Die Welt
16.10.2001

Radikale Moslems in Afrika zeigen ihren Hass auf Amerika

Zahlreiche Tote bei Demonstrationen im Norden Nigerias. Armut und Korruption bilden Nährboden für islamische Extremisten

Ihre Regierungen halten sich vorsichtig zurück, aber die radikalen Elemente unter Afrikas mehr als 300 Millionen Moslems gehen nun immer öfter auf die Straße. Bei Demonstrationen in Kapstadt, in Sudans Hauptstadt Khartum und im kenianischen Nairobi wird Amerika verdammt und der gesuchte Terroristenführer Osama Bin Laden offen auf Plakaten verehrt. Im nigerianischen Kano kommt es trotz massiver Polizeipräsenz weiterhin zu schweren Zusammenstößen zwischen jungen Moslems und Christen, denen bereits Dutzende Menschen zum Opfer fielen.

Aber auch wenn sich die jüngsten Unruhen im Norden von Nigeria an den Bomben auf Afghanistan entzündet haben mögen, die Wurzeln des politisch-religiösen Konfliktes in Nigeria (120 Millionen Menschen, davon etwa 50 Millionen Moslems) reichen viel tiefer als bis zum 11. September. So war es unmittelbar vor den Anschlägen auf Amerika in der katholischen Bischofsstadt Jos zu blutigen Ausschreitungen gekommen, nachdem eine Christin während des Freitagsgebets eine Straße vor einer Moschee überqueren wollte, wo gerade Moslems beteten. In der Folge starben hunderte Menschen bei Straßenkämpfen.

Jos ist eine Art Grenzstadt zum moslemischen Norden Nigerias geworden. In dieser Region haben zwölf Bundesstaaten in den vergangenen zwei Jahren die Scharia, das strenge islamische Recht, eingeführt. In den Städten Kaduna, Kano und Lagos sowie im Bundesstaat Bauchi sind in den vergangenen zwei Jahren 7000 Nigerianer bei Kämpfen zwischen Moslems und Christen ums Leben gekommen. Viele Christen flohen daraufhin nach Jos, und in noch weiter südlich gelegene Städte. Eine anhaltende Tendenz dieser Art könnte in Zukunft zu einer faktischen Teilung des Landes in zwei religiös voneinander abgegrenzte Nationen führen. Denn die USA, der Krieg in Afghanistan und Osama Bin Laden sind im bevölkerungsreichsten Land Afrikas allenfalls der Funke, der immer wieder die Lunte am Pulverfass Nigeria anzündet. In der Hauptsache geht es um Macht und die Verteilung knapper Ressourcen, besonders aber darum, wer von dem Ölreichtum des westafrikanischen Landes profitiert. Mit Olusegun Obasanjo war 1999 erstmals ein christlicher Südstaatler bei demokratischen Wahlen an die Macht gekommen, nachdem Moslems, angeführt durch das mächtige Sokoto Kalifat, mehr als 50 Jahre lang Nigeria kontrolliert hatten, oft über Militärjuntas. Das Ergebnis war grassierende Korruption und Armut, Arbeitslosigkeit und organisiertes Verbrechen wie in keinem zweiten Land Afrikas.

Der Hoffnungsträger Obasanjo konnte bisher nur wenig erreichen. Nigerias Strom- und Wasserversorgung ist nach wie vor schlecht, der größte Ölproduzent Afrikas leidet oft unter Treibstoffmangel, weil die eigenen Raffinerien nicht funktionieren. Die Menschen im ölreichen Südosten bohren regelmäßig Ölleitungen an und verursachen schwere Umweltschäden - und Flammeninfernos, bei denen hunderte Menschen ums Leben gekommen sind.

Auf dem Nährboden der Verzweiflung gedeiht der Extremismus. "Es gab hier in Jos nie zuvor Ärger", meinte der amerikanische Missionar Beaj Beacham im vergangenen Monat, "aber jetzt wird es hier wieder ein Blutbad geben, aus Rache." Zwar hatte es auch gute Samariter gegeben. Gazali Shuaibu, ein Moslem, zog damals die 16 jährige Christin Ehuna Nyitsse in sein Haus, als ein Mob sie verfolgte. 48 Stunden lang blieb das Mädchen bei der moslemischen Familie, bevor sie sich in einem ruhigen Moment nach Hause schleichen konnte.

Es blieb die Ausnahme. Die Kämpfe im 240 Kilometer weiter nördlich gelegenen Kano, einer überwiegend moslemischen Millionenstadt, in der aber auch christliche Händler ihre Ware verkaufen, zeigen, wie explosiv die Lage in Nigeria bleibt. In Läden und Taxis sieht man häufig das Konterfei Osama Bin Ladens. Dennoch sah Obasanjo am Montag keine Veranlassung, vorzeitig aus Paris heimzukehren, wo er einer Unesco-Konferenz beiwohnte. Er sei "nicht sonderlich erstaunt", erklärte er; man habe schließlich damit gerechnet, daß einige Menschen ihren Unmut über Amerika zum Ausdruck bringen würden. Für besondere Sicherheitsmaßnahmen besteht nach Auffassung Obasanjos deswegen kein Anlass. Dabei besteht eine nächtliche Ausgangssperre und Polizei und Militär haben Befehle erhalten, ohne Warnung sofort auf Randalierer zu schießen, in Nigeria ist das offenbar der Normalfall.
Von Thomas Knemeyer


Frankfurter Allgemeine Zeitung
05.11.2001

Nigeria kippt

Nigerias Verfassung schreibt dem Staat religiöse Neutralität vor. Dennoch hat nun schon der neunte Bundesstaat des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes, Kaduna, die islamische Rechtsprechung (Scharia) eingeführt. Weitgehend untätig schaut Präsident Obassanjo, einst Hoffnungsträger des Landes, zu, wie Nigeria allmählich an den Rand eines Religionskrieges gerät. Mehr als tausend Menschen sind in Kaduna bei religiösen Unruhen wegen der Einführung der Scharia schon ums Leben gekommen. Für die Zukunft verheißt die Renaissance des Islams auch in Afrika nichts Gutes. Einzig die säkulare Ausrichtung des Staates hatte bislang das Auseinanderfallen Nigerias verhindert. Einer der Hauptgründe dafür, daß Christen und Muslime noch in einem Staatswesen vereint sind, ist das Erdöl des Südens. Zu mehr als neunzig Prozent finanziert sein Export den Staatshaushalt und eben auch den rohstoffarmen Norden. Wo aber aus säkularen Staatsschulen Koranschulen werden und Frauen und Männer nach Geschlechtern getrennt in Bussen fahren müssen, legen Muslime die Lunte an ethnisch-religiöse Pulverfässer. Der Desintegration der Bevölkerung wird die Armee auf Dauer nicht tatenlos zusehen. Ihr Eingreifen aber wäre das Ende der jungen nigerianischen Demokratie.


taz
13.01.2002

Der Tod kam im neuen Leben

Nigerias Militärdiktatur hat Ajibola Ige verfolgt. In der Demokratie war er Justizminister. Er war Vorbild für Nachwuchspolitiker. Jetzt wurde er ermordet.

Die Bürger von Esa-Oke sehen in ihrem erfolgreichsten Bürger einen Elefanten. "Der Elefant ist gefallen", steht auf einem Transparent, das über der Einfahrt zu dem südnigerianischen Ort weht. Genauer müsste es heißen: Der Elefant wurde erlegt. Ajibola Iges Leben als erfolgreicher Politiker in Nigeria, zuletzt als Justizminister und Generalbundesanwalt, wurde am Tag vor Heiligabend mit einem Schuss ins Herz jäh beendet. Seither ist in Nigeria vieles nicht mehr wie früher.

"Die schlechteste demokratische Regierung ist immer noch besser als das beste Militärregime", hat Ige einmal gesagt, der Mann, der unter der Militärdiktatur häufig im Gefängnis war und 71 jährig in der Demokratie ermordet wurde. Jetzt soll er hier in seiner Heimat beerdigt werden, rund drei Wochen nach dem tödlichen Schuss, abgefeuert von Auftragskillern in Iges anderem Haus in der nahen Metropole Ibadan, drei Autostunden entfernt. An der Teerstraße nach Esa-Oke steht schon ein neuer Wegweiser. Grün auf weiß, in den nigerianischen Nationalfarben, ist "Ajibola-Ige-Stadt" auf das Holzschild gemalt. Die Menschen in Esa-Oke verehren ihren berühmten Mitbürger. In seinen Heimatort kam er in seiner Freizeit oft und gerne. Ige liebte sein Haus mit der Kapelle, vor der nun sein Grab ausgehoben worden ist. Es ist keine Protzvilla aus Marmor und Stacheldraht, sondern ein einfacher einstöckiger Bau mit Wellblechdach, daneben eine Kapelle im gleichen Stil mit der Aufschrift "Chapel Of Grace" über der Tür. Über die Steinmauer um den weitläufigen Garten des Geländes kann man von der Straße her schauen. So lebt keiner, der sich abschotten will.

Tanzen vor der Beisetzung
Die Trauerzeremonien nach Iges Tod waren wohl die größten in Nigerias Geschichte. In nahezu allen großen Städten gab es seit knapp einer Woche ununterbrochen Gedenkveranstaltungen, Gottesdienste und Trauerzüge. Die Leiche war zunächst in Lagos und Ibadan in Sportstadien aufgebahrt. Jetzt steht nur noch ein Punkt auf dem Programm: die Beisetzung.

Seit dem Morgen säumen die Leute den Weg zu Ajibola Iges Residenz. Überall hängen Plakate. In traditioneller englischer Richterperücke ist Ige darauf zu sehen, dazu einfache Parolen wie "Adieu, Onkel Ige!". Vor den Mauern der Residenz haben sich hunderte Schaulustige versammelt. Immer mehr kommen im Lauf des Tages, viele junge Leute direkt von gegenüber, von der Technologie-Fachhochschule des Bundesstaats Osun, die Ige in das verschlafene Provinznest, seine Heimat, geholt hat.

Von gedrückter Trauerstimmung keine Spur. Am einzigen Kreisverkehr von Esa-Oke singen und tanzen Menschen, begleitet von Trommeln. Einige sitzen zur besseren Sicht auf Bäumen, andere haben die Mauern erklommen. Mit Liedern begrüßen sie jedes Auto und jeden Bus mit neuen Teilnehmern an der Beerdigungsfeier. "Du bist nicht umsonst gestorben", singt die Menge, oder: "Deine Mörder werden selbst durch Wasser sterben".

Wasser spielt eine große Rolle in der Mythologie des Yoruba-Volks. Ajibola Ige galt als einer der wichtigsten Vertreter der Yoruba, einer der drei großen Ethnien Nigerias, die den Raum um Lagos beherrscht und sich unter der 1999 beendeten langen Militärherrschaft immer benachteiligt fühlte. Iges Ermordung hat ein Vakuum in der Yoruba-Politik entstehen lassen. Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo, der erste Yoruba in diesem Amt, hat eine wichtige Stütze verloren. Manche befürchten gar das Anfang vom Ende der Demokratie.

Die Yoruba-Lieder sind wie Schlachtrufe. Ein Vorsinger singt eine Zeile, die Masse fällt ein mit dem Refrain. Einige unterstreichen die darin enthaltene Parole mit der Faust. Unsicherheit über die Zukunft im neuen demokratischen Gesellschaftssystem Nigerias schwingt in der Geste mit. Mit dem Tod des Yoruba-Visionärs Ajibola Ige wissen viele seiner Volksgruppe nicht, wohin die Reise nun geht. "Ige lebt weiter!", schreien sie und: "Ige, unser Führer!", wenn ein prominenter Trauergast einfährt.

Mahnung des Nobelpreisträgers
Die Trauerkonvois aus Ibadan kommen an, begleitet von Polizeiautos mit heulenden Sirenen. Einzelne Soldaten in Kampfmontur stehen an der Straße, behangen mit Patronen wie für den Buschkrieg. Wichtiger sind an diesem Tag aber die Milizionäre der eigentlich verbotenen Yoruba-Miliz OPC (Oodua Peoples Congess). Ihr Chef Gani Adams hat mit seinen Hundertschaften den Ort praktisch übernommen und schwört, Iges Mörder zu finden und die Yoruba-Rasse zu schützen.

Die OPC-Leute sind junge Männer. Manche tragen T-Shirts mit dem Logo ihrer Organisation: einem Kapuzenmann mit Lanze in der rechten Hand, an deren Spitze keine Klinge ist, sondern ein strahlendes Kreuz. Einige betätigen sich als Vorsänger oder als Ordner.

Immer wieder kommen Autokolonnen und halten vor Iges Residenz. Die meisten Leute steigen aus und drängen sich in die wartende Menge. Die Prominenz darf auf das Gelände fahren. Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, erkennbar an seiner Haarmähne und dem Rauschbart, kommt in einer Limousine, die von der Menschenmasse förmlich belagert wird. Die Leute fordern den weltberühmten Schriftsteller auf, er solle jetzt etwas sagen. Als sie auch noch auf das Auto klettern, steigt Soyinka aus, abgeschirmt von den Ordnern des OPC. Soyinka mahnt, Konflikte innerhalb der Yorubas friedlich zu verhandeln und umzudenken.

Auch Ige war ein brillanter Redner, und deshalb wurde der Advokat auch "Cicero von Afrika" genannt. Er verstand es, Brücken zwischen unterschiedlichsten Gruppen in der komplexen nigerianischen Gesellschaft zu schlagen, von den Straßenjungs in der Millionenstadt Lagos bis zu den islamischen Emiren in Nordnigeria. Aber jetzt in Esa-Oke sind die Yorubas nahezu unter sich. Die Prominenz aus anderen Teilen Nigerias ist bei der staatlichen Feier in Ibadan geblieben, auch Staatspräsident Olusegun Obasanjo. Aber alle Gouverneure der Region sind nach Esa-Oke gekommen, alle Führer von Iges Partei "Alliance for Democracy" (AD). Wer in der Yoruba-Politik mitreden will, muss hier sein, an Iges Grab.

Ein mittelgro§er Mann geht durch die Trauergemeinde. Für Ishola Fapohunda war Ajibola Ige ein Vorbild. Der 33 jährige schaut scharfen Blicks durch seine Designerbrille und sagt, daß er sich einen Rat des Ermordeten zu Herzen genommen habe. Man müsse erst in seinem Heimatort akzeptiert sein, bevor man große Politik machen könne. Deshalb will Ishola nun im Nachbarort Okemesi ins Provinzparlament gewählt werden.

In Okemesi, dem Nachbarort von Esa-Oke, fällt Ishola schon deshalb auf, weil er heller ist als die meisten Nigerianer, obwohl beide seiner Eltern auch von hier kommen. Nur wuchs Ishola viele Jahre in England auf. Vielleicht hat er ja deshalb eine hellere Haut, mutmaßen die Leute. Ishola Fapohunda, Vater von vier Kindern, entschloss sich nach seinem letzten Besuch in Nigeria, das Leben als Softwareexperte in London aufzugeben und zurückzukehren. Er will seinen Teil zur Entwicklung des Landes beitragen, wie Ajibola Ige.

Nun steht er vor dem Haus des Ermordeten und wartet wie alle anderen auf den Leichenwagen. Was Ishola an Ajibola Ige beeindruckte, ist der Gegensatz zu seinen Kollegen. Ige lebte betont einfach, in einem Land, das wie kaum ein anderes ruhm-, macht- und luxusbesessene Raffkepolitiker und egoistische Eliten hervorgebracht hat. Und er scheute auch in den langen Zeiten der Militärdiktatur kein offenes Wort.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Die OPC-Ordner halten mit Kerzen einen Weg durch die Menge frei. Aber plötzlich fährt innerhalb des Geländes ein riesiges Auto vor die Kapelle vor. Offenbar ist der Konvoi mit dem Sarg durch ein Nebentor gekommen, fernab der Menge. Es ist kein normaler Leichenwagen, sondern ein weißer Ford-Combi, überdimensioniert und schnittig zugleich. Iges Holzsarg, der aus dem Wagen direkt an den Rand der Grabstelle getragen wird, ist dunkel, mit vielen Bronzeplatten, auf denen kleine Messingbilder aufgeschlagen sind. In der Kapelle ertönen Kirchenlieder, durch Lautsprecher nach draußen übertragen, während sich die politische Elite um die Grabstelle versammelt, um Ige die letzte Ehre zu erweisen.

Verdacht am Grab
Auf dem Vorplatz der Familienkapelle schauen die geladenen Gäste abwechselnd in die zwei Meter tiefe, weiß gekachelte Aushebung. Vielen steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Aber von stiller Trauer ist auch hier keine Spur. Sie reden munter miteinander, das Fernsehen filmt, Journalisten führen Interviews. Während der letzten Minuten, als der Sarg in die Gruft gelassen wird, sind viele Trauergäste in Gespräche vertieft.

Die Spekulationen, warum Ajibola Ige sterben musste, schlagen noch bei diesen Gesprächen hohe Wellen. Der Justizminister ist der bislang höchste Funktionär Nigerias, der Opfer politisch motivierter Gewalt wurde. Einige glauben, daß der Mord mit Iges Ablehnung des in vielen nordnigerianischen Bundesstaaten eingeführten islamischen Scharia-Rechts zusammenhängt. Bei einer Entscheidung zur Vereinbarkeit der Scharia mit Nigerias Verfassung hätte Ige eine wichtige Rolle gespielt. Auch gibt es Gerüchte, dass Ajibola Ige die mächtigen, von Nigeria aus weltweit arbeitenden Drogenkartelle gestört habe und deshalb sterben musste.

Ishola Fapohunda glaubt diesen Verschwörungstheorien nicht. Während der Beerdigung meint er, wie viele andere auch, daß es sich um eine unglückliche Fügung in einem internen Machtkonflikt in Iges Heimatbundesstaat Osun handele: "Politik und Drogengeschäfte haben mindestens zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind selbstzerstörerisch, und ihre Mitspieler kommen selten aus ihrem Milieu heraus."

Politiker will er trotzdem werden. Er hofft noch auf das neue, demokratische Nigeria.
Von HAKEEM JIMO


n-tv CNN
27.01.2002

Nigeria - Von der Sklaverei zum Öl

Ein Porträt

Nigerias ethnische Vielfalt entstand, weil Volksgruppen aus dem Sahel und dem südlichen Regenwald in das bereits von vielen Stämmen bewohnte Gebiet des heutigen Staates wanderten. Dort existieren seit über 2000 Jahren bedeutende Kulturen.
Vom 11. Jahrhundert an errichteten die Haussa im Norden eigene Staaten mit ausgeprägter Stadtkultur. Anfang des 19. Jahrhunderts unterwarfen muslimische Fulani-Kämpfer die meisten Haussa-Reiche. Während sich bereits im 14. Jahrhundert im Norden und mit der Fulani-Herrschaft ab 1835 auch im Yoruba-Land im Süd-Westen der Islam ausbreitete, landeten Ende des 15. Jahrhunderts an der Küste portugiesische Kaufleute. Sie begannen damit, die Afrikaner zum Christentum zu bekehren und verschifften drei Jahrhunderte lang Sklaven in die Neue Welt. Der Menschenhandel löste Kriege unter den Stämmen aus und führte zu großen Bevölkerungsverlusten. 1807 wurde die Sklaverei verboten.

Mitte des 19. Jahrhundert gliederten die Briten Nigeria in ihr Kolonialreich ein. Die private "Royal Niger Company" erhielt die Verwaltungshoheit am Unterlauf des Niger, Nord- und Südnigeria wurden 1914 als "Colony and Protectorate of Nigeria" vereinigt. Die Briten regierten mit "indirekter Herrschaft ". Sie machten vor allem im Norden die Emire, die traditionellen afrikanischen Autoritäten, zu ihren Statthaltern. Weil sie im Haussa-Fulani-Land jegliche Missionierung verboten, festigten sich dort die islamischen Feudalstrukturen.

Der Süden dagegen entwickelte sich unter kolonialem christlichen Einfluss weiter, eine Erklärung für die bis heute herrschende Kluft zwischen dem traditionellen Norden und dem moderneren Süden.

In den 20er Jahren gründeten westlich gebildete Nigerianer in Lagos die ersten antikolonialen Vereinigungen. In den 60er Jahren begann zwischen den 3 ethnischen Hauptgruppen der Kampf um politische Hegemonie.
Nach der Unabhängigkeit 1960 beherrschte die Haussa-Fulani-Elite Nigerias erste Regierungen. 1966 putschten Ibo-Offiziere und töteten den Premier, einem Nordnigerianer. Als Reaktion kam es im Norden zu Pogromen gegen die dort lebenden Ibo, woraufhin die Ibo-Region im Osten 1967 ihren eigenen Staat "Biafra" ausrief. Die Zentralregierung besiegte Biafra im folgenden Bürgerkrieg, in dem bis 1970 über eine Million Menschen starben.

Der Krieg bestärkte die überwiegend aus dem Norden stammenden Militärs in ihrer Rolle als Bewahrer der nationalen Einheit und das expandierende Ölgeschäft machte das Regieren attraktiver. Wer regierte, wurde reich. Abgesehen von einer kurzen Unterbrechung behielten fortan Obristen die Macht im Staat.

1993 sollte die Macht an die Zivilisten zurückgegeben werden. Doch die Militärs brachen ihr Versprechen, als sich der Wahlsieg eines Kandidaten aus dem Süden abzeichnete: Yoruba Moshood Abiola wurde kaltgestellt und später eingekerkert, weil er sich selbst zum Präsidenten erklärte. Er starb im Juli 1998 kurz vor seiner angekündigten Freilassung.
Seit 1993 führte General Sani Abacha ein besonders brutales Regime. Er ließ Opositionspolitker und Rivalen aus den Streitkräften einsperren oder zum Tode verurteilen.

1995 löste die Hinrichtung des Schriftstellers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa und aucht weitere Aktivisten des Ogoni-Volkes weltweite Proteste aus, die Ogoni rebellieren gegen die Bundesbehörden und den Ölkonzern Shell, dessen Förderanlagen die Umwelt in ihrer bitterarmen Region zerstörten.

Für den 1. Oktober 1998 hatte Abacha die Übergabe der Macht an Zivilisten versprochen. Doch der geplante Wechsel war offenbar ein Täuschungsmanöver. Alle fünf zugelassenen Parteien nominierten, offenbar unter dem Druck der Militärs, Abacha als ihren alleinigen Präsidentschaftskandidaten. Der General wolle als Zivilist weiterregieren. Abacha starb, unerwartet, im Juni 1998.

Sein Nachfolger, Generalstabschef Abdulsalam Abubakar, ist ein Karierresoldat ohne politischen Ambitionen. Dennoch misstrauen die Nigerianer seinem Versprechen, die Macht tatsächlich an eine Zivilregierung abzugeben.nt>


Lagos - Nigeria große Industriestadt

Ein Kurzporträt

Ausgebreitet über vier Inseln und einen Teil des Festlandes an der Bucht von Benin, entwickelte sich Lagos zur dichtbevölkerten Großstadt und wichtigsten Hafenstadt Nigerias.

Die Inseln waren im 16. Jahrhundert von Fischern und Jägern der Yoruba bewohnt. Das Königreich Benin unterwarf die Stadtsiedlung etwa ein halbes Jahrhundert später und nahm einen regen Sklavenhandel mit den Portugiesen auf, die die Inseln bereits im späten 15. Jahrhundert entdeckt und ihnen den Namen Lagos gegeben hatten.
Großbritannien nahm Lagos 1861 in Besitz und beendete damit endgültig den Sklavenhandel. Die britische Regierung erklärte die Region zum Protektorat, wodurch die Stadt im Gebiet der Yoruba ein sprunghaftes Wachstum erlebte. Sie wurde Hauptstadt des Protektorats Südnigeria und später des unabhängigen Staates Nigeria, bis sie von der Stadt Abuja im Landesinneren abgelöst wurde.

Heute ist Lagos eine geschäftige Hafenstadt und eines der wichtigsten Industriezentren Nigerias. Wie viele andere Großstädte hat auch Lagos mit Überbevölkerung und katastrophalen Verkehrsbedingungen zu kämpfen, die den Verkehr auf den Brücken zwischen den Inseln und dem Festland oft völlig lahmlegen.

Die Einnahmen aus dem Export von Erdöl haben zu einem allgemeinen Anstieg der Preise und Lebenshaltungskosten geführt, die Lagos zur teuersten Stadt des Landes machten.
Lagos ist das Finanz- und Bankenzentrum von Nigeria und Sitz zahlreicher Bildungs- und Kultureinrichtungen. Dazu gehören unter anderem die Universität, die Nationalbibliothek und das Nationalmuseum. Die Einwohnerzahl des Ballungsraumes beträgt etwa 10,3 Millionen.


Die Presse
06.02.2002

Tanz auf dem Vulkan: Hochexplosive Stimmung in Nigeria

Massaker, Unruhen, Kriminalität: Westafrikas Musterstaat steht vor dem Abgrund.

Für westliche Staatenlenker ist Nigeria stets ein Fixpunkt in ihrem Afrika-Reiseprogramm, in Sonntagsreden wird gerne sein Modellcharakter für den schwarzen Kontinent gepriesen. Ob Bill Clinton oder Kofi Annan, niemand kam am Vielvölkerstaat im Westen Afrikas vorbei. Und nun macht sich der britische Premier Tony Blair auf die Reise. Doch seine "Afrika-Safari", wie Londoner Gazetten süffisant titelten, beginnt unter einem ungünstigen Stern.

Denn Nigerias überbordende Metropole Lagos versinkt in Chaos und Anarchie. Kaum haben die Bewohner das Inferno der Vorwoche überstanden, eine Explosion in einem Munitionsdepot hatte mehr als 1000 Tote gefordert (zumeist zu Tode getrampelt), da werden sie von Massakern heimgesucht. Ein Familienzwist an der Peripherie der früheren Hauptstadt weitete sich zu schweren Unruhen zwischen Haussa- und Yoruba-Milizen aus. Vorläufige Opferbilanz: 100 Tote.

Auf den Straßen blieben die verstümmelten Leichen zurück, Fanal für den Haß zwischen den moslemischen Haussa und den christlich-animistischen Yoruba, der von lokalen Politikern für ihre Zwecke gezielt geschürt wird. Damit der Funke nicht auf andere Teile des Landes überspringt, wurde die Armee in Alarmbereitschaft versetzt. Und schon wird auch der Ruf nach einem starken Mann lauter, nach einem Putsch der Militärs, die Nigeria nach der Unabhängigkeit 1960 die längste Zeit über regiert haben.

Vor drei Jahren mit großen Vorschußlorbeeren angetreten, gerät Präsident Olusegun Obasanjo immer vehementer unter Beschuß. Damals hatte er in demokratischen Wahlen eine korrupte Militärdiktatur abgelöst. Kritiker werfen ihm jetzt vor, keines der zahlreichen Probleme des 120-Millionen-Volkes in den Griff bekommen zu haben. Kommentatoren vergleichen die hochexplosive Stimmung mit einem "Tanz auf dem Vulkan".

Risse und Trennlinien
Kriminelle Banden kontrollieren ganze Stadtteile, trotz des immensen Ölreichtums im Niger-Delta greifen Armut und Elend um sich. Vor allem aber haben sich in Obasanjos Amtszeit die religiösen, ethnischen und politischen Spannungen entzündet, die an der Oberfläche schwelen. Darunter verbergen sich aber allzu oft nur machtpolitische oder ökonomische Interessen, Anspruch auf Grund und Boden oder auf Jobs.

Risse und Trennlinien sind erneut deutlich hervorgetreten. So haben etwa mehrere der moslemisch dominierten Provinzen die Scharia, das islamische Recht, eingeführt. Dagegen ist wiederum die christliche Minderheit auf die Barrikaden gegangen. Unruhen und Aufstände waren die Folge, die die Armee mit Müh und Not unterdrücken konnte. Während die Haussa das Gros der Offiziere stellt, haben die Yoruba im Süden das Sagen.

Als ehemaliger General und Militärmachthaber und als Angehöriger der Yoruba-Volksgruppe schien Obasanjo anfangs der personifizierte Kompromißkandidat, geeignet, die Differenzen zu überwinden. Doch bisher hat der 65 jährige, der wie wenige afrikanische Politiker vom Westen hofiert wird, eine eher unglückliche Figur gemacht.
Von Thomas Vieregge


Der Standard
07.02.2002

Terror und Armut

Spätestens seit dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1999 verschärfen sich in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas, die Konflikte zwischen den Völkern, eine unerhörte Welle der Gewalt rollt durch das Land. Auf den ersten Blick scheinen die blutigen Unruhen religiös oder ethnisch motiviert zu sein; doch das ist nur die halbe Wahrheit: Die Menschen kämpfen um ein besseres Leben, um Perspektiven für die Zukunft. Die Bevölkerung des an sich reichen Ölstaates verarmt zunehmend. Immer weniger Nigerianer haben die Chance, sich zu bilden. Immer mehr frustrierte, arbeitslose Jugendliche dominieren die Unterschicht in den Städten. Es genügt ein verheerendes Unglück wie die Explosion eines Munitionsdepots in Lagos, und schon gerät das Land an den Rand eines Bürgerkriegs, und Putschgerüchte werden laut.

Viele muslimische Jugendliche werden von ihren traditionellen oder religiösen Führern aufgehetzt, von denen etliche offen mit Osama Bin Laden sympathisieren. Erst vor wenigen Tagen nahm die nigerianische Polizei zehn pakistanische Prediger fest, die zu Gewalt und Terror gegen die Regierung und die USA aufriefen. Die durchschnittlich besser gebildeten und geschäftstreibenden Christen verteidigen ihre Besitztümer mit aller Gewalt gegen die Muslime, die Auseinandersetzungen bekommen meist eine tödliche Dynamik. Besonders an der Scharia, dem islamischen Recht, das Anfang 2000 in zwölf der 36 Bundesstaaten offiziell eingeführt wurde, entzünden sich nun permanent Konflikte, obwohl die Muslime in diesen Bundesstaaten seit Jahrhunderten nach ihrem Rechtssystem leben.

Der britische Premier Tony Blair hat Recht, wenn er vor neuem Terror warnt, der seinen Ursprung in der nackten Armut der Dritten Welt hat. Ausweglose Armut erzeugt Fanatismus, Fanatismus führt zur Unmenschlichkeit, und diese mündet oft im Terror. Nigeria entwickelt sich langsam in diese Richtung.
Von Gerhard Plott


Putschgefahr in Nigeria wächst

Hunderte Tote bei ethnisch und religiös motivierten Auseinandersetzungen in Lagos

Bei den Ausschreitungen zwischen Angehörigen des Haussa- und des Yoruba-Volkes in einem Vorort der nigerianischen Metropole Lagos sind nach Angaben des Roten Kreuzes vom Dienstag mindestens hundert Menschen getötet worden. Mehr als 430 Menschen seien bei den Krawallen im Armenbezirk Mushin in den vergangenen vier Tagen verletzt worden, sagte der Präsident des nigerianischen Roten Kreuzes, Emmanuel Ijewere.

Ein Sprecher des Bundesstaates Lagos äußerte den Verdacht, die Unruhen seien von Unbekannten angezettelt worden, um die erwartete Instabilität zum Vorwand für einen Putsch zu machen. Den Unruhen war am 27. Jänner die Explosion eines Munitionsdepots vorangegangen, bei der mindestens 1000 Menschen getötet worden waren.

Soldaten waren in Lagos hart gegen potenzielle Unruhestifter vorgegangen. Wiederholt mussten Menschen mit erhobenen Armen an den Soldaten vorbei, andere wurden unter vorgehaltener Waffe vernommen. Nach Angaben der Polizei wurden zehn Verdächtige festgenommen. Der Informationsminister für den Bundesstaat Lagos sagte, die Unruhen nach dem Explosionsunglück und einem zuvor nie da gewesenen Polizeistreik könnten inszeniert gewesen sein, um den Militärs einen Vorwand zum Umsturz zu liefern.

Unterdessen setzte der Gouverneur von Lagos eine hohe Belohnung für Hinweise auf den Verbleib Hunderter Kinder ein, die nach dem Explosionsunglück verschwunden waren. Befürchtungen wurden laut, die Kinder könnten von Menschenhändlern heimlich gegen ihren Willen festgehalten werden.

Vor Beginn einer Afrika-Reise, die ihn auch nach Nigeria führen wird, hat der britische Premierminister Tony Blair zu einem verstärkten Kampf gegen die Armut auf dem Kontinent aufgerufen. Der Westen habe hier die Pflicht zu handeln, sagte der Vorsitzende der Labour Party in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Londoner Times. Heutzutage gebe es die beste Chance seit Generationen, die Armut in Afrika zurückzudrängen und beim Aufbau erfolgreicher politischer Systeme zu helfen.

Bei einer Vernachlässigung der Probleme des Kontinents bestehe die Gefahr, daß sich eine Situation wie in Afghanistan wiederholen könnte, warnte Blair, der den Weg für ein neues Afrika-Hilfsprogramm ebnen will, das beim G-8-Gipfel im Juni in Calgary gebilligt werden soll.


Die Welt
07.02.2002

Nigerias Militär spielt mit dem Feuer

Präsident Obasanjo verliert an Rückhalt, und die Armee gewinnt an Macht

Nach Jahren der Militärdiktatur ist Nigeria seit 1999 zwar mit über 100 Millionen Bürgern die größte Demokratie Afrikas, aber in dem westafrikanischen Land genügt, im wahren wie im übertragenen Wortsinn, ein Funke, um Katastrophen und blutige Unruhen auszulösen. Krasse Kontraste zwischen Ölreichtum und Armut, Moslems und Christen konnten auch von Präsident Olusegun Obasanjo nicht verringert werden. Stattdessen zeigt Obasanjo selbst zunehmend Anzeichen dünkelhafter Machtausübung.

Die verheerende Explosion in dem Munitionslager Ikeja am 27. Januar 2002, dem etwa 1100 Menschen zum Opfer fielen, wird von vielen Nigerianern nicht mehr nur als Betriebsunfall betrachtet. Kommentatoren fragen öffentlich, ob eine Clique von Armeeoffizieren durch gezielte Destabilisierung einem weiteren Militärputsch den Boden bereitet.

Dann kam es auch noch zu einem Polizeistreik. Als am vergangenen Samstag schwere Unruhen zwischen moslemischen Haussas und christlichen Yorubas in mehreren Randgebieten von Lagos ausbrachen, mussten deshalb Soldaten eingreifen. Bisher wurden mehr als 100 Tote beklagt, die Kämpfe können jederzeit wieder aufflammen. In der Stadt Kano patrouillieren Soldaten nun wieder die Straßen, weil man befürchtet, daß es dort zu Racheakten kommen könnte. Im vergangenen Jahr war es in Kano und anderen Städten des Nordens zu Massakern zwischen jungen Christen und Moslems gekommen, bei denen Hunderte starben.

Mit Obasanjo ist seit Mai 1999 erstmals ein christlicher Südstaatler demokratisch an der Macht. Moslems hatten mehr als 50 Jahre lang das ölreiche Land kontrolliert, oft mit Hilfe der Armee. Die Bundesstaaten im moslemischen Norden Nigerias reagierten prompt. 13 Staaten führten die Scharia, das strenge islamische Recht, ein, obwohl die Verfassung Nigerias auf säkularen Grundsätzen basiert.

Obasanjo sah machtlos zu, oder reagierte maßlos. Zwei Mal entsandte er bereits Armeeeinheiten, die Unruhen mit äußerster Brutalität niederschlugen. Ein Mal im Öldelta vor zwei Jahren, das andere Mal vor einigen Monaten in der Stadt Jos. Obasanjo hat wenig getan, um Korruption und Verbrechen zu bekämpfen. Für die große Mehrheit der Nigerianer ist das Leben unberechenbar und gefährlich geblieben. Am 23. Dezember wurde der Justizminister erschossen, bis heute wird über politische Hintergründe gerätselt, obwohl sich der Attentäter freiwillig stellte. Wenige Tage darauf wurde ein Landtagsabgeordneter ermordet.

Aber nichts hat die Bevölkerung in den letzten Monaten so aufgebracht wie die Explosion in dem Munitionslager und die herzlose Art, wie Armeeoffiziere und sogar das Staatsoberhaupt auf die Katastrophe reagierten. Obasanjo hatte am Tag danach klagenden Angehörigen von Opfern barsch erklärt, sie sollten "den Mund halten", er habe es nicht nötig, persönlich am Ort des Geschehens zu erscheinen. Erst als sich die Presse über diese Frechheit aufregte, entschuldigte sich der Präsident.

"Unsere Politiker sind verantwortungslos. Es ist eine Schande, daß Nigeria so verrottet ist," schimpfte am Mittwoch der Politologe Douglas Anele von der Universität Lagos. Aber noch ist Obasanjo international anerkannt, in dieser Woche gibt ihm ja auch der britische Premierminister Blair die Ehre.
Von Thomas Knemeyer


taz
09.02.2002

Prekäres Leben zwischen Ruinen

Besuch auf dem "Ikeja Military Cantonment", dem Militärgelände in Nigerias größter Stadt Lagos, dessen Explosion vor zwei Wochen eine Massenpanik mit tausend Toten verursachte. Es ist eine Stadt in der Stadt, in der viele Gebäude nicht mehr stehen.

Noch immer ziehen Soldaten umher und suchen nach Bombensplittern und Blindgängern. Sie tragen weiße Plastiklanzen, um verdächtige Gegenstände zu berühren. Zwei Kinder sollen dazu ihre Füße benutzt haben und wurden im nächsten Augenblick zerfetzt, erzählen Anwohner der Kaserne.

Einige hundert Metern um das Explosionszentrum herum steigt noch immer der schweflige Geruch nach entzündetem Sprengstoff in die Nase. Das "Ikeja Military Cantonment", das am Abend des 27. Januar in die Luft flog, ist viel mehr als eine Kaserne. Es ist eine Stadt in der Stadt und erstreckt sich über vier Quadratkilometer inmitten der Millionenstadt Lagos. Es gibt darin nicht nur Baracken und militärische Einrichtungen, sondern sogar Schulen, einen Markt, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Moscheen. Und bis vor zwei Wochen gab es auch das Munitionslager, eines der größten des Landes. Von hier aus wurden die Waffenlager ganz Nigerias versorgt. Wie viele Menschen hier lebten, kann keiner mit Bestimmtheit sagen. Aber es dürften mehrere zehntausend gewesen sein.

Doch auf dem Gelände selbst forderte die Explosion verhältnismäßig wenige Opfer, wahrscheinlich weniger als ein Dutzend. Es waren die angrenzenden Wohngebiete, aus denen die Leute in Panik strömten, um der Explosion zu entkommen, wobei tausend Menschen zu Tode kamen. Vor allem Kinder ertranken in einem Kanal, als sie vor den ohrenbetäubenden Explosionen, den Druckwellen und dem Flammeninferno wegrannten. Eine für Donnerstag vorgesehene Massenbeisetzung dieser Opfer wurde kurzfristig vertagt, um den Angehörigen die Gelegenheit zu geben, die Leichen zu identifizieren und abzuholen.

Shola Adebayo ist einer der Bewohner des Militärgeländes. Er ist Cousin eines Gefreiten. Eigentlich dürfte Adebayo gar nicht auf dem Kasernengelände leben. Denn abgesehen von der Lebensgefährtin und den Kindern eines Militärangehörigen darf kein hier wohnender Verwandter über 18 Jahre alt sei, und Adebayo ist Mitte dreißig. Aber in der Praxis existiert ein unüberschaubares Geflecht von Wohnverhältnissen, das selbst Offiziere nicht auflösen können. Alleine lebt keiner in Afrika, erst recht nicht in einer Stadt mit chronischem Wohnungsmangel wie Lagos. Davon kann sich auch das Militär nicht frei machen.

Adebayo verdient sein Geld mit einem Motorradtaxi und führt nun seine Passagiere innerhalb des zerstörten Geländes herum. Er wohnt mit sieben anderen Verwandten in einer Zweizimmerwohnung in einem viergeschossigen Haus mit rund fünfzig Wohnungen. Von diesen Blocks soll es hier über zweihundert geben.

Die Wohnung von Adebayo hat das Bombeninferno überstanden. Der Wohnzimmerschrank und mit ihm die elektronischen Geräte kippten um, erzählt Adebayo. Der Dachstuhl brach teilweise ein. Die meisten Fenster blieben jedoch heil.

Aber schon einige hundert Meter weiter sehen die Wohnblocks nicht mehr bewohnbar aus, obwohl das eigentliche Explosionszentrum noch immer 500 Meter entfernt ist. Fenster und Türen sind notdürftig mit Brettern zugenagelt, das hält keine Moskitos mehr ab. Einige Häuser wurden von den Explosionen in Brand gesteckt. Die, die noch stehen, haben Risse im Gemäuer und sind baufällig. Die Dächer knickten unter den Druckwellen ein. Die Hälfte der Häuser des Markts auf dem Gelände sind eingestürzt. Überall stehen Möbel vor den Ruinen.

Viele Leute, die bisher im "Ikeja Military Cantonment" wohnten, sind erst einmal weggezogen. Aber wie so oft nach einer Krise kommt das Leben schnell wieder in den üblichen Rhythmus. Marktleute, die keine Läden mehr haben, zimmern sich einen Holzstand zusammen. In einer Ecke verfolgt eine Traube von jungen Männern das Halbfinale im Afrika-Cup Nigeria gegen Senegal. Das bringt aber wegen Nigerias Niederlage und seines Ausscheidens aus der Afrika-Meisterschaft auch keine Freude, höchstens Ablenkung. Denn man fragt sich hier, wie viel Spannung die nigerianische Gesellschaft nach den unzähligen Krisen seit Einführung der Demokratie vor drei Jahren eigentlich noch ertragen kann.
Von HAKEEM JIMO


Le Monde
15.03.2002

POLITIK UND HOCHSCHULEN IN NIGERIA

Auferstehen aus Ruinen

Die 15 Jahre Militärdiktatur haben die Universitäten Nigerias, die mit ihrem hoch qualifizierten Lehrkörper früher zu den besten Afrikas gehörten, so gut wie ruiniert. Ihr Verfall spiegelt die soziale und politische Verfassung eines Landes, das immer wieder von ethnischen Konflikten gebeutelt wird. An der Obafemi Awolowo University (OAU) in Ile Ife befassen sich die Studenten heute mit Modellen der "neuen Demokratie", doch bei vielen ist der Idealismus einem Pragmatismus gewichen, der die Wirklichkeit gern verdrängt. Nun sollen die Universitäten in den Demokratisierungsprozess einbezogen werden, auch wenn die Strukturanpassungsmaßnahmen einem neuen Aufbruch enge Grenzen setzen.

Obafemi Awolowo University in Ile Ife im Südwesten Nigerias. Wohnheim Nr. 8, Zimmer 271. Der Student auf der Matratze starrt an die Decke, im Hintergrund spielt Juju-Musik. Am 10. Juli 1999, gegen vier Uhr früh, lag genau hier ein anderer junger Nigerianer. George Iwilade alias Afrika, Generalsekretär der streitbaren Studentengewerkschaft, einer örtlichen Filiale der Student Union (Nans). Das Studentenwohnheim der OAU, des größten Campus südlich der Sahara (14.000 Hektar, 12 Fakultäten, 83 Abteilungen, über 2.000 Studenten) lag in tiefem Schlummer.

"Am Abend hatten wir eine Versammlung zum ersten Jahrestag der Ermordung von Dennis Chukwusa, der umgebracht wurde, als er gegen die Ermordung von Chief Abiola demonstrierte", erinnert sich Maxwell, PR-Beauftragter der Gewerkschaft, der sich auf sein Examen im Fach "International Relations" vorbereitet. "Wir hatten drei Monate Streik hinter uns, der Campus war geschlossen, die Studenten waren relegiert. Wir feierten das Ende der Militärherrschaft und waren spät ins Bett gekommen. Im Morgengrauen wurden wir durch einen ersten Schuss geweckt. Was dann passierte, war der nackte Horror."

In dieser Nacht wurden fünf Studenten ermordet, unter ihnen Afrika. Die Täter gehörten vermutlich zu der Gruppe "Black Axe", einem Geheimbund studentischer "Kultisten", die im Verdacht stehen, vom damaligen Vizekanzler mit 300.000 Naira (2.600 Euro) gekauft worden zu sein. Nur vier Monate nachdem Olusegun Obasanjo am 1. März 1999 zum Staatspräsidenten gewählt worden war, erschütterte die Nachricht das Riesenland mit seinen 120 Millionen Einwohnern. Die Presse der jungen Demokratie verwies auf die Hinterlassenschaften der Militärdiktatur, die in den achtzig staatlichen Universitäten wie eine Zeitbomben tickten.

Dramatisch war nicht nur das Verbrechen an den Hoffnungsträgern der Nation, sondern auch das Bild, das die Presse von der Lage an den Universitäten entwarf. Professoren, die ins Ausland abwandern oder sich daheim durchschlagen, antiquierte Lehrpläne, Kungelei mit den Militärs, Korruption und Prostitution, baufällige und überfüllte Räumlichkeiten, Absentismus. 51 Jahre nach Gründung der ersten nigerianischen Universität in Ibadan, wo auch der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger, Wole Soyinka, studiert hatte, warf das Massaker von Ile Ife ein Schlaglicht auf den Zustand des nigerianischen Hochschulwesens und das Leben seiner 400.000 Studenten.

"Wenn Sie diese Trophäen sehen, glauben Sie an die Zukunft dieser Universität", sagt Roger Makanjuola, der neue Vizekanzler der OAU, vor der Sammlung von Fairplay-Preisen, die Hockeyteams seiner Universität errungen haben. Die OAU bescherte dem Land mehrere Spitzensportler und beginnt, erneut an diese Erfolge anzuknüpfen. Doch das Wiederaufleben des Sports ist für den Mediziner "nur eine unter unzähligen Herausforderungen". Im Vergleich mit seinem eigenen Studentenleben sei der heutige OAU-Alltag eine Zumutung. "Die Probleme, die die ganze Gesellschaft und die sozialen Strukturen beeinträchtigen, bekommen wir auch an der Uni zu spüren."

Makanjuola wurde Anfang 2001 an die Spitze der Institution berufen. Die OAU liegt mitten im Gebiet der Yoruba, und das heißt nach der Schöpfungsgeschichte dieser vier Millionen starken Ethnie, direkt im "Zentrum der Welt". Als Erstes entdeckte er eine Straße mit lauter niedergebrannten Häusern, das Resultat des neu entflammten Hasses zwischen verschiedenen Stammesgruppen. Dann folgte ein dreimonatiger Generalstreik der Professoren, zu dem die Gewerkschaft "Academic Staff Union of Universities" (ASUU) aufgerufen hatte. Inzwischen wurden die Dozentengehälter im Durchschnitt von 174 auf 696 Euro aufgestockt: "Auf dem Campus wimmelts von neuen Autos", meinen manche sarkastisch.

Das Studienjahr 2001/2002 hat pünktlich begonnen. Und wenn die Verwaltung auch nur ein Drittel der etwa 991.000 bewilligten Euro erhalten hat, meint Makanjuola, "wissen wir jetzt doch allmählich, wie wir trotz der von außen hereingetragenen Spannungen überleben und vor allem funktionieren können". Dieser Mann, der sich besonders für die Entwicklung der Informations- und Biotechnologie einsetzt, hält nichts von den Ratschlägen Wole Soyinkas, der Anfang 2001 die Rosskur empfahl, sämtliche Hochschulen des Landes für zwei Jahre zu schließen, um eine vollständige Reform des Systems zu ermöglichen. Er ist überzeugt, daß seine Universität wieder an ihre ruhmreiche Geschichte anknüpfen kann.

"Selbst die konservativsten Leute loben immer wieder ganz überschwänglich die Leistungen der Yoruba", meint der Journalist Karl Maier und nennt als Beispiele nicht nur die Schulgeldfreiheit, die sie als Erste durchsetzten, das erste Fernsehen und die ersten Wolkenkratzer Afrikas, sondern auch "die Gründung der damals erstrangigen Universitäten Ife und Ibadan". 1987 wurde die OAU zum "beliebtesten Campus Nigerias" gewählt. "Wenn man an der Ife war", meint Vizekanzler Makanjuola, "dann lebte man in einer ganz eigenen Welt." Im Gegensatz zur "Elfenbeinturm"-Atmosphäre der Universität von Ibadan, deren Studiengänge "allzu sehr von England beeinflusst" seien, sei die OAU eine Universität, die "auf die spezifischen Bedürfnisse Nigerias am besten zugeschnitten ist".

Die OAU liegt inmitten einer Hügellandschaft mit üppiger Vegetation. Ihre luftigen, von einem israelischen Architektenbüro entworfenen Bauten orientieren sich am Stil der Universität von Mexiko-Stadt. Als ehemalige Regionaluniversität, die in den politischen Wirren im Südwesten Nigerias unter großen Mühen gegründet wurde, zog sie seinerzeit vor allem Studenten der Landwirtschaft, Energiewirtschaft und Pharmazie an, aber auch der Pädagogik, Kunstgeschichte und Afrikanistik. Unter der Schirmherrschaft von Ford und Rockefeller Foundation sowie der University of Wisconsin sprach sich der gute Ruf der OAU, die sich gern als "Universität für das Volk" darstellte, bis in die USA herum, auch dank dem Forschungszentrum Certas, wo die automatische Maniok-Schälmaschine erfunden und eine neue Tomatensorte entwickelt wurde.

Zentrum des zivilen Ungehorsams
Damals hat sich Ife allerdings auch radikalisiert, während das Land unter dem "Nord"-Regime von General Ibrahima Babangida in Korruption und Wirtschaftskrise versank. Während das vom Internationalen Währungsfonds verordnete Strukturanpassungsprogramm sich sogar "auf den Diskurs und die Identität der Dozenten auswirkte", wurden die nigerianischen Studenten "zu Sprechern der Unterdrückten, zu Kämpfern gegen Korruption und für Wahrheit und Gerechtigkeit".

Mit der Annullierung der Wahlen vom 12. Juni 1993, die im November desselben Jahres zum Militärputsch von General Sani Abacha führte, wurde Ife zum "Kontrollzentrum" des zivilen Ungehorsams, der sich vor allem im Yoruba-Gebiet des Südwestens ausbreitete.

Trotz Campus-Schließungen und der Relegation von Studenten war die OAU in die großen Krisen involviert, die Nigeria damals erschütterten, etwa als der Schriftsteller und Ogoni-Aktivist Ken Saro-Wiwa 1995 hingerichtet wurde oder 1998 nach dem Tod von Chief Abiola. Dieser Kampf wurde zum Teil offen mit Plakataktionen, Demonstrationen und Gedenkversammlungen geführt, zuweilen aber auch verstärkt im Untergrund. Er äußerte sich aber auch in gewalttätigen Überfällen auf bestimmte "Kultisten" und Dozenten, die man beschuldigte, andere Dozenten gewaltsam gefangen zu halten. Die Awolowo Hall, das Hauptgebäude der Universität, wurde zu diesem Zweck zum Revolutionstribunal umfunktioniert.

"Zusammen mit dem Campus von Zaria ist der Campus von Ife so etwas wie ein Barometer", erklärt Doktor Oladipo Fashina, Landesvorsitzender der ASUU und Philosophieprofessor an der OAU, der seit seiner aktiven Beteiligung am Kampf hinkt. "Wenn bei uns der Druck steigt, können Sie damit rechnen, daß die restlichen Universitäten des Landes nachziehen. Seit den Siebzigerjahren wurde der Hochschulbetrieb durch einen Kern von Professoren geprägt, die mit dem Sozialismus und dem Marxismus in Berührung gekommen waren. Die Idee des Antiimperialismus wurde ebenso auf dem Campus geboren wie die eines Bündnisses mit den Arbeitern. Vom Campus der OAU ging auch im Dezember 1985 die landesweite Kampagne gegen die IWF-Kredite aus."

Für den Vertreter der Dozentengewerkschaft hängt die mafiose Entwicklung der kultistischen Bünde auch mit dem 1985 erlassenen Verbot für studentische Organisationen zusammen. "Als ich 1979 hierher kam, waren die Studenten sehr stark gewerkschaftlich organisiert. Heute hat der ideologische Zusammenhalt nachgelassen. Sie wollen bloß ihr Studium beenden, um möglichst rasch Geld zu verdienen. Gesellschaftliche Anliegen und soziale Veränderungen sind in den Hintergrund gerückt. Dabei haben die meisten dieser Studenten keinerlei Aussicht auf eine Stelle, die ihren Erwartungen entspricht."

Um 21 Uhr füllen sich die letzten der wenigen Molway-Charterbusse, die die Bewohner der Blechhütten nach Hause bringen. Auch manche Professoren sind unterwegs zu ihrem zweiten, nächtlichen Gewerbe. Sie sind gezwungen, auch nach der kürzlichen Erhöhung ihrer häufig als "lächerlich" empfundenen Gehälter, ein Taxi zu fahren oder Videokassetten zu verkaufen. Weil häufig der Strom ausfällt, lernen hunderte von Studenten gemeinsam beim gelben Schein von Öllampen. Irgendwo in der finsteren Awolowo Hall lassen die Trommler des Kegit Clubs ihre Talking Drums ertönen, es ist, als besänne sich der Kosmos der OAU wieder auf seine Yoruba-Ursprünge, die auf diesem Campus "selbst der Gebildetste in sich trägt", wie der Vizekanzler meint.

Gegen Mitternacht drängen sich fünfzehn Studenten in Schlafräumen, die eigentlich für sechs vorgesehen sind. "24.000 Studenten, verteilt auf 10.000 Betten", sagt Gbolahan Ola Babalola resigniert. Wie jeden Abend hält der Professor für Mikrobiologie in einer der tristen Mensen der Studentenstadt eine Versammlung ab. "In meiner Abteilung haben wir nicht einmal ein Elektronenmikroskop. Auf dem ganzen Campus gibt es nur rund tausend Computer, zu denen nur sehr wenige Studenten Zugang haben. Dabei haben wir brillante Schüler, aber unter diesen Bedingungen konzentrieren sie ihre intellektuellen Fähigkeiten aufs Überleben."

Kein Wunder, daß sich Studentinnen regelmäßig durch Prostitution über Wasser halten, wenn sie keinen anderen Job in den Lebensmittelläden und Frisiersalons finden oder in den Webereien der Old Buckateria, des ältesten Markts der Stadt. Catherine, Jurastudentin und Generalsekretärin des Hostel Allumni, das 172 Studentinnen beherbergt, nimmt ihre "Schwestern" in Schutz. "Das liegt ganz einfach am System." Viele von ihnen könnten sich keine drei Mahlzeiten pro Tag leisten.

Catherine möchte in ihrem künftigen Beruf "zur Entwicklung der Gerechtigkeit in ihrem Land beitragen". Die Religion könne Menschen, "die total verzweifelt sind, einen gewissen moralischen Zuspruch bieten". Auf dem Campus gibt es Moscheen und Pfingstkirchen und von Montag bis Sonntag zahlreiche Gottesdienste. Aber das erzeugt keine religiösen Spannungen, auch wenn einige Plakate zum Dschihad aufrufen. "Von religiösem Rassismus oder ethnischem Fanatismus spüren wir hier nichts", sagt ein Student, der sich nach sechsjähriger erzwungener Absenz wieder neu eingeschrieben hat. "Selbst der OPC hat hier nie Fuß gefasst."

In dieser Atmosphäre verwundert es kaum, wie selbst die marxistischsten und atheistischsten Studenten dazu stehen, daß sie regelmäßig die Hauptmoschee besuchen oder regelmäßig zu bestimmten religiösen Sekten gehen. "Die Religion ist gerade zur Zeit von Prüfungen sehr wichtig, denn dies sind auch in finanzieller Hinsicht immer sehr schwierige Phasen", erklärt der Sohn eines Imams, der den kubanischen Staatschef Fidel Castro und den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi als seine Vorbilder nennt.

Am Gebäude der Studentengewerkschaft prangt ein Slogan: "La Luta continua. Victoria acerta" - "Der Kampf geht weiter, der Sieg ist sicher". Burkina, der örtliche Vorsitzende, steht der Democratic Socialist Movement nahe, einer der zahllosen inoffiziellen politischen Parteien im Umfeld des aktuellen Dreiparteiensystems, die mit der "bürgerlichen Linie" des Vorsitzenden des nationalen Dachverbandes NANS nicht einverstanden sind. Nach Burkina hat die neue Demokratie die Form seines Kampfes verändert, aber nicht unbedingt dessen Inhalt: "Nach dem Ende der Militärherrschaft kommt es jetzt darauf an, auch die Vorstellungen zu entmilitarisieren. Wir wollen nicht mehr als Randalierer gelten. Wir sind nicht mehr auf unsere Fäuste angewiesen, heute brauchen wir unser Hirn", betont der Jurastudent, der sich auf den Marxismus beruft, aber "nicht als Dogma, sondern als Blitzlicht, das eine in Finsternis versunkene Gesellschaft beleuchten und uns helfen soll, klarer zu sehen". Burkina träumt von einem Land, in dem die Bildungsinstitutionen auf allen Ebenen kostenlos sind. "Nigeria ist ein Land, das von den Göttern gesegnet ist. Es besitzt so viele natürliche Ressourcen, dass Schulgeldfreiheit möglich sein sollte. Stattdessen versinkt es immer weiter im Chaos. Der politische Kampf ist also notwendiger denn je. Mit neuen Entscheidungsträgern, die nicht mehr die Fehler ihrer Vorgänger machen."

In diesem Zusammenhang nennen die Studenten immer wieder den Namen des 63 jährigen Anwalts Gani Fawehinmi. Er arbeitet 200 Kilometer von Ile Ife entfernt in seinem mit Büchern voll gestopften Büro in Lagos. Fawehinmi ist Chef einer informellen Gruppierung namens National Conscious Party und saß unter den Militärs achtmal im Gefängnis. 1981 hatte er die Studenten von Ife verteidigt, nachdem acht von ihnen vom Shagari-Regime ermordet worden waren. Heute ist er eine Art geistiger Vater der nigerianischen Universitäten und streitbar wie eh und je. "Die Bildung sollte im Zentrum der Entwicklungspolitik dieses Landes stehen, wo 98 Prozent der Studenten aus ärmlichen Verhältnissen stammen und über die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Laut Unesco sollten 26 Prozent des Staatshaushalts in die Erziehung gehen, tatsächlich sind es bei uns aber nur 8 Prozent. Unsere Regierung, die durch das Erdöl täglich 40 Millionen Dollar einnimmt, sieht sich außerstande, dieses in unserer Verfassung garantierte Grundrecht umzusetzen. Diebe sind das! Und wie soll man die Demokratie mit hungrigen Mägen aufbauen? Die Leute sind verzweifelt. Uns seht ein massiver Aufstand bevor, das soziale Chaos und bestimmt eine Revolution."

Ganz ähnlich sieht es der Student, der sechs Jahre seines Lebens verloren hat. "Dies ist nur der besonders brutale und niederschmetternde Abklatsch eines weltweiten Phänomens. Unser Land ist das schlimmste und das beste dieses Kontinents. Wir haben die Ereignisse von Seattle und Genua mit Interesse verfolgt. Ich denke, die Zeit ist gekommen, daß die Jugendlichen des Nordens endlich unsere Ansichten übernehmen, etwa in der Frage eines Weltgipfels der Studentenorganisationen. Zwar wurden die Computer und die Bücher, die wir brauchen, von den ehemaligen Verantwortlichen dieses Campus beiseite geschafft, aber ich verdanke der Universität dennoch die Einsicht, dass ein besseres Nigeria tatsächlich möglich ist."
Von JEAN-CHRISTOPHE SERVANT (dt. Mathias Wolf)


taz
30.03.2002

Learning from Lagos

Wenn eine Stadt von 15 Millionen bald auf 24 Millionen EinwohnerInnen und somit zur drittgrößten Stadt der Welt anwächst: Die documenta-Konferenz "Plattform4" befasste sich im Goethe-Institut Lagos mit afrikanischen "Städten unter Belagerung"

An der Rollbahn des Murtala Muhammed International Airport auf dem Weg zur documenta-Vorkonferenz stehen rostige Flugzeugwracks. "Städte unter Belagerung" heißt die vierte und nach Wien, New Delhi und St. Lucia letzte Plattform vor der großen documenta-Ausstellung in Kassel. In Lagos, das von nunmehr wohl 15 Millionen bald schon auf 24 Millionen EinwohnerInnen und somit zur drittgrößten Stadt der Welt anwachsen soll, möchte der gebürtige Nigerianer und Leiter der Großausstellung, Okwui Enwezor, gemeinsam mit vornehmlich afrikanischen ForscherInnen die übliche Pathologie des Untergangs durchbrechen, die mit diesem Kontinent heillos verbunden scheint. Fünf Tage lang wurde im klimatisierten Goethe-Institut im Geschäftsviertel Victoria Island über Freetown, Kinshasa, Johannesburg oder Addis Abeba berichtet. Fliegt man über Afrika, so der Stadtforscher Abdoul Maliq Simone, dann sieht man dort lauter Städte, über die niemand zu sprechen scheint. Gleichzeitig geistert das Gespenst einer kolonial geprägten Stadtwahrnehmung über bekanntere Orte und lässt deren eigensinnigen zeitgenössischen Alltag unsichtbar werden. Um dieser Fehlwahrnehmung zu begegnen, wurde Codesria (Council for the Development of Social Science Research in Africa) gegründet, ein Netzwerk afrikanischer ForscherInnen mit wechselnden Tagungsorten.

Sheila Bunwaree, die Leiterin der Organisation, betont Afrika auf der zweiten Silbe, so als wolle sie einen besonderen Akzent setzen. Ihr Workshop war ursprünglich auf zwei Tage angesetzt, dann wurde aber ein Exkursionstag nötig, denn Codesria leidet selbst an starken Wahrnehmungsdifferenzen, wie bislang alle panafrikanischen Einrichtungen mit ihren Trennungslinien zwischen den kolonialen Sprachen Englisch und Französisch, zwischen Nord und Süd, Islam und säkularem Staat, Ausgewanderten und Dagebliebenen.

Große Potenziale
Wie sieht eine Neudefinition Afrikas aus, die nicht beschönigt? Als ein Teilnehmer der Konferenz erkrankte, verlangte der Hotelarzt vorab 400 Dollar. Früher musste man ins Krankenhaus von Lagos seine eigene Medizin mitbringen. Am Rande des Frühstücks erzählt ein euopäischer Vertreter für Medizintechnik von den "great potentials", die er beim Besuch der örtlichen Hospitäler erkennen konnte. Ob denn seine Firma einen humanitären Preis mache, so wie Pharmaunternehmen Aidsmedikamente verbilligt abgeben? Diese Frage versteht er nicht. Der nationale Stromversorger Nepa heißt in üblicher Redeweise "Never Expect Power Always". Jeden dritten Tag wird ein Stadtteil ganz ohne Strom gelassen, weshalb sich Reichtum auch nach der Wattzahl des Privatgenerators bemisst. Wasser wird in Kanistern angeliefert oder aus Flaschen getrunken, doch wegen Infektionsgefahr zur Sicherheit abgekocht. Im Hotel tragen die Angestellten beim Obstschneiden Gummihandschuhe. Der Kollaps der Infrastruktur, so seine These, ist zugleich ein Platz für Experimente und Imaginationen, ein Testfall sozialer Netzwerke. Während die so genannte zivilisierte Welt eine Liberalisierungspolitik zum Wohle global operierender Unternehmen forciert, existieren in "Drittweltländern" vor allem Formen selbst organisierter, informeller Ökonomien, die dennoch dem Interesse der global operierenden Unternehmen entsprechen können. Wie der Vortrag von Jean Omasombo aus der Volksrepublik Kongo jedoch deutlich macht, funktioniert die kreative Kraft der Selbstorganisation nicht immer und überall, was er am drastischen Bild des Fahrradtaxis in Kisangani beschreibt. Hier würde der Gast selbst am Berg nicht absteigen, weil er doch vorab schon bezahlt habe. In Omasombos Schilderung wird deutlich, daß Notökonomie eine funktionierende Gemeinschaft und innere Solidarität braucht, um nicht zu scheitern. Über 80 Prozent Schattenwirtschaft sowie eine etwa ebenso hohe offizielle Arbeitslosenrate bedeuten selbst im leidlich überlebenden Nigeria eben auch, auf Steuereinnahmen und somit auch öffentliche Investitionen weitgehend verzichten zu müssen. Wer eigentlich zahlt diesem Staat noch Steuern, wenn selbst die Einnahmen aus der Erdölausbeute gleich dem Öl in den vergifteten Fördergebieten am Nigerdelta versickern? Wer glaubt an das Militär, das über Jahrzehnte eine Diktatur aufrechterhielt, oder an die Polizei, wenn diese aus Geldmangel am Abend ihre Maschinenpistolen an Wegelagerer verleiht, die dann die Brücken kontrollieren? Wer glaubt an den Schutz der Menschenrechte, wenn der Oppositionspolitiker Ken Saro-Wiwa vor sieben Jahren hingerichtet wurde? Ein steter Braindrain der Eliten sowie die Finanztransfers nach Übersee schwächen Nigeria überdies.

Abdoul Maliq Simone wunderte sich, wie die Vorträge in Konferenzen sich von dem unterschieden, was man an der Bar erzählte. Strukturanalyse und Alltagswidersprüche müssten zusammenkommen.

Plattform Bar-Beach
So besuchten wir eine andere Plattform, nämlich die von Sammys auf dem Bar-Beach, von dessen Holzdach aus der allseits übersteuerte Mix aus Missy Elliot und Oriental-Disko mit dem Wetterleuchten am Himmel zusammentraf. In einem handlichen Setzkasten aus Pappe sind vom Schokoriegel bis zur gerne auch einzeln verkauften Zigarette alle möglichen Kleinwaren on display. Der Verkäufer hält seine Taschenlampe darüber, um das Warenangebot zur Schau zu stellen. Hier sind Männer fast unter sich. Die Frauen bedienen oder warten als Sexarbeiterinnen am Strand auf Kundschaft. Auch im Hotel sitzen Computerstudentinnen zusammen, tratschen untereinander oder begleiten Geschäftsleute, wobei zwischen Sexjob und Ausgehen schwer zu unterscheiden ist. Vor vier Jahren hätten wir da sein sollen, meint der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas in lockerer Hotelrunde, da sei das Chaos in Lagos noch nicht aufgebraucht gewesen. Seither ist er mehrfach angereist und hat hier insgesamt zwei Monate verbracht. Wer einmal von seinem Terminkalender zwischen Guggenheim, Las Vegas, EuraLille oder Prada, New York vernommen hat, weiß, daß er wohl nicht einmal zu Hause so lange anzutreffen ist. Doch jetzt fände in der Megapolis "Gentrification" statt, was er im Scherz sogar auf die Strömung am Meer überträgt, die doch ebenso wenig gefährlich sei wie die Stadt.

Auf Prada-Sohlen streift der scheue wie misstrauische Architekt zusammen mit seinem Mitarbeiter Edgar Cleijne durch die Märkte. Ein niederländisches Fernsehteam folgt ihnen. Koolhaas akkumuliert Berge von Notizen, digitalen Bildern, Videokassetten, Literatur. Was sagt ein Cover einer nigerianischen Zeitschrift über den Zeitgeist des postkolonialen Aufbruchs vor vierzig Jahren? Und welche Bewegungsmuster kann ich einer Luftaufnahme von informellen Märkten entnehmen, aufgenommen aus dem Helikopter des Staatspräsidenten? Koolhaas rühmt in seiner für den Herbst angekündigten Studie die effizienten und global orientierten Märkte, aber auch die afrikanische Weiterentwicklung einer von osteuropäischen Architekten geprägten Moderne, für die in den 70er Jahren schiffsladungsweise Beton herangeschafft wurde. Daß die afrikanischen Mosaike im monumentalen Nationaltheater nur unter Protest der lokalen Künstler durchgesetzt wurden, wie ein Gast später anmerkt, unterschlägt der Vortrag. Widerstand und Konflikte scheinen abwesend in Koolhaas' evolutionärer Baugeschichte.

50.000-mal Amen
Jenseits der Stadt, und wo ist der Rand einer 15-Millionen-Stadt, liegt Cannan-Land. Der ummauerte Campus fasst Tankstelle, Hotel und Universitätsgebäude, einen riesigen Parkplatz für Autos wie Shuttlebusse und mittendrin die dreiachsige Winners' Chapel. Wie bei einem Rockkonzert donnert uns das Amen der Gemeinde entgegen, bis man im Innern angekommen merkt, daß dies ganz ohne Verstärkung ging. Denn Afrikas zweitgrößtes Gotteshaus fasst über 50.000 Gläubige, die hier singen, beten oder ihr Fläschlein Palmöl hochhalten, auf daß es Heilung bringe. Mir wird mulmig beim Anblick von gläubiger Masse und diszipliniertem Führerkult. Bei der Anfahrt um eine Audienz gebeten, erschien Bishop David Oyedepo gleich nach der Messe in seinem Empfangssaal. Die Kapelle der Gewinner, die das alerte Oberhaupt nach dem Vorbild US-amerikanischer Fernsehprediger gründete, baut auf Erfolg. Und wo der Staat versagt, lehrt die Sekte Architektur und Städtebau, Human Science und Business. Gott ist mit den Aufstiegsorientierten. Bishop Oyedepos Kirche ist schon in dreißig Staaten Afrikas vertreten. Auch sonstwo bilden sich kleine Gemeinden als Ministaaten im Staat. Nigeria gilt als Religionsexporteur für den gesamten Kontinent, um so die Lücken der anderen Philosophien zu füllen, wie der Bischof formuliert. Selbst in der documenta-Stadt Kassel soll es eine von nigerianischen MigrantInnen gegründete Filiale geben.

Slow-go
Verkehr in Lagos heißt Slow-go. Sobald die Minibusse halten oder die Fahrbahn sich verengt, eilen fliegende HändlerInnen heran und produzieren weiteren, verkaufsfördernden Stau. Durch flexible Nutzung von insgesamt acht oder eng gepackt auch mal zehn Fahrbahnen regelt sich der Verkehr nur vorübergehend. Berufene Privatleute betätigen sich als Verkehrsregulierer. Die Polizei versucht, mit Schüssen in die Luft Verkehrsknoten aufzulösen. Ihre Maschinenpistolen tragen sie als Attribut ihrer Macht. Die hoch effizienten Kleinbusse transportieren in der Stadt, aber auch jenseits der Landesgrenzen von Punkt zu Punkt. Der Konferenzfahrer pendelt normalerweise zwischen Lagos und Benin und macht so täglich 600 Kilometer für umgerechnet 20 Euro Lohn. Überall stehen importierte Autos mit CH-Aufklebern und Spar-Werbung. Import, Reparieren, Handeln, Fahren, Kassieren oder Tanken schafft Arbeit und Einkünfte. Eine offene Pipeline an einer Brücke dient als illegale Tankstelle. Die Identifikation mit der Stadt ist eine sehr pragmatische. Make the money and run. Wie fühlt man sich als Lagocian, wenn man bis zu 50 Kilometer und Stunden im Slow-go voneinander getrennt lebt? Als wir mal wieder in einem Stau standen, ließen die Autos ihre Abgase wie Staubwolken oder Regenschauer hinter sich. Hier wird niemand alt. Und was macht man hier mit den kleinkriminellen area boys? Man ernennt sie zur Umweltwacht und lässt sie Unkraut jäten, Büsche stutzen und Randstreifen begrünen. So in städtischen Lohn gestellt, machen sie aus Lagos an manchen Stellen ein Gartenparadies, wozu auch die kurzfristig errichteten Palmenbaumschulen am Wegesrand beitragen. Kein Platz ist eine Piazza, doch die Straße ist ein Markt, und der Stand ein Heim. Noch die Eisenbahngeleise werden belegt und kurz freigegeben für den heranschleichenden Zug. Hier nimmt eigentlich niemand die Bahn.

Welcome to Nigeria
An den Mauern am Straßenrand lehnen prachtvoll verzierte Metalltore zum Verkauf. Besonders obskur wirken die wie gewerbliche Schilder aufgestellten Stacheldrahtrollen. Doch selbst in den mehrfach umzäunten und bewachten Enklavensiedlungen verkaufen HändlerInnen Dinge des täglichen Bedarfs. Die Permanenz des Markts, wo Menschen auch nächtigen, lässt die Unterscheidung von privat und öffentlich absurd erscheinen. Statt mit Verbrechen und Chaos empfängt einen die Stadt mit offenen Armen. Beim Flanieren durch die omnipräsenten Märkte heißt es wohlmeinend "Weißer, Weißer", begleitet von Zischen, Winken und "Welcome to Nigeria"-Rufen. Der Gang durch die Innenstadt oder um Knotenpunkte des Verkehrs geraten stets zu einem großen "Hello" mit Händeschütteln, Fragen nach Wohlbefinden und abschließendem Austausch von E-Mail-Adressen. Am Gateway zum Lufthansa-Rückflug in Lagos steht ein Mann in sommerlichem Hemd und Krawatte und kontrolliert die Papiere. Seit zwei Jahren prüft der Bundesgrenzschutz schon im Vorfeld, ob sich jemand informelle Papiere beschafft hat, die der BGS illegal nennt. Das Ganze noch einmal am Ausstieg zum Rollfeld Frankfurt Rhein-Main, diesmal von BeamtInnen in Uniform. Als ich nicht geprüft werde, frage ich, ob ich nicht schwarz genug sei. "Nicht rassistisch werden", ist die verquere Antwort des Grenzschützers. Willkommen in Deutschland, Retour Deportation Class.
Von JOCHEN BECKER


pte
09.04.2002

Nigeria fördert webreife Jugend

Ehrgeizige IT-Schulung soll trotz Armut Jugendliche bilden

Ein einzigartiges Projekt zur Förderung der Technologiekenntnisse jugendlicher Nigerianer soll Unmögliches möglich machen. Trotz der geringen PC-Dichte werden Tausende auf den Einstieg ins World Wide Web vorbereitet. Zu diesem Zweck wurde ein Information Technology Youth Ambassador eingesetzt, berichtet BBC-online, heute, Dienstag.

Der Webdesigner Gbenga Sesan http://www.gbengasesan.com wurde zum staatlichen Information Technology Youth Ambassador erklärt. Seine Aufgabe ist es nun, den Jugendlichen in dem westafrikanischen Land technische Details und Wissen über die moderne Technologie zu vermitteln. Größtes Problem seiner Aufgabe ist die geringe Dichte an Telefonen und das Manko an Geräten. Die meisten Nigerianer können nur über ihren Arbeitsplatz ins Internet einsteigen. Sesan verfügt selbst auch über keinen eigenen PC. "Aber selbst wenn es nicht genügend PCs gibt, so werden wir Jugendliche ausbilden, damit dann, wenn Geräte vorhanden sind, diese optimal genützt werden können", so Sesan. Dies sei eine geistige Vorbereitung für den Fall, wenn die Geräte dann vorhanden sein werden.

Sesan wurde für die Position von der Cyberschuul http://www.cyberschuul.com, einem IT-Trainings College, ausgewählt, nachdem er einen Preis für die Gestaltung einer Homepage gewonnen hat. Das Ziel der Page war es, junge Nigerianer zu finden, die sich für die IT-Branche interessieren. Während der vergangenen zwei Jahre hat Sesan so genannte "Coaching Classes" für nigerianische Jugendliche gegründet. Bis 2003 will er 4.000 Jugendliche ausbilden. "Natürlich müssen wir mit den örtlichen Gegebenheiten leben", so Sesan. Dazu gehöre auch, daß teilweise nur drei PCs für 40 Schüler vorhanden sind. Daß auch in dem westafrikanischen Land IT-Kräfte gefragt sind, zeigt sich an den Jobangeboten. Derzeit suchen nigerianische Unternehmen Fachkräfte, die in der Lage sind, Webpages einzurichten. Nigeria müsse einen stärkeren Web-Auftritt im Internet haben, so Sesan. Im Sommer will der 25 jährige IT-Spezialist eine eigene Homepage relaunchen, um den Jugendlichen ein Beispiel für Webdesign zu geben.
Weitere Informationen:
http://www.nig.org.ng/about_nig.htm
http://www.pin.itgo.com
Von Wolfgang Weitlaner


news.ch
20.08.2002

Olympische Sommerspiele 2012 nach Nigeria?

Nigeria möchte sich gemäss Sportminister Stephan Akiga um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 bewerben.

Noch nie haben Olympische Spiele in Afrika stattgefunden. Ägypten hatte sich für die Spiele 2008 beworben, scheiterte aber bereits in der ersten Runde. Nigeria war bisher Gastgeber für die Afrika-Spiele 1973.

An der Durchführung der Spiele 2012 haben bereits die USA, Indien, Frankreich, Deutschland, Kuba, Ungarn, Italien, Brasilien, Kanada und Russland Interesse bekundet. Das Internationale Olympische Komitee wird im Sommer 2005 über die Vergabe entscheiden.


Frankfurter Allgemeine Zeitung
19.10.2002

Wenn die E-Mail aus Afrika schnelles Geld verspricht

Die "Nigeria-Connection" nutzt das Internet für Betrug im großen Stil

Alles beginnt mit einer obskuren E-Mail aus dem fernen Afrika. Der Absender, ein gewisser Simba Makoni, dürfte den meisten Empfängern wenig sagen. Der erste Absatz des Briefes jedoch, in dem sich der Autor vorstellt, weckt Interesse. Er sei der ehemalige Finanzminister von Zimbabwe, der Ende August dieses Jahres von Präsident Robert Mugabe entlassen wurde. Ein kleiner Blick ins Internet verrät, daß es den Finanzminister tatsächlich gab. Auch die Sache mit der Entlassung stimmt. Dennoch ist der Inhalt des kleinen elektronischen Briefes frei erfunden. Er dürfte in ähnlicher Form wohl an Tausende von Internetnutzern gesendet worden sein. Und wenn man all jenen einen Rat geben sollte, dann lautete er, auf keinen Fall auf die E-Mail zu antworten. Denn sie stammt sicher nicht von Finanzminister Makoni. Statt dessen steckt dahinter die sogenannte Nigeria-Connection, deren Ziel es ist, Privatpersonen und Unternehmen zu betrügen.

Inhalt des Briefes ist eine kleine Bitte und ein vermeintlich gutes Geschäft. Wie in dem Schreiben mitgeteilt wird, ist der ehemalige Finanzminister im Besitz einer großen Menge Geldes, rund 15 Millionen Dollar, die er hinter Mugabes Rücken aus dem Land schleusen will. Dazu benötigt er Hilfe, und die erbittet er vom Empfänger des Schreibens. Das Geld soll in die Obhut des Adressaten gelegt werden, beispielsweise auf ein eigens dafür eingerichtetes Konto. Wäre das Geld erst einmal auf dem Konto angelangt, würde der vermeintliche Makoni Zimbabwe verlassen und sich mit der Summe ein schönes Leben im Ausland machen. Für den kleinen Dienst verspricht er 20 Prozent der Summe als Belohnung. Natürlich versteht sich die Transaktion als streng geheim. "Wenn Mugabe etwas davon erfährt, dann werde ich nicht mehr sicher sein", ist in der E-Mail zu lesen.

Sollte man sich auf das verlockende Angebot einlassen, ist das weitere Prozedere nahezu festgelegt. Alles wird reibungslos verlaufen, bis der Zeitpunkt der geplanten Überweisung des Geldes naht, das natürlich nie auf dem Konto ankommt. Dann nämlich wird sich der Urheber der Mail wieder melden und beispielsweise mitteilen, daß etwas schiefgelaufen sei in Zimbabwe. Provisionen, Verwaltungs- oder Anwaltskosten werden fällig, und der Autor der E-Mail wird sich bittend an seinen Helfer wenden, diese Vorauszahlungen zu leisten. Zwischen 5000 und 50 000 Dollar sind möglich. Überweist der gutgläubige Helfer den Betrag, und ist der Betrüger dann im Besitz des Geldes, wird er sich nie wieder melden. Für den Helfer, der sich auf das Geschäft eingelassen hat, ist die Summe unwiederbringlich verloren. Eine Anzeige läuft allein deshalb ins Leere, weil der Betroffene sich selbst zum Komplizen eines illegalen "Geschäfts" gemacht hätte.

Seit mehr als einem Jahrzehnt versucht die Nigeria-Connection mit ihren Tricks, Menschen überall auf der Welt um ihr Geld zu bringen. Dabei müssen die Mails nicht, wie es der Name zunächst suggeriert, aus Nigeria kommen. Die Mails stammen auch aus anderen Ländern Schwarzafrikas. "Innerhalb der vergangenen acht Monate beobachten wir verstärkt Aktionen der Nigeria-Connection", sagt Bechtold Graf von Bernstorff vom Afrika-Verein. Er berät deutsche Unternehmen, die wirtschaftlich in Afrika tätig sind. Bernstorff bezweifelt, daß hinter den Aktionen eine große Organisation steckt. Vielmehr seien es Einzeltäter und kleinere Gruppen, die versuchten, an das Geld ihrer Opfer zu kommen. Das geschehe mit den verschiedensten Methoden.

Lange bevor sich die Betrüger E-Mails bedienten, um mit ihren möglichen Opfern in Kontakt zu treten, benutzten sie prunkvolle Briefe mit allerlei Siegeln und Unterschriften, die die Authentizität des Schreibens suggerieren sollten. Absender waren und sind so klangvolle Institutionen wie die Zentralbank von Nigeria, die Energiebehörde des Landes oder der Präsident des Senats. Der Transfer von großen Geldsummen ist dabei nur eine Variante des Betrugs. Eine andere besteht darin, ausländische Unternehmen zu Vorauslieferungen zu bewegen, deren Bezahlung nie erfolgt. Um Vertrauen zu wecken, organisieren die Betrüger oft ein kleines, korrekt abgewickeltes Geschäft, bevor sie kurze Zeit später den großen Betrug einfädeln.

Skurril ist auch die Variante der schwarzen Geldscheine. Um eine große Summe Bargeld aus einem afrikanischen Land zu schmuggeln, wurden die Geldscheine, so macht es der Betrüger glauben, schwarz eingefärbt. Vom Empfänger verlangt er schließlich eine beträchtliche Geldsumme für eine Chemikalie, mit der die Scheine wieder entfärbt werden könnten. Tatsächlich sind die schwarzen Streifen nichts anderes als gewöhnliches Papier. Eine weitere Betrugsform ist die Visumerschleichung. Der Betrüger tritt per E-Mail mit einem Unternehmer in Kontakt, bietet ein Geschäft an und besteht auf einem persönlichen Treffen, beispielsweise in Deutschland. Erhält er schließlich das Visum, nutzt er den Aufenthalt für alles mögliche, aber nicht für das ursprünglich geplante Treffen.

"Immer wieder fallen Leute darauf herein", sagt Bernstorff vom Afrika-Verein. Er empfiehlt, die E-Mails kurz nach dem Eintreffen entweder an ein Landeskriminalamt zu schicken oder an das Auswärtige Amt. Dort würden sie an den nigerianischen Staat weitergeleitet. Der nämlich sieht in den Betrügereien eine erhebliche Beeinträchtigung seines Rufes.

Schwierig sei jedoch, so Bernstorff, daß die E-Mail-Adressen in kürzester Zeit gewechselt werden. Nachzuvollziehen, wer der tatsächliche Absender ist, sei daher schwer. In Zeitungsanzeigen weist die "Central Bank of Nigeria" auf die Betrügereien hin und rät, Geschäftsangebote, die "schnellen Reichtum" versprechen, zu ignorieren. Auch weist die Bank auf die Mitschuld der Opfer hin, wenn sie sich auf Geschäftsangebote einlassen, die jeden verantwortungsbewußten und gesetzestreuen Menschen zum Nachprüfen veranlassen müßten.
Von Markus Breidenich


taz
15.11.2002

Ein Streit um Moskitos - und Öl

Die UNO versucht, einen Grenzstreit zwischen Nigeria und Kamerun um eine sumpfige Halbinsel zu entschärfen. Nigeria verlor kürzlich vor Gericht und ist sauer

Die Präsidenten von Nigeria und Kamerun treffen heute in Genf mit UN-Generalsekretär Kofi Annan zusammen, um einen Grenzstreit zu entschärfen, der die beiden Länder in Westafrika an den Rand eines Krieges getrieben hat. Streitpunkt ist die 1.000 Quadratkilometer große Halbinsel Bakassi an der Atlantikküste. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hatte am 10. Oktober nach einem jahrelangen Prozess entschieden, daß Bakassi zu Kamerun gehört, obwohl Nigeria das Gebiet seit 1993 kontrolliert.

Landstreitigkeiten haben schon mehrfach gewaltsame Konflikte unter Nachbarn in Afrika gestiftet. Schuld sind häufig unnatürliche Grenzen, die Kolonialmächte in Unkenntnis der örtlichen Geografie zogen. Auch jetzt gründeten die Richter in Den Haag ihr Urteil auf einen Vertrag von 1913 zwischen Deutschland und Großbritannien, der die Grenzziehung zwischen den Kolonien Kamerun und Nigeria festlegte.

Seit den 80er-Jahren hat es zwischen Nigeria und Kamerun mehrere Zusammenstöße um Bakassi gegeben. Und es war abzusehen, daß ein Urteil aus Europa den Streit zwischen afrikanischen Nachbarn nur bedingt schlichten kann. Kurz nach dem Spruch aus den Haag hatte Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo seine Landsleute noch aufgerufen, das Urteil hinzunehmen. Ihm schien es zu reichen, daß Nigeria zwar die territoriale Kontrolle abgeben, aber laut dem Urteilsspruch seine Ölrechte in den Küstengewässern behalten würde. Aber nur Tage später hieß es, das letzte Wort sei noch keinesfalls gesprochen. Erst vor den heutigen Verhandlungen wurde wieder betont, man wolle nicht das Urteil aus Den Haag in Frage stellen, sondern nur über ungeklärte Details reden.

Die Zukunft des moskitoverseuchten Sumpfgebietes sieht jedenfalls ungewiss aus. Beim Streit geht es nicht zuletzt um Rechte für den Fischfang und noch mehr gewinnträchtige Ölförderrechte. Aber während in Kamerun Zeitungen über den "Sieg" jubeln, sorgen sich Kommentatoren in Nigeria mehr um die gefährdete Einheit ihres Landes als um Bakassi.

Die Zurückhaltung in Nigeria hängt mit der Tradition des Landes zusammen. Richter und Anwälte genießen wie sonst kaum in Afrika hohes gesellschaftliches Ansehen; viele Meinungsführer, Politiker und Bürgerrechtler sind Juristen. So wird über Bakassi eher akademisch diskutiert, während Sprücheklopfer schnell abgebürstet werden. Als ein Gouverneur aus dem Norden des Landes ironische Glückwünsche zum Verlust nigerianischen Bodens aussprach, erntete er herbe Kritik von Florence Ita-Giwa, Senatorin und Präsidentin der "Selbstbestimmungsfront der Bakassianer". Eine Mehrheit der Nigerianier sieht die Leute auf Bakassi als Landsleute und das Terrain als nigerianisch an. Aber noch steigt der Konflikt nicht zum Wahlkampfthema auf.
Von HAKEEM JIMO


pte
28.11.2003

Nigeria gegen Scams aus dem eigenen Land

Präsident Obasanjo ruft Komitee ins Leben

Nigeria sagt den Scams aus dem eigenen Land, die seit Jahren Mio. von Online-Usern zur Weißglut treiben, den Kampf an.
Präsident Olusegun Obasanjo http://www.olusegun-obasanjo.com/thehome.html hat ein Komitee ins Leben gerufen, das sich den berühmt-berüchtigten "419 Scams" widmen soll. Dem Komitee gehören unter anderem der nationale Sicherheitsberater und die Minister für Justiz und Technologie an. http://www.nigeriafirst.org/article_1650.shtml

Die Online-Betrüger aus dem afrikanischen Land gehen seit Jahren mit der selben Masche vor. In weltweit verbreiteten E-Mails werden User um Kredite oder sonstige finanziellen Transaktionen ersucht. Dafür werden exorbitante Rückzahlungsraten bzw. Gewinne in Aussicht gestellt. In den vergangenen 15 bis 20 Jahren seien hunderttausende Leute in Nigeria und weltweit von den Online-Betrügern auf diese Art und Weise angemailt worden, gab Obasanjo eine zahlenmäßig stark untertreibende Darstellung der Scams zum Besten.
Nunmehr will die Regierung Maßnahmen gegen die Online-Betrüger ergreifen, die das Image des Landes international beeinträchtigt hätten, sagte Obasanjo. Das Komitee soll unter anderem die bestehenden Gesetze evaluieren, allenfalls die Einführung neuer Gesetze überprüfen und gegebenenfalls eine eigene Agentur zum Online-Betrug einrichten. Obasanja betonte, dass seine Regierung die Fortschritte würdige, die sein Land und die Bevölkerung im Gebrauch von Computer und Informations-Technologie gemacht haben. Das Komitee müsse aber sicherstellen, dass diese Fortschritte nicht zum Boomerang werden und die User frustrieren...
Von GEORG PANOVSKY



Süddeutsche Zeitung
21.04.2007

Wahlkampf in Afrika

Nigeria braucht jetzt Nerven

Nach einem chaotischen Wahlkampf entscheidet sich heute die Nachfolge des scheidendenden nigerianischen Staatsoberhauptes Olusegun Obasanjo. Wer wird Nigerias nächster Präsident?

Die Nigerianer brauchen jetzt Nerven. 60 Millionen Bürger sollen sich an diesem Samstag in die Schlangen vor den Wahllokalen einreihen und einen neuen Präsidenten wählen. "Es ist schon ein Erfolg, wenn diese Wahl einigermaßen geordnet über die Bühne geht", sagt der Politologe Ibrahim Muazzam von der Bayero Universität in Kano. Denn zum ersten Mal in der Geschichte des westafrikanischen Ölriesen würde dann die Macht von einer zivilen Regierung an die nächste übergeben.

Ein glanzvoller Tag für Nigeria dürfte der 21. April nicht werden. Wer die Abstimmung als Reifetest für Nigerias Demokratie betrachtet, wird dem Land mit seinen 140 Millionen Einwohnern schon jetzt schlechte Noten ausstellen müssen. Chaotischer hätte der Wahlkampf kaum verlaufen können. Und massiver Betrug bei den Gouverneurswahlen am vergangenen Wochenende lassen für die Präsidentenwahl nichts Gutes erwarten. Vor allem ist aber bei der Kür der Kandidaten so viel manipuliert worden, dass die Legitimität der Wahl schon in Frage steht, bevor sie überhaupt beendet ist.

Kronprinz ohne Rückhalt

Die Krise hatte damit begonnen, dass der scheidende Präsident Olusegun Obasanjo versuchte, nach acht Jahren an der Macht noch einmal für eine dritte Amtsperiode zu kandidieren. Dafür hätte Nigeria die Verfassung ändern müssen, und das stieß auf so viel Widerstand, dass Obasanjo mit seinem Plan scheiterte. Ein erbitterter Gegner einer dritten Amtszeit war damals Obasanjos Vize, Atiko Abubakar. Deshalb zerstritten sich die einstigen Weggefährten, und der Präsident ließ seinen Kronprinzen fallen.

Stattdessen suchte er einen anderen, ihm gewogenen Spitzenkandidaten für die regierende "Demokratische Volkspartei" (PDP), über den er vermutlich weiterhin Einfluss ausüben will. Dieser Mann heißt Umaru Yar Adua und gilt als ziemlich konturloser Kandidat, über den viele Nigerianer wenig wissen. Bezeichnend war, dass bei den großen Wahlkampfveranstaltungen stets Obasanjo im Vordergrund agierte, ganz so, als trete er selbst noch einmal an. Das nährt Vermutungen, dass der 55-jährige Yar Adua doch nur eine Marionette Obasanjos ist. Manche westliche Diplomaten aber treten solchen Befürchtungen entgegen. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass Yar Adua durchaus eine eigenständige politische Persönlichkeit sei.

Obasanjos Widersacher Abubakar gab sich indes nicht geschlagen, er wechselte ins Lager der Opposition. Allerdings wurde er wegen massiver Korruptionsvorwürfe zunächst als Kandidat des "Action Congress" (AC) für die Wahl ausgeschlossen. Und erst in dieser Woche entschied das Oberste Gericht, dass er nun doch wieder zugelassen werden muss. Es gibt wenig Zweifel, dass der Präsident die treibende Kraft hinter Abubakars Ausschluss war. Viele Nigerianer sind überzeugt, dass Obasanjo die Wahlkommission und die Korruptionswächter des Staates für seine eigenen politischen Zwecke missbraucht hat. Das heißt nicht, dass die Vorwürfe gegen Abubakar aus der Luft gegriffen wären. Etwa 125 Millionen Dollar soll der 60-Jährige unterschlagen haben, und dafür wurden auch Belege erbracht. Aber solche Untersuchungen wurden als Waffe vor allem gegen die Opposition eingesetzt, obgleich auch Politiker der PDP als äußerst korrupt gelten. Sogar Obasanjo ist zuletzt ins Zwielicht geraten, weil er Geld aus der Staatskasse nicht sauber eingesetzt haben soll.

Ob es jetzt noch rechtzeitig gelungen ist, Abubakars Namen auf 60 Millionen Stimmzetteln zu ergänzen, ist fraglich. Und am Freitagnachmittag sorgte die Wahlkommission für komplette Verwirrung, als sie im Fernsehen erklärte, dass die Wahlzettel noch gar nicht im Land seien.

Zusätzlich zu Abubakar gibt es noch einen wichtigen Oppositionskandidaten, den einstigen Militärmachthaber Muhamadu Buhari. Er tritt für die ,"All Nigeria People¹s Party" (ANPP) an. Ein Bündnis gegen die Regierungspartei PDP zu schmieden, ist der Opposition misslungen. Und so hat nun der Unbekannte Yar Adua beste Chancen, seinen Paten Obasanjo als Präsidenten zu beerben.

Dafür spricht auch, dass die PDP über das meiste Geld und das beste Netzwerk im Land verfügt. Schon bei den Gouverneurswahlen sicherte sich die Partei einen Großteil der Posten. "Parteien in Nigeria orientieren sich kaum an Programmen", sagt Nnamdi Obasi von der International Crisis Group in Abuja. Sie dienen als Sprungbrett für die große Politik, wo die Pfründe verteilt werden. Viele Politiker nutzen dieses System, um sich an den Milliardeneinnahmen aus der Ölförderung zu bereichern, die mehr als 80 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen. In den Ranglisten von Transparency International wird Nigeria unter den korruptesten Staaten der Welt geführt. ,"Wir sehen hier immer das gleiche Muster", sagt ein Jurist der Anti-Korruptionsbehörde ICPC. ,"Die sehr ehrlichen Leute bleiben sehr arm, und unter den Wohlhabenden finden sich überall Diebe."

Nun geht es bei den Wahlen also vor allem um den Zugriff auf Milliarden in der Staatskasse. Das bereitet den Nährboden für Gewalt. ,"Schon ein kleiner Konflikt kann sich in Nigeria zum Flächenbrand entwickeln", warnt Klaus Pähler, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Abuja. Und Zündstoff dürfte es reichlich geben, nach all der Verwirrung um die Stimmzettel und Kandidatur Abubakars. Wenn die Gewalt im Zuge der Wahlen tatsächlich ausufert, könnte es passieren, dass Obasanjo den Notstand ausruft und am Ende doch selbst weiterregiert.

Von Arne Perras


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