Berliner Kurier
18.09.2001
MONROVIA - Kpatazu an der Grenze zu Guinea existiert nicht mehr. Rebellen brannten die ganze Stadt nieder. Der Norden Liberias versinkt im Chaos.
Seit zwei Jahren wütet in der Region des westafrikanischen Landes ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung von Präsident Charles Taylor und abtrünnigen Milizen. Die Gefechte im Bundesstaat Lofa waren im vergangenen September wieder aufgeflammt. Seither sind 60 000 Zivilisten von dort geflohen.
Eine Handvoll "Warlords" (Kriegsfürsten) lässt das kleine Land nicht zur Ruhe kommen, blutet es seit 1989 aus. Ein Dutzend Friedensverträge wurden geschlossen. Sie waren das Papier nicht wert, auf dem sie standen. Der Kampf um die Reichtümer des Landes (Kautschuk, tropische Hölzer) bringt Liberia, einst Traum amerikanischer Sklaven von Freiheit, an den Rand des Abgrunds. Das Tropenparadies wurde zur Hölle: 150 000 Tote, 1,5 Millionen Flüchtlinge - bei 2,8 Millionen Einwohnern ist das die Bevölkerungsmehrheit. Ein Weltrekord!
Die Bandenschefs gebieten über 60 000 Bewaffnete. Ein Drittel sind Kinder. Double Trouble ist einer von ihnen. Der Neunjährige machte in der Hauptstadt Monrovia mit seiner Meute Jagd auf einen vermeintlichen feindlichen Soldaten. Double stieß dem Unbewaffneten ein Metzgermesser zwischen die Schultern. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete er: "Alt genug, um einen Mann zu töten." Ein Land im Griff unkontrollierter Rowdys. Die Westafrikanische Friedenstruppe (ECOMAG) konnte nichts ausrichten. Die UN0 schaut hilflos zu, verhängte Sanktionen, weil die Regierung in Monrovia mit den mordenden RUF-Rebellen im Nachbarland Sierra Leone unter einer Decke steckt.
Beginn:
Der Bürgerkrieg begann am 24.12.1989 mit der Neugründung des "National Patriotic Front of Liberia" (NPFL) unter Charles Taylor von Cote d`Ivoire (Elfenbeinküste) aus nach Nimba in die Nordprovinz.
Ursachen:
In der katastrophalen wirtschaftlichen Entwicklung Liberias liegt eine wesentliche Ursache für den Bürgerkrieg. Mitte der 80er Jahre war Liberia in einer volkswirtschaftlich ausweglosen Situation, die mit dem Bruch mit dem IWF und dem Entzug der US Wirtschafts- und Militärhilfe im Jahre 1988 endete. Vor allem die starke politische Benachteiligung und Diskriminierung der wirtschaftlich und demographisch wichtigen Region Nimba Count löste den Bürgerkrieg aus; zudem gab es viele Stammeskonflikte.
Gegnerische Parteien:
Chef der Rebellorganisation war Charles Taylor unter der National Patriotic Front of Liberia (NPFL).
Die Mandingo- und Krahn-Flügel der ULIMO:
Krahn (AFL; ULIMO - Abspaltung unter Roosevelt Johnson; LPC) Mandingo (ULIMO) Gio und Mano (NPFL)
Ziele:
Weder Charles Taylor noch Roosevelt Johnson oder irgendein anderer "Warlord" verfolgten politische Ziele. Vielmehr ging es um die Macht in dem rohstoffreichen Land sowie um Pfründe, die sich habgierige Politiker sichern wollten.
Verlauf:
Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges Ende 1989 ist die Verwaltungsstruktur faktisch aufgehoben worden. Das Land war in mehrere, von den einzelnen Kriegsparteien kontrollierte Teile gespalten.
Während des Krieges wurde das Land zunächst faktisch in zwei Wirtschaftsgebiete geteilt:
1. den Raum Monrovia-Buchanan
2. die Gebiete außerhalb des Raumes Monrovia-Buchanan, die 1990-1992 ausschließlich von der Rebellengruppe Charles Taylors gehalten wurden.
Seit 1993 zerfielen diese infolge einer Zersplitterung der Kriegsparteien, bei wechselnder Gebietskontrolle, in einzelne "Warlords".
1990
Im September wurde bei Kämpfen in der Hauptstadt Monrovia der Präsident Samuel Kanyon Doe von der NPFL um Prince Johnson getötet. Im März hatte sich Charles Taylor bereits von der NPFL des ehemaligen Doe -Vertrauten abgespalten. Mitte des Jahres marschierte die Friedenstruppe von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) in Liberia ein.
1991
Im Frühjahr des Jahres wurde über den Waffenstillstand ausgehandelt, der aber von Rebellenorganisationen mehrfach gebrochen wurde. Mitte 1991 verließ der Rebellenchef Prince Johnson mit seiner Unabhängigen Nationalpatriotischen Front Liberias (INPFL) die Übergangsregierung unter Amos Sawyer. Am 31.10. fanden die ersten Friedensabkommen in Yamoussoukro statt: militärische Übernahme des gesamten Landes durch ECOMOG.
1992
Im Januar wurde ein Supreme Court gegründet, der bei künftigenWahlen als Schlichtungsinstanz einzuschalten sein sollte. Bei einem westafrikanischen Gipfeltreffen einigten sich im April der liberianische Interimpräsident Amos Sawyer und der Chef der Rebellenorganisation auf eine Friedensinitiative. Im Mai errichteten westafrikanische Friedenstruppen eine Pufferzone zwischen Sierra Leone und Liberia. Neuer Friedensversuch: Auf dem Gipfeltreffen in Genf wurden Vertragspunkte des im Oktober 1991 geschlossenen Friedensvertrages bekräftigt, die bis dahin nicht erfüllt worden waren.Taylor zog einen Widerspruch gegen die Stationierung der ECOMOG zurück, die Kämpfe gehen weiter.
1993
NPFL, ULIMO und Übergangsregierung einigten sich in Genf auf einen Waffenstillstand. Friedensabkommen von Cotonou. Am 07.03. übergab Übergangspräsident Amos Sawyer die Macht an den Übergangsstaatsrat.
1994
Am 12.09. wurde unweit von Akosombo (Ghana) ein neues Friedensabkommen durch die Führer der drei wichtigsten Kriegsparteien, sowie den Komandeur der westafrikanischen Friedenstruppe ECOMOG unterzeichnet. Am 21.12. unterzeichneten alle Kriegsparteien in Accra (Ghana) Friedensabkommen, der am 28.12. in Kraft getretene Waffenstillstand wird bald gebrochen.
1995
In der Hauptstadt kommt es zu Bürgerprotesten. Am 20.08. wird das 11. Friedensabkommen von allen Bürgerkriegsparteien unter dem Druck der UNO unterzeichnet; der am 26.08. beginnende Waffenstillstand wird weitgehend eingehalten. UN-Sicherheitsrat verlängert UNOMIL-Mandat bis 31.01.1996.
Kriegsfolgen:
Etwa 80% der Bevölkerung wurden innerhalb des Landes oder ins Ausland vertrieben. In die Nachbarstaaten Guinea und Cote d`Ivoire flüchteten ca. 398.000 bzw. 360.000 Menschen; ca. 200.000 Menschen fielen dem Bürgerkrieg zum Opfer.
Zerstörung von Produktions- und Versorgungskreisläufen.
Aufteilung des Landes in unterschiedliche Zonen.
Beeinträchtigung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung sowohl innerhalb als auch außerhalb Monrovias. Infolgedessen Verbreitung tropischer Infektionskrankheiten, ernährungsbedingte Erkrankungen und auch Aids.
Zusammenbruch von Recht und Ordnung, Menschenrechtsverletzungen
taz
19.06.2003
Noch ein Friedensabkommen, noch ein Schauplatz für Militärinterventionen. Liberia braucht dringend eine starke, respektierte internationale Eingreiftruppe, damit der Waffenstillstand zwischen den Bürgerkriegsparteien des westafrikanischen Landes nicht sofort wieder in politischem Streit untergeht. Da sind sich alle Liberianer einig. Und weil Liberias Gründung als Staat auf eine Initiative der USA zurückgeht, blicken viele von ihnen sehnsüchtig auf die USA als mögliche Schutzmacht, so wie Sierra-Leoner auf Großbritannien und die Bürger der Elfenbeinküste auf Frankreich. Auswärtige Beobachter, die beim Blick auf US-Erfahrungen beim Peacekeeping in Irak eine Gänsehaut überläuft, bringen demgegenüber eine EU-Eingreiftruppe ins Spiel, das kongolesische Bunia sozusagen als Generalprobe für Liberia.
Militärinterventionen in Afrika sind also wieder einmal schwer in Mode. Vor zehn Jahren war das auch schon so und endete im Desaster. Angola, Somalia und Ruanda stehen für drei aufeinander folgende UN-Debakel in Afrika, von denen sich die Vereinten Nationen bis heute nicht erholt haben und die betroffenen Länder auch nicht. Heute hält sich der gewitzte UN-Militärplaner in Afrika nicht mehr mit Blauhelmen auf, sondern holt sich lieber gleich robuste Kampftruppen.
Aber ist das wirklich der Schlüssel zum Erfolg? In Sierra Leone setzten sich die Briten durch, allerdings hatte zum Zeitpunkt ihres Einsatzes eine Seite den Krieg schon verloren. Die Franzosen in der Elfenbeinküste haben es schwerer, und in der Demokratischen Republik Kongo fangen ihre Probleme gerade erst an. Offen ist auch das Schicksal der panafrikanischen Friedensmission in Burundi.
Für Liberia sind die Aussichten nicht rosiger. Die genannten Länder zeigen, die Hoffnung auf Frieden reicht nicht, um ihn Wirklichkeit werden zu lassen, auch nicht unter dem Zwang von Gewehrläufen. Es muss eine politische und gesellschaftliche Dynamik Richtung Frieden geben. Der können neutrale Militärs von außen dann schützend zur Seite treten. Aber wer kümmert sich darum in den Planungsstäben der Welt?
Von DOMINIC JOHNSON
taz
23.07.2003
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. In Ghanas Hauptstadt Accra besprachen gestern rund 1.000 Delegierte einen Friedensplan für Liberia, die Konferenzleitung hoffte auf ein Ergebnis noch im Laufe des Dienstags. In Liberias Hauptstadt Monrovia flohen gestern zehntausende von Menschen vor eskalierenden Kämpfen zwischen der Regierungsarmee von Präsident Charles Taylor und der Rebellenbewegung Lurd (Vereinigte Liberianer für Versöhnung und Demokratie), die nach Regierungsangaben in den vergangenen Tagen über 700 Tote gefordert haben. Die Lurd will Monrovia erobern, bevor Liberias politische Fraktionen in Accra das vorliegende Friedensabkommen billigen. Denn der Abkommensentwurf schließt die Lurd, die rund die Hälfte Liberias kontrolliert und als extem brutal gilt, von der geplanten Übergangsregierung aus, die Liberia nach dem gewünschten Rücktritt Taylors zu freien Wahlen führen soll.
"Wir müssen Monrovia komplett einnehmen", erklärte Lurd-Führer Sekou Conneh, der an der Friedenskonferenz nicht selbst teilnimmt. Einmal Herr der Hauptstadt, werde die Lurd die Beschlüsse der Accra-Friedenskonferenz "berücksichtigen".
Angesichts dieser Zuspitzung wird die Entsendung internationaler Eingreiftruppen nach Monrovia immer dringender. Nigeria, das etwa die Hälfte einer auf rund 1.500 Mann geplanten westafrikanischen Eingreiftruppe stellen soll, erklärte schon vor Tagen, seine Soldaten seien abmarschbereit. Aber sie kommen nur, wenn die USA gleichzeitig Truppen in Bewegung setzen. Nach allgemeiner Einschätzung aber wird das mindestens zwei Wochen dauern. Die US-Marine hat Kriegsschiffe mit 4.500 Soldaten und Marines an Bord vom Horn von Afrika ins Mittelmeer geschickt - sie müssen Westafrika erst erreichen. Lediglich zum Schutz der US-Botschaft in Monrovia sind mehrere Dutzend US-Spezialkräfte gekommen; weitere 100 US-Soldaten stehen als Verstärkung im Nachbarland Sierra Leone.
Die Bevölkerung von Monrovia ist das Warten auf die erhoffte Rettung von außen satt. Nachdem schwerer Artilleriebeschuss durch die Rebellen am Montag 25 zivile Opfer unmittelbar neben dem US-Botschaftsgelände forderte, reihten wütende Überlebende vor der Botschaft die Leichen in Sichtweite der US-Marines auf und riefen: "Wir sterben!" Der Raketenbeschuss führte zur Einstellung großer Teile der humanitären Hilfe.
Nach UN-Schätzungen gibt es in Monrovia, normalerweise eine Stadt mit einer Million Einwohnern, 200.000 Kriegsvertriebene in Lagern, dazu 300.000 in Privatunterkünften und 50.000 am Stadtrand. Im Stadion von Monrovia leben seit einem Monat 33.000 Vertriebene, die notdürftig vom Internationalen Roten Kreuz mit Grundrationen versorgt werden - 22,4 Kilo Maismehl und 2,8 Kilo Bohnen pro Familie und Monat. Laut UNO ist die Zahl der Cholerafälle pro Woche in Monrovia von 30 vor einem Jahr auf 350 gestiegen und steigt weiter. Lebensmittelpreise hätten sich verdreifacht. Vergewaltigungen, Plünderungen und Entführungen seien an der Tagesordnung.
Von DOMINIC JOHNSON
taz
31.07.2002
Es reicht. Seit Wochen grübelt die Weltgemeinschaft, ob und wie in Liberia militärisch eingegriffen werden sollte. Währenddessen sterben Liberianer an Artilleriebeschuss, Hunger und Krankheiten - in einem Krieg, den die internationale Gemeinschaft gewollt hat und für dessen Beendigung die Planspiele schon längst auf dem Tisch liegen. Wer jetzt nicht eingreift, um das Morden in Monrovia zu beenden, macht sich mitschuldig am Untergang eines Landes und am Tod Tausender von Menschen.
Als Liberias Rebellen vor vier Jahren den Kampf gegen das Regime von Präsident Charles Taylor aufnahmen, genossen sie die zumindest passive Unterstützung der in Afrika aktiven Großmächte. Die USA, Großbritannien und später auch Frankreich hielten Taylor für einen Feind. Seine Schwächung galt als Schlüssel für den Frieden in benachbarten Ländern wie Sierra Leone und Elfenbeinküste. Daß die Rebellen genauso brutal waren wie Taylor, war egal; daß Liberia nach blutigen Kriegen in den 90er-Jahren Frieden gebraucht hätte, auch.
Erst jetzt, während die Rebellen an den Toren Monrovias stehen, merken USA und UNO, daß ihre liberianischen Freunde Kriegsverbrecher sind, die vor Massenmord an der Zivilbevölkerung nicht zurückschrecken. Und erst jetzt, wo die Rebellen fast gesiegt haben, feilen Diplomaten an Friedens- und Interventionsplänen. Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach: Eine Friedenstruppe aus Nigeria landet in Monrovias Hafen und Flughafen und ermöglicht die Landung von weiteren Truppen aus den USA und anderen Ländern. Der ungeliebte Taylor fliegt nach Nigeria ins Exil und wird durch eine Interimsregierung aus zivilen Kräften ersetzt, deren Zusammensetzung gerade in Ghana ausgehandelt wird. Die Rebellen strecken die Waffen, denn Taylor ist ja weg.
Dieses Modell zirkuliert seit mehreren Wochen. Aber seine Umsetzung wird mit jedem Tag unwahrscheinlicher. Denn je stärker die Rebellen werden, desto weniger Gründe haben sie, einen Frieden zu akzeptieren, dessen Bedingungen sie nicht diktieren. Sie können stattdessen Monrovia aushungern, bis es ihnen kampflos in die Hände fällt.
Indem die mehrfach angekündigte Militärintervention nicht stattfindet, setzen sich die Nichtintervenierer dem Verdacht aus, die Rebellen mit Absicht gewähren zu lassen. Das spräche allen Ansprüchen an Afrika Hohn, seine Politik zu verbessern. Und wäre Verrat am liberianischen Volk.
Von DOMINIC JOHNSON
Frankfurter Allgemeine Zeitung
03.08.2003
Broad Street ist eine Geisterstraße. Die Geschäfte nur noch brandschwarze Löcher, die Bürgersteige aufgerissen und von leeren Patronenhülsen übersät. Die wenigen Fußgänger, die sich noch in das einst belebte Zentrum Monrovias vorwagen, laufen an den Häuserwänden entlang, bereit, sofort in Deckung zu hechten. Broad Street ist eine von drei Fronten beim Kampf um die Stadt. Hinter der Straße liegt die Gabriel-Johnson-Tucker-Bridge, sie führt zum Hafen von Monrovia. Den halten die Rebellen der Lurd (Liberians United for Reconciliation and Democracy) besetzt und feuern Granaten auf die Innenstadt.
An einer Straßenecke lungert ein Haufen Regierungsmilizionäre. Viele von ihnen sind nicht älter als 14 oder 15 Jahre. Seit zwei Wochen rennen die Rebellen gegen die Gabriel-Johnson-Tucker-Bridge und die benachbarte Old Brigde an, um in die Innenstadt vorzudringen. Seit zwei Wochen leisten die mit Damenperücken und Schweißerbrillen kostümierten Kindersoldaten von Präsident Charles Taylor erbitterten Widerstand. Manche von ihnen sind so betrunken und mit Drogen vollgepumpt, daß sie kaum noch sprechen können.
Stadt der Halbtoten
Ein Mann kommt aus einem Hauseingang und rennt über die Straße zu einer Wasserpumpe. Einer der Milizionäre springt aus seiner Deckung hoch, um besser sehen zu können, die anderen erwachen ebenfalls aus ihrer Lethargie und schließen augenblicklich Wetten ab. Überlebt er, oder wird er erschossen? "Go for it, go!" brüllen sie dem Mann zu. Die Pumpe liegt genau im Schußfeld der Rebellen auf der anderen Seite der Brücke. Der Mann füllt hastig einen Eimer, die erste Kugel schlägt zwei Meter über seinem Kopf in die Wand. Er duckt sich, macht sich so klein wie möglich, bedient aber weiter den Pumpschwengel. Die nächste Garbe klatscht in die Wand, deutlich tiefer nun. Der Schütze auf der gegenüberliegenden Brückenseite schießt sich ein. Beim dritten Feuerstoß springt der Mann auf, rennt zurück und verschüttet dabei gut die Hälfte des Wassers. Die Milizionäre lachen. Im Hintergrund hämmert ein Maschinengewehr.
Monrovia ist in der zweiten Woche der Rebellenangriffe zu einer Stadt der Halbtoten geworden. Seit die Lurd den Hafen erobert hat, in dem nahezu alle Hilfsorganisationen Warenhäuser unterhielten, ist die Versorgung der auf mittlerweile eine Million Menschen angeschwollenen Stadt zusammengebrochen. Es gibt kaum Wasser, keinen Strom. Durch die Belagerung ist Treibstoff knapp geworden, mit dem Dieselgeneratoren betrieben werden.
Menschen drängen sich vor den Behelfskrankenhäusern
Vor der amerikanischen Botschaft, den Behelfskrankenhäusern der Organisation Medecins sans frontieres, der Klinik des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz drängen sich die Menschen auf der Suche nach Verbandsstoff und Nahrung. Ganze Familien übernachten auf Bürgersteigen, Plastikplanen sollen sie vor dem nicht enden wollenden Regen schützen. Cholera grassiert, Malaria sowieso und alle nur erdenklichen Durchfallkrankheiten. Die Flüchtlinge rufen "no more rockets", sobald sie einen Ausländer zu Gesicht bekommen, weil sie dem Granatbeschuß einer Rebellenarmee, die sich "Demokratie und Versöhnung" nennt, ausgeliefert ist. "Wir warten auf den Tod, etwas anderes bleibt uns nicht", sagt ein alter Mann in Mamba Point, dem ehedem schicken Diplomatenviertel, das jetzt eine stinkende Kloake ist.
Umschwung durch ivorischen Bürgerkrieg
Seit 1999 rennen die Rebellen der Lurd gegen das Regime von Präsident Taylor an. Gegründet in Sierra Leone von Taylor-Gegnern und abtrünnigen Kombattanten, haben es die Rebellen trotz massiver Unterstützung durch Guinea nie vermocht, mehr als die Nordregionen Liberias unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Situation änderte sich schlagartig mit dem Bürgerkrieg im Nachbarland Elfenbeinküste und Taylors Einmischung in die Auseinandersetzungen im Westen der Cote d'Ivoire. Der ivorische Präsident Laurent Gbagbo unterstützte daraufhin eine neue Rebellengruppe namens Model (Movement for Democracy in Liberia), die eine zweite Front gegen Taylor von Osten her aufbaute, woraufhin die Lurd aus Norden vorstoßen konnte. Taylor, der sich zudem einer Anklage wegen Kriegsverbrechen durch das Kriegsverbrechertribunal für Sierra Leone erwehren mußte, geriet vollends in die Defensive.
Im Juni wurden im ghanaischen Accra Verhandlungen aufgenommen, die am 17. Juni in einem Waffenstillstandsabkommen und einer geplanten Übergangsregierung für Liberia mündeten. Eine Woche später gingen die Kämpfe weiter, wurden nach einem neuen Abkommen vorübergehend wieder eingestellt, bis die Lurd Mitte Juli zum Sturm auf Monrovia ansetzte. Die wiederholten Appelle speziell der Vereinigten Staaten an die Lurd, den Würgegriff um Monrovia zu lockern, blieben ungehört. Statt dessen verlegten sich die Rebellen auf die Bombardierung von Zivilisten, was UN-Generalsekretär Kofi Annan darüber nachdenken ließ, ob die Lurd bei der politischen Gestaltung Liberias eine Rolle spielen sollte.
Nichts mehr zu plündern
Monrovia ist am Ende. Selbst für die Regierungsmilizen, die an nahezu jeder Ecke stehen, gibt es kaum noch etwas zu plündern. Wie will man jemanden berauben, dem schon dreimal alles abgenommen wurde? Dem hartgesottenen nigerianischen General Faustus Okonkwo, der für die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Ecowas) die Bedingungen für die Entsendung einer Eingreiftruppe prüfen sollte, verschlug es die Sprache, als ihm am Freitag die Leichenhalle in einer Rotkreuz-Klinik gezeigt wurde. Blutige Leiber, zerrissene Kinderleichname, abgeschlagene Köpfe. Dabei war Okonkwo schon einmal in Liberia, in den neunziger Jahren, als die nigerianische Armee eingriff, um den sieben Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Warlords, darunter Taylor, zu beenden. Verglichen mit damals, so der Nigerianer, sei die heutige Situation eine "Katastrophe".
In Liberia tobt ein Krieg der Kindermilizen. Verroht, zu jeder Bestialität fähig, haben diese Milizen die Bevölkerung zwischen den Fronten in Geiselhaft genommen. Die Menschen fliehen vor den Kämpfen aus der Stadt, bis Gefechte in den Randbezirken sie wieder ins Zentrum zwingen, wo Granaten auf sie niederregnen. Jede neue Flucht nimmt ihnen ein weiteres Stück ihrer Kraft.
Nachfahren der Sklaven fragen nach Amerika
"Warum läßt uns Amerika im Stich?" fragt Robert G. Young. Er betont sein mittleres Initial in breitem Südstaatenakzent und ist stolz auf ihn. So wie er identifizieren sich die meisten Liberianer fast völlig mit jener Nation, die Liberia einst als Konzession für Kautschukbarone gründete und in der freigelassene amerikanische Sklaven ein Regime errichteten, das dem vielgeschmähten weißen Kolonialismus in nichts nachstand. Robert G. Young haust in einem Kellergewölbe unter dem Samuel-Doe-Fußballstadion. Den ehemaligen Lagerraum teilt sich der Mittfünfziger mit sechzig anderen. Es gibt kein Licht, kein Essen, kein gar nichts. 50.000 Menschen drängen sich mittlerweile in den Gewölben des Stadions, täglich werden es mehr.
Nigerianische Schutztruppe
Am Montag soll ein Infanterie-Bataillon aus Nigeria in Monrovia landen und - wenn nötig - einen Waffenstillstand erzwingen. Das ist keinen Tag zu früh. Die Nigerianer sind zur Zeit im Nachbarland Sierra Leone stationiert und werden mit den Flugzeugen und den Hubschraubern der dortigen UN-Mission nach Liberia transportiert. Amerika zahlt und läßt Kriegsschiffe vor der Küste kreuzen.
Immerhin ist den Nigerianern zuzutrauen, die Feinde so weit zu trennen, daß wieder Lebensmittel im Hafen von Monrovia angelandet werden können. Hinzu kommt, daß die Nigerianer aus den Fehlern ihrer ersten Friedensmission in Liberia in den neunziger Jahren gelernt haben. Damals hatten sie sich auf die Seite einer der vielen Warlords gestellt, dadurch den Krieg unnötig verlängert und selbst einen hohen Blutzoll entrichtet. Heute gibt der Generalstabschef der nigerianischen Armee zu, daß er keine Lust habe, "wieder ins offene Messer zu rennen".
Regionales Denken in Westafrika
Gleichwohl hat sich an der liberianischen Krise so etwas wie ein regionales Denken unter den westafrikanischen Staatschefs entzündet. Die Nigerianer sind offiziell Teil einer Streitmacht der Ecowas, die wiederum ein UN-Mandat erhalten hat. Zudem hatten die westafrikanischen Staatschefs bei einem Krisengipfeltreffen Präsident Taylor aufgefordert, spätestens drei Tage nach der Stationierung der gesamten Eingreiftruppe von 3.000 Mann - das heißt in einem Monat - das Land zu verlassen. Man mag sich daran stoßen, daß der dienstälteste Diktator Afrikas, der togoische Präsident Gnassingbe Eyadema, das Ultimatum für Taylor unterstützt. Gleichwohl ist ein solcher Vorgang beispiellos in Afrika. Daß Staatschefs einem gewählten Präsidenten sagen, seine Zeit sei vorüber, das hat es noch nicht gegeben.
Der Mann mit dem Wassereimer heißt übrigens James Kennedy. "Wie der amerikanische Präsident", sagt er und überprüft, ob sein Name fehlerfrei aufgeschrieben wird. Er sei Lehrer, sagt er. Dreimal am Tag rennt er mit einem Eimer in der Hand um sein Leben. Die Wasserpumpe an der Frontlinie liefere als einzige im Stadtzentrum noch halbwegs trinkbares Wasser. Ein Eimer bringe ihm zwei amerikanische Dollar.
Von Thomas Scheen
taz
12.08.2002
Liberias Präsident Charles Taylor hat gestern absprachegemäß sein Amt niedergelegt. In einer um mehrere Stunden verzögerten Zeremonie im Präsidentenpalast in Liberias Hauptstadt Monrovia reichte Taylor gestern Nachmittag seinem Nachfolger und bisherigem Stellvertreter Moses Blah die Hand, um die Amtsübergabe zu besiegeln.
Eigentlich sollte die Zeremonie bereits um eine Minute vor 12 Uhr beginnen. Rund um den von nigerianischen und südafrikanischen Soldaten bewachten Palast warteten zahlreiche Liberianer schon seit Stunden darauf. Die Amtsübergabe verzögerte sich offenbar durch die verspätete Anreise der westafrikanischen Delegationen. Die Staatschefs von Südafrika, Ghana, Mosambik, der Premierminister von Togo sowie Nigerias Außenminister nahmen an der Zeremonie teil. "Wir erwarten, daß der Krieg in Liberia heute zu Ende gegangen ist", sagte Ghanas Präsident John Kufuor.
Am Sonntag hatte Taylor sich in einer emotionalen Abschiedsrede im Rundfunk als "Opferlamm" bezeichnet. Er verglich sich mit Jesus, der sich den Römern ergab. "Ich höre nicht aus Angst auf", erklärte Taylor. "Ich höre aus Liebe zu euch, meinen Landsleuten, auf."
Die Rebellen drohten gestern jedoch mit einer Wiederaufnahme der Kämpfe, falls Taylor nicht sofort ins Exil gehe. Taylor hat zwar das Angebot Nigerias angenommen, ihm Asyl zu gewähren, seinen Ausreisetermin aber offen gelassen. Mitarbeiter des nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo, der nicht zu der Amtsübergabe anreiste, erklärten, Taylor werde erst am kommenden Montag in Nigeria erwartet. Nigerianische Zeitungen berichten sogar, Taylor werde aus Nigeria sofort nach Libyen weiterfliegen.
Die Rebellen lehnen Taylors Nachfolger Blah ab und fordern einen neutralen Staatschef. Über eine neutrale Interimsregierung für Liberia wird derzeit bei Friedensverhandlungen in Ghanas Hauptstadt Accra diskutiert. Die Gespräche sollen am Mittwoch enden.
Von DOMINIC JOHNSON
taz
14.08.2002
Die Nachricht, auf die die Menschen in Monrovia seit Wochen warten, kam am Dienstagabend. Heute Nachmittag werden die Rebellen die Kontrolle über den Hafen und das Gebiet um Bush Road Island den Friedenstruppen von Ecomil überlassen. "Alle von uns nehmen unsere Sachen und gehen zu unserem Hauptquartier. Wenn wir gehen, lassen wir nicht einen unserer Männer zurück", sagte Verhandlungsführer Fofana von den Lurd-Rebellen.
US-Botschafter John Blaney kündigte an, daß die Rebellen sich rund 30 Kilometer bis außerhalb der Stadt über den Fluss Po zurückzögen. Das gaben in einer gemeinsamen Erklärung die Hauptrebellengruppe Lurd (Liberians United for Reconciliation and Development), der Kommandeur der Friedenstruppe und der US-Botschafter bekannt. Sie sprachen am Dienstagabend im Anschluss an ein Treffen im Hauptquartier der Rebellen.
Mit dem Rückzug der Rebellen aus dem Hafen steht dem Beginn internationaler Hilfslieferungen nichts mehr im Weg. Die Hauptvorräte an Lebensmitteln, aber auch der Treibstoff des Landes, sind in den Schuppen und Silos des Hafens gelagert. Zwei Brücken verbindet das Festland mit der Halbinsel, wo das Zentrum Monrovias liegt. Hierher sind in den vergangenen Wochen zehntausende Menschen geflüchtet. Die Brücken trennen zugleich auch die Kriegsparteien von einander.
Nur der Standort gibt beim ersten Blick einen Hinweis auf die Parteizugehörikeit. Auf beiden Seiten tragen die Kämpfer keine Uniform und haben die gleichen Maschinengewehre. Auf der Rebellenseite steht ein hagerer Mann in gelber Öljacke Wache. Er grüßt und bietet Benzin für einen Bruchteil des Preises auf der anderen Seite der Brücke an. Auf der Regierungsseite kostet ein Liter rund fünf Dollar. Der Preis lag sogar schon bei acht Dollar. Auch Reis ist auf Rebellenseite keine Mangelware. Entlang der Straßen tragen Männer sogar 50-Kilogramm-Säcke. Auf Regierungsseite wäre das ein kleines Vermögen. Ein Becher, vielleicht 200 Gramm, kostet hier einen Dollar, vor einer Woche sogar noch das Doppelte. Bei den Rebellen bekommt man dieselbe Menge für weniger als die Hälfte.
Von der Versorgung her geht es den Menschen auf der Rebellenseite besser. Viele versuchen, von der Regierungsseite in dieses Gebiet zu kommen. Aber sie werden abgewiesen. Der Taxibahnhof gleich an der Brücke bei dem Rebellenwachposten sieht aus wie ein Schrottplatz. Alle Wagen sind zerschossen. Autos haben auf beiden Seiten als Schießstände einen neuen Verwendungszweck bekommen. Nur noch wenige fahren, hüben wie drüben. Den einen fehlt es an Benzin, den anderen an Geld. Die Straßen sind frei für die Lastwagentransporte, die die Menschen heute Nachmittag erwarten. Ein Lkw vom Welternährungsprogramm WFP steht bereits vor dem Rebellenhauptquartier.
Dagegen verheißen Neuigkeiten von einem anderen Frontabschnitt zwei Tage nach dem Rücktritt von Charles Taylor nichts Gutes. Die zweite Rebellengruppe Model ist von Buchanan, der zweitgrößten Stadt Liberias, in Richtung Flughafen gerückt. Die Regierungstruppen zogen sich kampflos zurück. Erste Kommentare aus Rebellenkreisen werteten die Vorstöße als sporadisch. Noch am Dienstag sollen Friedenstruppen zu den Model-Rebellen aufgebrochen sein, um sie von einem weiteren Vorstoß abzuhalten.
Viele Liberianer hoffen einerseits auf die unverzügliche Hilfe der internationalen Gemeinschaft und vor allem der USA. Andererseits sind viele skeptisch, ob das Problem Liberias mit dem Weggang von Expräsident Taylor wirklich gelöst ist. Die große Frage für die kommenden Tage heißt: Halten sich die Rebellen an ihre Zusagen? Oder wird die Friedensmission zu einer Frieden erzwingenden Mission, falls Rebellen oder unberechenbare Teile von ihnen nicht mitspielen? Ein weiterer Störfaktor für eine schnelle Befriedung und Stabilisierung des Landes sind die jüngsten Forderungen der Lurd-Rebellen für die Übergangsregierung ab Oktober. Darin wollen sie jetzt eine entscheidende Rolle spielen. Bislang gingen die Friedensvermittler davon aus, dass kein Beteiligter der Kriegsparteien in die Staatsführung aufgenommen werden soll.
Von HAKEEM JIMO
taz
20.08.2002
Eine Woche nach dem Rücktritt von Präsident Charles Taylor haben die liberianischen Bürgerkriegsparteien am Montagabend in der ghanaischen Hauptstadt Accra ein Friedensabkommen unterzeichnet. Die Einigung zwischen Regierung und Rebellen sieht die sofortige Einstellung der Kämpfe und die Bildung einer Übergangsregierung vor, die in zwei Jahren demokratische Wahlen vorbereiten soll.
"Der Krieg ist endgültig begraben", sagte der Generalsekretär der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas), Mohamed Ibn Chambas, der bei den Verhandlungen vermittelt hatte. "Der Krieg ist aus, wir sind bereit, die Waffen abzugeben", sagte auch Sekou Conneh, der Chef der Lurd-Rebellen ("Liberianer vereint für Versöhnung und Demokratie") gestern gegenüber dem UN-Nachrichtendienst Irin. Die Konfliktparteien sollten in den kommenden Wochen erneut beraten, um einen Präsidenten und einen Stellverteter für die Übergangsregierung zu bestimmen, sagte Chambas. Dem Abkommen zufolge sollten die Posten von Vertretern der politischen Parteien Liberias besetzt werden. Mitglieder der derzeitigen Regierung von Präsident Moses Blah und Rebellenvertreter kämen dafür nicht in Frage.
Das Interimskabinett soll der Vereinbarung zufolge Mitte Oktober seine Arbeit aufnehmen und bis Januar 2006 im Amt bleiben. Ihm sollen jeweils 12 Mitglieder der Blah-Regierung und der beiden Rebellenbewegungen Lurd und Model angehören, außerdem 18 Vertreter politischer Parteien, 7 Mitglieder ziviler Vereinigungen und 15 Vertreter der Regionen. Im Oktober 2005 sollen demokratische Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden.
Nach Ansicht von Beobachtern hängt jetzt viel vom Einsatz der ausländischen Truppen in Liberia ab. Derzeit sind etwa 1.000 Soldaten der westafrikanischen Eingreiftruppe in Liberia, knapp ein Drittel der geplanten Stärke. Sie werden von etwa 200 US-Soldaten unterstützt. Sobald die Übergangsregierung im Oktober ihre Arbeit aufnimmt, soll eine UN-Friedensmission im Land stationiert werden.
Der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Scott McClellan, bezeichnete das Abkommen als Gelegenheit, den Prozess der Versöhnung in Liberia voranzubringen. Bush äußerte am Montag die Erwartung, daß UN-Soldaten die US-Truppen noch vor Oktober ablösen.
Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) hat inzwischen seine humanitäre Hilfe auch außerhalb der Hauptstadt Monrovia aufgenommen. In die Hafenstadt Buchanan sei medizinisches Material geliefert worden, um Verletzte und Kranke zu versorgen, teilte das IKRK gestern in Genf mit. Ein weiteres Team habe in Tubmanburg Nothilfe geleistet. Mit 50 Millionen Euro will die EU die Ecowas-Truppe bis zum Eintreffen der UN-Soldaten finanzieren, teilte die EU-Kommission gestern in Brüssel mit.
Berliner Zeitung
11.11.2005
Es war wie ein Elfmeter, den der ehemalige AC-Mailand-Stürmer nur noch verwandeln musste. Er war der Favorit, der Star der herangewachsenen Kindersoldaten und nach eigenem Bekunden der gottgewollte Führer seines geplagten Landes. Doch diesmal traf Afrikas Weltfußballer George Weah nicht. Die Stichwahl um die Präsidentschaft im westafrikanischen Liberia gewann am Dienstag nicht der siegverwöhnte Millionär, sondern die 30 Jahre ältere Ellen Johnson-Sirleaf. 58 zu 42 Prozent für Ellen, heißt es kurz vor Ende der Auszählung. Damit dürfte die Polit-Veteranin die erste Frau an der Spitze eines afrikanischen Staates werden.
Auf ihrer Website "www.ellenforpresident" präsentiert sie historische Fotos, die sie neben afrikanischen Prominenten wie Nelson Mandela und UN-Generalsekretär Kofi Annan zeigen. "Ich habe mehr Erfahrung, bessere Kontakte und bin besser qualifziert", sang Johnson-Sirleaf im Wahlkampf ein Loblied auf sich selbst. Nicht zu unrecht. Seit mehr als 30 Jahren ist sie präsent in der Politik des von befreiten amerikanischen Sklaven gegründeten Zwergstaates. Sie war Liberias Finanzministerin und später Afrikadirektorin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP. Unter Diktator Samuel Doe überlebte sie ein Jahr Gefängnis. Vor Charles Taylor, den sie anfänglich unterstützt hatte, musste sie ins Exil fliehen. Bei den Wahlen 1997 unterlag sie ihm und erhielt in der Folge Todesdrohungen. Eiserner Wille und Beharrlichkeit werden ihr bescheinigt.
Ihr Konkurrent "King George" Weah kann zwar auf eine beeindruckende Karriere als Mittelstürmer verweisen, hat aber nicht einmal einen Oberschulabschluss. Stattdessen umgab er sich mit obskuren Beratern und setzte seinen Radiosender King FM für die Wahlwerbung ein. Doch der sechsfachen Großmutter Sirleaf-Johnson ist es vor der Stichwahl besser als dem jugendlichen Jetsetter Weah gelungen, die Anhänger der 21 Mitbewerber in ihr Lager zu ziehen. Vor allem die Frauen und die Gebildeteren unter den 1,3 Millionen Wahlberechtigten zogen sie vor, während viele Männer nicht glauben, daß eine Frau die ehemaligen Kriegsfürsten und Kombattanten zähmen kann.
Nach dem von UN-Truppen 2003 erzwungenen Ende des Bürgerkrieges leitete sie die Regierungsreformkommission und prangerte die Korruption des Übergangskabinetts an. "Liberia verfügt weder über fließend Wasser, noch über Elektrizität oder ein Gesundheitssystem und kann sich eine korrupte Führung nicht leisten", sagt Sirleaf-Johnson. Sie verspricht eine Bodenreform, die den Chiefs die Verfügung über die umkämpfte Ressource Land nehmen soll.
"Mütterliches Gespür und Gemüt", werde sie ins Präsidentenamt mitbringen, sagt sie. Doch wird die Mutter der Nation es schwer haben, auch die Fußballfans für sich zu begeistern. George Weah schreit bereits laut "Foul", er fühlt sich um seinen Wahlsieg betrogen. Beweise dafür blieb er bislang schuldig. UN-Beobachter und die nationale Presse beschreiben die Stichwahl aber als fair und frei. Afrika wird sich an Gruppenbilder mit Dame gewöhnen müssen.
Von Stefan Ehlert
taz
12.11.2005
Ellen Johnson-Sirleaf hat die Präsidentschaftswahlen in Liberia gewonnen. Die 67-jährige Wirtschaftsexpertin Ellen Johnson-Sirleaf setzte sich in der Stichwahl vom Dienstag klar gegen den 33-jährigen Fußballstar George Weah durch. Nach Auszählung von 91 Prozent der Stimmen lag Johnson-Sirleaf gestern früh mit 59 Prozent uneinholbar vor Weah mit 41 Prozent. Johnson-Sirleaf wird damit die erste gewählte Staatschefin Afrikas.
"Dies öffnet die Tür für Frauen auf dem gesamten Kontinent", freute sich Johnson-Sirleaf. "Und ich bin stolz darauf, daß ich diejenige bin, die die Tür öffnet." Sie rief Weah dazu auf, seine Niederlage zu akzeptieren, und bot ihm einen Regierungsposten an.
Weahs Partei Koalition für Demokratischen Wandel (CDC) hatte zuvor Betrugsvorwürfe erhoben. Wahlurnen seien mit vorab für Johnson-Sirleaf ausgefüllten Stimmzetteln gefüllt worden. "Kein Weah, kein Frieden!", skandierten junge Anhänger Weahs vor seinem Hauptquartier in Monrovia am Donnerstag. Der populistische Fußballstar wird vor allem von demobilisierten Kämpfern einstiger Rebellengruppen unterstützt.
Johnson-Sirleaf versprach, die Reintegration einstiger Kindersoldaten in die Gesellschaft werde für sie als Präsidentin Priorität haben. "Wir wissen, daß sie enttäuscht sind, daß ihr Kandidat nicht gewonnen hat, aber in der Politik ist es wie im Fußball: Nicht jeder gewinnt", erklärte sie. Sie appellierte an die UNO, die in Liberia die zweitgrößte Blauhelmmission der Welt unterhält, ihre Truppen im Land zu behalten. Außerdem kündigte sie eine Nationalkonferenz zum Wiederaufbau des von 14 Jahren Bürgerkrieg verwüsteten Landes an.
Sämtliche Wahlbeobachter zeigten sich mit der Wahl zufrieden und nannten sie "frei und fair". In einer Wahlanalyse führte die liberianische Exilzeitung The Perspective gestern Weahs Niederlage darauf zurück, daß er auf die Parole gesetzt habe, daß Liberias gebildete Elite gescheitert sei und jetzt ein Mann aus dem Volke an die Macht müsse. "Es stimmt, daß nur 20 Prozent unseres Volkes lesen und schreiben können - aber das hat nichts damit zu tun, wie viele von ihnen an Bildung als Weg zum Erfolg glauben", schrieb die Zeitung.
Die erste Herausforderung für Johnson-Sirleaf wird der Umgang mit den Antikorruptionsabkommen sein, die die Übergangsregierung des bisherigen Präsidenten Gyude Bryant im September mit der internationalen Gebergemeinschaft geschlossen hatte. Darin bekommen ausländische Berater in Schlüsselministerien ein Vetorecht über Ministerialentscheidungen. Johnson-Sirleaf hatte diese Vereinbarung, die vermutlich im Hinblick auf einen Wahlsieg Weahs getroffen worden war, als Preisgabe der nationalen Souveränität scharf kritisiert.
Von DOMINIC JOHNSON