Le Monde
15.12.2000
Im September 2000 hatte Libyen seinen großen Auftritt in allen Nachrichtenmedien. Es waren die alten Kontakte Gaddafis zur nationalen Moro-Befreiungsfront (MNLF), die letztlich zur Freilassung der westlichen Geiseln auf der Insel Jolo führten. Daß es dem Regime in Tripolis gelang, die Isolation zu durchbrechen, in die es wegen seiner angeblichen oder tatsächlichen Unterstützung des internationalen Terrorismus geraten war, lag jedoch vor allem an der neuen libyschen Diplomatie in Afrika. Nachdem er der Aussöhnung mit dem Westen näher gekommen ist, strebt Oberst Muammar al-Gaddafi nunmehr eine führende Rolle im Kreis der Entwicklungsländer an.
"Als ich mich schlafen legte, hatte ich vier Millionen Libyer an meiner Seite, als ich erwachte, waren es vierhundert Millionen Afrikaner." Mit diesen Worten hat Oberst Muammar al-Gaddafi seine intensiven diplomatischen Aktivitäten in Afrika illustriert, eine Politik, die ihm in den vergangenen Jahren seine größten Erfolge beschieden hat.
Es begann damit, dass Gaddafi 1994 die Souveränität des Tschad über den so genannten Aouzou-Streifen anerkannte und seine Unterstützung für die Widerstandsbewegungen der Tuareg und Tubu einstellte. Im Mai 1997 reiste er zu den muslimischen Neujahrsfeiern in Nigeria und Niger, im Februar 1998 stellte er den Plan für eine "Gemeinschaft der Sahel/Sahara-Staaten" (Comessa) vor. Die zentrale Idee dieses Staatenbundes ist der Anschluss der afrikanischen Binnenländer an das wohlhabende und ölreiche Libyen, das Entwicklungsprojekte wie den Bau einer asphaltierten Straße durch die Sahara nach Niger finanzieren könnte. Außerdem soll im Rahmen des Comessa-Projekts eine Afrikanische Bank für Handel und Entwicklung gegründet werden, deren Kapitaleinlage zu 75 Prozent aus Libyen stammen wird.
In Tripolis hat man sich außerdem bemüht, bei einer Reihe von Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent den Vermittler zu spielen, in Sierra Leone, Somalia, dem Sudan, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo. Vor allem in den Staaten, die sich von Frankreich im Stich gelassen fühlten, konnte Libyen an Einfluss gewinnen, indem es verschiedenen Länder mit Krediten und Hilfsgeldern unterstützte und ihre ausstehenden Beitragszahlungen an die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) beglich.
Natürlich wollte der "Revolutionsführer" Gaddafi sein Land mit dieser neuen Politik aus der achtjährigen Isolation befreien, in die es nach der Explosion einer Boeing der US-Fluggesellschaft PanAm im Dezember 1988 über dem schottischen Ort Lockerbie geraten war. Libyen setzte auf die panafrikanische Idee und bemühte sich intensiv, die Einheit des Kontinents zu fördern und sich zugleich auf internationaler Ebene zu profilieren. Beim außerordentlichen OAU-Gipfel in Libyen vom September 1999, auf dem über einen afrikanischen Staatenbund debattiert wurde, fehlte kaum ein Staat des Kontinents. "Afrika braucht die Einheit, und wir haben keine Zeit zu verlieren", betonte der libysche Staatschef damals.
Gaddafi verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: die Schaffung der "Vereinigten Staaten von Afrika", ein politisches Gebilde nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika oder der Europäischen Union. In der Realität wird derzeit allerdings nur über eine weitgehende "Verschlankung" der Strukturen der OAU verhandelt.
Auf dem Gipfeltreffen ließ es sich Gaddafi nicht nehmen, die Söhne von Kwame Nkrumah und Patrice Lumumba mit dem höchsten libyschen Orden, der "Afrikamedaille" auszuzeichnen. In der Abschlusserklärung des Gipfels fanden sich die Teilnehmer bereit, zu erklären, daß "Oberst Gaddafi sehr anregende Vorschläge gemacht hat, die auf seinen Vorstellungen von einem geeinten und starken Afrika beruhen, das sich den globalen Herausforderungen stellen und eigenverantwortlich handeln kann, das in der Lage ist, die natürlichen und humanen Ressourcen des Kontinents zu nutzen, um die Lebensbedingungen der Völker zu verbessern."
Im Juli 2000, auf dem Gipfeltreffen von Lomé, das zu 95 Prozent von Libyen finanziert wurde, ist das ehrgeizige Projekt eines afrikanischen Staatenbundes dann endgültig abgesegnet worden, derzeit geht es um die Ratifizierung in den einzelnen Staaten.
Gaddafi hat unmittelbar nach diesem Gipfel, bei einem Staatsbesuch in Ghana, seinen Standpunkt noch einmal bekräftigt: "Afrika besteht nicht aus fünfzig Staaten. Afrika ist eine Nation, ein Volk, eine Kultur, ein Verteidigungsbündnis, und es kennt keine (inneren) Grenzen." Dann fügte er hinzu, die afrikanischen Führer, die eine solche Einheit nicht wünschten, sollten "abtreten" und sich "zu ihren Herren flüchten". Noch im Sommer 2000 hatte der libysche Revolutionsführer alle afrikanischen Staaten aufgefordert, die Zusammenarbeit mit der Weltbank einzustellen: "Wenn das wirklich eine Weltbank sein soll, dann muss sie uns allen gehören und darf uns keine Vorschriften machen. Aber genau das tut sie. Sie zwingt den Völkern ihren Willen auf." Am 24. Juli 2000, anlässlich der 6. Konferenz der Afrikanischen Regionalorganisation für Satellitenkommunikation (Rascom) in Tripolis, rief Gaddafi zur Schaffung eines afrikanischen Satellitennetzwerks auf, das allen Bewohnern des Kontinents die Möglichkeit bieten solle "untereinander und mit der übrigen Welt zu kommunizieren".
Eine Strategie gegen drohende Sanktionen
Libyens Erdölexport, der zu neun Zehnteln nach Europa geht, hat die Jahre der politischen Isolation unbeschadet überstanden. Die geographische Nähe der Volksrepublik, die hohe Qualität des Rohöls und die Ergiebigkeit der Lagerstätten (die bei der heutigen Förderquote noch sechzig Jahre lang ausgebeutet werden können), all das bewog die europäischen Länder, sich den wiederholten Aufforderungen der USA zur Ausweitung des Embargos auf libysches Erdöl und Erdgas zu verweigern. 1998 gab es in Libyen rund zwanzig ausländische Ölgesellschaften (zu Beginn der neunziger Jahre waren es nur sieben gewesen), die Erdölförderung und die Erschließung neuer Ölvorkommen betreiben.
Das Embargo hat auch keineswegs dazu geführt, dass libysche Unternehmen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten. Im Gegenteil: Die Volksrepublik kaufte sich in ausländische Firmengruppen ein (etwa in die britische Hotelkette Metropole oder die tschechische Corinthia-Gruppe) und schloss Verträge mit westlichen Industrieunternehmen (etwa mit Thyssen in Deutschland oder Alcatel in Frankreich).
Da man in Libyien Sanktionen der Art fürchtete, unter denen der Irak zu leiden hat, wurde Sorge getragen, daß bereits 1992 zwei bis drei Milliarden Dollar (nach Angaben des Internationalen Währungsfonds IMF) von libyischen Konten bei europäischen Banken in den Nahen Osten transferiert wurden. Darüber hinaus bemühte man sich um den Ausbau bilateraler wirtschaftlicher und finanzieller Zusammenarbeit mit bestimmten Staaten. Im Juli 1995 unterzeichneten Libyen und Russland ein Handelsabkommen und Verträge über die Kooperation auf technischer Ebene im Gesamtwert von 1,5 Mrd. US Dollar (über den Bau von Pipelines, Raffinerien und Stromleitungen bzw. libysche Investitionen). Auch mit Spanien (im Februar 1998) und Deutschland (im April 1998) wurden Wirtschaftsabkommen geschlossen. Im Juli 1998 kam es dann zu einer Aussöhnung mit der einstigen Kolonialmacht Italien, mit der anschließend über Ölgeschäfte und finanzielle Beteiligungen verhandelt wurde.
Auch Frankreich hat in der Zeit von 1996 bis 1998 eine Reihe von Wirtschaftsdelegationen nach Tripolis entsandt. Desgleichen hat die libysche Volksrepublik ihre Handelskontakte und Finanzbeziehungen zu einer Reihe von arabischen Staaten ausgebaut. Wichtigster Handelspartner Libyens in der arabischen Welt ist inzwischen Tunesien, und dies bei einer Einfuhrquote von nur 2,6 Prozent. Auch mit Ägypten wurden mehrere Wirtschaftsabkommen geschlossen. Im Juli 1998 erklärte der für Auslandsinvestitionen zuständige Funktionär des libyschen Regimes, man habe "Guthaben in einigen europäischen Ländern auflösen" und die Gelder in Höhe von bislang 440 Mio. Dollar in ägyptische Staatsbetriebe investieren können. Und er kündigte den Plan an, dieses Volumen in den nächsten drei Jahren zu verdoppeln. Zwischen Tripolis und Kairo wurde am 13. Juni 1997 ein Rahmenabkommen über die Schaffung einer Freihandelszone unterzeichnet. Inzwischen nimmt Ägypten den zweiten Rang unter den arabischen Handelspartnern Libyens ein (mit 2,2 Prozent der libyschen Importe). Allerdings gehört Ägypten seit langem zu den politischen Verbündeten der USA in der Region, die Zunahme wirtschaftlicher und finanzieller Bindungen an Libyen löste daher in Washington heftigen Widerspruch aus. Nachdem einige Stimmen die Kürzung der US-Finanzhilfe an Ägypten gefordert hatten, zog man es in Kairo vor, die mit dem Nachbarland vereinbarten Projekte zu verzögern oder ganz aufzugeben.
Zur Annäherung zwischen Libyen und seinen Nachbarn Ägypten und Algerien trug auch die Auseinandersetzung mit dem Islamismus bei. Im März 1999 wurde ein Auslieferungsabkommen zwischen Ägypten und Libyen vereinbart. Bereits im April 1995 hatten Oberst Gaddafi und der algerische Staatspräsident Liamine Zéroual im algerischen Ain Amenas eine gemeinsame Erklärung gegen Extremismus und Terrorismus unterzeichnet, deren praktischer Nutzen sich vor allem im Jahre 1996 zeigte, als Libyen vermutlich 500 algerische Islamisten an die Machthaber in Algier auslieferte. Mit dem Libanon (April 1998) und Jordanien (Juni 1998) wurde eine Reihe von Wirtschaftsabkommen geschlossen.
Zugleich bemühte sich Libyen, auf diplomatischer Ebene in mehreren Bereichen einen Ausgleich mit der angelsächsischen Welt anzubahnen. So erhielt Großbritannien von 1992 bis 1995 wichtige Informationen über die libysche Unterstützung der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Und auch den USA signalisierte die Volksrepublik wiederholt ihre Gesprächsbereitschaft. So bezeichnete Gaddafi Präsident Clinton als einen "guten Mann" und forderte ihn auf, die Sanktionen aufzuheben und US-Firmen die Möglichkeit zur Durchführung von Infrastrukturprojekten in Libyen zu geben.
Gegenüber Frankreich fand sich Libyen bereit, Entschädigungszahlungen in Höhe von 70 Mio. Mark an die Angehörigen der 170 Opfer des Anschlags auf eine DC 10 der französischen Fluggesellschaft UTA zu zahlen, die 1989 über Nigeria abgestürzt war. Ein Gericht in Paris hatte 1999 libysche Geheimdienstangehörige als Urheber des Attentats in Abwesenheit verurteilt. Auch in den diplomatischen Beziehungen zu Italien trat eine Entspannung ein. Nachdem sich Rom im Juli 1998 in einer offiziellen Erklärung für das während der Kolonialzeit begangene Unrecht entschuldigt hatte, stellte Libyen italienischen Staatsbürgern frei, sich wieder auf seinem Staatsgebiet niederzulassen. Wenige Wochen darauf erklärte Rom, daß Libyen nun wieder mit allen Rechten in den Kreis der Mittelmeerrandstaaten aufgenommen werden müsse.
Weiterhin gelang es der Volksrepublik, diplomatische Beziehungen zum Vatikan aufzunehmen, dem während der Krisensituation in Algerien daran gelegen war, seine Position im Maghreb zu stärken. Als der Apostolische Nuntius am 10. März 1997 sein Beglaubigungsschreiben überreichte, zeigte er sich angetan von "der Religionsfreiheit, deren sich die katholische Kirche in Libyen erfreut und den Örtlichkeiten, die man den Geistlichen zur Verfügung gestellt hat".
1999 durfte Libyen mit Beobachterstatus an der Konferenz der EU-Staaten und der Mittelmeerrandstaaten in Stuttgart teilnehmen; im selben Jahr nahm Großbritannien wieder volle diplomatische Beziehungen zu Libyen auf. Und am 1. Dezember 1999 reiste mit dem italienischen Ministerpräsidenten Massimo D´Alema der erste europäische Regierungschef nach Tripolis. Beim europäisch-afrikanischen Gipfel in Kairo, am 4. April 2000, wurde Oberst Gaddafi von Romano Prodi, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, zu einem zweistündigen Gespräch empfangen. Bei dieser Gelegenheit forderte Irlands Premierminister Ahern: "Wir müssen die Beziehungen normalisieren, das ist sehr wichtig. Schließlich sind die Sanktionen aufgehoben, und wir haben völlig neue Verhältnisse."
Von BRUNO CALLIES DE SALIES (dt. Edgar Peinelt)
Süddeutsche Zeitung
09.01.2002
Sie leben in verschiedenen Welten, und haben doch ein einigendes Band, den Glauben an Allah und den Propheten. Mehr als eine Milliarde Muslime bevölkern einen gewaltigen Bogen von der Atlantikküste Afrikas über die Wüsten Arabiens bis hin zu den Dschungelregionen Südostasiens. So vielfältig die Regionen, so unterschiedlich die Staaten und Gesellschaftssysteme. SZ-Reporter beschreiben das Leben in den Ländern unter dem Halbmond.
"Man soll mir nicht mit den Arabern kommen! Sie haben keine Kraft, keinen Saft, keine Tiefe." Der so spricht wollte jahrzehntelang der Motor der arabischen Einigung sein, Muammar el Gaddafi, Libyens Revolutionsführer. Heute sagt er: "Ich fühle mich mehr als Afrikaner denn als Araber." Daß seine Enttäuschung über die Brudervölker vor einigen Jahren in einen außenpolitischen Kurswechsel umschlug, offenbarte einmal mehr wie er sein Land als Alleinherrscher regiert. Staatliche Institutionen, Ideologie oder gar andere Persönlichkeiten spielen neben der Führerfigur fast keine Rolle.
Kaum jemand auf Erden ist länger an der Macht als Gaddafi. Am 1. September 1969 stürzte der damals 27 jährige Offizier König Idris al-Senussi. Aber aus Libyen wurde schließlich keine Republik (arabisch: Dschumhurija) wie aus Ägypten, Syrien, dem Irak und anderen revolutionieren Ländern, sondern ein Gebilde neuen Typs. Gaddafi dachte sich dafür die Bezeichnung "Dschamahirija" (Massenstaat) aus, offiziell "Sozialistische Libysch-Arabische Volks- Dschamaharija". An Stelle einer Verfassung steht seit 1977 die "Erklärung der Machtübertragung an das Volk". Theoretisch üben die Massen die Staatsgewalt direkt durch 15.000 örtliche und regionale Volkskomitees aus. Oberstes Staatsorgan sind die 2700 Mitglieder des Allgemeinen Volkskongresses. Dessen Generalsekretär, Sentani Mohammed Sentani, ist de jure Libyens Staatsoberhaupt. Aber er ist außerhalb der Landesgrenzen so wenig bekannt wie der nominelle Regierungschef Mubarak Abdallah al-Schamich. Gaddafi hat keine staatliche Funktion, aber alles zu sagen.
Ein nicht-arabischer Ausländer, der auf dem Flughafen Tripolis landet, wird vergeblich nach Schildern in lateinischer Schrift suchen, die ihn zur Passkontrolle oder zur Gepäckausgabe dirigieren. An den Autobahnen stehen nur Wegweiser in arabisch, Straßenschilder und andere öffentliche Inschriften sind allein in der Landessprache gehalten. Schon der Visumantrag beginnt im allgemeinen damit, daß die Personalangaben des Reisepasses von einem beglaubigten Übersetzer auf dessen letzter Seite ins Arabische übertragen werden. Da die arabische Schrift von rechts nach links läuft, ist die letzte Seite die erste.
Die Zeitrechnung der islamischen Welt beginnt mit dem 16. Juli 622 A.D., dem Tag der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina. Gaddafi hingegen führte einen libyschen Kalender ein, der zunächst von der Geburt des Propheten im Jahre 570 christlicher Zeitrechnung ausging. Das vorletzte Jahr fing deshalb in Libyen, und nur in Libyen, noch als 1431 an. Doch im Januar 2001 verordnete der Revolutionsführer seinen Landsleuten einen großer Sprung rückwärts ins Jahr 1369, denn der neueste libysche Kalender zählt vom Tod Mohammeds im Jahre 632 an. Aus Angestellten, die Gehalt empfingen, wurden gemäß Gaddafis Grünem Buch "Teilhaber", aus Bewohnern von Sozialbauten "Besitzer". Praktisch änderte sich nichts an ihren materiellen Verhältnissen.
Im Lauf der Jahre schloss der Revolutionsführer zahlreiche Unionsverträge: mit Ägypten, Syrien, Tunesien, Marokko und dem Tschad. Alle blieben ohne Folgen, denn kein anderer Staatschef wollte einen Führungsanspruch Gaddafis hinnehmen. Er wiederum ordnet sich niemandem unter. Das kulturelle und zivilisatorische Potenzial Libyens gilt in der arabischen Welt als unerheblich. Von seinen schätzungsweise sechseinhalb Millionen Einwohnern sind zwei Millionen Gastarbeiter mit Angehörigen.
Schwarz und grün für Afrika
Das letzte Nationalfest zum 32. Jahrestag der Revolution zelebrierte Gaddafi in Anwesenheit von Präsident Robert Mugabe aus Zimbabwe und anderer afrikanischer Staatschefs vor einer großen Karte, auf welcher der gesamte Kontinent schwarz, Libyen aber grün dargestellt war. Das Projekt der "Vereinigten Staaten von Afrika", in das der Revolutionsführer neuerdings einen großen Teil der Öleinnahmen des Landes investiert, ist bei seinen Landsleuten jedoch nicht beliebt. Vor dem Hintergrund verbreiteter Arbeitslosigkeit kam es im Herbst 1990 in Tripolis und Bengasi zu schweren Ausschreitungen gegen Afrikaner, bei denen Dutzende getötet und mehr als tausend verletzt wurden. Wegen Mord, Totschlag, Vergehen gegen die Staatssicherheit und Anschlägen auf die Freundschaft zu Afrika wurden sieben Schuldige zum Tod, 180 andere zu Strafen zwischen einem Jahr und lebenslang verurteilt.
Wenn Gaddafi auf Staatsbesuch reist, schlägt er im Garten der Gastgeber sein Beduinenzelt auf und trinkt die Milch seiner mitgebrachten Kamelstuten. Bewacht wird er von seiner weiblichen Garde, deren Existenz in der arabischen Männerwelt viel bespottet wird. Hinter den bizarren Seiten seiner Herrschaft verbirgt sich jedoch oft solide Realpolitik. So enthüllte der Finanzmanager des Revolutionschefs, der in Amerika ausgebildete Mohammed Ali al-Huweidsch, im letzten Herbst, daß Libyen unter Umgehung internationaler Boykott-Maßnahmen ein Anlagenpaket im Wert von acht Milliarden Dollar erworben habe. Darunter seien Beteiligungen an 72 Unternehmen in 45 Ländern sowie an Dutzenden von Banken, darunter ein Fünf-Prozent-Anteil an der Banca die Roma.
Ausgerechnet Libyen, das von den Amerikanern als Hort des Terrorismus geächtet wird, war das erste Land, das gegen Osama bin Laden schon vor Jahren bei Interpol einen Haftbefehl beantragt hatte. Denn die Opposition radikaler Islamisten im Untergrund war, neben gelegentlichen Offiziers-Kabalen, die einzige ernsthafte Gefahr für Gaddafi. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan ließ Libyen 1986 als Repressalie für terroristische Anschläge bombardieren. Fünf große Ölfirmen aus den USA, welche die Vorkommen des Landes seit 1959 entwickelt hatten, mussten sich auf Anweisung Washingtons zurück ziehen. Doch die Libyer legten ihre Lizenzen nur auf Eis. Sie wurden nie an die europäische Konkurrenz weiter gegeben.
Um neue Respektabilität bemüht, lieferte Gaddafi nicht nur zwei Verdächtige für das Lockerbie-Attentat (270 Tote) aus und bemühte sich um die Freilassung entführter europäischer Touristen auf den Philippinen. Seit Herbst wird in Tripolis auch Oberst Abdallah Senussi, Schwager Gaddafis und einstiger zweiter Mann des libyschen Sicherheitsdienstes, unter schonendem Hausarrest gehalten. Senussi ist in Frankreich als Verantwortlicher für den Anschlag auf eine UTA-Maschine (170 Tote) in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sicherheitschef Mussa Kussa und Gaddafi Sicherheitsberater Mohammed Eddam haben sich im Oktober mit CIA-Verantwortlichen in London getroffen. An der Verfolgung von Al-Qaida-Aktivisten wirkt Libyen aktiv mit. Der Revolutionsführer war unter den ersten Arabern, die die Anschläge vom 11. September verurteilten und Amerikas Recht zur Selbstverteidigung hervorhoben.
In einem Haus im Zentrum Tripolis, wo einst die Terrorgruppe Abu Nidals Unterschlupf fand, residiert heute das angesehene Institut für Arabische Sprache.
Da der Führer kein Regent im üblichen Sinne ist, kann er nie ersetzt werden. Die Nachfolgefrage stellt sich zu seinen Lebzeiten nicht. Dennoch fällt auf, daß Gaddafi gleich anderen arabischen Staatschefs eine Familienpolitik betreibt, die immer weniger diskret wirkt. Seinen ältester Sohn aus erster Ehe, Mohammed, dem keine politischen Ambitionen nachgesagt werden, hat er soeben zum Chef der Telecom ernannt. Der zweite Sohn aus zweiter Ehe, Seif el-Islam, war an der Geiselbefreiung auf den Philippinen beteiligt und unternahm kürzlich im Namen seines Vaters energische Demarchen zur Rettung arabischer Afghanen. Er ist Vorsitzender der internationalen Gaddafi-Stiftung sowie der Anti-Rauschgift-Liga. Zum größeren Ruhm des Revolutionsführers gibt er auch noch das Magazin Hannibal heraus.
Tiger nach Schönbrunn
Im Ausland ist der 30 jährige Seif el-Islam vor allem dadurch bekannt, daß kaum jemand an ihm vorbeikommt, der mit dem libyschen Staat große Geschäfte machen will. Während seines Wirtschafts-Studiums in Wien begründete er kommerzielle Beziehungen zum FPÖ Vorsitzenden Jörg Haider. Nur unter äußerstem Druck ließ Seif sich damals dazu bewegen, seine Hausgenossen, zwei sibirische Tiger, dem Schönbrunner Tierpark zu vermachen. Einmal konnte Gaddafi Senior die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis für seinen Junior nur dadurch erwirken, daß er mit der Ausweisung sämtlicher Österreicher aus Libyen drohte.
Am populärsten im Sinne einer möglichen Nachfolge ist Gaddafis zweiter Sohn aus zweiter Ehe, der 28 jährige El-Saidi. Spieler Nummer 10 im Fußballclub Ahle, Präsident der libyschen Fußballföderation, befreundet mit jungen Offizierskameraden, international flankiert vom jordanischen König Abdallah und vom Schwiegersohn des tunesischen Präsidenten Al-Ahly, muss El-Saidi manchmal auch als Blitzableiter für das Missvergnügen des Publikums am Vater herhalten.
Gaddafis einzige Tochter, die 26 jährige Aischa, schlank, hoch gewachsen, manchmal brünett, manchmal blond, elegant, skandalfrei, spielt keine öffentliche Rolle. Sie fiel nur einmal aus dem Rahmen, als sie mit ihrem Bruder Mohammed und 30 Leibwächtern im Londoner Dorchester Hotel abstieg. Am Speaker´s Corner im Hyde Park hielt Aischa eine flammende Rede für die "Freiheitskämpfer" der IRA.
Von Rudolph Chimelli
Die Welt
10.01.2002
Keine Spur von Entrüstung oder gar Empörung in Turin, daß der libysche Staatschef Muammar el Ghaddafi jetzt zweitgrößter Aktionär des italienischen Fußball-Rekordmeisters Juventus geworden ist. Über seine Investmentgesellschaft "Lafico" (Libyen Arab Foreign Investment Company) kaufte Ghaddafi für 22,9 Millionen Euro rund 6,4 Millionen oder 5,31 Prozent "Juve" Aktien an der Mailänder Börse.
Der sogenannte Revolutionsführer erinnerte sich gewissermaßen alter Freunde. Bereits 1976 war "Lafico" Aktionär bei der Fiat-Gruppe. Und die Familie des Fiat-Besitzers Gianni Agnelli ist und bleibt auch bei Juventus Mehrheitsaktionär. Sie kontrolliert 63 Prozent der Papiere.
Das Geschäft vor 26 Jahren erregte weit mehr Aufsehen. Agnelli überließ dem Libyer 9,09 Prozent seines Unternehmens. Der kriselnde Automobil-Konzern brauchte Geld, Diktator Ghaddafi musste seine Öl-Dollars anlegen. 1986 kaufte Agnelli das mittlerweile auf 15,19 Prozent angewachsene Aktienpaket der "Lafico" wieder ab. Fiat war wieder flott gemacht, Ghaddafi strich dank der Kursgewinne umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro ein.
Auch diesmal hoffen beide Seiten auf ein gutes Geschäft. Juventus spekuliert laut "La Gazzetta dello Sport" auf bessere Vermarktungschancen in Afrika. Ghaddafi setzt auf "Mondo Juve", das mit dem Börsengang im Dezember 2001 vorgestellte Projekt einer Umwandlung des Fußballklubs in einen breit gefächerten Unterhaltungskonzern.
"Juve", das seit fünf Jahren Gewinne einfährt, wird nicht mehr nur mit Fußball Geld verdienen, sondern auch mit Freizeitzentren, Kinos und Restaurants. Anders als viele andere Fußball-Aktien soll der Kurs des Fußball-Papiers nicht so stark vom sportlichen Erfolg des Clubs abhängen.
Der allerdings wird Großaktionär und Sportfan Ghaddafi auch am Herzen liegen. Auch dessen Sohn Al Saadi, einst selbst Nationalspieler und jetzt Klub-Präsident von Al Ittihad, gilt als großer "Juve" Fan. "Das Aktienpaket ist auch ein Geschenk an seinen Sohn", kommentierte die "Gazzetta dello Sport" am Mittwoch.
Dem Fachblatt zufolge will Ghaddafi mit Hilfe des italienischen Trainers Franco Scoglio und vielleicht auch mit "Juves" Unterstützung seine Nationalelf zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland bringen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
16.07.2002
Muammar al Gaddafi läßt sich die Schau nicht stehlen, und jetzt legt er richtig los. Die Südafrikaner hatten während des Gründungsgipfeltreffens der Afrikanischen Union in Durban in der vergangenen Woche alle Mühe, den exzentrischen libyschen Staatschef unter Kontrolle zu halten. Gleich zu seiner Ankunft entwaffnete der südafrikanische Sicherheitsdienst in Durban seine Leibwache und stellte einen Teil seiner Fahrzeugflotte von etwa 60 gepanzerten Luxusfahrzeugen sicher. Offiziell hieß es, die südafrikanischen Gastgeber wollten alleine die Sicherheit der mehr als dreißig afrikanischen Staatschefs garantieren. Doch vermutlich hegten sie die begründete Sorge, Gaddafi wolle mit seiner Entourage ein Spektakel veranstalten.
Dafür nutzt er nun die Gelegenheit. Gaddafi ist auf Roadshow durch Afrika. Zum Teil mit dem Flugzeug, zum Teil mit dem Auto will er auf dem Heimweg von Durban nach Tripolis den halben Kontinent bereisen. Nach Swasiland und Moçambique reist er an diesem Dienstag nach Zimbabwe und Malawi weiter. Die südafrikanischen Zeitungen berichten über immer neue Einzelheiten aus Gaddafis umfangreichem Reisegepäck. Demnach kam Gaddafi, wie es der "Sunday Independent" zusammenfaßte, mit "genug Waffen, um einen kleinen Krieg zu starten, und ausreichend Vorräten, um eine Armee zu versorgen".
In der Hafenstadt Durban war demnach ein Schiff gelandet mit einem Container voller Ziegenfleisch und zwei Bussen mit 46 Sitzen. In einem der Fahrzeuge fand sich Bargeld von sechs Millionen Dollar. Auf dem Weg durch Südafrika in das Königreich Swasiland hinterließ Gaddafis Konvoi einen dauerhaften Eindruck. An einer Raststätte landeten zwei Hubschrauber, bevor etwa fünfzig Fahrzeuge an die Zapfsäulen fuhren. Der Treck gab etwa tausend Euro für Benzin aus, kaufte Unmengen an Zigaretten, Eis und Pommes frites, beglückte die Tankwarte mit Trinkgeldern im Gegenwert eines Tagesverdienstes und hinterließ Autogrammkarten mit Gaddafis Konterfei und dem Schriftzug: "Der Architekt der Afrikanischen Union".
In Swasiland empfing König Mswati III. mit seinen acht Frauen und 350 Würdenträgern den libyschen Revolutionsführer und lobte den "wahren Freund für Afrika". Außerdem dankte er Gaddafi, weil er ihm im vergangenen Jahr bei der Überwindung einer nicht näher bestimmten Krankheit geholfen hat. Gaddafi pries im Gegenzug die enger werdenden Beziehungen zwischen Libyen und Swasiland, die Afrikanische Union werde die beiden Länder noch enger zusammenrücken lassen. Nur die Handybesitzer unter den Bewohnern von Swasiland beschwerten sich darüber, daß der Störsender auf dem Autodach des stets um sein Leben fürchtenden libyschen Staatschefs angeblich die Kommunikation unterbrochen hat.
Gaddafi blieb einen Tag länger als geplant in Swasiland, angeblich wegen eines Jagdausflugs und versetzte daher den moçambiquanischen Außenminister, der vergeblich an der Grenze auf ihn gewartet hatte. In der moçambiquanischen Hauptstadt Maputo landete Gaddafi schließlich mit zwei Boeing 707, einer Antonow und einem weiteren Flugzeug. Die Grenzbeamten waren verwirrt, als sie Granatwerfer und Maschinengewehre an Bord entdeckten. Nach einem Gespräch mit Präsident Chissano stellte Gaddafi einen umfangreichen Erlaß der Schulden Moçambiques in Libyen in Aussicht und widmete sich wieder ausführlich seinem derzeitigen bevorzugten Thema, der Afrikanischen Union und der von Südafrika initiierten "Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung" (Nepad) mit den Industrieländern.
Das Nepad-Programm, das die afrikanischen Staaten zur Demokratie verpflichtet und das er selbst zusammen mit den anderen afrikanischen Staatschefs in Durban als Teil der Afrikanischen Union beschlossen hatte, wischte er mit einem Handstrich beiseite: Demokratien nach westlichem Stil widersprächen der afrikanischen Tradition. "Wir brauchen hier in Afrika nicht viele Parteien", zitierte die Tageszeitung "Star" den Libyer, der in seinem Land alle Parteien verboten hat.
Gaddafis Wanderzirkus durch Afrika ist eine Werbetour für sein Konzept einer Afrikanischen Union. Nachdem sein Ziel, aus den arabischen Staaten ein einig Volk von Brüdern zu machen, gescheitert ist, widmet er sich nun mit der gleichen Inbrunst seiner Vision der "Vereinigten Staaten von Afrika". Nach seinem Plan würden alle afrikanischen Staaten in einem einzigen aufgehen, es gäbe eine einzige gesamtafrikanische Armee und eine gemeinsame Außen- und Handelspolitik. Dieses Gebilde würde von einem Präsidenten geleitet, und es kann kaum einen Zweifel geben, welchen Kandidaten Gaddafi dafür am geeignetsten hält - sich selbst.
Südafrika und die Nepad-Gründungsländer haben versucht, Gaddafi das Heft aus der Hand zu nehmen und die Afrikanische Union nach dem Vorbild der Europäischen Union zu gestalten. Doch schon auf dem Gründungsgipfeltreffen in Durban zeigten sich die Grenzen. Die meisten afrikanischen Staatschefs, die Parteien ebenfalls für überflüssig halten, zollten dem "Bruder Führer" ihren Tribut. Gaddafi hat außerdem einen Verbündeten in dem früheren OAU-Generalsekretär Essy, der übergangsweise auch die Geschäfte der Afrikanischen Union leitet. Südafrika konnte sich nicht damit durchsetzen, Essy abzulösen, unter dessen Leitung noch kein afrikanischer Autokrat, Despot oder Diktator etwas zu fürchten hatte.
Gaddafi wird auch weiterhin versuchen, dem Nepad-Programm seinen Stempel aufzudrücken. In Durban wurde beschlossen, das oberste Nepad-Gremium der Staatschefs von 15 auf 20 zu vergrößern. Es wurde nicht offiziell bestätigt, aber erscheint wahrscheinlich, daß Gaddafi in das Gremium einrückt. Grundsätzlich kann jedes Mitglied der Afrikanischen Union auch Nepad beitreten. Wie soll, so fragen Kritiker, unter diesen Umständen der geplante "Peer-review-Prozeß" funktionieren, bei dem die Staaten untereinander Demokratie und Rechtsstaatlichkeit überprüfen? Wie kann man Autokraten ausschließen, wenn sie selbst über den Mechanismus mitentscheiden?
Gaddafi hat in Durban die versammelten Staatschefs mit Änderungsanträgen überhäuft, die nichts mehr mit der Gründungscharta der Afrikanischen Union zu tun haben. Als Gastgeber konnten die Südafrikaner mit technischen Verfahrenstricks den Libyer auf Distanz halten. Doch die Schlacht ist noch nicht geschlagen. Am letzten Tag des Treffens erreichte Gaddafi, daß sich die Afrikaner voraussichtlich in einem halben Jahr auf einem Sondergipfeltreffen mit seinen Sonderwünschen beschäftigen werden. Südafrika hatte verhindert, daß das Gründungstreffen der Afrikanischen Union in Libyen abgehalten wird, nun bekommt Gaddafi wahrscheinlich doch noch seinen Gipfel. Auf seiner Tour durch Afrika wird er jedenfalls weder Kosten noch Mühen scheuen, genügend Gleichgesinnte hinter sich zu scharen.
Von Marion Aberle