Neue Zürcher Zeitung
30.01.2003
Sankt Helena, berühmt und unbekannt zugleich, steht nicht im Rufe eines leicht zugänglichen Touristenziels. Im Südatlantik zwischen Afrika und Brasilien gelegen, ist es immer mehr ins Abseits geraten, vor allem seit der Eröffnung des Suezkanals. Vorher hatte es die Bedeutung einer Relaisstation zwischen Europa, dem Kap und Indien. Von den Portugiesen entdeckt, kam es 1588 - dem Jahr der Armada - unter englische Kontrolle, nachdem wenige Jahre zuvor Portugal nach dem Aussterben seiner Dynastie mitsamt seinem kolonialen Imperium von Philipp II. von Spanien vereinnahmt worden und damit in den Sog des Krieges mit der aufstrebenden protestantischen Inselmacht geraten war. Seitdem führte es ein abgelegenes Dasein als Vorposten, von gesteigerter Bedeutung dank der englischen Eroberung Indiens im 18. Jahrhundert. Vereinzelt gab es illustre Besucher, so den Kometenforscher Halley, den Weltumsegler Cook und schliesslich (auf der Rückreise von Indien) Wellesley, den späteren Herzog von Wellington und Sieger von Waterloo. Dieser war es auch, der mit dem Gewicht seiner angestiegenen Autorität die Insel als ausbruchsicheren Ort der Gefangenschaft für Napoleon ins Gespräch brachte, als das Problem nach den hundert Tagen und der endgültigen Niederlage des Korsen jäh an Aktualität gewann. Damals war die Holland entrissene Kapkolonie in den Besitz des englischen Imperiums übergegangen, was den strategischen Wert der kleinen Insel erhöhte. Nun beherbergte sie von 1815 bis zu dessen Todesjahr 1821 den Ex-Kaiser, der dort auch seine vorläufige Ruhestätte fand (bis die Überreste dann 1840 in den Pariser Invalidendom übergeführt wurden). Später wurde das Gut Longwood, der letzte Wohnsitz des Kaisers, französisches Staatseigentum und von einem französischen Konsul mit dauernder Residenz verwaltet.
Gründe genug, daß Saint Helena (die Engländer betonen den Namen der byzantinischen Heiligen auf der zweiten Silbe) immer wieder zum Ziel von Geschichtstouristen wurde. Dazu gehört auch die Organisation "Croisière Impériale", die für 2002 diese Reise vorsah, die zuerst über Rio de Janeiro geplant, dann - als Folge des 11. Septembers verschoben - schliesslich der eleganten "Queen Elizabeth 2" anvertraut wurde und von Kapstadt aus am 28. November 2002 spätabends begann und am 12. Dezember endete. Die erste Etappe war Namibia, wo man sich in Swakopmund umsah und feststellen konnte, wie stark das deutsche Element in Bevölkerung und Architektur (im Spätjugendstil) noch dominiert. Die Frage, ob es sich nicht um deutsche Touristen handle, wurde uns im Museum (das gleichfalls ganz auf die deutsche Kolonialzeit konzentriert ist) dahin beantwortet, es handle sich um Jugendliche deutscher Sprache aus dem Landesinnern, die für die eben begonnenen Sommerferien die schönen Strände nutzten. Zur Nachtzeit reisten wir weiter in Richtung Sankt Helena. Diese letzte Phase des Lebens Napoleons sich zu vergegenwärtigen, entsprang bei den meisten Franzosen wohl nationalhistorischem Interesse, in unserem Falle war es weniger die Erfüllung eines Knabentraums als das Bedürfnis, nach dreissig Professorenjahren, die immer wieder Vorlesungen und Seminarübungen über den Korsen gebracht haben, diese Kaiservita bis zu ihrem Abschluss nachzuvollziehen.
Der Wunsch erfüllte sich nicht. Als das Schiff am Morgen des 3. Dezembers die Insel erreichte, mussten die früh aufgestandenen Fans nach längerem Warten zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung erfahren, daß der Kapitän die Überführung der Passagiere aufs Festland - einen eigentlichen Hafen besitzt der Inselhauptort Jamestown nicht - sicherheitshalber verboten habe. An sich war die See ruhig, aber am Ufer sah man von blossem Auge die Gischt der hoch aufspritzenden Wellen, deren Gefährlichkeit der Laie wohl kaum ermessen konnte. Jedenfalls erfuhr man nachträglich, daß einige Franzosen die Besatzung des zur "Queen Elizabeth" gelangten Inselbootes, die auf dem Schiff Souvenirs und Briefmarken verkaufte, mit hohen Geldzahlungen zu bestechen und für eine Überfahrt zu gewinnen suchten, was aber an einer Intervention der Schiffsoffiziere scheiterte. Begreiflicherweise machte sich ein gewisses Malaise breit, das der Kapitän durch eine Fahrt rund um die Insel zu mildern suchte. Bei dieser Gelegenheit sah man klar die tektonische Zweiteilung. Längs der Küste falaisenhafte, steil abfallende Felsen, darüber aber eine reiche, fast tropische Vegetation. Von Stränden keine Spur, auch von Ebenen nichts, was die Anlage eines Flughafens bisher verhindert hat.
Wir werden den kostspieligen Versuch mit Sankt Helena nicht ein zweites Mal wagen. Die Bilanz der Reise bleibt bei allen Annehmlichkeiten durchzogen. Will die Insel nicht gänzlich den Anschluss an den Weltverkehr verlieren, muss sie sich um eine Mole bemühen, die auch das Anlegen grösserer Schiffe ermöglicht. Was der "Queen Elizabeth 2" geschah, ist, wie man nachträglich vernahm, auch anderen Schiffen widerfahren. Solange in dieser Hinsicht nichts unternommen wird, wird der historisch interessierte Tourist besser auf dieses Ziel verzichten.
Von Peter Stadler