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Geschichte der Rallye

Drei Tage lang verschollen

Im Jahr 1977 geht Thierry Sabine bei der Abidjan-Nice-Rallye in der libyschen Wüste zeitweilig verloren. Diese Grenzerfahrung regt ihn zu der Idee einer Rallye an, die in Europa startet und die legendärsten Wüsten Afrikas durchquert. Sein Credo lautet: "Eine Herausforderung für die Teilnehmer. Ein Traum für jene, die zurückbleiben."

Bereits im Winter 1978/79 verwirklicht der Pionier seine Vision, die erste Paris-Dakar geht an den Start! Die Strecke verläuft von Paris nach Algerien, über Niger und Mali nach Dakar im Senegal.

Von Anfang an begeistert diese Marathon-Rallye Fahrer, Teams und Zuschauer gleichermaßen. Die Zahlen der Teilnehmer und das Medieninteresse steigen von Jahr zu Jahr. Die Routen variieren: 1984 verläuft die Dakar durch Guinea, Sierra Leone und Mauretanien, 1992 ist Kapstadt das Ziel und 2000 durchqueren die Piloten Afrika zum ersten Mal von West nach Ost. So unterschiedlich die Faszination der einzelnen Routen auch sein mag, eins haben sie doch gemeinsam: Jede verlangt von den Teams 100-prozentigen Einsatz und stählernes Durchhaltevermögen!

Die Dakar etabliert sich schnell als härteste Rallye der Welt. Immer wieder gehen Teilnehmer in Sandstürmen verloren und können erst Tage später gerettet werden. Unfälle, unvorhergesehene Ausbrüche der Elemente und selbst räuberische Überfälle machen den Teams in den Jahren zu schaffen. 1999 erreichen gerade mal 37% der Teilnehmer das Ziel. Auch einzelne tödliche Unfälle lassen sich trotz höchster Sicherheitsmaßnahmen in der 25-jährigen Geschichte der Rallye nicht vermeiden.

Dem Reiz der Dakar erliegen auch zahlreiche Prominente. 1982 macht Mark Thatcher, Sohn der damaligen englischen Premierministerin Schlagzeilen, indem er ganze drei Tage verschollen bleibt. Als "einmalige Erfahrung" und "ganz schönes Abenteuer" bezeichnet der sportbegeisterte monegassische Thronfolger Prinz Albert seine beiden Teilnahmen an der schwierigen Wüstenrallye. Auch Rock´n´Roller Johnny Halliday und Schauspieler Claude Brasseur gehören zu denen, die sagen können: "Wir waren dabei!"

Dieses knochenharte Pisten-Abenteuer bleibt lange eine Domäne der Männer. Als Jutta Kleinschmidt 1997 als erste Frau einen Etappensieg davonträgt, zieht sie die geballte Aufmerksamkeit der Rallye-Welt auf sich. 2001 ist die Sensation dann perfekt: Jutta Kleinschmidt gewinnt als erste Pilotin die Rallye Dakar! Seitdem zählt die sympathische "Königin der Wüste" nicht nur zu den Favoriten, sondern auch zu den Medien- und Publikums-Lieblingen der Rallye-Szene.


Süddeutsche Zeitung
08.01.2003

Völlig durchgedreht

Früher war die Rallye Dakar ein Abenteuer für eine Handvoll verrückter Millionäre – heute ist sie nicht einmal mehr das

Wenn es dunkel wird, erreichen die ersten Bilder Europa. Dreckverschmierte Motorräder sind dann zu sehen, die in einem Affenzahn durch staubige Steinwüsten sausen. Verschwitzte Japaner, die unter Helmen, die an Playmobil-Figuren erinnern, ihre Jeeps aus dem Wüstensand schaufeln. Tonnenschwere Lastwagen, die unter einem stahlblauen Himmel dahinrumpeln. Es ist Januar, und wie in jedem Januar seit 1979 ist eine Ohren betäubende Karawane unterwegs. In den ersten Jahren zog sie von Paris nach Dakar, in die Hauptstadt des Senegal. Als auf diesem Weg politische Unruhen entbrannten, wich die Karawane flugs aus: 1992 nach Kapstadt. 1997 nach Ägypten. In diesem Jahr trägt die Route zwar noch stolz den Namen Dakar, weil das nach Abenteuer klingt, im Senegal kommt der lärmende Tross aber nicht mehr vorbei. Man kann darin gleich mehrere Zeichen sehen. Erstens: Der Schwachsinn sucht sich immer einen Weg. Zweitens: Die wilde Hatz durch die Wüste ist zu einem Markenartikel geworden, der sich prima vermarkten lässt.

Für diesen Trend gibt es deutliche Anzeichen. Für die diesjährige Wüstenrundfahrt hat ein spanischer Telefonkonzern seinen guten Namen als Titelsponsor hergegeben; sein Logo prangt neben jeder Startnummer, und auf den Bildern von diesem Spektakel ist es stets deutlich zu sehen. Täglich auf Eurosport, in Ausschnitten zudem bei RTL. So viel Präsenz hat die Jagd durch Afrika hierzulande selten erfahren, was wenig verwundert. Motorsport ist in. Ist gesellschaftsfähig. Ist sexy. Herrn Schumacher und Frau Kleinschmidt, den Konzernen Daimler und BMW und VW sei Dank.

Gerade einmal elf Jahre ist es her, da wetterte die taz über den Auftrieb: "kolonialistische Spektakel", "die sandigste Ausprägung des Männlichkeitswahns". Der französische Armen-Pfarrer Abbé Pierre nannte es damals "eine Ungeheuerlichkeit, einen solchen Spaß für Millionäre vor den Augen von Verhungernden zu organisieren". Selbst Udo Jürgens sang vor zwölf Jahren gegen den Dreck an, den der Treck durch die Wüste dort zurückließ. In Frankreich, wo der Nukleus des Rallye-Irrsinns gesprossen war, formierten sich rund 200 afrikanische und europäische Organisationen zum Bündnis Pa´ Dak, dessen Namen sich aus dem Französischen pas d´accord – nicht einverstanden – ergab. Prominente Unterstützer des Paktes: Simone de Beauvoir und der französische Staatssekretär Haroun Tazieff. Und heute?

Simone de Beauvoir ist lange tot, Udo Jürgens singt längst wieder über die Liebe, und von Pa´ Dak ist nicht mehr viel zu hören. Den Ton geben inzwischen andere an. Ari Vatanen zum Beispiel. Der viermalige Dakar-Sieger hat es mittlerweile zum Abgeordneten des Europa-Parlaments gebracht. Offenbar lastet ihn die politische Arbeit jedoch nicht aus. In diesem Jahr gibt der 50- Jährige nach etlichen Jahren Pause sein Comeback bei der Dakar. Am Freitag verriet er Eurosport begierig, wie sehr er sich auf die anstehenden Etappen in Afrika freue. Wie auch Jean-Marie Pfaff, der ehemalige Torhüter des FC Bayern, der in einem Lastwagen mitfährt, und Syndiély Wade, die Tochter des senegalesischen Präsidenten, die in einem Geländewagen viel Staub aufwirbelt.

Die Liste der prominenten Fahrgäste ist lang: Der monegassische Thronfolger Prinz Albert quälte sich bereits durch die Hitze, der Sänger Johnny Halliday und der Schauspieler Claude Brasseur. Mark Thatcher, der Sohn der damaligen britischen Premierministerin, blieb 1982 gar für drei Tage verschollen. Ähnliches ist heute kaum noch zu erleben. 17 Flugzeuge und neun Helikopter begleiten die Abenteurer, Satelliten haben ein Auge auf sie, auch wenn das zumindest an den ersten Tagen reichlich übertrieben wirkte. Denn der Drang zum Kommerz treibt die Abenteuerhungrigen offenbar zurück in die Nähe der Zivilisation. Die ersten Etappen wurden dieses Mal in Frankreich und Spanien ausgetragen. Am Donnerstag polterte die Karawane durch eine Steinwüste bei Corbières. Dummerweise war die Strecke an manchen Stellen so schmal, daß die breiten Autos stecken blieben und sich der Verkehr staute wie auf Münchens Mittlerem Ring zur rush hour. Am Freitag wurde es noch absurder: Bei Castellon durften die mehr als 300 Teilnehmer mit ihren Gefährten am Strand über einige Dünen hüpfen. Im Hintergrund waren die gewaltigen Kräne des Hafens zu sehen und tausende Neugierige, aber wenn sich die Autos im Sand festfraßen, mussten die Protagonisten sie alleine freischaufeln. Ein Off-Road-Spektakel on the beach!

Seit Sonntag ist nun in Afrika zu bewundern, wie sehr sich die Rallye in den vergangenen Jahren verändert hat. Nachdem die Raserei unter den Einheimischen regelmäßig Tote forderte, gelten in den Ortschaften Tempolimits, und weil der Fortschritt auch vor den Auspuffrohren nicht Halt macht, quellen nur noch selten mächtige Abgaswolken in den Himmel über Afrika. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen ist deshalb nicht beantwortet, sie wird bloß nicht mehr gestellt.
Von René Hofmann



Information Rallye Kairo - Dakar 2000

Information Rallye Paris - Dakar 2001

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Information Rallye Marseille - Sharm El Sheika 2003



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