Neue Zürcher Zeitung
18.03.2002

Tourismus als Alternative zur Viehzucht

Somaliland sucht nach neuen Einnahmequellen

Die selbsternannte Republik Somaliland, die sich 1991 nach dem Sturz des Diktators Siad Barre vom Rest Somalias losgesagt hatte, sucht nach alternativen Einnahmequellen. Hoffnungen setzt sie nun auf Touristen, doch diese müssen hart im Nehmen sein. Einen ersten Vorgeschmack, daß in dem ehemaligen britischen Protektorat einiges anders läuft als anderswo, erhalten die Besucher gleich am Flughafen der Hauptstadt Hargeisa. Dort angekommen, werden die Ankömmlinge mit Hilfe eines Detektors, wie sie sonst bei der Minensuche verwendet werden, untersucht. Das Gerät sei zuverlässig, ein Geschenk der Vereinten Nationen, sagt dazu lakonisch ein Sicherheitsbeamter.

32 Besucher im Jahr 2001
Ferien in Somaliland sind nichts für Personen mit schwachen Nerven. Zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg gegen Somalia gilt nur der Norden als sicher. Westliche Industriestaaten warnen ihre Bürger davor, zum Horn von Afrika zu reisen. Selbst der Reiseführer "Lonely Planet", die "Bibel" für Rucksack- und Alternativtouristen, gibt seinen Lesern den Rat, in Somaliland mit dem Schlimmsten zu rechnen. Entsprechend niedrig ist die Zahl der ausländischen Gäste. 32 Besucher hatten sich im letzten Jahr eingefunden, um Land und Leute kennenzulernen. Die meisten kamen aus Deutschland und Südafrika. Mit einem Anstieg der Zahl der Touristen in diesem Jahr ist kaum zu rechnen. Verhängnisvoll wirkt sich aus, daß die Regierung von Präsident Mohammed Ibrahim Egal für einen Staat werben muss, der international nicht als solcher anerkannt ist.

In Somaliland leben rund drei Millionen Menschen. Sie verfügen über ein eigenes Parlament, haben ihren eigenen Präsidenten, eine eigene Währung, eine eigene Flagge und eigene Pässe. Eine neue Verfassung soll der Mehrparteiendemokratie den Boden ebnen, und für den kommenden Monat waren die ersten Wahlen geplant. Der Wahltermin ist jedoch wegen Verzögerungen bei der Erfassung der Wähler auf nächstes Jahr verschoben worden. Ein weiteres Problem, was einem Aufschwung des Tourismus in der selbsternannten Republik abträglich sein könnte, ist die Gefahr, daß Somalia nach Afghanistan das nächste Ziel eines amerikanischen Vergeltungsschlags gegen den Terrorismus sein könnte. Ausserdem werden in dem Land noch Tausende von Landminen vermutet, die sogar in Schutzgebieten für wildlebende Tiere ausgelegt wurden.

Doch von den Leoparden, Löwen, Hyänen, Antilopen und Schimpansen, die einst in fünf Nationalparks gelebt hatten, ist ohnehin wenig zu sehen. An ihrer Stelle durchstreifen Hirten auf der Suche nach Weideland die einstigen Reservate. Der Bürgerkrieg hat aus dem ehemaligen Protektorat eine Art Selbstbedienungsladen gemacht. So hatten Medien 1999 berichtet, daß ein katarischer Prinz und verschiedene Europäer Gazellen, Strausse, Echsen und andere Tierarten aus Somaliland verschleppt hätten, um die Bestände ihrer Zoos aufzustocken. "Die Menschen denken, sie können kommen und tun und lassen, was sie wollen", klagt der Kultur- und Tourismusbeauftragte Ahmed al-Harun. "Dieses Image wollen wir loswerden und Touristen ins Land holen, die uns nicht ausbeuten wollen." Doch zunächst müsste der Handel mit gefährdeten Tierarten im Lande selbst gestoppt werden. Auf dem Markt von Hargeisa werden Schimpansen offen feilgehalten. Wer will, kann sich ein wildlebendes Tier bei den Nomaden "bestellen".

Somaliland sei aber immer noch reich an natürlichen Ressourcen, versichert der Forstexperte Mohammed Egeh Killeh, es zähle beispielsweise mehr als 600 einheimische Vogelarten. In den Gewässern vor den Saylac-Inseln im Roten Meer gibt es darüber hinaus noch intakte Korallenriffe, im Land selbst Gebirge und Hochebenen, die speziell für Wanderer und Kletterer interessant sein könnten. Geschichtsinteressierte wiederum haben Gelegenheit, das "Fort des verrückten Mullahs" anzusehen. Es war im 19. Jahrhundert von einem Nationalisten erbaut worden, der mehr als 20 Jahre gegen die Briten gekämpft hatte.

Neue Unterkunftsmöglichkeiten
Derzeit bemüht sich eine lokale Hilfsorganisation um die Instandsetzung des Gacanlibaax- Naturparks ("Löwenpark") und der Gästehäuser, die der britische Gouverneur als Wochenendsitz genutzt hatte, die im Bürgerkrieg jedoch zerstört wurden. Des Weiteren wurde die Zahl der Zimmer im Hotel Maan-Soor in Hargeisa auf 40 Zimmer erhöht und ein Luxushotel nahe des Flughafens fertiggestellt. Der Tourismus soll dem selbsternannten Staat am Horn die Unabhängigkeit von der Viehzucht bringen, dem wichtigsten Devisenbringer Somalilands, der jährlich 120 Millionen Dollar erwirtschaftet. Im letzten Jahr hatten die Golfstaaten nach dem Ausbruch des Rift-Valley-Fiebers ein Importverbot verhängt, das erst letzten Monat aufgehoben wurde. Die wirtschaftlichen Folgen waren verheerend.


Süddeutsche Zeitung
07.05.2002

Friedensstifter am Horn von Afrika

Nach dem Tod von Somalilands Präsident Egal wird sich zeigen, wie stabil die kleine Republik ist

Vor ein paar Monaten sah es noch so aus, als ob Präsident Mohammed Ibrahim Egal sein Lebensziel erreichen könnte, als ob seine kleine selbst ernannte Republik Somaliland endlich international anerkannt werden würde. Im Oktober und November wurde weltweit spekuliert, von welcher Landbasis aus die Amerikaner und ihre Verbündeten die Seewege am Horn von Afrika überwachen werden, war doch Somalia als möglicher Unterschlupf von Osama bin Laden und seiner al-Qaida in Verdacht geraten.

Somaliland, das sich 1993 von Somalia losgelöst hatte und seit Jahren eine Oase des Friedens und der Stabilität ist, schien alle Voraussetzungen dafür zu erfüllen. In der Küstenstadt Berbera gibt es nicht nur einen Tiefseehafen, sondern auch die zweitlängste Start- und Landebahn in Afrika. Außerdem hatte Somaliland, im Gegensatz zu Somalia, seit Jahren gute Beziehungen zum Westen. Zur Stationierung fehlte nur noch die internationale Anerkennung. Doch aus Egals Träumen wurde nichts. Die internationale Gemeinschaft verweigerte ihm diesen Wunsch, allein aus dem Grund, weil sein Land politisch, strategisch und wirtschaftlich für den Rest der Welt uninteressant ist. Die Seewege werden jetzt von Dschibuti und Kenia aus überwacht.

Egal wurde 73 Jahre alt, und es wäre vermessen zu sagen, daß ihm die Enttäuschung über die internationale Gemeinschaft die Lebenskraft geraubt hat. Doch vor ein paar Monaten war er noch ein äußerst temperament- und humorvoller Mensch. Damals konnte man erahnen, welche Kraft ihn all die Jahre lang begleitet hat. Egal war seit Jahrzehnten ein Mann des Ausgleichs. Einer, der die vielen verfeindeten somalischen Clans, die das Nachbarland Somalia ins Chaos und in die Anarchie gestürzt haben, versöhnen wollte.

Als erster Präsident des von London unabhängig gewordenen Somaliland vereinigte er sein Land 1960 mit der italienischen Ex-Kolonie Somalia und wurde später Premierminister. Ein Putsch des Diktators Siad Barre machte den Traum von einem vereinten friedlichen Somalia aber zunichte. Egal landete für mehr als zehn Jahre im Gefängnis, und als Somalia nach dem Sturz Barres völlig zusammenbrach, dauerte es noch zwei Jahre, bis Egal die Unabhängigkeit Somalilands erreichte.

Während Somalia auch heute noch von Kriegsherren und von Chaos beherrscht wird, gibt es in Somaliland seit Jahren eine funktionierende Verwaltung, eine gewählte Regierung sowie Soldaten und Polizisten, für die Korruption ein Fremdwort zu sein scheint. Durch den Tod Egals, der am Montag beerdigt wurde, wird sich zeigen, wie stabil die kleine Republik inzwischen wirklich ist.
Von Michael Bitala


chilli.cc
12.08.2008

Vergessen am Horn von Afrika

Somaliland liegt am Horn von Ostafrika und bildet offiziell den nordwestlichen Landesteil Somalias. 1991 erklärte sich Somaliland jedoch für unabhängig. Die abtrünnige Republik grenzt außerdem an Äthiopien im Süden und an Dschibuti im Norden. Somaliland hat mit dem Somaliland-Schilling auch eine eigene Währung. Hauptstadt ist Hargeisa.
Die 3,5 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche von etwa 137 000 km?. Die Ethnie der Somali macht die Mehrheit in der Bevölkerung aus, von ihr wurde auch der Name des Gebietes abgeleitet. Rund die Hälfte der Einwohner sind Nomaden . Viehzucht ist daher eine wichtige Lebensgrundlage . Armut ist trotz wirtschaftlicher Fortschritte nach wie vor verbreitet.

Seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung gab es drei Mehrparteienwahlen. Seit 2002 ist Dahir Riyale Kahin Präsident in Somaliland, 2003 wurde er bestätigt.

International kaum wahrgenommen, fordert Somaliland die Anerkennung als unabhängiger Staat
Von Urlaub in Somaliland wird eher abgeraten, warnen doch Reiseführer vor möglichen Landminen in gewissen Gebieten. Die Menschen in der abtrünnigen ostafrikanischen Republik seien jedoch äußerst gastfreundlich. Von der Welt kaum Beachtung geschenkt, haben sie innerhalb von zwei Jahrzehnten einen Staat aufgebaut, der sich für unabhängig erklärt hat. Auf der Landkarte ist Somaliland am Horn von Afrika allerdings nicht zu finden, offiziell existiert die Republik nämlich gar nicht. Und das trotz eigener Verfassung, Flagge und Landeshymne.

Verflossene Unabhängigkeit
International wird Somaliland nicht als eigener Staat anerkannt, sondern als Landesteil im Nordwesten Somalias betrachtet. Genau davon hat sich Somaliland 1991, nach dem Sturz des somalischen Diktators Mohamed Siad Barre, abgespalten und sich einseitig für unabhängig erklärt. Schon zuvor konnte Somaliland eine kurze Phase der Unabhängig genießen ­ allerdings nur für fünf Tage, zwischen dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1960 und der Vereinigung mit Somalia. Tatsächlich entwickelten sich in der abtrünnigen Republik demokratische Strukturen heraus, wie ein Mehrparteiensystem, das Wahlrecht ab 16 und ein Zwei-Kammern-Parlament, während Somalia als trauriges Paradebeispiel eines sogenannten “failed state³ gilt.

Aufbau durch Eigeninitiative
In einer Region, die vom Bürgerkrieg gebeutelt ist, stehen Wiederaufbau und der Blick in die Zukunft an oberster Stelle. Die heutige Hauptstadt Somalilands, Hargeisa, wurde während des Guerillakrieges gegen die somalische Herrschaft unter Barre völlig zerstört, eine halbe Million Menschen flohen ins benachbarte Äthiopien. Viele fanden in Ländern von Großbritannien bis Malaysia einen Zufluchtsort. Doch nach und nach kehren die Menschen wieder in ihre Heimat zurück. Diejenigen, die im Ausland eine Ausbildung genossen haben, sind nun die Zukunftshoffnung für das Land. Die Universität in Hargeisa ist eines der Symbole für den Aufbau. Mittlerweile zählt sie immerhin fünfhundert Studierende.

Bisher war Somaliland großteils von Geldüberweisungen seiner Bürger im Ausland angewiesen. Denn durch die fehlende internationale Anerkennung erhält der selbsternannte Staat auch keine Finanzhilfen. Sogar das Verschicken von Post funktioniert nicht ohne Umstände: Nicht in das internationale Postsystem eingebunden, muss Somaliland private Unternehmen wie DHL beauftragen. Neben vielen Kleinunternehmen, die gegründet wurden, um eine florierende Wirtschaft aufzubauen, hofft Somaliland außerdem, durch seine reichen Erdölvorkommen und mit dem Aufbau einer Fischereiindustrie, Investoren ins Land zu locken.

Anerkennung noch weit entfernt
Freie Präsidentschaftswahlen gab es erstmals 2003, zuvor wurden politische Posten durch die einflussreichen Clans bestimmt. Dahir Rayale Kahin ist der erste vom Volk gewählte Präsident. Zwei Jahre darauf wurden die Menschen erneut zu den Urnen gebeten, um ein Parlament zu wählen. Kahins fünfjährige Amtszeit ist im Mai dieses Jahres eigentlich schon abgelaufen. Doch auf die nächste Abstimmung heißt es noch warten ­ bis spätestens April 2009 ­ denn der Ältestenrat hat die Regentschaft Kahins verlängert.

Der Grund warum sich die internationale Gemeinschaft mit einer Anerkennung Somalilands zurückhält, hängt mit der labilen politischen Situation am Horn, speziell in Somalia, zusammen. Die Afrikanische Union argumentiert, dass eine Veränderung der Staatsgrenzen nur zu größerer Unsicherheit führen würde. Ungelöste Territorialkonflikte, in die auch Somaliland eingebunden ist, vereinfachen die Lage dabei nicht gerade.



Le Monde diplomatique
14.11.2008

Flotten gegen Piraten

Vor Somalias Küste wird aufgerüstet

Als somalische Piraten am 25. September den ukrainischen Frachter "Faina" aufbrachten, erreichte die Seepiraterie vor der somalischen Küste eine neue Qualität: Dieser Überfall war nicht mehr nur ein krimineller Akt, sondern eine kriegerische Handlung. Für die Piraten lohnte sie sich: Militärfracht bringt gegenüber ziviler Fracht das Zehnfache an Lösegeld. Die "Faina" war auf dem Weg nach Mombasa in Kenia und hatte rund 30 offiziell für die kenianische Armee bestimmte Panzer1 an Bord. Die Piraten forderten ein Lösegeld von 13,6 Millionen Euro. Sie kaperten das Schiff vor dem Hafen Hobyo in Puntland.2 Binnen zwei Tagen hatten Schiffe der US-Marine den Frachter eingekreist, um zu verhindern, dass die schweren Waffen an Land gebracht wurden.

Zwölf Tage zuvor hatten Piraten erstmals einen französischen Thunfischtrawler, die "Le Drennec", mit Raketenwerfern beschossen. Der Angriff erfolgte 420 Seemeilen (750 Kilometer) vor der somalischen Küste, so weit auf offener See wie noch nie. Das Schiff konnte knapp entkommen, aber die europäische Thunfischflotte im westlichen Indischen Ozean - 55 französische und spanische Schiffe mit 2 000 Mann Besatzung und einer Ladung von 200 000 Tonnen Fisch - musste sich auf Fanggebiete jenseits der Seychellen zurückziehen. Zuvor hatten dieselben Piraten schon Schiffe mit sensibler Ladung überfallen: Frachter mit Chemikalien aus Hongkong und den Philippinen sowie italienische und japanische Ölfrachter.

Erstmals gelang es der französischen Marine allerdings - nach zwei Geiselnahmen auf Schiffen unter französischer Flagge - zwölf somalische Piraten zu fassen und nach Paris zu bringen. Im April hatten die Piraten die Luxusjacht "Le Ponant" gekapert und im September das Segelboot "Carré d'As" entführt. Präsident Sarkozy beschloss daraufhin, an der somalischen Küste "Kriegsgefangene zu machen" - um zu zeigen, dass sich "Verbrechen nicht lohnen". Die zwölf Piraten, die nun 7 000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in französischen Gefängnissen auf ihre Verurteilung warten, sollen nur dann nach Somalia überstellt werden, wenn gesichert sei, dass die Urteile dort auch vollstreckt würden. Nach Ansicht ihrer Verteidiger sind die Gefangenen allerdings eher Ziegenhirten oder Fischer denn Berufspiraten und zu Unrecht ins Fangnetz der französischen Justiz geraten. Wie tief sie in die Geiselnahmen verstrickt sind und ob mit ihnen wirklich die Hauptverantwortlichen gefasst wurden, ist in der Tat unklar.

Der Ausgang des Prozesses spielt aber eine untergeordnete Rolle - worum es geht, ist die wirtschaftliche und politische Bedeutung, die die Seepiraterie inzwischen erlangt hat: Im September saßen allein an der Küste von Puntland rund zehn gekaperte Frachter fest. Die Piraten hatten mehr als 130 Besatzungsmitglieder in ihrer Gewalt. Nach Informationen der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation verübten somalische Piraten von Januar bis Oktober 69 Überfälle und kassierten mehr als 18 Millionen Euro Lösegeld.

Ihr bevorzugtes Operationsgebiet ist der Golf von Aden. Wegen seiner strategischen Bedeutung für alle Schifffahrtslinien zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer gilt er heute als das weltweit gefährlichste Piratengebiet vor der Straße von Malakka und dem Golf von Guinea. Die Hälfte aller fossilen Brennstoffe wird über die Seeroute zwischen Somalia und Jemen transportiert. Jedes Jahr kommen 16 000 Schiffe hier durch, also gut 40 am Tag.

Zu Beginn des Jahrhunderts waren gerade einmal einige Dutzend Fischer und ehemalige Beamte der Küstenwache als Gelegenheitspiraten unterwegs. Doch seit die Piraterie durch einige wichtige Persönlichkeiten der autonomen Region Puntland unterstützt wird, zieht sie immer weitere Kreise. Die Aussicht auf schnellen Profit hat Geldgeber angelockt, die die Ausbildung organisierter Gruppen finanzieren - wie die Somali Marines oder die Costiguards in der Nähe kleiner Häfen wie Eyl oder Hobyo am Indischen Ozean oder auch Alula direkt am Golf von Aden.

Viele Familien leben von der Piratenbeute

Die Islamischen Gerichte, die 2006 die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu erlangten,3 sagten den Piraten den Kampf an. Doch einige ihrer Anführer, die heute die Regierung unter Präsident Abdullahi bekämpfen, sollen ihre Kriegskassen durch Seepiraterie gefüllt haben. Mukhtar Robow, Sprecher der Untergrundbewegung al-Schabab, rechtfertigte öffentlich den Überfall auf die "Faina": "Handelsschiffe zu überfallen, ist ein Verbrechen. Aber ein Schiff zu entführen, das Waffen für die Feinde Allahs transportiert, ist erlaubt." Die Piraten rief er dazu auf, den Frachter, dessen Waffenladung für Äthiopien bestimmt war, in Brand zu stecken oder zu versenken.(4)

Scheich Scharif Ahmed, der Anführer der "Allianz für eine neue Befreiung Somalias", ein von Islamisten dominiertes Oppositionsbündnis, sieht das allerdings anders. Für ihn sind die "widerlichen Überfälle" in erster Linie durch Habgier motiviert. Alle Länder müssten Somalia deshalb helfen, das Freibeutertum auszurotten.(5)

Selbst wenn die Piraterie für andere Zwecke instrumentalisiert wird - die Piraten selbst sind vor allem junge Leute, die der Hunger treibt und die den Tod nicht fürchten. In einem Land ohne funktionierende Wirtschaft und Verwaltung, das überwiegend von der internationalen Lebensmittelhilfe abhängt, leben tausende von Familien von dem, was die Jungen erbeuten.

Die Geiselnahme ist zu einem richtigen kleinen Industriezweig geworden, mit Auftraggebern, Finanzierungsnetzwerken, Spähtrupps und Mutterschiffen, die mitunter mehrere hundert Kilometer von der Küste entfernt kreuzen. Von dort aus starten dann die mit Radar nicht zu ortenden Piratenboote. Die Höhe der Lösegelder stachelt die Gier der Kriegsherren an und entfacht damit den endlosen somalischen Bürgerkrieg immer neu. Gleichzeitig bedroht die Piraterie eine der wichtigsten Verkehrsadern des Welthandels.

Die Regierung von Eritrea dagegen beschuldigt die ausländischen Fischereiunternehmen, "die somalischen Fischbestände zu plündern und dabei die Souveränitätsrechte des Landes zu verletzen"(6), und schlägt damit in dieselbe Kerbe wie die Entführer der "Faina". Die hatten erklärt, dass die Piraterie nichts anderes als ausgleichende Gerechtigkeit für die Ausbeutung der somalischen Fischgewässer durch westliche Trawler sei.

Die autonome Regierung Puntlands scheint ihrerseits ein doppeltes Spiel zu spielen. Sie behauptet, keine Handhabe gegen die Piraten zu haben, während einige Regierungsmitglieder offenbar gemeinsame Sache mit ihnen machen. Nach örtlichem Recht steht auf Piraterie die Todesstrafe. Die Regierung Puntlands, die seit zehn Jahren vergebens um internationale Anerkennung wirbt, begnügt sich ebenso wie die Übergangsregierung in Mogadischu damit, ausländische Einsätze gegen die Piraterie zu unterstützen.

Mit der Verabschiedung der Resolution 1816 setzte der UN-Sicherheitsrat im Juni erstmals ein Zeichen für eine internationale Mobilisierung gegen die Piraterie. Dazu wurde das UN-Seerechtsübereinkommen von 1982 geändert, das die Bekämpfung der Seeräuberei nur auf hoher See erlaubte, also außerhalb von Hoheitsgewässern und Außerordentlichen Wirtschaftszonen (AWZ), den sogenannten 200-Meilen-Zonen. Nun dürfen Kriegsschiffe mit Genehmigung der international anerkannten Übergangsregierung in Mogadischu auch in Hoheitsgewässern Somalias "seeräuberische Handlungen und bewaffnete Raubüberfälle auf See" bekämpfen. Dieses Recht der Nacheile geht allerdings nicht so weit, dass ein Überwachungssystem für die von den Piraten genutzten Stützpunkte und Häfen eingerichtet werden darf.

Frankreich und Spanien fordern deshalb eine "internationale Meerespolizei". Diese sollte von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union aufgestellt werden. Beim Treffen des Ministerrats im französischen Deauville Anfang Oktober hatten sich zehn Mitgliedstaaten bereits zur Mitwirkung bereiterklärt. Ab Anfang Dezember werden unter dem Namen EuNav Somalia erste gemeinsame europäische Seepatrouillen unterwegs sein.

Russland, das nach dem Überfall auf die "Faina" ein Patrouillenboot in den Indischen Ozean entsandt hatte, erklärte ebenso wie die USA und die EU, im Rahmen der Resolution 1816 gegen die Piraten vorgehen zu wollen. Kurzfristig hat die Task Force 150 ihre Mission ausgeweitet. Dieser Einsatzverband umfasst ein Dutzend amerikanischer und europäischer Schiffe und wurde von den USA im Rahmen der Operation Enduring Freedom aufgestellt. Ob die Vermischung beider Missionen sinnvoll und ohne Risiken ist, sei dahingestellt.

Seit dem 24. August überwacht die Task Force 150 ein Seegebiet von mehr als 6 Millionen Quadratkilometer im Golf von Aden, zwischen Somalia und dem Jemen. Damit sollen zumindest die Schifffahrtswege nahe der Meerenge von Bab al-Mandab gesichert werden. Zudem hat die Nato angeboten, im November ein Geschwader von sieben Fregatten bereitzustellen.

In Brüssel versucht derweil ein Planungsstab, die Kapazitäten der europäischen Seestreitkräfte vor Ort zu koordinieren. Damit sollen bestimmte Transporte im Einzelfall geschützt werden, etwa Frachter, die im Auftrag des Welternährungsprogramms (WFP) unterwegs sind. Die französische, dänische und kanadische Marine sichern seit November 2007 die Durchfahrt der WFP-Frachter, nachdem diese mehrfach Piratenangriffen ausgesetzt waren. Aus dem Welternährungsprogramm werden über den Seeweg monatlich eine Million Menschen versorgt.

In Anbetracht der weltweiten Lebensmittelkrise ist aber schon jetzt damit zu rechnen, dass bis Jahresende die Zahl der Bedürftigen auf 2,5 Millionen ansteigen wird. Ein systematischer militärischer Schutz scheint angesichts der Ausdehnung des Operationsgebiets illusorisch. Diskutiert wird deshalb neuerdings wieder die Idee von Konvois. Zumindest die angreifbarsten, das heißt die langsamsten Schiffe mit flachem, breitem Rumpf und sensibler Fracht,(7) sollen auf diese Weise besser geschützt werden. Einige Fachleute sind allerdings der Meinung, dass man den Piraten gerade mit dem Fahren im Konvoi - abgesehen vom höheren Zeitaufwand und den Kosten - nur eine offene Flanke bietet, da sie über moderne Ortungssysteme wie GPS verfügen.

Der Thunfischindustrie dürfte dieser Vorschlag auch nicht gefallen. Deren Trawler sind nämlich üblicherweise allein unterwegs, um die Fischschwärme verfolgen zu können, und mit ihren Fangnetzen und Angeln sind sie nicht ohne weiteres beweglich. Die französischen Handelsschiffe werden im Rahmen der "freiwilligen Seekontrolle" von der französischen Marine beschützt, die in Absprache mit den Reedereien den Handelsschiffen folgt und sie im Ernstfall eskortiert und lotst. In bestimmten Fällen und Meereszonen werden die Schiffe eng begleitet.

Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation empfiehlt bei Waffentransporten, die Schiffe so weit wie möglich von der somalischen Küste entfernt fahren zu lassen und ständig Radarkontrollen und Überwachungen durchzuführen. Manche amerikanischen, russischen oder israelischen Handelsschiffe führen selbst Waffen zu ihrem Schutz mit. Die meisten Handels- und Fischfanggesellschaften lehnen diese Praxis ab, weil sie im Konfliktfall eine Eskalation befürchten. Auch privater Wachschutz an Bord wird nicht gern gesehen. Umgekehrt ist bereits bekannt geworden, dass auch Marinekommandos mitunter auf WFT-Frachtern mitfahren.

Angesichts der wachsenden Zahl von Überfällen vor der jemenitischen Küste hat das Land im September beschlossen, drei Zentren zur Bekämpfung der Seepiraterie einzurichten. Eines davon befindet sich in Aden. Das private Sicherheitsunternehmen Secopex soll von der somalischen Regierung den Auftrag erhalten haben, eine Küstenwache aufzubauen. Amerikanische und britische Sicherheitsdienste sollen ebenfalls als bewaffnete Wachen auf Schiffen im Einsatz sein - manchmal ist bereits von "Seesöldnern" die Rede.

Eine umfassende und nachhaltige Lösung müsste allerdings anderswo ansetzen: Nur die politische Anerkennung von Puntland beziehungsweise die schwer vorstellbare Wiedervereinigung Somalias sowie umfangreiche internationale Hilfe für dieses durch 17 Jahre Bürgerkrieg verwüstete Land könnten wohl ein dauerhaftes Ende der Piraterie bewirken.

Die Straße von Malakka im Osten des Indischen Ozeans, wo jährlich rund 50 Überfälle verzeichnet wurden, konnte nur dank eines besseren Informationsaustauschs und gemeinsamer Patrouillen der Anrainerstaaten Singapur, Malaysia und Indonesien befriedet werden. Eine solche Lösung setzt allerdings die Zusammenarbeit von starken Staaten voraus. Im Falle von Somalia scheidet sie damit von vornherein aus.

Neben einer internationalen Mobilisierung auf hoher See und einer regionalen Kooperation der Anrainerstaaten macht derzeit ein weiterer Vorschlag die Runde: Junge Leute, die eine Laufbahn als Fischer oder als Pirat erwägen, sollen stattdessen zu Beamten der Küstenwache ausgebildet werden.

Fußnoten: (1) Es handelt sich um T-72-Kampfpanzer sowjetischer Bauart mit 125-Millimeter-Kanonen. (2) Das Gebiet im Nordosten Somalias hat im August 1998 einseitig seine Autonomie erklärt und ist faktisch unabhängig. (3) Siehe Gérard Prunier, "Somalia ist nicht Afghanistan", "Le Monde diplomatique, September 2006. (4) AFP, Mogadischu, 2. Oktober 2008. (5) AFP, Nairobi, 9. September 2008. (6) AFP, Nairobi, 11. September 2008. (7) Admiral Laurent Mérer, Exkommandant der französischen Seestreitkräfte im Indischen Ozean, Radio France internationale, 17. September 2008.

Von Philippe Leymarie
Philippe Leymarie ist Journalist bei Radio France internationale

Le Monde diplomatique Nr. 8735 vom 14.11.2008, Seite 17, 378 Dokumentation, Philippe Leymarie

Aus dem Französischen von Veronika Kabis



FOCUS online
24.01.2009

Operation Allied Showdown

Es ist ein ungleicher Kampf. Von der griechischen Fregatte Psara führt Commodore Antionios Papaioanou die europäische Mission Atalanta gegen die Piraten am Horn von Afrika. Weil das betagte Kriegsschiff nicht über moderne Datenverbindungen verfügt, schickt der griechische Offizier wie in alten Tagen seine Befehle per Funkfernschreiber an die kleine Armada, die er kommandiert. Sein Gegenspieler, US-Flotillenadmiral Terence Terry McKnight, befehligt eines der modernsten Schiffe der US Navy: Die San Antonio ,in ihrem ersten echten Einsatz , hat neueste Kommunikationstechnik an Bord, dazu drei Hubschrauber, Spezialisten der Coast Guard, Chirurgen und vor allem Marineinfanterie.

Aber die zwei Marineoffiziere kämpfen ja nicht gegeneinander. Sie haben beide den Auftrag, mit ihren Kriegsschiffen die Frachter und Tanker zu schützen, die das gefährliche Seegebiet im Golf von Aden durchqueren oder Lebensmittel für hungernde Menschen in die somalische Hauptstadt Mogadischu bringen. Über hundert Handelsschiffe wurden im vergangenen Jahr dort von Piraten aus Somalia angegriffen, mehr als zehn Frachter und Tanker mit über 200 Seeleuten sind noch immer in der Hand der Kriminellen, die ihre Beute vor die Piratennester an der somalischen Küste gebracht haben.

Und doch stehen Papaioanou und McKnight in einem erbitterten Wettstreit. Der Grieche repräsentiert die Europäische Union, die mit Atalanta ihren ersten gemeinsamen militärischen Einsatz zur See versucht. Der Amerikaner führt seine Combined Task Force 151 (CTF151), die erst vor zwei Wochen gegründet wurde, in der gleichen Region in die gleiche Aufgabe. Bei aller Kooperation, die USA und EU nach außen hin demonstrieren, konkurrieren hier erstmals die Streitkräfte der Supermacht und des europäischen Bündnisses an gleicher Stelle miteinander. Eine militärische Konfrontation ist nicht zu erwarten, aber die Auseinandersetzung um die Wahrnehmung daheim und in der Welt läuft: Operation Allied Showdown.

Da spielt es zwar in der Praxis, aber im öffentlichen Ansehen kaum eine Rolle, wer mit welchem Aufwand welche Arbeit macht: Die EU mit ihren derzeit vier Schiffen, die in den vergangenen Wochen permanent Schiffe eskortierten - oder die USA, deren CTF bislang neben der San Antonio nur den Kreuzer Mahan und noch kein einziges Schiff einer anderen Nation umfasst, zudem bislang noch nicht wirklich gegen Piraten vorgegangen ist?

Trommeln können die USA jetzt schon lauter. Als Mitte Januar die CTF151 aus der Taufe gehoben wurde, gab das US-Marinekommando NAVCENT in Bahrain den Takt vor: Die USA, so lief es über die Ticker, kommandierten jetzt eine Anti-Piraterie-Streitmacht. Daraus wurde recht schnell - auch in deutschen Medien - der Eindruck, alle Kriegsschiffe im Einsatz gegen Seeräuber vor Somalias Küste hätten sich willig dem US-Kommando unterstellt. Europäische Offiziere ballten die Faust in der Tasche und knirschten mit den Zählen - allein, es half nicht wirklich.

Denn anders als manche Europäer beherrschen die Amis das Geschäft mit - je nach Standpunkt - Public Relations, Public Diplomacy oder Pressearbeit perfekt. Zwar hat die San Antonio noch kein einziges Piratenschiff gestoppt. Doch an Berichten und Fotos von Bord herrscht kein Mangel. Das erste Zusammentreffen eines Schiffes aus dem europäischen Atalanta -Verband mit Piraten am ersten Weihnachtstag geriet dagegen medial zum Fiasko . Auf Fotos zeigen die Europäer gerne ihre Kommandeure oder Katalogaufnahmen der Kriegsschiffe. Die Amerikaner dagegen berichten von Boarding Teams beim Training . Amerikanische Medienberichte erwähnen die Europäer, wenn überhaupt, nur ganz am Rande.

Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil für die EU diese erste gemeinsame Operation zur See eine richtige Neuerung ist - für die US Navy dagegen Piratenbekämpfung ein Geschäft unter vielen. Am Horn von Afrika sind Seeräuber für die Amerikaner auch nicht wirklich ein Problem, das sie beschäftigten müsste. Im Jahresbericht des International Maritime Bureau über Piraterie am Horn von Afrika tauchen die USA in der Top-Ten-Liste der betroffenen Länder gar nicht erst auf (Schiffe deutscher Reedereien dagegen führen mit 41 Angriffen die Liste an). Im Golf von Aden sind recht wenig Frachter mit Ladung für Amerika unterwegs - ganz im Gegensatz zu den Schiffen, die Ladung für Europa an Bord haben. Deshalb kann US-Admiral Gortney auch quasi nebenbei erzählen, dass das Risiko eines Piratenüberfalls für ein Handelsschiff bei 0,13 Prozent liegt. Ein deutscher oder europäischer Admiral, der das öffentlich verkündete, müsste sich sehr schnell die Frage gefallen lassen, warum dann aufwändig Kriegsschiffe dorthin geschafft werden.

Es geht ja nur am Rand um Piraten. Entscheidender für die USA ist die Frage, ob sie sich überall als die Führungsnation präsentieren können. Und warum nicht das Ziel des freien Welthandels, ungehindert von Seeräubern, zu einer ihrer Prioritäten erklären? Wenn man dann gleichzeitig demonstrieren kann, wie US-Führung auch so unwahrscheinliche Verbündete wie die Chinesen in den Anti-Piraten-Kampf einbindet?

Das Ganze wird noch Fahrt aufnehmen - wenn die USA das tun, worauf die Europäer bewusst verzichten: Auch an Land Piratennester ausräuchern. Die Voraussetzungen dafür hat die frühere Außenministerin Condi Rice mit der UN-Resolution 1851 noch erreicht. Und militärisch gehört das für die amerikanischen Marines zum normalen Geschäft. Die Marine Corps Times , sicherlich nicht ohne Kontakte in diese Teilstreitkraft, fasst den Auftrag der CTF151 denn auch kurz und bündig und ganz anders zusammen als die Jungs von der Navy: Task Force 151 ist eine kürzlich zusammengestellte multinationale Streitmacht, die zu Land und in der Luft Piratenbasen an der Küste Somalias angreifen soll.

(Der offizielle Text klingt ein bisschen allgemeiner: CTF 151 is a multinational task force conducting counterpiracy operations to detect and deter piracy in and around the Gulf of Aden, Arabian Sea, Indian Ocean and Red Sea. It was established to create a lawful maritime order and develop security in the maritime environment)

Im Kampf um die Herzen und Köpfe der westlichen Nationen haben also derzeit die USA die Nase vorn, weit vor der Europäischen Union. Und ich glaube nicht, dass die Europäer so schnell aufholen. Schlimmer wird's noch, wenn die USA noch vor der EU ein Abkommen mit Kenia schließen, das die Überstellung verhafteter Piraten erlaubt : Dann gehen die Amis offensiv  auf Piratenjagd. Und ihre Erfolge, da bin ich sicher, werden sie ebenso offensiv vermarkten.

Von Thomas Wiegold



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