Wirtschafts Woche
19.10.2001

Judentum: Unterscheidung von Recht und Unrecht

Als der Stamm der Israeliten auf der Suche nach dem Gelobten Land von Moses geführt durch die Wüste zog, zettelte der Priester Korah einen Aufstand gegen Moses an, weil dieser angeblich die Macht an sich gerissen hätte. Moses entgegnete zu seiner Verteidigung: "Ich habe nicht einen Esel von ihnen genommen und keinem ein Leid getan."

Die wirtschaftliche Erfolgsstory des christlichen Abendlandes wäre nicht denkbar ohne seine Wurzeln im Judentum. Wie die Geschichte von Moses zeigt, finden sich Vorstellungen von Eigentumsrechten und dem Recht des Individuums vor obrigkeitlicher Willkür schon in der Bibel. Das Alte Testament ist voll solcher Geschichten, in denen die Propheten den weltlichen Herrschern unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagen und sich ihnen widersetzen. In diesen Geschichten lernte das Volk die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, Recht und Unrecht. Diese Seite der jüdischen Wurzel war im Christentum lange verschüttet, nicht zufällig wurde die Heilige Schrift erst von Martin Luther in die Sprache des gemeinen Volkes übersetzt, der Klerus fürchtete den Virus der Aufsässigkeit gegen die Autoritäten, auch die kirchliche.

Die jüdische Religion ist diesseitig orientiert. Eine Verherrlichung der Armut wie im frühen Christentum kennt sie nicht. "Der Segen der Erde gilt als Belohnung für die Einhaltung des Gesetzes", charakterisiert der Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin das Verhältnis zu Wohlstand und Unternehmertum. Schon von Abraham berichtet die Bibel ohne jede Spur von Missgunst, dass er reich an Gold und Silber, an Herden und Knechten war. Der Umgang mit den religiösen Geboten geschieht pragmatisch. Sie können zwar nicht einfach abgeschafft, wohl aber durch zeitgemäße Interpretation angepasst werden. Das Zinsverbot etwa, das sich nur auf die Angehörigen des eigenen Stamms bezog, nicht aber auf den Fremdling, wird heute in Form einer "Gewinnbeteiligung" umgangen. (Da das Zinsverbot im Mittelalter auch für die Christen galt, erschloss es den Juden in Europa eine lukrative Erwerbsquelle als Bankiers der christlichen Bevölkerung. Dies war für sie auch notwendig, da sie von bestimmten Berufen und Zünften ausgeschlossen waren.)


Christentum: Unrast der Lebenshaltung

Noch im Mittelalter war von Entwicklungsdynamik wenig zu sehen. Die römisch-katholische Kirche war damals eine "Zwangsinstitution" mit "totalitärer Struktur", urteilt der Religionswissenschaftler Gustav Mensching, sie ließ keine abweichenden Meinungen zu und verfolgte Ungläubige und Häretiker.

Im Catechismus Romanus von 1566 heißt es noch: "Die Kirche kann nicht irren, da sie vom Heiligen Geist geleitet wird." (Einige Jahrhunderte später sollten die Kommunisten ähnlich postulierten: "Die Partei hat immer Recht." Nur war bei ihnen der Marxismus-Leninismus der Heilige Geist.)

Dieser Absolutismus verursachte die Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert, Inquisition und Hexenverbrennungen kosteten tausende das Leben. Aber auch Gegenkräfte wurden auf den Plan gerufen wie Martin Luthers Protest 1517 in Wittenberg, die Reformation, Säkularisierung und Aufklärung. Charakteristisch für den abendländischen Kulturkreis wird die Spannung zwischen transzendenter Idee und Erdenwelt, zwischen religiöser und weltlicher Gesinnung, die dazu führten, so Müller-Armack, daß in Europa das "Suchen nach der Wahrheit" nur "provisorischen Halt" fand und nie zu einer "unbestritten festen Form" gelangte. Der Soziologe und Volkswirt Werner Sombart hat diese Unrast der Lebenshaltung als das eigentliche Kennzeichen des modernen Kapitalismus bezeichnet.

Im Einflussbereich der orthodoxen Kirche in Osteuropa war das anders. Sie hatte sich als Institution nicht in Konkurrenz zur politischen Ordnung, mit Hierarchie und Führungsanspruch, definiert und konnte deshalb umso leichter in den byzantinischen Staat eingeordnet werden. Im Westen behauptete sich die römisch-katholische Kirche dagegen als Universalkirche gegenüber dem mittelalterlichen Kaisertum und den neuzeitlichen Nationalstaaten. Diese institutionelle Trennung war Ausgangspunkt einer vielgliedrigen politischen Formenwelt, Voraussetzung für die Gewaltenteilung und die Idee des Rechts. Eine differenzierte Adels- und Städtekultur wie Westeuropa kannte Europas Osten nicht.
Auch nicht die wirtschaftliche Differenzierung. Dem deutschen Soziologen Max Weber war aufgefallen, daß Protestanten im Großherzogtum Baden im Jahr 1895 durchschnittlich 954 Mark zu versteuern hatten, Katholiken dagegen nur 590 Mark. Seine Erklärung: die Arbeitsethik des Protestantismus, die den Aufstieg des modernen Industriekapitalismus nachhaltig beflügelte. Protestanten sehen sich Weber zufolge einem rational verständlichen Gott gegenüber, der sich nicht durch Kulthandlungen gnädig stimmen lässt, sondern nur durch ethisches Handeln im Alltag. So lehrte der Schweizer Reformator Johannes Calvin (1509–1564), nur der von Gott Erwählte sei beruflich erfolgreich, durch harte Arbeit werde Gottes Ruhm vermehrt, umgekehrt zeige sich im Wohlstand Gottes Gnade, in Armut der schicksalhaft Verdammte.

Der calvinische Unternehmertyp, den Weber in den Niederlanden, Nordfrankreich und Großbritannien ausmachte, erzeugte durch harte Arbeit und asketischen Konsumverzicht jenen "Geist des Kapitalismus", der kein höheres Ziel kennt, als das eingesetzte Kapital zu mehren. Infolge dieses "Energiegewinns" durch den Calvinismus, sagt auch Müller-Armack, "erlebte das Abendland eine Aktivierung der Kräfte".

Heute gilt das ursprüngliche Nord-Süd-Gefälle nicht mehr, der vornehmlich katholische Süden der Bundesrepublik hat mit seiner Wirtschaftskraft den protestantischen Norden eingeholt und in einigen Landstrichen sogar überflügelt, genauso hat Europas Süden gegenüber dem Norden aufgeschlossen. Die protestantische Arbeitsethik hat sich in gewisser Hinsicht verallgemeinert. "Faulheit ist nicht gottgewollt, der Mensch ist zur Arbeit angehalten", beschreibt der Ökonom und Theologe Joachim Wiemeyer die Essenz des christlichen Credos. Als Konsens zwischen den christlichen Konfessionen sieht Manfred Spieker, Sozialethiker an der Universität Osnabrück und der katholischen Soziallehre nahestehend: "Eine christliche Wirtschaftsordnung hat die freie Initiative der Produzenten, die freie Wahl des Arbeitsplatzes, die Freiheit des Eigentums und des Wettbewerbs zu garantieren."

Auch wenn die Unterschiede zwischen den Konfessionen heute für das Wirtschaftsleben nicht mehr entscheidend sind, in den Entwicklungsländern haben sie deutliche Spuren hinterlassen. Nach einer ökonometrischen Untersuchung von 63 früheren Kolonien durch den US-Ökonomen Robin Grier zeigen die in katholischer Tradition stehenden früheren spanischen und französischen Kolonien eine schlechtere wirtschaftliche Performance als die ehemaligen britischen Kolonien, in denen die Missionare den Heiden die protestantische Arbeitsethik predigten.


Islam: Idee des Gottesstaates

Neben dem Christentum wurzelt auch der Islam im Judentum. Mohammed sah sich als Erneuerer der "Religion Abrahams", der Urreligion des Menschen, von der Juden und Christen im Verlauf der Geschichte abgewichen seien. Das macht das Christentum in den Augen der Muslime zu einer überholten Religion.

Zugkraft hat der Islam vor allem durch seine einfache Pflichtenlehre, eine totale und konkrete Ordnung aller Lebensbereiche, von den fünf regelmäßigen täglichen Gebeten, der Abgabepflicht für die Armen (2,5 Prozent des Vermögens jährlich) bis hin zu den Fastenvorschriften und der Pflicht, am Dschihad teilzunehmen, dem heiligen Krieg zur Verteidigung des Islam. Die Scharia, das islamische Gesetz, ist aus dem Koran abgeleitet, was die starke Stellung der Geistlichkeit gegenüber den politischen Herrschern bedingt.

Der Prophet Mohammed war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann, sondern auch Feldherr und Politiker: Als er 632 starb, war er der Herrscher über Arabien. Der Staat, den er gründete, war eine Theokratie. Im Unterschied zu anderen Weltreligionen, die weltlicher Herrscher für ihre Verbreitung bedurften, setzte sich der Islam in politischer Gestalt durch, ein Grund, warum die Idee eines Gottesstaates noch heute Muslime fasziniert.

Als jüngste Weltreligion entfaltete der Islam eine ungeheure Dynamik: 100 Jahre nach Mohammeds Tod konnte Karl Martell nur in der Schlacht bei Tours und Poitiers das Vordringen des Islam in Südfrankreich verhindern. In Spanien herrschten die Mauren 800 Jahre, die islamischen Türken eroberten Ost-Rom (Konstantinopel). Mohammeds Nachfolger beherrschten ein riesiges Gebiet, das sich von Zentralasien über die arabische Halbinsel bis nach Nordafrika und Teilen Südeuropas erstreckte. Es verband die Meere der zivilisierten Welt, das Mittelmeer und den indischen Ozean. Kaufleute, Handwerker, Gelehrte und Pilger konnten sich frei bewegen, was, so schreibt Albert Hourani in seiner Geschichte der arabischen Völker, das "Entstehen großer Städte, starker Regierungen, eines übernationalen Handels und auf Grund des Reichtums blühender Landstriche ermöglichte".

Auf diese Weise kamen Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Auberginen, Orangen und Zitronen aus Asien nach Europa. Der Handel blühte, das Kreditwesen entwickelte sich. Das war die Blütezeit des Islam. Arabische Gelehrte übersetzten die hellenistischen Klassiker und entwickelten die Algebra, als in Europa finsteres Mittelalter herrschte. Die Hauptstadt Bagdad wurde zur modernsten Stadt der Welt mit über 700 öffentlichen Bibliotheken.
Doch nach 1100 erstarrte der Islam mehr und mehr in Orthodoxie, obwohl er keineswegs wirtschaftsfeindlich ist, setzte Stagnation ein. Der Aufstand der Wahhabiten im 18. Jahrhundert, aus denen später das saudische Königshaus hervorging, begründete die erste erfolgreiche fundamentalistische Bewegung. Eine geistige Erneuerung wie die Renaissance oder die Aufklärung im christlichen Abendland hat es nicht gegeben. Im heutigen Islam verbinden sich nationale mit antiwestlichen Tendenzen. Die Fundamentalisten sehen das Heil im Zurück zur theokratischen Herrschaft wie unter Mohammed, im Ideal eines islamischen Gottesstaates sind sich die Terroristen um Osama Bin Laden mit den Fundamentalisten einig. Das macht seine politische Isolierung so schwer. Die ökonomische Misere infolge von fehlgeschlagenen Experimenten (arabischer Sozialismus, Nationalismus) hat die Modernisierung des Islam in den Augen der Massen desavouiert. Despotische Misswirtschaft und Kleptokratie in den Ölländern treiben den fundamentalistischen Predigern eine unruhige Masse Halt suchender junger Intellektueller zu, die den Westen für Armut und Rückständigkeit der islamischen Völker verantwortlich machen. Die religiöse Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, immunisiert sie gleichzeitig vor kritischer Reflektion der eigenen Versäumnisse.

Der Islam hat eine hohe Anziehungskraft in Afrika und Asien, als einzige Weltreligion konnte er in den vergangenen 100 Jahren die Zahl seiner Anhänger massiv ausweiten. Sein Egalitarismus macht ihn populär bei den Armen, er hat es verstanden, die Rassenschranken zu überwinden und das Kastenwesen (in seinem Einflussbereich auf dem indischen Subkontinent) aufzuheben. "Kein Volk, das den Islam einmal angenommen hatte, hat ihn je wieder aufgegeben", urteilt Mensching, "auch unter christlicher Kolonialpolitik nicht." In Afrika profitierte er auch davon, daß er nicht die Religion der (christlichen) Kolonialherren war. Gerade weil der Islam eine kämpferische Religion ist und in seiner Geschichte häufig das Schwert mit den Christen kreuzte, wirkt er so anziehend auf die Unterprivilegierten von einst, die sich von ihm Selbstbewusstsein und Würde, aber auch Rache und Vergeltung versprechen.

Die verbreitete Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen führt zur Ignoranz von Wissenschaft und Bildung. In den arabischen Ländern sind die Analphabetenraten höher als in vergleichbaren Ländern, Frauen häufig aus dem öffentlichen und Wirtschaftsleben ausgeschlossen.
Daß der islamistische Fundamentalismus durch Bin Ladens Terrorattacken und die Gegenwehr des Westens nun dauerhaft erstarkt, ist dabei keinesfalls sicher. Bis zum 11. September hatten sich die Fundamentalisten nur im Iran, Sudan und in Afghanistan durchgesetzt. Im Iran gewinnen inzwischen sogar die Kräfte an Boden, die universal gültige Wertvorstellungen, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Gleichberechtigung der Frau, auch in den Islam integrieren wollen. Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts, hält eine "kopernikanische Wende" im Islam durchaus für möglich. Insbesondere bei den islamischen Vertretern in Europa wachse die Einsicht einer "Erneuerung des islamischen Denkens", beobachtet er.
Für eine Aufklärung ist es höchste Zeit.


Religion und Wohlstand

Macht Islam arm, Christentum reich?

Eine Analyse zeigt, wie sich die Weltreligionen wirtschaftlich auswirken. Im Teil I geht es um Christentum, Judentum und Islam.

Die Zeit vor 1000 Jahren war kein besonders ruhmreiches Kapitel in der europäischen Geschichte. Damals wurde Europa bedrängt, von den räuberischen Wikingern aus dem Norden, den Mauren im Süden und asiatischen Reiterstämmen im Osten. Europa war in der Defensive, politisch, militärisch und kulturell. Noch heute sind in Spanien die Zeugnisse der arabischen Hochkultur zu besichtigen, China hatte damals bereits Porzellan und Schießpulver, Papier und Buchdruck erfunden, Innovationen, für die Europa noch Jahrhunderte brauchen sollte. Ökonomisch und kulturell prosperierte die islamische Welt, technologisch war China führend, und Indien hatte nach China die höchstentwickelte Landwirtschaft hervorgebracht.

Wenige Jahrhunderte später sah die Welt völlig anders aus. Europa drängte ganzen Kontinenten wie Amerika und Australien seine Produktionsweise und Kultur auf und degradierte große Teile Afrikas und Asiens zu Kolonien, für den englischen Wissenschaftler Eric Jones "das Wunder Europa". Der Vorsprung des Abendlandes zeigt sich auch in der Verteilung des internationalen Reichtums. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den christlich geprägten Kulturkreisen Europas und Amerikas ist um ein Vielfaches höher als in denen der anderen Weltreligionen, mit Ausnahme Japans.

Auffällig vor allem die Stagnation in der islamischen Welt. Obwohl jeder fünfte Mensch auf Erden ein Muslim ist, und die meisten arabischen Länder immense Exporterlöse aus ihren Ölvorkommen haben, erwirtschaften die islamisch geprägten Staaten zusammen weniger als zehn Prozent des weltweiten Wohlstandes. Unter den 50 Ländern, die nach Lebenserwartung, Bildung, Kindererziehung und Pro-Kopf-Einkommen am unteren Ende der Weltskala stehen, sind 23 muslimische, unter den 50 am oberen Ende nur eins: der Ölstaat Brunei. Ebenso fällt auf, daß die Wirtschaftsleistung der buddhistischen Länder Ostasiens fast doppelt so hoch ist wie im hinduistischen Indien, ein Unterschied, der allein durch klimatische und andere natürliche Fakten nicht zu erklären ist.

"Die Kultur macht den entscheidenden Unterschied aus", sagt der Historiker David Landes, und das Wunder, das sich in Europa ereignete, war "die Erfindung des Erfindens", die industrielle Revolution, die Europa und Nordamerika reich und den Rest der Welt (relativ) arm machte. Zwar gab es auch in anderen Teilen der Welt und auch schon zu früheren Zeiten Handel, Handwerk und Kapital, doch blieben "alle Kapitalismen des antiken und des orientalischen Handels", so der Nationalökonom Alfred Müller-Armack, weit zurück hinter der "produktionsbestimmten dynamischen Unternehmungswirtschaft", die den Europäern vom 16. Jahrhundert an die "Überlegenheit" in Wirtschaft und Politik gab. Die Folge war laut Müller-Armack, der Ludwig Erhards Konzept der Sozialen Marktwirtschaft mitprägte, "zwar nicht die vollkommene Herrschaft Europas über die Weltwirtschaft, aber doch deren völlige Europäisierung".

Daß der Erfolg Europas auch etwas zu tun hat mit seiner Religion, ist seit den Untersuchungen von Max Weber über "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" aus dem Jahr 1904 unbestritten. Das durch den Glauben vermittelte Bild vom Jenseits und den Aufgaben und Pflichten im Diesseits hat wirtschaftliche Folgen. Wobei es nicht darum geht, was die reine Lehre sagt, der wahre Islam oder das ursprüngliche Christentum, sondern ihre jeweilige reale Ausprägung.

Was Europa diesen historischen Entwicklungssprung ermöglichte, der in anderen Kulturen nicht oder, wie in Japan, unter äußerem Einfluss erst sehr viel später stattfand, war das spezifische europäische "Kulturerbe, in dem griechisch-römischer Geist und christliche Tradition zusammenfließen", so Alfred Müller-Armack in seinen Schriften zur Religionssoziologie. Die Religion vermittelt Werte und Normen menschlichen Handelns, begründet Mentalitäten und die Einstellung zum Leben und damit zum Wirtschaften.

In der Frühgeschichte des Menschen sind es die Volksreligionen, die sich auf Familie, Sippe, Stamm oder Volk begrenzen. Erst wenn sie den "Menschen schlechthin und nicht den bestimmten Volksgenossen" ansprechen, so der Religionswissenschaftler Gustav Mensching, werden sie zur Universal- oder Weltreligion. Für Mensching haben fünf Religionen diesen Status erreicht: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. Weil Japan als einziges Land außerhalb des europäisch-abendländischen Kulturkreises den wirtschaftlichen Anschluss an die Weltspitze gefunden hat, untersuchen wir neben diesen Weltreligionen auch den dort praktizierten Shintoismus, den Mensching zu den Volksreligionen zählt.
SVEN AFHÜPPE/KLAUS METHFESSEL



David Landes: "Bin Ladens Wut kennt keine Grenzen"

Der Historiker David Landes über das schwierige Verhältnis des Islams zur westlichen Moderne.

Herr Professor Landes, auch im Westen sind viele überzeugt, daß Ausbeutung und Unterdrückung durch den Westen die islamischen Völker in die Armut und zur Verzweiflung getrieben haben. Ist das der wahre Grund für den islamistischen Terrorismus?

Vor etwa 1000 Jahren und auch noch eine ganze Zeit danach war die islamische Welt eines der großen Zentren, wenn nicht das Zentrum der Weltzivilisation. Sie war führend auf intellektuellem, wissenschaftlichem, technischem und politischem Gebiet. Aber im Laufe der Zeit mussten die Nachfolger dieser großartigen Tradition erleben, wie sie Macht und Wohlstand an den Westen verloren. Ihnen blieb nur der Reichtum an Öl, der ihre Schwäche und Armut ein wenig kaschiert. Die islamischen Länder gehören heute zu den zurückgebliebensten und unglücklichsten Regionen der Welt.

Und der Westen ist an dieser Entwicklung zumindest nicht schuldlos?

Die Geschichte lehrt uns eines: Wenn Völker mit einer Herausforderung konfrontiert und von Rückfall bedroht sind, so hängt ihr Schicksal zu allererst davon ab, wie sie darauf reagieren. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder überlegt man, ob man etwas falsch macht. Warum sind die anderen so erfolgreich und wir nicht? Dann lernt man, wie man Dinge anders, auf neue Art machen kann. Das ist der Weg des Erfolgs. Oder man sagt, wir brauchen nichts zu lernen. An uns gemessen sind die anderen Barbaren, skrupellose Imperialisten, die anderen ihren Willen aufzwingen und sie ausbeuten. Diese Opferhaltung ist ein schwerwiegender Fehler. Sie vermindert die Fähigkeit, auf Herausforderungen zu antworten. Man kann daraus Genugtuung schöpfen, sich moralisch überlegen fühlen. Aber im Wettbewerb, Dinge zu produzieren, zu verkaufen und reich zu werden, hat man hoffnungslos verloren und wird immer schwächer. Diese Haltung nenne ich "tugendhafte Versteinerung", tugendhaft, weil man fest davon überzeugt ist, das Richtige zu tun. Durch die weltumfassende Telekommunikation bekommen die Menschen in den islamischen Ländern den Reichtum der anderen täglich vor Augen geführt. Diese Erfahrung ist für sie eine ständige Quelle laut beklagten Unglücks und Grolls.

Glauben Sie also auch an die zivilisatorische Überlegenheit des Westens?

Silvio Berlusconi bekam Probleme, weil er von der Überlegenheit der europäischen Zivilisation sprach. Er hätte nicht von Überlegenheit sprechen sollen. Er hätte besser gesagt: Die Europäer wissen, wie man Autos, Fernsehgeräte und Computer baut. Es steht jedem frei, dies nicht zu tun. Es ist aber falsch zu sagen, diese Dinge produzieren zu können, sei moralisch höherwertig. Es ist nur einfach besser. Die Länder, die heute reich sind, haben nicht nur gelernt, solche Dinge herzustellen, sie haben nie zu lernen aufgehört.

Ist der islamistische Terrorismus denn ein Ergebnis historischer Enttäuschung?

Er entspringt dem starken Gefühl, nicht dort zu sein, wo man glaubt hinzugehören: an der Spitze. Manche sagen, die Terroristen vom 11. September repräsentieren nur eine kleine Minderheit, der Terrorismus hätte mit dem Islam nichts zu tun. Das ist Unsinn. Diese Tat hängt direkt mit dem Unglück, dem Groll und der Opferhaltung zusammen, sie ist Vergeltung, Rache. Es mag zwar eine Minderheit sein, die solche Taten unterstützt, aber die Genugtuung darüber war weit verbreitet.

Den europäischen Kolonialismus hat es gegeben, und die amerikanische Hegemonie ist eine Tatsache. Fühlen sich die arabischen Länder nicht auch mit gewissem Recht als Opfer von Ausbeutung?

Der Zweck des Imperialismus war immer schon, die Menschen, das Gebiet zu kontrollieren, um sich zu bereichern. So hat sich der Westen zweifellos benommen. Aber haben die arabischen Länder das Recht, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Europa zu zeigen? Sie hatten ihre eigenen imperialen Reiche, das Mogulen-Reich, das Osmanische Reich.

Daß die Muslime genauso gehandelt haben, kann doch keine Entschuldigung für die Europäer sein?

Keine Entschuldigung, sondern der Beweis, daß es in der Geschichte üblich war, andere zu erobern. Ich will die Gier und Raffsucht der Menschen nicht leugnen, aber eine besondere Sündhaftigkeit des Westens gibt es nicht. Im Gegenteil, dort hat man wenigstens verstanden, daß sich Imperialismus auszahlen muss. Warum bestehen die europäischen Reiche heute nicht mehr? Weil Europa schwächer geworden ist? Nein, weil die Kosten zu hoch geworden sind. Man muss die Ölquellen nicht besitzen. Es ist besser, das Öl zu kaufen. Will ein Ölland nicht verkaufen? Dann geht man zu einem anderen.

Warum haben die ölproduzierenden arabischen Länder den Reichtum nicht besser genutzt?

Weil nur die Reichen, die Scheichs davon profitieren. Weil sie nur raffen und nichts schaffen. Man wird aber nicht reich, indem man nur kassiert, raubt, auspresst, sondern indem man Fernseher und Autos produziert.

Welche Bedeutung hat die Religion in diesem Zusammenhang?

In den meisten Weltregionen spielt die Religion immer noch eine bedeutende Rolle für die Beziehungen der Menschen untereinander. Max Weber hat Recht: Die protestantische Ethik und der Calvinismus haben eine bedeutende Rolle für die Herausbildung der europäischen Wirtschaft gespielt. Gerade in den frühen Tagen der Industrialisierung förderte der Protestantismus einen bestimmten Menschentyp, der bereit war zu harter Arbeit. Wer in der Geschichte erfolgreich war, ist offenkundig.

Wollen Sie damit sagen, dass auf den islamischen Völkern ein Fluch lastete?

Keineswegs! Natürlich gibt es solche Menschentypen auch in den islamischen Gesellschaften. Aber sie werden dort behindert. Eines kennzeichnet den Islam von Anfang an: Er verträgt abweichende Meinungen schlecht. Das Ergebnis ist, daß die Menschen mit abweichenden Meinungen, meist die beweglichsten, diese Gesellschaften verlassen. Der Islam hat sogar Probleme mit abweichenden Auffassungen in den eigenen Reihen. Man muss mit anderen zusammenleben können und darf nicht der Auffassung sein, daß die Welt solange nicht erlöst werden kann, wie nicht alle so werden wie man selbst ist. Diese Auffassung führt unweigerlich zu Katastrophen.

Hat die jüdisch-christliche Tradition die Entstehung von Privateigentum mehr gefördert als der Islam?

Nein. Das Christentum hat Reichtum und Macht kritisiert, zugleich hatte es Institutionen, die beides unterstützt haben. In ihrer organsierten Form zumindest hat die Religion nicht viel geholfen. Die Säkularisierung war entscheidend und die Herausbildung von nichtreligiösen Institutionen, die Trennung von Kirche und Staat.

Führt der Absolutheitsanspruch des Islams notwendig zu Osama Bin Laden?

Nein. Solange der Islam dominierend war, war er weniger anspruchsvoll. Osama Bin Laden interessiert sich nicht wirklich für Armut oder den israelisch-palästinensischen Konflikt. Sein Feind ist der Westen schlechthin. Er hat größere Zielsetzungen: Er will die Welt erlösen, indem er sie zu einer muslimischen Welt macht. Wenn man das Ziel hat, die Welt zu erlösen, erwägt man nicht rational, ob es sich lohnt. Bin Ladens Wut kennt keine Grenzen, sie lässt Kalkulationen nach Gewinn und Verlust nicht zu.

Ist es richtig, das Problem des Islamismus als ein soziales Problem zu behandeln?

Armut treibt sicherlich die Menschen dazu, andere Wege des Glücks zu finden. Aber es ist kein Weg zum Glück, andere Menschen umzubringen. Die gewalttätigen Globalisierungsgegner in unseren westlichen Ländern geben den Armen der Welt ein sehr schlechtes Beispiel. Die Globalisierungsgegner sind wütend, weil die Kapitalisten noch reicher werden. Das ist der einzige Grund, der sie erbost, auch sie interessieren die Armen nicht wirklich.

Sehen Sie eine Parallele zwischen Globalisierungsgegnern und Islamisten?

Den Globalisierungsgegnern ist alles willkommen, was die reichen kapitalistischen Länder trifft. Es würde mich nicht wundern, wenn jene Leute, die Seattle belagert haben, eine klammheimliche Freude über den Angriff auf New York verspürt haben. Viele sagten ja auch: Wenn so etwas passiert, muss Amerika etwas falsch gemacht haben, muss es für etwas bestraft worden sein.

Fühlen sich die Islamisten durch die private Freizügigkeit des Westens herausgefordert?

Die Unterdrückung der Frauen ist eines der größten Handicaps der islamischen Länder. Es ist Gift für die Produktivität einer Gesellschaft, wenn die Hälfte der Bevölkerung in der Öffentlichkeit nicht auftreten und mit den Männern zusammenarbeiten darf. Dafür haben sie viele Kinder, auch ein Nachteil für diese Gesellschaften. Die Unterdrückung der Frauen existierte schon vor dem Islam. Aber sie wird nun auf einer religiösen Grundlage verteidigt, auch wenn sie nicht der Religion entspringt. Ein großes Verdienst der jüdisch-christlichen Religionen ist, daß sie den früheren Zustand korrigiert und den Frauen einen Status gesichert haben, den sie in der Region nie zuvor hatten.

Ist es nicht ein wenig eng, die Unterdrückung der Frau nur unter dem Gesichtspunkt der Produktivität zu kritisieren?

Oh, die Diskriminierung der Frauen ist auch Gift für die Männer. Wenn man einen Jungen wie einen Prinzen großzieht, nur weil er ein Junge ist, zerstört man seinen Willen, zur Gesellschaft produktiv beizutragen. Es verdirbt seinen Charakter, fördert den Machismus und die Neigung zur Gewalt. Es ist kein Zufall, wenn sich Bin Laden immer mit Waffen ablichten lässt, oder wenn auf arabischen Demonstrationen dauernd in die Luft geschossen wird. Die Waffen sind Potenz- und Männlichkeitssymbole. Die muslimischen Länder bleiben arm, weil ihre Produktivität niedrig ist: Nicht nur, weil die Frauen fehlen, die Männer arbeiten auch schlecht. Wenn aber den Frauen die Freiheit gegeben wird, werden die Männer mehr leisten müssen.

Sollten wir uns bei den Werten ein wenig kompromissbereiter zeigen, um die Muslime nicht vor den Kopf zu stoßen?

Vergessen Sie es! Kompromisse würden nur die Ressentiments stärken. Wir sollten in diesen Ländern investieren und ihnen helfen, sich selbst zu helfen. Die Globalisierung ist der beste Weg, voneinander zu lernen und immer mehr zu erreichen. Wir werden ihre Vorteile jedoch nicht richtig nutzen können, solange die Globalisierung auch im Westen abgelehnt wird.
KRISZTINA KOENEN



DIE ZEIT
08.11.2001

Tanzen, Stampfen, Schütteln

Der Islam in Afrika ist toleranter als der in der arabischen Welt. Dennoch scheint der tausendjährige Religionsfrieden gefährdet.

Neigt das Haupt. Wagt es nicht, ihn anzureden. Meidet seinen Blick. Zieht die Schuhe aus. Der Zeremonienmeister bläut uns noch einmal die Verhaltensregeln ein.

Plötzlich kracht ein Schuss aus dem Vorderlader des Ersten Palastschützen, und der Hofstaat, die Schirmträger und Lobsänger, die Luftfächler und Robenglätter, sinken wie vom Mündungsblitz getroffen in den Staub. Al-Hadji Ado Bayero, der Emir von Kano, bittet zur Audienz. Er thront unter den Insignien seiner Macht, Dolch und Schwert, die Hände gefaltet, mit hartem Gesicht, die dunklen, verschatteten Augen auf einen imaginären Fluchtpunkt gerichtet. Zu seinen Füßen sitzen die Notabeln und Berater. Sie mustern den Zug der Vasallen, die in Dreierketten vor dem Herrscher auf die Knie fallen, ihre Treue schwören und mit demütigen Gesten wieder abziehen.

Die Emire und Sultane von Nigeria sind mächtige Würdenträger, religiöse und zugleich politische Autoritäten, an denen der Staat nicht vorbeiregieren kann. Sie stehen an der Spitze einer Theokratie, die im 10. Jahrhundert aufkam, als der Islam in die Savannen südlich der Sahara vordrang. Ihr Wort ist Gesetz. Wehe dem Imam, Provinzfürsten oder Clanchef, der ihnen nicht regelmäßig huldigt!

Nirgendwo in Afrika tritt der Islam so stolz und selbstbewusst auf wie in den Nordprovinzen Nigerias. Und nirgendwo sind die ethnischen, sozialen und religiösen Gegensätze so konfliktträchtig. Vor zwei Jahren, als wir vor dem Emir standen, war Kano eine friedliche Stadt. Seit im fernen Afghanistan Bomben fallen, befindet sie sich im Ausnahmezustand: Kirchen und Moscheen brennen, Muslime und Christen gehen aufeinander los, es gab zahlreiche Tote. Der Angriff der Amerikaner scheine "wie ein Streichholz zu wirken, das die jüngsten Unruhen entflammt hat", schreibt das britische Magazin The Economist.

Auch in anderen Regionen des Kontinents ist die Lage angespannt. In Südafrika will eine radikale Gruppe freiwillige Gotteskrieger für den Dschihad in Afghanistan rekrutieren. In Kenia demonstrieren zornige Muslime gegen die Angriffe auf unschuldige Glaubensbrüder. Die Brandparolen, die bei Protestumzügen in Somalias Hauptstadt Mogadischu herausgeschrien werden, wecken Erinnerungen an das unselige Jahr 1993, als die humanitäre Militärintervention der Vereinten Nationen kläglich scheiterte. "Sie wollen uns kolonisieren, kommerzialisieren und christianisieren", stand seinerzeit auf den Flugblättern der Extremisten. Sie, gemeint sind die Weißen, die Ungläubigen, die Amerikaner. Besucher konnten sich damals nur unter Lebensgefahr in den Ruinen von Mogadischu bewegen; es schlug ihnen unbändiger Hass entgegen. Der Mob zerrte die Leichen von Blauhelmen durch die Straßen und tanzte. Nach der Terrorattacke auf Amerika tanzten die Somalis wieder.

Reich gegen Arm, Nord gegen Süd, Christen gegen Muslime, seit dem 11. September werden die bekannten Feindbilder aufgefrischt, und manche Beobachter sehen einen regelrechten Religionskrieg voraus. Aber sind die Meldungen von wütenden Protesten und blutigen Unruhen wirklich repräsentativ für Glaubensfragen auf dem Erdteil? Künden sie von der Radikalisierung des "schwarzen" Islam? Stehen sie gar für den Kampf der Kulturen, den Geschichtspessimisten prophezeien?

Der Islam in Afrika hat tausend Gesichter; seine Vielfalt und Heterogenität in Kürze beschreiben zu wollen käme dem Versuch gleich, das abendländische Christentum, vom orthodoxen Kloster in Bulgarien bis zum ultraprotestantischen Sprengel in Nordirland, über einen Leisten zu schlagen. Eines aber lässt sich mit Gewissheit sagen: Der afrikanische Islam ist im Vergleich zum arabischen tolerant, friedfertig, gelassen, in sich ruhend. Er will den kriegerischen Stereotypen, die Europäer gemeinhin gebrauchen, nicht entsprechen.

Beginnen wir in Sansibar. Im steinernen Labyrinth der Altstadt gibt es Tageszeiten, zu denen katholisches Glockengeläut vom Ruf der Muezzins abgelöst wird, auf deren "Allahu akbar" das blecherne Schellengeklapper aus dem Hindutempel folgt. Das wunderliche Klangbild ist Ausdruck jenes religiösen Nebeneinanders, das die Suahelikultur Ostafrikas, eine Synthese aus afrikanischen und arabisch-persischen Elementen, prägt. Die anderen leben und glauben lassen, diese Maxime gilt generell in Afrika.

Drohen Siechtum und Dürre, geht man zum Regenmacher
Gewiss, es gab immer wieder Konflikte, auch gewaltsame, im Hochland von Abessinien, an der Ostküste, am Nigerbogen in Westafrika. Im Sudan tobt seit Jahrzehnten ein verheerender Krieg, das Regime der Fundamentalisten, aufgestachelt vom "schwarzen Khomeini" Hassan al-Turabi, gegen den christlich-animistischen Süden. In Südafrika legen als Bürgerwehr getarnte muslimische Terroristen Bomben. Allerorten tauchen Eiferer und vom Bekehrungswahn Besessene auf, ruandische Pfarrer, Katholiken, die Massaker organisieren, oder Islamisten, die in Tansania Schweinefleischläden ausräuchern. Dennoch wird man im Großen und Ganzen der Bilanz des Evangelischen Missionswerkes zustimmen müssen: In Afrika können Muslime und Christen "auf eine bis zu tausend Jahre alte Koexistenz zurückblicken".

Die zwei großen Religionen beobachten sich eifersüchtig, mitunter argwöhnisch, sie stehen in scharfer Konkurrenz. Geht es indes um die Verirrungen der säkularen Welt, verkünden sie die gleichen konservativen Dogmen. Father Kukah, der Generalsekretär der katholischen Kirche in Nigeria, und sein islamischer Amtskollege Abdu-Lateef Adegbite gaben uns auf Fragen zur Geburtenkontrolle und zu Frauenrechten beinahe wortgleiche Antworten. Mitunter versuchen Kreuz und Halbmond sogar gemeinsam, die autochthonen Götter auszutreiben. "Die Pfaffen und Imame halten unsere Götter für Ausgeburten des Teufels", klagt Adunni Olorisha. Sie ist Priesterin im heiligen Hain von Oshogbo, dem letzten Sanktuarium eines Naturkultes der Yoruba. Gelegentlich dringen Islam und Christentum in ihre Domänen ein.

Man wundert sich aber auch, woher die kleine muslimische Diaspora im simbabwischen Kadoma das Geld für ihre Prachtmoschee nahm. Die Zuschüsse kamen aus dem Ölland Saudi-Arabien, der Wiege des Islam, die Scheichs finanzieren Krankenhäuser, Koranschulen und Sakralbauten auf dem ganzen Kontinent.

Die christlichen Kirchen mit ihren rund 50.000 Missionaren beherrschen das Zentrum und den Süden Afrikas, der Islam dominiert im Norden und Osten. Im Wettlauf der Seelenfischer steht es unentschieden, 390 Millionen Christen, 330 Millionen Muslime, überwiegend Sunniten. Diese Grobschätzung ist freilich recht fragwürdig, weil sie die Naturreligionen unterschlägt. Vielerorts haben sich die importierten Lehren mit dem Animismus vermischt und synkretistische Glaubensformen hervorgebracht. In Krisenzeiten aber, da sind sich Religionssoziologen einig, werden gern die alten Götter angerufen, die Ahnen und die Geister, die seit Menschengedenken walten. Der fremde Glaube ist oft nur aufgesetzt. Wenn Siechtum, Dürre oder ein böser Zauber drohen, geht man zum Medizinmann oder Regenmacher.

Sie tanzen, stampfen, schütteln sich, scharren mit den Füßen, stürzen zu Boden, scheinbar willenlos, fremdgesteuert, besessen, fünf junge Mädchen in manischer Trance. Am Höhepunkt des Rituals verbeißen sie sich in den Hälsen lebender Zicklein und reißen Fleischstücke heraus. Wir befinden uns in Porto Novo, Südbenin, bei der Weihe von Priesterinnen. Hier herrschen die alten Gottheiten des Voodoo-Kultes, strafend, mahnend oder schützend lenken sie die Geschicke der Sterblichen. Der Einfluss der Fetischeure reicht weit über die Region hinaus. Meister Tozé, der die Initiation leitet, zeigt uns das Bildchen auf seiner Armbanduhr: Omar Bongo. Der Staatschef von Gabun konvertierte zum Islam. Aber wenn wichtige Entscheidungen anstehen, ruft er Tozé, um Fá zu befragen, das Orakel.

Malicounda ist ein 3000 Seelen Dorf im Senegal, dessen Frauen in ganz Afrika berühmt wurden. Sie erklärten im Juli 1997 gemeinsam: Schluss mit der genitalen Beschneidung, der Zerstörung der weiblichen Sexualität! Unsere Töchter sollen nicht mehr verstümmelt werden! "Die Männer reagierten zunächst verstört und böse. Aber langsam verstehen sie", erzählt Mariam Traoré. Sie deutet zum Minarett hinüber. "Der Imam sagte, daß nichts über die Beschneidung im Koran steht. Das half."

Ein Aufstand der Frauen, dem sich religiöse Würdenträger beugen, undenkbar in der arabischen Sphäre. Die kleine Revolution war möglich, weil der Islam im Senegal ganz eigene Wege beschritten hat. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts entstand hier die Bewegung der Muriden, die größte jener Bruderschaften, welche die Lehren Mohammeds mit afrikanischen Traditionen verschwisterten. Sie pflegen das kulturelle Erbe, geben moralischen Halt und sorgen für sozialen Ausgleich über ethnische Grenzen hinweg.

Aufwiegler instrumentalisieren den Glaubenszwist für ihre Macht
Der westafrikanische Islam wurzelt in den sagenumwobenen Königreichen Ghana, Songhai und Mali, die durch den transsaharischen Handel mit Salz und Kupfer, Gold und Getreide, Sklaven und Vieh reich wurden. Legionen von Frommen zogen in die berühmten Koranschulen von Timbuktu. Sie beteten in der Moschee von Djenné, die noch heute die Aura der untergegangenen Imperien umweht. Es ist das größte Lehmbauwerk der Welt, eine grandiose Architektur, schlicht und monumental, trotz seiner wehrhaften Wucht aber leicht und elegant wirkend. Davor die Gläubigen beim Gebet in kirschroten, safrangelben und indigoblauen Kaftanen. Uralte Bilder, von den Jahrhunderten gemalt. Sie begegnen uns überall im subsaharischen Sahelgürtel, von der Atlantikküste im Westen bis hinüber zum Roten Meer.

Erst wo die Feuchtsavanne und der Tropenwald beginnen, stieß der Islam auf Ablehnung und Widerstand. Die Dogon, das legendäre Volk aus Mali, flohen in die Felsenabstürze von Bandiagara, um sich der Zwangsbekehrung zu entziehen. Doch in der Regel bewies der "schwarze" Islam große Integrationskraft, bisweilen sogar die oftmals bestrittene Fähigkeit, sich zu modernisieren. In Südafrika gibt es Moscheen, in denen beide Geschlechter gemeinsam beten. Es erregte große Aufmerksamkeit in der islamischen Welt, als in Kapstadt zum ersten Mal eine Frau auf dem Mimbar stand und predigte. "Bei solchen Entwicklungen kommt es stets auf den kulturellen Kontext an. Am Kap ist die Geschlechtertrennung nicht so strikt", erklärt die Islamexpertin Inga Niehaus.

Die Traditionalisten der Ulama, des muslimischen Klerus, verdammen jede Reform; sie vertreten Strömungen, die den liberalen afrikanischen Islam wieder zu seinen strengen arabischen Ursprüngen zurückführen wollen. Solche Versuche waren bislang wenig erfolgreich, obwohl mancherorts die Scharia eingeführt wurde, das islamische Recht, und die Zahl der verschleierten Frauen zunimmt. Die Afrikaner lassen sich ihre Lust und Lebensfreude so leicht nicht beschneiden. Hinter der frommen Fassade wohnt häufig die Doppelmoral. Auf einer Nilinsel in Khartum erlebten wir die Söhne und Töchter strenger Muslime beim Picknick, sie tranken Gin Tonic, hörten Michael Jackson und knutschten heftig herum.

In Schwarzafrika sind Staat und Kirche in der Regel getrennt, der Sudan ist die Ausnahme. In den anderen fünf Ländern, die 1972 als Vollmitglieder in die Organisation der islamischen Konferenz (OIC) aufgenommen wurden, herrschen mehr oder weniger laizistische Verhältnisse. Der muslimische Senegal wurde lange Jahre vom Katholiken Léopold Senghor regiert, das mehrheitlich christliche Kamerun vom Muslim Ahmadou Ahidjo.

Vor drei Jahren waren wir im Westen des Landes zum alljährlichen Löwenessen (schmeckt wie eine Kreuzung aus Ochse und Hirsch) beim Sultan von Bamoun geladen, eine Demonstration jener gleichmütigen Weltoffenheit, die afrikanische Muslime auszeichnet. Der Großvater des Sultans hatte nach der Maxime "cuius regio, eius religio" sein Volk schon 1917 in den Islam geführt. Wessen das Land, dessen die Religion. Es ist nicht bekannt, daß es dabei zu Verwerfungen gekommen wäre.

Aber Nigeria? Die jüngsten Gewaltexzesse in Jos, Aba, Kano, Kaduna? Die 6.000 Toten seit Februar 1999? Die Unruhen brachen in den Bundesstaaten aus, in denen vornehmlich Muslime leben und die Scharia installiert wurde, wenn man Augenzeugen hört, kann man tatsächlich auf einen Religionskrieg schließen. "Wir Christen werden aus Muslimvierteln vertrieben", erzählt uns ein Ingenieur, der aus Kaduna geflohen ist. Er gebraucht den Ausdruck religious cleansing, religiöse Säuberung.

Nigeria ist ein potenziell reiches Ölland, die Mehrheit seiner 110 Millionen Einwohner aber lebt in Armut. Die extrem ungleiche Verteilung der Ressourcen und eine fragile ethnische Gemengelage aus 430 Völkern und Völkchen bildet den Nährboden für Fundamentalisten aller Konfessionen. Und für Aufwiegler, die den untergründigen Glaubenszwist, etwa die Hälfte der Nigerianer bekennt sich zum Islam, die andere Hälfte zum Christentum, machtpolitisch instrumentalisieren.

Religion ist gleichsam der Initialzünder, der das koloniale Kunstgebilde Nigeria zur Explosion bringen könnte, gerade in Zeiten wie diesen. Es drohe großes Unheil, wenn sich der US-Vergeltungsschlag in Afghanistan zu einem Kreuzzug gegen den Islam auswachse, warnt der wortmächtige Religionsführer Scheich Ibrahim al-Zak Zaky. Seine Lesart der globalen Allianz gegen den Terrorismus gewinnt überall im muslimischen Afrika Zuspruch, in Guinea, Niger, Somalia, Kenia, Tansania. Es handelt sich gewissermaßen um "ideologische Kollateralschäden", die den tausendjährigen Religionsfrieden in Afrika gefährden.

Auch an der Südspitze des Kontinents dreht sich der Wind. Viele Muslime zürnen Amerika und dem Westen, Jugendliche tragen grüne T-Shirts mit Heldenporträts von Osama bin Laden. Wir gehören zur Handvoll Europäer, die im Bo-Kaap wohnen, einer muslimischen Enklave hoch über der City von Kapstadt. In unserer Nachbarschaft, eingerahmt von pastellfarbenen Häuschen, stehen fünf Moscheen. Die Rufe der Muezzins gliedern unseren Tag. Frauen und Mädchen tragen Kopftücher, über dem Dach schräg gegenüber flattern die Farben Palästinas. Es gibt orthodoxe Muslime die nicht wollen, daß Kafirn, Ungläubige, in ihrer Mitte leben.

Allein, noch nie ist uns ein feindseliger Blick begegnet, nie haben wir ein böses Wort gehört. Inschallah, möge es im Namen des Allmächtigen so bleiben.
Von Bartholomäus Grill


Frankfurter Allgemeine Zeitung
02.01.2002

Der Islam bedeutet Gemeinschaft, das Christentum steht für Geldverdienen

Fundamentalismus in Nigeria, Toleranz in Senegal - der Islam in Afrika

Der Tag ist brütend heiß gewesen, und die Kneipe in den Straßen von Dakar bot einen willkommenen Ort für eine Rast. Mahmoud, der sich als Führer angeboten hatte, bestellt ein großes Bier. Zuvor hatte er sich als praktizierender Muslim bezeichnet und lange über die Reinheit der islamischen Lehre gesprochen. Den verwunderten Blick über das alkoholische Getränk tut Mahmoud mit einem Schulterzucken und der Bemerkung ab, er sei ein "linker Muslim".

Mehr als 80 Prozent der senegalesischen Bevölkerung sind muslimisch, doch der unbedarfte Besucher würde es wahrscheinlich nicht bemerken, stünde es nicht in seinem Reiseführer. Der Präsident des Landes, Abdoulaye Wade, ist seit mehr als 30 Jahren mit einer Französin verheiratet und sagt, er sei ein "laizistischer Muslim". Der Herausgeber der einflußreichen senegalesischen Tageszeitung "Walfadjiri", Sidy Niasse, ist dagegen ein glühender Bewunderer der iranischen Revolution und des wahhabitischen Islam, der etwa in Saudi-Arabien Staatsreligion ist. Seine eifernden Radiosendungen, die jeden Freitag in Dakar zu hören sind, findet Mahmoud "zum Einschlafen".

Im Norden Nigerias hat der Islam ein anderes Gesicht. Kano mit seinen mehr als eine Million Einwohnern gilt als eine Hochburg des radikalen Islams, von dem viele befürchten, er werde in Nigeria zu einem Bürgerkrieg führen. Seit dem 11. September hängen in den Straßen von Kano überall Porträts von Osama Bin Laden. Viele Jugendliche bekunden, sie seien dazu bereit, gegen den "Satan Amerika" in den Krieg zu ziehen. Seit der Einführung der Scharia als alleiniger Rechtsgrundlage in insgesamt elf Bundesstaaten Nordnigerias kam es in den vergangenen achtzehn Monaten immer wieder zu pogromartigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen. Allein in der Stadt Kaduna kamen dabei wahrscheinlich mehr als 2000 Menschen ums Leben. In Zamfara etwa dürfen Frauen und Männer nicht mehr gemeinsam Taxi fahren. Jugendliche, die sich als Tugendwächter verstehen, wachen über die Einhaltung der neuen Vorschriften.

Die afrikanischen Länder mit einer Bevölkerung, die aus den Angehörigen vieler Religionen besteht und in denen auch viele Muslime leben, ziehen sich heute wie ein Gürtel von Dakar in Senegal quer über den Kontinent bis nach Kenia. In all diesen Ländern ist der Islam auf dem Vormarsch. Doch verläßliche Zahlen gibt es nicht, weder über Zuwachsraten noch über die Gesamtzahl schwarzafrikanischer Muslime. Viele Regierungen schrecken vor einer Volkszählung zurück. Dabei könnte sich herausstellen, daß die bislang für eine Minderheit gehaltenen Muslime in Wahrheit die Mehrheit stellen. Auch dafür ist Nigeria ein gutes Beispiel.

Die Attraktivität des Islams für viele Afrikaner ist leicht zu erklären: Die Gemeinschaft hat Vorrang vor dem einzelnen, es gibt eine klare Aufteilung der Rollen von Frau und Mann, und Polygamie wird geduldet. Im Gegensatz dazu wird das Christentum in Afrika in erster Linie mit Geldverdienen in Verbindung gebracht. Das kritisieren Muslime wie Christen. Hinzu kommt die Enttäuschung über "westliche" Werte. Viele verstehen sie als christliche Werte. Das gilt auch für demokratische Regierungssysteme, die aus der Sicht der einfachen Leute zu nichts geführt haben außer zu Wahlfälschungen, die es den korrupten Eliten erlauben, sich weiter zu bereichern. Der Islam hingegen verspricht zumindest Recht und Gerechtigkeit.

Drohen deshalb neben den weit verbreiteten ethnischen Konflikten demnächst Religionskriege auf dem afrikanischen Kontinent? In Sudan hat sich die Führung aus politischem Kalkül und nicht aus Überzeugung der Fundamentalisten in der Regierung entledigt. In Nigeria ist es einigen gelungen, aus politischen Gründen die Religion zu einer Waffe in der Auseinandersetzung um Macht, Geld und Einfluß zu machen. Die Angehörigen der Eliten aus dem Norden, die unter den Militärdiktaturen das Land dominiert hatten, fürchten um ihre Pfründe. Deshalb setzen sie auf religiös motivierte Massenbewegungen. Die Vehemenz, mit der muslimische Einwohner Nigerias die Islamisierung der gesamten Gesellschaft fordern, geht auf die Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit zurück, in einer von Korruption und Gewalt geprägten Nation ein würdiges Auskommen zu finden. Deshalb zu behaupten, nigerianische Muslime nehmen einen Bürgerkrieg in Kauf, ist jedoch falsch. So wurden in Sagamu sechs pakistanische Staatsbürger festgenommen, weil sie von Moscheebesuchern angezeigt worden waren, die über den Aufruf der Pakistanis zum Heiligen Krieg erbost waren.

In den ostafrikanischen Ländern, etwa Kenia und Tansania, waren Muslime in der Vergangenheit systematisch von der Macht ausgeschlossen gewesen. Das hat zu einer Radikalisierung geführt, die heute die Machteliten politisch unter Druck setzt. Zwei der mutmaßlichen Terroristen, die ganz oben auf der Fahndungsliste des amerikanischen Geheimdienstes FBI stehen, stammen aus Kenia und Tansania. In Somalia wiederum, das verdächtigt wird, eine Art Hinterhof des Fundamentalismus in Afrika zu sein, hatte der Zusammenbruch des Staates zu Beginn der neunziger Jahre eine verschärfte Form der Scharia hervorgebracht. Deren drakonische Strafen konnten die allgegenwärtige Gewalt zumindest verringern. Ein Grund, weshalb sich Somalia dafür ausspricht, die Scharia beizubehalten.

In Afrika gibt es aber auch zahlreiche Beispiele für ein tolerantes Miteinander der Religionsgemeinschaften: Senegal, Mali, Burkina Faso, Kamerun und trotz der politischen Wirren im vergangenen Jahr, auch die Elfenbeinküste gehören dazu. In der etwa zur Hälfte von Muslimen und Christen bewohnten Elfenbeinküste versuchten Politiker ebenfalls, Stimmung zu machen, indem sie auf eine tatsächliche oder vermeintliche Benachteiligung der Muslime hinwiesen. Doch die Einwohner besannen sich nach mehreren unruhigen Wochen auf die alte Toleranz und verweigerten sich. Zwar versteht sich die Bevölkerung im Norden der Elfenbeinküste heute in erster Linie als muslimisch und dann erst als ivorisch. Von einer Radikalisierung zu sprechen wäre indes eine Übertreibung.

Dennoch sieht sich etwa die Regierung des muslimischen Niger heute an vorderster Front gegen einen von Nordnigeria ausgehenden Fundamentalismus. Im Februar 2000 hatten Islamisten in der Hauptstadt Nyamei Bars und Kirchen angegriffen und versucht, Frauen in Miniröcken zu steinigen. Seit dem 11. September stehen die fundamentalistischen Gruppen in Niger unter strenger Beobachtung.

Selbst in traditionell liberalen muslimischen Ländern wie etwa Mali, von wo aus der Islam sich vom 14. Jahrhundert an über Westafrika verbreitete, sind die Stimmen der Scharfmacher nicht länger zu überhören. Auch dort rekrutieren radikale Muslime in den Elendsvierteln Anhänger und finden vor allem bei jungen Arbeitslosen Gehör. Zudem ist Mali Transitland zwischen Schwarz- und Nordafrika, die Grenzen sind aufgrund ihrer Länge kaum zu kontrollieren. Vor allem in Algerien morden immer noch militante Islamisten.

In Sudan und Tschad wiederum gehörte das Gewaltmonopol über Jahrzehnte den Muslimen der Nordregionen. Heute schlägt das Pendel zur anderen Seite aus. Im christlichen Süden Tschads soll in den kommenden Jahren Öl gefördert werden, und die Führer der christlichen Gruppen werden plötzlich vom Norden umworben. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, daß die Religion häufig nur das Feigenblatt für einen Kampf um Ressourcen ist.
Von Thomas Scheen


taz
08.03.2002

Scharia als Fessel und Chance

Ein Blick in die Runde: Über das islamische Recht und seine verschiedenen Interpretationen in der muslimischen Welt

Jede Gesellschaft und jede Religion muss sich nicht zuletzt daran messen lassen, wie sie mit den Frauen umgeht. Das gilt auch für die Muslime und die verschiedenen Interpretationen des Islam.

Die Scharia regelt das Verhältnis der Menschen zu Gott und das Verhältnis der Menschen untereinander. Die fünf Säulen des Islam gehören zur Scharia genauso wie gesetzliche Bestimmungen. Während die Musliminnen religiös zwar als gleichwertig gelten, werden ihnen im sozialen Leben die gleichen Rechte vorenthalten. So haben die Männer wegen ihrer verantwortungsvolleren Pflichten, Versorgung der Familie, Außenweltkontakte und Schutz des Vaterlands, auch die größeren Rechte beispielsweise auf Scheidung. Dieses Gerechtigkeitsverständnis ist aus westlicher Sicht mehr als fragwürdig, weil es gegen das Gleichheitsprinzip aller Menschen verstößt. Die Breite der Interpretationen von Koranversen und Sunna, auf die sich die Scharia-Gesetzgebung stützt, reicht, um es am Beispiel der Gleichberechtigung von Mann und Frau zu demonstrieren, von deren Bejahung bis zu ihrer völligen Unterdrückung. Erstere stützt sich darauf, daß Gott die Menschen "aus einem Wesen" (Sure 4, 1) und "zu Paaren" geschaffen habe; die letzteren stellen den Mann über die Frau und sehen in einem Dreistufensystem zur Bändigung aufmüpfiger Frauen die Erlaubnis diese zu schlagen (Sure 4, 34). Es gibt aber auch Theologen, die den einschlägigen Koranbegriff "schlagen" lieber mit "bestrafen" übersetzen, oder als "berühren mit dem Taschentuch". Varianten gibt es viele, Interpretationen zugunsten der Frauen allerdings nur selten.

Die Gesetzgebung der verschiedenen islamischen Länder stützt sich auf die Scharia, je nach Interpretation von Koran und Sunna schließlich außerdem auf Fallentscheidungen der jeweiligen Rechtsschule und die auf dieser Grundlage aufbauenden Fatwas, die religiösen Gutachten der Muftis. Deren Beurteilungen divergieren erheblich. Dehnbar wie ein Netz ist die Scharia, dennoch für die Legitimation und Durchsetzung selbst gegenläufiger Gesetze und der Menschenrechte unabdingbar. Von der Frage, ob sie sich als anpassungsfähig genug erweist, hängt die Zukunft unseres Zusammenlebens ab. Für die Musliminnen ist sie von größter Bedeutung.

Einen Islam ohne Scharia kann es nicht geben. Daß ein Staat mit islamischer Bevölkerung auch ohne den Einfluss religiösen Rechts bestehen kann, beweist bislang allein die Türkei. 1926 erfolgte unter Kemal Atatürk der radikale Schnitt mit der Übernahme des Schweizer Zivilrechts und 1928 mit der Streichung des Artikels der Verfassung, daß die Religion des Staates der Islam sei. Die soziale Gleichberechtigung der Frauen, Monogamie, das Scheidungsrecht für Frauen sowie aktives und passives Wahlrecht waren hinfort leicht durchzusetzen.

Mit geschicktem Taktieren unter tatsächlich nur rein formaler Einbindung der Scharia durch Einholen von Fatwas staatlich besoldeter Muftis gelang es Habib Bourgiba (1957-87) in Tunesien, die Gleichberechtigung in der Verfassung zu verankern. Auch das Frauenwahlrecht wurde den Tunesierinnen früher zuteil als den Schweizerinnen, das gilt im Übrigen auch für Ägypten und für die Türkei. Daß es insbesondere in ländlichen Gebieten nach wie vor zu drastischen Benachteiligungen der Frauen und auch zur Vielehe kommt, schmälert nicht die Verdienste des tunesischen Staats, der die Erfahrungen der französischen Kolonialzeit im Sinne der Frauen positiv umsetzen konnte. Doch weder Tunesien noch das von Alawiten regierte Syrien, weder der Irak oder sonst ein islamischer Staat wagt es, in seiner Verfassung auf die Erklärung zu verzichten, daß der Islam Staatsreligion ist. Sogar der Irak hat nach dem iranisch-irakischen Krieg die Vielehe zur Versorgung der Kriegswitwen und -waisen wieder zugelassen und damit sein ursprüngliches Konzept selbst unterlaufen.

Andere Staaten, wie Saudi-Arabien, behandeln die Frauen wie Eigentum der Männer, das man beliebig weggeben oder austauschen kann. Im Iran gar ist nach der Revolution neben der Polygynie die "Ehe auf Zeit" wieder aktiviert worden, die für Fristen von einer Stunde bis zu 99 Jahren abgeschlossen werden können, dies sei wie das "Leasing eines Autos", definierte dies ein ranghoher iranischer Würdenträger; Sunniten lehnen diese Eheform allerdings ab.

Auch Staaten mit vergleichbarem historischen Hintergrund und ähnlich kolonialer Sozialisation haben dennoch unterschiedliche Wege beschritten. Marokko bezeichnet sich als konstitutionelle, demokratische und soziale Monarchie, der König ist laut Verfassung "Hüter des Islam". Der Fortschritt beschränkt sich darauf, daß die Hinzuheirat weiterer Frauen untersagt ist, wenn eine Ungleichheit in der Behandlung der Frauen zu befürchten oder nicht durch den Ehevertrag ausgeschlossen ist. Seit 1993 muss der Ehemann sogar die Erstfrau von seiner weiteren Heiratsabsicht unterrichten, widrigenfalls kann sie die Scheidung beantragen. Solche Modifikationen können die Frauen aber nur durchsetzen, wenn sie lesen können, in Marokko ist dies höchstens ein Drittel, in manchen anderen Ländern ein Viertel und weniger.

Frauen haben sich in Widerstandsbewegungen gegen Kolonialherren engagiert und Beachtliches geleistet. Die Algerierinnen haben todesmutig den Kampf gegen die Franzosen unterstützt, geholfen hat es ihnen in ihrem politischen Status aber nur vorübergehend. Dort, wo Frauen massiv benachteiligt werden, setzen sich bisweilen auch Männer für deren Rechte ein. So waren auch die ersten islamischen Frauenrechtler Männer, bevor sich insbesondere in Ägypten die ersten islamischen Frauenrechtlerinnen organisierten. Iranische Männer erstritten in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit das Wahlrecht für Frauen. Die Mullahs unterbanden jedoch immer wieder Fortschritte, etwa im Scheidungsrecht. Viele Frauen, die sich für den Sturz des Schahs und die iranische Revolution einsetzten, mussten zusehen, wie ihnen ihre bereits errungenen Freiheiten wieder genommen und sie hinter den Tschador verbannt wurden, das Hervorlugen einer Haarlocke oder der Besuch eines Fußballspiels muss heute schon als Sieg gefeiert werden.

Viele Berufe müssen bis zu einem gewissen Grad zweigleisig gefahren werden, auf der männlichen und auf der weiblichen Schiene, etwa in Krankenhäuser, Schulen oder Universitäten. Fast immer ist es aber so, daß letztendlich die Männer die Führungspositionen einnehmen.

Die Frauen, und nicht zu vergessen auch die Männer, sind nicht nur den staatlichen Gesetzen unterworfen, sondern auch der Tradition. Der Sittenkodex, der die Ehre der Männer über das Hymen ihrer Töchter definiert, wird auch von Christen im Orient hochgehalten. Zwangsheiraten sind immer noch weitgehend gebräuchlich und werden oft von Hodschas gefördert, obwohl nicht von der Religion gestützt. Die grausame Mädchenbeschneidung, vor allem, aber nicht nur im mittleren Afrika, bei der bis zu 98 Prozent der Frauen verstümmelt werden, wird auch von Anhängern der Stammesreligionen und von christlich-koptischen Stämmen in Ägypten durchgeführt. Obgleich in Äthiopien noch 90 Prozent der Frauen beschnitten sind, soll in Eritrea, wo die Frauen beruflich und militärisch einsatzfähig sein müssen, diese Unsitte weitgehend zurückdrängt worden sein.

Daß Frauen aber selbst in einem Land wie Marokko Karriere machen können, beweist die berühmte Soziologieprofessorin und Autorin Fatema Mernissi. Gebildete Frauen der Oberschicht sind auch in der Männerwelt geachtet, werden allerdings von den Frommen misstrauisch beäugt.

Bildung vermittelt Selbstbewusstsein. Solange den Musliminnen ihr Menschenrecht auf Bildung vorenthalten wird, wird sich die Männerdomäne halten können. Jordanien mit nur noch 17 Prozent Analphabetinnen ist positiver Vorreiter. Obgleich Frauen in allen islamischen Parlamenten noch deutlich unterrepräsentiert sind, wurden in der Türkei, in Pakistan, in Bangladesch und in Indonesien Frauen Ministerpräsidentinnen, während in katholischen europäischen Ländern und in den USA überhaupt noch keine Frau regierte. Ministerinnen finden wir in Ägypten und in anderen islamischen Staaten. Selbstbewusste, gebildete Frauen haben in der islamischen Welt Chancen. Frauen haben in Bangladesch bei einem privaten Wirtschaftsförderungsprogramm bewiesen, daß sie auch unter härtesten Bedingungen selbstständig, verlässlich und kreativ arbeiten, sogar produktiver sind als die Männer.

Die Kraft der islamischen Länder liegt in der Kraft der Frauen. Sie haben am meisten zu gewinnen, wenn es vorwärts gehen soll. Diese Erkenntnis hat sich allerdings noch viel zu wenig durchsetzen können und kann auch nur dort obsiegen, wo die gesellschaftlichen Rechte der Frauen nicht mehr durch die Scharia beschränkt werden.
Von URSULA SPULER-STEGEMANN


Süddeutsche Zeitung
20.01.2003

Kinder, die das Böse erbrechen

Im Kongo hetzen fanatische Sekten Eltern gegen den eigenen Nachwuchs auf – wer den Aberglauben überlebt, wird auf die Straßen Kinshasas gejagt

Ein kaputter Kühlschrank, das ist nichts Besonderes, nirgendwo auf der Welt, schon gar nicht in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Kongolesen mit funktionierenden Kühlschränken, das wäre etwas Besonderes. Die meisten können sich so ein Gerät nämlich nicht leisten. Und diejenigen, die eines besitzen, werden meist auch nicht glücklich. Zu oft fällt, wenn es ihn überhaupt gibt, der Strom aus, auch in Kinshasa. In diesem brodelnden, chaotischen, überbevölkerten Tropenzentrum funktioniert so gut wie gar nichts mehr. Sechs, acht oder zehn Millionen Menschen leben hier, keiner weiß, wie viele es genau sind, fast niemand hat Arbeit, fast niemand kann sich das Essen noch leisten, und täglich kommen weitere Hungerleider hinzu, Flüchtlinge, Vertriebene des Bürgerkriegs, und sie machen die Situation nicht besser. Die Kanalisation ist für 300.000 Einwohner angelegt, die Müllabfuhr arbeitet seit sechs Jahren nicht mehr, und so liegt über der Stadt ein einzigartiger Geruch, ein Gemisch aus Dieselabgasen, altem Schweiß, kokelnder Holzkohle, vermodernden Müllbergen und dem ätzenden Schlamm der überlaufenden Kanalisation.

Kalumbu Mahonda hatte mal einen funktionierenden Kühlschrank. Dann ging er kaputt. Das war das erste Zeichen. Sie wurde auch noch krank, und kein Arzt konnte ihr sagen, was die Ursache ist. Und als dann auch noch die Maismühle auseinander brach, da wussten sie und ihr Mann, wer schuld ist: ihre Söhne Ikomba und Luwuabisa, der eine acht, der andere zehn Jahre alt. Sie sind Kinderhexen, das war die Diagnose der Eltern. So viel Unglück kann keine natürliche Ursache haben.

Es gibt da noch andere Geschichten, die von Angella zum Beispiel, oder die von Nzuzi, Lambert oder Marie. Aber viele dieser Schicksale kann man nicht erzählen, weil sie zu grausam sind. Manche Kinder waren keine vier Jahre alt, bevor sie mit Bügeleisen, glühenden Kreuzen oder mit Peitschen von selbst ernannten Propheten, Exorzisten oder den eigenen Eltern getötet wurden. Andere, Säuglinge noch, wurden auf den Müll geworfen. Weil sie angeblich von bösen Mächten besessen waren. Ikomba und Luwuabisa hatten Glück, sie wurden nur verjagt.

Der Glaube an Hexerei ist in Afrika weit verbreitet. Aber die Kinderhexen von Kinshasa sind ein neues Phänomen. Bislang nämlich wurden immer nur Erwachsene beschuldigt, schrullige Alte, reiche Verwandte oder auch Behinderte. Kinder waren bislang unverdächtig. Simon Lawson, Chef der Hilfsorganisation Search For Common Ground, schätzt, daß 30.000 der insgesamt 40.000 Straßenkinder in Kinshasa der Hexerei verdächtigt werden. Ärzte ohne Grenzen oder Save the Children geben ähnlich hohe Zahlen an. "Viele werden von ihren eigenen Eltern gefoltert. Vor den Verwandten und Nachbarn wird das Geständnis erpresst, daß die Kinder tatsächlich verhext und besessen sind", sagt Lawson. Danach werden sie hinaus in das Straßengewirr der Stadt gejagt, wo sie an fast jeder Ecke, im Hafen oder auch vor dem Denkmal des ermordeten Staatschefs Laurent Kabila herumlungern.

Die Kongolesen haben ja allen Grund dazu, sich von bösen Geistern verfolgt zu sehen. Das Leben hat es noch nie gut gemeint mit ihnen. Erst wurden sie von den Belgiern unterdrückt und ausgebeutet, dann vom Diktator Mobutu, und als dieser endlich gestürzt wurde, brach der Bürgerkrieg aus, das schlimmste Gemetzel der Gegenwart, zwischen zwei und drei Millionen Menschen sollen schon gestorben sein. Solch monströses Unglück kann keine natürliche Ursache haben, davon sind viele Kongolesen mehr denn je überzeugt und bestärkt werden sie in diesem Glauben von fanatischen Sekten, die in Kinshasa enormen Zulauf haben. Hunderte gibt es, ihre Chefs predigen in Blechbaracken und Hinterhöfen vom Teufel und vom Weltuntergang. Einige haben auch Listen erstellt, anhand derer die Eltern erkennen könnten, ob ihre Kinder mit bösen Mächten paktieren. Wenn sie nachts ins Bett machen, wenn sie Dinge fallen lassen, wenn sie aufsässig sind. Der selbst ernannte Prophet Onokoko ist für seinen Exorzismus berühmt und berüchtigt. Er lässt selbst Dreijährige wochenlang hungern, oder er würgt sie, bis sie "das Böse erbrechen".

Die Musikgruppe La Chytoura hat vor kurzem ein Lied über die Kinderhexen von Kinshasa geschrieben, es soll, so der Sänger Romain Mazamba, den Menschen zeigen, daß ihr Aberglaube Unsinn ist, und mehrere Hilfsorganisationen kümmern sich jetzt um die Ausgestoßenen. Doch selbst die Helfer können zum Problem werden. Der kongolesische Mitarbeiter einer amerikanischen Hilfsorganisation sagte vor kurzem: "Unsere größte Herausforderung ist, die echten von den falschen Kinderhexen zu unterscheiden."
Von Michael Bitala


Salzburger Nachrichten
27.01.2003

Kopten werden anerkannte Kirche

Die koptischen Christen werden eine gesetzlich anerkannte Kirche in Österreich. Das sieht das "Orientalische Kirchengesetz" vor, das auf der Tagesordnung des Ministerrates am Dienstag steht. Laut Volkszählung leben 1633 koptischorientalische Christen in Österreich. Es gibt derzeit zwölf staatlich anerkannte christliche Kirchen. Mit den Kopten sind es 13. Die koptischorthodoxe Kirche hat ihre Wurzeln in Ägypten und gilt als die erste Kirche in Afrika. Sie führt ihre Gründung auf den Apostel Markus zurück.

Mit der gesetzlichen Anerkennung ist u. a. das Recht auf einen eigenen - vom Staat finanzierten - Religionsunterricht verbunden. Das neue Gesetz sieht die Bildung einer orientalischen Kirchenkommission vor, die u. a. einen gemeinsamen Lehrplan für die orientalischorthodoxen Kirchen erarbeiten soll.



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