drahtzieher der Geiselnahme, der algerische Deserteur Amari Saifa, genannt Abderrezak "El Para" (der Fallschirmjäger), seine Gefolgsleute bezahlen konnte, um nicht selbst ermordet zu werden. "El Para" soll sich nach den gleichen Quellen zum Schluß mit bis zu 100 Bewachern umgeben haben, die er zu seinem Schutz angeheuert hatte, nachdem der Druck der algerischen Armee zu groß geworden war. Diese Leute fanden sich im Juli in Mali wieder. Sie waren seit Monaten unterwegs und deshalb sehr erschöpft. Das von "El Para" in Aussicht gestellte Geld indes war nicht in Sicht.

Hinzu kam, daß der von algerischen Medien als Nummer zwei der islamistischen Gruppe "Groupe salafiste pour la prediction et le combat" (GSPC) bezeichnete "El Para" den Rückhalt der Islamisten spätestens dann verloren hatte, als die Geiselnahme politisch zuviel Aufsehen erregte und sich zudem in die Länge zog. Es gibt sogar Hinweise darauf, daß die ganze Geiselnahme ein Alleingang von "El Para" war, der wenig Zustimmung bei den Führern der GSPC gefunden hatte. Das würde auch erklären, warum nach Beginn der Geiselnahme im Februar zwei Monate ins Land gingen, bevor sich die Entführer mit Forderungen meldeten.

Drohgebärden der algerischen Armee
"Am Ende suchten die nur noch den Rückwärtsgang", sagte ein an den Verhandlungen zwischen malischen Emissären und Geiselnehmern Beteiligter. Inwieweit die malische Regierung den Geiselnehmern auch die geforderten Sicherheitsgarantien gewährte, ist nicht bekannt. Die Entführer hatten auf Zusicherungen bestanden, nach der Freilassung der Geiseln weder von malischer noch von algerischer Armee angegriffen zu werden. Es gilt indes als unwahrscheinlich, daß die malische Regierung den Geiselnehmern einen dauerhaften Aufenthalt in Mali versprochen hat.

In diesem Zusammenhang müssen auch die wiederholten Drohgebärden der algerischen Armee im Verlaufe der nahezu sechs Monate dauernden Geiselnahme gesehen werden. Da wurden Ultimaten gestellt, angeblich bevorstehende Angriffe angekündigt und über regierungsnahe Medien in Algier Meldungen von Kämpfen in der Nähe der Grenze zwischen Algerien und Niger verbreitet, die nach Informationen deutscher Sicherheitskreise nie stattgefunden haben. Ebenso erfunden war die letzte Meldung aus Algerien, wonach die Armee Hubschrauber an der Grenze zu Mali stationiert habe, was in Bamako vorübergehend für einige Aufregung gesorgt hatte.

Die Geiselnahme scheint für die stark politisierte Führung der algerischen Armee eine willkommene Gelegenheit gewesen zu sein, Präsident Bouteflika, der sich dem Wunsch der Bundesregierung nach einem unblutigen Ende angeschlossen hatte, kurz vor den Wahlen in Algerien unter Druck zu setzen. Sie konnten sich selbst als die wahren Verfechter des laizistischen Staates darstellen, der kein Pardon für Radikale kennt. Vor diesem Hintergrund sind die Besuche von Staatssekretär Jürgen Chrobog in Algerien zu sehen, obwohl die Geiseln zu diesem Zeitpunkt längst in Mali waren.
Von Thomas Scheen



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