taz
28.03.2002

Uganda greift in Sudan ein

Neue Allianzen im Krieg gegen den Terror: Mit Billigung der sudanesischen Regierung jagt der traditionelle Erzfeind Uganda im Südsudan Rebellen auf der US-Terrorliste

Der Krieg gegen den Terror bringt neue Allianzen. Uganda, enger Verbündeter der USA in Ostafrika, und Sudan, nach US-Auffassung Unterstützer des internationalen Terrorismus, arbeiten neuerdings militärisch im Südsudan zusammen. Die Kooperation der beiden bisher verfeindeten Armeen ist ein Erfolg für die US-Diplomatie.

Ziel der Militäraktion ist die LRA (Lords Resistance Army), eine christlich-fundamentalistische ugandische Rebellengruppe, die im Sudan ihre Basen hat und sich durch das Verschleppen ugandischer Kinder in den Sudan bekannt geworden ist. Die LRA unter Führung von Joseph Kony dient Sudans Armee als Verbündeter gegen die südsudanesische Rebellenbewegung SPLA (Sudan Peoples Liberation Army), die wiederum Unterstützung aus Uganda erhält. Wiederholte Abkommen zwischen Uganda und Sudan, diesen Stellvertreterkrieg zu beenden, blieben ergebnislos.

Erst seit die US-Regierung am 5. Dezember 2001 die LRA und eine weitere ugandische Rebellenbewegung auf ihre Liste terroristischer Organisationen setzte, sieht sich Sudans Regierung zum Handeln gezwungen. Auf einem Ostafrikagipfel in Sudans Hauptstadt Khartum im Januar einigten sich die Präsidenten Ugandas und Sudans auf eine Zusammenarbeit gegen die LRA.

Am 20. Februar setzten die USA ihre Beziehungen zu Sudans Regierung aus, nachdem Sudans Luftwaffe eine UN-Lebensmittelverteilung im Südsudan bombardierte. Am gleichen Tag reiste US-General Carlton Fulford, stellvertretender Oberkommandierender der in Stuttgart angesiedelten US-Kommandozentrale für Europa, Afrika und den Nahen Osten, nach Uganda für Gespräche mit dem dortigen Militär. Vier Tage später überquerten ugandische Verbände mit schweren Waffen die Grenze nach Sudan. Am Vortag waren 300 LRA-Kämpfer unter dem persönlichen Kommando Konys aus dem Sudan in Norduganda eingefallen, der erste Großangriff in zwei Jahren.

Die Operation ist seitdem beständig ausgedehnt worden. Zunächst war von einem fünf Kilometer tiefen Grenzstreifen die Rede. Nach drei Tagen standen die Ugander schon 30 Kilometer tief auf sudanesischem Gebiet. Am 7. März sagte Ugandas Verteidigungsminister, Amama Mbabazi, man werde im Sudan weiterkämpfen, solange die LRA der ugandischen Grenze näher als 1.000 Kilometer komme.

Die ugandischen Truppenverbände sind nach amtlichen Angaben 700 Mann stark, die LRA soll noch 500 Kämpfer haben. Aber die ugandische Intervention im Sudan hat mehr Folgen, als es diese niedrigen Zahlen vermuten lassen. Denn indem Ugandas und Sudans Armeen zusammenarbeiten, droht der SPLA die Isolation. Aus diesem Grund geht die SPLA nun selbst in die Offensive. Neue SPLA-Verbände wurden mobilgemacht, um die von Sudans Regierung gehaltenen südsudanesischen Städte Torit und Juba einnehmen, zwischen denen ein wichtiges Lager der LRA liegen soll.

Anfang letzter Woche erlaubte Sudans Regierung Uganda, Soldaten nach Juba und Torit zu schicken. Daraufhin begann die LRA, Sudans Armee anzugreifen, und tötete 22 Soldaten sowie einen ranghohen ugandischen Militär. Sudans Militär wurde daraufhin selbst gegen die LRA aktiv. Das entlastet Ugandas Soldaten, von denen eine Gruppe prompt verloren ging und sich nun angeblich auf dem Weg zur SPLA im Busch nahe Juba befindet.

Während Ugandas Generäle munkelten, vielleicht sei Sudans Armee nicht ganz unschuldig an Ugandas Todesopfern, bekräftigte die SPLA, sie werde ihre Angriffe auf Sudans Ölfelder fortsetzen. Und die bewaffnete sudanesische Exilopposition sammelt angeblich Verbände in Eritrea für eine neue Front im sudanesischen Krieg. Ugandas Intervention im Sudan könnte noch unabsehbare regionale Folgen haben.
Von DOMINIC JOHNSON


Das Waisenhaus der Affen

Die Insel Ngamba im Victoriasee ist ein einziges großes Waisenhaus. Unter Flusspferden und Waranen leben hier dreißig junge Schimpansen, die ohne den Schutz der Insel und die Hilfe ihrer menschlichen Betreuer sterben würden. Denn ihre Eltern wurden von Jägern getötet. Bushmeat, Affenfleisch aus dem Dschungel, gilt als Delikatesse und wird überall auf der Welt illegal unter dem Ladentisch verkauft. Zurück bleiben verstörte Schimpansenjunge, die für die Jäger zu mager und unrentabel sind und die ohne die Anleitung ihrer Eltern das Überleben in der Wildnis nicht lernen können.
Das neu angekommene Schimpansenjunge bleibt schüchtern neben den Büschen stehen. Es beobachtet die anderen Affen, ohne Kontakt aufzunehmen. Die Augen weit geöffnet, tritt es auf den Ästen von einem Bein auf das andere. Es wohnt noch nicht lange auf der Insel Ngamba im ugandischen Teil des Victoriasees und ist eins von 30 Schimpansenwaisen, die meist als Babys hierher gebracht werden. Krank, verwahrlost und völlig traumatisiert. Denn sie leiden unter dem Verlust ihrer Eltern ähnlich wie Menschenkinder. Viele haben mitangesehen, wie Jäger ihre Familien getötet und zerstückelt haben. Doch die Affenwaisen hatten noch Glück. Sie wurden gerettet und schließlich in die Auffangstation gebracht. Die gesamte Insel Ngamba dient seit vier Jahren als Waisenhaus, eingerichtet mit der Unterstützung vom Jane Goodall Institut. Auf einer Lichtung stehen nun die Unterkünfte der Betreuer und der Schlaf- und Eingewöhnungskäfig, in den die Affen jede Nacht zurückkehren. Auf 40 Hektar Regenwald müssen die Tiere nun von Menschen lernen, was ihre Eltern ihnen nicht mehr beibringen konnten. Wie man klettert, was man essen kann und was nicht, oder wie man sich ein Nest baut. Über 250 weitere gerettete Schimpansenwaisen brauchen ein neues Zuhause, aber Ngamba ist ausgelastet: Obwohl die Tiere zusätzlich gefüttert werden, ist der Wald schon jetzt geschädigt. Die Insel ist zu klein. Doch die Mitarbeiter vom Jane Goodall Institut besichtigen schon die Nachbarinsel.


pte
02.04.2002

Ausgediente Computer für Schulen in Afrika

Britische Universität hilft Schülern in Uganda mit PCs

Computer, die in Europas Büros bereits ausgedient haben, werden von der britischen Hilfsorganisation African Educational Programme für Schulen in Uganda verwendet. Das Projekt wurde von einem in Großbritannien lebenden Ugander gestartet, berichtet BBC-online in seiner heutigen Ausgabe. Bereits im Sommer werden die ersten Geräte nach Afrika geschickt werden.

"Bei den meisten PCs, die wir erhielten, handelte es sich um Geräte, die wegen schwacher Leistung gegen neue ausgetauscht werden", so Morris Agaba, Forscher an der Stirling Universität http://www.stir.ac.uk und Begründer der EDV-Unterstützung. Die Idee dazu kam ihm schon vor einigen Jahren, als er sah, wie viele funktionierende PCs in Unternehmen und Institutionen gegen neue Systeme ausgetauscht wurden. Die alten PCs wurden zumeist verschrottet. Agaba meinte darin eine Chance zu einer effektiven Hilfe zu entdecken.

Die ersten 50 PCs sind für eine Sekundärschule 250 Kilometer nordöstlich von Kampala bestimmt. Dort gebe es, so Agaba, einen einzigen Computer, mit dem die Administrationsarbeit der Schule erledigt wird. Die meisten der rund 1.000 Schüler haben vermutlich überhaupt noch niemals einen Rechner zu Gesicht bekommen. "Die PCs werden das Lernen erleichtern und den Horizont der Schüler erweitern", so Agaba. Die Geräte werden mit einfachen Textverarbeitungs- und Grafikprogrammen ausgestattet sein. In Zukunft sollte es für die Schüler auch möglich sein, im Internet zu surfen.

Die meisten der Geräte, die den Weg nach Afrika antreten werden, stammen direkt von der Stirling Universität. Agaba ist aber zuversichtlich, daß es sehr viel mehr ausgediente Geräte bei anderen Unternehmen gibt, die ebenfalls für das neue Bildungsprogramm in Afrika verwendet werden könnten. Das größte Problem, das es im Augenblick gibt, sind die teuren Transportkosten nach Uganda. Außerdem ist es notwendig, daß zumindest einige Lehrer der Schule in Europa EDV-Kurse besuchen, damit sie ihr Wissen den Schülern weiter vermitteln können.
Von Wolfgang Weitlaner


pte
20.11.2002

Uganda versinkt in Gesundheitskosten

Aids-Epidemie und Malaria belasten Wirtschaft mit jährlich einer Mrd. Dollar

Aids und Malaria verursachen Uganda Kosten von mehr als einer Mrd. Dollar pro Jahr. Die Hauptgründe für die gewaltigen Ausgaben sind die direkten Behandlungskosten gepaart mit einem Verlust des Wohlstands als Ergebnis einer sinkenden Arbeitskraft. Dies erklärte der Präsident von Uganda Yoweri Museveni auf einer Konferenz der 14 Gesundheitsminister von Ost-, Zentral- und Südafrika.

"Uganda verliert in etwa 702 Mio. Dollar durch die Aids-Epidemie und 348 Mio. Dollar durch Malaria", erklärte Museveni. Im Vergleich mit den Erlösen, die Uganda durch Kaffee-Exporte erzielt, sei der Verlust um einiges höher. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Ugandas beträgt lediglich sechs Mrd. Dollar pro Jahr. Dies hat u.a. zur Folge, daß Uganda lediglich zwölf Prozent des BIP für Gesundheitsservices zur Verfügung zu stellen. 2001 wurde im Zuge der so genannten "Abuja Declaration" beschlossen, 15 Prozent des BIP für den Gesundheitsbereich, insbesondere für die Behandlung von Aids, Malaria und Tuberkulose aufzuwenden. Andere Staaten in dieser Region können noch weniger in den Gesundheitssektor stecken, der Anteil am BIP beträgt mitunter weniger als sieben Prozent, berichtet die Online-Ausgabe der ugandischen Tageszeitung The New Vision http://www.newvision.co.ug .

Die Regierung Ugandas ist für ihre offene Aids-Politik bekannt. Der Kampf gegen die tödliche Immunschwächekrankheit ist allerdings steinig. Laut Angaben der Uganda Aids Commission sind rund 9,5 Prozent, 1,9 Mio. Menschen, der erwachsenen Bevölkerung HIV-positiv. Seit der ersten Aids-Diagnose in Uganda 1982 sind rund 900.000 Menschen an den Folgen der Krankheit gestorben. Gleichzeitig hat die Aids-Epidemie die Lebenserwartung von 48 Jahren 1990 auf 38 Jahre im Jahr 1997 gesenkt.
Von Sandra Standhartinger


taz
24.03.2003

Ruanda und Uganda drohen einander mit Krieg

Im Schatten des Irakkonflikts eskalieren die Spannungen im Afrika der Großen Seen. UN-Mission im Kongo besorgt

Im Afrika der Großen Seen verdüstern sich die Friedensaussichten. Ein Krieg zwischen Uganda und Ruanda, womöglich auf dem Territorium ihrer jeweiligen Verbündeten in den Rebellengebieten der Demokratischen Republik Kongo, wird immer wahrscheinlicher.

Presseberichten zufolge beschloss das ruandische Parlament am Mittwoch, Ruandas Armee zurück in den Kongo zu schicken. Ruandas Regierung dementierte das am Wochenende, aber offenbar gab es bei der fraglichen Parlamentssitzung eine informelle Mehrheit für einen solchen Schritt ohne Abstimmung. Eigentlich zog Ruanda, das im Kongo die größte Rebellenbewegung RCD (Kongolesische Sammlung für Demokratie) unterstützt, seine Truppen vergangenes Jahr im Einklang mit einem UN-Friedensplan aus dem Kongo ab, ebenso wie alle anderen ausländischen Eingreifer dort. Aber Uganda behielt mit UN-Erlaubnis 2.000 Soldaten in Region Ituri im Nordosten des Kongo, und diese vertrieben Anfang März die mit Ruanda verbündete Rebellengruppe "Union kongolesischer Patrioten" (UPC) aus diesem gold- und ölreichen Gebiet.

Offiziell begründete Uganda den neuen Feldzug im Kongo mit der Notwendigkeit, Rückzugsgebiete ugandischer Rebellen zu erobern. In einer Reaktion behauptete Ruandas Regierung letzte Woche, Ugandas Verteidigungsminister Amama Mbabazi habe im Kongo Kontakt zu ruandischen Hutu-Milizen aufgenommen, und drohte: "Dann hat Ruanda jeden legitimen Grund, zurück in den Kongo zu gehen, um dieser Bedrohung zu begegnen".

Seit Wochen wird die ruandische Bevölkerung von den Medien des Landes auf einen möglichen Konflikt mit Uganda eingeschworen. In Ruanda finden dieses Jahr ein Verfassungsreferendum sowie die ersten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen seit dem Völkermord von 1994 statt. Die herrschende "Ruandische Patriotische Front" (RPF) unter Präsident Paul Kagame ist bestrebt, sich ihres Images einer prougandischen Bewegung zu entledigen - die RPF war 1990 im ugandischen Exil entstanden. So könnte ein Waffengang gegen Uganda die Beliebtheit Kagames erhöhen.

Nach ugandischen Berichten hat Ruanda mehrere tausend Soldaten an der Grenze zu Uganda zusammengezogen. Im Kongo behaupten Gruppen, die der dortigen Regierung von Joseph Kabila nahe stehen, Ruanda habe bereits tausende Soldaten in das Land entsandt, um die Verbündeten Kabilas und Ugandas im Nordosten des Kongo anzugreifen. Die UN-Mission im Kongo äußert sich, wie immer bei einer kriegerischen Eskalation im Land, besorgt.
Von DOMINIC JOHNSON


taz
23.05.2003

Afrikas Frauenheldin nimmt den Hut

Speciosa Kazibwe, Vizepräsidentin von Uganda und umstrittene Fürsprecherin unterdrückter Frauen, tritt entnervt ab

Nach außen war es ein ganz normaler Rücktritt. Ugandas Vizepräsidentin Speciosa Kazibwe bat Staatschef Yoweri Museveni, sie von ihrem Posten zu entbinden, damit sie eine Doktorarbeit an der "Harvard School of Medicine" schreiben kann. Aber es war für Kazibwe typisch, daß niemand ihr diesen Grund so richtig abnahm. Zu viele Kontroversen hat Afrikas höchstrangige Politikerin in ihrer neunjährigen Amtszeit angefacht. Aber sie lässt ein Uganda zurück, in dem offener als irgendwo sonst auf dem Kontinent über Frauenthemen diskutiert wird.

Im März 2002 löste sie ein gesellschaftspolitisches Erdbeben aus, als sie sich von ihrem Ehemann Charles Kazibwe trennte. "Ich bin froh, einen Mann verlassen zu haben, der mich schlug", sagte sie. Plötzlich war Gewalt in der Ehe, ansonsten in Afrika ein absolutes Tabu, ein Politikum. "Spe", wie Speciosa Kazibwe im Volk genannt wird, wurde zur Heldin unterdrückter Frauen. Ihr Mann Charles konterte, seine Frau habe ihn sexuell geschnitten, seit sie 1994 Vizepräsidentin wurde. Dann gründete Sam Njuba, Wahlkampfleiter der Opposition bei Ugandas Präsidentschaftswahl 2001, einen Verein für Männer politisch aktiver Ehefrauen und sagte, er wolle mit Charles Kazibwe "Erfahrungen austauschen". Letzterer wurde kurz darauf im Rahmen einer rabiaten gerichtlichen Schuldeneintreibung kurzzeitig festgenommen.

Speciosa Kazibwe war damit in ihrem Element. Die am 1. Juli 1955 geborene Katholikin aus dem Südwesten Ugandas hatte an der Universität Makerere Medizin studiert und dabei gegen Diktator Idi Amin Studentenproteste organisiert. Später, als Uganda im Bürgerkrieg versank, schloss sie sich Musevenis Rebellen an, die 1986 die Macht ergriffen. 1989 wurde sie Musevenis Vizeindustrieministerin, später Frauenministerin und 1994 stellvertretendes Staatsoberhaupt. Wegen des Verschwindens von Staatsgeldern, die zum Bau von Staudämmen gebucht waren, geriet sie in den Strudel eines Korruptionsskandals.

Ihre Autorität etablierte Kazibwe schnell, als sie bei ihrer ersten Parlamentsrede die stinkenden Socken ihrer männlichen Kollegen tadelte. Sie rief ständig Frauen dazu auf, sich gegen überhebliche und gewalttätige Männer zu wehren. Um des Ausgleichs willen kritisierte sie dann auch prügelnde Ehefrauen. Ihr Leitgedanke war immer: Wer öffentliche Ämter bekleidet, sollte erst mal seine persönlichen Probleme in den Griff kriegen.

Mit der Trennung von ihrem Mann und dem nachfolgenden, noch immer nicht beendeten Scheidungsverfahren fiel Speciosa Kazibwe aber hinter den eigenen Anspruch zurück und galt ihren Kollegen zunehmend als Belastung. Oppositionspolitiker Norbert Mao verlangte eine staatliche Untersuchung ihrer "Affären", mit bewusstem Doppelsinn. Ihre Reaktion: soll er sie doch verklagen.

"Immer, wenn sie Schlagzeilen macht, geht es um einen Skandal", kommentierte die Oppositionszeitung Monitor vor einem Monat, als erste Gerüchte einer Entlassung Kazibwes die Runde machten. Mit ihrem Rücktritt hat sie jetzt präventiv gehandelt - und sich das Recht auf lebenslange Pension gesichert. Das letzte peinliche Wort blieb ihrem Noch-Ehemann Charles vorbehalten: "Sie hätte mir wenigstens sagen müssen: Liebling, ich will wieder studieren.
Von DOMINIC JOHNSON


Frankfurter Allgemeine Zeitung
17.08.2003

Blutige Zeiten in Uganda

Draußen, vor der Zelle, hörte ich ein seltsames Geräusch, so als würde ein Ei aufgeschlagen. Sie hatten gerade einen Mann weggeschleppt, der auf dem Boden lag. Ich wusste es damals nicht, aber andere Gefangene in Idi Amins Militärgefängnis in Makindye erzählten mir später, daß der Henker einen Vorschlaghammer benutzt hatte. "Wenn du in der Zelle der Verdammten bist, zerschlagen sie dir den Schädel", erklärten mir die anderen Gefangenen.

Heute - gut drei Jahrzehnte später - ist Amins Name Gott sei Dank Geschichte. Sein Tod am Samstag in Saudi-Arabien nach fast einem viertel Jahrhundert im Exil macht für alle Zeiten ein Comeback unmöglich. 1972 war das anders. Da herrschte Idi Amin uneingeschränkt über Uganda. Durch das Fenstergitter unserer Zelle hörten wir das Lachen von Kindern und das pulsierende Leben einer Bar auf der anderen Straßenseite. Krähen schabten mit ihren Krallen auf dem Blechdach. Auf dem nackten Betonboden lagen oder saßen ein paar Gefangene, alle Afrikaner. Es stank nach Übergebenem. Überall an den Wänden klebte getrocknetes Blut. Viel geredet wurde nicht. "Lass sie doch kommen und es beenden", sagte ein Mann in Suaheli.

In meiner Kindheit in Kenia hatte ich die Sprache gut genug gelernt, um ihn zu versehen. Leider. Im Wachraum des Gefängnisses hatte ein Soldat mir mit einem Knüppel eins über den Schädel gezogen. "Die beiden da, die werden diese Nacht um Wasser flehen, weil wir ihnen ihre Haare abfackeln werden", erklärte er mir.

Eine fliegende Untertasse
Mein Gefährte war Sandy Gall vom Nachrichtenprogramm des Fernsehsenders Independent. Wir waren nach Kampala geschickt worden, um über die aus heiterem Himmel entschiedene Ausweisung der asiatischen Minderheit - rund 40.000 Menschen - zu berichten. Er war aus London und ich aus Nairobi angereist.

Ich kannte das Land. Hatte ich doch mit dem Tyrannen höchstpersönlich häufig nett geplaudert, in Suaheli versteht sich. Amin war immer für eine Story gut. Fleet Street war begeistert. Einmal hatte er eine fliegende Untertasse gesehen. Er liebte Journalisten. Zum Frühstück schaltete er das BBC ein, um zu sehen, ob er in den Nachrichten war. Afrika fand es peinlich.

Eine blutige Säuberung
"Wenn ich eine Frau wäre, würde ich ihn bestimmt heiraten", sagte er einmal über den Präsidenten Tansanias, Julius Nyerere, den er in Wahrheit hasste. Denn Nyerere gewährte seinen Gegnern Asyl. Und während Amin noch damit beschäftigt war, die Asiaten auszuweisen, drangen diese Dissidenten in Uganda ein. Eine blutige Säuberung nahm ihren Gang.
Alle westlichen Journalisten, derer Amin habhaft werden konnte, wurden eingesperrt bis alle Aufrührer und ihre vermeintlichen Anhänger abgeschlachtet waren. Amin vermied es, Ausländer zu töten, er fürchtete, daß in diesem Fall Großbritannien sich mit Nyerere zusammentun würde. Die Spione waren wir. Und wir konnten jetzt hinter der Clown-Maske den wahren Amin sehen.

Ein gepunktetes Kleid
Die drei Männer und eine Frau in einem mit Punkten getupften Kleid nahmen mich fest. In meinem Pass sahen sie, daß ich gerade noch in Tansania gearbeitet hatte. Ein Schläger mit dunkler Sonnenbrille kochte vor Wut. Er befahl mir, mich in den Kofferraum eines Peugeot 504 zu legen. Das bedeutete, daß man so gut wie tot war. Ein Polizeioffizier verhinderte das. Ich fürchte, er war ein mutiger Mann, der wahrscheinlich nicht lange überlebte. "Sie werden freikommen und werden vielleicht in ein paar Tagen deportiert", flüsterte er mir zu. In dem Hotel stöberten sie noch Sandy auf. Als sie keine weiteren "Spione" finden konnten, fuhren sie uns zum Makindye-Gefängnis.
In der Hinrichtungszelle wurde es dunkel. In dem eisernen Türschloss war das Klirren der Schlüssel zu hören. Ein Dutzend neue afrikanische Häftlinge kamen herein. Sandy begann zu beten. Ein Feldwebel brüllte ein Kommando: "Ihr zwei Europäer, ihr kommt mit mir."

"Zünde für Uganda eine Kerze an"
Im Halbdunkeln ging es vorbei an Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten zu einer anderen Zelle, wo ein Licht brannte. Später stellte sich heraus, daß diese Zelle den privilegierten Häftlingen vorbehalten war. Einer hatte einen Flachmann mit Kaffee. Als die anderen Gefangenen begriffen, woher wir kamen, war ihr Aufseufzen unüberhörbar: "Ihr habt Glück, daß ihr da lebend rausgekommen seid."
Mich verfolgt bis heute der Gedanke an das Schicksal jener zehntausender von Menschen, die nicht davon gekommen sind. Vor etwa einem Jahr war ich wieder in Kampala. Meine Gastgeber schenkten mir einen geschnitzten Kerzenhalter. "Zünde für Uganda eine Kerze an", baten sie mich. Das hat geholfen. Aber es was so verdammt wenig, was ich tun konnte.
Von Nicholas Moore



taz
23.02.2006

Der ewige Revolutionär von Afrika

Die politische Unbeweglichkeit eines Helmut Kohl, die intellektuelle Überheblichkeit eines Joschka Fischer, dazu die autoritäre Skrupellosigkeit eines Wladimir Putin - mit all diesen Attributen lässt sich gut erklären, worin das Paradox von Ugandas Präsident Yoweri Museveni besteht, der sich heute nach zwanzig Jahren an der Macht seiner ersten komplett freien Wahl stellt. Man kann verstehen, wieso viele Ugander ihn so verehrten, als er sich 1986 an die Spitze des Landes kämpfte - und zugleich, warum viele ihn so verachten, wenn er jetzt die Wiederwahl sucht.

1986 war Uganda in einem ähnlichen Zustand wie heute der Kongo, von Jahren des Krieges und des Staatszerfalls zerrissen. Museveni, der als Chef der Guerillabewegung Nationale Widerstandsarmee (NRA) die Hauptstadt eroberte, war da eine revolutionäre Neuerung. Nicht nur besaß er die richtige Taktik, um die Macht erst zu erobern und dann zu halten; er hatte auch die richtigen politischen Ideen, um Uganda neue Perspektiven zu bieten. Die alte Westminster-Demokratie, sagte er, reproduziere in ihrer Parteienlandschaft bloß die mörderischen ethnischen und religiösen Spaltungen des Landes. Ein Rätesystem müsse her, basisdemokratisch und zentralistisch zugleich, für den Wiederaufbau. Erst nach der Industrialisierung im Schnelldurchlauf, ohne Rücksicht auf Ideologien, könne man das wieder ändern.

Charismatisch und visionär hämmerte Museveni dies seinen Landsleuten pausenlos ein. Uganda erlebte mit Erstaunen, wie im Großteil des Landes Frieden einkehrte und die Wirtschaft aufblühte. Museveni, Vordenker der afrikanischen 68er um Tansanias Revolutionsführer Julius Nyerere, dachte in Generationen, nicht in Legislaturperioden. In immer mehr Ländern kämpften sich seine Gesinnungsgenossen an die Macht - Südafrika, Äthiopien, Ruanda, Kongo. Bald regierte diese "neue Generation" fast im gesamten südlichen und östlichen Afrika.

Doch da, in den 90er-Jahren, begann Museveni abzuheben. Vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean wollte er die Modernisierung verbreiten, mittels Militärinterventionen. Seine Armee wurde zur wichtigsten Säule seiner Macht. "Bismarck am Nil" tauften ihn seine Kritiker. Den fälligen Generationenwechsel zu Hause trieb er nicht voran. So trennten sich enge Mitstreiter von ihm. Heute träumt Museveni immer noch von Afrikas strahlender Zukunft, mit sich als Held. Es sei überhaupt nicht einzusehen, warum weniger intelligente Leute als er Uganda regieren sollten, tönte Museveni dieses Jahr im Wahlkampf. Selbst wenn er siegen sollte: Sein guter Ruf gehört der Vergangenheit an.

Von Dominic Johnson


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