pte
08.02.2002
Amerikanische Wissenschafter wollen im ostafrikanischen Malawi-See Bohrungen zur Erforschung der Klimageschichte der Erde vornehmen. Der 750 Meter tiefe See, der vor rund sieben Mio. Jahren entstanden ist, ist nach Ansicht der Forscher der Universität von Arizona das umfangreichste Klimaarchiv der Welt. Schon im kommenden Jahr wollen die Wissenschafter mit neuentwickelten Bohrkernen das Sediment des ostafrikanischen Sees anbohren. http://malawidrilling.syr.edu
"Unser Ziel ist es etwas über die Klimageschichte der vergangenen 500.000 bis eine Million Jahre zu erfahren", so Andrew Cohen von der University of Arizona. Die Forscher wissen warum sie den Malawi-See http://www.lakemalawi.com als Forschungsobjekt bevorzugen: Sedimentschichten aus vergangenen Jahrtausenden finden sich am Grund des Sees. Einmal jährlich wächst die "schwarze Zone", das sind vom Regen ausgeschwemmte Sedimente, die sich am Seegrund absetzen. Dann wächst während der Trockenzeit die hellere Schicht darüber. Diese besteht aus einzelligen Algen, die während der Trockenzeit im See gedeihen. Die Hinweise auf die Klimaänderung sollen auch Aufschluss über die Evolution des Menschen bringen.
"Das wird eine risikoreiche Forschungsserie, da wir mit einer völlig neuartigen Bohrtechnologie arbeiten", so David Verardo vom US National Science Foundation´s Earth System History Programm http://www.nsf.gov. "Darüber hinaus ist der See tief, es gibt nur einige Stellen, die interessant zum Bohren sind und das Wetter kann unbarmherzig sein", so der Wissenschafter.
Die Forscher planen in Zukunft auch im Tanganyika-See zu bohren. Dort gebe es noch mehr Hinweise auf Klimate vergangener Tage. Dieser See ist aber rund 1.500 Meter tief. Außerdem vermuten die Forscher, daß der Malawi-See während des Pleistozäns wahrscheinlich einmal ausgetrocknet ist. Der Tanganyika See hingegen hielt das Wasser.
Von Wolfgang Weitlaner
Weitere Informationen:
http://news.bbc.co.uk/hi/english/sci/tech/newsid_1804000/1804467.stm.
Der Spiegel
26.05.2002
In Afrika sterben mehr Menschen durch Flußpferd- als durch Löwen-Angriffe. Nun hat einer der Dickhäuter wieder zugeschlagen. Elf Menschen starben.
Das Flusspferd attackierte ein Kanu auf dem Malawisee. In dem Kanu saßen Fischhändlerinnen, die meist Kleinkinder auf ihren Rücken gebunden hatten. Sie waren am Samstag zum Fischmarkt auf die Insel Nyamvu unterwegs, als drei Kilometer vom Ufer entfernt plötzlich ein riesiges Flusspferd vor ihnen auftauchte und ihr Boot zum Kentern brachte.
Die Polizei in Malawi teilte mit, fünf Frauen, fünf Kinder und der Steuermann seien ertrunken. Drei Frauen, eine davon mit ihrem zweijährigen Kind auf dem Rücken, gelang es, zum Ufer zurückzuschwimmen. Sie befanden sich am Sonntag in Krankenhausbehandlung, sagte Polizeisprecher George Chikowi. Im Malawisee gibt es große Flusspferd- und Krokodilpopulationen. Die Tiere greifen allerdings nur selten Boote an.
Die Welt
13.06.2001
Immer wieder haben wir es gehört auf unserer Reise durch Malawi, immer wieder die gleichen Worte: Zikomo Kwambiri, was so viel heißt wie von Herzen Dank. Rund 50.000 US-Dollar hatten die Hamburger bei der Weihnachts-Spendenaktion der WELT und des NDR zu Gunsten der Aids-Waisen in Afrika gespendet. Davon sind bisher etwas mehr als 36.000 Dollar ausgegeben worden.
Ende vergangenen Jahres gingen wir noch von 300.000 Aids-Waisen in Malawi aus, inzwischen ist die Zahl auf 800.000 bis 1,2 Millionen angestiegen. Aber die Menschen schöpfen dennoch Hoffnung. Überall im Land entstehen Selbsthilfegruppen, People living with Aids, kurz PWLA genannt, die gemeinsam lernen, mit der Infektion zu leben. Ihre Lebenserwartung ist höher, was besonders für ihre Kinder wichtig ist, die später zu Waisen werden. Die PWLAs klären in Schulen, Jugendclubs und umliegenden Dörfern über Ansteckungsweise und Schutzmaßnahmen auf. Künftig sollen mit dem Geld aus Hamburg auch ihre Projekte unterstützt werden.
In einem Dorf sahen wir Freiwillige, die mit Hilfe von Unicef Latrinen bauten, die auch die Regenzeit überstehen. Eine Toilette für eine Schule kostet etwa 2000 Dollar. Eine besonders wichtige Investition in einem Land, das von Choleraepidemien ständig heimgesucht wird. Mit Fahrrädern fahren ehrenamtliche Mitarbeiter über die Dörfer, um Kranke und Familien zu betreuen. In Eigenarbeit haben die Helfer sogar eine Trage aus Draht gebaut und an ein Fahrrad angehängt. Eine ganz besondere Art ambulanter Krankenpflege, die mit Hamburger Geld unterstützt wird. 1671,50 Dollar wurden für Fahrräder ausgegeben. Für 5558 Dollar wurde eine schriftliche Dokumentation für Beratung und Krankenpflege erstellt, die den Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit helfen soll.
Im einem Zentrum in Salima empfangen uns drei- bis fünfjährige Kinder mit einem Lied: "Aids ist ein Killer, Aids ist es, weshalb die Menschen sterben", singen sie, und es klingt, als ließen sie ihre ganze Wut über diese Katastrophe heraus. Viele von ihnen sind Waisenkinder, haben das Leiden ihrer Eltern miterleben müssen und sie sterben sehen. Die Ausbildung von Betreuern im psychosozialen Bereich, die den Kindern helfen sollen, ihr Schicksal zu verarbeiten, ist deshalb sehr wichtig. Sie wurde mit 2289,73 Dollar aus Hamburg unterstützt. In Kasungu wurden für das Training solcher Betreuer 6203,41 Dollar ausgegeben.
Eine andere wichtige Hilfe, die vielen Menschen Hoffnung gibt, sind die Kleinkredite von Unicef. Für nur 35 US-Dollar kann eine Gruppe von zehn Frauen ein Kleinunternehmen aufbauen. Sie zahlen nur geringe Zinsen, die nicht an Unicef gehen, sondern wie bei einer Stiftung dazu dienen, das Zentrum aufrechtzuerhalten. In Ndirane, einem Township von Blantyre, der größten Stadt Malawis, zeigen uns Frauen stolz ihre Produkte: Marmelade und Fruchtsaft, die sie an Kirchen verkaufen. 8281,58 Dollar aus Hamburg wurden für diese Kredite zur Verfügung gestellt. Auch Waisen werden von Betreuern aufgenommen und am Aufbau von Kleinbetrieben beteiligt. 3236,16 Dollar wurden zum Beispiel dafür ausgegeben.
Auch die Ehrenamtlichen müssen geschult werden, sowohl die Helfer, als auch spezielle Gesundheitsberater. In dieses Training sind von den Hamburger Spendengeldern rund 3600 Dollar nach Tovwirane geflossen. In Salima, wo eine dänische Freiwillige hilft, fast 500 Waisenkinder zu betreuen, soll mit Geld aus Hamburg ein Spielplatz angelegt werden.
Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Unicef kann sicher nicht von heute auf morgen das Problem der strukturellen Armut lösen, aber mit viel Geduld und Beharrlichkeit werden wir Schritt für Schritt die Lebensbedingungen verbessern. Wir zünden lieber ein Licht an, als ständig über die Dunkelheit zu klagen. Zikomo kwambiri, Hamburg!
Von Anna-Katharina Model
Die Autorin ist Mitarbeiterin von Unicef-Hamburg.
Die Zeit
31.10.2002
Das große rote Buch: Wachstumssollwerte sind darin verzeichnet, Ernährungskoeffizienten und Tagesrationen. Man kann sich zunächst nur wenig unter den Zahlen und Fakten vorstellen. Aber dann tritt man aus dem engen Büro der Kinderschwester hinaus in den Innenhof des Klosters von Nambuma und die Namen und Statistiken werden zu Schicksalen. Vor zwei Tagen hat die Schwester die Daten der kleinen Caroline eingetragen. Sie sitzt im Schoße ihrer Mutter, schwer atmend, und dämmert lethargisch vor sich hin. Ihr Körper ist stark aufgedunsen, die Lider sind so dick, daß sie nicht mehr aus den Augen schauen kann. Das Haar: blonder Flaum. Die Haut: dünn und knittrig wie Pergament, stellenweise aufgeplatzt. Die Symptome schwerster Unternährung. Das Mädchen ist 25 Monate alt. Wird es überleben? Oder werden im roten Buch bald auch hinter seinem Namen die Großbuchstaben DEAD stehen, wie bei den vier anderen Kindern, die bereits verhungert sind?
"Die Lage wird von Tag zu Tag schlechter", sagt Modesta Chilembwe, die Oberin des Klosters. Sie führt uns zu den Neuzugängen, die heute früh aus dem Umland eingetroffen sind. 90 Mütter, erschöpft vom Fußmarsch, in ihren Tragetüchern Säuglinge mit aufgedunsenen Bäuchen, viele Kleinkinder nur noch Haut und Knochen. Die meisten haben nicht mehr die Kraft zu schreien. Sie wimmern, während sie gewogen, gemessen, eingestuft werden. "Ich habe keine Milch mehr", klagt Ruth Chinyama. Chipiliro, der Jüngste, saugt an ihrer schlaffen Brust. Das Kerlchen wiegt 3,2 Kilogramm, weniger als bei seiner Geburt vor einem knappen Jahr. Seine Hände sehen aus wie Vogelkrallen. "Die Ernte war schlecht. Wir mussten sogar unser Saatgut aufessen", erzählt die Mutter. "In unserem Dorf hungern alle."
Ruth Chinyama und ihr Sohn: zwei von 14,4 Millionen Menschen im Süden Afrikas, die nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen von einer Hungersnot bedroht sind. In Sambia und Swasiland, in Simbabwe, Lesotho und Malawi, überall die gleichen Bilder. Leere Kornspeicher, kahle Felder, darbende Menschen. Humanitäre Organisationen sprechen von der verheerendsten Katastrophe, die die Region je heimgesucht habe.
Schuld an der Misere sei das veränderte Klima, heißt es allenthalben, erst der sintflutartige Regen, dann die anhaltende Dürre. Und sprechen nicht alle Zeichen für die Wetterthese? Das dürstende Land unter der gnadenlos brennenden Sonne, die trockenen Flussbetten, die klapprigen Ngoma-Rinder, das blecherne Rascheln verdorrter Pflanzen. Man ist geneigt, den regierungsamtlichen Erklärungen zu glauben.
Kriminelle Politiker haben Malawis Maisreserve verkauft
Aber in Malawi kommen einem schon bald ganz andere Geschichten über die Ursachen der Misere zu Ohren. Dürren habe es gegeben, solange die Menschen zurückdenken können, hört man, und die Kapriolen der Natur seien nur ein Teil des Problems. Der andere Teil werde von Menschen verursacht, von unfähigen, korrupten Politikern. Man möge zwecks Anschauungsunterrichts nur nach Kanenge fahren, wo die strategische Maisreserve für Notzeiten wie diese eingelagert war. Die 24 Silotürme sind leer, und die Leute fragen: Was ist mit den 167.000 Tonnen Mais geschehen? Die Antwort gibt ein geheimer Report des Anti-Corruption Bureau (Akte CR/LIL/627/2001), der der ZEIT vorliegt. Der Großteil der Getreiderücklagen wurde just von den parastaatlichen Agenturen, denen die Lagerverwaltung obliegt, verhökert. Unter den Zwischenhändlern, die den Mais mit fettem Gewinn weiterverkauften, sind hochrangige Politiker wie Leonard Mangulama, der ehemalige Agrarminister. Heute ist er zuständig für das Ressort Armutsbekämpfung.
Das Fazit der Korruptionsfahnder: Durch Missmanagement und kriminelle Nachlässigkeit sei dem Staat ein Verlust von 2,9 Milliarden Kwacha (zirka 40 Millionen Euro) entstanden und die allgemeine Versorgungskrise verschärft worden. Der Leiter des parlamentarischen Agrarausschusses, der den Fall weiterverfolgen sollte, wurde unlängst abgesetzt, angeblich auf Weisung des Präsidenten Bakili Muluzi. Aber sein Agrarminister will sich auf dieses heikle Thema nicht einlassen. Aleke Banda erzählt lieber, daß der Internationale Währungsfonds aufgrund der enormen Lagerkosten den Verkauf eines Teils der Kornreserven dringlich empfohlen habe, als mache dies die Schlamperei der Staatsführung verständlicher.
Der Maisskandal liefert ein Schulbeispiel für die stümperhafte Agrarpolitik in einem Staat, dessen Einwohnerschaft zu 85 Prozent aus Subsistenzbauern besteht. Es ist die bekannte Geschichte aus dem postkolonialen Afrika. Die Staatseliten sind nicht in der Lage, die Ernährung ihrer Völker zu sichern. Früher, unter Kamuzu Banda, sei alles besser gewesen, sagen die Alten. Das Rezept des Diktators, der Malawi drei Jahrzehnte lang bis 1994 regierte: Gib den Bauern das Saatgut und die Düngemittel gratis und zahle ihnen niedrige, aber garantierte Erzeugerpreise, so hat jeder zu essen. In den Reminiszenzen wird gern vergessen, daß die Bauern durch den Staatsdirigismus auf dem ewig gleichen Stand gehalten wurden und allmählich ein strukturelles Nahrungsmitteldefizit entstand. Während sich die Bevölkerung verdreifachte, wuchs die landwirtschaftliche Produktion kaum.
Es waren die Jahrzehnte, in denen der von den Kolonialherren eingeführte Mais die Äcker im gesamten Süden Afrikas eroberte, mit fatalen Folgen für Land und Leute. Denn diese Feldfrucht ist nicht dürreresistent, laugt die Böden aus und braucht viel Dünger; ihre Hybridsorten sind nicht vermehrungsfähig, die Bauern müssen jedes Frühjahr neue Saat kaufen. Zugleich veränderte die Monokultur die Ernährungsgewohnheiten. Die Leute wollten nur noch nsima, Maisbrei, essen und vernachlässigten den Anbau althergebrachter Nutzpflanzen wie Fingerhirse oder Batate, die dem Klima angepasst waren.
Wer über die Dörfer fährt, stellt staunend fest, daß auf den Märkten zuhauf nahrhafte Cassava-Wurzeln angeboten werden. Aber das ist nur eine der vielen Merkwürdigkeiten einer so genannten Hungerkatastrophe. Eine andere entdeckt man an den Ufern des Malawisees. Da schlummert ein Süßwasserreservoir von der 53fachen Größe des Bodensees, aber nach Bewässerungsanlagen sucht man vergebens. Gäbe es sie, könnten die Bauern durchaus ein zweites Mal aussäen und Winterernten einbringen. So wie Emanuel Kamudya, der mit einfachen Tretpumpen ein paar Parzellen bewässert. Da sprießen Bohnen, Tomaten, Cassava, Maisstauden, es ist, als sei man von der braunen Dürre in ein grünes Paradies versetzt worden. "Im Dezember werde ich den Mais ernten", freut sich Kamudya. Im Dezember, wenn die Krise auf ihren Höhepunkt zusteuert und Hunderttausende von Malawiern ihre Notrationen in Empfang nehmen werden.
Zurück in die klimatisierten Amtsstuben der Hauptstadt Lilongwe. Dort entdeckte man Mitte der neunziger Jahre, nach dem Ende der Ära Banda, die Marktwirtschaft und rief Berater der Weltbank herbei. Auch die Europäische Union, als größte Agrarplanwirtschaft der Welt bekannt für ihre Errungenschaften auf diesem Felde, sandte Experten. Einer traditionellen afrikanischen Pflanzerökonomie mit einem rudimentären Geldkreislauf sollten über Nacht die Gesetze des Kapitalismus beigebracht werden. Das Problem war nur, daß sich die Ratgeber selber nicht ganz einig waren, wie dies zu bewerkstelligen sei.
Die Europäer drängten die Regierung, alle Marktinterventionen zu unterlassen. Die Weltbank predigte dasselbe und tat das Gegenteil, indem sie Startpakete mit Saatgut und Düngemitteln finanzierte, die kostenlos an die Kleinbauern verteilt wurden. Die Produktion stieg, 1999 und 2000 wurden stattliche Ernten eingefahren, die Maispreise sanken. Sie erreichten ihren Tiefstand, als die Regierung ab Juli 2000 begann, ihre Vorräte zu verkaufen. Plötzlich gab es Überschüsse, die Bauern bekamen nicht mehr viel für ihr Mehrprodukt. Folglich fehlte ihnen vor der nächsten Aussaat das Geld für neuen Samen und Dünger. Die Ausgabe der Startpakete war unterdessen auf die Allerärmsten beschränkt worden. Dann kam der große Regen, gefolgt von extremer Trockenheit. Die Erträge fielen unter den Durchschnitt, Mais wurde wieder knapp. So knapp, daß die Bauern schon vor der Erntezeit im April dieses Jahres begannen, die noch grünen Kolben zu pflücken. Der Getreideexporteur Malawi war zu einem Hungerland geworden.
Jetzt fliegen die Helfer US-Bohnen ein - im Land gibt's davon genug
Natürlich sind die Verhältnisse in Wirklichkeit viel komplizierter. Aber es lässt sich eindeutig feststellen: Die Not in Malawi ist das Resultat von politischer Planlosigkeit und ökonomischer Inkompetenz, von korrupten Händlerkartellen und miserablen Staatsbeamten, die ihr Tun gern mit den schönen, aber unbrauchbaren Theorien exkulpieren, die ihnen auswärtige Fachleute eingeflüstert haben. Je genauer man dieses Ursachenbündel seziert, desto kleiner wird der Faktor Dürre.
Am 27. Februar 2002 rief Präsident Muluzi den nationalen Ernährungsnotstand aus. Hilfsorganisationen entwarfen sofort Horrorszenarien, und Reporter aus aller Welt fahndeten nach zu Skeletten abgemagerten Kindern mit großen traurigen Augen (die es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab). Die Maschinerie des UN-Welternährungsprogrammes (WFP) lief an. "Die Kinder verhungern, selbstverständlich müssen wir helfen." Bart Missinne betont diesen Satz, um Missverständnissen vorzubeugen. Denn der oberste Agrarberater der EU-Kommission in Malawi ist ein scharfer Kritiker der humanitären Tonnenideologie. "Ist es nicht seltsam, daß man jetzt Bohnen aus Amerika einführt, obwohl in Malawi jede Menge zu kaufen wären?" Im Rahmen der Soforthilfe werden 350.000 Tonnen Getreide ins Land gepumpt, rechnet Missinne vor. "Das ruiniert nicht nur die hiesigen Marktpreise, sondern die gesamten Handelsstrukturen. Das Land wird abhängig gemacht von Kaloriengeschenken. Wir werden Jahre brauchen, um den Schaden zu beheben." Mit anderen Worten: Kurzfristige Nothilfe zerstört langfristige Entwicklungshilfe. "Die Farmer in Amerika dürfen sich freuen. Sie stehen als edle Spender da, werden ihre Überschüsse los, und nebenbei erobert ihr genveränderter Mais den Süden Afrikas."
Für die hungernden Menschen spielt es keine Rolle, wer was falsch gemacht hat und wie viel Mais im Angebot ist. Sie können ihn nicht kaufen, weil sie zu wenig Geld haben. Die akute Versorgungskrise habe mehr mit der Massenarmut zu tun als mit der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, heißt es in einer Analyse der EU. Zwei Drittel der acht Millionen Malawier müssen mit 60 Cent pro Tag auskommen. Die schwache Kaufkraft ist weiter geschwunden, weil auch die globalen Stürme in ihr kleines Land wehen. Die Weltmarktpreise für Kaffee und Kupfer sind eingebrochen; viele Männer verloren ihre Jobs auf den heimischen Plantagen und in den Bergwerken des Nachbarlandes Sambia. Tausende wurden im Zuge der Bauernvertreibungen durch das kriminelle Regime in Simbabwe von den Großfarmen verjagt.
Dann gibt es da noch ein Übel, das alle anderen Armutsfaktoren in den Schatten stellt: die Aids-Pandemie. Jeder fünfte Malawier ist vom HI-Virus infiziert. In zahlreichen Landfamilien fehlen die Arbeitskräfte, um die Felder zu bestellen. Zugleich frisst die häusliche Pflege der Kranken das dürftige Einkommen auf. Und so entsteht vielerorts jene Notlage, von der Joseni Tubele berichtet, ein schmächtiger Greis von 90 Jahren. "Meine Frau und ich müssen fünf Waisen versorgen. Ihre Eltern sind gestorben." Der alte Mann schämt sich, die Todesursache zu nennen. Wir treffen ihn im Städtchen Dzoole, er nimmt gerade einen Sack mit blau-roter Aufschrift in Empfang: genveränderter Mais, made in USA. Aber das weiß Tubele nicht. Er ist froh, dass seine hungrigen Enkel heute Abend wieder nsima essen dürfen.
Von Bartholomäus Grill
taz
30.06.2003
Der friedliche Kleinstaat Malawi im Südosten Afrikas wird zum neuesten Opfer des globalen Antiterrorkriegs. Wegen fünf Entführungen durch die USA unter dem Verdacht der Al-Qaida-Mitgliedschaft sind Malawis Muslime in Aufruhr.
Am vorletzten Sonntag waren fünf prominente Ausländer in Malawi festgenommen worden: Mahmud Sardar Issa aus dem Sudan, Leiter der Wohltätigkeitsvereins "Islam Fund Trust"; Fahad Ral Bahli aus Saudi-Arabien, Leiter der lokalen Zweigstelle einer saudischen Hilfsorganisation; der kenianische Religionsgelehrte Khalifa Abdi Hassan und zwei türkische Geschäftsleute.
Am Montag sagte Malawis Regierung, die Festgenommenen sollten wegen "internationalem Terrorismus" an die USA ausgeliefert werden. Ihr Anwalt erhob Einspruch beim obersten Gericht. Dieses lehnte am Montag und Dienstag die Auslieferungen ab und urteilte, die fünf müssten binnen 48 Stunden einem Haftrichter vorgeführt werden oder freikommen.
Seltsam war, daß die Festgenommenen nicht gleich persönlich vorgeführt wurden. Danach gefragt, sagte Generalstaatsanwalt Fahad Assani am Dienstag, das ginge nicht, denn "wir wissen nicht, wo sie sind". Somit alarmiert, fanden Malawis Medien heraus, daß die fünf am Montagabend auf einem von den USA gecharteten Flugzeug heimlich in ein US-Militärlager in Botswana gebracht worden waren.
Malawis oberstes Gericht schäumte und erwägt nun, die Regierung wegen Missachtung der Justiz anzuklagen. Und in der Hauptstadt Blantyre ging die Polizei mit Tränengas gegen Demonstrationen vor. Am Freitag und Samstag dehnten sich die Unruhen in die Provinzstadt Mangochi aus. Ein ausländisches Hilfswerk und sieben christliche Kirchen wurden geplündert, es gab Straßenschlachten, und Malawis Präsident Bakili Muluzi schickte die Armee in die Stadt.
Mangochi am Südende des bei Touristen beliebten Malawi-Sees entstand einst als Sklavenmarkt und ist heute ein Zentrum des malawischen Islam. Etwa ein Fünftel von Malawis elf Millionen Einwohnern sind Muslime. Malawis Diktator Kamuzu Hastings Banda, der das Land von der Unabhängigkeit 1964 bis 1994 regierte, war ein christlicher Fundamentalist; der im Rahmen der Demokratisierung an die Macht gelangte heutige Präsident Muluzi ist Muslim. Unter beiden Herrschern stand die katholische Kirche in der Opposition. Aber erst das US-Handeln verwandelt religiöse Vielfalt nun in religiöse Spannungen. Von DOMINIC JOHNSON