Salzburger Nachrichten
24.10.2001
Samuel Mpofo versteht die Welt nicht mehr. "Alles ist verbrannt, alles verloren", sagt er fassungslos inmitten rauchender Trümmer. Mpofo ist Simbabwer, der dem Chaos seiner Heimat entflohen ist. Doch im Nachbarland Südafrika ist er nicht willkommen. Ausländerfeindlichkeit macht sich dort breit - ausgerechnet in dem Land, das noch vor kurzem stolz den Weltgipfel gegen Rassismus und die Verfolgung von Ausländern ausgerichtet hat. Am vergangenen Sonntag steckten Mpofos Nachbarn in der Armensiedlung Zandspruit (bei Johannesburg) seine Hütte in Brand, wie die von 70 Landsleuten auch. Ein wütender Mob vertrieb sie und plünderte deren armselige Habe.
Der Zwischenfall macht den sich abzeichnenden Stimmungswandel im Verhältnis der Nachbarländer deutlich. Nachdem Südafrika unter Präsident Thabo Mbeki lange zu Terror und Rechtlosigkeit in Simbabwe geschwiegen hat, scheint nun im Faktischen eine Trendwende einzusetzen.
Spürbar wurde es bereits vor zwei Wochen, als Südafrika aus seiner Grenzregion Tausende illegaler Farmarbeiter nach Hause schicken wollte. Simbabwes Regierung unter Präsident Robert Mugabe mutmaßte bereits, daß der Ausweisungsbeschluss eine Verschwörung sei, "zur Sabotage von Simbabwes Landreform".
Südafrika beobachtet das Geschehen im Nachbarland mit wachsendem Unbehagen. Zehntausende Simbabwer leben zum Teil bereits seit vielen Jahren im Lande. Doch immer mehr drängen nun auf der Flucht vor dem Elend in ihrer Heimat ins Land am Kap. Dort verdingen sie sich meist zu Dumpingpreisen als geschickte Handwerker, Gärtner oder Maler, zum Unmut zahlreicher arbeitsloser Südafrikaner, die selbst auf Jobsuche sind. Die Spannungen könnten zunehmen, wenn die Situation in Simbabwe weiter eskaliert. Südafrika hat laut Medienberichten sogar schon Pläne für den Fall ausgearbeitet, dass es zu einer Art Massen-Exodus kommt.
Kein Wunder, daß es auf dem Gipfel der Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des Südlichen Afrika (SADC) in Malawi ausgerechnet Mbeki war, der vor den Folgen der Simbabwe-Krise warnte. Sein Land leidet unter der Nähe zum Krisenherd vor seiner Haustür. Der an sich äußerst soliden Wirtschaft des Nach-Apartheid-Staates schadet sie, weil sich dringend benötigte ausländische Investoren zögerlich und verschreckt geben. Seiner Politik schadet sie, weil Simbabwes schlechtes Image Mbekis sehr ehrgeizigen "Millenniumsplan für Afrika" kompromittiert. Und die Zeichen stehen weiter auf Sturm. Denn Simbabwes Regierung sieht sich durch die staatlich sanktionierten chaotischen und gewalttätigen Farmbesetzungen im Lande international isoliert und mit Versorgungsengpässen konfrontiert. Der seit 21 Jahren herrschende 77 jährige Mugabe will sich bei der Wahl im kommenden Frühjahr jedoch auf Biegen oder Brechen ein weiteres Mandat geben lassen.
Und da sind offenbar alle Mittel recht. Die nationale "Financial Gazette" berichtete, Simbabwe umgehe zur Zeit mit Hilfe der Demokratischen Republik Kongo sowie Namibias ein internationales Waffenembargo und decke sich mit großen Vorräten an Schusswaffen und Munition französischer Fabrikation ein. Empfänger sollen die so genannten Veteranen-Verbände sein, Mugabes Sturmtruppen bei seiner "Land(enteignungs)reform".
RALF E. KRÜGER
Süddeutsche Zeitung
04.12.2001
Die Krisen kommen immer abends und meistens unerwartet. Dann hadert Thulisile Khumalo mit den Ungerechtigkeiten, die in ihrer Heimat Südafrika noch immer zwischen Weiß und Schwarz herrschen. Dann möchte sie gemeinsam mit ihrem deutschen Freund Ralf Biermann am liebsten die Koffer packen und nach Dortmund zurückkehren. Dorthin, wo sie von 1994 bis 1997 studiert und Ralf kennen gelernt hat.
Doch die Phasen des Zweifels dauern nur kurz. Denn Thuli hat viel gewagt und bereits viel erreicht. Vor sieben Monaten hat sie ihr Zwei-Mann Unternehmen "Atamela" gegründet, um Touristen das schwarze Johannesburg zu zeigen. "Atamela" ist Zulu und heißt so viel wie "Kommt näher!" Eine Aufforderung, die Thuli nicht nur täglich an die hundert Mal ausspricht, sondern auch zu ihrem Lebensmotto erklärt hat. Die schwarze Südafrikanerin macht Führungen durch Soweto, was eine Abkürzung für Southwest-Township ist, welches im Südwesten von Johannesburg auf etwa 100 Quadratkilometer an die zwei Millionen Menschen beherbergt. Thuli ist selbst in Soweto aufgewachsen, zusammen mit ihrer Mutter, den Großeltern und drei Geschwistern. "Ich möchte erreichen, daß Südafrika-Besucher in unserem Land nicht nur auf Safari gehen und Bilder von Elefanten, Giraffen und Nashörnern im Kopf haben, wenn sie wieder nach Hause fliegen", sagt sie. "Die Touristen sollen auch einmal ein Township gesehen, gespürt und gerochen haben, denn auch das ist Südafrika."
Thuli zeigt den Besuchern den Markt, der immer Samstag Vormittag auf, neben und unter einer großen Fußgängerbrücke stattfindet. Xhosa-Frauen sitzen auf umgedrehten Plastikeimern und verkaufen Tomaten, Äpfel, gegrillten Mais und Hunderte von getrockneten Wurzeln und Knollen gegen diverse Zipperlein. Sie haben ihre Ware auf Pappkartons vor sich auf dem Boden ausgebreitet. In Einkaufswagen daneben, dicht gedrängt, gackern, hacken und picken jeweils 15 weiße Hühner aufeinander ein, völlig zerrupft und gezeichnet vom Kampf um den engen Platz. In der Luft liegt der Geruch von auf Kohle gegrilltem Fleisch.
Seit etwa drei Jahren wollen immer mehr Touristen auch die schwarzen Townships in den großen Städten sehen. Spezielle Veranstalter, meist jung und idealistisch wie der weiße Südafrikaner Paul Miedema und seine Agentur "Calabash Tours" in Port Elizabeth, konnten zehn Prozent Steigerung feststellen. In der Hochsaison sind es bis zu 250 Touristen pro Tag, die nicht nur die geschönten Großstadtviertel mit den klimatisierten Einkaufspassagen kennen lernen wollen, sondern auch das "echte" Afrika.
Das hat Miedema und seine Kollegen ermutigt, neuerdings für rund 40 Mark Touren mit thematischen Schwerpunkten anzubieten: Führungen zu Frauenprojekten, religiösen Plätzen oder unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Die dunkelhäutige Führerin und ehemalige Sozialarbeiterin Thope Lekau hat im Township Khayelitsha in Kapstadt die erste Bed & Breakfast- Pension eröffnet. "Doch das muss sich erst herumsprechen," weiß Miedema. "Wir sind noch meilenweit von unserem Ziel entfernt, daß Township-Führungen zum Pflichtprogramm für jeden Afrika-Besucher gehören."
Die Sorge, daß die Township-Bewohner diese Touren als eine Art menschlichen Zoobesuch empfinden und ablehnen könnten, hat keiner der Veranstalter. "Ich hole die Touristen vom Hotel oder Flughafen ab", erklärt Lekau. "Sie kommen als meine Gäste, und das wissen die Menschen hier. Sie sind stolz, daß sich endlich jemand für sie und ihre Lebensweise interessiert."
Thuli, die einzige Fremdenführerin in Johannesburg, die über Authentizität und Fachwissen verfügt, gleichzeitig fließend Englisch, Deutsch sowie Zulu spricht und die Nähe zum Township nie verloren hat, sieht ganz andere Probleme: "Es ist unglaublich schwer, die jahrzehntelang bestehenden, überwiegend weißen Seilschaften in der Reisebranche zu durchbrechen und sich mit neuen Ideen durchzusetzen," klagt sie und muss gegen vielerlei Vorurteile kämpfen: "Viele Touristen haben einfach auch Angst vor solchen Ausflügen", meint sie. Die Schauergeschichten, die in den In-Bars die Runde machen, würden ja auch immer schlimmer werden. Dabei habe man bislang nur gute Erfahrungen gemacht. "Wir wissen genau, wo wir hingehen können und welche Ecken wir besser meiden," sagt die in Soweto Geborene. Eine hundertprozentige Sicherheitsgarantie gebe es jedoch nicht. "Die fehlt auf einer Safari aber auch," fügt sie schnell hinzu.
Durchschnittlich alle drei Sekunden geschieht, statistisch gesehen, in den afrikanischen Townships ein Mord. Die Gewaltbereitschaft ist hoch, denn die Menschen haben wenig zu verlieren. Es gibt weder Toiletten noch Strom oder fließend Wasser. Kinder zwischen drei und zehn Jahren rennen barfuß durch den Schlamm, die letzten Tage hat es stark geregnet. Fast allen läuft die Nase, und ihre löchrigen T-Shirts sind fast immer zu groß oder zu klein. Buben und Mädchen umzingeln die Touristengruppe, wollen die leere Plastik-Wasserflasche aus dem Rucksack zum Fußballspielen. Aber mehr als ihnen ein paar Rand zustecken, können Touristen bei ihrem dreistündigen Abstecher auch nicht tun.
Thuli ist dennoch überzeugt, daß ein Besuch im Township beiden Seiten etwas bringe: "Umbruch fängt immer im Kopf an, Annäherung auch." Und neben allem Elend gebe es durchaus Bemerkenswertes. So sei jeder Township-Bewohner stolz auf die Gemeinschaft und den sozialen Geist, der dort herrsche. Und deshalb würden viele auch freiwillig zurückkehren. Wenn die Township-Touren allein diese Botschaft vermitteln könnten, sei schon viel gewonnen.
Dann führt sie die Besucher in ein Vorzeige-Projekt: eine der besseren Wellblech-Hütten, in der 13 Menschen auf 20 Quadratmetern hausen und ein Doppelbett für die ganze Familie ausreichen muss. Ein Mädchen versucht auf dem Markt zu erklären, welche Wirkung eine längliche, dunkelbraune, haarige Wurzel hat, die zu Dutzenden vor ihr auf dem Boden liegen. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig, kaum ein Schwarzer hier spricht Englisch. Nach längerem Hin und Her, eindeutigen Gesten und Thulis Hilfe stellt sich heraus, daß die meisten Früchte, die hier verkauft werden, als Aphrodisiaka dienen, zwei aus der Gruppe verleitet das zum Kauf. Zumindest in dieser Hinsicht treffen sich die unterschiedlichen Kulturen.
Ein paar Meter weiter, unter der Fußgängerbrücke, wirft ein junger Mann Dutzende von Rinderzungen in einen hohen, dampfenden Kochtopf. Nach zweistündiger Garzeit wird das Fleisch gegrillt, in Salz gewendet und in kleinen Häppchen von den Umherstehenden als Finger-Food verspeist. Dicke schwarze, am Boden liegende Haarknäuel verraten, daß in unmittelbarer Nähe ein Friseur seinem Handwerk nachgeht. Tatsächlich sitzt direkt ums Eck ein junger Mann unter einem zerfledderten Pepsi-Schirm und wird geschoren. Daß er dabei von allen beobachtet wird, scheint ihn nicht zu stören. Thuli weiß die erstaunten Gesichter der Touristen richtig zu deuten und erklärt: "Das Leben spielt sich in den Townships auf der Straße ab, das Wort Intimsphäre ist hier unbekannt."
Seit Abschaffung der Apartheid 1994 habe sich der Graben zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung noch verbreitert, meint Thuli. Maximal ein Prozent der Township-Bewohner schaffe es, aus der klassischen "Village"-Karriere, schlechte oder gar keine Schulbildung, arbeitslos, arm, krank, auszubrechen. Sie selbst, deren Mutter als Journalistin bei einer Tageszeitung in Johannesburg arbeitet, war bereits mit 14Jahren politisch aktiv, trat bei den Versammlungen schwarzer Studenten, die sich gegen das Apartheid-Regime auflehnten, in der Kirche Regina Mundi als Rednerin auf. Als sie später Einschusslöcher im Kirchendach zeigt, wirkt ihr Lächeln bemüht.
Weniger Mühe, ihre Emotionen zu verbergen, gibt sich Thuli vor dem Haus von Winnie Mandela: "Sie mögen mich als fanatisch bezeichnen", sagt sie erregt, "aber ich kenne kaum Menschen, die so rigoros und rücksichtslos ihre eigenen Interessen durchsetzen wie diese Frau." Der Grund für Thulis Ärger ist ein Kiosk, den Winnie Mandela dem gegenüberliegenden Nachbarn mit einem Abstand von 50 Zentimetern direkt vor dessen Haus gebaut hat, "so daß kein Sonnenstrahl mehr ins Haus fallen kann und dessen Familie nun statt auf die Straße auf eine öde, graue Hauswand blickt". Je mehr Touristen derartige Ungerechtigkeiten erlebten, desto größer sei die Chance, daß sich vielleicht endlich einmal etwas ändere, hofft Thuli. Und sie berichtet begeistert von einem deutschen Holzhändler, der nach dem Besuch eines Kindergarten-Projekts im Township von Port Elizabeth spontan fünfzig kleine Kinderstühle samt Frachtgebühren gespendet habe.
Von Steffi Hugendubel
Weitere Auskünfte:
"Atamela", Thulisile Khumalo, P.O. Box 787605, Sandton, 2146 Tel./Fax: 0027/11/7822815, mobil: 0027/83/37 86082, E-Mail: ATAMELA@webmail.co.za;
"Calabash Tours", Paul Miedema, Port Elizabeth, Tel.: 007/41/5856162,
E-Mail: calabash@iafrica.com;
Pension "Thobes B & B", Thope Lekau, Kapstadt, Tel.: 0027/21/3649660.
Neue Zürcher Zeitung
06.12.2001
Der südafrikanische Präsident Mbeki hat einen schärferen Ton gegenüber seinem simbabwischen Amtskollegen Mugabe angeschlagen. Mbekis Versuch, mit "stiller Diplomatie" die Dinge im Nachbarland zu beeinflussen, hatte sich als fruchtlos erwiesen.
Innerhalb einer Woche hat der südafrikanische Präsident Mbeki die simbabwische Regierung an drei öffentlichen Anlässen kritisiert. Bei einem Gespräch mit Auslandskorrespondenten sagte er, die internationalen Bemühungen um eine wirtschaftliche und politische Kehrtwendung in Simbabwe hätten bisher nicht die erwünschten Resultate gezeitigt. In einem Klima, in dem Oppositionelle angegriffen, unabhängige Journalisten verhaftet und die bürgerlichen Rechte den im Ausland lebenden Simbabwern vorenthalten würden, sei es unmöglich, freie Wahlen abzuhalten. Die bevorstehenden Präsidentenwahlen müssten von der simbabwischen Bevölkerung als rechtmässig empfunden werden, sonst könne ein Bürgerkrieg ausbrechen. Bei einem anderen Anlass kritisierte Mbeki Mugabes falsche Wirtschaftspolitik, die zu Hungersnot, Hyperinflation und hoher Arbeitslosigkeit geführt habe. Mbeki bat auch den malawischen Präsidenten Muluzi, eine dringliche Sitzung der sich mit Simbabwe befassenden Sonderkommission der Entwicklungsgemeinschaft im südlichen Afrika (SADC) einzuberufen. Malawi hat zurzeit den Vorsitz der SADC inne.
Gefahr für die Region
Mbeki war wegen seiner "stillen Diplomatie" gegenüber Simbabwe, seines Versuchs, Mugabe gut zuzureden und eine Konfrontation zu vermeiden, oft kritisiert worden. Laut einem Sprecher Mbekis ist dessen Geduld mit Mugabe nun aber zu Ende, da dieser mit seiner starren Haltung und seiner Duldung von Menschenrechtsverletzungen die Stabilität der ganzen Region gefährde. Der freie Fall der südafrikanischen Währung in den vergangenen Wochen wird teilweise auf die prekäre Lage im Nachbarland zurückgeführt. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage bewegt immer mehr Simbabwer dazu, illegal die Grenze nach Südafrika zu überqueren und dort nach Arbeit zu suchen. Die südafrikanische Regierung schätzt, daß täglich bis zu 500 Simbabwer herüberkommen. Die südafrikanischen Bürger nähmen eine drastische Zunahme von Ausländern auf dem Arbeitsmarkt nicht hin, meinte ein politischer Kommentator, der auf eine Welle fremdenfeindlicher Regungen hinwies.
Hinweis auf Grossbritannien
Die Äusserungen Mbekis blieben in Harare nicht ungehört. Die Regierungszeitung "Herald" bezichtigte den südafrikanischen Präsidenten, sich mit der britischen Regierung mit dem Ziel verschworen zu haben, Mugabe zu stürzen.
Trotz Mbekis härterer Gangart gegenüber Mugabe will oder kann Südafrika nicht allein gegen die Regierung Mugabe vorgehen. Es sucht weiterhin eine Lösung im Rahmen der SADC und des Commonwealth. Laut Mbeki hat auch die britische Regierung eine wichtige Rolle zu spielen. Südafrika könne nicht die alleinige Verantwortung für Simbabwe tragen, denn es sei ja nicht Pretoria gewesen, das Simbabwe kolonialisiert habe, meinte der südafrikanische Präsident.
Zuckerbrot und Peitsche aus Amerika
Das amerikanische Repräsentantenhaus hat mit 396 zu 11 Stimmen eine Vorlage des Präsidenten Bush verabschiedet, die eine Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen und wirtschaftliche Reformen in Simbabwe fördern soll. Sie sieht 26 Millionen Dollar an Entwicklungshilfe und die Abschreibung von Schulden vor. Die Abgeordneten gingen über die vom Senat bereits genehmigte Fassung hinaus und forderten die Regierung in Washington auf, Mugabe und seinen Gewährsleuten die Einreise zu verweigern und deren Konten einzufrieren, falls sie am Kurs der politischen Unterdrückung und der Missachtung des Rechts festhalten. Nahziel ist die Abhaltung freier Präsidentenwahlen im nächsten Frühling. Die Zustimmung des Senats zur Verschärfung des Gesetzes kann als gegeben betrachtet werden, umso mehr als das umbesetzte Oberste Gericht Simbabwes eben seine Entscheidung über die Landreform im Sinne Mugabes geändert hat, nachdem dieser die ihm nicht gewogenen Richter entfernt hatte.
Süddeutsche Zeitung
15.12.2001
Natürlich hat sich Dennis Hopper sofort in die Stadt verliebt. Kapstadt sei noch viel schöner als er sich das vorgestellt habe, sagt der Star aus dem 70er Jahre Kultfilm "Easy Rider". Hopper schwärmt, er finde die Menschen einfach wunderbar, das Essen unglaublich gut und die Filmcrews so professionell wie in den USA. Überhaupt erinnere ihn alles irgendwie an Kalifornien. Zusammen mit "Highlander" Christopher Lambert spielt der 64 Jährige eine der Hauptrollen in der europäischen Kinoproduktion "The Piano Player", eine Geschichte aus der Unterwelt. Der Film sollte ursprünglich in der Türkei gedreht werden, aber nach dem 11. September ist auch in der Filmbranche nichts mehr wie es vorher war. Über Nacht ist Südafrika zu einer Art sicherem Drittland der Filmproduzenten geworden. Jetzt heißt es: Kapstadt, bitte lächeln, es wird gefilmt!
Gleißendes Scheinwerferlicht, surrende Kameras, berühmte Schauspieler, schon träumen die ersten von Hollywood am Tafelberg. Fast täglich trifft man irgendwo in der Stadt oder an einem der zahlreichen Strände auf Kamerateams, die für Werbespots, Modeaufnahmen oder Fernsehfilme unterwegs sind. "Die Filmindustrie boomt wie keine andere", sagt Malcolm Calderwood, Chef des Kapstädter Filmbüros. Jetzt, in der sommerlichen Hauptsaison, gibt er täglich bis zu zwanzig Drehgenehmigungen aus, in den kommenden Wochen sollen in und um Kapstadt etliche Werbespots gedreht werden. Dazu noch die große Kinoproduktion, das bringt Geld und dringend benötigte Arbeitsplätze ans Kap. Insgesamt, so rechnet Calderwood, dürfte die Stadt in diesem Jahr bis zu 500 Millionen Mark einnehmen, nach den Touristen wäre das die zweitgrößte Einnahmequelle.
"Kapstadt ist wie ein Chamäleon", erklärt der Chef des Filmbüros den Erfolg. Die Stadt kann aussehen wie London oder New York, und wenn man in den alten Straßen aus der Kolonialzeit die Schilder auswechselt, dann kann auch das Bild einer deutschen Stadt entstehen. Nirgendwo sonst ist Afrika so europäisch wie am Kap der Guten Hoffnung, wo vor 350 Jahren der Holländer Jan van Riebeeck mit seinen Schiffen landete. Nicht nur die Häuser der Kolonialzeit, auch die Landschaft erinnert an Europa. Manchmal sieht sie aus wie Irland oder Norwegen, wenige Kilometer weiter wie Frankreich oder Italien, dann wieder wie das Allgäu oder Oberbayern.
Dazu kommen das beständig gute Wetter und die niedrigen Kosten wegen des günstigen Wechselkurses. Das nutzen auch deutsche Produktionsfirmen immer öfter. Allein im ZDF liefen in den vergangenen Jahren etliche Mehrteiler wie "Kap der guten Hoffnung", "Die Wüstenrose", "Entscheidung im Busch", oder "Zugvögel der Liebe". Längst werden am Kap aber nicht mehr nur Stoffe verfilmt, die in Afrika spielen. Pro7 drehte beispielsweise "Family Dog" in Südafrika. Auch der Film "Die Spesenritter" mit Harald Juhnke entstand in Kapstadt. Gerade wurden die Dreharbeiten einer weiteren ZDF-Produktion, Arbeitstitel: "The Crane Man" (Der Kranichmann), beendet, für die man eigens in Frankreich aufgezogene Kraniche ans Kap verfrachtete.
"Alles ist möglich in Südafrika", sagt der deutsche Produzent Giselher Venzke, der sich vor vier Jahren in Kapstadt selbstständig machte und die meisten deutschen Produktionen betreut. Für den Abenteuerfilm "Check-In to Disaster" wurde in Kapstadt eine Boeing 737 in Originalgröße nachgebaut und in die Wüste nahe der namibischen Grenze transportiert, der Absturzort im Film ist der Sudan. Für die Dreharbeiten zu "Bullit Train" verwandelte man die Steppenlandschaft der südafrikanischen Karoo in den Wilden Westen, mit einem originalgetreu konstruierten Modellzug aus Holz. Noch stehen die Werbefilmproduzenten an der Spitze der Buchungen, gerade war Wim Wenders am Kap und drehte für eine Spaghetti-Werbung, auch Boris Becker hat sich für einen Dreh in Südafrika angesagt.
"Für die Top-Produktionen fehlt allerdings noch ein großes Studio", sagt Rudi Junge von der deutsch-südafrikanischen Ausrüstungsfirma Cinelicht Afrika, die sich vor einem Jahr gründete und die anreisenden Filmteams mit der Technik ausstattet. Dann könnte er vielleicht in Erfüllung gehen, der Traum von Hollywood am Tafelberg. Junges südafrikanischer Co-Direktor Nico Dekker freut sich über den Boom, "Zu Apartheid-Zeiten waren wir isoliert, jetzt müssen wir uns einstellen auf die Globalisierung im Filmgeschäft". Kapstadts Bewohner wissen schon jetzt, was das heißt. Jeden Tag werden in den Zeitungen die Straßennamen bekannt gegeben, die "wegen Dreharbeiten" vorübergehend gesperrt sind.
Von Susanne Bittorf
Neue Zürcher Zeitung
16.01.2002
Viele Simbabwer überleben nur dank den Beiträgen, die ihnen die in Südafrika arbeitenden Angehörigen zukommen lassen. Die südafrikanische Regierung verfolgt mit Besorgnis die politische Entwicklung in Simbabwe; sie trifft bereits Vorsorge für den Fall, daß es zu einer Massenflucht aus Simbabwe kommt.
Siphiwe hatte sich 1976 als 17 jährige dem "Volkskrieg" gegen die weisse Minderheitsregierung von Premierminister Smith im damaligen Rhodesien angeschlossen. Sie wurde in den Lagern der Zimbabwe African People's Union (Zapu) als Guerillakämpferin ausgebildet. Sie habe eben, erzählt Siphiwe heute, ihren Beitrag zum Ende der weissen Vorherrschaft leisten wollen. Bei den Wahlen im Jahr der simbabwischen Unabhängigkeit, 1980, gewann Robert Mugabe, der Führer der Zimbabwe African National Union, und nicht der Zapu-Führer Nkomo. Siphiwe war enttäuscht, denn sie wusste nicht viel über Mugabe, und Nkomo hatte ihr und ihren Mitkämpfern Arbeit und ein Haus versprochen. Auch Mugabe machte Versprechungen. Aber nur wenig packte er wirklich an, und Siphiwe verliess einmal mehr ihre Familie und zog 1988 nach Südafrika.
Hunger und Armut
Mit ihrem Einkommen als Putzfrau und Kindermädchen unterstützt Siphiwe sieben Familienmitglieder im Matabeleland. Drei- bis viermal im Jahr reist sie nach Simbabwe, das letzte Mal war sie über Weihnachten dort. Ohne die 400 Rand (58 Franken), die sie monatlich nach Hause schickt, müsste ihre Familie verhungern, sagt sie. Aber das Geld, das sie schicke, reiche kaum aus. Vor allem Grundnahrungsmittel wie Maismehl seien teuer geworden. Auch seien Lebensmittel in den ländlichen Gegenden nur schwer erhältlich. Die Bevölkerung sei zudem schlecht über die politischen Entwicklungen im Lande informiert. Die Städter seien zornig auf Präsident Mugabe, aber die Landbevölkerung tappe im Dunkeln. Auf Grund der kürzlich vollzogenen Änderung des Wahlgesetzes dürfen Simbabwer, die wie Siphiwe im Ausland leben, nicht an den kommenden Präsidentenwahlen teilnehmen. Um sich zu registrieren, müsste Siphiwe unter anderem belegen können, daß sie seit einem Jahr in Simbabwe wohnhaft ist. Doch Siphiwe interessiert sich nicht für die Wahlen, denn sie glaubt, mit einer Teilnahme sowieso nichts ändern zu können in ihrem Land. Ausserdem habe das oppositionelle Movement for Democratic Change (MDC) versprochen, die Dinge im Land würden sich nach seinem Einzug ins Parlament ändern. "Nun sitzen sie im Parlament, aber die Situation hat sich verschlechtert", meint Siphiwe.
Ein Wählerpotenzial der Opposition
Das MDC hatte laut seinem Sprecher in Südafrika, Danisa Zulu, vor der Änderung des Wahlgesetzes darauf gebaut, die in Südafrika lebenden Simbabwer zur Teilnahme an den Wahlen bewegen und gegen die Regierung mobilisieren zu können. Nach dem MDC leben rund zwei Millionen Simbabwer legal oder illegal in Südafrika. Das Institute for Security Studies in Pretoria schätzt die Zahl der illegal in Südafrika lebenden Simbabwer auf zwei Millionen, dazu kommen etwa eine Million Simbabwer im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis. Das MDC hat 20 Parteibüros in und um Johannesburg und Pretoria eingerichtet, 4 weitere befinden sich in Kapstadt, 3 in Durban und eines in Witbank. Laut Zulu gehören jeder Ortspartei mindestens 100 eingetragene MDC-Mitglieder an. Viele arbeiten freiwillig für die Partei. Auch Zulu, der seit mehr als sechs Jahren in Südafrika lebt, schickt jeden Monat Geld und Nahrungsmittel an seine Familie in Bulawayo. Das MDC hält die Gesetzesänderung für verfassungswidrig und hat im November, als die Änderung erstmals ausgeschrieben wurde, dagegen Klage erhoben. Bisher ist noch kein Entscheid gefallen. Zulu nimmt an, daß die Regierung Mugabe sich nicht an einen für sie ungünstigen Gerichtsentscheid halten wird. Trotzdem will das MDC die in Südafrika lebenden Simbabwer auffordern, nach Hause zurückzukehren, um an der Wahl teilzunehmen.
Das MDC setzt sich dafür ein, daß das Commonwealth, die Europäische Union und die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika Sanktionen gegen Simbabwe verhängen. "Wir verlangen gezielte Sanktionen gegen Mugabe und dessen Gefolgsleute in der Regierung, nicht generelle Sanktionen gegen das Land, denn diese würden vor allem gewöhnliche Simbabwer treffen", sagt Zulu.
Planen für alle Fälle
Auch die Nachbarländer schrecken vor der Verhängung strangulierender Sanktionen zurück, denn ein Zusammenbruch der simbabwischen Wirtschaft hätte weitreichende Konsequenzen für die gesamte Region, vor allem aber für Südafrika. Simbabwe ist der grösste Abnehmer für südafrikanische Produkte, viele grosse südafrikanische Firmen haben Niederlassungen in Simbabwe. Aber am meisten befürchtet die südafrikanische Regierung die Masseneinwanderung von arbeitslosen und hungrigen Simbabwern, welche die Wirtschaft Südafrikas arg in Bedrängnis bringen könnten. Pretoria will eine derartige Entwicklung um jeden Preis verhindern. Doch laut einem Sprecher des südafrikanischen Innenministeriums ist für den Fall, daß sich die Situation in Simbabwe nach den Präsidentenwahlen verschlechtert und es zu einer Massenauswanderung kommt, vorgesorgt worden. Seit einem Jahr beobachtet ein aus Vertretern des Innen- und des Verteidigungsministeriums, der Polizeibehörde und der Nordprovinz gebildetes Komitee die Lage im nördlichen Nachbarland aufs Schärfste.
Freizeit Kurier
17.01.2002
Die Blombos-Höhle öffnet sich in einer Klippe über dem Indischen Ozean an der Südspitze des Kaplandes. Ein Menschengrüppchen sitzt in der Höhle um ein Lagerfeuer. Männer, Frauen und Kinder reden darüber, wie sie den Tag mit Jagen, Fischen und Sammeln verbracht haben. Einer ritzt geometrische Muster in zuvor blank polierte Ockerstücke.
Archäologische Sensation
So oder ähnlich könnte es jedenfalls gewesen sein. Die Ur-Afrikaner lösten unbewusst Jahrtausende später eine archäologische Sensation aus. Denn die nun in der Blombos-Höhle nahe dem südafrikanischen Ort Stillbai zu Tage geförderten Ockerstückchen mit den regelmäßigen, sich kreuzenden Linien stellen möglicherweise die ältesten bekannten Kunstwerke der Welt dar. "Bisher dachten wir, daß der Mensch vor etwa 40.000 Jahren modern wurde", also Kunstfertigkeit, Religion und eine komplexe Sprache entwickelte, sagt Anthropologe Christopher Henshilwood vom Iziko Museum in Kapstadt, der mit seinem Team die beiden 76 und 53 Millimeter kleinen Ockerstücke entdeckt hat, die derzeit für Aufregung sorgen. Für ihn gibt es keinen Zweifel, daß diese Südafrikaner bereits vor 70.000 Jahren eine voll entwickelte Kultur hatten, mindestens 35.000 Jahre früher als in Europa.
Neues Licht auf die Kulturgeschichte der Menschheit
Seit 1992 gräbt das Team von fünf Archäologen und Anthropologen in der Blombos-Höhle. Was sie zu Tage gefördert haben, wirft ein neues Licht auf die Kulturgeschichte der Menschheit: Sorgfältig geglättete Ahlen aus Knochen zum Nähen sowie zweischneidige Pfeil- und Speerspitzen zeugen von hoher Kunstfertigkeit. Auf einem Kontinent, der sonst nur wenig für positive Schlagzeilen sorgt, ein Anlass für Stolz und Freude. Äußeres Zeichen: Nelson Mandela hat die Patronanz über das Blombos-Cave-Project übernommen, wie die Homepage der Forscher stolz verkündet. Nicht Europa, wie die vielen Höhlenmalereien vermuten ließen, war die Wiege der Kunst, sondern Afrika.
Kreativität
Irgendwann vor 35.000 Jahren explodierte die menschliche Kreativität geradezu, zumindest in Europa; warum das so ist, darüber rätseln die Forscher. Jetzt haben sie ein weiteres Rätsel zu lösen: Warum gab es in Afrika bereits 40.000 Jahre früher künstlerische Anfänge? Die Zeichnungen der frühreifen Afrikaner zeigen weder Büffel noch Jäger; nicht einmal die prallen Formen irgendeiner Fruchtbarkeitsgöttin sind angedeutet: Gleichmäßig nebeneinander gesetzte Kreuze, die oben und unten durch parallele Linien verbunden wurden, lassen trotzdem kaum den Eindruck zufälliger Kritzelei aufkommen.
Abstrakte Darstellungen, mit symbolischer Bedeutung
Henshilwood: "Sie sind den Gravuren, die man an Höhlenwänden in Frankreich, Italien und Spanien gefunden hat, nicht unähnlich", nur eben um vieles älter. "Ich glaube, daß es sich um abstrakte Darstellungen handelt, mit symbolischer Bedeutung für die Höhlenbewohner." Was den Anthropologen zu einer weiteren Theorie führt. Er ist überzeugt, daß diese Menschen eine moderne Sprache hatten: "Bilder von Tieren kann man ohne Worte verstehen. Abstrakte Malerei aber muss erklärt und diskutiert werden". Am Fundort, nahe Stillbai, ist es nun mit der Stille vorbei. Die Funde wecken Hoffnungen auf einen kommerziellen Aufschwung. Der Stadtrat kündigte jedenfalls an, daß man den Ort auf die "archäologisch-touristische Landkarte" setzen wolle. Der Bau einer archäologischen Route sowie eines Museums werde bereits geplant.
Susanne Mauthner-Weber
Süddeutsche Zeitung
09.02.2002
Mit dem Versprechen, die grassierende Aids-Epidemie entschlossen zu bekämpfen, hat der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki die Sitzungsperiode des Parlaments in Kapstadt eröffnet. Mbeki dämpfte aber Hoffnungen, daß für die 4,7 Millionen HIV-Infizierten demnächst ausreichend Medikamente in jedem staatlichen Krankenhaus zur Verfügung stünden. Der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit könne von dem gegen Armut und Unterentwicklung nicht getrennt werden, sagte er. Dabei habe Südafrika Fortschritte gemacht: "Ich kann sagen, daß unser Land im vergangenen Jahr einer Gesellschaft näher gekommen ist, in der es keine Armut und Unterentwicklung gibt." Mbeki fügte aber hinzu: "Wir sind jedoch noch weit davon entfernt, Millionen unserer Bürger von diesen Geißeln zu befreien." Der Kampf gegen Aids, jeder neunte Südafrikaner ist infiziert, müsse vor allem mit Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen geführt werden. "Hand in Hand" müsse gegen Armut und Unterernährung vorgegangen werden. Mbeki rief die Bürger seines Landes zum gemeinsamen Handeln auf: "Niemand kann und soll für uns tun, was wir selbst tun können". Vorrangig sei dabei die wirtschaftliche Förderung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit.
Die Europäische Union beteiligt sich in Südafrika mit 50 Millionen Euro an einem Programm zur Aids-Bekämpfung und besseren Gesundheitsversorgung. Damit sollten vor allem der ärmsten Bevölkerung in den kommenden sechs Jahren Pflege und medizinische Grundversorgung ermöglicht werden, teilte die EU- Kommission mit. Das Programm konzentriere sich auf die östliche Kap-Region, Kwazulu Natal und die Provinz Nord-Transvaal. Neben der direkten Hilfe für die schwächsten Bevölkerungsgruppen sollten mit dem Geld auch freiwillige Helfer im Gesundheitsbereich Weiterbildung erhalten. Das Programm ist nach Kommissionsangaben in zwei Teile gegliedert. Die Hälfte des Geldes solle erst ausgezahlt werden, wenn eine Zwischenprüfung 2004 ein zufrieden stellendes Ergebnis erbracht hat.
Die Weltbank hat eine zweite Rate von rund 575 Millionen Euro für Aids- Bekämpfungsprogramme in Afrika frei gegeben. Insgesamt stellt die internationale Finanzorganisation in diesem Jahr etwa 1,15 Milliarden Euro dafür zur Verfügung. Finanziert werden Projekte in einem Dutzend Ländern südlich der Sahara. Nach einer Statistik der Weltbank hat Aids in Afrika bereits 18 Millionen Menschenleben gefordert. 28 Millionen sind erkrankt oder infiziert.
Neue Zürcher Zeitung
22.07.2002
Die lebhafte, vierzigjährige Bongiwe Njobe wirkt jünger, als sie ist. Die Agronomin ist die Chefin des Landwirtschaftsamtes des südafrikanischen Staates. In dieser Position prägt sie mit ihrem Fachwissen so wichtige politische Prozesse wie die Landreform (in Afrika bekanntlich ein heisses Eisen), die mittlerweile abgeschlossenen Agrarverhandlungen mit der EU (Südafrika liefert hauptsächlich Frischprodukte und Wein nach Europa) sowie die Strategie zur Verwendung genveränderten Saatguts.
Die Landreform war immer ein Hauptanliegen der früheren Widerstandsbewegung bzw. der heutigen Regierungspartei ANC. Damit sollen die unter dem Apartheid-Regime entstandenen Ungerechtigkeiten, wie die Tatsache, daß der grösste Teil des Landwirtschaftslandes in den Händen der weissen Bevölkerungsminderheit liegt, auf rechtsstaatliche Art und Weise beseitigt werden. Einst enteignetes Land wird bei möglichst gerechter Entschädigung der gegenwärtigen Besitzer zurückgegeben, Staatsland an Benachteiligte verteilt. Der Knacknüsse sind viele: So sind die Begünstigten der Rückgabe von Land oft Stämme, deren legitime Führung nur noch schwer zu bestimmen ist. Und Staatsland soll niemand erhalten, der nicht einen Geschäftsplan und ein Finanzierungskonzept für die Nutzung des Bodens vorweisen kann.
Mindestens ebenso sehr interessiert sich Njobe aber für Themen, die der eigentlichen Agronomie näherstehen. Da sieht sie sich häufig als Vorkämpferin für die Überwindung eingefahrener Denkmuster. So sei den Europäern beizubringen gewesen, daß Südafrika keine Entwicklungshilfe, sondern offene Märkte braucht und viel Know- how zu einem Austausch anbieten kann. Ebenfalls gelte es, fährt sie fort, eine Verhärtung der Fronten in der Diskussion um die Gentechnologie zu verhindern. Ein Steckenpferd von Njobe ist zudem die Förderung von Frauen in der Landwirtschaft. Unter den Schwarzen müssen, teilweise aus geschichtlichen Gründen, ohnehin oft die Frauen die Familien durchbringen. Das Landwirtschaftsamt schreibt Wettbewerbe für Bäuerinnen aus, die laut Njobe auch die erstaunlichsten Schicksale und Geschäftsmodelle bei weissen Bäuerinnen zum Vorschein bringen.
Ihren eigenen Werdegang hat Njobe für ihre heutige Tätigkeit gut vorbereitet. Als sie 1995 im Alter von 33 Jahren als erste Frau, erste Schwarze und erste Englischsprachige in das von Buren dominierte Landwirtschaftsamt berufen wurde, hatte sie bereits ein äusserst bewegtes Leben hinter sich. Ihre Eltern, beide Lehrer, gingen 1958 ins Exil, und zwar aus Protest gegen die von der Apartheid-Regierung verordnete Verschlechterung der Ausbildung für Schwarze. Die Familie lebte in Ghana, Nigeria, Grossbritannien und Sambia; nur zwei ihrer zahlreichen Geschwister wurden im gleichen Land geboren. Ihr Agronomie-Studium absolvierte Njobe, wie damals viele Studenten aus Entwicklungsländern, in dem in jener Zeit noch kommunistischen Bulgarien. Danach arbeitete sie vor allem in Sambia, wo sie unter anderem Landwirtschaftsbetriebe leitete. Für sie sei aber immer klar gewesen, daß sie eines Tages in die Heimat ihrer Familie "zurückkehren" werde, betont sie im Gespräch. Als sich am Kap zu Beginn der neunziger Jahre freie Wahlen abzuzeichnen begannen, rief der ANC Mitglieder mit Expertenwissen aus dem Exil zurück, um eine zukunftsgerichtete Regierungspolitik auszuarbeiten. Njobe entschloss sich praktisch von einem Tag auf den anderen, dem Ruf zu folgen. Der ANC schickte sie zur Ausbildung für acht Monate zur Weltbank. Danach beteiligte sich Njobe, noch immer unter der Apartheid-Regierung, in Pretoria am Aufbau einer landwirtschaftlichen Schule für Schwarze, die heute zu den führenden Institutionen des Landes in diesem Bereich gehört. Nach den Wahlen 1994 begann sie eine Beratertätigkeit im Landwirtschaftsministerium, die sie schliesslich zu einer festen Position in dem Amt führte.
Die Welt
24.07.2002
Normalerweise löst Schnee im südlichen Afrika kindliche Freude aus, Autofahrer halten sogar auf Autobahnen an, um eine Schneeballschlacht zu machen. Meistens ist die weiße Pracht nach 48 Stunden wieder verschwunden. In dieser Woche aber musste nach meterhohem Schneefall in hoch gelegenen Gemeinden der Provinz Ostkap der Notstand ausgerufen werden. Armeehubschrauber evakuierten Familien, die im Urlaub in den Schneemassen stecken blieben. Hunderte Tiere und mindestens 22 Menschen sind bisher ums Leben gekommen.
Sechs Familien aus Kapstadt, darunter 17 Kinder, spritzten mit verdünnter Tomatensauce ein gro§es "H" in den Schnee am Sani-Pass in 2874 Meter Höhe zwischen Südafrika und dem Bergreich Lesotho, damit ihr Bergungsort aus der Luft leichter entdeckt werden konnte. Denn obwohl gut vorbereitet, musste der Konvoi von sechs Allradgefährten am Samstag auf eisglatten Straßen umkehren, nachdem die Autos mehrfach in hüfthohe Schneeverwehungen gerutscht waren. Die Gruppe fand in den kleinen Sani-Skichalets Unterkunft. Dort ging jedoch am Sonntagabend das Heizmaterial zur Neige. "Da wir nicht wussten, wann das Wetter wieder aufklärt, entschlossen wir uns, vor allem wegen der Kinder, telefonisch um Hilfe zu rufen", berichtete Barry Pike. Anfang August, wenn auf dem "Dach Afrikas" wieder mildere Temperaturen herrschen, sollen die Autos abgeholt werden.
Auch an der Südflanke Lesothos kam es in der vergangenen Woche zu den heftigsten Schneefällen seit Jahrzehnten. Bis zu ein Meter Schnee fiel in der Umgebung von Kleinstädten wie Elliot und Cala. Der Strom fiel aus, drei Tage lang war die Region komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Erst als am Wochenende das Wetter aufklärte, konnten Lebensmittel und Heizmaterial per Hubschrauber angeliefert werden. Bisher ist nur von vier Toten die Rede, zwei junge Hirten, ein 28-jähriger Mann und ein Rentner, aber die endgültige Zahl der Opfer kennt man erst, wenn auch entlegene Farmen erreicht werden können.
In dieser Gegend wurden auch 160 Gäste in Südafrikas einzigem Skiressort ausgeflogen. "Wir haben fast keinen Strom, und deswegen funktionieren die Lifte nicht", sagte eine Angestellte in Tiffendell, "und deswegen wollten die Leute nach Hause." Warum die Zufahrtsstraße geschlossen bleibe, obwohl das Ressort einen Skipflug besitzt, gehört zu den Ungereimtheiten, die der heftige Wintereinbruch in Südafrika hervorrief. Mit Schnee kommen die sonnenverwöhnten Kapbewohner eben nur in geringen Mengen zurecht.
Niemand beispielsweise scheint gewusst zu haben, daß bei heftigem Schneefall Dächer regelmäßig freigeschaufelt werden müssen. Allein in Elliot drückten Eismassen Hunderte Dächer ein. In einer Molkerei kamen dabei 36 Milchkühe ums Leben. Grober Fahrlässigkeit fielen 17 Menschen zum Opfer, darunter acht Krankenschwestern. Zwei Autofahrer hatten bereits überflutete Brücken überfahren und ihre Fahrzeuge dabei prompt ins reißende Wasser gestürzt. Einer der Fahrer beging Fahrerflucht und wird nun wegen Totschlags gesucht.
Von Thomas Knemeyer
Die Presse
15.11.2002
Frühling in Südafrika. In Pretoria blühen die Jacaranda-Bäume, bei Kapstadt treibt der Wein, an der Küste werden die Strände für die Badesaison hergerichtet. Wirtschaftlich schaut es zur Zeit allerdings nicht so rosig aus, erklärt Lungisa Magwentshu, Chef von Trade & Investment Southafrica, einer staatlichen Agentur zur Förderung von Direktinvestitionen und Export. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, die Inflation wird heuer zwölf Prozent betragen und der Rand verliert gegenüber Euro und Dollar laufend an Wert.
Dazu kommen ganz andere Probleme. Aids stellt die Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik vor große Herausforderungen. Jeder Dritte im erwerbsfähigen Alter ist HIV-positiv. Aufklärungskampagnen werden aber nicht konsequent genug durchgezogen, die Einführung der Kombinationstherapie verzögert, sagt Kurt Spallinger, österreichischer Botschafter in Johannesburg.
Für Unsicherheit sorgt das geplante Gesetz zur Gleichstellung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit (Black Empowerment Act). Es sieht vor, daß Jobs an Schwarze vergeben werden, auch wenn ein Weißer besser qualifiziert wäre. Außerdem sollten Schwarze an neu gegründeten Firmen substantiell beteiligt werden.
In diesen Maßnahmen sieht die Regierung eine Möglichkeit, die Ausbildung der Schwarzen zu fördern und ihre Managementkapazitäten zu stärken, nachdem sie früher per Gesetz vom Bildungssystem ferngehalten wurden, erklärt Magwentshu.
Laut Spallinger stelle das für westliche Firmen ein großes Problem dar, ebenso wie der strikte Kündigungsschutz. "Man kann sich nicht einfach von Mitarbeitern trennen." Es müsse drei schriftliche Verwarnungen geben, in denen genau steht, warum der Arbeitgeber unzufrieden ist. Das Arbeitsgericht prüft jede Kündigung.
Sünden korrigieren
Die Methoden, wie der Nach-Apartheid-Staat Südafrika die Sünden der Vergangenheit korrigieren will, erregt immer wieder Unmut. De-Beers-Chef Nicky Oppenheimer sieht die Diamantenindustrie gefährdet. Neue Schürfrechte soll es nämlich nur geben, wenn schwarze Unternehmen zu 30 Prozent daran beteiligt sind. Bei neuen Bergbau-Aktivitäten soll der Anteil sogar bei 51 Prozent liegen.
"Es ist ein großes Problem, daß die gesamte Wirtschaft in der Hand der Weißen ist", sagt Magwentshu. Wie ernst es gemeint ist, belegt ein Bericht des Wall Street Journal. Demnach planen Schwarze eine Klage auf Wiedergutmachung in Millarden-Höhe gegen westliche Firmen wie Citigroup, Exxon, General Motors, IBM, Deutsche Bank, DaimlerChrysler oder UBS. Grund: Während jahrelang Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden seien, hätten diese internationalen Konzerne im Land Profite gemacht.
Es gibt noch andere Hindernisse, die Investoren abschrecken. Die Sicherheit zum Beispiel: In Südafrika investieren Unternehmen mehr in Sicherheit als für Aus- und Weiterbildung, sagt Spallinger. Familien von Managern wollen oft nicht mitgehen, weil es nicht möglich sei, das Haus am Abend alleine zu verlassen.
Das Problem ist offensichtlich: Fast täglich wird in Zeitungen mit Systemen geworben, die das Autofahren sicherer machen sollen. Per Satellit, so verspricht die Anzeige, werde man im Falle einer Entführung in zehn Minuten geortet. Auf den Straßen steht kein Haus ohne der Aufschrift "Armed Response" von einem Sicherheitsdienst. Rund 25 Euro kostet der persönliche Wachdienst pro Monat, erzählt der Geschäftsführer der südafrikanischen Novomatic-Tochter Warren Banks. Seine Frau trage ein Armband, mit dem sie im Notfall die Sicherheitsleute alarmieren kann. Doch Diebstähle und auch Vergewaltigungen zählen in Südafrika zum Alltag.
Südafrika will nun an mehreren Rädern drehen, um die Wirtschaft anzukurbeln. "Wir wollen in die Infrastruktur investieren, mit 14 afrikanischen Staaten eine Freihandelszone errichten und Ein- und Ausfuhren erleichtern", sagt Magwentshu. Das Land sitze auf allen wichtigen Bodenschätzen, außer Öl. Doch anstatt Gold, Diamanten oder Platin roh zu exportieren, sollen künftig verstärkt Produktionsbetriebe angesiedelt werden.
An Bedeutung soll auch der Tourismus gewinnen. Derzeit besuchen rund fünf Millionen Gäste Südafrika. "Die meisten kommen aus Rest-Afrika zum Einkaufen", sagt Magwentshu. Mit Safaris, Weinreisen und Golfplätzen sollen verstärkt Urlauber aus Europa, den USA oder Asien angezogen werden.
Die wichtigste Herausforderung bleibe jedoch der gesellschaftliche Wandel. "Erst dann kann sich auch wirtschaftlich etwas verbessern."
Denn noch leben erste und dritte Welt in unmittelbarer Nachbarschaft: Hier die Blechhütten in den Townships, ein paar Kilometer weiter hypermoderne Häuser. Die Gegensätze zwischen Armen und Reichen, Schwarzen und Weißen prallen im Land genauso heftig aneinander wie der Indische und der Atlantische Ozean am Kap.
Von PETRA PERCHER
Le Monde
11.10.2002
Mit der erfolgreichen Ausrichtung gleich mehrerer Gipfelkonferenzen hat sich das neue Südafrika eindrucksvoll auf dem internationalen Parkett zurückgemeldet. Die Welt-Aids-Konferenz (Juli 2000) und die Antirassismus-Konferenz (September 2002) unter der Ägide der Vereinten Nationen, der Gipfel der Afrikanischen Union (Juli 2002) und der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung vom August 2002 in Johannesburg haben dem Land zu neuem Ansehen verholfen.
Das Ende der Apartheid, die Wahlen vom April 1994 und die Übernahme der politischen Macht durch den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) wurden allgemein als ein Erfolg gemeinsamer internationaler Bemühungen angesehen, die zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit der früheren Kolonialländer von einer breiten weltweiten Koalition getragen wurden, ohne Unterschied von Rasse und Ideologie.
Danach hatten das politisch zerrissene und aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit gedrängte Afrika, aber auch die Europäer und die Vereinigten Staaten unter Präsident Bill Clinton erwartet, die neue Regierung des mächtigsten afrikanischen Staates werde schon bald ein klare und aktive außenpolitische Rolle anstreben. Diese Erwartungen wurden schnell enttäuscht, weil sich die neue Führung des Landes nicht in der Lage sah, über ein paar wohlklingende allgemeine Grundsätze hinaus, die der ANC bereits seit längerem vertreten hatte, auf internationaler Bühne aktiver aufzutreten.
Eine grundlegende Änderung trat erst 1996 ein, als der ANC das Regierungsbündnis mit de Klerks Nationaler Partei aufkündigte und zugleich mit einer politischen Hinwendung zum Wirtschaftsliberalismus die Annäherung an die Vereinigten Staaten suchte. Wesentliche Ziele Pretorias waren dabei eine Stärkung der Präsenz südafrikanischer Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent, eine mit Blick auf das Ausland investitionsfreundliche Wirtschaftspolitik und eine ehrgeizige Sozialpolitik, die über eine nachhaltige Entwicklung finanziert werden sollte.
Diese Ziele standen in engem Zusammenhang mit dem Bemühen der neuen Regierung um eine Schlichtung der regionalen Konflikte, die auch die inzwischen mehr oder weniger handlungsunfähige Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) nicht beilegen konnte. Um sein Negativimage als regional einflussreiche Hegemonialmacht zu überwinden, ging Pretoria zunächst hinter der OAU in Deckung.
Hauptsorge der Politik Südafrikas ist und bleibt die Schaffung eigenständiger afrikanischer Institutionen, die unter Mitwirkung möglichst vieler Staaten auf regionaler wie gesamtafrikanischer Ebene politische Entscheidungsfähigkeit besitzen. Im Sinne dieser Zielsetzung hat sich Präsident Mbeki das vom libyschen Revolutionsführer Gaddafi initiierte Projekt einer Afrikanischen Union zu Eigen gemacht.
Die Gründung dieser neuen Organisation am 9. Juli 2002 in Durban stand im Zeichen eines erbitterten Machtkampfs zwischen einigen Staatschefs und ihrem südafrikanischen Gastgeber. Dadurch sah sich Mbeki genötigt, gegenüber Gaddafi andere Spielregeln durchzusetzen, als dieser sie für das neue Gremium vorgesehen hatte. Zugleich musste er Pläne des nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo konterkarieren, die Nepad (Neue Partnerschaft für Afrikanische Entwicklung) durch die Etablierung ihrer Verwaltungseinrichtungen auf nigerianischem Staatsgebiet regelrecht als "Geisel zu nehmen". Die Meinungsverschiedenheiten mit Senegals Präsident Abdoulaye Wade, dem anderen Gründungsvater der Nepad, haben mittlerweile den Charakter von persönlichen Animositäten angenommen, die die beiden Männer auch nicht länger zu kaschieren suchen.
Die begeisterte Anteilnahme, die der unblutige Sieg des ANC im April 1994 international erfahren hatte, sowie das Ansehen der südafrikanischen Armee, die als ausgesprochen professionelle Truppe gilt, haben dazu geführt, daß die Republik Südafrika mehrfach um Entsendung von Soldaten in Krisengebiete ersucht wurde, insbesondere in die Region um die Großen Seen.
Mit Ausnahme der Militäroperation in Lesotho vom September 1998, die bei den entsandten Streitkräften ein Trauma hinterlassen hat, und ungeachtet der Tatsache, daß die entsprechenden Gesuche jedes Mal von internationalen Institutionen abgesegnet waren, hat sich Südafrika diesen Bitten stets verschlossen. In der Tat war der Prozess der Überwindung der Apartheid innerhalb der Armee noch nicht abgeschlossen, und es wäre unklug gewesen, weiße Soldaten in afrikanische Krisengebiete zu schicken. Erst im Oktober 2001 wurde, vor allem aufgrund der persönlichen Vermittlung des früheren Präsidenten Nelson Mandela bei der Lösung dieses Konflikts, ein Kontingent von 700 Soldaten nach Burundi entsandt.
In dieser ersten Phase zeigt sich die Außenpolitik Südafrikas als äußerst abhängig von den Vorgaben Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Im strategischen Konzept beider Staaten hatte Pretoria gleichermaßen die Rolle eines Stabilitätsfaktors für die Region und eines Entwicklungsmotors für das ganze südliche Afrika zu übernehmen. Südafrika hat also einen doppelten Status, der auf dem ganzen Kontinent einzigartig ist. Einerseits stellt man ein "modernes" Land dar, das dank seines "weißen" Erbes in einer beneidenswerten Lage ist, andererseits eine schwarze Nation im Werden. In diesem Kontext entstand die von Präsident Mbeki formulierte Zielvorstellung einer Wiedergeburt Afrikas. Der südafrikanischen Führungsriege ist es allerdings nicht gelungen, diese Formel politisch umzusetzen.
Zweifellos hatte Pretoria von Beginn an den Anspruch, bei der Weiterentwicklung von Demokratie und Transparenz in den Ländern Afrikas eine aktive Rolle zu spielen. Und doch zeigte man sich nicht in der Lage, im richtigen Augenblick eine eindeutige und nachdrückliche Haltung einzunehmen, mit der das Land sich als glaubwürdige Kraft dargestellt hätte. Im Gegenteil, Südafrika verstrickte sich in Widersprüche, wie sie etwa bei der Behandlung der Krise um Simbabwe deutlich wurden. Die Unterstützung, die Präsident Mbeki, unter Berufung auf die Solidarität unter den ehemaligen "Frontstaaten" gegen die Apartheid, Robert Mugabe zuteil werden ließ, war zögerlich und einigermaßen zwiespältig. Nach den Vorstellungen seines Präsidenten sollte Südafrika im politischen Kräftespiel Afrikas ein Machtfaktor werden, mit dem jeder rechnen muss, doch Mbeki schaffte es nicht einmal, sein politisches Gewicht vermittelnd in die Verhandlungen zwischen Mugabe und seinem innenpolitischen Gegenspieler Tsvangirai von der Bewegung für einen demokratischen Wandel (MDC) einzubringen.
Ebenso wenig vermochte er der Isolierung seines Landes innerhalb der Entwicklungsgemeinschaft für den Süden Afrikas (SADC) erfolgreich entgegenzuwirken. Und schließlich schien ihn auch die Vorstellung zu lähmen, Mugabes Politik gegenüber den weißen Farmern könnte indirekt auch die innenpolitische Stabilität seines eigenen Landes gefährden. Denn auch in Südafrika gibt es eine politische Bewegung, die das potenziell explosive Ziel einer "Umverteilung der Ländereien" verfolgt.
Allerdings ist die Unterstützung für Simbabwes Diktatur auch im Kontext der Krise um die Demokratische Republik Kongo (RDC) zu sehen. In der Tat konnte Südafrika im Verlauf des Krieges im Kongo seine politisch dominierende Rolle in der Region der Großen Seen gegenüber den Ambitionen Angolas festigen, das im Hinblick auf sein militärisches Potenzial und seine Erdölreserven als regionaler Machtfaktor gilt. Pretoria hat sich auf alle am Konflikt beteiligten Parteien, Ruanda, Uganda und die Demokratische Republik Kongo, gleichzeitig gestützt. Mugabe wurde auch deshalb mit Samthandschuhen angefasst, weil er im Kongo zeitweilig bis zu 12.000 Mann stationiert hatte, um den Schutz der dortigen Diamantenfelder, für das politische Überleben Kabilas die unabdingbare Einnahmequelle, zu gewährleisten. Doch diese vage südafrikanische Politik hat die strategischen Verbündeten Pretorias wie etwa Ruanda und sogar Uganda veranlasst, mit der Autorität der Vereinigten Staaten im Rücken diskrete Verhandlungen mit Angola aufzunehmen (Friedensabkommen zwischen der RDC und Uganda am 6. September 2002 in Luanda; Abkommen zwischen der RDC und Ruanda am 30. Juli 2002 in Pretoria).
Präsident Thabo Mbeki hat derzeit den Vorsitz der Afrikanischen Union (AU) inne und möchte diese Rolle für seine Politik des Konfliktmanagements in der Region nutzen. Allerdings muss er dabei in Zukunft mit der Verstimmung der Vereinigten Staaten rechnen, die ihm seine Unentschlossenheit vorwerfen. Nach dem Tod von Joseph Savimbi, dem Führer der angolanischen Rebellenorganisation Unita, hat sich Washington der Regierung in Luanda angenähert, was auf Kosten seiner Beziehungen zu Südafrika geht.
Die regionale politische Strategie Angolas fußt auf dem Bestreben, die Macht der MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas) zu erhalten, um gegen eine bewaffnete Rückkehr der einen oder anderen Unita-Fraktion oder das Erstarken der Befreiungsbewegung in der Erdölenklave Cabinda gewappnet zu sein. Solche Erwägungen scheinen ins Konzept der führenden westlichen Länder zu passen, insbesondere in das der Vereinigten Staaten, die im Hinblick auf die Folgen des 11. September die Erdölreserven im Golf von Guinea geschützt sehen wollen. Angola spielt für Washington die Rolle einer Regionalmacht auf der Reservebank: Als Gegenleistung für einen militärischen Beistand könnte Angolas starke Armee die Interessen des Westens letztlich effektiver garantieren als ein Südafrika, das noch immer mit der Suche nach sich selbst beschäftigt ist.
Trotz der Bilanz, die sein Land vorzuweisen hat, allein ein Viertel des BIP von ganz Schwarzafrika entfällt auf die Republik Südafrika, hat der Amtsnachfolger von Nelson Mandela den internationalen Vertrauensvorschuss für sein Land gehörig stapaziert und eine Vielzahl afrikanischer Länder durch arrogante Fehlbeurteilungen vor den Kopf gestoßen. Mbeki hat sich neuerdings Europa und speziell Frankreich zugewandt und versucht, die zwischen den westlichen Ländern aufgetretenen Rivalitäten für sich zu nutzen. Doch diese Politik beruht auf einer falschen Einschätzung der Kräfteverhältnisse und könnte zu neuen Enttäuschungen führen. In jedem Fall wird sich Südafrikas Diplomatie nicht lange auf den Lorbeeren einer gelungenen Durchführung der Mega-Gipfelkonferenzen der Vereinten Nationen ausruhen können.
Von ANNE DISSEZ und FOUAD SROUJI
Dissez ist Journalistin, Srouji Berater in Johannesburg
dt. Rolf Schubert
pte
04.12.2002
In der größten südafrikanischen Stadt Johannesburg sind derzeit 750.000 der drei Mio. Einwohner HIV-infiziert. In den vergangen fünf Jahren ist die offizielle Todesrate um 35 Prozent gestiegen. Der Anstieg stellt die Stadt vor ein großes Problem: Friedhöfe sind überfüllt. Die Initiative "Johannesburg City Parks" http://www.johannesburg.gov.za/services/parks.stm bemüht sich nach Alternativen: Vorgeschlagen werden stillgelegte Minenschächte als Ersatz-Friedhöfe.
"In diesem Jahr werden rund 20.000 Aids-Opfer zu begraben sein", erklärte Alan Buff, Friedhofs-Verantwortlicher von City Parks. Gesetzt den Fall, es gibt bis 2010 keine Heilung für die Immunschwächekrankheit, wird von Buff eine Zahl von rund 70.000 Opfern erwartet. Ein Vorschlag Buffs ist die Umwandlung alter Goldminen in unterirdische Straßen, gesäumt mit Gräbern.
Der Anstieg der Aids-Todesopfer hat bereits dazu geführt, daß Leichname in der Hälfte der in der Stadt vorhandenen Friedhöfen bereits übereinander in "Familien"-Gräbern bestattet werden. City Parks will jetzt zusätzlich 1.500 Hektar Land für neue Friedhöfe erwerben. In der Zwischenzeit entstehen am Stadtrand illegale Friedhöfe, berichtet das Fachblatt New Scientist http://www.newscientist.com . Die seichten Gräber stellen nicht nur für Anrainer ein Problem dar. Sie werden auch geschändet, indem Körperteile entwendet werden.
Der Verbrennung der Opfer könnte das Problem der überlasteten Friedhöfe lösen. Allerdings entscheiden sich nur sechs Prozent der Bevölkerung für eine Einäscherung. Buff hofft, daß die "Gefriertrocknung" bei der Bevölkerung mehr Anklang findet. "Dabei wird der Körper in einem Tunnel flüssigem Stickstoff ausgesetzt und mit Ultraschall in Asche verwandelt", erklärte Buff.
Von Sandra Standhartinger
pte
10.12.2002
Der größte Nationalpark Afrikas mit einer Fläche von 35.000 Quadratkilometern hat heute, Montag, offiziell seine Tore geöffnet. Der Great Limpopo Transfrontier Park http://www.gkgpark.com , der sich über Teile Südafrikas, Mosambiks und Simbabwes erstreckt, soll internationalen Touristen mit nur einem Visum den Zutritt erlauben, berichtet BBC-Online http://news.bbc.co.uk heute, Montag. Die Präsidenten der drei Staaten sind heute in Xai Xai, Mosambik zur Eröffnung zusammen getroffen.
Mit einer Fläche, die fast die ganzen Niederlande umfasst, verbindet der neue Park den südafrikanischen Kruger National-Park mit dem Gonarezhou Park in Simbabwe und dem Limpopo Park in Mosambik. Nach Angaben von BBC finden sich in dem riesigen Naturreservat mehr als 300 verschiedene Baumarten und eine Vielzahl von Elefanten, Nashörnern, Löwen, Giraffen und Antilopen. Den Grundstein für den riesigen Park legte Präsident Nelson Mandela. Die Organisatoren hoffen, daß der neugeschaffene Park viele Touristen aus aller Welt anziehen wird. Die Gründungsväter sprechen vom wichtigsten Eco-Tourismus-Ziel der Welt.
Mit der Eröffnung des Parks gab es nach Angaben von BBC immer wieder Schwierigkeiten. Der geplante Eröffnungszeitpunkt hätte bereits vor über einem Jahr sein sollen. Die politisch instabile Lage in Simbabwe hatte das Projekt zuletzt auf Dezember verschoben. Die Schaffung der nötigen Infrastruktur insbesondere im krisengeschüttelten Mosambik, das nach 16-jährigem blutigen Bürgerkrieg erst seit 1992 wieder aufgebaut wird, erschwerte die Durchsetzung des grenzüberschreitenden Parks. Beim Bürgerkrieg wurden auch große Teile des Wildbestandes Mosambiks schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Noch immer fehlen dem Park Investitionsmittel. So fehlt etwa eine Brücke, um den Transport über den Limpopo Fluss nach Mosambik zu gewährleisten, ohne den Park zu verlassen. Neu errichtet werden soll auch ein internationaler Flughafen, der Touristen dann direkt in den Park bringt. Der Great Limpopo Transfrontier Park soll anders als bisherige Wildparks zu keinen Umsiedlungen bereits bestehender Dörfer führen.
Von Wolfgang Weitlaner
pte
26.03.2003
Das britische Pharmaunternehmen Phytopharm http://www.phytopharm.com und das südafrikanische Volk der Khoisan haben sich über die Rechte an einem aus dem Hoodia-Kaktus gewonnen Wirkstoff geeinigt. Der Wirkstoff des Kaktus soll den Appetit zügeln und wird von Phytopharm für die Gewinnung eines Schlankheitsmittels erforscht. Bislang wollte das Pharmaunternehmen den südafrikanischen Ureinwohnern nichts bezahlen. In der Folge wurde ihm "Biopiraterie" vorgeworfen. Über die kommenden vier Jahre soll jetzt der Khoisan-Rat eine Anzahlung von rund 1,5 Mio. Dollar erhalten, sollte ein erfolgreiches Schlankheitsmittel produziert werden.
Der Wirkstoff aus der Kaktuspflanze unter dem Kürzel "P57" wurde bereits 1996 patentiert. Seit zwei Jahren verhandelt der Südafrikanische Rat für Wissenschaftliche und Industrielle Forschung (CSIR) http://www.csir.co.za mit den Khoisan über das Recht an P57. Gemäß dem nun ausverhandelten Vertrag sollen sechs Prozent der Lizenzgebühren, die der Südafrikanische Rat aus dem Verkauf des Schlankheitsmittels bekommt, an den Rat der Khoisan gehen.
Seit zwei Jahren wird P57 bereits klinisch erforscht. Es kann laut Petro Terblanche vom CSIR noch zehn Jahre dauern, bis sich daraus ein verschreibungspflichtiges Medikament machen lässt. Rechtsanwalt Roger Chennells, der bei den Verhandlungen den Südafrikanischen Rat vertrat, sieht den Abschluss der Verhandlungen äußerst positiv. Das Abkommen sei ein Symbol der Anerkennung und des Respekts gegenüber traditionellem Wissen. Der Südafrikanische Kulturminister Ben Ngubane spricht von einem Meilenstein, als eine eingeborene Gemeinschaft ihren Anspruch geltend macht.
Von Sandra Standhartinger
taz
16.06.2003
"Ach, komm, noch eine Plastiktüte, dann habe ich alles im Griff." Unweigerlich verfällt der Kunde in Südafrikas Geschäften diesem Gedanken. Umweltbewusste Käufer aus Deutschland sind da eher der Verzweiflung ausgesetzt. "Nein, kein Plastik, bitte." Doch nach vielen Jahren Einkaufsfrust in Südafrika ist auch diese Hartnäckigkeit aufgeweicht. Der Kunde braucht Plastik. Ob er will oder nicht.
Beim Einkaufen lässt sofort nach dem Eintippen des Preises an der Kasse eine "Packerin" alle Waren eifrig in unzählige Plastiktüten verschwinden. Manchmal gibt es pro Tüte nur eine Ware und wer die Ware wieder rausholt, wird mit bösen Blicken gestraft. Das schlechte Umweltgewissen folgt, wenn der Einkaufswagen mit mehr als zwanzig Plastiktüten zum Auto rollt. Gelbe Tonne? Biotonne? Glascontainer? Dies ist Südafrika.
Sie ist nur schwer aus Afrika wegzudenken, die Plastiktüte. Sie ist hauchdünn und verfängt sich nach dem Gebrauch in Südafrikas unzähligen Stacheldrähten, die auf den Häusermauern liegen. Als "Nationalblume Südafrikas" machte die Plastiktüte die Runde, doch im Schönheitswettbewerb kann sie mit der echten Landesblume, der Protea, nicht im Traum mithalten.
Hatte sich das umweltkriminelle Verhalten eingeschliffen, ist jetzt "Normaldenken" wie beim deutschen Einkauf angesagt. Die Plastiktüte wird seit kurzem nicht mehr dem Warenberg stapelweise hinterhergeworfen, sondern an der Kasse nur gegen Geld herausgerückt. Die größte für 46 Cent.
Dafür ist sie dicker und wiederverwendbar geworden. Wer stilvoller einpacken will, kann sich auch eine teurere "Ökotasche" aus Stoff anschaffen und mitbringen. Mit der neuen Gesetzgebung des Umweltministeriums hat Umdenken aber nur ansatzweise eingesetzt, denn noch lassen viele Kunden genau diese Tasche im Auto liegen, um dann an der Kasse etwas peinlich berührt zu nicken, wenn lächelnd "plastic?" angeboten wird.
Viele Menschen, nicht nur gedankenlose Einkäufer, haben den hauchdünnen Sack früher dennoch sehr geschätzt. Fliegende Händler fürchten nun um ihr Geschäft, wenn sie für Mangos und Bananen keine Tüte anbieten können. Auch galt sie als originelle Überlebensquelle. An Straßenrändern verkauften Frauen gehäkelte Plastiktüten-Hüte in grellen Farben oder Fußmatten aus Plastikstrick. "Checkers" werden die Tüten in den Townships nach einer Supermarktkette genannt. "Ich habe meine checkers für alles gebraucht, um den Flur zu polieren, auch als Regenmantel und Börse sind sie perfekt", bilanziert die 65-jährige Noxolo Ndimande, die Umweltbewusstsein und ihre Tüten gerne vereinbaren würde.
Aber im deutsch-südafrikanischen Haushalt gibt es sie noch, die alte Ökotasche aus beiger Baumwolle, die vor Jahren mitangereist war und dann in der Besenkammer nutzlos herumhing. Nun kommt sie endlich wieder zum Einsatz. Nur macht es sich allmählich im Portemonnaie bemerkbar, wenn sie beim Einkauf immer zu Hause liegen bleibt.
Von MARTINA SCHWIKOWSKI
Le Monde
14.10.2005
Das größte menschliche, soziale und ökonomische Problem im heutigen Südafrika ist die extrem hohe Rate von Aidserkrankungen. Diese Katastrophe ist von Männern gemacht und gesellschaftlich tabuisiert, zumal wenn sexuelle Freizügigkeit als Freibrief für die Vergewaltigung von Frauen verstanden wird.
Südafrika hat eine der höchsten Aidsraten der ganzen Welt. Auch Gewalt gegen Frauen ist erschreckend weit verbreitet. Doch anstatt diese Probleme anzupacken, widmet sich Präsident Thabo Mbeki lieber anderen Dingen. Er versucht sich als Friedensstifter in anderen Krisenregionen Afrikas und attackiert ausgerechnet die Leute, die auf die wahren Probleme Südafrikas aufmerksam machen.
Sindiswe Mbandlwa ist 23 Jahre alt. In ihrem kurzen Leben wurde sie bereits mehrfach sexuell missbraucht. An einer der Gruppenvergewaltigungen war auch ihr Großvater beteiligt. Sindiswe Mbandlwa ist heute HIV-positiv - ein Schicksal, das sie mit ungefähr 40 Prozent aller Vergewaltigungsopfer in Südafrika teilt. Fast keine der vergewaltigten Frauen hat die von der Regierung zugesicherten prophylaktischen Medikamente je erhalten.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihrer Unterorganisation UN-Aids ist sexuelle Gewalt einer der Hauptgründe für die hohe HIV-Rate im südlichen Afrika. Da die Frauen praktisch keine Chance haben, die Prinzipien von Safer Sex gegenüber der Männerwelt durchzusetzen, kommt es zu erschreckenden statistischen Befunden wie diesen, die Stephen Lewis, der UN-Sonderbeauftragte für Afrika, im März 2004 über Swasiland veröffentlicht hat: "Die Verbreitung des HIV-Virus unter den Schwangeren, die im Jahre 1992 in Schwangerschaftsberatungszentren ermittelt wurde, lag bei 3,9 Prozent. Dieser Anteil stieg 1994 auf 16,1, 1996 auf 26, 1998 auf 31,6, 2000 auf 34,2 und 2002 auf 38,6 Prozent. Das bedeutet einen Anstieg um fast 900 Prozent innerhalb von zehn Jahren. 87 Prozent der infizierten Frauen sind unter 30 Jahre alt, 67 Prozent unter 25." Aufgrund von Aids beträgt die Lebenserwartung in Swasiland nur 27 Jahre, während sie in Südafrika bei 47 Jahren liegt.
Die Geschichte von Sindiswe Mbandlwa ist nicht ungewöhnlich. In Südafrika wurden voriges Jahr offiziell 55.000 Vergewaltigungen registriert. Die Gruppe Rape Crisis Cape Town www.rapecrisis.org.za schätzt, daß die wahre Zahl der Opfer etwa zwanzigmal höher liegt. Nach dieser Annahme wird in Südafrika alle 23 Sekunden eine Frau vergewaltigt.
Am 17. April 2002 hatte das Kabinett zugesichert, daß Vergewaltigungsopfer künftig Anspruch auf eine HIV vorbeugende Postexpositionsprophylaxe (PEP) haben. Ein Jahr später wurde aus einem neu formulierten Gesetz die Bestimmung wieder herausgestrichen, daß der Staat künftig Vergewaltigungsopfern eine PEP (mit der Prophylaxe sollte so schnell als möglich innerhalb der ersten 48 Stunden begonnen werden. Dauer: 28 Tage) Medikamente zur Schwangerschaftsprävention und gegen Geschlechtskrankheiten sowie eine professionelle Beratung garantieren muss. Erhalten hingegen blieb der Passus, der den Vergewaltigern eine umfassende medizinische Behandlung zusicherte, wenn nötig auch in einer Privatklinik - und zwar nicht nur gegen eine HIV-Infektion, sondern auch gegen Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Eine Begründung für diese Entscheidung erfolgte nicht.
Doch die Frauen fürchten sich nicht nur vor Vergewaltigungen. Das Human Sciences Research Council in Südafrika publizierte im Juli einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß täglich vier Frauen von ihrem Intimpartner ermordet werden. Und das Kinderkrankenhaus des Roten Kreuzes in Johannesburg veröffentlichte im Dezember 2002 die erschreckenden Ergebnisse einer über neuen Jahre gehenden Erhebung: Danach lag das Durchschnittsalter der missbrauchten Kinder, die eingeliefert wurden, bei drei Jahren. Mit drei Jahren war auch Sindi zum ersten Mal vergewaltigt worden, und zwar von einem Kinderbetreuer, der sie missbrauchte, als ihre Mutter im Krankenhaus lag.
In den 1980er-Jahren wurde dann ihre ganze Familie in der Folge politischer Machtkämpfe zwischen verschiedenen schwarzen Gruppen aus ihrem Viertel vertrieben. Ihre Mutter war damals häufig krank und konnte sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern. So rutschte Sindi, wie viele vergewaltigte Kinder, in die sexuelle Promiskuität.
Wenn Sindi an ihre Schulzeit denkt, erinnert sie sich an ihren Drang nach sexuellen Abenteuern, aber auch an gewaltsam erzwungenen Verkehr. Die meisten männlichen Jugendlichen haben eine ambivalente Einstellung zum Thema Vergewaltigung. Nach einer Studie der südafrikanischen Forschungsgruppe CIET gilt die Vergewaltigung einer Person, "die man kennt", nicht als sexuelle Gewalt, und auch "unerwünschtes Anfassen" fällt nicht unter diese Kategorie.
Im Übrigen meinten mehr als 25 Prozent der Jugendlichen, daß "die Mädchen es mögen, vergewaltigt zu werden". Weiter hieß es in dem Bericht, daß die Einstellung der südafrikanischen Jugendlichen zu sexueller Gewalt und zum HIV-Risiko mit der "Akzeptanz von sexueller Gewalt" durchaus vereinbar und als "Anpassung an eine gewalttätige Gesellschaft" zu verstehen sei. 11 Prozent der Jungen und 4 Prozent der Mädchen behaupteten, schon einmal jemanden zum Sex gezwungen zu haben. 66 Prozent der Jungen und fast 75 Prozent der Mädchen waren selbst schon zu sexuellen Handlungen gezwungen worden.
"British Medical Journal, Oktober 2004". Die Studie basiert auf einer Umfrage unter knapp 300.000 Kindern zwischen 10 und 19 Jahren an 1.418 südafrikanischen Schulen.
Dieselbe Forschung hat ergeben, daß missbrauchte Kinder eher glauben, dass Geschlechtsverkehr mit Jungfrauen gegen das HIV-Virus oder gegen Aids helfen könne. Das würde erklären, warum in Südafrika so viele sehr kleine Kinder oder gar Babys zu den Vergewaltigungsopfern gehören.
Bei all dem wundert es kaum, daß auch Gruppenvergewaltigungen sehr verbreitet sind. In Kapstadts Groote-Schuur-Klinik für Vergewaltigungsopfer schätzt man, daß rund 75 Prozent aller sexuellen Übergriffe Gruppenvergewaltigungen sind. Und nach einer Studie von Dr. Adrienne Wulfsohn, die an der Sunninghill-Klinik in Johannesburg über 1.000 Vergewaltigungsopfer interviewt hat, handelte es sich in 60 Prozent der Fälle um Gruppenvergewaltigungen.
Andere Forschungsarbeiten zeigen, daß Männer, die sich an Gruppenvergewaltigungen beteiligen, ihre Befriedigung gar nicht aus der Gewalt gegen das Opfer ziehen, sondern daraus, daß sie den anderen zusehen. Was besagt dies über die verkorkste "Männlichkeit" dieser Täter? Womöglich kommen Vergewaltigungen besonders häufig in Gesellschaften vor, die schwere Konflikte hinter sich haben. Dann würde es sich keinesfalls um eine südafrikanische Besonderheit handeln.
Luke Bearup, der im Auftrag der Vereinigung Gender and Development for Cambodia (GAD/C) Kambodscha bereist hat, hat im Juli 2004 seine Beobachtungen aufgeschrieben: "In Kambodscha ist die Beteiligung an einer Gruppenvergewaltigung bei männlichen Jugendcliquen der Unter- und Mittelschicht geradezu die Norm. "Sie sehen überhaupt nichts Schlimmes an ihrem Verhalten und sprechen auch ganz offen über ihre Beteiligung." Ihr Verständnis von Männlichkeit ist eng verknüpft mit der Vorstellung von häufiger sexueller Aktivität. Sie besorgen sich ein Mädchen und bringen es in eine Absteige. Dort erscheinen dann alsbald die Freunde (wenn sie sich nicht schon vorher am Tatort versteckt haben), und alle zusammen vergewaltigen das Mädchen."
Ähnlich läuft in Südafrika das so genannt Jackrolling ab: Wenn eine Frau auf die Anmache eines Mannes nicht eingeht, "bestraft" man sie dadurch, daß sie von ihm und seinen Freunden vergewaltigt wird. Ein Beispiel ist der Fall von Prudence Mashaba. Die Studentin an der Universität von Johannesburg wurde für die Ablehnung einer Einladung bestraft. Der Abgewiesene, ein Mitstudent aus ihrer Schauspielklasse, kam eines Abends mit sieben seiner Freunde in ihrem Apartment vorbei, Brathähnchen und CDs hatten sie auch mitgebracht. Fünf Stunden lang saßen die Männer zusammen, bei Essen und Musik. Am Ende wurde sie vergewaltigt.
Ähnliche Verhaltensmuster hat Bearup in Kambodscha beobachtet: "Die kambodschanischen Jugendlichen sagen aus, daß Sex in einer Gruppe sie eng zusammenschweißt. Gemeinsam fühlen sie sich wie Männer wer nicht mitmacht, läuft Gefahr, sein Gesicht zu verlieren oder aus der Gruppe ausgestoßen zu werden.
Bearup schildert eine weitere Haltung, die sehr an die Verhaltensweisen in Südafrika erinnert: "Viele der beteiligten Männer glauben, daß man ihnen ihr Verhalten aufgrund ihrer sozialen Stellung durchgehen lässt. Sie sehen ihre Opfer als minderwertige Wesen und damit als Freiwild." Die Strafjustiz lässt Vergewaltigungsopfer in fast allen Ländern dieser Welt im Stich. So geschieht es in Südafrika immer häufiger, daß Kinder von Kindern vergewaltigt werden.
Die Teddy-Bear-Klinik in Johannesburg schätzt, daß 24 Prozent der Straftäter, mit denen sie zu tun hat, zwischen sieben und vierzehn sind. Und doch werden Vergewaltigungsopfer oder junge Vergewaltiger in den Schulen kaum oder gar nicht betreut; die Stellen von Schulpsychologen fallen dem staatlichen Sparprogramm zum Opfer.
Sexuelle Gewalt ist dasjenige Verbrechen, das weltweit am stärksten zunimmt. Und Vergewaltiger haben von allen Straftätern die besten Chancen, ohne eine wirksame Strafe davonzukommen. Laut Thoko Majokweni, der bei der nationalen Strafverfolgungsbehörde die Abteilung für Sexualverbrechen leitet, geht es in der Hälfte aller Prozesse in Südafrika um Vergewaltigungsfälle. Doch immerhin liegt die Bestrafungsquote bei 7 Prozent, während sie etwa in Großbritannien nur 5 Prozent beträgt.
Frauen- und Kinderhandel ist inzwischen deutlich rentabler als Drogenschmuggel. Die Internationale Migrationsorganisation (IMO) schätzt, daß jährlich über eine Million Frauen und Kinder verkauft werden. Eine Diktatur wie die Republik Weißrussland "exportiert" an die 10.000 Frauen und Mädchen pro Jahr, in der gleichen Zeit importiert selbst ein demokratischer Staat wie Deutschland schätzungsweise 50.000 Frauen und Kinder. Es geht also nicht nur um Südafrika, sondern um die Männer im Allgemeinen.
In den Männergruppen, die allmählich überall in Südafrika entstehen, bekennen sich viele Mitglieder dazu, bereits an Vergewaltigungen teilgenommen zu haben. Am Ende einer Konferenz zum Thema Männlichkeit im Januar dieses Jahres erzählte ein Mann davon, wie er als junger Kerl mit seinen Freunden saufen ging und anschließend Mädchen vergewaltigte. Nach seiner Heirat begann er dann, auch seine Frau zu vergewaltigen. Erst jetzt habe er begriffen, was er den Frauen angetan hat. Er will versuchen, sein Verhalten zu ändern.
Bearup benennt noch weitere Faktoren, die etwa in Kambodscha die Bereitschaft zu Vergewaltigungen fördern: "Die Folgen der Traumata, die die Kambodschaner unter dem Regime der Roten Khmer erlitten haben, für die zweite Generation". Des Weiteren nennt er anhaltende Armut und eine geschwächte Regierung. Sein Fazit lautet: "Viele Eltern sind durch die Erlebnisse mit der Roten Khmer dermaßen traumatisiert, daß ihnen die emotionalen Ressourcen für den Umgang mit ihren Kindern fehlen. Das führt dazu, daß viele Kinder und Jugendliche schon keine Empathie mehr für andere aufbringen können."
Sgidi Sibeko, einer der Organisatoren der südafrikanischen Gruppe "Men as Partners", hat ebenfalls über das Versagen der Familien nachgedacht. In einem Workshop wurde er gefragt, welche Männer in seiner Familie für ihn Vorbilder gewesen seien. "Mir fiel kein einziger ein. Ich dachte an meinen Vater, an meinen Onkel, ich dachte an die Männer aus meiner Umgebung, und ich war am Boden zerstört, weil mir nicht ein Mann einfiel, der ein positives Beispiel abgab. Es hat mich wirklich getroffen, daß die Männer dieses schlimme Bild des Gewalttäters abgeben Ich will mich ändern. Ich will eine positive Rolle spielen."
Kein Verbrechen hält sich so wenig an soziale Schranken
Die vielen Jahre unter gewalttätigen Regimen, die ihre eigenen Völker nicht respektierten, haben in Südafrika wie in Kambodscha dazu beigetragen, daß die Individuen ihre Selbstachtung wie die Achtung vor dem Anderen verloren haben. Der Kampf ums physische Überleben und die vom Staat organisierten Demütigungen haben die Familien zerbrochen. Die Eltern konnten sich nur um das tägliche Überleben kümmern, eine verantwortungsbewusste Erziehung war absoluter Luxus. So sind Generationen von Kindern ohne leitende Hand, ohne Vorbilder und ohne Stolz auf sich selbst herangewachsen.
Dieses mangelnde Selbstwertgefühl bringt viele dazu, sich auf höchst riskante Verhaltensweisen einzulassen (wodurch sich auch die hohe HIV-Ansteckungs-Rate in Südafrika erklärt). Wenn das Selbstwertgefühl dieser Menschen dann noch zusätzlich durch Arbeitslosigkeit geschwächt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre innere Wut an anderen auslassen. Im Jahre 2004 berichtete das Health Services Consumer Research (HSRC), daß 57 Prozent aller Südafrikaner in Armut leben. Die Arbeitslosigkeit liegt nach Angaben des Statistischen Amts bei 40 Prozent.
Doch Vergewaltigungen kommen eben nicht nur in den ärmeren Gesellschaftsschichten vor, kein anderes Verbrechen hält sich so wenig an die sozialen Schranken. Doch was allen Vergewaltigern gemeinsam ist, ist ihr mangelndes Selbstwertgefühl.
Jenseits der heftigen verbalen Kontroversen gehen die Vergewaltigungen weiter, mit den bekannten Konsequenzen der HIV-Verbreitung. Die Regierung konnte die Zahl aller Straftaten im Lande reduzieren, die einzige Ausnahme ist die steigende Zahl von Vergewaltigungen. Und die Friedhöfe können die Aidstoten nicht mehr fassen, allein in Johannesburg müssen dieses Jahr vier neue angelegt werden. Im Juli meldete die Regierung, daß 6,59 Millionen Menschen (bei einer Bevölkerung von 42 Millionen) mit HIV infiziert sind und daß von diesen weniger als 60.000 die Triple-Kombi-Therapie zur Eindämmung der Krankheit erhalten.
Doch die Politik des Leugnens, unter Führung von Mbeki, geht unvermindert weiter. Der Medical Research Council stellte Ende Januar in einem Bericht fest, daß die Regierung die Zahl der Aidstoten um bis zu 300 Prozent zu niedrig ansetzt. So waren etwa 74 Prozent der 2001 verstorbenen Kinder unter fünf Jahren mit dem HIV-Virus infiziert, die Regierung sprach dagegen nur von 25 Prozent.
Nach einem UN-Aids-Report von 2003 sind unter den Aidsopfern in der jungen Generation zweieinhalbmal so viele Frauen wie Männer. Inzwischen ist es eine weltweit als bewiesen geltende Tatsache, daß tatsächlich mehr Frauen und Kinder mit HIV infiziert sind, da die Übertragung oft durch erzwungenen Sex stattfindet.
Das Problem mit dem sich Nozipho Mtimkulu, eine 26-jährige Aids-Beraterin in Südafrikas nordwestlicher Provinz herumschlägt, illustriert diese Situation. In den letzten zwei Jahren hat ihr 28-jähriger Bruder vier Frauen geschwängert. Wenn sie versucht, mit ihm über Safer Sex zu reden, schickt er sie zum Teufel. "Wie kann ich ihn nur dazu bringen, Safer Sex zu praktizieren und Frauen respektvoller zu behandeln?" In einem Vortragssaal bringt sie vor Aids-Aktivisten und vielen jungen Zuhörern ihr Problem zur Sprache. Doch sie blickt in unbeteiligte Gesichter. Ein junger Mann meint verächtlich: "Dann lass ihn doch sterben." Nozipho legt die Stirn in Falten. "Sie sollte mit ihren Eltern darüber reden, die können ihren Bruder doch zur Vernunft bringen", schlägt schließlich jemand vor.
"Ja, aber was, wenn auch sein Vater sagt, daß ,Männer nun einmal so sind'? Was, wenn er dem Jungen noch zuredet, sich ein bißchen auszutoben?", fragt ein anderer. Einige nicken, einige schütteln den Kopf, andere reiben sich die Schläfen. Wie können wir unser Verhalten ändern?
Hunderte von Kilometern entfernt lebt Queen Sigkau. Sie ist die Königin des Amapondo-Stammes. Selbst Nelson Mandela zollt ihr Respekt. Die elegante Frau wurde in Swasiland geboren, kümmert sich heute aber um die Probleme ihres Mannes und seines Volkes. Auch die Amaxhosa leiden unter einer hohen HIV-Infektions-Rate. Unter vier Augen erzählt sie, daß "eine Frau in meinem Haus arbeitet, deren Tochter vom Dorflehrer schwanger wurde. In unserer Gemeinschaft sind Lehrer hoch angesehen. Als er an Aids starb, fanden wir heraus, daß er acht Frauen geschwängert hatte. Alle Frauen und ihre Kinder wurden krank. 16 Menschen werden sterben, nur weil dieser Lehrer sich nicht beherrschen konnte."
Der Kampf gegen verantwortungslosen Sex ist wichtiger denn je. Die willkürlichen Ansprüche der Männer werden als viel zu selbstverständlich hingenommen. Es ist ja so bequem, sich über die schrecklichen Vergewaltigungen in Kriegsgebieten zu echauffieren, solange wir darüber vergessen, daß es in unseren friedlichen Gesellschaften jeden Tag zu mehr sexuellen Übergriffen kommt. Genauso bequem ist es, Männer zu attackieren, die es gezielt auf Lesben abgesehen haben, und darüber die vielen Familienväter zu vergessen, die ihre eigenen Kinder vergewaltigen.
Bei dem Kampf gegen sexuelle Gewalt geht es heute zuallererst darum, vor der eigenen Haustür zu kehren und die alltägliche (meist klammheimlich bleibende) Gewalt in den eigenen Gesellschaften ans Licht zu bringen.
Von Charlene Smith
Charlene Smith ist Journalistin in Johannesburg und Autorin von "Proud of me", Johannesburg (Penguin Books) 2002.
Aus dem Englischen von Elisabeth Wellershaus
pte
27.10.2005
Anfang November findet in der südafrikanischen Ortschaft Sutherland die Einweihung des "South African Large Telescope" (SALT) http://www.salt.ac.za, eines neuen Teleskops der zehn-Meter-Klasse, statt. Fünf Jahre hat man für seine Fertigstellung gebraucht. Es ist das größte optische Einzelteleskop auf der Südhalbkugel der Erde und wird in seinen Dimensionen nur vom texanischen Hobby-Eberly-Teleskop (HET) erreicht.
Damit sind jetzt 70 Prozent des Himmels sowohl auf der Südhalbkugel (SALT) als auch auf der Nordhalbkugel (HET) im Laufe einer Nacht astronomischen Beobachtungen zugänglich. Wie Wolfram Kollatschny, Leiter der Wissenschaftsgruppe um extragalaktische Astrophysik, im Gespräch mit pressetext erklärt, sei SALT etwas weiterentwickelter als HET, doch sei die Zusammenarbeit der beiden Großteleskope unbedingt notwendig, um zu neuen Erkenntnissen in der Galaxieforschung kommen zu können.
Für Südafrika hat, laut Kollatschny, der Bau des Teleskops eine sehr hohe Bedeutung. "Das ganze wurde durch einen Parlamentsbeschluss genehmigt, wobei Südafrika sich zwischen seinen beiden wissenschaftlichen Standbeinen Astronomie und Geologie entscheiden musste. Astronomie ist seitdem das Zugpferd der afrikanischen Wissenschaft", so Kollatschny. Es gäbe nicht viele gute Standorte auf der Welt, um die Sterne beobachten zu können, doch Südafrika sei einer davon. "Das Großteleskop soll künftig Einzelobjekte und Sternsysteme sichtbar machen, die bis zu einer Milliarde Mal schwächer sind, als mit bloßem Auge erkennbar", sagt der Astrophysiker.
Die Kosten von umgerechnet über 24,5 Mio. Euro konnte die Abteilung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Technologie in Südafrika nur durch internationale Unterstützung bewältigen. Neben der Universität Göttingen http://www.uni-goettingen.de und der VolkswagenStiftung http://www.volkswagenstiftung.de in Deutschland haben sich noch Hochschulen aus Polen, Neuseeland und Großbritannien sowie mehrere Spitzenuniversitäten der USA an dem Projekt beteiligt.
Von Christina Schürz
Der Standard
10.11.2008
Miriam Makeba starb in einer Klinik in Süditalien im Alter von 76 Jahren an einem Herzinfarkt.
Rom Es war wohl auch für sie ein später Triumph. Miriam Makeba durfte noch miterleben, wie am 4. November Barack Obama in den USA zum ersten amerikanischen Präsidenten mit afrikanischen Wurzeln gewählt wurde. Makeba, deren Beiname "Mama Africa" bereits verdeutlichte, welche Stellung sie auf dem schwarzen Kontinent innehatte, ist am Montag im Alter von 76 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.
Makeba war eine der prominentesten Gegnerinnen der Apartheid in ihrer Heimat Südafrika, in der sie am 4. März 1932 als Zenzile Makeba Qgwashu Nguvama Yiketheli Nxgowa Bantana Balomzi Xa Ufun Ubajabulisa Ubaphekeli Mbiza Yotshwala Sithi Xa Saku Qgiba Ukutja Sithathe Izitsha Sizi Khabe Singama Lawu Singama Qgwashu Singama Nqamla Nqgithi geboren wurde.
Ihre Karriere begann in den 1950ern, als sie mit ihrer ersten eigenen Band, The Skylarks, Jazz und die Folklore Südafrikas verband. 1959 war sie in dem Anti-Apartheid-Film Come Back, Africa zu sehen. Nach dessen Weltpremiere im selben Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig traf sie in London den US-amerikanischen Musiker, Schauspieler und Bürgerrechtler Harry Belafonte, der ihre Karriere vor allem in den USA wesentlich unterstützte.
Miriam Makeba starb in einer Klinik in Süditalien im
Alter von 76 Jahren an einem Herzinfarkt.
Für ihr 1966 erschienenes gemeinsames Album An Evening With Belafonte/Makeba , auf dem das Leben im Apartheidsystem thematisiert wurde, erhielt sie 1966 einen Grammy. In den 1960ern erschien auch ihr größter Hit, Pata, Pata , mit dem sie zeitlebens identifiziert wurde. Zu dieser Zeit hatte Südafrika ein Einreiseverbot über die Künstlerin verhängt, die zeitweise Bürgerin zehn verschiedener Gastländer gewesen sein soll. Insgesamt 31 Jahre lang war ihr die Einreise in ihre Heimat verwehrt.
Zurück nach Südafrika
In den 80ern tourte die mit diversen Friedenspreisen ausgezeichnete Sängerin unter anderem mit Paul Simon auf dessen Graceland -Tour, bevor sie von Nelson Mandela 1990 überredet wurde, nach Südafrika heimzukehren. Miriam Makeba hinterlässt ein Gesamtwerk von rund 30 Alben in 40 Jahren. Bis zuletzt war die seit einigen Jahren an Arthritis leidende Musikerin vor allem in Europa auf Bühnen zu erleben und galt als eine der beständigen Größen der Weltmusik. 2005 war sie in 52 Ländern auf Abschiedstour.
Ein halbherziger Abschied, denn wegen ihres politischen und sozialen Engagements war die kleine große Frau bis zuletzt aktiv: Am Abend vor ihrem Tod trat sie in Italien noch bei einem Konzert auf, das den von der Mafia verfolgten Autor Roberto Saviano (Gomorrha) unterstützen sollte.