Le Monde
13.08.1999

Entwicklung auf Kosten der Tradition

Staudammstreit in Namibia

Nach Jahren der Polemik, der Gutachten und Anhörungen muss die namibische Regierung nun entscheiden, ob der Kunene, der Grenzfluss zwischen Namibia und Angola, zur Stromgewinnung aufgestaut werden soll.
Der Staat sucht die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Die von einer Umsiedlung bedrohten Bevöl- kerungsteile aber setzen sich zur Wehr.
Opuwo bedeutet in der Sprache der Herero' "das Ende". Opuwo heißt auch die Hauptstadt von Kaokoland, einer Region im Nordwesten Namibias. Es ist eine Stadt am Ende der Welt. 6.000 Einwohner, eine Bäckerei, zwei Supermärkte voller Konserven mit abgelaufenem Verfallsdatum, außerdem eine Tankstelle, die letzte vor der Grenze. Dahinter verliert sich jede Spur westlicher Zivilisation. Ein Gewirr von Pisten durchzieht eine wilde Hügellandschaft mit kleinen, felsigen Erhebungen. Das sonst öde und versengte Kaokoland bietet im Norden einen erhebenden Anblick: die Epupa Wasserfälle am Grenzfluss Kunene.
In dieser Landschaft leben die Himba. Aus dem Gebiet der Großen Seen kommend, haben sie sich Mitte des 16. Jahrhunderts hier niedergelassen, heute zählt ihr Volk etwa 10.000 bis 15.000 Menschen. Anders als die Herero, die Ethnie, aus der sie hervorgegangen sind, haben sie eine sehr traditionelle Lebensform bewahrt. Als nomadisierende Hirten leben die Himba fast ausschließlich von ihrem Vieh und wohnen mit ihren Kuh- und Ziegenherden in Krals (Runddörfern). Die Auseinandersetzung um den Epupa-Damm hat die bislang isolierten und kaum beachteten Himba plötzlich als Akteure auf die politische Bühne gedrängt. Nach der Unabhängigkeit 1990 nahm das schon zu Kolonialzeiten erwogene Staudamm-Projekt konkrete Formen an.
Für Namibia, das oft von herben Dürreperioden heimgesucht wird und kaum über Energieressourcen verfügt, würde der Epupa-Damm eine Lockerung der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom ehemaligen Besatzer Südafrika ermöglichen, dessen Währung (der Rand) noch immer Leitwährung des namibischen Dollar ist. Mit einem einzigen Wasserkraftwerk, das in Ruacana, 100 Kilometer flussaufwärts von Epupa liegt, muss das Land einen Strombedarf decken, der jährlich um etwa 3,5 Prozent anwächst. Namibia bezieht mehr als die Hälfte seiner Energie von seinem großen Nachbarn im Süden. "Wir wollen eine Selbstversorgungsrate von 75 Prozent erreichen", erläutert Paulinus Shilamba, Energiedirektor im Bergbauministerium. "Zusammen mit der Nutzung der Windenergie und der Gasvorkommen dürfte der Epupa-Damm unsere Elektrizitätsimporte mittelfristig auf 25 Prozent reduzieren."
Die Staumauer, deren Kosten auf 2,535 Milliarden namibische Dollar (ca. 380 Millionen Euro) geschätzt werden, soll 163 Meter hoch werden und eine Leistung von 360 Megawatt erbringen. Der Vertrag über die Nutzung des Kunene wurde 1991 von Namibia und Angola unterzeichnet. Schwedische, norwegische, schweizerische und englische Firmen haben sich an der Ausschreibung beteiligt, danach begann die technische Planung. Doch schon bald sah sich die Regierung einer wachsenden Opposition der Himba gegenüber.
Der Staat hatte sich damit begnügt, 1992 einen lakonischen Brief, auf Englisch, an Ikuminue Kapika, einen der Häuptlinge des Kaokolands, zu senden. Die Himba werden unterstützt von internationalen Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen wie Survival International, die das Vorhaben als wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich katastrophal bewerten. Der Staudamm und sein 11,5 Milliarden Kubikmeter fassender Stausee würde zur überflutung von 380 Quadratkilometer Land führen, das den Herden der Himba als Weide dient. Die Himba besitzen über 100.000 Tiere und haben über Generationen hinweg ein System entwickelt, das die Weiderouten und die jahreszeitlich wechselnde Nutzung des Bodens regelt. Mit den Weidegründen würden sie ihre Lebensgrundlage verlieren, aber auch Nahrungsreserven wie die Palmen, die das Kunene-Ufer säumen. In Dürrezeiten sind diese Früchte ein ebenso unentbehrliches Lebensmittel wie der Mais, die Kürbisse und die Melonen, die von den Himba dort angebaut werden, wo es möglich ist. "Dieses Land gehört ihnen", empört sich Steyn Kum Katupa, der Vertreter der namibischen Menschenrechtsgesellschaft in Opuwo. "In ihrem Planungspapier hat die Regierung versprochen, sie umzusiedeln.
Aber wohin? Es gibt weder andere Weidegründe noch andere Wasserstellen. Und die Himba in die Stadt zu verpflanzen wäre gleichbedeutend mit ihrem Todesurteil, denn für einen Himba ist das Vieh sein Ein und Alles." Die Befürworter des Bauvorhabens behaupten dagegen, das bedrohte Gebiet sei nur von etwa tausend Himba ständig besiedelt. Nach Häuptling Kapika, einem der schärfsten Gegner des Staudamms, wären aber tatsächlich 10.000 Menschen an beiden Flussufern betroffen. "Die Himba-Gesellschaften müssten tiefgreifende Umwälzungen in ihrer Lebensweise und ihren Bräuchen hinnehmen", betont er immer wieder. Das Verschwinden der Furten zwischen Angola und Namibia würde Familien auseinanderreißen, die beiderseits des Flusses leben. Vor allem aber würden 160 Ahnengräber überflutet werden. "Und die Ahnengräber haben eine zentrale Bedeutung für die Identität der Himba, für ihr Verhältnis untereinander und ihr Verhältnis zur Erde. Sie sind Begegnungsort der Gemeinschaften und Ausgangspunkt der Weidezüge", erläutert Häuptling Kapika. Sie sind nicht nur heilig, sie legitimieren darüber hinaus die Autorität des Häuptlings und bestimmen die gesellschaftliche Organisation. Wer in einer Gegend die meisten begrabenen Ahnen hat, hat das größte Recht, die Gemeinschaft zu repräsentieren. Die NGOs verweisen vor allem auf die zerstörerischen Auswirkungen, die der Zuzug von Fremden auf die Himba-Gesellschaft hätte.
Für das Großprojekt sollen 1.000 Arbeiter in die Region kommen (450 Namibier, 450 Angolaner und 100 Emigranten). Die Familienangehörigen mitgezählt, wären das um die 5.000 Personen. Diese plötzliche Übervölkerung könnte zur Ausbreitung von schwerwiegenden Problemen wie Aids, Alkoholismus und Prostitution führen.
Und die Himba werden von den versprochenen tausend Arbeitsplätzen nichts haben, da sie weder Englisch sprechen noch für die Arbeit auf einer solchen Baustelle qualifiziert sind. Die Befürworter des Staudamms widersprechen mit entwicklungspolitischen Argumenten. Die Regierung will mit diesem Projekt die Grundlage für die Entwicklung des Kaokolands schaffen, denn es gibt in der Region weder eine Infrastruktur noch Investoren. Sie zählt zu den Ärmsten in ganz Namibia, die Arbeitslosigkeit liegt hier durchschnittlich bereits bei 60 Prozent. Die Herero von Opuwo sind für solche Versprechungen denn auch keineswegs unempfänglcih. "Man muss diese Region aus der Armut befreien", betont Paulinus Shilamba mit Nachdruck. "Der Staudamm ist für das Kaokoland eine Chance. Ihr Westler möchtet dieses Bild eines traditionsbewussten und primitiven Volkes bewahren. Aber ist es akzeptabel, daß die Leute nur euch zuliebe arm bleiben sollen? Diese Leute müssen zur Schule gehen können und Schuhe tragen. Ich stamme selbst aus einer armen Familie. Nur weil ich studieren konnte, habe ich heute diese Stellung. Epupa wird die Infrastruktur fördern, Hotels, Restaurants, Schulen. Schweden hat dutzende Staudämme gebaut, ohne daß jemand etwas einzuwenden gehabt hätte, und hier fällt die ganze Welt über uns her wegen eines einzigen mickrigen Bauvorhabens."
Die Auseinandersetzung hat in der Tat internationale Dimensionen angenommen. Fremde Besucher zeigen sich fasziniert vom Volk der Himba. Ihre Bräuche, ihre beharrliche Abwehr aller westlichen Einflüsse und auch ihre Schönheit machen sie mehr und mehr zum Ziel touristischer Begehrlichkeit. Die Himba Frauen, die sich mit einer Mischung aus Ocker und rotem Fett einreiben, schweren Eisenschmuck über der bloßen Brust zur Schau tragen und mit einem komplizierten Übereinander von Röcken aus Ziegenhaut bekleidet sind, geben für die westlichen Safari-Anbieter das romantische Idealbild ab, mit dem sie die westlichen Ursprünglichkeitsnostalgiker anlocken können. Auch die Journalisten haben sich des Themas bemächtigt und schildern die Himba gerne als edle Wilde, die sich nicht wehren können.
Freilich haben diese in kurzer Zeit gelernt, sich der Medien zu bedienen. So hat Häuptling Kapika, der charismatische Repräsentant der Himba, eine von den NGOs betreute "Sensibilisierungstour" durch Europa unternommen. Die Reise trug Früchte, Deutschland, der ehemalige Kolonialherr, versprach, sich aus dem Projekt herauszuhalten. Verärgert warf die Regierung in Windhoek den internationalen Organisationen vor, die Himba zu manipulieren.
"Wer manipuliert hier wen?" fragt die junge Französin Solenn Bardet, die über ihren sechsmonatigen Aufenthalt bei den Himba ein Buch geschrieben hat. "Die Himba sind schließlich nicht dumm. Sie haben gelernt, mit dem schlechten Gewissen des Westens zu spielen, und sie haben gemerkt, daß die Europäer insbesondere die Verlegung oder Überflutung von Gräbern als skandalös empfinden." Am 7. Februar 1998, auf der letzten öffentlichen Versammlung in Windhoek, die das Thema Staudamm zum Thema hatte und an der sich alle betroffenen Parteien beteiligten, hat Häuptling Kapika noch einmal betont: "Unsere ablehnende Haltung bedeutet kein blindes Zurückweisen jeglicher Veränderung. Wir haben dieses Projekt in allen Einzelheiten durchgesprochen und sind, unabhängig von jeder ausländischen Gruppierung, zu unseren eigenen Schlüssen gekommen."
Auf der Versammlung wurden die Ergebnisse der von Namang geleiteten Machbarkeitsstudie bekanntgegeben: Das Konsortium aus angolanischen, namibischen, schwedischen und norwegischen Experten hat drei vorgeschlagene Standorte für den Kunene-Damm untersucht und die ökologischen und gesellschaftlichen Risiken abgeschätzt. Nach seiner Einschätzung brächte der Standort Baynes, flussabwärts der Epupa Fälle gelegen, die geringsten Risiken für Natur und Menschen mit sich, denn die überflutete Zone wäre lediglich 57 Quadratkilometer groß.
Doch der Energieminister macht geltend, daß "Baynes teurer und unrentabel ist und die Investoren nicht anlocken wird". Dieser Standort bringt außerdem nur die volle Leistung, wenn der angolanische Gove-Staudamm funktioniert, der während des Bürgerkrieges völlig zerstört wurde. Und die Reparatur dieses Staudamms gehört nicht zu den dringlichen Vorhaben der Nachbarn im Norden, die vollauf damit beschäftigt sind, das Friedensabkommen umzusetzen.
Die Regierung hat offenbar bereits beschlossen, daß der Damm in Epupa gebaut wird. "Der Regierung sind die Himba völlig egal", seufzt Steyn Katupa. "Diese ganze Sache hat doch einen politischen Hintergrund. Das Kaokoland ist der Regierung nicht wohl gesonnen. Mit Hilfe des Staudamms kann sie dort eine Bevölkerung ansiedeln, die aus dem Ovambo Land kommt, der Hochburg der Swapo [South West Africa People's Organisation, die regierende Partei]. Nur daran ist sie interessiert." Solenn Bardet geht noch weiter: "Dieser Damm ist das Prestigeobjekt von Sam Nujoma. Es wäre das große Bauwerk aus seiner Präsidentschaftszeit, ein Mittel, um sich ein Denkmal zu setzen."
Die Himba machen sich kaum noch Illusionen. Schon 1994 sagte Katjira Muniombara, einer der Weisen des Kaokolands, zum Premierminister: "Töte, wenn du willst, aber gib nicht vor, die Leute um Erlaubnis zu bitten. Töte sie wenigstens richtig!"
In Windhoek versucht Paulinus Shilamba zu beschwichtigen: "Gewaltanwendung kommt nicht in Frage, aber der Damm wird gebaut. Die traditionellen Himba werden ohnehin allmählich verschwinden. Der Prozess ist bereits im Gange."
Tatsächlich haben seit vier oder fünf Jahren die Tourismusunternehmen die Gegend erschlossen, die Zahl der europäischen Besucher des Kaokolands ist sprunghaft angestiegen. Die Jungen sind bereits den Verführungen des modernen Lebens erlegen. Sie fangen an, ihren Schmuck gegen T-Shirts an die Weißen zu verkaufen und Arbeit in der Stadt zu suchen. "Der Tourismus hat Folgen", erklärt Paulinus Shilamba bedächtig. "Es ist nur eine Frage der Zeit."
Von Cecile Feuillatre und Isabelle Brish (dt. Joseph Winiger)


Süddeutsche Zeitung
24.12.2001

Grüne Alternativen für die rote Wüste

In der Station Gobabeb in Namibia suchen Forscher und Entwicklungshelfer nach Strategien gegen die Verarmung der Böden


Es scheint, als hätte ein Riese hier vor ewigen Zeiten mit gigantischen Murmeln gespielt und sie dann einfach liegen lassen. Bis zum Horizont erstreckt sich das unwirtliche Geröllfeld mit den runden, teilweise mannshohen Felsblöcken. In der Ferne ragt eine schmale, weiße Silhouette auf, der Wasserturm von Gobabeb. Hier, an der Forschungsstation tief im Namib Naukluft Nationalpark, mehr als hundert Kilometer vom nächsten Ort entfernt, arbeiten seit 1962 Biologen, Meteorologen, Geologen und andere Wissenschafter, um das Wesen der Wüste zu erforschen. Sie untersuchen zum Beispiel die Ökologie von Flüssen, die nur in weniger trockenen Jahren kurzzeitig Wasser führen. Sie lernen eine hochspezialisierte Flora und Fauna kennen, Käferarten etwa, die ein wenig Feuchtigkeit auf ihren Flügeldecken sammeln können. Und mit Hilfe großer Vorhänge im Wind versuchen die Wissenschafter, Wasser zu ernten, das als Nebel vom Meer heraufzieht.

Doch die Erkenntnisse sollen sich auch umsetzen lassen. Daten, etwa über das Absinken des Grundwasserspiegels in den trockenen Regionen Namibias, sollen in Pläne für ein angepasstes Landmanagement münden. Und so hat sich das Gobabeb Training and Research Centre (GTRC) zu einem internationalen Treffpunkt für Entwicklungshelfer und Politiker geformt. Hier machen sie Pläne für eine Agrarnutzung in den ariden Gebieten des südlichen Afrika, für eine verträgliche Landwirtschaft, die den ohnehin kargen Boden nicht zerstört. Insofern ist die Station ein vorgeschobener Posten einer neuen Bodenpolitik, wie sie sich die UN-Konvention zur Wüstenbekämpfung (UNCCD) zur Aufgabe gemacht hat. Gobabeb ist eine Art Labor, das Methoden erprobt, den Raubbau an der Natur einzudämmen.

Kaputt durch Vieh
Vor kurzem trafen sich in den weißen Bungalows in der roten Wüste zum Beispiel Kleinbauern aus Südafrika und Namibia, die in ein paar Modellregionen naturverträgliche Landwirtschaft betreiben. Die Ergebnisse dieses Workshops sollen auf der Weltkonferenz zur Wüstenbekämpfung im kommenden Jahr in Kapstadt vorgestellt werden. Einer von denen, die beim Workshop dabei waren, ist Gabes Goagoseb. Gemeinsam mit Entwicklungshilfeorganisationen versucht der technische Berater in der Grootberg-Community, einer Art Großgemeinde im Nordwesten Namibias, die traditionelle Rinderzucht neu zu organisieren. Seit Generationen ernährt sich die schwarze Bevölkerung, die dort weit verstreut lebt, vor allem vom Vieh. Und das hat den Boden im Laufe der Zeit kaputt gemacht.

Inzwischen gibt es in Grootberg einen Bauernverband, der die Beweidung verwaltet. "In unserem Gebiet dürfen nur so viele Rinder gehalten werden, daß die Grasnarbe erhalten bleibt", sagt Goagoseb. Die Farmerunion garantiert rentable Preise. Und die Bauern halten lieber ein paar kräftige Rinder, die einen guten Gewinn bringen, statt vieler dürrer wie in anderen Gemeinden. Seit längerem kontrollieren Wissenschafter die Auswirkung der Beweidung und beobachten, wie der ohnehin karge Boden im regenarmen Namibia reagiert.

Das war längst nicht immer so: "Während der Apartheid hat sich niemand darum gekümmert, wie wir über die Runden kamen", erzählt Goagoseb. Die Rinderherden waren die einzige Überlebensgarantie, mochten die Tiere auch noch so klapprig sein. Goagoseb: "Jeder holte aus dem Boden das Maximum heraus." Hatte ein Bauer seine Rinder über das Gebiet getrieben, kam der nächste. Die Grasnarbe ging verloren, der Wind wehte die fruchtbare Deckschicht fort.

Mit dem Ende der Apartheid 1989 änderte sich die Situation. Die neue namibische Swapo-Regierung hatte Interesse daran, die Situation der schwarzen ländlichen Bevölkerung zu verbessern. 1992 wurde als ein Ergebnis des Weltgipfels in Rio de Janeiro außerdem die UNCCD ins Leben gerufen und Namibia wollte die Konvention auf nationaler Ebene durchsetzen. Gobabeb wurde zu einer Art Mittelpunkt der namibischen Wüstenbekämpfung, die Wüstenforschungsstiftung Desert Research Foundation of Namibia, die eng mit Gobabeb zusammenarbeitet, zur nationalen Schaltzentrale.

"Die Wüstenbekämpfung ist viel komplexer als man gemeinhin denkt", sagt Helmut Wöhl von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der das namibische Ministerium für Umwelt und Tourismus berät. Denn sie habe längst nicht nur ökologische, sondern auch wichtige soziale Aspekte. Es gehe im übrigen nicht darum, das Fortschreiten "irgendwelcher Dünen" zu stoppen, meint Wöhl. Vielmehr solle verhindert werden, daß der Boden heruntergewirtschaftet wird. Experten sprechen von "Landdegradierung": Anders als der Begriff "Wüste" suggeriert, entsteht mit dem Verschwinden der Grasnarbe eine Art Trockensteppe, in der nur ein paar widerstandsfähige Pflanzen überleben können.

Um diese Degradierung des Bodens zu verhindern, schaffen sich Gemeinden wie Grootberg Einkommensalternativen, Teil einer vielfältigen Strategie. Vor allem der Tourismus bringt Geld. Seit dem Ende der Apartheid hat sich Namibia zu einem Lieblingsziel deutscher Urlauber entwickelt.

Petra Moser, Ökologin und Leiterin des Workshops in Gobabeb, berichtet von einem anderen Ansatz, einem Projekt, an dem sie in der Station mitgearbeitet hat. Die Forscher wollen eine wichtige Wüstenpflanze kultivieren, eine Wüstenmelone mit dem Namen Nara, die in den vergangenen Jahren in der Region immer seltener geworden ist. Dabei ist die Pflanze für die Topnaar, eine halbnomadische Volksgruppe, traditionell eine wichtige Nahrungs- und Geldquelle, erzählt Moser. Die Kerne enthalten viel Öl, das Fleisch ist nährstoffreich.

Fraß der Schakale
Wer durch die riesigen, roten Dünen unweit der Station wandert, sieht die kleinen Oasen aus hellgrünen dornigen Büschen schon von Ferne. Vereinzelt liegen sie in den weiten vegetationslosen Sandflächen. Über metertiefe Wurzeln saugen die Pflanzen Grundwasser an die Oberfläche. Die Forscher aus Gobabeb fanden gleich mehrere Ursachen für den Rückzug der Pflanzenart. Die Samen werden zum Beispiel durch Schakale verbreitet, die die Naras fressen und die Sämereien vorverdaut auf ihren kilometerlangen Wanderungen ausscheiden. Doch den Schakal vertrieben die Topnaar lieber, damit er nicht die Ziegen und Lämmer reißt.

Messungen der Forscher zeigten zudem, daß offensichtlich auch der sinkende Grundwasserspiegel unter der Namibwüste den Pflanzen zu schaffen macht, eine Folge langer Dürre und des steigenden Wasserverbrauchs in der etwa 120 Kilometer entfernten Stadt Walvis Bay. Doch tatsächlich lassen sich Nara-Keimlinge großziehen, hat Petra Moser in ersten Versuchen herausgefunden. Ob daraus Nara-Plantagen heranwachsen können, ist noch offen. Derzeit müssen die wilden Nara-Bestände beobachtet werden, um festzustellen, wie stark die Pflanzen bedroht sind. Eine mühevolle Arbeit, denn die roten Dünen der Namib ziehen sich weit durch das Land.
Von Tim Schröder


Süddeutsche Zeitung
24.01.2003

Völkermord unter Kaiser Wilhelms Kolonialregierung

Die Herero hoffen auf deutsche Milliarden - Minderheitsvolk in Namibia rechnet spätestens Anfang April mit Prozessauftakt in USA


Das Volk der Herero in Namibia rechnet damit, daß seine Entschädigungsklage gegen die deutsche Bundesregierung in den nächsten zwei Monaten vor einem amerikanischen Gericht verhandelt wird. Spätestens Anfang April werde der Prozess beginnen, sagte der oberste Häuptling, Kuaima Riruako, der Zeitung The Namibian.

Die Herero fordern insgesamt vier Milliarden Dollar Entschädigung für Verbrechen und Völkermord, die das deutsche Kaiserreich in seiner Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20.Jahrhunderts begangen hat. Sie machen nicht nur die heutige Bundesregierung für die Kolonialverbrechen verantwortlich, sondern verklagen auch die Deutsche Bank und die Rechtsnachfolger der Reederei Deutsche Afrika-Linie. Die beiden Unternehmen hätten in "brutaler Allianz" mit dem deutschen Kaiserreich die nötige Unterstützung für die Versklavung und Ausrottung der Herero geliefert, heißt es in der Anklageschrift. In der Klage wird die deutsche Kolonialmacht beschuldigt, das Volk der Herero "kaltblütig" ausgerottet, ihre gesellschaftlichen Strukturen und ihre Kultur zerstört, Zwangsarbeit eingeführt sowie Frauen und Kinder missbraucht zu haben.

Im Jahre 1904 hatte Kaiser Wilhelm II. General Lothar von Trotha in die afrikanische Kolonie geschickt, um die Aufstände der Herero niederzuschlagen, die sich gegen die Landnahme durch die Kolonialherren wehrten. Der General ordnete an, jeden Herero auf deutschem Territorium zu erschießen. Innerhalb von drei Jahren sollen schätzungsweise 65.000 Herero ermordet worden sein, Tausende verschwanden in Konzentrationslagern. Mehr als zwei Drittel des Volkes fiel den Verbrechen zum Opfer.

Herero-Häuptling Riruako hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Reparationsforderungen an Deutschland gewandt und eine Entschuldigung für die Verbrechen der einstigen Kolonialmacht verlangt. Bei seinem Staatsbesuch 1998 in Namibia lehnte der frühere Bundespräsident Roman Herzog dies jedoch mit der Begründung ab, daß sich die heutige Gesetzeslage nicht auf die damalige Zeit übertragen lasse.

Die Diskussion um die Entschädigung der ehemaligen NS-Zwangsarbeiter, ausgelöst durch Gerichtsverfahren in den USA, veranlasste den Häuptling, ebenfalls vor Gericht zu ziehen. Im September 2001 reichte er durch eine eigens in Amerika gegründete Firma die Klage ein. Die namibische Regierung hat sich aus dem Fall bisher herausgehalten. Mit sieben Prozent Bevölkerungsanteil sind die Herero eine Minderheit, die in der mehrheitlich vom Volk der Ovambo besetzten Regierung kaum Einfluss hat. Viele ihrer früheren Ländereien, sagen die Herero, seien heute noch im Besitz weißer Farmer, die seit Generationen von den Verbrechen der einstigen deutschen Kolonialherren profitierten.
Von Susanne Bittorf



Beiträge zu aktuellen Themen