Beginn:
Erste Aufstände in Mali im Juni 1990 Ursachen:
Die Dürrekatastrophen der Jahre 1973/74 und 1984/85 trafen die Tuareg besonders schwer. Sie wanderten deshalb nach Algerien, Libyen und nach Süden ab. Ende der achtziger Jahre verbreiteten die Regierungen von Niger und Mali die Ankündigung großzügiger Hilfsprogramme für die Tuareg, die durch Gelder der UNO in Gang gesetzt würden. Aufgrund dieses angekündigten Hilfsprogrammes kehrten viele Tuareg wieder in ihre Heimatländer zurück. Das Programm kam allerdings nicht zustande. Aus Enttäuschung darüber fand im Mai 1990 ein Überfall der Nomaden auf eine Unterpräfektur in Niger statt.
Konfliktparteien und ihre Ziele:
Tuareg:
Die Tuareg fordern autonome Gebiete im Norden Malis, der für sie eine angestammte Heimat und somit Stammesgebiet ist.
Malinesische Staatsregierung:
Verweigert den Tuareg den autonomen Status und versucht gleichzeitig, sie seßhaft zu machen.
Verlauf:
7. Juni 1990
Überfall der Nomaden auf den Grenzposten Tschin-Tabaradene in Niger
Ende Juni 1990
Tuareg-Angriff auf die Polizeistation von Ménaka
Juli 1990
Weitere Zusammenstöße zwischen Armee und Tuareg in der Umgebung von Ménaka
10. Juli 1990
Verhängung des Ausnahmezustandes über den Norden
September 1990
Sahara-Gipfel: Die Staatschefs von Niger, Algerien, Libyen und Mali vereinbarten verstärkte Grenzkontrollen, um so den Aktionsradius der Tuareg einzuschränken
6. Januar 1991
Friedensabkommen der malinesischen Regierung mit den Tuareg in der algerischen Stadt Tammanrasset
26. März 1991
Sturz des Staatspräsidenten Moussa Traoré und damit Sturz des Militärregimes
31. März 1991
Abgabe der Macht an einen Übergangsausschuß
April 1991
Oumar Konaré wird neuer Staatspräsident
April 1992
Friedenspakt der Tuareg mit der neuen Regierung
April 1993
Innerpolitische Spannungen und Studentenunruhen infolge massiver Kürzungen der Sozialleistungen
8. Dezember 1993
Umsturzversuch
2. Februar 1994
Rücktritt des Regierungschefs
4. Februar 1994
Keita wird neuer Ministerpräsident
Mai 1994
Auflösung der Tuareg-Stützpunkte
Mitte 1994
Erneute Auseinandersetzungen, da die Tuareg die vereinbarte Wirtschaftshilfe nicht erhalten hatten
Dezember 1994
Vermittlungsversuche des Europaparlamentes scheitern
Folgen und Auswirkungen:
Der Konflikt wirkt sich national und regional aus.
Sturz des 22 Jahre alten Militärregimes unter Moussa Traoré
Ungefähr 1.000 Todesopfer, vor allem durch Mordanschläge der Armee und Teilen der schwarzafrikanischen Bevölkerung an den Tuareg 50.000 Tuareg flüchten nach Mauretanien
Lösungsansätze:
6. Januar 1991: Friedensabkommen in Tammanrasset
Entmilitarisierung der Konfliktzone stärkere Dezentralisierung der Verwaltung. Verpflichtung zu mehr staatlichen Investitionen im Norden des Landes
April 1992:
Unterzeichnung eines "Nationalen Friedenspaktes" der Tuareg mit der neuen Regierung, regionale Selbstverwaltung im Norden des Landes
April 1994:
Bildung von zwei Kommissionen, die für die Rückführung der Flüchtlinge verantwortlich sind
Heute sind die Tuareg malinesische Staatsbürger, die von der Regierung eine gewisse Selbstverwaltung erhielten. Die allmähliche Rückführung der Flüchtlinge wird mit Hilfe von Vertretern der UN-Flüchtlingsorganisation vorangetrieben.
taz
24.07.2003
Auf höchster Ebene behandelt das westafrikanische Mali die Sorgen Deutschlands, wonach 15 seit Monaten in Algerien vermisste europäische Touristen eventuell von ihren Entführern nach Mali gebracht worden sind. Staatspräsident Amadou Toumani Touré empfing am Dienstagabend Jürgen Chrobog, Staatssekretär und Krisenstabsleiter im Auswärtigen Amt, und sagte laut AFP zu, die Bemühungen um eine Freilassung der Touristen fortzusetzen. Es gebe Hoffnung, obwohl die Geiselnehmer "sehr mobil" seien.
Zehn Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer fehlen noch von den insgesamt 32 Touristen, die im Februar und März in der algerischen Sahara-Wüste verschwunden waren. 17 wurden im Mai von der algerischen Armee befreit. Als mutmaßliche Entführer gelten die Kämpfer des algerischen Islamisten- und Schmugglerkönigs Mokhtar Belmokhtar. Der lokale Führer der radikalsten islamistischen Guerilla Algeriens, die "Salafistischen Gruppen für Predigt und Kampf" (GSPC), betreibt einen schwunghaften illegalen Handel mit Waffen, Fahrzeugen, Mobiltelefonen und anderen Konsumgütern in der Saharawüste.
Algeriens Armee geht davon aus, daß Belmokhtar Rückzugsgebiete in Mali hat, und entsandte schon vor meheren Monaten Fahnder in das südliche Nachbarland. Am vergangenen Sonntag setzte Malis Regierung Streitkräfte im Norden des Landes in Alarmbereitschaft, nachdem das ZDF unter Berufung auf "europäische Sicherheitskreise" berichtet hatte, die Geiseln seien dort. Nachdem malische Sicherheitskreise das zunächst dementierten, geht die Regierung des Landes jetzt auf Nummer Sicher und stellt sich damit zugleich als verlässlicher Partner im Kampf gegen den Terror dar.
Im Visier ist eine extrem unzugängliche Region in den südlichen Ausläufern des Adrar-Gebirges, das an Algeriens Südspitze die Grenze zu Mali bildet. Die malische Zeitung Le Républicain schrieb am Dienstag, seit Monaten zirkulierten Berichte über ein dortiges Trainingslager Belmokhtars. "Die Informationen scheinen von den malischen und algerischen Behörden ernst genommen zu werden und interessieren angeblich auch die US-Regierung sehr", so das Blatt. Im Vorfeld der Afrikareise von US-Präsident George Bush Anfang dieses Monats hatte die New York Times von US-Plänen berichtet, ein Netz kurzfristig nutzbarer Militärbasen in Afrika für den Kampf gegen al-Qaida einzurichten, und Mali als Einsatzort genannt.
Schon im Mai berichteten malische Journalisten von der Existenz einer weiteren radikal-islamistischen Gruppe in der Region nördlich von Kidal. Die von pakistanischen Predigern gegründete "Dogha" predige einen Taliban-ähnlichen puristischen Islam. "Unter dem Deckmantel der Lieferung von Geld und Nahrungsmittelhilfe durch diese Pakistaner und Afghanen rekrutiert diese Strömung Anhänger unter den benachteiligsten sozialen Schichten Nordmalis", zitierte AFP eine ungenannte Quelle im Sicherheitsapparat.
Die Region um Kidal sowie entlang des meistens ausgetrockneten Tilemsi-Flusstals, das sich von Kidal nach Gao erstreckt, ist ein traditioneller Unruheherd in Mali, wo Streit zwischen Tuareg-Clans und arabischen Bevölkerungsgruppen regelmäßig Tote fordert. Nach erneuten Kämpfen dieses Jahr organisierte die Regierung am 5. Juni in Gao ein "Versöhnungsfest", auf dem die traditionellenm Führer des Tilemsi-Tals ihre Kalaschnikow-Gewehre an Präsident Touré überreichten. Zugleich verstärkte Malis Regierung ihre Militärpräsenz in der Region, um "das Gebiet gegen Banditen zu sichern", wie Le Républicain schrieb.
Die Entwicklungen im westlichen Nachbarland Mauretanien bereiten zusätzliche Sorge. Nach einem niedergeschlagenen Putschversuch von Islamisten und Baath-freundlichen Militärs am 8. Juni sollen zahlreiche Putschisten in den Norden Malis geflohen sein, um von dort nach Libyen zu gelangen. Mauretanien hat von Mali die Erlaubnis erhalten, flüchtige Putschisten auf malischem Gebiet zu verfolgen. Eine Kooperation unzufriedener mauretanischer Militärs, malischer Schmuggler und algerischer Islamisten wäre für die Regierung Malis, eine der wenigen stabilen Demokratien Afrikas, ein Albtraum.
Von DOMINIC JOHNSON
taz
09.03.2006
Er hatte sich schon zur Ruhe gesetzt und wollte auch keine Platten mehr aufnehmen. Vor allem aber wollte er nicht mehr in verrauchten Konzerthallen vor einem westlichen Publikum auftreten, das die Essenz seiner Musik zu erfassen seiner Meinung nach gar nicht in der Lage war. Doch der britische Produzent Nick Gold, der schon die alten Herren vom Buena Vista Social Club noch einmal für die Nachwelt fit gemacht hatte, ließ nicht locker. Mit einem mobilen Studio reiste er in Ali Farka Tourés Heimatdorf Niafunké im Norden von Mali, um den Musiker noch einmal zu Aufnahmen zu bewegen. Im Hotel Mandé, am Ufer des Niger gelegen, brachte er den betagten Gitarristen mit Toumani Diabaté, einem jungen Meister an der afrikanischen Kora-Harfe, zusammen. So entstand "In the Heart of The Moon", eines der besten Alben des letzten Jahres, das im Februar mit einem Grammy ausgezeichnet wurde und nun so etwas wie das Vermächtnis des mit 67 Jahren verstorbenen Gitarristen bildet.
Eine vergleichbare Begegnung hatte Ali Farka Touré bereits mehr als zehn Jahre zuvor schon zum ersten Mal den US-Musikpreis eingetragen und weit über die Kreise der üblichen Afrika-Aficionados berühmt gemacht: Sie ist auf "Talking Timbuktu" dokumentiert, seinem Gitarren-Dialog mit dem Blues-Globetrotter Ry Cooder. Das gemeinsame Album führte nicht nur zu einem weltweiten Boom des so genannten Wüsten-Blues aus Mali, sondern auch zu allerhand Legenden über die möglichen Ursprünge dieser Südstaaten-Musik im Delta des Niger und nicht etwa des Mississippi. Auch die Blues-Dokumentation "Feels like Going Home" von Martin Scorsese von 2003 knüpfte freudig an diesen Mythos an.
"In Amerika mögen die Blätter sein. Wir haben den Stamm und die Wurzeln", pflegte Ali Farka Touré zu predigen. In Musikern wie John Lee Hooker oder Otis Redding sah er so etwas wie entfernte Verwandte und glaubte, in deren Musik ein Echo westafrikanischer Traditionen zu erkennen. Tatsächlich erinnern seine spröden, sparsamen und beseelten Balladen an amerikanische Vorbilder. Alie Farka Touré konnte jedoch recht ungehalten werden, wenn man seine eigene Musik deshalb als Blues bezeichnete. Vielmehr schöpfte sein Gitarrenspiel aus den musikalischen Traditionen der Songhai, der Peul und der Tamashek, Völkern im Norden Malis, beeilte er sich dann stets zu erklären.
Ali Farka Touré war das Musterbeispiel eines stolzen Afrikaners und mit seiner groß gewachsenen Gestalt eine imposante Erscheinung. Sein Auftreten strahlte Würde aus, und die forderte er von seiner Umgebung auch ein. "Wenn man einen Skorpion im Mund hat, muss man aufpassen, wohin man seine Zunge bewegt", antwortete er gerne mit afrikanischen Sinnsprüchen auf knifflige Journalistenfragen, und über seine Musik verbreitete er gerne das Bonmot: "Meinen Honig muss man nicht mit Zucker versüßen."
1939 geboren, gehörte Ali Farka Touré zu jener Generation, die durch die Unabhängigkeit Malis im Jahr 1960 und die daraus resultierende Aufbruchstimmung geprägt wurde. In den Siebzigerjahren arbeitete er beim ersten nationalen Radiosender, und in vielen Sendungen erklang sein unverwechselbarer Gitarrenstil. Aufnahmen aus dieser Zeit erschienen schon damals in Frankreich auf Vinyl und wurden in der letzten Dekade - in Ermangelung von neuen Aufnahmen - peu à peu auf CD wieder veröffentlicht.
Nach fünfjähriger Abstinenz feierte Ali Farka Touré im vergangenen Jahr sein Comeback auf europäischen Bühnen. Zur Feier seines neuen Albums gab er im Januar in Brüssel ein Gala-Konzert mit seinem Kollegen Toumani Diabaté, es folgten vereinzelte Termine in ganz Europa. Doch am liebsten hielt sich Ali Farka in seinem Heimatort im Norden Malis auf, um sich ganz der Landwirtschaft zu widmen, in der er seine eigentliche Berufung sah. Aufgrund seines Engagements für seine Region sowie seines Renommees wurde er 2004 zum Bürgermeister von Niafunké am Rande der Sahara ernannt, und dort erlag er am Dienstag seinem langjährigen Knochenkrebsleiden.
Mali hat mit Ali Farka Touré einen herausragenden Botschafter verloren. Nachdem das Kulturministerium des Landes am Dienstag seinen Tod verkündet hatte, unterbrachen die nationalen Radiosender augenblicklich ihr Programm, um den ganzen Tag lang immer wieder seine Stücke zu spielen.
Von Daniel Bax