taz
01.10.2001
Nurrudin Farah, neben Wole Soyinka einer der profiliertesten Schriftsteller Afrikas, wurde 1945 in Südsomalia geboren. Mit 23 Jahren schreibt er sein erstes Buch, dem bald weitere folgen. Er setzt sich zunehmend kritisch mit der seit 1969 regierenden Militärdiktatur unter Siad Barre auseinander.
1975 entscheidet er sich aus berechtigter Furcht um sein Leben, von einem Stipendium in London nicht nach Somalia zurückzukehren. Seither hat er an verschiedenen Orten in Europa, Amerika und Afrika gelebt. Seit zweieinhalb Jahren wohnt er mit seiner Frau Amina Mama, Professorin für Gender Studies, und ihren zwei Kindern in Kapstadt.
Farahs Thema ist das Leben in Somalia, unter dem Druck der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse. Aus wechselnden Perspektiven blickt er auf die Auswirkungen von Diktatur, Geschlechterhierarchie, Nationalismus und Postkolonialismus.
Seine letzten Romane, als Trilogie unter dem Namen "Blood in the Sun" zusammengefasst, tragen im Original die programmatischen Titel "Maps", "Gifts" und "Secrets".
Aus dieser Reihe ist der Roman "Duniyas Gaben" gerade auf Deutsch erschienen (Suhrkamp Verlag), im November kommt aus der vorhergehenden Trilogie "Variations on the Theme of African Dictatorship" der Titel "Vater Mensch" heraus (Verlag Frederking und Thaler). In seinem neuesten, nonfiktionalen Buch berichtet er über die Lebensumstände von Somalis in der Diaspora.
Ein Interview mit dem somalischen Schriftsteller Nurrudin Farah über die Haltung des Islam zur Frage der Berechtigung von Gewalt und Vergeltung: "Die Schwachen bewegen sich auf eine komische, ungesunde Art."
taz: In Ihrem Buch "Vater Mensch" befassen Sie sich mit dem Thema "Islam und Gewalt", ein Thema, das aufgrund des Terroranschlags auf die USA besonders diskutiert wird.
Nurrudin Farah: Es geht darum, ob es legitim ist, Gewalt zu politischen Zwecken anzuwenden, ob es islamisch ist, einen Mord zu begehen, an jemandem, den du als ungerecht wahrnimmst. Im Islam ist das Töten einer unschuldigen Person auch deshalb ein Verbrechen, weil es gleichgesetzt wird mit der Ermordung der gesamten Menschheit. In jedem menschlichen Wesen ist die gesamte Menschheit präsent. Ich gebe darauf in meinem Buch keine kategorische Antwort, da ich literarisch die Zweifel verarbeite, die in meinem Denken vorherrschen. Aber unabhängig von dem Roman kann man diese Frage auch auf das anwenden, was in New York passiert ist.
Und die Antwort wäre dann?
Es ist nicht islamisch. Ich habe diesen Roman 1983 geschrieben, als Teil der Trilogie "Variationen über das Thema einer afrikanischen Diktatur", in der ich mich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der damaligen somalischen Militärdiktatur unter Siad Barre auseinandersetze. Die Frage ist: Ist es legitim, akzeptabel im Islam, Gewalt anzuwenden, um eine Diktatur zu stürzen. Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst andere Fragen klären: Über welche Art von Diktatur reden wir? Wer ist die Person, die für die Sache kämpfen will? Hast du selbst ein reines Gewissen? Wenn das der Fall ist, geht es um das Motiv: Verhält diese Person sich inhuman, also "unislamisch", denn islamisch bedeutet "rein, pur, friedlich".
In ihrem Buch "Vater Mensch" stellt sich die Frage: "Würde einem von Gott vergeben werden, wenn man sich ihm stellt, nachdem man den Diktator umgebracht hat? Sieht man die USA als "Weltdiktator", wie es Fundamentalisten tun mögen, stellt sich hier eine ähnliche Frage?
Es gibt eine klare Aussage: Gewalt wird im Islam nicht vergeben, sie wird immer bestraft. Die Taliban sind unislamisch. Keine islamische Gemeinschaft, nicht einmal der Iran, akzeptiert das Verhalten der Taliban. Aber lassen Sie mich noch etwas zum Fundamentalismus generell sagen: Mehr Muslime haben unter den Fundamentalisten gelitten als Nichtmuslime, mehr als die Amerikaner, ohne daß das Wort "Dschihad" fällt. Der Begriff ist ein Jargon, ein Slogan politischer Parteien. Der Angelpunkt ist aber nicht die Religion, sondern die Gewalt. Wenn man im Mittleren Osten die Religion außen vor ließe, würde der Begriff Dschihad gar nicht auftauchen: "Gewalt" würde einfach "Gewalt" bleiben. Der Begriff fällt erst, wenn es gegen Nichtmuslime geht.
Haben Sie Verständnis für die Fundamentalisten?
Der islamische Fundamentalismus entsteht auf einem bestimmten Nährboden. Es ist ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Und ich würde mit den Fundamentalisten übereinstimmen, was die Ausgangsbasis, die Kritik an ihren eigenen zerrütteten, repressiven Regimen anbelangt. Mein Widerstand, wenn ich dort leben würde, wäre aber säkularistisch motiviert. Sie bewegen sich dagegen in Richtung Religion und Gewalt. Es ist eine Religion von Eiferern. Diese Leute gehen Jahrhunderte zurück, als der Prophet Mohammed den Glauben begann, als ob sie selbst die Initiatoren einer neuen Religion wären. Als ob sie einen neuen Glauben zum Vorschein brächten, da alle anderen gescheitert sind. Als wäre sie die einzigen Bannerträger.
Hans Magnus Enzensberger hat kürzlich geschrieben, eines der Probleme des Islam insgesamt wäre, daß er schon lange keine produktiven Ideen mehr entwickelt habe und sich daher "ausschließlich in der Negation der Moderne erweise".
Ich würde es nicht so ausdrücken. Aber der Islam wurde nach der Niederlage gegen die Kreuzzügler zu einem besiegten Glauben. Während Europa es schaffte, einen Modus Vivendi mit der Religion zu finden und Ideen des Säkularismus zu entwickeln. Später kamen die europäischen Staaten, die bereits säkularisiert waren, in die Türkei, nach Afghanistan, den Mittleren Osten, überallhin, wo die Religion unberührt geblieben war. Diesem Kolonialismus widersetzten sich Menschen als Muslime. Es ist also in erster Linie eine antikolonialistische Einstellung, die bis heute fortdauert. Und manche haben die Kolonialisten durch die Amerikaner ersetzt.
Wogegen wehren sie sich?
Gegen jemanden mit andersartigen Vorstellungen, die er ihnen auferlegen will. Und die Amerikaner sehen sich ja selbst auch als Bannerträger.
Nach den Anschlägen taucht bei westlichen Kommentatoren, aber auch bei Afrikanern wie Okwui Enwezor, dem Leiter der nächsten documenta, die These vom "Clash of Civilisations" auf.
Es ist die Arroganz der judäo-christlichen Welt, anzunehmen, es gäbe einen solchen Zusammenprall. Das Problem im Nahen Osten ist ein territoriales, ein Problem der Vorherrschaft. Die Palästinenser sind nicht alle Muslime, das muss man im Hinterkopf behalten. Die Huntington-These funktioniert noch aus zwei anderen Gründen nicht.
Erstens: Die Mehrzahl der Muslime überall auf der Welt hat eine tolerantere Einstellung gegenüber den Europäern, den Amerikanern und allen anderen, als die judäo-christliche Welt gegenüber den Muslimen.
Zweitens: Die Mehrheit der Muslime weiß eine Menge mehr über die Bibel und das judäo- christliche Selbstbild als umgekehrt. Wie viele Deutsche, wieviel Christen kennen Sie, die den Koran gelesen haben? Ich kann Ihnen Millionen von Muslimen nennen, die die Bibel kennen. Der Grund, warum sich die Muslime ständig zu widersetzen scheinen, ist nicht die Religion, sondern die muslimischen Nationen sind schwach. Und was tut der Schwache? Er verletzt sich in einem Konflikt mehr als den Gegner.
Das kann man bei dem Terroranschlag auf New York aber nicht sagen? Der hat ins Zentrum der Macht getroffen.
Er war aber nicht erfolgreich. Sonst hätten sich die Muslime nicht distanziert. Es geht nun aber, unabhängig vom Islam, um das grundsätzliche Problem der Vergeltung. Hannah Arendt und Karl Jaspers haben in ihren Schriften zum Nationalsozialismus dieses Problem aufgegriffen. Ist es möglich, eine Gruppe von, sagen wir, einhundert Verbrechern, die für den Tod von 6 Millionen Menschen verantwortlich sind, ausreichend zu bestrafen? Was soll man mit Eichmann tun? Die Tat selbst ist so viel größer als jede Bestrafung, die man ihm auferlegen könnte. Die Drahtzieher müssen selbstverständlich gestoppt werden, damit sie keine weiteren Gräueltaten begehen. Aber diejenigen, die sie bestrafen wollen, müssen auch gewarnt werden hinsichtlich der unschuldigen Menschen, mit denen diese Leute sich umgeben. Afghanistan ist bereits in die Steinzeit zurückgebombt. Wenn es darum geht, die Taliban loszuwerden, muss man sich gut überlegen, wie?
Der 11. September hat nachhaltige politische Folgen. Auch in Deutschland, das grundsätzlich für begrenzte Zuwanderung optiert, geben die Terroranschläge Rückenwind für Forderungen, diese Zuwanderung weiter zu erschweren. Haben Sie dafür Verständnis?
Nein. Die Deutschen gehen überallhin auf der Welt. Wer das tut, muss auch der Welt erlauben, zu ihm zu kommen. Aufgrund der Anschläge in den USA die Tore zu schließen, kann nur mehr Schwierigkeiten bereiten.
Konkret speist sich die Diskussion daraus, daß am Anschlag beteiligte Attentäter in Hamburg studiert haben. Solchen Terrorzellen will man vorbeugend begegnen ?
Wie sollte das funktionieren?
Durch die Anschläge und die bevorstehenden Reaktionen ist Afrika aus der internationalen Agenda nahezu herausgefallen. Sehen Sie darin eine Gefahr für den Kontinent?
Afrika ist das größte Opfer dieser Gewalt, der Logik Bin Ladens: Bei den Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Daressalam und Nairobi starben nur wenige Amerikaner, dafür aber fast 600 Afrikaner. Wie viele Menschen haben sich etwas daraus gemacht?
Wie kommt es, daß andererseits im afrikanischen Nigeria die Gewalt zwischen Muslimen und Christen als Erstes ausgebrochen ist?
Die Gewalt wurde vom Militär des Landes orchestriert. Es gibt dort eine zivile Regierung, und die Militaristen wollen diese Regierung zerstören. Eine Art, das zu tun, ist, sektiererische Gewalt zu schüren, insbesondere weil der Premierminister, ein Exgeneral, Christ ist. Sie wollen ihm das Regieren so schwer machen, daß das Militär sagen kann, die Situation sei zu unsicher, sie müssten die Macht wieder übernehmen. Die Ursache des Konflikts hat mit Macht zu tun, nicht mit Religion oder Kultur.
Dennoch braucht man Leute, die den Konflikt austragen.
Sicher. Man gibt dieser Gruppe Gewehre, dann jener. Gewöhnlich setzen sich solche Gruppen aus unterprivilegierten Menschen zusammen. Die Leute, die kämpfen, sind selten aus der Mittelklasse. Sie gehören alle zum "Proletariat", es sind einfache Leute, denen man sagt: "Das ist der Mann, der dir deinen Job wegnimmt." Die Schwachen bewegen sich auf eine komische, ungesunde Art. Sie gehen nie geradeaus. Und sie töten sich öfters gegenseitig.
Von MARTIN HAGER
Süddeutsche Zeitung
02.10.2001
Nairobi – In Somalia wächst die Angst vor einem Vergeltungsschlag der Amerikaner. Der Grund dafür sind weniger die vielen tausend Somali, die in den vergangenen Tagen mit bin-Laden Bildern gegen die USA demonstriert haben. Die Gefahr geht von der radikal fundamentalistischen Organisation Al-Itihaad al-Islamya aus, die in Somalia ihre Basis haben soll. Die US-Regierung nennt Al-Itihaad in ihrer Liste verdächtiger Gruppen, die angeblich zum Terrornetzwerk von Osama bin Laden gehören. Des weiteren gilt das vom Bürgerkrieg zerstörte Land am Horn von Afrika als möglicher Zufluchtsort, sollte bin Laden Afghanistan doch verlassen müssen. In den USA wird außerdem gegen einen amerikanischen Staatsbürger somalischer Herkunft ermittelt, dessen Adresse im Auto eines der Flugzeugentführer gefunden wurde. Die Vereinten Nationen, die Europäische Union und fast alle westlichen Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Tagen ihre ausländischen Mitarbeiter aus dem Land gebracht.
In Somalia, in dem seit 1991 Bürgerkrieg und Anarchie herrscht, sind die meisten Menschen gegen die Amerikaner eingestellt. Bei der 1993 gescheiterten Militärintervention "Restore Hope" wurden viele Somali von US Soldaten getötet, somalische Warlords schlugen zusammen mit islamistischen Gruppen zurück. Bin Laden behauptete in einem Interview, daß auch afghanische Mudschaheddin in Somalia gegen die USA gekämpft hätten. Damals gingen Bilder um die Welt, die zeigten, wie tote amerikanische Soldaten von einem jubelnden Mob durch die Straßen geschleift wurden. Der US Geheimdienst glaubt, daß bin Laden die Stinger-Raketen geliefert hat, mit denen drei US Hubschrauber abgeschossen wurden. Außerdem soll er ein enger Freund des früheren somalischen Kriegsherren Mohammed Farah Aidid gewesen sein. Dessen Sohn und Nachfolger, Hussein Mohammed Aidid, hatte jahrelang enge Kontakte zu Al-Itihaad, die in der Nähe der somalischen Küstenstädte Kismayo und Bosasso Trainingslager für Terroristen unterhalten haben soll.
Dennoch gibt es Verwunderung darüber, dass Al-Itihaad auf der US Liste steht, denn bisher gab es für eine Verbindung zu bin Laden keine Hinweise. Die militante Gruppe gilt vor allem als Gegner der äthiopischen Regierung. Sie hat sich 1996 zu Bombenanschlägen in der Hauptstadt Addis Abeba bekannt, außerdem unterstützt sie somalische Separatisten im äthiopischen Grenzgebiet zu Somalia. Es gibt auch Indizien dafür, daß Al-Itihaad bis vor kurzem ihre Basis in Kenia hatte. Laut der Nachrichtenagentur AFP sollen in einem Trainingslager der Gruppe Teile der Bomben zusammengebaut worden sein, die bei den Anschlägen in Kenia und Tansania 1998 verwendet wurden.
Selbst wenn Al-Itihaad keine Verbindung zu bin Laden hat, so ist für Terror-Organisationen Somalia ein idealer Ort für geheime Geldtransfers. Da es keine funktionierenden Banken gibt, werden große Beträge über informelle Banken verschoben. Große Bargeldsummen wiederum werden auf Freundschafts- oder Verwandtschaftsbasis weitergeleitet. So ist es auch davor geschützt, daß es auf Konten eingefroren wird.
Von Michael Bitala
Der Standard
24.10.2001
300.000 Menschen sind in Somalia nach Angaben der Vereinten Nationen unmittelbar vom Hungertod bedroht. Missernten im Frühling sowie heftige Herbstregen hätten zu einschneidenden Nahrungsmittelengpässen geführt, erklärte der UNO-Vizegeneralsekretär für humanitäre Fragen, Kenzo Oshima, am Dienstag in New York.
Zugleich rief er zu Spenden auf, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Nach Angaben eines UNO-Sprechers werden rund 40.000 Tonnen Lebensmittel an Soforthilfen benötigt. Auch Wasser und Medikamente müssten geliefert werden, um zehntausende Kinder vor falscher Ernährung und Krankheiten zu bewahren.
(APA)
taz
08.11.2001
Keine zehn Jahre nach dem wenig ruhmreichen Bundeswehreinsatz in Somalia droht eine Rückkehr deutscher Militärs ans Horn von Afrika. Diese Region ist von der Bundesregierung als eins von mehreren möglichen Einsatzgebieten deutscher Streitkräfte im US Krieg gegen den Terrorismus genannt worden. Umfangreichster Teil des geplanten Einsatzes ist nach amtlichen Angaben die Bereitstellung von Seestreitkräften zum Schutz gefährdeter Schiffstransporte mit bis zu 1.800 Soldaten.
Es geht dabei um den Schutz der wichtigsten Seeroute der Welt, dier Strecke von Europa nach Asien. Sie führt aus dem Mittelmeer über den ägyptischen Suezkanal ins Rote Meer und von dort in den Golf von Aden, der in den Indischen Ozean mündet. Über sie kommen Öltanker aus den arabischen Fördergebieten nach Europa, und im Kriegsfall fahren westliche Kriegsschiffe in die Gegenrichtung. Das war im Golfkrieg 1990/91 der Fall und wäre wieder aktuell, sollten Soldaten oder Kriegsmaterial aus Europa auf dem Seeweg in die Nähe Afghanistans gebracht werden müssen.
Doch die Anrainerstaaten dieser Route sind zusammengenommen ein Pulverfass. Fast alle Staaten der Gegend stehen miteinander in Konflikt. Nirgendwo außerhalb Osteuropas hat es in den letzten zehn Jahren so viele konventionelle Kriege und Grenzveränderungen gegeben.
1990 vereinigten sich Nord- und Südjemen zu einem Staat. 1991 zerfiel Somalia in seine Clanbestandteile und befindet sich seitdem im Krieg. 1992 spaltete sich Eritrea von Äthiopien ab. Im Süden Sudans gibt es seit Jahrzehnten einen Bürgerkrieg mit religiöser Komponente. Zwischen Äthiopien und Eritrea fand 1998 bis 2000 ein blutiger Grenzkrieg statt. Somalia war 1992 Schauplatz der ambitioniertesten UN Mission aller Zeiten, deren Scheitern 1993 besiegelt wurde, als Kämpfer von Bin Ladens Organisation al-Qaida somalischen Milizen halfen, eine US Interventionstruppe zu verjagen.
Die meisten Aspekte des Afghanistankonflikts sind also auch hier versammelt. Daß Deutschland da ausgerechnet als Seemacht tätig werden könnte, überrascht. 2.675 französische Soldaten stehen bereits in der ehemaligen französischen Kolonie Dschibuti. Sie unterhalten dort die größte ständige europäische Militärbasis außerhalb Europas, zugleich den einzigen westlichen Flottenstützpunkt in der Region. Aber Frankreich hält sich derzeit zurück, aus gutem Grund: Französisch-amerikanische Rivalitäten beziehungsweise die entsprechenden, von lokalen Kontrahenten vermuteten Großmachtinteressen prägen die geopolitischen Zerwürfnisse am Horn von Afrika.
Grob gesagt lässt sich die Region in zwei Lager trennen, deren Konfrontationslinie quer durch das schwächste Land der Region läuft: Somalia. Das eine Lager besteht aus den engsten US Alliierten in der Region, Äthiopien, Ägypten und Kenia, und umfasst ansonsten die nördlichen Teile Somalias, die sich im Laufe der Neunzigerjahre vom Rest Somalias abspalteten: Somaliland, das gegenüber von Jemen am Golf von Aden liegt, und Puntland, das die exponierte Küstenregion direkt am Horn umfasst.
Das andere Lager besteht aus Sudan, Libyen und der in Somalias Hauptstadt Mogadischu amtierenden somalischen "Übergangsregierung". Die wurde im Sommer 2000 auf einer Friedenskonferenz in Dschibuti, also unter französischem Schutz, gebildet. Sie wird von der UNO anerkannt, von Somalias Islamisten mitgetragen und aus Saudi-Arabien und Jemen finanziell unterstützt. Dieser Ländergruppe ist bedingt auch Eritrea zuzurechnen, vor allem aus Feindschaft mit Äthiopien.
Motor der Feindschaft zwischen diesen beiden Gruppen ist ein "kalter Krieg" um die Vorherrschaft in Somalia, der neuerdings immer heißer wird. Äthiopien unterstützt bewaffnete Gegner der somalischen Übergangsregierung und sagt, die mit der somalischen Regierung verbündete islamistische Organisation al-Ittihad sei mit al-Qaida liiert. "Manche mögen behaupten, daß al-Qaida und internationale Terrorgruppen nicht in Somalia sind, wir sind anderer Meinung", sagte der äthiopische UN Botschafter Abdulmejid Hussein am 19. Oktober und warnte: "Wir werden unseren Kopf nicht in den Sand stecken."
Aus Somaliland kamen zugleich Anschuldigungen, Dschibuti diene Terroristen als Ort der Geldwäsche, und die Regierung Puntlands nannte Somalias Regierung ein "Taliban-Regime". Somaliland und Puntland sehen sich als Opfer aktiver Destabilisierung durch Kräfte aus Mogadischu. In Reaktion darauf wirbt Somalias Regierung um internationale Unterstützung. Präsident Abdulkassim Salat sagte diese Woche am UN Sitz in New York: "Wenn Somalia ein schwarzes Loch wird, wird es alle möglichen internationalen Terroristen anziehen." Die UNO überlegt derzeit, sich wieder aktiver in Somalia zu engagieren, sobald die Sicherheitslage das zulässt.
Während der regionale Druck auf Somalia zunimmt, wird das Land auch zur potenziellen Zielscheibe der USA. Vor wenigen Tagen berichtete die Washington Post, daß die US-Regierung Militäraktionen gegen al-Ittihad in Somalia in Erwägung ziehe, wobei die militärischen Operationen vor Ort von äthiopischen Truppen ausgeführt werden könnten.
Sollte Äthiopien mit US Unterstützung in Somalia einmarschieren, würde ein offener regionaler Krieg ausbrechen und die gesamte Region destabilisieren. Da könnten auch deutsche Kriegsschiffe wenig ausrichten.
Von DOMINIC JOHNSON
taz
26.11.2001
In Somalia sind die ersten Schüsse in der befürchteten Ausweitung des internationales "Krieges gegen den Terror" auf das Horn von Afrika gefallen. Äthiopische Truppen überschritten Ende letzter Woche die Grenze zu der autonomen somalischen Region Puntland und halfen offenbar einem ehemaligen Präsidenten dieser Region, Abdullahi Yussuf Ahmed, zurück an die Macht. Yussuf sieht sich als Vorkämpfer gegen Somalias Islamisten, die nach Überzeugung der USA mit Osama Bin Ladens Organisation al-Qaida zusammenarbeiten. Bereits Anfang November hatten US Medien berichtet, eine Ausweitung des Krieges gegen Bin Laden auf Somalia könne die Form einer von den USA unterstützten äthiopischen Militärintervention annehmen. Äthiopien ist der engste Verbündete der USA in der Region.
Abdullahi Yussuf Ahmed gründete 1998 die autonome Republik Puntland im Nordosten Somalias, nach der Abspaltung Somalilands 1991 die zweite Sezession eines Landesteils von Somalia, das seit 1991 keine Zentralregierung mehr hat. Am 30. Juni dieses Jahres lief Yussufs Amtszeit als Präsident von Puntland aus. Als er sie einseitig verlängerte, stellten sich die Ältesten von Puntland quer und ernannten nach dreimonatigen Beratungen einen anderen Präsidenten, Jama Ali Jama, der am 19. November in Puntlands Hauptstadt Garowe feierlich in sein Amt eingeführt wurde.
Der abgesetzte Yussuf, der sich in die Stadt Galcaio im Süden Puntlands zurückgezogen hatte, schritt sofort zur Offensive und eroberte am 21. November Garowe mit 300 Milizionären zurück. Die Kämpfe forderten bis zu 50 Tote und trieben Tausende von Zivilisten in die Flucht. Zwei Tage später rückten nach unabhängigen Angaben 1.000 äthiopische Soldaten in die Region um Garowe ein. Am Wochenende wurde berichtet, sie seien auf dem Rückweg Richtung Äthiopien. Es wird vermutet, daß sie Yussufs Truppen mit schweren Waffen ausrüsteten.
Die äthiopische Regierung dementierte die Truppenentsendung, die jedoch von Augenzeugen bestätigt und auf ein Hilfsersuchen Yussufs zurückgeführt wurde. Bereits 1996/97 hatte Äthiopien in Somalia eingegriffen, um die Islamistengruppe al-Ittihad zu zerschlagen. 1998 unterstützte Äthiopien die Sezession Puntlands. Heute lehnt Äthiopien zusammen mit Yussuf, der Regierung von Somaliland und zahlreichen südsomalischen Warlords auch die neue gesamtsomalische Übergangsregierung ab, die im Sommer 2000 in Somalias Hauptstadt Mogadischu die Macht übrnahm. Sie wird von Islamisten unterstützt und gilt daher als möglicher Bündnispartner Bin Ladens; außerdem unterstützte sie Yussufs Sturz in Puntland im Sommer. Vor wenigen Wochen wurde sie faktisch unter Embargo gestellt, als die US-Regierung das größte somalische Geldinstitut al-Barakat auf die Liste der Finanziers des internationalen Terrorismus stellte. Al-Barakat, das den Großteil der Geldüberweisungen der somalischen Diaspora in die Heimat abwickelt, musste sämtliche somalischen Filialen schließen.
Yussuf Ahmeds Putsch in Puntland ist nun die militärische Erweiterung dieses Feldzugs. Anfang letzter Woche hatte Yussuf dem italienischen Fernsehen erklärt, bei der Hafenstadt Bosasso im Norden Puntlands gäbe es Trainingslager für Terroristen. Er äußerte auch die Befürchtung, Osama Bin Laden könnte sich nach Bosasso absetzen. Die Hafenstadt ist zufällig auch die Hochburg von Yussufs geschlagenem Rivalen Jama Ali Jama. Ihre Überwachung gilt als eine der Aufgaben eines eventuellen Einsatzes der deutschen Bundesmarine in der Region.
Von DOMINIC JOHNSON
Frankfurter Allgemeine Zeitung
20.12.2001
In Somalia wächst die Angst vor einem amerikanischen Militärschlag, weil die von Präsident Bush vorgelegte Liste der 27 der Unterstützung terroristischer Vereinigungen verdächtigter Gruppen, Firmen und Personen auch die in Somalia aktive Fundamentalistengruppe Al-Itihad-al-Islamia umfasst. Al-Itihad-al-Islamia agiert seit Beginn der neunziger Jahre in Somalia, fordert die Gründung eines Gottesstaates und gilt als besonders gewaltbereit. Der äthiopische Geheimdienst ließ verbreiten, er habe Beweise für eine Verbindung von Al-Itihad-al-Islamia zur Terrorgruppe Al-Qaida von Osama bin Laden. Das behaupten die Äthiopier allerdings seit mehreren Jahren, ohne bislang entsprechende Beweise vorgelegt zu haben.
Spekulationen Äber Militärschlag
Gleichwohl wurde nach dem 11. September über einen bevorstehenden Militärschlag gegen die in Las Kamboni und in Las Quoay in der selbsternannten Republik Puntland vermuteten Ausbildungslager von Al-Itihad-al-Islamia spekuliert, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Ermittlungen des FBI auf dem afrikanischen Kontinent zur Zeit auf die Nachbarländer Tansania und Kenia konzentrieren.
Nach unbestätigten Informationen soll Frankreich den Vereinigten Staaten die Nutzung seines Militärstützpunktes in Djibouti angeboten haben, auf dem knapp 2700 französische Soldaten, darunter Infanterie- und Fallschirmjägereinheiten der Fremdenlegion, stationiert sind. Allerdings wurden weder in Djibouti noch im kenianischen Hafen Mombasa, in dem die amerikanische Armee seit der gescheiterten UN-Mission in Somalia Mitte der neunziger Jahre eine sogenannte logistische Zelle unterhält, Vorbereitungen für eine Militärintervention in Somalia festgestellt. Gegen einen bevorstehenden Militärschlag spricht zudem, daß die Terroraktionen der Gruppe, darunter 1996 ein Bombenattentat auf ein Hotel in Addis Abeba, seit drei Jahren Jahren nachgelassen haben, weil Äthiopien durch gezielte Angriffe auf die Führungsstruktur von Al-Itihad-al-Islamia diese zumindest militärisch entscheidend schwächen konnte.
Geldsträme nicht zu kontrollieren
Das Augenmerk der Amerikaner dürfte mehr dem Finanzgebaren der Gruppe als ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Ausbildungslagern für Terroristen gelten. Seit einigen Jahren taucht der Name Al-Itihad-al-Islamia immer wieder im Zusammenhang mit vordergründig wohltätigen Organisationen auf, die im Ausland Geld für Somalia sammeln. Zudem wird die Gruppe verdächtigt, Geldwäsche im großen Stil zu betreiben. Somalia bietet sich dafür geradezu an. Weil es keine regulären Banken mehr gibt, werden alle Geschäfte bar abgewickelt, entweder in Dollar oder in saudischen Rial. Die in Somalia zirkulierende Geldmenge entzieht sich jeder Kontrolle. Ein unablässiger Strom von Reisenden sorgt dafür, daß die Rial in Abu Dhabi oder in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa in Dollar getauscht werden. Weder die Seehäfen Somalias sind zu kontrollieren noch die vielen Flugplätze im Land. Der "Hub" für die täglichen Flüge aus den Emiraten ist die somaliländische Hafenstadt Berbera, die über die längste Landebahn Ostafrikas verfügt, ein Relikt aus der Zeit sowjetischer Militärkooperation. Von Berbera aus starten kleine Maschinen nach Mogadiscio oder Kismayo, ohne daß Passagiere und Fracht eingehend kontrolliert werden.
Telekommunikation in der Hand von Fundamentalisten?
Auf 700 Millionen Dollar jährlich werden alleine die Überweisungen der im Ausland lebenden Somalis an ihre Familien geschätzt, die in Ermangelung von Banken allesamt über Geldtransferinstitute laufen. Der tatsächliche Adressat des in bar ausgezahlten Geldes ist bei diesem System, das auf Kennwörtern basiert, nicht auszumachen. Erstaunlich ist auch, daß diese Institute Bargeld von Hargeisa in Somaliland quer durch das anarchische Land 1800 Kilometer weit über die Straße nach Mogadischu transportieren können, ohne daß es zu Zwischenfällen kommt. Zudem haben sich in Somalia trotz Anarchie und eines kollabierten Staatswesens wirtschaftlich erstaunliche Dinge getan. Vor allem der Telekommunikationsmarkt expandiert unaufhörlich. In der selbsternannten Republik Somaliland im Norden halten sich hartnäckig Gerüchte, ein Teil der Telekommunikationsunternehmen, die in ganz Somalia operieren, werde von Fundamentalisten geleitet. Eine Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist der der Telefongesellschaft Barakat, der größten in Somalia.
Fundamentalisten mit undurchsichtigen Verbindungen
Der Präsident der Republik Somaliland, Ibrahim Egal, hatte in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigt, dass er einige der florierendsten Unternehmen Somalilands verdächtige, die Fundamentalistengruppen sowohl in den beiden selbsternannten Republiken Somaliland und Puntland als auch in Rest-Somalia zu finanzieren.
In Puntland war es Anfang September zu schweren politischen Spannungen gekommen, als die dortigen Behörden drei Mitglieder der sogenannten Übergangsregierung aus Mogadischu festnahmen und ihnen "Aufwiegelung" vorwarfen. Puntland weigert sich ebenso wie die Republik Somaliland und die beiden wichtigsten Kriegsfürsten Somalias, Aidid und Ato, die mutmaßlich mit saudischem Geld finanzierte Übergangsregierung anzuerkennen, der sie fundamentalistische Absichten unterstellt. Obwohl diese bestreitet, etwas mit bin Laden zu tun zu haben, sind die Verbindungen zumindest zu Al-Itihad-al-Islamia offensichtlich. Al-Itihad-al-Islamia hatte vor dem Einzug der Übergangsregierung in Mogadiscio eine Art Scharia-Gerichtsbarkeit in den Gebieten eingeführt, die sie kontrolliert. Nachdem sich "Präsident" Abdulkassim Salat vor Jahresfrist in einem Hotel in Mogadischu eingerichtet hatte, trat Al-Itihad-al-Islamia diese Gerichtsbarkeit an Salats Übergangsregierung ab. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die auf 10.000 Mann geschätzten Sicherheitskräfte der Übergangsregierung sollen sich nach Informationen aus Somalia zu einem nicht unerheblichen Teil aus Anhängern von Al-Itihad-al-Islamia rekrutieren.
Von Thomas Scheen
Dramatische Folgen für Afrika befürchtet
Beobachter befürchten bei einer Ausweitung des Anti-Terror-Kampfes auf Somalia dramatische Folgen für den gesamten afrikanischen Kontinent.
"Der Krieg der USA zementiert viele Fronten in Afrika", so ein Diplomat in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. "Durch die Markierung von schwarzen Schafen und die Verbrüderung mit neuen Verbündeten stellen die USA in einigen Konflikten neue Weichen", meint er weiter.
Persilschein für Invasoren
So etwa im Bürgerkriegsland Kongo: Als "Freischein" für die dortigen Invasoren Uganda und Ruanda werten Beobachter die amerikanische Klassifizierung dreier Rebellengruppen als Terroristen. Darunter sind die ugandische Guerillabewegung "Widerstandsarmee des Herrn" und Hutu-Rebellen aus Ruanda. "Dies ist ein Geschenk für die Präsidenten beider Länder. Sie können ihre Truppenpräsenz in Kongo nun damit begründen, daß sie Terroristen bekämpfen", sagt der ugandische Politologe Philip Kasaija.
Ugandas Staatschef Yoweri Museveni und seinen ruandischer Kollege Paul Kagame geben eigene Sicherheitsinteressen an, wenn es um ihre Soldaten im Nachbarland und um die Unterstützung von Guerillas in Nord- und Ostkongo geht. Ohne den vollständigen Abzug ausländischer Truppen ist die UN-Friedensmission jedoch blockiert, auf die Kongos junger Präsident Joseph Kabila inständig drängt.
Kongo zerfällt weiter
Auch Ende dieses Jahres, in dem er die Macht von seinem ermordeten Vater übernommen hat, regiert Kabila kaum mehr als die Hauptstadt Kinshasa, über die Hälfte des Landes ist nach wie vor in der Hand von Rebellen. Das geplünderte Land zerfällt nach drei Jahren Krieg weiter.
Ins Wanken gerät offenbar auch der einjährige Frieden am Horn von Afrika. Die verfeindeten ehemaligen Bruderländer Äthiopien und Eritrea haben sich in den letzten Wochen wiederholt der Verletzung des Friedensabkommens beschuldigt. Sie werfen sich gegenseitig Aktivitäten in der 1000 Kilometer langen Pufferzone zwischen beiden Ländern vor, die 4200 Blauhelmsoldaten überwachen.
USA nehmen Kontakt zu Äthiopien auf
Während die Säbel bereits leise rasseln, scheint Äthiopiens Staatschef Meles Zenawi Oberwasser zu gewinnen. Auf seiner Suche nach Verbündeten im Anti-Terror-Kampf hat der US-Staatssekretär für Afrika, Walter Kansteiner, auch ihn konsultiert. Diplomaten halten es für wahrscheinlich, dass die USA Äthiopien im möglichen Kampf gegen den ungeliebten Nachbarn Somalia einbinden könnten. "Durch solch eine Allianz", meint ein Beobachter, "würden sie das Kräftegleichgewicht wesentlich zu Ungunsten Eritreas verschieben".
taz
10.01.2002
In Sudan treffen heute die Staatschefs der Länder am Horn von Afrika zusammen, um über den Kampf gegen den Terror zu beraten. Somalia ist dabei ein Hauptthema. Die Vorbereitungen für eine internationale Militäraktion werden konkreter.
Vor wenigen Jahren galt Sudan noch als verfemt, von USA und UNO als Unterstützer des internationalen Terrorismus mit Sanktionen belegt und von seinen Nachbarn mit Argwohn betrachtet. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben das verändert. Ausgerechnet in Sudans Hauptstadt Khartum reden ab heute die Staatschefs von Ostafrika über gemeinsame Terrorismusbekämpfung.
Der Gipfel der "Interregierungsbehörde für Entwicklung (Igad), der Äthiopien, Dschibuti, Eritrea, Kenia, Somalia, Sudan und Uganda angehören und dessen Treffen normalerweise sehr langweilig sind, gewinnt dadurch an Brisanz. Er bündelt die regionalen Veränderungen wie in einem Brennglas. Vor die Wahl zwischen Mogadischu und Washington gestellt, fällt den ostafrikanischen Regierungen die Entscheidung nicht schwer. Auf dem Igad-Gipfel von Khartum wird Somalia die Pariarolle besetzen, die einst Sudan spielte.
Sudans Regierung soll dem Gipfel die Lage in Somalia erklären, mögliches nächstes Ziel eines US-Militärschlags. Sudans Somaliabeauftragter, der ehemalige Staatschef Jaafar Nimeiry, stellte bei seiner vorbereitenden Reise durch das Horn von Afrika Somalias Übergangsregierung auf das gleiche Niveau mit ihren Gegnern und deutete damit bereits eine Tendenz an. Die Übergangsregierung wird von den USA als islamistisch unterwandert eingestuft; ihre bewaffneten Gegner, vereint im SRRC (Somalischer Rat für Restauration und Versöhnung), werden von Äthiopien mit Ermunterung der USA aktiv unterstützt.
Äthiopien und Sudan sind sich in den letzten Jahren nahe gekommen und haben zahlreiche Kooperationsabkommen abgeschlossen. Äthiopien bietet Sudans Rebellen kein Rückzugsgebiet mehr, und äthiopische Flüchtlinge in Sudans Hauptstadt Khartum sind vor dem Igad-Gipfel verhaftet worden und müssen mit Deportation rechnen. Äthiopien ist der wichtigste Alliierte der USA am Horn von Afrika, Sudan möchte gerne in die Reihe der US-Freunde aufgenommen werden.
Der wichtigste Öllieferant der Region, immer ein gutes Indiz für die Relevanz eines Landes in den Augen von US-Außenpolitikern, ist Sudan bereits. Nach Äthiopien hat vor wenigen Tagen auch das anglophile Kenia beschlossen, aus Sudan Öl zu kaufen. Die Ölgebiete des Sudan sind Kriegszonen, und die Ölfördereinrichtungen werden regelmäßig von der südsudanesischen Rebellenbwegegung SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee) angegriffen. Gerhard Baum, der deutsche Sudanbeauftragte der UN-Menschenrechtskommission, sagte vor kurzem in Berlin: "Die Ölgesellschaften können machen, was sie wollen, sie sind Teil des Krieges."
Der Krieg im Südsudan hat seit 1983 die Hälfte der fünf Millionen Südsudanesen getötet oder vertrieben. Aber das kümmert die USA immer weniger, die lange auf die SPLA als Bollwerk gegen den militanten Islam setzten. Heute, so die Rechnung in Washington, kann Sudan eher mit Versprechungen einer Aufhebung seiner Isolation und einem Ende der US-Unterstützung für die SPLA gefügig gemacht werden. Sudans Regierung beendete im Gegenzug seine Unterstützung für Rebellen in Uganda, ein enger Freund der USA. Die medienwirksame Versöhnung zwischen den Präsidenten von Sudan und Uganda wird ein wichtiges Element des Igad-Gipfels sein.
Somalia ist aus US-Sicht schwieriger. Da die Bildung einer stabilen Regierung, die das Land kontrolliert, nicht in Sicht ist, muss das Ausland direkt eingreifen, wenn es etwas in Somalia will. Die Vorbereitungen dazu gedeihen. Äthiopiens Armee trainiert somalische SRRC-Milizen, die USA überwachen den somalischen Luftraum und mit Hilfe Großbritanniens, Frankreichs und demnächst Deutschlands auch die Seewege.
Eine Schlüsselrolle spielt Dschibuti, wo ständig 2.600 französische Soldaten stehen. Deutsche Vorauseinheiten werden Mitte Januar in Dschibuti erwartet, um eine Militärbasis zu errichten. Wenn die am 2. Januar ausgelaufenen Schiffe der Bundesmarine in Dschibuti eintreffen, vermutlich in etwa zehn Tagen, werden nach Angaben aus Dschibuti zunächst 300 Bundeswehrsoldaten dort stationiert.
Noch im Jahr 2000 war Dschibuti Gastgeber jener Somalia-Friedenskonferenz, auf der die somalische Übergangsregierung gebildet wurde. Heute ist sie Gastgeber der Länder, die diese Regierung stürzen wollen. Somalia bleibt nur noch der Countdown zum Krieg.
Von DOMINIC JOHNSON
Neue Zürcher Zeitung
18.03.2002
Die selbsternannte Republik Somaliland, die sich 1991 nach dem Sturz des Diktators Siad Barre vom Rest Somalias losgesagt hatte, sucht nach alternativen Einnahmequellen. Hoffnungen setzt sie nun auf Touristen, doch diese müssen hart im Nehmen sein. Einen ersten Vorgeschmack, daß in dem ehemaligen britischen Protektorat einiges anders läuft als anderswo, erhalten die Besucher gleich am Flughafen der Hauptstadt Hargeisa. Dort angekommen, werden die Ankömmlinge mit Hilfe eines Detektors, wie sie sonst bei der Minensuche verwendet werden, untersucht. Das Gerät sei zuverlässig, ein Geschenk der Vereinten Nationen, sagt dazu lakonisch ein Sicherheitsbeamter.
32 Besucher im Jahr 2001
Ferien in Somaliland sind nichts für Personen mit schwachen Nerven. Zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg gegen Somalia gilt nur der Norden als sicher. Westliche Industriestaaten warnen ihre Bürger davor, zum Horn von Afrika zu reisen. Selbst der Reiseführer "Lonely Planet", die "Bibel" für Rucksack- und Alternativtouristen, gibt seinen Lesern den Rat, in Somaliland mit dem Schlimmsten zu rechnen. Entsprechend niedrig ist die Zahl der ausländischen Gäste. 32 Besucher hatten sich im letzten Jahr eingefunden, um Land und Leute kennenzulernen. Die meisten kamen aus Deutschland und Südafrika. Mit einem Anstieg der Zahl der Touristen in diesem Jahr ist kaum zu rechnen. Verhängnisvoll wirkt sich aus, daß die Regierung von Präsident Mohammed Ibrahim Egal für einen Staat werben muss, der international nicht als solcher anerkannt ist.
In Somaliland leben rund drei Millionen Menschen. Sie verfügen über ein eigenes Parlament, haben ihren eigenen Präsidenten, eine eigene Währung, eine eigene Flagge und eigene Pässe. Eine neue Verfassung soll der Mehrparteiendemokratie den Boden ebnen, und für den kommenden Monat waren die ersten Wahlen geplant. Der Wahltermin ist jedoch wegen Verzögerungen bei der Erfassung der Wähler auf nächstes Jahr verschoben worden. Ein weiteres Problem, was einem Aufschwung des Tourismus in der selbsternannten Republik abträglich sein könnte, ist die Gefahr, daß Somalia nach Afghanistan das nächste Ziel eines amerikanischen Vergeltungsschlags gegen den Terrorismus sein könnte. Ausserdem werden in dem Land noch Tausende von Landminen vermutet, die sogar in Schutzgebieten für wildlebende Tiere ausgelegt wurden.
Doch von den Leoparden, Löwen, Hyänen, Antilopen und Schimpansen, die einst in fünf Nationalparks gelebt hatten, ist ohnehin wenig zu sehen. An ihrer Stelle durchstreifen Hirten auf der Suche nach Weideland die einstigen Reservate. Der Bürgerkrieg hat aus dem ehemaligen Protektorat eine Art Selbstbedienungsladen gemacht. So hatten Medien 1999 berichtet, daß ein katarischer Prinz und verschiedene Europäer Gazellen, Strausse, Echsen und andere Tierarten aus Somaliland verschleppt hätten, um die Bestände ihrer Zoos aufzustocken. "Die Menschen denken, sie können kommen und tun und lassen, was sie wollen", klagt der Kultur- und Tourismusbeauftragte Ahmed al-Harun. "Dieses Image wollen wir loswerden und Touristen ins Land holen, die uns nicht ausbeuten wollen." Doch zunächst müsste der Handel mit gefährdeten Tierarten im Lande selbst gestoppt werden. Auf dem Markt von Hargeisa werden Schimpansen offen feilgehalten. Wer will, kann sich ein wildlebendes Tier bei den Nomaden "bestellen".
Somaliland sei aber immer noch reich an natürlichen Ressourcen, versichert der Forstexperte Mohammed Egeh Killeh, es zähle beispielsweise mehr als 600 einheimische Vogelarten. In den Gewässern vor den Saylac-Inseln im Roten Meer gibt es darüber hinaus noch intakte Korallenriffe, im Land selbst Gebirge und Hochebenen, die speziell für Wanderer und Kletterer interessant sein könnten. Geschichtsinteressierte wiederum haben Gelegenheit, das "Fort des verrückten Mullahs" anzusehen. Es war im 19. Jahrhundert von einem Nationalisten erbaut worden, der mehr als 20 Jahre gegen die Briten gekämpft hatte.
Neue Unterkunftsmöglichkeiten
Derzeit bemüht sich eine lokale Hilfsorganisation um die Instandsetzung des Gacanlibaax- Naturparks ("Löwenpark") und der Gästehäuser, die der britische Gouverneur als Wochenendsitz genutzt hatte, die im Bürgerkrieg jedoch zerstört wurden. Des Weiteren wurde die Zahl der Zimmer im Hotel Maan-Soor in Hargeisa auf 40 Zimmer erhöht und ein Luxushotel nahe des Flughafens fertiggestellt. Der Tourismus soll dem selbsternannten Staat am Horn die Unabhängigkeit von der Viehzucht bringen, dem wichtigsten Devisenbringer Somalilands, der jährlich 120 Millionen Dollar erwirtschaftet. Im letzten Jahr hatten die Golfstaaten nach dem Ausbruch des Rift-Valley-Fiebers ein Importverbot verhängt, das erst letzten Monat aufgehoben wurde. Die wirtschaftlichen Folgen waren verheerend.
Die Zeit
08.05.2002
Baidoa
Die Ankunft in einem Staat, den es nicht mehr gibt, ist recht unkompliziert. Man landet auf einer verwitterten Piste irgendwo im Busch. Betritt eine Hausruine, die einmal eine Art Einreisebehörde gewesen sein muss. Geht im Halbdunkel an ein paar abgerissenen Gestalten mit Gewehren vorbei. Und ist da. Keine Passkontrolle. Kein Visumstempel. Kein Zoll. Niemand stellt Fragen. Die ersten Worte sagt ein dürrer Bub. "Mistarr! Mistarr! Gimme watarr!" Er bettelt am Rande des Landestreifens um Wasser.
Die Grenzen dieses Staates existieren nur noch auf der Landkarte. Wer sie überquert, braucht keine Papiere, sondern bewaffnete Leibwächter. Und einen guten Schutzengel. Denn in diesem Staat, der einmal Somalia hieß, herrscht das Recht des Stärkeren. Er hat seit elf Jahren keine Regierung, keine Verwaltung, kein Ordungswesen mehr. Er versank in Anarchie und wäre vermutlich völlig vergessen worden, hätte es nicht den 11. September gegeben. Seitdem betrachtet die Welt diesen abgestorbenen Staat mit ganz anderen Augen. Er gilt als ein Hort des Terrorismus. Und Hollywood präzisiert unsere Wahrnehmung. Im Kriegsfilm Black Hawk Down, es geht um eine verlorene Schlacht der Amerikaner in Mogadischu, erscheint "der Somali" so, wie ihn schon der österreichische Forschungsreisende Haggenmacher vor 130 Jahren gesehen hat, als blutrünstiger Killer.
Eine Stadt der Vergangenheit
Aber hier in Baidoa, einer Stadt im Süden Somalias, fällt es schwer, die Drohbilder mit der Wirklichkeit zu verbinden. Man sieht zunächst nur Schutt und Asche, Hausgerippe, Ruinen, kugelzersiebte Wände. Vom stolzen Collegio Baidoa, erbaut von den Kolonialherren aus Italien, ist nur die Stirnseite mit den römischen Dreierbögen stehen geblieben. Zwischen den Trümmern, in igluartigen Gebilden aus Holzresten, Plastikfetzen und Müll hausen die Menschen. Hier war die Polizeizentrale, erklärt der Leibgardist. Hier war der Radiosender. Und dort war die Grundschule. Diese Stadt scheint nur noch eine Zeitform zu kennen, die Vergangenheit.
Baidoa gehörte zu den ersten Städten, die 1991 gegen die Diktatur von Siad Barre revoltierten. Es war der Ort, in dem ein Jahr später die große Hungersnot ausbrach, jene Tragödie, die die erste humanitäre Militärmission der Vereinten Nationen in Afrika auslösen sollte. Und es war ein Schlachtfeld plündernder Milizen, vier Jahre lang. 1999, als sie endlich vertrieben wurden, war Baidoa weitgehend zerstört. "Willkommen auf Ground Zero", grüßt Abdirazak Osman Hussen. Er arbeitet als Ortskraft für die Vereinten Nationen, das Gros der ausländischen Helfer wurde aus Sicherheitsgründen abgezogen. Hussen hat während der Schreckensjahre sieben von elf Familienmitgliedern verloren. "Ja", meint er, "Terroristen gibt es hier jede Menge. Aber sie töten die eigenen Landsleute." Soziologen würden sagen: Die Zerstörungsenergien sind nach innen gerichtet. Da bleibt für ferne Länder nicht mehr viel übrig.
Die Kriegsfürsten und Räuberbanden teilten die Beute Somalia unter sich auf. Wasserstellen und Weidegründe, Kamelherden und Hilfsgüter. Sie kontrollieren die Straßen, Brücken, Seehäfen, Landepisten. Sie kämpfen um die Macht über die Armut. In Somalia sterben 224 von 1000 Kindern vor dem fünften Lebensjahr. Auf einen Arzt kommen 250.000 Menschen. Es gibt im ganzen Land nur 859 Schulen. In mancher Armutsstatistik ist es mangels Daten gar nicht mehr aufgeführt. Das Volk, überwiegend Nomaden, spricht eine Sprache und bekennt sich zu einer Religion, dem Islam. Aber es ist zersplittert in 6 Hauptklans, 350 Subklans und zahllose Erbschaftslinien, sie sind verfeindet oder verbrüdert in einem Gewirr von Kriegskoalitionen, das niemand mehr durchschaut.
Nur wenige dieser Fraktionen erkennen die selbst ernannte Übergangsregierung an, die seit August 2000 in der vormaligen Hauptstadt Mogadischu die eigene Ohnmacht verwaltet. Im Norden haben sich die Klans der Isak losgesagt und die Republik Somaliland gegründet. Puntland, das Spaltprodukt im Nordosten, wird von den Majerten dominiert. Und hier, in den Provinzen Bay und Bakol, haben Hassan Mohammed Nur und seine Rahanweyn Resistance Army (RRA) ihr Hoheitsgebiet abgesteckt. Südwest-Somalia, ein halbautonomes Gebilde, herausgelöst aus einer Staatsleiche. Die Leute nennen es auch Jubaland, seine Hauptstadt heißt Baidoa. Aber das hat sich in den Ruinen noch nicht überall herumgesprochen.
Wo residiert der neue Präsident? "Welcher Präsident?", fragt ein Mann am Straßenrand. "Wir haben 25." Der richtige Präsident bleibt unauffindbar, dafür bittet Provinzgouverneur Muhammed Ali Adan zur Audienz. Warum er den Spitznamen Qalinle trägt, Fünfstift, wird beim Anblick der Kugelschreiberbatterie in seiner Hemdtasche klar. Er empfängt, umlagert von Einflüsterern und Wächtern, in seinem kahlen, lindgrünen Amtsraum; vorher heißt es die Schuhe ausziehen. Auf dem Schreibtisch zwei Handys, ein Funkgerät, ein Ältestenstab mit Elfenbeinknauf. Daneben ein aufblasbarer Globus, auf dem der Gouverneur die neuen Teilstaaten Somalias mit einem seiner Kugelschreiber umstrichelt hat. "Hier, zwischen den Flüssen Juba und Schebelle, liegt Südwest-Somalia", erläutert er. Wie hat die provisorische Regierung in Mogadischu reagiert? "Regierung? Lächerlich! Die kontrolliert nicht einmal ihre Hauptstadt, sondern nur zwei Hotels. Wenn Sie mit einem Passierschein aus Mogadischu hier aufgetaucht wären, hätte ich Sie sofort einsperren lassen." Warum? "Weil wir diese Leute niemals akzeptieren werden. Es sind Terroristen unter ihnen." Die Einflüsterer nicken. Terroristen? "Ja. Zum Beispiel Hassan Turki, der Sicherheitschef. Er steht auf der Namensliste, die wir den Amerikanern gegeben haben."
Die Bösewichte sind immer die anderen. Man beschuldigt verfeindete Klans, Konkurrenten, Nachbarstädte, um nicht selber ins Fadenkreuz der Terroristenjäger zu geraten oder in der Hoffnung auf eine Belohnung. Für eine Hand voll Dollar schwärze jeder jeden an, sagen Somalier über sich. So kommt es, daß vielerorts Zellen der kriminellen Vereinigung al-Qaida vermutet werden, Trainingscamps von wahnbesessenen Islamisten, Refugien von "Schläfern" im Solde von Osama bin Laden. Im Regelfall handelt es sich um wilde Gerüchte, doch es gibt auch sachdienliche Hinweise.
Vorigen November wurden zum Beispiel in der Stadt Galcaio 22 junge Männer verhaftet, einer gestand unter Zwang, sie seien für Terrorfeldzüge gedrillt worden. Die CIA ließ Informationen über ein geheimes Ausbildungslager bei Luk durchsickern. Al-Ittihad al-Islamia wird immer wieder genannt, ein Kampfbund von Fundamentalisten, der vermutlich von al-Qaida alimentiert wird. Die Gelder soll al-Barakaat transferieren, ein opakes, von einem Jemeniten gesteuertes Konglomerat aus Banken, Telefongesellschaften und Reisebüros, das in Somalia zum größten Arbeitgeber wurde. Washington hat alle US-Konten von al-Barakaat sperren lassen. General Tommy Franks, als Kommandeur des Zentralkommandos der US-Streitkräfte zuständig für den "Krieg gegen den Terror", erklärte Mitte März, ihm lägen Beweise für operative Zellen von al-Qaida in Somalia vor, ein Militärschlag sei nicht auszuschließen.
Islamische Chaosmacht
Ein Angriff gegen uns? Bomben auf Ruinen? In Baidoa machen die Leute schon Witze. Dein Sohn geht zur Koranschule? Nenn ihn Osama! Unser Nachbar trägt Bart, ein Scherge von al-Qaida! Der Humor verdrängt die Furcht, daß das bisschen Normalität nach all den finstern Jahren wieder zerstört werden könnte. In den armseligen Straßencafés, wo die Männer beieinander hocken und aufputschende Katblätter kauen, wird viel vom Aufmarsch der Amerikaner und Briten geredet. Und von den deutschen Kriegsschiffen, die vor der Küste Somalias kreuzen. Und von den wahren und falschen Beweisen für die Umtriebe von Terroristen.
Einen dieser angeblichen Beweise hat man fernab vom Tatort gefunden, in einer Höhle in Afghanistan. Ein Navigationsgerät, das einem US-Offizier gehört haben soll. Er war am 3. September 1993 in Mogadischu gefallen bei einem Gefecht zwischen amerikanischen Elitetruppen und den Milizen des Warlords Mohammed Farah Aidid. Die Somalier setzten erstmals Granatwerfer vom Typ RPG-7V ein und schossen zwei Kampfhubschrauber ab, Black Hawk Down. Diese Waffen stammten angeblich aus dem Arsenal von al-Qaida. Das Problem an dieser Beweiskette ist nur das Hauptindiz, jenes Fundstück aus Afghanistan. Es handelt sich um ein Modell, das vor 1997 gar nicht gebaut und laut Seriennummer erst 1998 an die U. S. Army ausgeliefert wurde. Sagen die Hersteller.
Angesichts solcher Peinlichkeiten müssen sich Terrorfahnder fragen lassen, wie verlässlich ihre Quellen sind. Die meisten Informationen kommen vom Geheimdienst der Äthiopier, und die haben ein strategisches Interesse daran, ihren Erzfeind zu diskreditieren. Sie empfinden Somalia als islamische Chaosmacht, die ihre historischen Gebietsansprüche an das christliche Abessinien nicht aufgeben will. In Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, treibt sich auch ein gewisser Hussein Aidid herum, der Sohn des berüchtigten Farah Aidid. Dieser als Erzlügner verschriene Mann versorgt das Pentagon mit Mutmaßungen über Somalia. Aidid junior ist ebenfalls ein alter Bekannter. Er war beim Militärabenteuer 1993 Dolmetscher der Amerikaner, avancierte später selber zum Kriegsfürsten, wurde gestürzt und will mit allen Mitteln die Macht zurückerobern. Eine somalische Karriere, gefördert von Washington.
Zurück zum Gouverneur von Baidoa. Er hat vor einer Attacke keine Angst, denn schließlich "stehen wir auf der Seite der globalen Antiterrorkoalition". Weil Jubaland insgeheim auch von Äthiopien unterstützt wird (und die wiederum von den Amerikanern), reden manche Großstrategen schon von einer "Nordallianz" am Horn von Afrika. Auch Somaliland dient sich als Partner an; es verfügt in Berbera über eine von den Sowjets gebaute Landebahn, die längste auf dem Kontinent, in bester strategischer Lage. Direkt gegenüber liegt die Arabische Halbinsel. Wenn man bedenkt, daß dort die wichtigsten Sponsoren der Übergangsregierung von Mogadischu und einiger mächtiger Warlords sitzen, dann klingt die Prognose eines Diplomaten gar nicht mehr so abwegig: "Da dräut etwas Größeres herauf."
Die Leute in Harbre ahnen nichts von den geopolitischen Schachspielen. Sie sind froh, daß die Pumpe ihrer Bewässerungsanlage wieder funktioniert, daß die Zitronenbäume ausschlagen und die Hirse sprießt. Ihr Dorf hatte Baidoa mit Obst und Gemüse versorgt, bis Farah Aidid und seine Spießgesellen einfielen und es dem Erdboden gleichmachten. Die Bewohner haben es mit Zuschüssen des Welternährungsprogrammes WFP und der amerikanischen Hilfsorganisation USAid wieder aufgebaut. "Solche Investitionen sind die beste Vorbeugung gegen den Terrorismus", bemerkt Hussen, der Projektberater. Gesamtkosten der Mission in Harbre: 17.000 Dollar. Dafür könnten die Kriegsschiffe der Bundesmarine vermutlich nicht mal einen Tag vor den Küsten Somalias patrouillieren.
Von Bartholomäus Grill
Süddeutsche Zeitung
28.10.2002
Nach mehr als zehn Jahren politischer Gewalt in Somalia haben sich die Konfliktparteien nach Angaben von Vermittlern auf einen Waffenstillstand geeinigt. Vertreter der Übergangsregierung und zahlreiche Milizenführer seien überein gekommen, die Feindseligkeiten zu beenden und Beratungen über eine bundesstaatliche Verfassung aufzunehmen, erklärte der Gastgeber der Gespräche, das kenianische Außenministerium. Daneben hätten sich die Konfliktparteien darauf verständigt, die Arbeitsbedingungen für die im Land tätigen Hilfsorganisationen zu verbessern und sich weiter um den Friedensprozess zu bemühen. Nach dem Sturz des früheren Diktators Mohammed Siad Barre 1991 war das Land am Horn von Afrika im Chaos versunken. Hunger und politische Unruhen bestimmten seither das Leben in dem ostafrikanischen Land, wo zahllose Clans und Milizen um Einfluss kämpfen.
Salzburger Nachrichten
05.04.2003
Für die Präsenz internationaler Terrorgruppen in Somalia gibt es nach einem neuen Bericht der Vereinten Nationen keine Beweise. In dem am Freitag veröffentlichten Dokument gehen die Autoren jedoch davon aus, daß die Verantwortlichen für die jüngsten Terroranschläge in Ostafrika über Somalia an ihre Zielorte gekommen sind. Seit den Anschlägen des 11. September 2001 haben die USA das Land am Horn von Afrika immer wieder als Hort für Terroristen bezeichnet.
Beweise dafür, daß die moslemische Wohlfahrtsorganisation "Al Ittihad" in Somalia arbeite, lägen vor, die Organisation scheine aber nur "wenige formale Verbindungen zur El Kaida zu haben", heißt es in dem UN-Bericht. Die Gefahr bestehe jedoch weiterhin, daß Somalia als Transitland für Terroristen und terroristisches Material diene. Die Übergangsregierung von Somalia unter Präsident Abulkassim Salat Hassan hatte die USA um Hilfe gegen ein Eindringen von El-Kaida-Mitgliedern gebeten.
Die Übergangsregierung in Mogadischu, die nur einen kleinen Teil des Landes kontrolliert, befürchtet, daß arabische Gefolgsmänner des Terroristenchefs Osama Bin Laden in Somalia aktiv sein könnten. Die Übergangsregierung war 2001 nach zehnjähriger Anarchie auf einer Friedenskonferenz in Dschibuti eingesetzt worden. Somalia hatte seit der Vertreibung von Diktator General Mohammed Siad Barre 1991 keine Regierung mehr.
taz
14.08.2003
Das Bürgerkriegsland Somalia ist seit gestern wieder ohne Regierung. Das dreijährige Mandat für die Übergangsregierung lief aus, ohne daß sich die bisherigen Amtsträger auf eine Lösung hätten einigen können. Der bisherige Präsident Abdulkassim Salat Hassan kündigte an, daß die Übergangsregierung weiter im Amt bleibe. Am Wochenende hatte er Premierminister Hassan Abshhir Farah entlassen. Dieser bezeichnete eine Verlängerung des Mandats als illegal. In der Hauptstadt Mogadischu wächst die Furcht vor einem neuen Ausbruch der Gewalt. Derzeit arbeiten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi mehrere hundert Delegierte aus Somalia an einem Verfassungsentwurf. "Wenn alles gut geht, dann kann im September das Parlament der neuen Übergangsregierung gebildet werden", sagte ein Sprecher der Friedenskonferenz für Somalia. Es seien jedoch noch mehrere Punkte strittig. Der Entwurf schreibt den Islam als Staatsreligion und die islamische Gesetzgebung Scharia als juristische Basis fest.