Süddeutsche Zeitung
17.07.2002
Dar es Salaam - Also, Hexen sind keine zu sehen. Nur ein alter Mann mit dickem Bauch, zerrissenem Hemd und einem Tuch um die Hüften. Er liegt auf einer Strohmatte, auf der Terrasse seines Hauses, dem einzigen gemauerten in dieser hügeligen Gegend. Ansonsten gibt es hier nur kleine, viereckige Lehmhütten zwischen Palmen, Bananen- und Papayastauden und ein paar verdreckte Kinder, die mit einem Stoffbündel Fußball spielen. Was man denn wolle, begehrt der Mann zu wissen. Ob man ihm am Ende seine Geheimnisse stehlen, vielleicht auch noch viel Geld damit machen wolle, so daß man einen dicken Bauch bekomme und viele Frauen, während er, der sich nicht einmal ein ordentliches Hemd leisten kann, weiter in seiner kleinen Hütte leben müsse? Nein, er will von seinem wertvollen Wissen nicht viel preisgeben, nur ein bisschen, aber dafür will er bezahlt werden.
Muhamed Sultan Kiwingu heißt der Mann. Wie alt er ist, weiß er nicht. Als Berufsbezeichnung gibt er an, "traditioneller afrikanischer Arzt" zu sein, seine Kunden hingegen bezeichnen ihn als Hexendoktor. Darüber lacht Kiwingu. "Sagen wir es so: Ich kann Ihnen in allen Lebenslagen helfen." Und dann gibt er ein paar Rezepte preis: Gegen Malaria nimmt er die Rinde eines Mango-Baumes und die Abfälle von Zuckerrohr, das trocknet und zerstampft er und gießt es mit Tee auf. Gegen Tuberkulose hilft Blütenblätterbrei. Und ist jemand verrückt geworden, muß der warten, bis ein anderer Mensch stirbt. Mit dem Wasser der dritten Leichenwäsche kocht er Wurzeln und Rinden, und mit dem Sud wird erst der Kopf, dann die Brust des Verwirrten eingespritzt, danach muß der Patient den Rest trinken. "Schon nach kurzer Zeit kann er wieder klar denken." Was er aber gegen Hexen macht, will Kiwingu nicht verraten, ansonsten könnten diese ja ein Gegenmittel verwenden. Nur so viel: Er habe einen unsichtbaren Schutzring um das Dorf gezogen. Trete eine Hexe in diesen Ring, könne er sie nackt tanzen sehen. "Glauben Sie mir", sagt der Arzt, "die ganze Gegend ist voller Hexen. Überall, wo Sie auch hinsehen. Sie wollen mein Geld, meinen Besitz, meine Kinder, meine Frau."
Sie fressen Herzen
Doktor Kiwingus Hexenvisionen wären weit befremdlicher gewesen, hätte es nicht zuvor schon ein paar eigenartige Begegnungen in der nur ein paar Kilometer entfernten tansanischen Küstenmetropole Dar es Salaam gegeben, einer modernen afrikanischen Großstadt mit Wolkenkratzern, vierspurigen Autobahnen, Handyshops und internationalen Banken. Da war zunächst Hassan Nassoro, eine Zufallsbekanntschaft vor einem Internetcafé. Beim Kaffeetrinken kam der 48-jährige Jurist auf seine Schwester zu sprechen. Die sei verrückt geworden. Von einem Tag auf den anderen. Sie habe wirres Zeug geredet und dauernd versucht, sich die Kleider vom Leib zu reißen. Die Familie musste sie einsperren und oft auch fesseln. "Ich glaube nicht an Hexerei", sagte Nassoro, "ich bin Anwalt, ich glaube nur an Beweise." Aber der Grund für den Zustand seiner Schwester sei ein Mann gewesen, der sie nicht heiraten durfte. Deshalb, so habe dieser ihr gesagt, werde er sie verhexen lassen. "Kurz darauf hat sie den Verstand verloren."
Die zweite Begegnung fand auf dem Campus der Universität statt. Dort stand James Mgala herum und schaute stundenlang anderen Menschen zu, anderen, die mehr Glück hatten als er. Er habe die Zulassung zum Studium nicht geschafft, sagt er, obwohl er doch ein talentierter Schüler gewesen sei. Der Lehrer sei schuld, der werde von bösen Kräften beherrscht, von Kräften, die ihm, dem 22-jährigen James, die Zukunft zerstört hätten. Und dann erzählte er von Hexen, die unsichtbar auf silbernen Untertellern durch die Nacht fliegen und bei geheimen Treffen die Herzen der Menschen fressen. Das Herz seines Lehrers sei auch von einer Hexe gefressen worden.
Und als dann auch noch der Hausangestellte einer Geschäftsfrau erzählte, daß er nur noch einmal pro Woche arbeiten dürfe und daß das Verhältnis zu seiner Chefin plötzlich furchtbar schlecht geworden sei, weil der Nachtwächter mit bösen Mächten im Bund sei, da war klar, daß der Glaube an Hexerei eine Realität in Tansania ist, eine, die im 21. Jahrhundert das Leben der Menschen nicht weniger bestimmt als die Frage, wo sie Essen, Arbeit oder Unterkunft herbekommen sollen. Der Hausangestellte hat dann auch seinen Hexenarzt vorgestellt: Doktor Kiwingu.
Nicht nur in Tansania, auch in Südafrika, Kongo, Uganda, Simbabwe oder Kamerun glauben die meisten Afrikaner, von bösen Geistern bedroht zu werden. In diesen Ländern gibt es heute noch Gesetze, die Hexerei unter Strafe stellen. In Tansania aber hat die Hexenmanie besonders brutale Konsequenzen. Jedes Jahr werden Hunderte, teilweise auch Tausende Menschen umgebracht, weil ihnen nachgesagt wird, Hexen zu sein oder mit Hexen zusammenzuarbeiten. Allein zwischen 1994 und 1998 starben einer Studie des tansanischen Familienministeriums zufolge mehr als 5000 Menschen bei solchen Jagden, Tendenz steigend. Und der Verband der Medienfrauen berichtet, dass mehr als 80 Prozent der Opfer ältere Frauen seien und die Täter meist Männer zwischen 16 und 35 Jahren. Diese würden von der Dorfgemeinschaft oft nicht angezeigt, sondern für die Morde auch noch bezahlt, weil sie eine vermeintlich gute Tat vollbracht hätten.
Will man wissen, warum so viele Menschen an Hexen glauben, muß man Simeon Mesaki besuchen. Selbst an einem späten Sonntagabend findet man ihn schreibend in seinem winzigen Büro an der Universität von Dar es Salaam. Es ist voll gestopft mit Büchern, Akten, Videos und Artikeln zum Thema Hexerei. Seit mehr als 20 Jahren forscht er, und seine Arbeit macht ihn "oft wütend". Die wichtigsten Erkenntnisse schildert der Wissenschafter so: Für einen Großteil der Menschen in Afrika gibt es keinen rationalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Wenn jemand krank wird, sind daran nicht Bakterien oder Viren schuld, sondern dann war das der Nachbar, der Lehrer oder der Onkel, die mit bösen Mächten kooperieren. Die angeblichen Übeltäter werden meist durch Träume überführt. "Träumt einer, dem gerade ein Unglück widerfahren ist, von seiner Nachbarin, dann ist eben die Nachbarin die Hexe." Ob Krankheiten, gescheiterte Vertragsabschlüsse, tote Kühe oder eine verdorbene Ernte, alles kann auf Hexerei zurückgeführt werden. Natürlich, sagt Mesaki, sei an diesem Glauben vor allem die schlechte Schulbildung, die mangelnde Aufklärung schuld, aber auch Gebildete glaubten an die Existenz von Hexen. "Es ist immer irgendein anderer schuld, einer, der mit bösen Mächten paktiert", sagt Mesaki, "die wenigsten glauben, daß sie selbst schuld sind, wenn mal etwas schief geht." So seien in Südtansania gerade zwei Kinder von der Schule verwiesen worden, weil ein Lehrer, der wohl eine Pechsträhne hatte, sie als Hexer verdächtigte. 61 Prozent der Tansanier, das sind fast 20 der 33 Millionen Einwohner, so hat es eine Umfrage der Universität ergeben, haben mindestens schon einmal die Hilfe von vermeintlichen Hexen und Hexenärzten in Anspruch genommen.
Eine Grundvoraussetzung für die weit verbreitet Hexenphobie ist laut Mesaki die Eifersucht und die Missgunst der Menschen. Das sei zwar keine besondere Eigenschaft der Afrikaner, da auch Europäer, Amerikaner und Asiaten eifersüchtig und missgünstig sein könnten, in Afrika aber entfalte dieses Gefühl oftmals zerstörerische Wirkung. Und zwar deshalb: Wenn sich ein Mann in Europa ein schönes Auto kaufe, werde auch dort der Nachbar neidisch. Also kaufe sich der ein noch schöneres, um es dem Nachbarn zu zeigen. Wenn in Afrika aber ein Nachbar auf einmal eine viel bessere Ernte habe als alle anderen, münde dieser Umstand nicht in einen solchen Wettbewerb, da die meisten Menschen glaubten, jeder dürfe nur so viel besitzen, wie es seiner sozialen Stellung entspreche.
Was wächst, wird geköpft
Ein Bauer darf nicht mehr haben als alle anderen Bauern auch. Kommt also ein Landwirt durch eine gute Ernte zu mehr Geld als die anderen, so die weit verbreitete Überzeugung, habe er mit Hilfe böser Mächte diesen Reichtum von der Gemeinschaft gestohlen, deshalb müsse er gebremst werden. "Bei uns wird geköpft, was zu schnell nach oben schießt", sagt Mesaki. Das sei auch der Grund, warum viele Menschen, die ihre Dörfer verließen und in der Stadt zu ein bisschen Geld kamen, ihre Heimat nicht mehr besuchen wollten, aus Angst vor dem Neid und der Rache der Bewohner.
Mesakis Ausführungen kann man sich leicht bestätigen lassen. Bei Doktor Kiwingu. Natürlich sei er als traditioneller Arzt und Dorfchef berechtigt dazu, mehr zu haben als jeder andere Bewohner, sagt er. Ein gemauertes Haus und zwei Lehmhütten gehören ihm, die anderen, sozial niedriger gestellten Männer, besitzen nur eine Lehmhütte. Und was würde passieren, wenn sich ein einfacher Landwirt ein schöneres und größeres Haus baue? "Das ist unmöglich", sagt Kiwingu, "die Bewohner haben doch alle noch weniger Geld als ich." Und wenn es trotzdem passiert? "Dann ginge das nicht mit rechten Dingen zu." Und wenn einer aus dem Dorf auch Arzt werden will, einer, der vielleicht studiert hat, mehr weiß und auch billiger ist? "Das geht nicht", sagt Kiwingu. Er habe diesen Beruf von seinem Vater gelernt und deshalb sei wiederum nur sein Sohn berechtigt, dieses Erbe anzutreten. "Jeden anderen Arzt würde ich aus dem Dorf jagen."
Der Ethnologe David Signer hat im Auftrag des Schweizerischen Nationalfonds drei Jahre lang traditionelle Glaubenvorstellungen in Westafrika untersucht und ist dort genauso oft auf die Angst vor Hexen gestoßen, wie man dies in Tansania erleben kann. Er zog in seiner Studie aber neue, überraschende Schlüsse. In einem Beitrag für die Schweizer Weltwoche hat er sie dargestellt, und schon die Überschrift verbindet zwei Bereiche, die bislang kein Wissenschaftler verbunden hat: "Ökonomie der Hexerei". Laut Signer gibt es einen für die Entwicklung Afrikas fatalen Zusammenhang zwischen der Hexenfurcht, der Zerstörungskraft des Neides und der daraus resultierenden bremsenden Wirkung für die Gesamtwirtschaft. Besonders anfällig für den Glauben an Hexerei seien nämlich konservative Gesellschaften, wie man sie in den meisten Ländern Afrikas findet, in streng hierarchischen Gesellschaften also, in denen Eigenschaften wie vererbte Führung, Alter oder Geschlecht viel mehr zählen als Leistung, Arbeit oder erlerntes Wissen. Wer hier Eigeninitiative zeigt und erfolgreicher ist als andere, macht sich ziemlich schnell verdächtig.
Wie das in der Praxis aussieht, sieht man schon an einem kleinen Beispiel, am gescheiterten Studenten James Mgala. Jetzt, nachdem er nicht studieren kann, macht er sich nicht auf die Suche nach einer Arbeit. "Ich kann doch nicht Bauer oder Straßenarbeiter werden", sagt er. Seine Geschwister studierten, sein Vater habe schon studiert, deshalb komme für ihn auch nur ein Studium in Frage. Da dies nicht möglich sei, kümmere sich jetzt sein älterer Bruder um ihn. "Das ist nämlich seine Pflicht. Er gibt mir genug Geld für Essen, und wohnen kann ich auch bei ihm."
Signer nennt dies "vampirische" oder "kannibalische" Sozialbeziehungen, die den Reicheren ausnehmen, ohne daß der Ärmere dabei wirklich aus seiner Armut herauskommt. "In einer Gesellschaft", schreibt er, "die Erfolg auf Glück, Magie oder die Gunst der Götter zurückführt, ist es nur logisch, daß die Früchte dieses Erfolgs geteilt werden müssen." Die Vorstellung vom wohlverdienten Besitz sei in afrikanischen Ländern wenig ausgeprägt, jeder, der seinen erarbeiteten Lohn nicht teilen wolle, mache sich verdächtig, durch die Hilfe böser Mächte asozial geworden zu sein. Um weiter in Frieden leben zu können, bleibt dem Bruder von James Mgala nichts anderes übrig, als das jüngere, gescheiterte Familienmitglied zu versorgen.
Signer geht sogar soweit, diese vampirische Sozialbeziehung, in der sich diejenigen, die nichts haben, von denjenigen aushalten lassen, die etwas haben, auf das Verhältnis Afrikas zum Rest der Welt zu übertragen. Da Afrika arm sei und somit in der Rangordnung der Weltmächte viel niedriger stehe als zum Beispiel Europa oder Amerika, erwarteten die Afrikaner, daß sie von den Reichen und Mächtigen versorgt werden. Und da sich die internationale Gemeinschaft mal mehr, mal weniger auf diese Erwartung einlasse, entstehe in Afrika fast keine Eigeninitiative, sich aus dem Schlamassel selbst zu befreien. Deshalb brauche sich die Welt auch nicht zu wundern, daß Afrika heute trotz der vielen Milliarden an Entwicklungshilfe wirtschaftlich schlechter dastehe als vor 40 Jahren.
Ausgenommen, abgebrannt
Hassan Nassoro, die Zufallsbekanntschaft vor dem Internetcafé, ist aus diesem Teufelskreis ausgebrochen. Früher hat er für die tansanische Regierung gearbeitet. Er hat den ganzen Tag geschuftet, aber am Ende des Monats ist nichts übrig geblieben, weil er sein Gehalt mit der ganzen Familie teilen musste. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Verwandte man haben kann. Wir Afrikaner nennen das die erweiterte Familie." Er hat gearbeitet und gearbeitet, und dennoch blieb ihm genauso wenig wie denjenigen, die von seinem Geld lebten. "Ich hatte keine Chance, etwas zu sparen." Und was wäre passiert, wenn er nichts abgegeben hätte? "Die hätten mir das Leben zur Hölle gemacht." Vor 18 Jahren hat er dann die Chance bekommen, in Deutschland zu studieren. "Von da an musste ich nur noch den engsten Familienmitgliedern Geld schicken, ich konnte zum ersten Mal etwas zur Seite legen." Vor kurzem ist er in seine Heimat zurückgekehrt, derzeit sucht er eine kleine Pension an der Küste, die er sich kaufen möchte. "Ich garantiere Ihnen, von meinem Geld bekommt die Verwandtschaft nichts mehr, und wenn doch, dann nur noch auf Kredit."
Doktor Kiwingu dagegen steckt immer noch in der "vampirischen Sozialbeziehung", auch wenn er dies natürlich nicht so nennt. Dauernd, so schimpft er, solle er umsonst arbeiten. "Ich weiß doch, daß die Leute hier im Dorf auch ein bisschen Geld haben. Aber die kommen zu mir und sagen, sie hätten nichts, ich, der reiche Chef, soll ihnen kostenlos helfen." Er sei es leid, dauernd von seinen Nachbarn ausgenommen zu werden.
Draußen, vor der Terrasse, wartet schon eine neue Kundin. Ihr Problem sei, sagt sie, daß sie seit einiger Zeit Unglück habe. "Nichts klappt, was ich mir vornehme." Doktor Kiwingu stellt ihr ein Pulver aus zermalmten Ästen und Blüten zusammen, mit dem sie sich die Pechsträhne abwaschen soll, und fordert die junge Frau auf, umgerechnet sieben Euro dafür zu zahlen. Und dann schimpft er weiter auf die angeblich so gierigen Dorfbewohner, was die Kundin ziemlich amüsiert. Deshalb erzählt sie einen Witz, der aus Äthiopien stammt, aber auch in anderen Ländern Afrikas bekannt ist: Einem armen Bauern erscheint ein guter Geist. Einen Wunsch habe er frei, sagt der Geist, und alles, was du dir wünscht, bekommt auch dein Nachbar, und zwar doppelt. Der Bauer überlegt eine Weile, schließlich weiß er, was er will: Reiß mir ein Auge aus.
Von Michael Bitala
pte
16.09.2002
Mit einer breitangelegten Medienkampagne wollen internationale Entwicklungshelfer das Ernteergebnis in Tansania verbessern. Eine multimedia CD-Rom soll auch in den entlegenen Dörfern Aufklärung schaffen wie man die Felder frei von Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern halten kann. Die CD-Rom wird von der Entwicklungsorganisation CAB International http://www.cabi.org hergestellt, berichtet BBC-online.
Der Vorteil der CD-Rom ist, daß sie in den lokalen Sprachen, also für jedermann verständlich das Wissen aufbereitet, das zu einer verbesserten Ernte führen soll. "Darüber hinaus sind auf der CD-Rom viele Bilder enthalten. So finden sich zum Beispiel auch Fotos der wichtigsten Schädlinge auf dem Datenträger", so Theophilus Mlaki von der Tanzania Commission for Science and Technology http://www.tanzania.go.tz . "Verbesserte Methoden im Landbau sind insbesondere für Entwicklungsstaaten immens wichtig", so Peter Scott, Programmleiter der "Crop Protection-CD". Insgesamt sind auf dem Datenträger mehr als 1.800 Schädlinge, Unkräuter und Pflanzenkrankheiten verzeichnet. Jede Gefahrenquelle, die eine Ernte vernichten kann, ist in Wort und Bild beschrieben. "Wenn ein Bauer hier am Land nicht weiß, warum seine Nutzpflanzen sterben, kann er auch keine Schritte dagegen unternehmen", so Scott. Eine der wichtigsten Hilfsmaßnahmen sei die Aufklärung über einfache Hilfsmittel gegen die jeweiligen Probleme.
Ein weiterer Vorteil der CD-Rom ist, daß sie nach einen einfachen Prinzip alle Nutzpflanzen, die in Tansania bedeutend sind, auflistet. "Wie versuchen die lokalen Beamten zu erreichen, damit sie als Köpfe die Bauern aufklären", so Mlaki. Diese gehen mit Laptops ausgestattet in die entlegenen Gebiete des Landes und stellen sich den Fragen der lokalen Bauern", erklärt Mlaki. In einigen Fällen wurden die notwendigen Informationen auch ausgedruckt und an die lokalen Vertreter ausgegeben. "Wenn jemand in einem Dorf wohnt und von der CD-Rom her weiß wie der schlimmste Schädling aussieht, der die ganze Ernte vernichten kann, ist das extrem wichtig", meint Mlaki. Die CD-Rom kostet für Agenturen in Entwicklungsländern 500 Dollar und für Organisationen in entwickelten Ländern 2.000 Dollar.
Von Wolfgang Weitlaner
Süddeutsche Zeitung
23.10.2002
Kaum mehr als ein Dutzend Jahre wird die Eiskappe auf dem Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas, noch überdauern, fürchten Wissenschafter.
Zwischen 2015 und 2020 werde der Gletscher auf dem 5895 Meter hohen Gipfel vollständig abgeschmolzen sein. Derzeit verliert er zwischen einem halben und einem Meter Dicke pro Jahr (Science, Bd.298, S. 589, 2002).
Die Forscher kamen zu diesem dramatischen Ergebnis, als sie mit Eisbohrungen im Krater des Vulkans die Klimageschichte im tropischen Afrika untersuchten. Vor elf- bis viertausend Jahren, so fanden sie heraus, war die Region am Kilimandscharo nicht nur wärmer als heute, sondern es regnete auch mehr. Ähnlich wie Europa erlebte das tropische Afrika zwischen den Jahren 1270 und 1850 eine relativ kühle Epoche, die hierzulande als kleine Eiszeit bekannt ist. Auch die Spuren von drei ausgedehnten Dürreperioden vor 8300, 5200 und 4000 Jahren fanden die Wissenschafter in dem nun nicht mehr ewigen Eis des Kilimandscharo.
RHK
Le Monde
11.10.2002
Tansania genießt bei seinen Nachbarländern uneingeschränkten Respekt, und zwar ungeachtet seiner gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Das hat vor allem drei Gründe, die politische Stabilität des Landes, sein Anteil an der Entkolonialisierung des afrikanischen Kontinents und seine Unterstützung des Kampfes gegen die Apartheid. Dank dem politischen und persönlichen Format von Julius Nyerere, dem Vater der Unabhängigkeit Tansanias, genießt Dar Es Salaam auch als diplomatischer Vermittler in ganz Afrika hohes Ansehen. Der ehemalige Staatspräsident, der im Oktober 1999 an Leukämie gestorben ist, hatte die Idee einer afrikanischen Lösung von regionalen Konflikten mit Leben erfüllt. So wurde Tansania während der Neunzigerjahre etwa bei den bewaffneten Auseinandersetzungen in Ruanda und Burundi als Vermittler hinzugezogen.
Nachdem im Oktober 1990 die aufständische Ruandische Patriotische Front (RPF) eine militärische Offensive gestartet hatte, organisierte Tansania die erste Regionalkonferenz zur Lage der ruandischen Flüchtlinge. Auch eine Reihe weiterer Verhandlungen fand in dem Nachbarland von Ruanda statt. Tansania galt im Konflikt zwischen der RPF und der Hutu-Regierung unter Juvénal Habyarimana als neutral. Da der zairische Staatspräsident Mobutu nicht an den Verhandlungen von Arusha teilnehmen wollte, übernahm Tansania die nicht eben leichte Vermittlerrolle. Dabei agierte die tansanische Diplomatie äußerst diskret und griff immer nur dann ein, wenn die Verhandlungen ins Stocken gerieten. Im August 1993 gelang es, die Parteien zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens zu bewegen. Als Regierungschef Habyarimana sich endlich bereit fand, das Abkommen auch umzusetzen, wurde am 6. April 1994 sein Flugzeug in Kigali von unbekannten Tätern abgeschossen. Dieses Ereignis setzte den Völkermord in Gang.
Eine ähnlich chaotische Entwicklung drohte im benachbarten Burundi. Im Osten Zaires, hieß es damals, hätten sich burundische Hutu-Rebellen mit mörderischen Armeekräften verbündet, während Tutsi-Rebellen in der Hauptstadt Bujumbura für "balkanische" Verhältnisse sorgten. Ausgangspunkt dafür waren bewaffnete Auseinandersetzungen um die nördlichen Stadtviertel zwischen der Tutsi-dominierten Armee und den Rebellen. Der Völkermord von 1994, dem die internationale Völkergemeinschaft ungerührt zugesehen hatte, bestärkte die führenden Politiker der Region in der Überzeugung, daß eine afrikanische Lösung für die Konflikte gefunden werden müsse.
Im Oktober 1993 fiel Melchior Ndadaye, der erste aus der Volksgruppe der Hutu stammende Präsident Burundis, einem Mordanschlag zum Opfer. Daraufhin nahmen die ohnehin starken Spannungen zwischen den Volksgruppen zu, die sich, aufgestachelt durch die Ereignisse in Ruanda, in ganz Burundi gegenseitig abzuschlachten begannen. In dieser Situation wandte sich der ehemalige Staatspräsident Pierre Buyoya an Julius Nyerere, der nach seinem freiwilligen Abschied von der Macht im November 1985 den Nimbus eines "Weisen" genoss. Der Vermittler Nyerere schaffte es 1996 tatsächlich, die gesamte Region für den Plan einer militärischen Intervention in Burundi zu gewinnen, offiziell zum Schutz der Zivilbevölkerung. Der Plan beschleunigte indessen den Sturz des burundischen Staatspräsidenten Sylvestre Ntibantunganya. Major Buyoya putschte sich an die Macht zurück. Nyerere betrachtete dies als Verrat und erreichte auf einem Gipfeltreffen, daß die Staatschefs der Anrainerstaaten ein Embargo über Burundi verhängten.
Nach ihrer Vertreibung aus dem Osten des Kongo im Juni 1998 zogen sich die Hutu-Rebellen auf tansanisches Gebiet zurück. Daraufhin warf die burundische Regierung Tansania Parteilichkeit vor. Immer häufiger kam es an der Grenze zwischen den beiden Ländern zu Zwischenfällen. Jetzt standen die Vermittler vor der heiklen Aufgabe, einen politischen Ausgleich zwischen Regierung, Nationalversammlung und den siebzehn burundischen Parteien zu bewerkstelligen. Zugleich sollten sie die Meinungsverschiedenheiten zwischen den diversen Rebellenformationen beilegen. Außerdem wurden die Vermittler hinter den Kulissen von internationalen Beobachtern für ihre angeblich allzu rigide Verhandlungsführung kritisiert und die Kompetenz der hinzugezogenen Experten in Frage gestellt. Die Verhandlungen waren nur schleppend vorangekommen, als im Oktober 1999 Julius Nyerere starb. Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben, auf dem Verhandlungswege einen Konflikt beilegen zu können, dessen verhängnisvolle Auswirkungen auf sein Land er immer gefürchtet hatte. Vor allem die Anwesenheit von 350.000 burundischen Flüchtlingen drohte, die öffentliche Meinung und die politische Klasse Tansanias in ein Hutu- und ein Tutsi-Lager zu spalten.
Letzten Endes konnte Tansania bei seinem Vermittlungsversuch auf breite internationale Zustimmung bauen und hat in dieser Rolle auch erhebliche finanzielle Zuwendungen bezogen. Und dennoch markiert dieser Versuch das Scheitern der Formel von der "afrikanischen Lösung". Zwar wurde am Ende im August 2000 in Arusha ein Friedensabkommen unterzeichnet (wenn auch unter der Ägide von Nelson Mandela). Aber im Lauf dieses Jahres haben sich die Angriffe der Rebellen wieder intensiviert. Und im August 2002 haben in Tansania neue Waffenstillstandsverhandlungen begonnen.
Von WILLY NINDORERA
Süddeutsche Zeitung
24.04.2003
Moyo heißt Herz und upasuaji ya moyo Herzoperation. Gregory Eising braucht da nicht lange zu überlegen. Er spricht Kisuaheli. Bisher war der Begriff upasuaji ya moyo allerdings nicht sehr wichtig in Tansania, denn Herzoperationen hat es dort nie gegeben, bis Gregory Eising kam. Der 43-jährige Arzt aus München beherrscht nämlich nicht nur die Landessprache fließend, er kann als Chirurg am Deutschen Herzzentrum auch gut operieren. Drei Wochen hat er inzwischen am "Tanzania Heart Institute" verbracht und dort die ersten erfolgreichen Eingriffe am offenen Herzen gemacht. Neun Patienten waren es, bei denen meist die eigene kaputte Klappe gegen eine neue ausgetauscht werden musste, unter Einsatz der Herz- Lungen-Maschine. "Nun ist die Herzchirurgie in Tansania auf den Weg gebracht", sagt der Mediziner und vermeidet es, von seinem Verdienst zu sprechen. Eitel ist er nicht, aber stolz und glücklich, daß sein Aufenthalt in Daressalam Früchte getragen hat.
Die Geschichte von der Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Herzchirurgen und der tansanischen Klinik beginnt am ethnologischen Institut in München. Hier traf Eisings Frau Viktoria, Krankengymnastin, Ethnologin und ebenso Afrika-begeistert wie ihr Mann, eine Nichte von Doktor Ferdinand Masau aus Tansania. Dieser hatte nach der Ausbildung in China und den USA auf eigene Initiative vor einem Jahr ein altes Haus gemietet und zu einer Privatklinik umgebaut, das von einem Palmengarten umgebene "Tanzania Heart Institute". Während die Kardiologie gut in die Gänge kam und eine US-Stiftung moderne Technik vom Monitoring-System über Ultraschall bis zu den Sets für die extrakorporale Zirkulation bereit stellte, haperte es bei der Herzchirurgie selber. Doktor Masau hatte zwar in Texas viel von der Operationskunst gesehen, selber zum Skalpell greifen durfte er jedoch nie.
So ähnlich werde die Herzchirurgie auch in den wenigen afrikanischen Zentren etwa in Nairobi oder Lagos gehandhabt, berichtet Eising. Ein komplettes Spezialisten-Team – Kardiotechniker, OP-Schwestern, Anästhesisten und Chirurgen – fliege aus Amerika, Europa oder Israel samt medizinischer Ausrüstung ein, mache die OPs, packe alles wieder ein und reise ab. "Das hat einen gravierenden Nachteil", findet Eising, "der Lerneffekt für das einheimische Team ist gering". Bei ihm war dann auch alles anders. Der weiße Herzchirurg war von einer rein tansanischen Mannschaft umgeben. Learning by doing war gefordert, auch für den Arzt Masau, dem Eising, wenn immer möglich, assistierte. "Man muss alles beobachten, was sie machen", sagt er über die aufregenden Stunden im Operationssaal, "es kann ja jeden Augenblick etwas passieren". Doch stets sei alles gut gegangen. Auch als der Strom ausfiel und die Herz-Lungen-Maschine mit der Hand gekurbelt werden musste, bis endlich das Notstromaggregat ansprang, ließ sich der Münchner Arzt nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich habe auch noch das Monitoring-System versagt, erzählt er, aber sie hätten den Aortenklappen-Ersatz ohne EKG und kontinuierliche Blutdruckmessung erfolgreich zu Ende gebracht. Die Fortschritte des Teams seien enorm gewesen, sagt Gregory Eising: "Alle haben das Selbstbewusstsein entwickelt, daß Herzoperationen bei ihnen möglich sind."
Die Chirurgie ist Eising zufolge ein wichtiges Überlebens-Mittel für die einzige Herzklinik des Landes, die völlig ohne staatliche Zuschüsse zurechtkommen muss. Zwischen 3500 und 5000 Dollar kostet der Eingriff, eine riesige Summe für die Menschen dort. Doch abgewiesen werde niemand, im Notfall werde auch kein Geld verlangt, sagt Eising. Ein Lehrer aus Arusha am Fuß des Kilimandscharo bekam seine Klappen-OP von der Schulbehörde bezahlt, einem 17-jährigen Jungen half die gesamte Großfamilie, um den Scheidewanddefekt beheben zu lassen, und ein zwölfjähriger Bub mit angeborenem Herzfehler kann dank der Unterstützung durch eine Missionsstation ein Leben in Gesundheit führen.
Mit dem Deutschen Herzzentrum bahnt sich eine Kooperation an. Herzchirurgie-Chef Rüdiger Lange hat seinen Mitarbeiter sehr bestärkt, heuer und im nächsten Jahr nochmal für je drei Monate nach Daressalam zu gehen und einige Kollegen möchten den Urlaub für die Klinik unter Palmen drangeben. Eising freut sich über Hilfe: "Dann muss ich nach den OPs nicht mehr selber die halbe Nacht auf der Intensivstation sitzen und schauen, ob dort alles klappt". Auch seine Kisuaheli-kundige Frau Viktoria wird wieder dabei sein. Die Krankengymnastin hat den Einheimischen gezeigt, wie man die Patienten nach der schweren Operation und mit der schmerzenden Wunde am Brustbein rasch auf die Beine bringt. Gregory Eising, der als Student die Sprache gelernt hat und später mit seiner Frau ein Jahr lang durch den schwarzen Kontinent gefahren ist, wundert sich beinahe, wie sich die Dinge, denen sein Herz gehört, in den vergangenen Monaten zusammengefügt haben: "Jetzt verbinde ich zwei Leben – die Herzchirurgie und Afrika."
Von Sibylle Steinkohl