Le Monde
10.11.2000
Die kenianische Regierung ist darum bemüht, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen Aktivitäten im Mara-Gebiet aufrechtzuerhalten, wobei der Tourismus besondere Berücksichtigung findet. Um die Einnahmeverluste der Massai auszugleichen, wurden mehrere Korrekturmechanismen angeregt.
Da sich Wildtierfarmen als rentabel erweisen, dürfen rund dreißig Farmen in Kenia mit Genehmigung des Kenya Wildlife Service (KWS) etwa Krokodile oder Strauße wirtschaftlich nutzen und unter Einhaltung bestimmter Regeln, auch schlachten. Die Wiederzulassung der Berufs- bzw. Sportjagd dagegen hat heftige Debatten ausgelöst. Sie war 1977 nach mehreren Jahren intensiver Wilderei verboten worden und ist nun in Tansania sowie in einigen anderen Ländern im Süden Afrikas wieder erlaubt. Auch in Kenia werden von Zeit zu Zeit Stimmen laut, die eine Wiederzulassung der Jagd fordern. Dies könnte zwischen 12 und 20 Millionen Dollar jährlich einbringen. Das Risiko einer übermäßigen Reduzierung des Wildtierbestands ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.
Daphne Sheldrick, Direktorin des David Sheldrick Wildlife Trust und prominente Tierschützerin, stellt fest, daß "die Bevölkerung Hunger leidet. Wenn jemand ein Tier auf seinem Grund und Boden sieht, wird er wohl nicht allzu lange über Quoten nachdenken, weil das Tier sonst morgen schon auf dem Grundstück des Nachbarn sein wird. Der Markt mit Wildtierfleisch hat den Tierbestand in Westafrika dezimiert. Warum sollte das in Ostafrika anders sein?"
Im Serengeti-Nationalpark in Tansania werden jährlich 200.000 Wildtiere illegal getötet. Alles deutet darauf hin, daß die Wilderei auch im Mara-Gebiet anhält. "Kontrollen sind nur schwer durchzuführen, und das Beispiel Tansania mahnt zur Vorsicht", betont Nehemiah Rotich. "Dort werden die prächtigsten Tiere getötet, die sich ansonsten fortpflanzen würden und das beeinträchtigt das demographische Gleichgewicht innerhalb der Arten. Tiere, die gejagt werden, wie zum Beispiel Elefanten, flüchten aus ihren angestammten Gegenden, was sich für den Tourismus ungünstig auswirkt. Ich bevorzuge Lösungen, die gemeinsam mit den Grundeigentümern abgesprochen werden."
Der KWS verfolgt seit mehreren Jahren derartige konzertierte Aktionen. Er bewilligt Kredite für diejenigen, die die Wildtiere nachweisbar auf ihrem Besitz dulden, und schafft zugleich Anreize zur Tourismusförderung. Ihm steht auch ein Teil der Zutrittsgebühren zum Reservat zu, die er an die Farmen weiterleitet. Die Weltbank setzt auf ähnliche Lösungen.
Ein weiterer Ansatz der kenianischen Regierung bzw. des KWS könnte darin bestehen, daß sie den Massai einen Teil des Bodens zum Erhalt der Tierwelt verpachten. Im Gegenzug müssten diese sich dazu verpflichten, Landwirtschaft und Viehzucht in den betroffenen Gebieten einzuschränken.
Andere Projekte gründen auf einer Einteilung in Zonen, wie sie z. B. auf den Farmen Koyaki, Lemek und Ol Chorro Orogwa in Zusammenarbeit mit dem Verwaltungskomitee von Massai Mara praktiziert wird. Es wird von dem African Conservation Centre koordiniert. Wie Helen Gichohi meint, "kommt es darauf an, auf den Farmen verschiedene Bereiche zu schaffen, die jeweils der Viehzucht, der Landwirtschaft, den Wildtieren zugeordnet sind. Es geht auch darum, Wasserstellen zu erschließen und tierärztliche Untersuchungen zu fördern. Und schließlich sollten auch umweltfreundlichere touristische Aktivitäten angeregt werden, die andere Horizonte aufzeigen als der gegenwärtige Exzessivtourismus." Die Zukunft wird zeigen, ob die Aufteilung in Zonen mit den ständig umherziehenden Wildtieren wirklich in Einklang zu bringen ist.
Le Monde
10.11.2000
Ganz Kenia ist ein Flickenteppich von Reservaten und Nationalparks zum Schutz von Natur und Tierwelt. Für die in der Region Mara im Süden des Landes lebenden Massai bedeutet dies eine schwierige Herausforderung. Sie wollen die landwirtschaftliche Entwicklung vorantreiben und die Einnahmen aus dem Safaritourismus stabil halten, der auf der Artenvielfalt in den Naturparks beruht. Der Balanceakt wird erschwert durch die Dürre, die dieses Jahr frühzeitig die großräumigen Wanderungen der riesigen Wildtierherden auslöste.
Grauweiße Wolken ziehen sich täglich am blauen Himmel über Narok zusammen. Und Tag für Tag bleibt der ersehnte Regen im Südwesten Kenias aus. "Seit den sintflutartigen El-Ninjo Niederschlägen im Jahre 1998 hat es in unserer Region so gut wie keinen Regen mehr gegeben", äußert sich der Handwerker Ken Waiwana besorgt. "Nur einige wenige Schauer, das war alles. Darunter leiden hier alle, Mensch wie Tier." Von der Trockenheit ist das ganze Land betroffen. Aber daß in diesem Jahr die Regenzeit so spät eingesetzt hat, hat besonders schwer wiegende Folgen für die Region Mara im Distrikt Narok. In diesem Gebiet, das das Nationalreservat Massai Mara und die umliegenden Farmen umfasst, müssen die Menschen zusammen mit der Tierwelt ein Auskommen finden. Weil aber das Wasser so knapp und die Erde ausgetrocknet ist, sind Konflikte unausweichlich.
Der Verwaltungsort des Distrikts, Narok, eine Ansammlung von Lehmbauten, Zementziegelhäusern und Wellblechhütten, liegt nur 145 Kilometer entfernt von Nairobi, doch die Stadt scheint einer anderen Welt anzugehören. Im Umkreis von 50 Kilometern um die Hauptstadt prägen Gemüsefelder das Bild einer kultivierten und parzellierten Landschaft. Dann jedoch steigt die Straße nach und nach an und führt in das Bergmassiv des Great Rift Valley, eines riesigen, 6.000 Kilometer langen Erdgrabens mit unzähligen Seen, der sich vom Roten Meer bis nach Mosambik zieht und den Westen Kenias in nordsüdlicher Richtung durchläuft.
Doch bald ändert sich das Landschaftsbild aufs Neue: So weit das Auge reicht, erstreckt sich eine Savanne mit Gräsern, Sträuchern und Bäumen, in der sich vor allem die dornigen Akaziengewächse hervorheben. Endlose Weiten, in denen sich hie und da einzelne Punkte abzeichnen, Kühe, Schafe und Ziegen, die den Thomsongazellen und den Zebras die kümmerliche Nahrung streitig machen, bis schließlich in der Umgebung von Narok die ersten Weizen- und Maisfelder auftauchen.
In diesem weiten Gebiet leben die Massai in ärmlichen Verhältnissen. Ihr Pro-Kopf Jahreseinkommen liegt unter dem mit 300 Dollar nicht eben hohen Landesdurchschnitt. Verstärkt wird die Armut zusätzlich noch durch eine deutlich über dem Landesdurchschnitt liegende Fruchtbarkeit (7 Prozent gegenüber 3,8 Prozent).
Für das Nomadenvolk, das sich aus zahlreichen Stämmen zusammensetzt, ist der Besitz von Vieh eine wirtschaftliche und soziale Existenzgrundlage. "Wenn ein Mann heiraten möchte, muss er über einen hinreichend großen Viehbestand verfügen, um dem Brautvater die erforderlichen Geschenke machen zu können, um die Mitgift bezahlen und seiner Frau eine Herde mit einem Ochsen und acht Färsen bereitstellen zu können." Weil aber die Massai mit der Zeit immer sesshafter werden, rückt der Besitz von Ackerland zunehmend in den Vordergrund.
Von den Ebenen des Uasin-Gishu im Nordwesten von Nairobi bis zum Ngorongoro-Krater westlich des Arusha in Tansania reichte einstmals das angestammte Gebiet der Massai, in dem sie sich ohne Einschränkung bewegten. Infolge von Grenzziehungen schrumpfte es zusammen und verkleinerte sich überdies durch die Einrichtung von Reservaten oder anderen Gebiete zum Schutz der Artenvielfalt, in denen überkommene Traditionen wie die Jagd verboten sind (so im Ngorongoro-Schutzgebiet, dem Serengeti-Nationalpark in Tansania, dem Nationalpark Tsavo und dem Nationalreservat Massai Mara in Kenia). Das 1.368 Quadratkilometer große Nationalreservat Massai Mara, Kenias bedeutendste Touristenattraktion, gehört der kenianischen Regierung. Es ist umgeben von einem 4.566 Quadratkilometer breiten Gürtel, in dem die Massai-Farmen liegen. Den county councils genannten Bezirksräten von Narok und Trans-Mara, in deren Verwaltungsgebiet das Nationalreservat liegt, fließt das Gros der Besuchereinnahmen zu.
Der Tourismus, der in diesem Gebiet die einzig genehmigte wirtschaftliche Aktivität darstellt, wirft jährlich einen Ertrag von 20 Millionen Dollar ab. Neben den Einnahmen aus der Landwirtschaft und der Tierhaltung in Höhe von 3,8 beziehungsweise 2,4 Millionen Dollar jährlich beziehen auch die Massai-Farmen mit 10 Millionen Dollar nicht unerhebliche Beträge aus diesem Sektor.
Doch die Zahlen täuschen, denn die Farmen behalten mit insgesamt 1,3 Millionen Dollar nur einen geringen Anteil des erzielten Nettogewinnes, nämlich 8 Prozent des Gesamtgewinnes von 16,2 Millionen Dollar. 72 Prozent dieses Nettogewinns stammen aus der Viehzucht, 16 Prozent aus der Landwirtschaft und nur 14 Prozent aus dem Tourismus. Wie aber kommt es zu diesen Diskrepanzen?
Das Vieh gehört den Massai, die mit den Tieren leben und unmittelbaren Nutzen aus ihnen ziehen. Das Geld aus der Tourismusbranche hingegen fließt in allererster Linie in die Kassen der Reise- und Safariveranstalter, der Eigentümer von Hotels, so genannten Lodges und Lagern sowie in die Kassen der Charteragenturen. Hinzu kommt, dass die Gewinne aus der Landwirtschaft im Wesentlichen auf den Konten von auswärtigen Unternehmern landen, d. h. indisch- bzw. asiatischstämmigen Kenianern, manchmal auch Europäern, die die Ländereien von den Massai pachten.
Für die Naturschutzgebiete und die dort lebenden Wildtiere ist der Kenya Wildlife Service (KWS) verantwortlich. Er betreibt die Nationalparks, nicht aber die Reservate. Lediglich deren technische Überwachung fällt unter seine Zuständigkeit. Dies bedeutet, dass der KWS immer häufiger in die gesamte Wirtschaftsentwicklung des Mara-Gebiets eingreifen muss. "Das Bodenrecht ist eines unserer dringlichsten Probleme", betont der Direktor des KWS, Nehemiah Rotich. "In den letzten fünf Jahren haben sich die landwirtschaftlichen Nutzflächen stark ausgeweitet. Das ist kein Zufall, da in diesem Zeitraum die Touristenströme deutlich abgeebbt sind. Außerdem lockt die Investoren das schnelle Geld. Sie zahlen für den Ackergrund zwei, drei Jahre lang Pacht und verschwinden dann wieder."
Der Weltbank zufolge bringt die Viehzucht in dieser Region jährlich 60 Kenia-Schilling (umgerechnet etwa 1,70 DM) pro Hektar ein, der Tourismus 443 (12,90 DM) und die Landwirtschaft 17.500 (509 DM). Diese letztgenannte Einnahmequelle gewinnt also immer mehr an Bedeutung, zumal die Grundpreise und der Getreideverbrauch unablässig steigen. Abgesehen davon wird hier angesichts der bislang geringen Ausgaben für Düngemittel und Bewirtschaftung eine extensivere Form der Landwirtschaft favorisiert. Im Distrikt Narok sind bereits 15.000 Hektar in Nutzland verwandelt worden, und innerhalb des Mara-Gebiets ist der Pachtgrund zwischen 1973 und 1987 von 18.000 auf mehr als 27.000 Hektar angewachsen.
Jahr für Jahr steigt der Anteil der in Weizen- und Maisfelder umgewandelten Ländereien in diesem Distrikt um 18 Prozent an, während der Landesdurchschnitt nur bei 7 Prozent liegt. Für die Massai machen die Gewinne, die sie aus der Verpachtung von Anbaufläche ziehen, mit 5,3 Prozent (im Jahre 1989) nur einen geringen Anteil der erzielten Einnahmen aus. Deswegen spielt manch einer auch mit dem Gedanken, die Flächen für die eigene Landwirtschaft und Viehzucht nutzbar zu machen. Damit wären zwar die Zeiten des Farmtourismus vorbei, aber die zu erzielenden Erträge könnten sich auf immerhin 54 Millionen Dollar belaufen, was einer Gewinnspanne von 20 Millionen gleichkäme: Das wäre 15 mal so viel wie gegenwärtig. Fraglich ist allerdings, wie realistisch diese Erwartungen sind.
Zwar befinden sich die meisten Anbauflächen noch in Kollektivbesitz, aber inzwischen ist unter den Massai ein fieberhafter Wettlauf um private Besitztitel ausgebrochen. "Nur so haben sie das Gefühl, ihr eigenes Schicksal zumindest teilweise bestimmen und Entscheidungen treffen zu können, die für ihr Leben wichtig sind", meint Helen Gichohi, Leiterin des African Conservation Centre, einer in dem Mara-Gebiet sehr aktiven Nichtregierungsorganisation. "Die Kehrseite ist allerdings Zerstückelung und Parzellenwirtschaft. Wir versuchen, um Verständnis dafür zu werben, dass eine Kollektivbewirtschaftung mittels Gebietskörperschaften einen deutlich kohärenteren und für alle rentableren Ansatz darstellt und deshalb vorzuziehen ist." Einige Farmen haben diese Rentabilitätszwänge sehr wohl erkannt. So hat beispielsweise die Koyaki-Farm einen exklusiven Generalvertrag mit einem Safariveranstalter über jährlich 40.000 Dollar abgeschlossen.
Von dem, was der Boden hergibt, müssen aber auch noch andere leben. Rund 250.000 Rinder, Schafe, Ziegen und Esel weiden auf den Farmen. Dabei kommt es immer wieder vor und wird trotz prinzipiellen Verbots de facto doch geduldet, daß die Tiere ins Reservat vordringen. Am zahlreichsten unter den Wildtieren sind mit 1,3 bis 1,4 Millionen Exemplaren die Gnus. Jedes Jahr, von Juli bis Oktober, wandern sie vom Serengeti-Nationalpark in Tansania in das Mara-Reservat, eine mächtige Armee, flankiert von Zebras, Antilopen und Thomsongazellen, auf der Suche nach saftigem Weideland. Da im Reservat selbst rund 40.000 Wildtiere leben und sich auf den Farmen um die 100.000 Nutztiere tummeln, sind gelegentliche Verteilungskämpfe unvermeidlich.
In diesem Jahr hat die Wanderungsbewegung allerdings früher eingesetzt als üblich. Schon im Juni umringten die ersten Gnuherden dicht gedrängt die Wasserstellen im Reservat. Für Donald Young, den Leiter eines Safariunternehmens und Besitzer einer im Reservat gelegenen Lodge, "liegt die Erklärung auf der Hand. Die Trockenheit in der Serengeti ist so groß, daß die Herden früher losgezogen sind. In Mara herrscht zwar nicht weniger Trockenheit, aber es gibt immerhin ein bisschen mehr Grasland." Und weil die Tiere von den Verboten der Menschen nichts wissen, wagen sie sich auf ihrer Nahrungssuche manchmal bis auf die Farmen vor.
Offiziell erhebt die Gemeinschaft der Massai keinerlei Einspruch gegen das Prinzip der Schutzgebiete. Jeder einzelne Massai jedoch hält die Wildtiere, die über seine Felder ziehen, für Schmarotzer, zumal die Wasserressourcen und das Grasland durch häufiges Überweiden immer knapper werden.
Vielen Beobachtern, insbesondere Michael Norton-Griffiths, erscheinen die in Anschlag gebrachten Begründungen im Übrigen durchaus plausibel: "Die romantische Vorstellung, nach der das Nomadenvolk der Massai oder auch andere Volksstämme im Einklang mit der Natur leben, ist offenbar unverwüstlich. Mit der Wirklichkeit hat sie nicht viel zu tun. Was wie ein friedliches Nebeneinander aussieht, kommt nur deshalb zustande, weil die Hirten und Nomadenvölker weder über die Technologie noch über das Kapital verfügen, am Status quo wirklich etwas zu verändern. In der Vergangenheit, als die Bevölkerungsdichte niedrig war, brauchten diese Stämme der Natur vielleicht keine Beachtung zu schenken. Angesichts der heutigen Bevölkerungsexplosion, des gestiegenen Finanzbedarfs und der wirtschaftlichen Interessen ist ein Produktivitätszuwachs der Bodenerträge allerdings unerlässlich. Die Viehzüchter können die naturbedingten zusätzlichen Produktionskosten einfach nicht mehr selbst tragen."
Die Massai sind der Ansicht, daß die Wildtiere das Land kahl fressen, Krankheiten übertragen, Menschen angreifen und sogar töten. Die hier lebenden Menschen errichten deshalb schützende Zäune um ihre Strohbehausungen und haben immer ein wachsames Auge auf Felder und Herden. Nur ausnahmsweise, nämlich wenn sie sich bedroht fühlen, dürfen die Massai ihre unliebsamen Konkurrenten erlegen, weil die Wildtiere dem Staat gehören. Anstatt jedoch klammheimlich Ausrottungskampagnen voranzutreiben, verfolgen sie eine subtilere und langfristig auch radikalere Politik: Sie erschließen neues Ackerland, ziehen Zäune, brandroden, versperren den Zugang zu Wasserstellen etc.
Infolgedessen schrumpfen die Tierbestände zusehends, und das nicht allein im Mara-Gebiet, sondern in ganz Kenia. Im Zeitraum von 1977 bis 1994 ist der Wildtierbestand um insgesamt 44 Prozent zurückgegangen - eine beängstigende Zahl, aus deren regionalen Schwankungen sich einiges ablesen lässt: Außerhalb der Schutzzonen betrug der Rückgang 53 Prozent und innerhalb 30 Prozent. Im Distrikt Narok allerdings, außerhalb der Reservatsgrenzen, erreicht er 73 Prozent.
Andererseits sind die Wildtiere, wenn die Massai auch noch so sehr über sie klagen, eine Grundvoraussetzung für den Tourismus. Und die Erträge, die das gesamte Mara-Gebiet inklusive Reservat mit ausschließlich landwirtschaftlicher Bodennutzung und Viehzucht erwirtschaften könnte, lägen immer noch weit unterhalb der gegenwärtigen Einnahmen, deren Hauptquelle der Tourismus ist.
Ein Gleichgewicht zwischen den Erfordernissen zum Schutz der Artenvielfalt und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der hier lebenden Menschen ist nur schwer zu erreichen und zu bewahren. In einem Sprichwort der Massai, das eigentlich dem einsamen Wanderer gewidmet ist, das aber ganz ähnlich für all jene gelten könnte, die das Mara-Gebiet auch in Zukunft als Lebensraum brauchen, heißt es: "Zieh nicht los in die Natur ohne einen Gefährten. Er wird dir den Sand aus den Augen wischen."
Von ALAIN ZECCHINI (dt. von Michael Tillmann)
taz
19.02.2002
Ostafrikas Nationalparks sind weltberühmt: Serengeti, Masai Mara und andere Parks voller Löwen, Elefanten, Antilopen und anderer wilder Tiere ziehen jedes Jahr hunderttausende Touristen an und machen vor allem Kenia zu einem der beliebtesten afrikanischen Urlaubsziele für Weiße.
Aber zugleich lebt rund die Hälfte der Menschen in Kenia von weniger als einem Dollar pro Tag. Viele von ihnen blicken mit Neid auf diese endlosen Flächen, auf denen "nur" Tiere weiden. Nationalparks sind für sie weiße Spielplätze. "Sie sehen sich in einem Wettbewerb mit den Tieren", beschreibt der Ökologe und Publizist John Mbaria die Ansicht vieler Kenianer. "Warum sollten sie die Wildtiere schützen? Es bringt den meisten Menschen nichts."
Bebaubares Land wird knapp
Die meisten Nationalparks Kenias wurden während der Kolonialzeit und kurz nach der Unabhängigkeit auf Savannen eingerichtet, die früher Nomaden zur Verfügung standen und die sich seitdem dort nicht mehr mit ihren Herden aufhalten dürfen. Und die herrschende Elite Kenias pflegt sich seit Jahrzehnten große Stücke des besten Landes zuzuteilen oder es an politisch Willfährige zu verschenken. So wird bebaubares Land immer knapper, vor allem für Bevölkerungsgruppen, die als oppositionell verschrieen sind.
Einige tausend Kenianer verdanken zwar ihr Gehalt direkt oder indirekt den Parks, wo sie als Reiseführer arbeiten oder als Angestellte in den Hotels. Aber die Menschen in den Dörfern um die Wildreservate herum haben kaum Vorteile durch den Tourismus. Sie wissen bloß, daß es in den Parks reichlich Fleisch gibt, das sie nicht jagen dürfen, und jede Menge Brennholz, das sie nicht sammeln dürfen. Und sie müssen hinnehmen, daß wilde Tiere ihre Ernte fressen oder Menschen töten. Schadenersatz für vernichtete Ernten gibt es nicht, Hinterbliebene von Getöteten bekommen etwa 500 Euro, gerade genug für eine Beerdigung.
Oft sind es Nilpferde, die Frauen angreifen, während sie im Fluss Wasser holen. Auch Elefanten können zur Plage werden. So musste der "Kenya Wildlife Service" (KWS) voriges Jahr eine Herde von Elefanten mit einem Großaufgebot von Wildhütern zurück in den Masai-Mara Park treiben. Die Tiere waren wegen Wasser- und Futtermangel in die Nähe des Städtchens Narok gezogen. Beinahe eine Woche lang traute sich kaum jemand aus dem Haus, während die Elefanten die Ernten der Bauern auffraßen. Die Treibjagd dauerte Stunden, bis die genervten Elefanten zurück in den Park wanderten.
In Teilen des südlichen Afrika haben Anwohner von Parks ein anderes Verhältnis zu den Tieren. Damit ihre Artgenossen in den Parks überleben können, bezahlt eine bestimmte Anzahl wilder Tiere mit dem Leben. Sie dürfen gejagt werden, was der Bevölkerung ökonomisch nutzt und dieser zugleich einen Anreiz gibt, die Tierbestände der Parks am Leben zu lassen.
Im Luangwa Valley in Sambia etwa werden die Wildbestände auf diese Weise kommerziell genutzt. Dörfer am Rand von Wildparks bekommen eine Anzahl von Tieren zugewiesen. Sie können entscheiden, ob sie die Tiere selber schießen und das Fleisch verkaufen, oder ob sie ihre Abschussrechte an einen Jäger für teures Geld veräußern wollen. Theoretisch sollten die Dorfeinwohner somit kein Interesse mehr daran haben, Wilderer zu unterstützen. Praktisch ist das jedoch nicht immer der Fall, vor allem wenn Wilderer mit einem kleinen Nebenverdienst winken. Darum ist diese Art der Wildparknutzung in den Augen der meisten weißen Kenianer ungeeignet, ist das Land doch berüchtigt für seine Korruptionsanfälligkeit. Die überwiegend wohlhabenden Weißen ziehen den nichtkommerziellen Schutz vor. "Sie haben leicht reden, weil sie keine Armut kennen", sagt John Mbaria. "Schwarze Afrikaner sind dann bereit, das Wildleben zu schützen, wenn es zur Verbesserung ihres Lebensstandards beiträgt."
Gerade weil er zwischen schwarzen und weißen Kenianern geführt wird, wird der Streit nicht offen ausgetragen. Auch Weiße sprechen nur in privaten Gesprächen aufrichtig darüber. "Die Unterschiede gehen tiefer als die Hautfarbe", urteilt ein weißer Kenianer, der nicht namentlich zitiert werden will. Und fährt fort: "Übrigens war der Umgang mit den Wildtieren schon immer gefärbt. Der Wilderer war schwarz und der Tierschützer weiß".
Weiße jagten nur zum Spaß
Früher betrachteten afrikanische Wilderer das Jagen als etwas ganz Natürliches. Das Fleisch einer Gazelle kann schließlich eine Familie satt machen. Weiße jagten hingegen zum Spaß. Heute wird aus anderen Gründen gewildert. Für wenig Geld besorgen arme Kenianer im Auftrag von Zwischenhändlern Elfenbein von Elefanten und Hörner von Nashörnern. In Kenia bestimmte lange Zeit eine weiße Elite die Politik im Tierschutz und besetzte die obersten Posten. Das wird zusehends schwieriger, denn es gibt inzwischen genügend schwarze Kenianer, die ausreichend qualifiziert und ausgebildet sind, um die Weißen abzulösen. Mit Vorwürfen wie "korrupt" und "schwach" verteidigten die Weißen bisher ihre Festung Naturschutz.
Für John Gitongo sind solche Beschuldigungen nichts anderes als ein Zeichen der Ohnmacht. Gitongo ist Direktor der kenianischen Abteilung von Transparency International, einer weltweit tätigen Organisation, die sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben hat. "Lange Zeit kontrollierten die Weißen das Wildlife", sagt Gitongo. "Diesen Sektor behielten sie nach der Unabhängigkeit als ihren Einflussbereich, nicht zuletzt dank der Devisen, welche die Touristen ins Land brachten, um die wilden Tiere sehen zu können. Heute haben sich die Zeiten geändert, aber die Weißen widersetzen sich der schwarzen Übernahme dieser Machtbastion."
Es geht also nicht allein um Posten, sondern um Prestige und viel Geld. Einer, der dabei eine führende Rolle spielt, ist Richard Leakey. Er stammt aus der gleichnamigen berühmten Paläontologenfamilie und erwarb sich einen internationalen Ruf durch Ausgrabungen im Norden Kenias, bevor er Direktor des 1989 gegründeten KWS wurde und die Organisation zu einer schlagkräftigen und effizienten Institution ausbaute.
Nach politischen Querelen wurde Leakey 1994 von Staatspräsident Daniel arap Moi fristlos entlassen, zwei Jahre später aber wieder eingestellt, obwohl er in der Zwischenzeit als Mitbegründer einer Oppositionspartei aufgetreten war. 1999 wurde Leakey zum Chef des öffentlichen Dienstes ernannt. Die Regierung wollte damit ihr Bestreben unter Beweis stellen, Korruption zu bekämpfen. Aber Anfang dieses Jahres fand der Seitensprung in die Politik ein jähes Ende. Staatspräsident Moi feuerte Leakey ohne Angabe von Gründen.
Heute wird sein Name wieder genannt, als möglicher Nachfolger von KWS-Direktor Nehemiah Rotich. Der war vor drei Jahren der erste schwarze Kenianer an der Spitze der Tierschutzbehörde geworden. Zum Erstaunen aller wurde Rotich vor kurzem suspendiert, ebenfalls ohne Nennung von Gründen. Sein Nachfolger ist sein bisheriger Vize Joe Kioko, der aber dieses Jahr pensioniert werden soll. Rotich wurde Anfang Februar an die UN-Umweltbehörde Unep in Nairobi berufen.
"Jetzt sind wir an der Reihe"
Mit der Amtszeit von Rotich schien ein neues Kapitel in der kenianischen Umweltschutzgeschichte begonnen zu haben, die Afrikanisierung. Ein schwarzer KWS-Mitarbeiter meint: "Nehemiah Rotich war für uns eine Gallionsfigur. Ich hoffe, daß nun nicht wieder weiß gestrichen wird. Die Weißen haben ihre Zeit gehabt. Jetzt sind wir an der Reihe."
Weiße Naturschützer mit guten Beziehungen zur Regierung bezeichneten Rotich von Anfang an als "schwach". Mehr können sie dem als äußerst integer geltenden Mann nicht vorwerfen. In Tierschutzkreisen wird vermutet, daß seine Suspendierung auch mit Leakey zusammenhängt.
Denn die Entlassung deutet indes darauf hin, daß Leakey noch immer Fäden ziehen kann. Der neue Finanzierungsplan für den notleidenden KWS sieht vor, daß mit Hilfe der Weltbank ein Fonds in der Größenordnung von mehreren hundert Millionen Euro geschaffen werden soll, verwaltet von einer Investitionsbank. Die Zinsen daraus wären gewissermaßen das Arbeitskapital für den KWS. Die Idee dazu stammt von Richard Leakey, und er beansprucht für sich die gut bezahlte Stelle als Direktor der Fonds-Verwaltungsgesellschaft.
Wenn die Hand am Beutel weiß ist, so Leakeys Kritiker, bestimmt diese Farbe auch die Philosophie. Violet Maliru, Umweltschutzberaterin und ehemalige KWS-Mitarbeiterin, kritisiert: "Wir dürfen an der technischen Seite des Naturschutzes mitmachen. Aber wir bleiben von der entscheidenden Mitsprache über die Finanzen ausgeschlossen. Das ist das unantastbare Fachgebiet der Weißen."
Seit der Suspendierung von Rotich werden leitende KWS-Angestellte von einem Posten auf den anderen geschoben. Das Hin und Her gleicht einem Schachspiel, wobei nicht klar ist, ob die weißen oder die schwarzen Schachfiguren gewinnen werden. Sicher ist bloß, daß der Tierschutz verliert.
Von ILONA EVELEENS
taz
22.02.2002
Die Tatsache, daß rund die Hälfte aller Kenianer von weniger als einem Dollar pro Tag leben ist furchtbar, aber daran würde auch die Verkleinerung der Nationalparks in Kenia nichts ändern. Im Gegenteil, der Tourismus ist die Hauptdevisenquelle des Landes, durch ihn werden 19 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Deshalb ist auch die Äußerung, die durchschnittlichen Kenianer "haben kaum Vorteile durch den Tourismus", absolut haarsträubend.
Wenn der kenianische Staat nicht so korrupt wäre und die Devisen wieder in den nationalökonomischen Prozess einliefen, hätten die Kenianer eine Menge Vorteile durch diese Branche. Kenia ist ein Beispiel dafür, wie lange eine korrupte Regierung eine einst gut laufende Wirtschaft und eine für Afrika vergleichsweise wohlhabende Bevölkerung in den finanziellen Ruin treiben kann. Die Folgen von Arbeitslosigkeit und Armut waren Korruption und eine Steigerung der Kriminalität, was dazu führte, daß sowohl Investoren als auch eben die Touristen fernblieben. Die Ernennung des Oppositionsführers Leakey zum Minister im Jahre 1999 mit dem Auftrag, die Korruption innerhalb der Regierung nicht nur aufzudecken, sondern auch zu ahnden, wurde im August 2000 mit einem Weltbankkredit in Höhe von 150 Millionen US-Dollar belohnt. Anfang dieses Jahres wurde Leakey gefeuert (sein Rausschmiss war begleitet von einer Verleumdungskampagne). Daß Staatspräsident Moi dafür keine Gründe nennt, ist nicht verwunderlich: Leakey hat seinen Zweck erfüllt und kann sich nun wieder den Tieren widmen.
Die Naturschutzbehörde KWS, deren Chef Leakey lange Zeit war, ist eine staatliche Einrichtung. Ihre Mitarbeiter sind demnach so genannte Beamte des kenianischen Staates. Wenn also der Wildschutz "in weißer Hand" ist, ist dies wohl nicht auf die alten Kolonialherren, sondern vielmehr auf die Regierung zurückzuführen.
In der Tat war der Tierschutz noch nie sehr lukrativ: Tiere haben keine Lobby und sie zahlen nicht. Die Kämpfe, die hier ausgetragen werden, sind zäh, anstrengend, mühsam und in den seltensten Fällen erfolgreich, weshalb sich auch nur wenige hohe Regierungsbeamte finden, die bereit sind, solche Posten zu besetzen.
In den letzten Jahren jedoch entdeckten die afrikanischen Staatsdiener den Tierschutz. In einem Land wie Kenia, das keine Rohstoffe besitzt, eine der letzten Geldeinnahmequellen. Es ist sehr einfach, den Sündenbock auszumachen, wenn das Schwarz/Weiß-Motiv immer noch in einem solchen Maße missbraucht wird. Wenn korrupte afrikanische Regierungen nicht mehr weiter wissen, wenn sie für ihre Misswirtschaft geradestehen müssen, sind im Zweifelsfalle "die Weißen" bzw. die Kolonialisierung schuld, hier genügt ein Blick ins südliche Afrika. Daß Leakey in erster Linie Kenianer ist, wird dabei vergessen. Es geht um Menschen, die unterschiedliche Einstellungen bezüglich ihrer Rechenschaftspflicht und ihrer Verantwortung haben, und dies hat nichts mit der Hautfarbe zu tun.
Wer heutzutage das Tierschutzproblem in Kenia mit dem Schwarz/Weiß- bzw. Kolonialismus-Modell zu beschreiben sucht, ist entweder nicht informiert oder selbst ein Teil der Maschinerie geworden.
Von SOPHIE KRATZ
Neue Zürcher Zeitung
19.10.2002
Die kenyanische Regierungspartei Kenya African National Union (Kanu) hat dieser Tage ihren Kandidaten für die Präsidentenwahlen zum Jahresende nominiert. In die Fussstapfen des seit 1978 amtierenden Präsidenten Moi soll der erst 42-jährige Uhuru Kenyatta treten, ein Sohn des Staatsgründers Jomo Kenyatta. Die Nomination eines jungen, erst vor wenigen Jahren politisch aktiv gewordenen Präsidentschaftskandidaten könnte den Eindruck erwecken, als wollte die Kanu Diskontinuität zur gegenwärtig noch den Ton angebenden älteren Politikergeneration markieren, als wollte sie dem lauter gewordenen Begehren im Volk nach einem Neuanfang Rechnung tragen.
In Tat und Wahrheit ist Uhuru Kenyatta weit davon entfernt, der neue Besen zu sein, der den Augiasstall der kenyanischen Politik ausmisten könnte. Er ist der handverlesene Kandidat Präsident Mois, ohne dessen Beistand wäre seine Nomination am Kanu-Parteitag nicht zustande gekommen. Mit seiner Ankündigung, auch als Präsident den Rat seines Förderers in Anspruch nehmen zu wollen, bekundete Kenyatta nicht vorauseilenden Gehorsam, sondern brachte eine Selbstverständlichkeit zum Ausdruck. Moi hat nämlich durch "Wahlen" und eine Reform der Partei sichergestellt, daß er als deren Vorsitzender auch nach seinem Auszug aus Nairobis State House die kenyanische Politik massgeblich beeinflussen kann. Er wird weiterhin als Parteichef fungieren, und Kenyatta wird nur einer von vier Stellvertretern sein. Für einmal dürften die Opponenten der Kanu, die am Tag der Nomination Kenyattas demonstrierten, mit ihrem Bild von der Marionette, die an Meister Mois Fäden hängt, die dem Sohn des Staatsgründers zugedachte Rolle treffend charakterisiert haben.
Uhuru Kenyatta verheisst weniger einen Neuanfang als vielmehr Kontinuität, eine Kontinuität des Niedergangs. In den sechziger und siebziger Jahren ein Hoffnungsträger, ist Kenya im Lauf des vergangenen Jahrzehnts zu einem Problemfall geworden. Hatte die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate in den sechziger und siebziger Jahren noch 6,5 Prozent betragen, so ging sie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre auf 1,3 Prozent zurück. Im Jahr 2000 musste gar eine Schrumpfung des Bruttoinlandprodukts verzeichnet werden. Das seither wieder eingetretene bescheidene Wachstum reicht nicht aus, um das Pro-Kopf-Einkommen konstant zu halten oder gar zu vergrössern. Wie in einigen anderen Staaten in der Region ist in Kenya das staatliche Gewaltmonopol akut gefährdet; die Sicherheitsorgane sind so schwach geworden, daß sich die Bürger zum Schutz von Leib und Leben nicht mehr auf den Staat verlassen können. Riesige Landstriche im Norden des Landes sind No-Go- Zonen, in denen sich Viehdiebe und Banditen einen Teufel um den Staat und sein Gewaltmonopol scheren.
Präsident Moi selber hat unlängst die vergangenen zehn Jahre als eine "für Kenya verlorene Dekade" bezeichnet. Sehr wenig sei erreicht worden, räumte er ein. Doch bezeichnenderweise verband der Präsident mit dieser, realistischen, Einschätzung seiner letzten beiden Amtszeiten nicht den sofortigen Rücktritt, sondern schob einen Sündenbock vor. Als Ursache für den Niedergang machte er nämlich die Einführung des Mehrparteiensystems im Jahre 1992 aus. Dieses habe nur Hass, Bitterkeit und kleinliche politische Streitereien bewirkt. Mit andern Worten, Schuld am kenyanischen Malaise sind die andern, die Opposition und die ausländischen Geldgeber, die seinerzeit die Abschaffung des Einparteisystems verlangten.
Die Neigung von Politikern, sich aus der Verantwortung zu stehlen, mag ein universeller Zug sein. In Afrika ist diese Neigung verquickt mit einer tiefsitzenden Gleichgültigkeit dem Staat gegenüber, dem keine Legitimität zugebilligt wird. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe hat den Afrika bedrohenden politischen und sozialen Morast auf den Kolonialismus zurückgeführt. Die Afrikaner seien dadurch so sehr entmündigt worden, daß es ihnen auch heute noch schwer falle, Verantwortung für das Funktionieren ihrer öffentlichen Institutionen zu übernehmen.
Die angeblich so nachhaltige Entmündigung durch den Kolonialismus hält die Afrikaner heute allerdings nicht davon ab, die Tugend der Loyalität zu pflegen. Bloß gilt diese Loyalität weniger dem Staat als vielmehr einem "Nebenstaat", den sich oft überlappenden informellen Netzwerken persönlicher Beziehungen. Der schwedische Politologe Goran Hyden nennt diese Vorliebe für informelle Sozialbeziehungen die "Ökonomie der Zuneigung". Gemeint ist damit nicht eine bestimmte Wirtschaftsform, sondern eine informelle (nicht festgeschriebene, gleichwohl aber das Verhalten steuernde und bei Zuwiderhandlungen mit Sanktionen belegte) Variante des sozialen Tausches, bei der persönliche Beziehungen den Ausschlag geben. Die wohl häufigste Manifestation dieser "Ökonomie der Zuneigung" ist der Klientelismus, bei dem der politische Führer sich die Loyalität von Anhängern und Gefolgsleuten sichert, indem er diese mit öffentlichen Gütern, etwa mit Posten, belohnt.
Auch der Klientelismus ist universell. Neben andern schwarzafrikanischen Ländern scheint aber Kenya eine besondere Vorliebe dafür entwickelt zu haben. Die kenyanische Regierungspartei ist das Musterbeispiel für eine klientelistische Organisation. Politische Inhalte, Programme oder Ideologien spielen bei der Kanu fast keine Rolle. Es geht stets um Positionen und Posten, wobei in parteiinternen Ausmarchungen meistens ein leicht manipulierbares, oft auf Akklamation reduziertes "Wahlverfahren" zur Anwendung gelangt. Das Zentrum dieser klientelistischen Maschinerie bildet ein nicht leicht durchschaubares Interessengeflecht zwischen Nicholas Biwott, einem der reichsten Männer Kenyas, der auch als Handels- und Industrieminister amtiert, und der Familie von Präsident Moi, die geschäftlich vor allem über den Sohn Gideon mit dem Imperium Biwotts verknüpft ist.
Die formale Position in der staatlichen Hierarchie ist nicht ausschlaggebend, wie vor kurzem Vizepräsident Saitoti erfahren musste. Erst ging er bei der Besetzung der Parteiämter leer aus, und dann zog er auch bei der Nomination des Präsidentschaftskandidaten den Kürzeren. Präsident Moi hat sich als Meister in der Kunst erwiesen, das Netz seiner Beziehungen immer wieder neu zu knüpfen und potenzielle Rivalen über ihre tatsächliche Position in der informellen Hierarchie der Kanu im Unklaren zu lassen.
In einem klientelistischen System der Herrschaftsausübung bilden die formalen staatlich-rechtlichen Spielregeln, etwa bei der Auftragsvergabe, der Besetzung von Stellen oder auch bei gewöhnlichen Verwaltungsabläufen, bloß eine untergeordnete Rolle. Auf diese Weise öffnen Klientelbeziehungen der Korruption Tür und Tor. Der durch öffentliche Ämter erworbene Reichtum dient dann nicht einmal mehr dazu, die Loyalität von Gefolgschaften zu sichern, sondern wird zum Selbstzweck, dem keine legalen Schranken mehr entgegenstehen.
Korruption ist in Kenya allgegenwärtig und durchdringt alle staatlichen Organe. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International führt in ihrem jüngsten, 102 Länder umfassenden Korruptions-Perzeptions-Index Kenya als eines der korruptesten Länder auf, nur geringfügig weniger korrupt als Angola, Madagaskar, Paraguay, Nigeria und Bangladesh. Die Bretton-Woods-Institutionen haben die Wiederaufnahme ihrer Hilfszahlungen an Kenya an die Verabschiedung gesetzlicher und administrativer Massnahmen zur Bekämpfung der Korruption geknüpft. Die informelle Natur des Klientelwesens bringt es allerdings mit sich, daß selbst stringente rechtliche Vorkehrungen gegen den Missbrauch öffentlicher Mittel leicht unterlaufen werden können.
Kenyas Entwicklungschancen, vor allem die Rückkehr auf einen Pfad steten Wachstums, wären weitaus positiver zu beurteilen, wenn der Kanu eine ernst zu nehmende Alternative gegenüberstünde, die Klientelismus und Korruption erfolgreich bekämpfen könnte. Aber auch der Oppositionsverband National Rainbow Coalition verfügt nicht über ein klares Sanierungskonzept, auf das er alle seine Teile verpflichten könnte; seine Spitzenpolitiker sind in Ungnade gefallene einstige Gefolgsleute Präsident Mois. Daß sie mit Kenya etwas anderes im Sinn haben als ein Patronagesystem à la Kanu, darauf deutet zurzeit nichts hin.
ach.
Mombasa Newsletter
11.11.2002
In der Regel sind es negative Ereignisse, die für Schlagzeilen sorgen, erfreuliche Nachrichten sind selten zu lesen. Ich möchte heute von diesem Prinzip abweichen, ich habe mich zu diesem außerplanmässigen Bericht entschlossen, um Euch positive Nachrichten vom kenianischen Politzirkus zu bringen.
Kenia bebt, die Spannung steigt von Tag zu Tag, ich selbst fühle mich zurückversetzt in die Wochen vor dem Mauerfall in Deutschland. Das beschreibt so ungefähr die Stimmung, die seit letzter Woche hier im Lande herrscht. Unglaubliches hat sich ereignet, was man vor wenigen Tagen noch für unmöglich hielt, geschieht plötzlich. Daniel Toroitich Arap Moi schwimmen die Felle davon.
Alles fing an am 14.10.2002, als Moi's regierende KANU-Partei im Kasarani-Stadion in Nairobi eine Delegierten-Versammlung abhielt. Einziger Tagesordnungspunkt war die offizielle Nominierung des Präsidentschaftskandidaten (und Hätschelkind Moi's), Uhuru Kenyatta. Die Tatsache, daß man das größte Sportstadion des Landes für diesen Event auswählte, lässt auf die geplante Zahl der Teilnehmer schließen, man erwartete mehr als Hunderttausend Anhänger, von allen Landesteilen wurden KANU-Aktivisten nach Nairobi gekarrt. Mein großem Pomp wurde alles aufgeboten, was traditionell zur Demonstration der Macht und zum Zeremoniell des großen Zampano gehört, Blaskapellen, Aufmärsche der Armee, Tanzgruppen etc.
Zur gleichen Zeit aber formierte sich im Uhuru Park im Stadtzentrum überraschend eine Gegenveranstaltung. Ex-KANU-Politiker, die von Moi in den letzten Wochen gefeuerten Minister, selbst Vizepräsident Prof. Georg Saitoti war da. Völlig unerwartet wurde dem staunenden Volk eine Super- Koalition mit allen Oppositionsparteien präsentiert und in den Reihen dieser neu gegründeten geballten politischen Kraft standen Männer und Frauen, die man eigentlich im Kasarani-Stadium wähnte! Kabinettminister und viele andere Fahnenträger aus der Moi-Riege sind ausgestiegen, haben sich der Opposition angeschlossen, die Welt geriet aus den Fugen!
Im Uhuru-Park zählte man an diesem Tag weit über 100.000 Menschen, die sich einfach nur in den Armen hielten, sangen und jubelten. Moi predigte währenddessen vor ziemlich leerem Haus, ca. 40.000 waren es nur und böse Zungen behaupten sogar, daß mindestens ein Viertel der "Moi-Treuen" nur wegen und gegen Bezahlung der Veranstaltung beiwohnten.
Doch es sollte noch schlimmer kommen für Moi: Als am Mittwoch das Parlament wieder tagte, jedes Mitglied seinen angestammten Platz eingenommen hatte, bat vor Eröffnung der Debatten ein KANU-Mann den Sprecher um 5 Minuten Pause, dieser gewährte die Bitte und zu seinem völligem Entsetzen erhoben sich mehr als ein Drittel der anwesenden KANU-Parlamentarier geschlosssen von ihren Sitzen und wechselten gemeinsam zu den Bänken der Opposition. Dort wurde es ziemlich eng, doch wurden die Neuankömmlinge mit rauschendem Beifall und standing ovations begrüßt.
Kenia ist buchstäblich aus dem Tritt gekommen, die politische Landschaft ist nicht mehr wiederzuerkennen. Moi glaubt immer noch, daß alles nur ein böser Traum sei. Noch vor einigen Wochen hatte er jede Gegenveranstaltung mit Polizeigewalt auflösen lassen, hatten seine Privatarmeen jede Art von Oppositionsbewegung mit brutaler Gewalt niedergeknüppelt. Es hat den Anschein, als ob ihm die Situation aus den Händen geglitten ist. Er steht nun fast alleine da mit all der vielen Macht. Was nun ?
Am 23.10. wurde die NATIONAL ALLIANCE RAINBOW COALITION (NARC) offiziell vorgestellt, sie ist nun als Partei legalisiert, zieht als eine geschlossene Fraktion in die Wahlen. Und einer hat jetzt ganz sicher kalte Füsse bekommen, Uhuru Kenyatta. Er, der erst vor kurzem aus dem Nichts ans politische Licht gezogen wurde, muss plötzlich erkennen, daß es schlecht bestellt ist um den vermeintlichen "todsicheren Sieg" als neuer Präsident Kenias.
Denn es folgte ein noch größerer Schock gleich auf dem Fusse:
Die neue NARC-Partei hat selbstverständlich auch einen Kandidaten nominiert und hat eine unerwartet weise Entscheidung getroffen. Man entschied sich für einen Mann, der seit vielen Jahren in der Politik tätig ist, somit viel Erfahrung hat und bereits seit Jahren von Moi und KANU abgerückt war. Mwai Kibaki kämpft seit Jahren in der Opposition gegen das diktatorische Moi-Regime, seine Glaubwürdigkeit steht somit außer Frage, seine Sachkompetenz hat er unzählige Male unter Beweis gestellt, es gibt keine dunkle Schatten auf seiner Karriereweste, keine Korruptionsaffairen oder ähnliches, er ist schlichtweg der Idealkandidat.
Jetzt kommt gleich noch das Salz in der Suppe (oder in die Wunden Uhuru's?): Mwai Kibaki gehört wie Uhuru selbst dem Kikuyustamm an. Clever haben sie das wirklich eingefädelt, die Leute von der Regenbogen-Truppe, denn die Kikuyus sind der größte Stamm in Kenia, haben die meisten stimmberechtigten Wähler im Land und diesen Vorteil hatte Uhuru schon ganz auf sein eigenes Konto verbucht.
Noch glauben es die Menschen nicht so ganz, noch ist man vorsichtig mit der Hoffnung, noch hat man die alte, tief sitzende Angst vor Moi. Man kann noch nicht vergessen, wie viele Menschen umgebracht oder gefoltert wurden, nur weil sie nicht mit Moi einverstanden waren. Man traut sich noch nicht, sich öffentlich zu freuen, doch täglich wächst die Zahl derer, die sich der neuen Kraft anschließen. Geschlossen wechseln Landräte mitsamt ihrer Mannschaft, Bürgermeister mit allen Stadträten ins neue Lager.
Der Wahltag ist immer noch nicht verkündet, Moi beansprucht das Recht für sich alleine, diesen Termin zu bestimmen. Wann immer es sein wird, er sollte sich dieses Mal auf seinen endgültigen Niedergang einstellen. Viele ausländische Diplomaten haben sich bereits öffentlich auf die Seite der Opposition gestellt, sich klar gegen Moi bekannt. Auch der deutsche Botschafter sagte Mwai Kibaki und seinen Mannen größtmögliche Unterstützung zu, sollte dieser die Wahlen gewinnen.
Bleibt die Gretchenfrage offen: Wie reagiert Moi auf diese Entwicklung? Wird er kampflos das Feld räumen? Welche Möglichkeiten bleiben ihm und was erwartet ihn nach einem evtl. totalen Verlust der Macht? Nun hatte er sich das alles so schön ausgedacht, er lässt Uhuru Kenyatta den Stab schwingen, während er von hinten die Fäden zieht und dafür gleichzeitig gegen jegliche Widrigkeiten abgesichert ist, denn eines ist sicher: Mit einem Wechsel der Macht wird er sich verantworten müssen, wird er Kenia und der Welt erklären müssen, warum er zu den reichsten Männern der Welt gehört und wieso er sein Land in Elend und Armut geführt hat.
Insider erwarten von ihm und seinem kläglichen Rest von Getreuen einen letzten Verzweifelungsakt, entweder einen stumpfen, Wahlbetrugsversuch oder eine organisierte Gewaltaktion, wobei er sich in beiden Fällen nicht mehr sicher sein kann, ob die vermeintlichen Verbündeten Loyalität bezeugen oder einfach nur gegen Cash seine Befehle entgegennehmen, sie aber nicht mehr ausführen.
Daniel Toroitich Arap Moi hat ausgespielt, soviel denke ich, kann man heute schon sagen. Er ist so sehr an sein totalitäres, brutales Herrschersein gewöhnt, daß er vermutlich als einziger noch nicht begriffen hat, daß er verloren hat.
"Winds of Change" heißt der Song, den die Gruppe "Scorpions" damals 1989 produzierte, als in Deutschland die Mauern fielen und die Menschen der ehemaligen DDR die langersehnte Freiheit erkämpften. Ich hätte nie gedacht, daß ich diese Stimmung noch einmal so intensiv erleben würde wie damals.
Ich wünschte mir, daß man den Menschen mehr Mut machen könnte. Ich wünschte mir die Lichterketten von damals und Hoffnungsträger, damit die Menschen in Kenia ihre Angst überwinden und mutig in eine neue demokratische Zukunft blicken könnten.
Nachtrag:
Endlich ist der Wahltag bekantgegeben worden: Am 27. Dezember 2002 wählt Kenia einen neuen Präsidenten, ein neues Parlament und Vertreter der Kommunen.
Die Wellen schlagen hoch, fast täglich wechseln weitere Politiker und Volksvertreter zur Opposition über. Man könnte Moi fast bedauern, denn seine Reihen lichten sich mehr und mehr, selbst die eigene Verwandtschaft hat die Gesinnung gewechselt. Er hat sichtlich Mühe, all die leeren Stühle und Positionen zu besetzen. Zwei seiner Söhne kandidieren wohl eher aus der Not heraus für Parlamentssitze, denn die Kandidaten der KANU-Partei sind knapp geworden.
Und im Eifer des Gefechts macht Daniel T. Arap Moi immer mehr und immer gravierendere Fehler. So hat er z.B. einfach ohne Vorwarnung das Parlament aufgelöst, lt. der derzeit gültigen Verfassung des Landes hat er alleinige Entscheidungsgewalt. Die Verfassung sieht sogar eine solche Auflösung 2 Monate vor den Wahlen vor.
Gleichzeitig hat er aber vorgestern einen neuen Vize-Präsidenten ernannt, mehrere verwaiste Ministerposten neu besetzt, wozu fragt man sich, denn ohne Parlament macht das wenig Sinn. Die Kommission zur Verfassungsreform hat er ebenfalls als aufgelöst erklärt, wozu er in diesem Falle nicht berechtigt ist, doch darauf kommt es wahrscheinlich nicht mehr an. Eine neue Verfassung wird Kenia jetzt vor den Wahlen sicherlich nicht bekommen, doch scheint es, als ob das Volk nur noch ein Ziel hat: weg mit Moi, weg mit KANU, mit oder ohne Verfassung, einfach nur weg.
10.12.2002 Fortsetzung:
Sicher erinnert Ihr Euch noch an "Winds of Change"? Es begann so hoffnungsvoll, so kraftvoll und dynamisch, die NATIONAL ALLIANCE RAINBOW COALITION (NARC) entwickelte sich zu einem nie dagewesenen Hoffnungsträger für Demokratie und Entwicklung im Land.
Entwicklungen hat es wieder viele gegeben, doch haben mich die meisten davon eher wütend gemacht. Es ist unvorstellbar, wie die Kenianer Politik verstehen. Für die meisten bedeutet ein politisches Amt nicht mehr und nicht weniger als GELD, und das will jeder haben, und zwar um jeden Preis.
Vor 2 Wochen wurde der Wahlkampf offiziell eingeläutet, das bedeutet, die Wahlkreise wählen ihre Kandidaten für das Parlament und die zivile Verwaltung. Für die beiden großen Parteien im Wahlkampf, also NARC und KANU galt es, aus jedem Bezirk einen Vertreter zu benennen, der dann am 27.12.02 zur Wahlentscheidung steht.
Und da fing der ganze Ärger an. Pro Wahlkreis gab es anfangs durchschnittlich über 20 Aspiranten pro Partei, jeder kam mit einem Tross von Anhängern. Von allen Ecken des Landes wurden gewalttätige Ausschreitungen gemeldet, in harmlosen Fällen stach man "nur" die Autoreifen des Rivalen platt, doch auch Todesfälle gab es zu beklagen. Es fällt mir schwer, diese Mentalität zu beschreiben, denn ich kann sie selbst nicht nachvollziehen. Ich werde jetzt einfach mal versuchen, mit dem Afrikanischen Teil meines Hirns die Situation darzulegen:
Nehmen wir an, ich sei ein KANU-Anhänger und möchte dringend ins Parlament, dann brauche ich einfach nur Geld und ca. 100 Halbstarke, dann ziehe ich in den Wahlkampf. Meine Jungs schicke ich zu Kundgebungen oder Versammlungen, die von meinem eigenen KANU-Kollegen (der ja auch Konkurrenz ist) abgehalten werden, dort lasse ich sie randalieren. Vorher streute ich noch ein paar Bemerkungen, forderte Polizeischutz, denn mein Gegner von der Opposition hätte mir den Kampf angesagt.
Folge: Da man den Jugendlichen nicht ansieht, wer sie geschickt hat, nimmt man an, die Leute von NARC hätten Gewalt im Wahlkamp praktiziert, sie kriegen vom Landeswahlleiter eine Abmahnung und der gute Ruf hat eine Macke. Alles ist voller Tricks, Gewalt und Korruption. Aus allen Landesteilen kommen Meldungen, daß die Möchte-Gern-Zukunft-Volksvertreter durch ihre Wahlbezirke reisen um Stimmen zu fangen. In Kenia fängt man diese einfach nur mit Geld. Es gab einige Eskalationen, Anhänger forderten nach Ende der Kundgebung lautstark ihren Obolus. Dies gilt im Übrigen für beide politischen Lager, denn das Volk ist leider das gleiche.
Besonders erschüttert hat mich ein Bericht aus einer Secondary-School in der Nähe von Nairobi, dort hielt ein Vielleicht-Parlamentskandidat eine Wahlkampfveranstaltung ab und der gesamte Lehrkörper verkündete öffentlich, daß sie gegen Zahlung von 1000 Schillingen pro Lehrer ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen würden.
Weiterhin gibt es jeden Tag neue Meldungen über illegalen Ankauf von Wahlscheinen, unfassbar wie viele Menschen bereit sind, ihre Stimmberechtigung gegen Geld zu verkaufen. Je nach Region erhält der Verkäufer zwischen 100 und 500 Schillinge, im ärmsten North-Eastern-Gebiet zahlt man nur lausige 20 Schillinge für eine Karte.
Man spürt die pure Verzweiflung bei den Regenbogen-Leuten, denn was jetzt geschieht, ist mit Worten fast nicht zu beschreiben. Alle wollen in die Politik, dafür ist jedes Mittel recht. Da aber nur je Wahlkreis je Partei ein Kandidat nominiert werden kann, hat sich in den eigenen Reihen ein enormes Hasspotential aufgebaut. Die Bürger der jeweiligen Kreise wählten die Kandidaten, doch kaum einer akzeptierte seine Niederlage. In den Büros der NARC und KANU Partei kam es ebenfalls zu blutigen Zwischenfällen, ausgelöst durch Verlierer, die den Gewinner des Betruges beschuldigten und eine Umbenennung zu ihren Gunsten erzwingen wollten. Man hackt sich gegenseitig die Augen aus, nur um ein Stück vom großen Kuchen zu ergattern.
Die Bürger Kenias verstehen Politik anders, Politik heißt Macht, Macht heißt Geld, Geld wird es regnen für den, der gewinnt. Und rechtzeitig zur heißen Phase der Nominierungen veröffentlichte die Tageszeitung "Nation" eine Bericht und Übersichtstabellen mit den politischen Gehältern. Unter anderem steht da, daß jedem neu gewählten Mitglied des Kenianischen Parlaments sofort ein Betrag von 3,3 Mio KSH (ca. 50.000 EUR] zum Erwerb eines standesgemäßen Fahrzeugs ausgezahlt werden wird.
Ich bin sehr traurig über die jüngsten Entwicklungen, denn man muss sich einfach eingestehen, daß die Mehrheit des kenianischen Volkes keinen Wert in Demokratie sieht, Veränderungen im Lande sind nicht wichtig, das mögliche Ende einer Diktatur hat keinen Stellenwert für Menschen, die sich seit 40 Jahren an Armut und Demut gewöhnt haben. Geld oder Demokratie? Geld ist die kenianische Antwort.
Wir werden mit unserem europäischen Denken diese Mentalität wohl nie verstehen lernen, doch denke ich, ein Mensch der nie auch nur ein Fahrrad besaß, der nie in mehr als einem Zimmer wohnte, der noch nie einen 1000 Schilling-Schein in der Tasche hatte, setzt andere Maßstäbe. Ich habe in den letzten Wochen akzeptieren müssen, daß für die Menschen in Kenia freiheitliche und demokratische Grundrechte nur dann Priorität haben werden, wenn der Hunger gestillt ist.
Wie die Wahlen ausgehen? Unter Abwägung aller mir bekannten Hintergründe und Fakten wage ich eine vorsichtige Prognose zugunsten von NARC. Ich habe allerdings in den letzten Wochen lernen müssen, wie unberechenbar das Volk ist, also sollten wir trotzdem für Überraschungen offen sein.
30.12.2002 Newsletter Spezial: Liebe Freunde, es ist geschafft:
Kenia hat einen neuen Präsidenten.
Er heißt MWAI KIBAKI und seine Partei NARC.
Die Regenbogen-Truppe hat die Wahlen gewonnen!
Die Zeit für Kenia zwischen Bangen und Hoffen ist vorbei. Das Wahlergebnis ist unerwartet klar, fast überwältigend: Mwai Kibaki erhielt ca. 63%, sein Gegenkandidat Uhuru Kenyatta nur magere 30%, lt. vorläufigem Endergebnis haben 3,5 Millionen Kenianer für Kibaki und nur 1,7 Millionen für Uhuru gestimmt. Möglicherweise werden noch kleine Korrekturen an diesen Zahlen vorgenommen, denn die Zweitzählung ist noch im Gange, trotzdem wird den Leuten von der Regenbogen-Partei diesen grandiosen Sieg keiner mehr nehmen können. Ein Resultat wie es klarer nicht sein kann, eine Wahl wie sie noch niemals zuvor in Kenia erlebt wurde.
In den letzten Tagen und Wochen vor dem Wahltermin war die Stimmung im Land fast hysterisch, Angst und Panik hing unterschwellig in der Luft, was passiert, wenn Moi und seine Gefolgsleute in die Trickkiste greifen? Man befürchtete alles, Manipulationen, Betrug, provozierte Anschläge, gekaufte Randalierer. Eigentlich hatte man einfach nur Angst davor, wieder einmal "Opfer" zu sein, würde man wieder einmal, wie schon so oft, in letzter Minute enttäuscht? Zu oft hatte man ehrliche Hoffnungen genährt und zu oft wurden diese auf brutalste Weise zerstört. Unzählige Male wurde Otto-Normal- Kenianer betrogen, um seine Rechte, um seine Ehre, um sein Geld, um seine Zukunft.
"Ein Land ist erwachsen geworden" schrieb heute eine große deutsche Zeitung und das trifft nach meiner Meinung den Charakter dieser Wahl am besten. Es fanden friedliche Wahlen statt, das ist für mich das unerwartetste überhaupt. Die Menschen gingen ruhig und aufrecht zur Urne, ohne blabla und große Gesten. Man gab seine Stimme ab, selbstbewusst und bereit, sich dem Schicksal zu ergeben, wie auch immer es kommen mag. Es war als ob landauf und landab über Nacht in den Menschen ein neues Bewusstsein erwacht war, der Gedanke, daß es ja eigentlich nicht noch schlimmer werden könne, gab Mut und Kraft.
In allen Wahllokalen in Kenia fanden sich schon am Vortag Menschen ein, die für sich selbst beschlossen hatten, die Wahl selbst, die Wähler und die Stimmen zu schützen. Das klingt merkwürdig? Sicherlich eine utopische Idee für einen modernen, demokratie-gewohnten Westeuropäer. Als Kenianer ist man erfahren mit Korruption und Betrug aller Arten, deshalb ging die Parole um, daß man seine demokratischen Rechte am besten selbst und persönlich schützt, also bewachten viele Menschen die Wahllokale, manche harrten mehr als 72 Stunden aus. Man hatte sich sozusagen selbst verpflichtet, die ordentliche, faire und friedliche Wahl in eigene Hände zu legen, nur denen kann man in Kenia noch vertrauen.
Der gesamte Wahlablauf wurde von vielen Argusaugen überwacht, man wollte sicherstellen, daß keiner zweimal ging, kein Zwang oder Druck auf Wähler ausgeübt wurde, daß keine Stimmen "gekauft" wurden. Bis hin zur Auszählung der letzten Stimmzettel blieben die Menschen bei ihrer Wahl, hielten eisern Wache. Und siegten. Endlich!
Es ist nicht einfach, die Stimmung zu beschreiben, die jetzt in Kenia herrscht. Nicht eine Partei hat gesiegt, nicht Mwai Kibaki hat gesiegt, nein, WIR haben gesiegt, das Volk empfindet es als persönlichen Sieg. Jeder hat seinen Beitrag dazu geleistet, jeder hat einen Schritt mehr gewagt als früher, jeder hat mehr Mut bewiesen als in den Jahren zuvor, direkt oder indirekt fühlt sich fast jeder Kenianer heute als Wahlsieger und ist stolz. Stolz auf sich selbst in erster Linie, stolz auf seinen eigenen persönlichen Beitrag zur Absetzung von KANU und Moi, stolz auf Mwai Kibaki und die Leute, die mit ihm den schweren Weg gegangen sind.
Dies wird auch sehr deutlich, wenn man sich die Einzelergebnisse in den Wahlkreisen betrachtet, auch dort stürzten die Noch-Moi-Anhänger in Abgründe. Viele von ihnen standen als Parlamentsabgeordnete zur Wiederwahl, doch fielen sie mit Pauken und Trompeten durch. Ganz klar wird es bei einigen Männern, die in der Moi-Regierung Top-Positionen hatten, selbst der erst kürzlich neu nominierte Vizepräsident Musalia Mudavadi unterlag in seinem Wahlkreis haushoch dem Kandidaten der NARC-Partei und ist somit "weg vom Fenster".
Eine ganz große persönliche Freude war für mich der Wahlsieg von Najib Balala in einem sehr wichtigen Wahlkreis in Mombasa. Vielleicht ist einigen von Euch der Name ein Begriff. Herr Balala war 1999/2000 für kurze Zeit der Oberbürgermeister von Mombasa, brachte unendlich viele Neuerungen und Verbesserungen für die Stadt und ihre Bürger, brachte korrupte Beamte aus allen Verwaltungsbüros vor den Kadi und kam deshalb mit Moi ins Gehege, der sicherlich seinen Obolus aus all diesen Bestechungs- und Erpressungspraktiken erhielt. Moi setzte Balala über Nacht ab und löste eine Welle der Empörung in Mombasa aus. Die Bürger Mombasa's lieben Najib Balala und als er sich im November der Regenbogenpartei anschloss, brach großer Jubel aus, doch hatten viele Menschen auch Angst um sein Leben.
Er hat gesiegt, und wie: er schlug seinen Gegenkandidaten, den ehrwürdigen Minister im Amt des Präsidenten Sharrif Nassir mit fast 17.000 Stimmen gegen 2.200 Stimmen aus dem Rennen. "Winds of Change" erinnert Ihr Euch?
Ja, Kenia am 29. Dezember 2002, ein denkwürdiger Tag. Eine friedliche Wahl hat einem völlig heruntergewirtschafteten Land einen neuen Präsidenten gebracht. Er ist ein kluger Mann, ein erfahrener und diplomatischer Politiker. Sein Gegenspieler Uhuru Kenyatta gab eine Pressekonferenz und beglückwünschte den Sieger, er wirkte gefasst und geschlagen. All seine Millionen konnten ihm nicht helfen, auch das ist denkwürdig, denn in Kenia hat bisher immer das System gewonnen "wer das Geld hat, kriegt die Macht"
Daniel Toroitich Arap Moi wurde heute mit einem zackigen militärischen Zeremoniell aus dem Amt in den wohlverdienten Ruhestand entlassen. Er stand auf dem Podest mit unbewegter Miene, das unvermeidliche Stöckchen krampfhaft in der Linken. Zu bereuen habe er nichts, sagte er einem Journalisten. Der gestürzte Diktator bewahrte Haltung, zeigt keinerlei Gefühlsregung. 24 Jahre hat er Kenia ausgebeutet, seine Taschen und Konten gefüllt, die Menschen unterdrückt, gefoltert und betrogen.
Morgen am Montag den 30. Dezember 2002 wird Mwai Kibaki als dritter Präsident Kenias vereidigt, eine große offizielle Feier findet in Nairobi statt. Schon seit gestern tanzen und singen die Menschen überall in den Dörfern und Städten in Kenia. Riesengroße Freude herrscht im Land, die Menschen fühlen sich von einer tonnenschweren Last befreit.
Eine Frau wurde von einem deutschen Reporter in Nairobi befragt und sagte "wir wollen keine Rache, wir wollen eine Zukunft". Das bringt es genau auf den Punkt:
Kaum einer findet es wichtig, Rache an Moi zu nehmen oder ihm den Prozess zu machen, jeder will nach vorne, keiner nach hinten blicken. Zu viele Perspektiven eröffnen sich, Zukunftsvisionen haben sie alle und finden, es verschwendet noch mehr der kostbaren Zeit, sich auf vergangene Dinge zu konzentrieren.
Die Ärmel hochkrempeln und mit großen Schritten in die Zukunft gehen. In eine bessere Zukunft, frei und demokratisch, raus aus dem Elend und der Armut, weg von der Not und der Ungerechtigkeit. Überall blickt man in hoffnungsvolle Gesichter, Tränen der Freude laufen den Menschen übers Gesicht, es ist ergreifend und so gut verständlich.
Vor Mwai Kibaki liegt eine schwere Aufgabe. Die Kassen sind leer und die Erwartungen sehr hoch. Ich habe mir überlegt, womit ich wohl beginnen würde, hätte ich dieses Amt bekommen und muss gestehen, die Antwort darauf ist sehr schwierig. Die korrupten Regierungsbeamten sollten ziemlich oben auf der Liste stehen, freie Schulbildung und Gesundheitsversorgung ebenfalls, Infrastrukturma§nahmen und Bekämpfung der Kriminalität sind gleichermaßen wichtig. Womit, der Staat ist sehr hoch verschuldet?
Ein Zeichen der Hoffnung hat sich bereits aufgetan: Die Europäische Union hat heute der neuen Regierung Kenias die Wiederaufnahme der Wirtschaftshilfen mitgeteilt, bereits schon während des Wahlkampfes signalisierten viele westliche Länder finanzielle Unterstützung, falls die Opposition an die Macht käme.
Die zahlreichen ausländischen Wahlbeobachter waren sehr beeindruckt von der Ruhe und Disziplin der Kenianer während der Wahlen. Sie sprachen höchstes Lob aus, bewerteten die Wahl als fair und demokratisch und gratulierten den Kenianern zu einer "Meisterleistung". Mwai Kibaki dankte ihnen für ihre Hilfe und die Sicherheit, die sie durch ihre Anwesenheit den Menschen gaben. Er bat um Vertrauen in ihn und seine Politik, er wolle Kenia in eine lebenswerte Zukunft führen und dazu brauche das Land Freunde.
Ich möchte noch ein letztes Mal aus einer deutschen Pressemitteilung zitieren:
"Die Kenianer haben sich durch diesen außergewöhnlichen und lobenswerten Wahlverlauf großen Respekt und das Vertrauen der Welt verdient. Sie haben uns bewiesen, daß sie Verantwortung tragen können und ernst genommen werden dürfen. Wir sollten ihren Mut, gegen den Patriarchen Moi aufzustehen, würdigen und ihre außergewöhnliche Demokratieleistung mit aller Kraft unterstützen."
04.02.2003 Newsletter Spezial: Kenia nach den Präsidentschaftswahlen
Die neue Regierung ist seit 2. Januar in Amt und Würden. Mir war unvorstellbar, wo Mwai Kibaki mit der Arbeit anfangen würde, denn zu viele Missstände gibt es zu verbessern, zu viele Hoffnungen lasten auf seinen Schultern.
Jetzt müsste ich eine endlos lange Liste aufzählen, was sich bisher bereits in der Verwaltung und im Land getan hat, was alles auf den Weg gebracht wurde. Ebenso sollten Sie erfahren, welche tragischen Ereignisse die junge Regierung und die Bevölkerung erschütterten.
Durch einen Flugzeugabsturz verloren vorletzte Woche ein Minister und zwei Piloten das Leben. Der frisch gebackene Präsident lag einige Tage im Krankenhaus. Er hatte im Dezember einen mysteriösen Autounfall während des Wahlkampfes, wurde in England operiert und hat im Rollstuhl die Wahl gewonnen. Nun gab es Komplikationen, Thrombosegefahr, ein Blutgerinnsel musste entfernt werden. Er hat sich zwischenzeitlich erholt und kann wieder arbeiten.
Allen Hindernissen zum Trotz läuft es gut, vor allem die Korruption nimmt ab. Ein hoher Richter wurde wegen Bestechung verhaftet, steht jetzt selbst vor Gericht, gleiches geschah mit mehreren höheren Verwaltungsbeamten und Polizisten. Bezeichnend für das neue Selbstbewusstsein im Land ist vielleicht folgende kleine Geschichte:
Ein vollbesetztes Matatu wurde in den Strassen von Nairobi in bekannter Manier von einem Verkehrspolizisten angehalten, üblicherweise hat der Fahrer einfach nur seinen Obolus zu entrichten und kann weiterfahren. Dies war langjährige Praxis überall im Land, die Kette der Korruption in der Polizei zog sich durch bis zu den ranghöchsten Offizieren, jeder hat kassiert.
Weigerte man sich, das verlangte Geld zu zahlen, wurde sofort das Fahrzeug konfisziert, eine Anzeige wegen Geschwindigkeitsübertretung, Beamtenbeleidigung o.ä. konzipiert oder noch schlimmer, Drogen wurden untergeschoben. Der Fahrer landete unweigerlich in den Fängen der Justiz, die Mühle fing dann von vorne an, wieder Bestechungsgelder etc.
Jetzt aber ließen sich die Fahrgäste das nicht mehr gefallen, als der Fahrer dem Polizisten den Geldschein in die Hand schob, stiegen alle aus, verlangten das Geld zurück. Als dieser in gewohnt arroganter Manier drohte, alle zu verhaften, hielten ihn einige fest, man rief über Handy das Polizeihauptquartier an und der liebe Kollege wurde nun selbst abgeführt. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten. Es war für viele sicherlich eine lehrreiche Warnung.
Viele Reformen hat die neue Regierung auf den Weg gebracht, ausländische Staaten und Organisationen wollen ihre Hilfen an Kenia wieder einsetzen, einige haben es bereits getan. Das Kinderhilfswerk UNICEF hat schon im ersten Monat Mittel für die geplante freie Schulbildung zur Verfügung gestellt, bald wird es hoffentlich kein Schulgeld mehr in Kenia geben. Gespräche mit Investoren werden geführt, die Verfassungsreformarbeit wurde wieder aufgenommen und sehr viele Maßnahmen zur Korruptionskontrolle eingeführt. Eine der wichtigsten Entscheidung in diese Richtung ist der vorläufige Stop aller Landtransaktionen, in den ersten 3 Monaten des Jahres 2003 dürfen die Grundbuchämter keinerlei Eintragungen vornehmen, zuerst will die neue Regierung mit den korrupten Landskandalen der Vergangenheit aufräumen.
Sicherlich wird noch einige Zeit verstreichen, bis die so lange ersehnten Fortschritte im Land sichtbar sein werden, doch viele kleine Weichen sind bereits gestellt. Und bekanntlich beginnt man einen langen Weg mit dem ersten Schritt. Ich möchte mich der Optimismus-Statistik anschließen.
Von Marliese Weimer
http://www.ostafrika.de/news
Salzburger Nachrichten
24.12.2002
Einer der "großen Fünf" von Afrika zieht sich zurück: Nach nahezu einem Vierteljahrhundert gibt der kenianische Präsident Daniel arap Moi nach den Wahlen am 27. Dezember sein Amt ab. Der 78-Jährige, der nach Gnassingbe Eyadema (Togo), El Haj Omar Bongo (Gabun), Muammar el Gaddafi (Libyen) und France Albert Rene` (Seychellen) dienstältester Staatschef Afrikas ist, will mit einem friedlichen Wechsel in dem ostafrikanischen Land ein Zeichen für die ganze Region setzen. Moi, der als Rentner Friedensvermittler werden möchte, lässt ein völlig heruntergewirtschaftetes Land zurück.
Bis zum Schluss regierte der hoch gewachsene Mann mit den hellen, stechenden Augen und der tiefen Stimme mit eiserner Faust. Der vom Läufervolk der Kalenjin stammende Ziegenhirte boxte sich vom Grundschullehrer zum Vizepräsidenten und schließlich nach dem Tode seines Vorgängers Jomo Kenyatta zum kompromisslosen Alleinherrscher empor. "Zugute muss man ihm halten, daß er das Land mit 42 Stämmen vereint hielt, ohne daß jemals ein Krieg von unserem Boden ausgegangen ist", meint der kenianische Politologe Mutahi Ngunyi.
Tatsächlich gelang es Moi, sein Land auf Friedenskurs zu halten, während rundherum in Ländern wie Somalia, Äthiopien oder dem Sudan Konflikte tobten. Der Häuptling mit dem versilberten Elfenbeinzepter machte Kenia für viele internationale Organisationen zu einem Hort der Stabilität.
Trotzig stemmte sich der Präsident den westlichen Gebern entgegen. Sie forderten eine demokratische Öffnung Kenias. Doch es gebe mindestens zwei Arten von Demokratie, beschied Moi seinen Kritikern: die westliche, die für Afrika mit seiner Tradition der fast gottähnlichen Stammesfürsten und seiner ethnischen Zerstrittenheit einfach unbrauchbar sei, und die "afrikanische", die darauf beruhe, daß ein weiser Führer für Ausgleich sorge.
Zunächst sorgte Moi jedoch für sich selbst und seine sieben Söhne. Er und seine Regierungsclique plünderten die Staatskassen skrupellos, ob mit Hilfe von Scheinfirmen, dem Griff in die Rentenkassen oder dem Verschleudern staatlicher Liegenschaften. Kritiker wurden zum Schweigen gebracht, notfalls ermordet.
Während er sein Land immer ärmer machte, wurde Moi einer der reichsten Männer der Welt. Nach Schätzungen unterschlug er so viel Geld, daß er die 7 Mrd. US-Dollar Auslandsschulden hätte begleichen können.
Unter dem Druck des Westens ließ er 1992 Mehrparteienwahlen zu. Der "Mzee", der alte Mann, wie er von seinem Volk genannt wird, behielt jedoch stets das letzte Wort, das im Laufe der Jahre mitunter immer wundersamer klang. So erklärte er während eines Frauenseminars in Nairobi "warum ihr Frauen es nicht zu etwas Größerem bringt: Ihr habt kleinere Gehirne".
Nach zwei gewählten Regierungsperioden muss sich der zweite Präsident Kenias nun zur Ruhe setzen. Seine Zeit werde er nutzen, um Kriege in Afrika zu beenden, erklärte Moi, als er zum letzten Mal zum Nationalfeiertag am 12. Dezember sprach. Der alte Mann wird am Ende sentimental. "Ich vergebe allen, die mich beleidigt haben", sagte er. "Und falls ich etwas gesagt habe, das jemandes Herz verletzt hat - vergebt mir."
Von ANTJE PASSENHEIM
Süddeutsche Zeitung
27.12.2002
Mwai Kibaki residiert in einem noblen Vorort Nairobis, in einer alten Villa aus der Kolonialzeit. Er ist 71 Jahre alt und sitzt in einem dick gepolsterten Korbstuhl im Garten. Mit seiner siebenjährigen Enkelin Joy zur Seite wirkt er wie ein netter Großvater und nicht wie einer, von dem sich Millionen Kenianer eine bessere Zukunft versprechen. Kibaki ist der Kandidat der Opposition bei der Präsidentenwahl in Kenia, und schon in ein paar Tagen könnte er der neue Staatschef sein. Jetzt trägt er ein sehr buntes Hemd und eine graue Hose, der linke Fuß steckt in einem Lederpantoffel, und das rechte Bein ist bis unters Knie eingegipst. Es werde wohl etwas dauern, sagt er, bis er sich von seinem Autounfall erholt habe, "aber dann werden Sie mich wieder Golf spielen sehen".
Golf spielen, über diesen Witz lacht er selbst am meisten. Denn jeder weiß, daß ihn die wenigsten Kenianer Golf spielen sehen wollen. Er soll Daniel arap Moi ablösen, den Mann, der den einstigen Musterstaat Ostafrikas zugrunde regiert hat und nun, nach 24 Jahren, die Macht abgibt. Neben dem Präsidenten werden ein neues Parlament und neue Kommunalvertretungen gewählt, und allein die Tatsache, daß sich Moi an die Verfassung hält und nicht mehr antritt, gilt als sein größtes Verdienst. Was er hinterlässt, ist ein marodes Land, in dem Korruption, Misswirtschaft und Machtmissbrauch fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens dominieren.
Moi ist einer der letzten so genannten Big Men Afrikas, einer derjenigen Herrscher, die sich ihre Macht und ihren Reichtum mit Unterdrückung und Gewalt und dem Ausverkauf des Landes gesichert haben. "Alles ist möglich ohne Moi", ist der Slogan der Opposition, und kein Satz könnte die Stimmung der Menschen besser treffen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit 1963 droht Mois Regierungspartei Kenya African National Union (Kanu) eine schwere Niederlage.
Es waren wohl mehrere hunderttausend Menschen, die Kibaki vor zwei Wochen einen Triumphzug bereiteten. Er musste nach seinem Autounfall Anfang Dezember in London behandelt werden, und als er nach Nairobi zurückkam, säumte ein Menschenmeer die Straßen. Es war die größte politische Demonstration, die es seit den Unabhängigkeitsfeiern gegeben hatte. Alle Meinungsumfragen sehen Kibaki vorne, teilweise um bis zu 40 Prozentpunkte. Sein größter Konkurrent ist der 42-jährige Uhuru Kenyatta, der Sohn des Staatsgründers Jomo Kenyatta. Dessen Nominierung hat die Regierungspartei Kanu gespalten. Moi will ihn als Nachfolger, weil er sich von ihm Schutz verspricht vor möglichen Anklagen wegen Korruption und politischer Verbrechen, den gleichen Gefallen hat er den Kenyattas getan, als er 1978 an die Macht kam. Auch die erste Präsidentenfamilie hatte sich schamlos bereichert.
Doch Moi hat sich verrechnet. Dutzende Regierungs- und Parteimitglieder liefen aus Protest gegen den politisch unerfahrenen Kenyatta zur Opposition über. Zum ersten Mal auch ist es Moi nicht gelungen, seine Gegner zu spalten. Früher hat er entweder ethnische Konflikte geschürt oder die gefährlichsten Konkurrenten gekauft, so daß die Opposition stets zersplittert war. Diesmal aber haben sich 13 Parteien zur Nationalen Regenbogen-Koalition zusammengeschlossen und nur einen Kandidaten aufgestellt – Kibaki. Trotzdem ist er nicht der mächtigste Mann der Opposition.
Das ist sein Verbündeter Raila Odinga, der Führer der zweitgrößten Volksgruppe Kenias, der Luo. Und dieser macht kein Geheimnis daraus, daß er selbst die Macht anstrebt, am besten als starker Premierminister unter einem schwachen Präsidenten Kibaki. Dazu aber müsste erst die Verfassung geändert werden. Um sein Ziel zu erreichen, ist Odinga anscheinend zu allem bereit. Vor ein paar Tagen kündigte er an, mit Tausenden gewaltbereiten Anhängern den Amtssitz Mois zu stürmen, sollte bei der Wahl betrogen werden. Da aber auch Kenyatta von einer militanten Sekte unterstützt wird, könnte es nach den Wahlen zu Unruhen kommen.
Ein weiteres Problem Kibakis ist, daß sich in seiner Partei jetzt auch ehemalige, besonders berüchtigte Regierungsmitglieder befinden. Der langjährige Vize-Präsident George Saitoti zum Beispiel, der mehrere hundert Millionen Dollar unterschlagen haben soll und vor ein paar Monaten von Moi fallen gelassen wurde. Mit einer Anklage muss Saitoti nicht rechnen, denn jetzt finanziert er einen großen Teil der Wahlkampagne der Regenbogen-Koalition.
Kibaki redet in seinem Garten lieber über den bevorstehenden Aufstieg Kenias. Er glaube nicht an Unruhen, sagt er. "Die Menschen wollen einen friedlichen Übergang in eine bessere Zukunft." Das wichtigste Ziel sei, die Korruption zu beenden. "Wir kennen die Leute, die das meiste Geld stehlen, die müssen entfernt werden." Und auch die Hinweise, daß die Kanu massiven Wahlbetrug vorbereite, indem sie für ein paar Cent den verarmten Landbewohnern die Stimmkarten abkauft, nimmt der Kandidat scheinbar gelassen. "Die Kanu hat sich immer nur durch Betrug an der Macht gehalten, diesmal aber lassen wir uns nicht betrügen. Die Kenianer müssen einfach nur uns wählen."
Kenia war einmal eines der hoffnungsvollsten Länder Afrikas. Eines, das mit seinen Stränden und tierreichen Nationalparks Millionen Touristen anzog. Das Land verfügte über riesige Tee-, Kaffee-, Ananas- und Blumenplantagen, und es hatte eine vergleichsweise gut ausgebildete Bevölkerung. Mit diesen Voraussetzungen sah es vor 30 Jahren so aus, als ob die "Schweiz Afrikas" den Aufstieg schaffen könnte aus der Dritten Welt – hin zu einem führenden Wirtschaftszentrum Afrikas.
Der Traum ist jämmerlich geplatzt. Heute ist Kenia bankrott und für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds nicht mehr kreditwürdig. Schuld daran ist vor allem Präsident Daniel arap Moi mit seiner Clique. Sie haben Staatsbetriebe ausgeschlachtet, Steuer-, Renten- und Krankenkassen geplündert und ausländische Hilfszahlungen unterschlagen. Allein Mois Familie und sein engster Gefährte Nicholas Biwott gelten als so reich, daß sie die Auslandsverschuldung von sieben Milliarden Dollar allein bezahlen könnten.
Ein Dollar pro Tag zum Leben
Den meisten Kenianern aber geht es schlechter als vor 30 Jahren. Fast 60 Prozent der Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag, ebenso viele sind arbeitslos. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, nur zehn Prozent verfügen über einen Stromanschluss. Die Einschulungsquote ist von einst 95 auf 67 Prozent gefallen, weil sich immer weniger Eltern die Schulgebühren leisten können. Hinzu kommt Aids. Täglich sterben laut Regierung zwischen 500 und 700 Menschen, fast ebenso verheerend wirken Malaria und Tuberkulose. Am deutlichsten zeigt sich das Elend in den Slums von Nairobi, wo die Menschen dicht gedrängt in Wellblech- und Holzverschlägen oder unter Plastikplanen ihr Leben fristen. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen hat ergeben, daß 70 Prozent der knapp vier Millionen Stadtbewohner auf lediglich fünf Prozent der Siedlungsfläche hausen.
Dieses Elend ist aber auch ein Grund dafür, daß in den vergangenen Jahren etwas passiert ist, das relativ neu ist für ein afrikanisches Land. Es ist eine Zivilgesellschaft entstanden, eine Schicht gut gebildeter Menschen, die sich von der herrschenden Elite nicht mehr alles gefallen lassen will, eine bürgerliche Opposition, die Demokratie und Menschenrechte fordert und sich vor allem in den Medien Gehör verschafft. Eine ähnliche Entwicklung hat in Sambia dazu geführt, daß der ehemalige Präsident Frederick Chiluba abtreten musste und nun wegen Korruption angeklagt wird. Es gibt diese große Opposition auch in Simbabwe, nur lässt dort der Diktator Robert Mugabe seine Gegner einsperren, foltern und auch ermorden.
In Kenia ist es vor allem der Tageszeitung Daily Nation und der Wochenzeitung East African zu verdanken, daß die Regierung massiv kritisiert wird. Diese Freiheit haben die beiden Blätter dadurch, daß sie zum Imperium des Aga Khan gehören, der auch Millionen in die Ausbildung und in die Krankenversorgung der Kenianer investiert. Gegen diese Macht vorzugehen, wagt nicht einmal der autoritäre Moi.
Kritische Künstler
Außerdem gibt es immer mehr Künstler, die die Herrschenden lächerlich machen. Der Sänger Eric Wainaina stand im vergangenen Jahr mit einem Anti-Korruptions-Lied wochenlang auf Platzeins der Hitparade, derzeit ist es die Studentenband "Giddi-Giddi-Maji-Maji" mit "Ich bin nicht zu schrecken". Der Text erinnert an die Ermordung des Außenministers Robert Ouko, der 1990 erschossen wurde, weil er Korruptionsfälle aufdecken wollte. Und jeden Sonntag veralbert das Kabarett "Redykyulass!" (Lächerlich!) die Moi-Truppe im Fernsehen.
Sollten die Kenianer wirklich eine friedliche, freie und faire Wahl schaffen, dann hätte das für Afrika Signalwirkung. In Staaten wie Äthiopien, Uganda, Ruanda oder auch Malawi herrschen immer noch autoritäre Regierungen, andere Länder wie Burundi, Sudan, Somalia, Kongo oder Elfenbeinküste sind vom Krieg zerrissen. Mit einem friedliche n Machtwechsel könnte Kenia wieder in die Riege der hoffnungsvollen Länder Afrikas aufsteigen.
Einer der bekanntesten Witze unter Kenianern lautet: Eine Gruppe Oppositioneller möchte eine Partei gründen, 50 Menschen interessieren sich dafür. Zum ersten Treffen kommen aber nur drei. Als zwei Wochen später die Wahl des Parteichefs ansteht, sind auf einmal alle da – und alle 50 Anwesenden bewerben sich um das Amt.
Dieser Witz enthält zum einen ziemlich viel Wahrheit, zum anderen ist er auch für andere afrikanische Länder gültig. Daß Kenias Präsident Daniel arap Moi so lange an der Macht bleiben konnte, obwohl vor zehn Jahren das Mehrparteiensystem im Land eingeführt wurde, liegt vor allem daran, daß sich die Opposition in Dutzende kleiner Parteien zersplittert hat, ein Phänomen, das auch in anderen afrikanischen Ländern zu beobachten ist. Die Gegner des autoritären Herrschers Moi haben es sowohl 1992 als auch 1997 nicht geschafft, sich auf einen Kandidaten zu einigen, der eine wirkliche Chance gehabt hätte.
Entwurf einer neuen Verfassung
Der Grund dafür liegt sicherlich auch in der Verfassung des Landes. Denn wenn in Kenia jemand zum Präsidenten gewählt wird, hat er nahezu allumfassende Macht und die will kein Politiker seinem Konkurrenten von vornherein freiwillig überlassen. Deshalb bewirbt sich fast jeder Chef einer Oppositionspartei um das Präsidentenamt. Seit Kenia 1963 unabhängig wurde, haben die Regierungspartei Kanu und der Staatschef alle Gewalt zunehmend auf sich konzentriert, selbst die Einführung des Mehrparteiensystems hat bislang deren faktisches Machtmonopol nicht eingeschränkt. Es gibt zwar ein Parlament, es gibt zwar auch Gerichte, aber die Abgeordnetenvertretung hat nur wenige Rechte, und die Justiz ist so korrupt, daß Urteile meist nur nach der Höhe des Schecks gefällt werden. Ein gängiger Spruch lautet deshalb: Warum soll ich mir einen Anwalt leisten, wenn ich mir den Richter kaufen kann?
Seit Jahren fordern Oppositionsgruppen, Menschenrechtsorganisationen und auch die Kirchen eine Verfassungsreform, die vor allem die Macht des Staatschefs beschneidet und die Justiz, die Exekutive und die Legislative endlich eindeutig voneinander trennt. Jahrelang wurde dieses Vorhaben von Moi verhindert. Ein Entwurf für ein neues Grundgesetz liegt aber jetzt vor. Erarbeitet hat es Professor Yash Ghai, der dies auch schon für Kambodscha, Fidschi oder Papua-Neuguinea gemacht hat. Kenia, wo Ghai geboren wurde, sei das bislang schwierigste Land gewesen, sagt der Verfassungsexperte, denn hier hätten sich die Herrschenden wie Kinder in einem Süßwarenladen gefühlt, wo sie sich seit Jahrzehnten kostenlos bedienen konnten. Jeder Reformvorschlag sei als Bedrohung dieses paradiesischen Zustands aufgefasst worden.
Gerangel um Posten
Eigentlich hätte die neue Verfassung schon jetzt zur Wahl gelten sollen, aber auch dies hat Moi verhindert, indem er Ende Oktober das Parlament aufgelöst hat, bevor es über den Entwurf abstimmen konnte. Daß sich 13 Oppositionsparteien dennoch auf Mwai Kibaki als Präsidentschaftskandidaten einigen konnten, liegt daran, daß dieser sich verpflichtet hat, das neue Grundgesetz, das auch umfassende Bürgerrechte wie freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Eigentum und medizinische Versorgung für alle Kenianer garantiert, so schnell wie möglich in Kraft treten zu lassen. Doch Kibakis Versprechen führte prompt dazu, daß sich die oppositionelle Regenbogen-Koalition seit Monaten darüber streitet, wer welchen Posten in der zukünftigen Regierung bekommt. Die neue Verfassung sieht nämlich das Amt des Premierministers vor, der mehr Macht haben würde als der Präsident. Um ihr Parteiprogramm, um die Frage, wie das Land aufgebaut werden könnte, haben sie sich hingegen nur wenig gekümmert.
Sollte Kibaki die Wahl gewinnen, ist aber noch lange nicht garantiert, daß er die alte Verfassung wirklich ändert. Selbst ein Engel, heißt es derzeit in der kenianischen Presse, würde zum Teufel werden, wenn er mit so viel Macht ausgestattet wird.
Süddeutsche Zeitung
30.12.2002
Mwai Kibaki, der Kandidat der oppositionellen Nationalen Regenbogenkoalition (Narc), hat die Präsidentschaftswahl in Kenia mit überwältigender Mehrheit gewonnen. Mit etwa zwei Dritteln der Stimmen gelang ihm ein historischer Sieg über die Kenya African National Union (Kanu), die seit der Unabhängigkeit 1963 regiert. Kanu-Spitzenkandidat war Uhuru Kenyatta, der Sohn des ersten Präsidenten Jomo Kenyatta. Staatschef Daniel arap Moi durfte nach 24 Jahren an der Macht nicht mehr kandidieren.
Die kenianische Wahlkommission bestätigte den Erfolg des 71 Jahre alten Wirtschaftswissenschafters Kibaki, veröffentlichte zunächst aber keine endgültigen Ergebnisse. Zuvor hatten aus einzelnen Regionen die Resultate der Abstimmung vom Freitag noch nicht vorgelegen. Die Regenbogenkoalition gewann auch die absolute Mehrheit im Parlament. Bis Sonntagnachmittag hatte sie bereits 114 der 185 ausgezählten Stimmkreise gewonnen, die Kanu kam danach auf 42 Mandate. Insgesamt verfügt das Abgeordnetenhaus über 210 gewählte und zwölf ernannte Mitglieder. Die Beobachter der Europäischen Union und des Commonwealth lobten die demokratische und friedliche Wahl. Sie sei ein "wichtiges Signal" und eine "extrem gute Nachricht für ganz Afrika".
Mit dem Sieg Kibakis, der dritter Präsident Kenias wird, geht die Ära von Daniel arap Moi zu Ende, der das Amt 1978 von Jomo Kenyatta übernommen hat. Moi will schon am heutigen Montag im Uhuru-Park von Nairobi die Macht an Kibaki abgeben. Den Sieg der Regenbogenkoalition bezeichnete er als Zeichen für die "demokratische Reife der Kenianer", außerdem forderte er die Armee auf, den neuen Präsidenten zu respektieren. Kibakis Herausforderer Uhuru Kenyatta, der auf knapp 30 Prozent der Stimmen kam, erkannte seine Niederlage an. "Ich respektiere den Willen des Volkes", sagte Kenyatta. "Ich werde meine Rolle als Oppositionsführer einnehmen."
Tausende Menschen feierten den friedlichen Machtwechsel, da sie sich von der Regenbogenkoalition einen entschlossenen Kampf gegen die grassierende Korruption, die Armut und die Arbeitslosigkeit erwarten. In Kenia lebt mehr als die Hälfte der Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag. Unter der Herrschaft Mois ging es mit dem Land stetig bergab. Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben bereits vor fünf Jahren ihre Hilfen eingestellt, da Kenia zu den korruptesten Ländern der Welt zählt. Schon am Sonntag stellte die EU eine zügige Wiederaufnahme der Wirtschaftshilfe in Aussicht. Vertreter verschiedener Geberländer hätten ihre Bereitschaft signalisiert, der neuen Regierung "auf jede mögliche Weise" zu helfen, sagte der Chef der EU- Wahlbeobachter, Ander Wijkman.
Mwai Kibaki, der zu den Gründern der Kanu gehört und jahrelang als Finanzminister und Vizepräsident gearbeitet hat, schied 1988 aus der Regierung aus, nachdem ihn Moi fallen gelassen hatte. Sowohl 1992 als auch 1997 unterlag er bei der Präsidentschaftswahl. Daß er diesmal gewonnen hat, liegt vor allem daran, daß die Opposition zum ersten Mal nahezu geschlossen angetreten ist und sich auf einen Kandidaten hat einigen können.
Kibakis Regenbogenbündnis aus 13 Parteien hat eine schnelle, von Moi immer wieder verhinderte, Verfassungsreform versprochen, die unter anderem dem Präsidenten einen großen Teil seiner nahezu allumfassenden Macht nimmt. In Zukunft soll es neben dem Staatschef einen mächtigen Premier geben. Dieses Amt wird voraussichtlich Raila Odinga übernehmen, der als der stärkste Mann der Regenbogenkoalition gilt und Sohn des kenianischen Nationalhelden Oginga Odinga ist.
Von Michael Bitala
Selbst in einem historischen Augenblick bewahren die Kenianer Ruhe. Selbst angesichts dieses grandiosen Erfolgs freier Wahlen ziehen sie nicht im besinnungslosen Glücksrausch durch die Straßen, es gibt kein Chaos im Land, keinen alle Ordnung außer Kraft setzenden Siegestaumel. Die Menschen feiern, voller Gelassenheit, voller Glück. Es gab in der jüngsten Vergangenheit nahezu kein Ereignis in Afrika, das eine solch gewaltige Zäsur ist wie der Erdrutschsieg der Opposition in Kenia.
Mit rund zwei Drittel der Stimmen haben die Menschen den 71-jährigen Mwai Kibaki zum neuen Präsidenten gewählt, und im Parlament hat sein Parteienbündnis, die Nationale Regenbogenkoalition, eine ebenso komfortable Mehrheit bekommen. Schon am Montag soll der autoritäre Daniel arap Moi, der 24 Jahre an der Macht war, die Regierungsgeschäfte übergeben, schon von Januar an sitzt die seit 1963 regierende Kenya African National Union (Kanu) als Oppositionsgruppe im Parlament. Und auch wenn es einige Unregelmäßigkeiten gab, die Abstimmung war eine der demokratischsten und friedlichsten Volksentscheidungen, die es bislang auf diesem Kontinent gab.
Bei vielen anderen Wahlen, ob in Sambia, Madagaskar oder Simbabwe, wurden Bürger eingeschüchtert, verprügelt, massiv betrogen und auch getötet. Wahlen in Afrika waren bislang meist Momente, in denen Länder in Gewalt und Kriegen zu versinken drohten. Das aktuellste und traurigste Beispiel hierfür ist der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste, ein Staat, der schon zuvor seit Jahren nicht mehr zur Ruhe gekommen war, weil aussichtsreiche Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen wurden.
Das Beispiel Kenia, dieses Schlüssellandes der westlichen Antiterrorpolitik in Afrika, aber zeigt, daß ein friedlicher, demokratischer Machtwechsel auf dem oftmals vorschnell abgeschriebenen Kontinent möglich ist. Und es erschüttert gleichzeitig andere, autoritäre Regierungen Afrikas, die sich seit Jahren mit Gewalt, Lügen oder fadenscheinigen Begründungen an die Macht klammern. In Uganda zum Beispiel behauptet Präsident Yoweri Museveni, daß die Afrikaner zu demokratischen Wahlen nach westlichem Vorbild nicht fähig seien, da sie nur entlang ihrer Volksgruppen wählen würden und dies enorme Spannungen bis hin zu Kriegen provozieren könnte. Im Nachbarstaat Kenia aber wurde Mwai Kibaki von allen 40 Volksgruppen gleichermaßen gewählt, der neue Präsident ist kein Präsident seiner Volksgruppe Kikuyu, er ist der Präsident aller Kenianer. Und noch etwas ist ermutigend: Die Menschen haben einige der berüchtigtsten Politiker mit ihren Stimmen gnadenlos abgestraft, auch dann, wenn diese zur eigenen Volksgruppe gehörten.
Präsident Moi, der keinen Zweifel daran gelassen hat, daß er Kibaki die Macht übergibt, sagte, der Sieg der Nationalen Regenbogenkoalition zeige die demokratische Reife der Kenianer. Das ist richtig. Nun muss sich zeigen, welche demokratische Reife die neue Regierung besitzt. Denn der Machtwechsel bürdet Kibaki und seinem Team eine enorme Verantwortung auf. Die Menschen haben Moi und seiner Clique eine vernichtende Niederlage beschert, weil sie es leid waren, noch länger ausgenommen und betrogen zu werden.
Doch so schnell werden sich die Zustände in Kenia nicht ändern, so schnell werden Beamte, Lehrer oder Polizisten ihre Gewohnheiten nicht aufgeben und auf Bestechungsgelder verzichten. Der Kampf gegen die weitverbreitete Korruption, gegen Arbeitslosigkeit und Armut sind die wichtigsten Aufgaben der neuen Staatsspitze. Diese Herausforderungen muss sie sofort annehmen, und dabei sollte sie auch massive Hilfe von der internationalen Gemeinschaft bekommen, das wäre die kleinste Belohnung für diesen demokratischen Machtwechsel. Denn sollte die neue Regierung versagen, dann hätte Kibaki einen grandiosen Erfolg verspielt, dann würde sich das Glück der Menschen ziemlich schnell in gewaltigen Zorn verwandeln.
Von Michael Bitala
Die Welt
30.12.2002
In Kenia haben die Wähler der oppositionellen Regenbogenkoalition (Narc) und ihrem Präsidentschaftskandidaten Mwai Kibaki am Wochenende einen überwältigenden Sieg beschert. Der 71-jährige Kibaki erreichte nach vorläufigen Angaben mehr als 60 Prozent der Stimmen und wird voraussichtlich im Laufe der kommenden Tage Präsident Daniel arap Moi nach 24 Amtsjahren ablösen. Kibakis Widersacher, der 41-jährige Uhuru Kenyatta von der Regierungspartei Kanu (Kenya African National Union), konnte nicht einmal 30 Prozent der Wähler für sich gewinnen. Mehr als die Hälfte der 10,5 Millionen Abstimmungsberechtigten waren zur Wahl erschienen. Mit Autos, Lastwagen, Fahrrädern und zu Fuß zogen die Menschen durch die Stra§en der Hafenstadt Mombasa und bejubelten "das Ende von Präsident Daniel arap Moi". "Diese Wahlen sind der Aufbruch in eine neue Zeit", hatte Kibaki seinen Anhängern im Vorfeld versprochen.
Internationale und einheimische Wahlbeobachter zeigten sich überrascht davon, wie friedlich und vergleichsweise fair die Wahlen verliefen. Für die Mission der Europäischen Union sagte der Schwede Anders Wijkman: "Wir haben wirklich gute Nachrichten für und aus Afrika." Der Wahlverlauf sei ungeachtet organisatorischer Mängel beispielhaft für die Region gewesen. Das könne die Geberländer veranlassen, die Zusammenarbeit mit Kenia wieder zu intensivieren, sagte Wijkman.
Kritik übten örtliche wie internationale Beobachter vor allem am Wählerverzeichnis. Hunderttausende junge Wähler waren nicht mehr darin aufgenommen worden, andere hatten Wahlscheine, fanden ihre Namen aber nicht im Register und wurden fortgeschickt, wieder andere waren längst verstorben. Den Wahlausgang hätten die Unregelmäßigkeiten jedoch nicht beeinflusst, sagte Anders Wijkman. Ähnlich äußerten sich auch Vertreter der Geberländer auf einer vertraulichen Sitzung. Daran nahm auch Sambias Ex-Staatspräsident Kenneth Kaunda teil. Er lobte Präsident Moi für den friedlichen Machtwechsel in Kenia. Der deutsche UN-Statthalter in Nairobi, Klaus Töpfer, sandte Moi einen Dankesbrief.
Bei den ersten Mehrparteienwahlen 1992 und erneut 1997 waren bei politisch motivierten Auseinandersetzungen Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Mois Kanu-Partei hatte damals nicht zuletzt mit Hilfe massiver Manipulation die Wahlen gewonnen. Diesmal zeigten sich die Wähler resistenter gegenüber Bestechungsversuchen, sagte der Vorsitzende der kenianischen Beobachtermission, Mombasas Erzbischof John Njenga. Der Wahlausgang bestätigte im Trend die Erwartungen. Überraschend war das schlechte Abschneiden Kanus bei den Parlamentswahlen. Von den 210 Wahlkreisen (zwölf zusätzliche Mandate vergibt der Präsident) gewann die Regierungspartei nach Angaben vom Sonntag weniger als ein Viertel, Narc dagegen mehr als die Hälfte. Allein 14 Mitglieder des Moi-Kabinetts flogen aus dem Parlament, allen voran Vizepräsident Musalia Mudavadi aus Western Province. Aber auch der wegen Vergewaltigung in Verruf geratene Minister Julius Sunkuli und der analphabetische Staatsminister Shariff Nassir sind künftig arbeitslos. Kanu-Kandidat Uhuru Kenyatta, der Sohn des Staatsgründers Jomo Kenyatta, konnte sich in seinem Heimatwahlkreis durchsetzen und zieht ins Parlament ein. Doch musste er am Sonntag seine Niederlage beim Kampf um das Statee House eingestehen. "Ich werde meine Rolle als Oppositionsführer einnehmen", sagte der 42-Jährige.
Kenias aus dem Amt scheidender Präsident hatte mit versöhnlichen Statements schon am Morgen des Wahltages deutlich gemacht, daß Kanu diesmal nicht mit aller Gewalt an der Macht kleben werde. Er forderte die ihm untergebenen Streitkräfte auf, seinem Nachfolger so ergeben zu dienen wie ihm selbst. Moi rechnet im Gegenzug für diesen friedlichen Übergang mit Straffreiheit und einer wichtigen Rolle als Friedensvermittler bei internationalen Verhandlungen.
Von Stefan Ehlert
pte
27.01.2003
Mit einem 320 Kilometer langen elektrischen Zaun am Rande des Abadare National Parks in Kenya wollen Umweltschützer Wildtiere den menschlichen Farmen fernhalten, berichtet das Wissenschaftsmagazin New Scientist http://www.newscientist.com in seiner aktuellen Ausgabe. Immer wieder haben sich Elefanten und Nashörner im Kulturland aufgehalten und sind von Bauern erschossen worden.
Im 1.000 Quadratkilometer großen Abadare Nationalpark, der nur etwa zwei Autostunden von Nairobi entfernt liegt, leben viele bedrohte Wildtiere wie Schwarze Nashörner, Elefanten, Colobus-Affen und sehr seltene afrikanische Vogelarten wie der grüne afrikanische Ibis, der Goldflügel-Sunbird und verschiedene Raubvögel. "Der elektrische Zaun soll Tiere aus dem Siedlungsgebiet der Menschen fernhalten", sagte Patrick Milimo, Direktor bei WWF-Eastern Africa Regional Programme. Der Umweltschützer will auch dafür Sorge tragen, daß der Zaun regelmäßig auf Beschädigungen untersucht wird. "Es ist uns klar, daß dies viel Kosten verursacht", erklärt Milimo. Ein Teil des elektrischen Zaunes wird mit Solarenergie betrieben. Bis jetzt ist die Hälfte des elektrischen Zaunes fertiggestellt.
"Die Farmer, die am Rand des Parks ihre Felder bestellen, brauchen sich vor der Zerstörung durch Wildtiere nicht mehr zu fürchten", erklärte Charles Njonjo, Vorsitzender vom Kenya Wildlife Service, das die Errichtung des Zaunes unterstützt.
Von Wolfgang Weitlaner
pte
30.01.2003
Mit einer Bepflanzungsaktion in Kenia wird das UNEP-Umweltprogramm http://www.unep.org "Plant for the Planet" heute, Mittwoch, starten. Bis 2008 werden allein in der ostafrikanischen Republik mehr als eine Mio. Setzlinge von Jugendlichen gepflanzt. Am weltweiten Projekt arbeiten auch europäische Staaten wie Österreich, Deutschland und die Schweiz mit.
Der Launch der Plant for the Planet - Aktion ist ein Highlight der Delegierten, die beim Global Youth Retreat Treffen in Nairobi teilnehmen, das am Rande des Council der UNEP stattfindet. Mehr als 50 Jugendliche aus 45 verschiedenen Ländern, zwischen 16 und 25 Jahren alt, werden gemeinsam mit kenianischen Jugendlichen am 8. Februar im Ngong National Park 4.000 heimische Baumsetzlinge einpflanzen. Die Kampagne, die von der japanischen Foundation for Global Peace and Environment unterstützt wird, will der kenianischen Regierung beim Schutz der Waldgebiete helfen. Die Jugendlichen werden rund 50 verschiedene indigene Pflanzenarten als Setzlinge ausbringen. UNEP-Generaldirektor Klaus Töpfer meint dazu, daß gerade Jugendlichen eine kritische Rolle in der zukünftigen Gestaltung der Umwelt zukomme, da sie die Geschicke der Erde in die Hand nehmen. "Junge Menschen zählen auch zu den größten Konsumenten von technischem Equipment wie mobilen Telefonen, Computern oder anderen elektronischen Geräten. Gerade in Entwicklungsländern sind dies problematische Punkte, da Elektronikschrott zu den großen Umweltsorgen in diesen Staaten zählt", so Töpfer. Das Konsumverhalten von Jugendlichen sei daher ausschlaggebend für eine nachhaltige Entwicklung, führt der Experte aus.
"Junge Menschen sind aber auch Hoffnungsträger für eine Veränderung, da sie das Verhalten von Eltern und anderen Familienangehörigen beeinflussen können", erklärt Töpfer. Eine solche Veränderung habe der Planet Erde bitter nötig. Das Projekt wird im Zuge des 22. Governing Council der UNEP auch den anderen teilnehmenden Umweltministern vorgestellt. Das World Summit für nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg hat den Schritt einer Armutsbekämpfung unter Einhaltung ökologischer Gesichtspunkte bei der Konferenz im Vorjahr begrüßt.
Weitere Informationen: http://www.unep.org/children_youth/gyr2003/index.htm
Von Wolfgang Weitlaner
Süddeutsche Zeitung
24.02.2003
Jahrzehntelang geht nichts voran außer der Stagnation, und dann wird plötzlich alles anders: Auch zwei Monate nach dem Wahlerfolg Mwai Kibakis herrscht in Kenia noch eine Art Aufbruchseuphorie. Kaum ist John Githongo, der zuvor Vorsitzender eines unabhängigen Instituts zur Korruptionsforschung war, zum Staatssekretär der Regierung ernannt worden, kündigt der IWF an, seine Politik gegenüber Kenia zu überdenken. Das ist eine große Meldung in den kenianischen Medien, denn jeder weiß, daß nur mit den Krediten der Bretton Woods Institutionen all die großen Wahlversprechen eingelöst werden können. Die Kredite waren vor zwei Jahren ausgesetzt worden, nachdem die kenianische Regierung einer neu gegründeten Anti- Korruptionsbehörde das Arbeiten gesetzlich untersagt hatte. Und die Korruption, das hatte der IWF vor zwei Jahren ausdrücklich versichert, sei Schuld an der Misere Kenias, ja ganz Afrikas.
Kenia ist korrupt, diese Formel wurde ebenso konsequent von den westlichen Medien ventiliert wie Anfang der Neunziger Jahre die Feststellung, daß einzig die Einführung einer Demokratie nach westlichem Vorbild Kenia das wirtschaftliche und politische Überleben in der Weltgemeinschaft sichern könne. Auch damals war mit dem Aussetzen von Krediten operiert worden. Unerwartete Nebenerscheinungen dieser Reform wie "ethnische Säuberungen", Antihexereibewegungen und neue Dimensionen der Veruntreuung von staatlichen Geldern wurden immer den "afrikanischen" Verhältnissen angelastet. Daß viele dieser Nebenerscheinungen damals zum ersten Mal in Erscheinung traten und unmittelbar mit den Reformprojekten zu tun hatten, wurde geflissentlich übersehen.
John Githongo wird in diesen Tagen oft auf seine Studien zur Korruption angesprochen und gefragt, wie korrumpierbar der Kenianer eigentlich sei. "Es kommt darauf an wie schwach und wie arm er ist", gibt Githongo zu bedenken. "Und von welcher Korruption wir sprechen", ob über die nach der Einführung der Demokratie Anfang der Neunziger kurzzeitig aufgetretene Form der "Looting Corruption", die auf staatlicher Ebene und über Banken funktionierte, die etwa bei der Vergabe von Bauvorhaben ins Spiel kommende "Grand Corruption" oder die dritte, den Alltag durchdringende und von der Bevölkerung fast schon akzeptierte Form der "Petty Corruption".
Warum aber stürzten sich die westlichen Geberländer so begierig auf die These von der Korruption? Ist es vielleicht mehr als Zufall, daß die ersten Forderungskataloge zu einem Zeitpunkt ausgehändigt wurden, als sich nicht nur an den Neuen Märkten der westlichen Welt abzuzeichnen begann, wie korrupt das eigene Wirtschaftssystem im Grunde ist? Comaroff & Comaroff haben 1992 auf eine ähnliche Dynamik bei der Entstehung des Kolonialismus hingewiesen. Damals gelang es einem von sozialen und moralischen Missständen verunsicherten England, über die Kolonialisierung der Peripherie, also auch Afrikas, ein ideales "Spiegelbild" zu schaffen, das das Zentrum neu zu konstruieren half. Die gezähmten "Wilden" Afrikas hatten gewissermaßen Vorbildcharakter für die außer Kontrolle geratenen armen Schichten der eigenen Gesellschaft.
Auch heute scheint zumindest die "Zähmung" des Spiegelbildes erfolgversprechend: Vom Programmpunkt des IWF zum Wahlversprechen der siegreichen Koalition und einer bereits vom Volk getragenen Bewegung hat es die Korruptionsbekämpfung weit gebracht.
Minibuspassagiere haben in den letzten Wochen mehrmals Polizisten angegriffen und Ihnen das gerade vom Busfahrer ausgehändigte Bestechungsgeld wieder abgenommen; von den im ganzen Land aufgestellten Straßensperren werden ähnliche Vorfälle berichtet. Was hier als basisdemokratisches Engagement den Zielen der Regierung zu Diensten steht, kann sich jedoch ebenso schnell als blinde Wut einer verzweifelten Bevölkerung entladen. Gelingt es etwa der Menge, einen Taschendieb zu fassen, wird er nicht selten zu Tode geprügelt oder verbrannt. Diese und andere Formen der Selbstjustiz zählten gerade in den letzten zehn Jahren zu den erschütterndsten Antworten der kenianischen Bevölkerung auf die schweren wirtschaftlichen Krisen Kenias und der Welt.
Und wirtschaftlich ist es um Kenias Zukunft tatsächlich nicht zum Besten bestellt. Das Austauschverhältnis von exportierten Rohstoffen und importierten, raffinierten Gütern, die sogenannten Terms of Trade ist, bei fallender Tendenz, seit Jahren unverändert negativ. Analysen, wie sie regelmäßig von regierungsunabhängigen Organisationen durchgeführt werden, machen zudem deutlich, daß es Kenia auch ohne die finanziellen Abflüsse durch Korruption nicht wirklich besser ginge.
Diese Tatsachen scheinen dem neuen Präsidenten des Landes, Mwai Kibaki, zumindest theoretisch bewusst zu sein. Seine zweite große Reform, die Schulausbildung ab sofort wieder gebührenfrei anzubieten, hat in den vergangenen Wochen zwar zu chaotischen Zuständen an den Schulen des Landes geführt, setzt aber zusammen mit seinem Aufruf an die im wirtschaftlichen und politischen Exil lebende intellektuelle Elite das wichtige Signal, daß externe Hilfe wie erneuerte Kreditzusagen nur Hilfe zur Selbsthilfe sein kann und über eigene Wege zur Krisenbeseitigung zumindest nachgedacht werden muss.
Ngugi wa Thiong´o, einer dieser Exilierten und der in der englischsprachigen Welt wohl bekannteste Schriftsteller und Denker Kenias, hat bereits Mitte der Achtziger Jahre einen Diskurs begonnen, der sich von den klassisch-westlichen, wirtschaftlichen Lösungsansätzen radikal abwendet. In seiner bahnbrechenden Schrift "Decolonizing the Mind" greift er stattdessen die afrikanische intellektuelle Elite an. Ihre alleinige Ausbildung in europhonen Sprachen habe zu einer Spaltung zwischen Kopf und Körper in Afrika geführt und ganze Nationen von körperlosen Köpfen und kopflosen Körpern geschaffen. Elf Jahre später erweitert Ngugi seine Kritik in "Penpoints, Gunpoints & Dreams" um eine wirtschaftliche Komponente: Wirtschaftswachstum und eine authentische und damit innovative Entwicklung kann es nicht geben, wenn ganzen Völkern der Zugang zu den neuesten wissenschaftlichen, technologischen und anderen Entwicklungen verwehrt wird, weil sie in einer fremden Sprache verhandelt werden.
Ngugi fordert deshalb die bewusste Entscheidung jedes afrikanischen Intellektuellen und der Regierungen, die eigene Muttersprache zur Verkehrssprache zu erheben. Nur dann, so betont er, könnten der Reproduktionsprozess der alten kolonialen Machtstrukturen gebrochen, die neokolonialen Strukturen dekonstruiert und eine bürgerliche Gesellschaft errichtet werden. Denn das bereits angedeutete, für Afrika negative Austauschverhältnis von wirtschaftlichen Gütern erstrecke sich auch auf den kulturellen Bereich: "So wie Gold in Afrika zwar abgebaut wird, aber als unerschwinglicher Wert wieder reimportiert wird, so ist es auch mit dem Nutzen linguistischer Ressourcen, dem Wissen um unsere afrikanischen Traditionen, ja sogar dem politischen Kampf. Dies alles wird in Englisch oder Französisch weiter verarbeitet und kommt damit in einer Form zurück, in der es verloren, unerreichbar ist für die Mehrheit der Bevölkerung, die nur eine, nämlich eine afrikanische Sprache spricht."
Zwar verhallen Kibakis Aufrufe an die exilierte intellektuelle Elite, doch nach Hause zurückzukehren, bislang unerwidert, doch wird auch diese Kampagne inzwischen von Stimmen aus der Bevölkerung unterstützt. In einem offenen Leserbrief in der größten Tageszeitung des Landes wurden die Exilierten namentlich aufgefordert, "wo immer sie auch seien: Maina wa Kinyatti, Michere Githao Mugo, Ngugi wa Mirii, Kimani Gicheru und Ngugi wa Thiong´o nun endlich als Helden heimzukehren, um die Nation mit aufzubauen."
Von AXEL TIMO PURR
pte
04.04.2003
Kenianer sollen in Zukunft in biologisch-abbaubaren Kunststoffsärgen bestattet werden. Damit soll die ohnehin fragile Umweltsituation des ostafrikanischen Landes geschützt werden. Nach Angaben von UNAids http://www.unaids.org sterben in Kenia täglich rund 700 Menschen an Aids. Umweltministerin Wangari Maathai von der neugewählten Narc-Regierung will damit der Umweltzerstörung vorbeugen, berichtet BBC-Online http://news.bbc.co.uk.
Wegen der schwerwiegenden Folgen durch die Immunschwächekrankheit Aids sei dieser Schritt unbedingt notwendig, so Maathai. "Es ist nicht einzusehen, daß wir unsere Bäume nur für Särge schlägern", meinte die Ministerin. Als Ersatzlösung sollen Kunststoffsärge verwendet werden, die biologisch abbaubar sind. Die Sargherstellung zählt im ostafrikanischen Land zu den am stärksten und schnellst wachsenden Industriezweigen. Kritikern der Bestattungsmethoden hält Maathai entgegen, daß die Einführung von Holzsärgen der westlich-christlichen Tradition entspreche, obwohl Christus auch nicht nach dieser Art begraben wurde. "Es gibt viele Methoden der Bestattung, aber eines muss beachtet werden: Wir dürfen unsere eigene Zukunft dabei nicht zerstören", so Maathai. Die Ministerin, die seit Dezember 2002 im Amt ist, war vor ihrer Karriere als Politikerin als prominente Umweltaktivistin in Erscheinung getreten.
Von Wolfgang Weitlaner
Mombasa Newsletter
19.04.2003
3 Monate Amtszeit sind vergangen, die ersten 100 Tage im Amt sind bald verstrichen, die Bilanz kann sich sehen lassen. Man hat vor allem die Großen nicht geschont, das bringt der neuen Regierung viel Lob und Ehre ein, nicht nur bei der eigenen Bevölkerung, sondern auch auf dem ausländischen Parkett. Viele Konten wurden beschlagnahmt, Land und Immobilen enteignet, die sich hohe Funktionäre unter den Nagel gerissen hatten.
Auch den Justizbehörden gings an den Kragen, korrupte Richter und Staatsanwälte sitzen jetzt selbst ein, es gibt Untersuchungsausschüsse, viele Urteile aus der damaligen Zeit wurden ausgesetzt, Prozesse werden neu aufgerollt. Die neue Regierung setzt mit solchen Entscheidungen wichtige Zeichen, endlich fangen die Menschen an zu glauben, daß die jahrzehntelange Willkür und der Machtmissbrauch tatsächlich ein Ende hat. Mwai Kibaki und sein Kabinett leisten vorzügliche Arbeit und gehen mit unerwartet viel Fingerspitzengefühl vor. Das Volk will keine Rache, aber Gerechtigkeit. Kenia ist auf dem richtigen Weg.
Dieses Mal heißt er Ali Taib und ist gelernter Rechtsanwalt. In vielen Städten Kenias hat die neue Regierung von Präsident Kibaki nach einer Übergangsperiode jetzt neue Köpfe eingesetzt. Herr Taib hat in den ersten Minuten im Amt angeordnet, daß der Kämmerer vorerst alle Zahlungsverpflichtungen gegenüber sogenannten "contractors" aussetzen muss.
Im letzten Monat habe ich bereits über ähnliche Dinge berichtet, öffentliche Aufträge, die zum Teil fingiert waren, haben den Staat Milliarden gekostet und korrupte Politiker bereichert. Auch auf den unteren Verwaltungsebenen führten sich solche Praktiken fort, waren sie doch erfolgreich und lukrativ für alle Beteiligten.
Jetzt prüft Herr Taib alle Verträge, die für die Stadt vorliegen, das betrifft unter anderem Firmen-Verträge zur Müllbeseitigung, Parkplatzverwaltung, Gebäudereinigung etc. Herr Taib verkündete außerdem, daß die Stadtkasse zuerst alle ausstehenden Gehälter der städtischen Angestellten zahlen werde, erst wenn diese Schulden beglichen sind, wird man über den Rest entscheiden. Versteht sich von selbst, daß er großen Beifall bekam.
Viele kennen es noch, haben darüber gehört oder gelesen. Das Castle-Hotel in der Moi-Avenue in Mombasa war seit der Kolonialzeit die Top-Adresse in der Stadt, der Mittelpunkt des sozialen Lebens und kultureller Schmelztiegel. Die junge Generation würde sagen, das war einfach "Kult", doch warum es schließen musste, warum jahrelang ein hässlicher Bauzaun sogar den Blick auf das historische Gebäude verwehrte, warum soviel über angebliche Investoren gemunkelt wurde, warum doch kein vornehmes Bürohochhaus dort entstanden ist und wer die Gerüchte über geheime unterirdische Höhlen, Sklaven- und Schmugglergänge zum Hafen in die Welt setzte, werden wir vielleicht nie erfahren.
Der Zaun ist gefallen, man renoviert mit Vollgas und die ganze Stadt jubelt, das Castle-Hotel soll sehr bald wieder seine Pforten öffnen. Noch sind keine Hintergründe und Einzelheiten bekannt, doch alleine die Tatsache daß wieder Leben in dieses Monument kenianischer Geschichte einziehen wird, ist ein weiteres sichtbares Zeichen der Hoffnung und des Neuanfangs in Kenia!
Von Marliese Weimer
http://www.ostafrika.de/news
Mombasa Newsletter
22.05.2003
Über den Tourismus habe ich in den letzten Monaten bereits eingehend berichtet, wobei der Zusammenbruch der Branche kein Problem Kenias im speziellen, sondern ein weltweites ist. Rund um den Globus wird der Tourismuskollaps verkündet, überall stehen die Hotels leer, Flugzeuge fliegen mit nur einer handvoll Passagieren. Auch drastische Preissenkungen und nie da gewesene Last-Minute-Angebote können hier nicht viel ausrichten.
Eine Mehrzahl von Gründen sind daran schuld. Die Menschen in Europa müssen sparen wie nie zuvor, Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen & Co. schaffen Existenzängste, Schmalhans macht die Urlaubsplanung. Obwohl bei genauerem Hinsehen und Nachrechnen eine Fernreise oft nicht kostspieliger ist als z.B. ein Urlaub in Südeuropa, hält die Angst vor weltpolitischen Ereignissen viele von einem Flug in ferne Länder ab.
Ich habe ehrliches Verständnis für die Angst vieler Menschen vor unkalkulierbaren Risiken wie Kriegshandlungen, terroristischen Anschlägen und Krankheiten. Es ist mir allerdings trotz größter Anstrengung nicht gelungen, den "absolut sicheren" Ort auf dieser Welt herauszufinden. Die Gefährdungen bestehen überall und die totale Sicherheit gibt es weder in einer europäischen Stadt, noch auf einer einsamen Insel. Ob ein wenig mehr Mut nicht befreiend wirken könnte?
Hotelschließungen, Pleiten und kein Land in Sicht
Jetzt kann man sie fast an einer Hand abzählen, die Betriebe die an Kenias Küste noch operieren. Seit letzter Woche haben an der Diani Beach das Leopard Beach Hotel, das Diani Reef Grand Hotel und Nomads Hotel ihre Pforten geschlossen. In Malindi musste man schon einigen Wochen früher die Segel streichen, alles in allem ist jetzt wohl endgültig die Finalrunde eingeläutet, denn ob und wann wiedereröffnet werden kann, traut sich derzeit keiner zu fragen.
Vor vielen Hoteltoren saßen die Angestellten, frustriert, wütend und voller Unsicherheit. Ob die ausstehenden Gehälter jemals noch ausbezahlt werden können, ob sie irgendwann ihre Jobs wieder bekommen werden? Auch ihre Chefs haben derzeit keine Antworten, auf deren Schreibtische stapeln sich noch viele weitere unbezahlte Rechnungen, Kosten für Strom, Wasser, Telefon etc. laufen seit Monaten auf.
Es wird eng, eine regelrechte Verlustkette wurde erzeugt, denn es trifft selbstverständlich auch die Versorgungsbetriebe, die nun ihrerseits meist erfolglos versuchen, ihre Außenstände einzutreiben. Überall trifft man auf Fahrzeuge von der Telcom, den Elektrizitätswerken, und vielen anderen Dienstleistern und Zulieferern. Telefone werden abgestellt, Stromanschlüsse lahmgelegt, Alarmanlagen ausgebaut, doch auch diese Maßnahmen begrenzen höchstens den Schaden. Der Verlust vieler Großkunden bringt auch diese Unternehmen in die wirtschaftliche Problemzone, Entlassungen stehen ebenfalls dort an. Kenia wartet auf ein Wunder.
Überschwemmungen
Die schlimmen Unwetterkatastrophen und Überschwemmungen sind vielen von Euch sicherlich schon aus den europäischen Medien bekannt, die Küste Kenias ist zum Glück nicht sehr davon betroffen. Am schlimmsten hat es den Nordwesten erwischt, die Gegenden um den Viktoriasee, aber auch viele andere Regionen.
Monatelange, z.T. sogar jahrelange Trockenheit hat das Erdreich steinhart werden lassen, der Boden konnte die Wassermassen der heftigen Regenfälle nicht aufnehmen. Die Zahlen der Todesopfer, der Verletzten und Obdachlosen sind zur Zeit noch widersprüchlich, fest steht jedoch jetzt schon, daß sehr viele Menschen ihr Hab und Gut in den Fluten verloren haben, viele Straßen wurden unpassierbar, Brücken wurden einfach vom Wasser weggespült.
Die Rettungsmaßnahmen und auch die Versorgungsbemühungen laufen erstaunlich gut, auch Deutschland hat Geräte und Medikamente geschickt. Trotzdem wird es lange dauern, bis die Katastrophe unter Kontrolle gebracht werden kann, denn es regnet noch weiter, die Meteorologen haben noch für den gesamten Monat Mai ausdauernde Regenfälle vorausgesagt.
Malindi startet "Beachboy-Pilotprojekt"
Aller negativen Tatsachen zum Trotz arbeitet die neue Regierung mit Hochdruck an Verbesserungen im Tourismussektor. Ende April besuchte Präsident Mwai Kibaki persönlich die Küstenprovinz und beriet sich einige Tage mit Repräsentanten aus der Industrie. Das Thema Visum stand weit oben auf der Bedarfsliste, die der Hotelverband mit dem Staatschef diskutierte.
"Beachboys" ist und bleibt eines der lästigsten Ärgernisse an der Küste. Die Mehrzahl der Gäste fühlen sich von der Aufdringlichkeit dieser fliegenden Händler an den Stränden verunsichert und sehen ihre Urlaubsfreuden dadurch getrübt. Den Verantwortlichen ist dieses Problem seit Jahren bekannt, doch war es in der Vergangenheit nicht gelungen, Maßnahmen dagegen zu ergreifen.
Im Wesentlichen scheiterte man immer daran, daß es in ethnische Konfliktdarstellungen ausuferte. Die Mehrzahl der sog. "Beachoperators" gehören den an der Küste beheimateten Stämmen an, die wiederum mit Recht (?) "Ihre Küste, Ihren Strand" als ihr ureigenes Erbe und Terrain ansehen. Wer darf sie davon vertreiben? Kenias Strände sind öffentlich, jeder hat das Recht, sich dort zu bewegen, auf dieses Grundrecht berief man sich stets erfolgreich und den Hotelbetrieben und Verantwortlichen waren die Hände gebunden.
Erschwerend kommt hinzu, daß die meisten Hotelbesitzer, Unternehmer und leitende Angestellte entweder Ausländer oder sog. "Zugereiste" sind, d.h. nicht den Küstenstämmen angehören. Wie können die sich erdreisten, die Ureinwohner von ihren Stränden zu vertreiben? Und so vergingen Jahre mit ständigen Konflikten, die Beschwerden der Touristen blieben, die "Beachboys" blieben ebenfalls, die alte Regierung fand kein Konzept, suchte wohl auch keine ernsthafte Lösung.
Jetzt ist das erste Pilotprojekt "Ausbildung zum Beachoperator" in Malindi angelaufen. Ab sofort betrachtet man die Strandhändler als Unternehmer. Diesen Status erhält man, indem man eine 4-wöchige Ausbildung mit Prüfung absolviert. Ausbilder sind Mitglieder des Tourismusverbandes, Lehrer und Fachkräfte aus den Bereichen Medizin und Sicherheit. Die Teilnehmer lernen Höflichkeit, Freundlichkeit, Etikette, Grußformeln in verschiedenen Sprachen, Allgemeinbildung, weiterhin stehen Erste-Hilfe-Kurs und Sicherheitstraining auf dem Lehrplan.
Einiges mag dem Leser jetzt wohl lapidar oder lächerlich vorkommen, doch zum besseren Verständnis muss vielleicht erklärt werden, daß das Bildungsniveau der Küstenbewohner im Landesdurchschnitt einen der hinteren Plätze belegt. Viele Familien sahen keine Notwendigkeit, ihre Kinder zur Schule zu schicken, wenn sie statt dessen durch Bettelei und kleine Handelsgeschäfte mit den Touristen mehr Geld nach Hause brachten, als die gebildeten Kinder anderer Familien aus dem Inland. Heute macht sich dieses Bildungsdefizit heftig bemerkbar, die Zukunftsperspektiven für diese Kinder sind schlecht. Unternehmer an der Küste werden seit Jahren der Diskriminierung dieser Stämme beschuldigt, doch liegt es einzig und allein an der mangelnden Qualifikation, daß diese Menschen nur selten eine Anstellung in den Hotels finden können.
Nur wer an dieser neuen Bildungsmaßnahme erfolgreich teilnimmt, erhält nach bestandener Prüfung die heißbegehrte Händlerlizenz für den Strand. Der neu gekürte Beach-Unternehmer trägt Verantwortung, eine Uniform und ein Namensschild. Er ist mitverantwortlich für Ordnung und Sauberkeit seines Strandabschnittes.
Man hat den Strand in Sektionen unterteilt, die den zukünftigen Arbeitsbezirk und gleichzeitig Verantwortungsbereich der Händler festgelegen. Je Sektion werden nur eine bestimmte Anzahl von Händlern zugelassen und verschiedene Fachbereiche berücksichtigt. So soll pro Sektion das Angebot für den Touristen vielfältig sein, es werden jeweils Bootsbetreiber, Safarianbieter, Souvenirhändler, Masseure, Friseure und Früchteanbieter in begrenzter Zahl eingeteilt. Die gesamte Gruppe trägt in Zukunft die Verantwortung für die Sauberkeit ihres Bezirks und für die Sicherheit der Gäste in ihrer Zone. Koordiniert und kontrolliert wird dieses Projekt von einem eigens dafür geschaffenen Gremium, bestehend aus Vertretern des Tourismusverbandes, der Polizei und einer gewählten Abordnung der Beachoperators selbst.
In Malindi hat die erste Gruppe die Ausbildung hinter sich, es dauert sicherlich noch ein paar Monate, bis sich das neue System etablieren wird und auch in den anderen Standorten durchgeführt ist. Es ist ein vielversprechendes Projekt, ich glaube fest, daß der neue Geist in Kenia mithilft, diese Verbesserungen durchzusetzen.
Ich hoffe, es gelingt und ich wünschte mir, daß die Gäste am Strand mit mehr Selbstbewusstsein und weniger Angst auf die einheimischen Händler reagieren könnten. Vorurteile, Sprachbarrieren auf beiden Seiten und generelle Berührungsangst haben in der Vergangenheit mit zur schlechten Atmosphäre beigetragen. Mit ein wenig gutem Willen und gegenseitigem Respekt kann sich vieles zum Positiven wenden.
Schlechtes verbreitet sich stets wie ein Lauffeuer und vergrößert sich auf dem Weg. Gutes wird selten berichtet, das liegt in der Natur der Menschen. Reiseleiter und Reiseführer, Hotelangestellte und gute Freunde warnen die Touristen heftigst vor den "Beach-Boys". Ich habe selbst schon beobachtet, daß die Angst vor diesen Händlern größer ist, als die Furcht vor den Löwen in der Savanne. Es sind junge Menschen, die schlicht und einfach versuchen, ihr tägliches Brot zu verdienen. Die Wahl der Methoden sind zu Recht fragwürdig, doch kann meiner Meinung nach auch ein freundschaftliches Miteinander erreicht werden. Wer sich traut und einfach mal versucht, auf diese Leute ernsthaft und mit Interesse einzugehen, wird staunen und viel lernen.
Es wäre nicht das erste Mal, daß sich aus einer solchen Begegnung eine Freundschaft fürs Leben entwickelt. Leider steht das in keinem Reiseführer.
12.06.2003
Liebe Kenia-Freunde,
"Die Hoffnung stirbt zuletzt", kennt Ihr diesen Spruch? Ich habe ihn bewusst an den Anfang meines heutigen Berichtes gesetzt, denn angesichts der momentanen Situation in Kenia kann er nicht als Schluss-Botschaft verwendet werden.
Es hat mir immer große Freude gemacht, für Euch aus Kenia zu berichten, doch heute kämpfen meine Finger mit den Tasten. Ehrliche und realistische Berichterstattung war und ist für mich oberstes Gebot meiner Arbeit, ich weiß aus vielen Reaktionen, daß Ihr diese Grundsätze sehr schätzt. Nun denn, ich bleibe meinen ethischen Regeln treu, auch wenn es vielleicht einigen nicht sehr gefallen wird, immer wieder schlechte Nachrichten aus Kenia zu bekommen.
Massenhaft gibt es diese Mal schlechte Nachrichten zu vermelden, Massen-Stornierungen, Massen-Bankrotte, Massen-Arbeitslosigkeit, Massen-Not und Massen-Angst. Und kein bißchen Hilfe, kein bißchen Hoffnung, kein bißchen Zukunft.
Was ich im letzten Monat noch als weltweite generelle Terror-Panik bezeichnete, ist wenige Tage nach der Veröffentlichung des Newsletters für Kenia ganz konkrete und bittere Realität geworden.
Es wäre Hohn und Lüge, die Lage anders darzustellen als sie ist. Und sie ist schlicht und ergreifend hoffnungslos. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes in Berlin kennen die meisten von Euch sicherlich schon, die Anordnung der Britischen Regierung, alle Flüge der British Airways nach Kenia einzustellen, habt Ihr aus den deutschen Abendnachrichten Mitte Mai auch schon entnommen.
Aus traurigem, aktuellem Anlass muss ich dieses Mal zum politischen Berichterstatter werden, die weltpolitischen Geschehnissen haben Kenia und die Zukunft des Landes völlig zerstört. Erinnert man sich an die große Freude und Hoffnung, die im Januar nach dem Wahlsieg der demokratischen Regierung herrschte und blickt heute auf Kenia, wird einem das Herz sehr schwer.
Eine ganze Nation erarbeitete sich mit friedlichen Mitteln eine neue Chance, schaffte etwas, das vorher niemand für möglich hielt. Gratulationen kamen aus der ganzen Welt. Jetzt schmerzt es besonders heftig, denn die Menschen in Kenia wurden unschuldige Opfer einer politischen Situation, die scheinbar keinen Verantwortlichen hat und die scheinbar au§er Kontrolle geraten ist.
Die Kenianer sind völlig verzweifelt, denn es gibt nichts, was man tun könnte, um die Lage zu verbessern. Unschuldig zum Tode verurteilt, der Kampf gegen den unsichtbaren Feind ist verloren. Mit dem Zusammenbruch des Tourismus ist der Lebensnerv des Landes getroffen, der wirtschaftliche Bankrott hat stattgefunden. Der hoffnungsvolle Regenbogen, der seit Januar am Horizont des Landes so viel positive Kraft freigesetzt hatte, verblasste angesichts der aktuellen Ereignisse.
KENIA ALS BEVORZUGTES ZIEL DES TERRORS?
Kenia war bereits mehrmals Schauplatz des internationalen Terrors. 1998 bombardierten Terroristen die Amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam/Tansania. Im November 2002 saß ich selbst in einer Maschine auf dem Rollfeld des Flughafens Mombasa, als ein Missile-Angriff auf eine israelische Chartermaschine nur um Haaresbreite missglückte. Zeitgleich flog das israelische Hotel "Paradise" an der Nordküste in die Luft.
Bin Laden & Co. haben auch eine Vorliebe für Kenia, so scheint es.
Mombasa ist durch seine überaus interessante Geschichte eine bunte Mischung aus vielen Kulturen, ein Schmelztiegel, der durch den Hafen bereits vor Jahrhunderten große Bedeutung für den internationalen Handel und den Schiffsverkehr hatte.
Afrikaner, Inder, Araber, Europäer, alle Hautfarben, Rassen, Religionen und Kulturen tummeln sich an Kenias Küste, der rechte Durchblick ist schwierig. Die Einwanderungsbehörden haben es nicht leicht mit den Kontrollen, oftmals sind die Beamten einfach nicht imstande, Ali im Muslimgewand von Mustafa im Muslimgewand zu unterscheiden. So kam es, daß sich viele Leute unerkannt im Land aufhalten konnten. Pässe und Dokumente wurde für mehrere Personen gleichzeitig benutzt, bleibt doch in der Familie.
Ali oder Mustafa?
Hand aufs Herz, könnten wir Ali von Mustafa unterscheiden? Mir berichtete kürzlich ein deutscher Beamter, daß Behörden in Deutschland ebenfalls Probleme mit der Identifikation ausländischer Mitbürger hätten. Deutsche Arbeitsämter oder Kindergeldstellen hätten oft gleichgeartete Fälle, in denen Bezugsberechtigte mit falschen Dokumenten Leistungen erhielten.
Seit langem besteht in Deutschland die Forderung, neue Ausweise mit Fingerabdruck einzuführen, um eine effektivere Überwachung zu ermöglichen. In Europa arbeiten die Behörden per Computer-Netzwerk, ein solcher Fingerabdruck-Ausweis wäre im Nu überprüft und die Identifikation könnte sozusagen per Knopfdruck stattfinden. Bis jetzt haben Datenschützer die Einführung dieses Systems erfolgreich verhindert. Dies ist schwer verständlich, denn liegt es nicht im Interesse aller?
Die Verwaltung in Kenia verfügt bisher noch nicht über diese modernen Mittel, die Arbeit der Beamten ist somit weitaus schwieriger als in Europa. Außerdem gibt es nicht genügend staatliche Sicherheitskräfte, um alle Grenzen des Landes effizient zu überwachen.
Kenias Küstenstreifen ist über 200 km lang, wer kontrolliert jedes Fischerboot, das irgendwo an einem unbewohnten Strandabschnitt an Land geht? Auch ich vermag nicht zu unterscheiden, ob es sich um echte Fischfänger handelt oder ob etwa "böse Menschen" draußen auf hoher See von einem Schnellboot abgesetzt wurden und sich als Fischer getarnt illegal an Land begeben.
Die totale Kontrolle gibt es nicht, kann es nicht geben. Das beste Beispiel hierfür war für mich dieser genannte Angriff auf das israelische Flugzeug im November 2002.
Sehr laut und heftig wurde über die primitive, inkompetente und unmotivierte Arbeitsweise der kenianischen Sicherheitsbehörden geschimpft, Korruption war unbestritten ein wesentlicher Faktor für die Durchführung der Terrorakte in Kenia. Die internationale Völkergemeinschaft entsandte schon sehr früh im Februar letzten Jahres eine Watch-Einheit nach Mombasa. Ich berichtete Euch mehrfach davon. Modernste deutsche Aufklärungsflugzeuge sind seither u.a. dort im Einsatz.
Der Stützpunkt dieser Truppe liegt nur ca. 800 Meter Luftlinie entfernt von der Rollbahn des Flughafens. Trotzdem gelang es den Terroristen, unbemerkt eine Rakete abzufeuern.
Geheime Geheimdienst-Informationen
Ohne Zweifel sind die Geheimdienste wichtig, doch ohne Zweifel können solche "geheimen" Informationen sehr schnell und für uns unkontrollierbar manipulierend eingesetzt werden.
Ein trauriges Beispiel hat sich erst vor wenigen Wochen vor unseren Nasen ereignet. Bis heute sucht die halbe Welt nach den angeblichen Geheimwaffen Sadams im Irak, keiner hat sie bis jetzt gefunden. Ein grausamer Krieg konnte stattfinden, weil geheime Informationen als Beweis ausreichten und einen solchen Einsatz rechtfertigte.
Im Falle Kenias haben die Geheimdienste ebenfalls Informationen, ebenfalls geheim versteht sich, die auf geplante Anschläge in Ostafrika hinweisen. Die britische Regierung hat am 15. Mai 2003 sofort Flugverbot erteilt, keine Maschine der British Airways darf bis heute nach Kenia fliegen. Die Informations-Industrie arbeitete perfekt, andere Länder zogen nach. Angeblich wurde ein Top-Mitarbeiter von Osama Bin Laden im Grenzgebiet zwischen Somalia und Kenia gesehen.
Zwei Tage nach dem Beginn dieser Panikwelle aus England bombte ein Selbstmord-Attentäter sich selbst und viele unschuldige Menschen in den Tod. In Casablanca/Marokko am 16./17.05.2003. Ist den Geheimdiensten ein kleiner geografischer Fehler unterlaufen? Nobody is perfect, richtig, doch wie lange sollen wir noch auf vermeintlich "gesicherte Erkenntnisse" der Geheimdienste vertrauen, bis heute konnten sie meines Wissens keinen Anschlag verhindern.
Das Deutsche Auswärtige Amt in Berlin verhängte daraufhin am 17.05.2003 eine Reisewarnung für Kenia und einige andere Länder. Von Reisen solle man absehen, Deutsche die sich noch im Land aufhielten, sollten besser ausreisen.
Aus Angst vor Anschlägen und als Folge dieser Maßnahmen schlossen viele ausländische Regierungen zeitweise ihre diplomatischen Vertretungen in Kenia. Die Botschaften der USA, Israels, Italiens, Schwedens, Finnlands und Norwegens stellten vorerst ihre Dienste ein.
Wie lange wird diese Isolation Kenias andauern? Gibt es irgendwann wieder Entwarnung? Kenia und seine Regierung haben kein Mitspracherecht in diesem Fall. Die selbsternannten "Terrorkämpfer" in Amerika und Europa haben das Machtwort gesprochen und entschieden. Wen kümmern in Washington oder London die Menschen in Kenia? Für sie ist es ein unbedeutender Fleck, irgendwo in Afrika. Über 30 Millionen Kenianer sehen das anders. Doch es fragt sie keiner.
Es war einmal......
Als Menschen aus der ganzen Welt nach Kenia reisten. Sie kamen, um dieses wunderschöne Land zu besuchen. Sie erlebten wilde Tiere in freier Wildbahn, traumhafte schneeweiße Sandstrände, das türkisblaue Wasser des Indischen Ozeans und seine freundlichen Menschen.
All das klingt wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit und die meisten Märchen enden mit dem Satz "und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.........."
Die Tiere sind noch da, auch die Strände, das Meer und die Menschen. Die meisten von ihnen haben keine Arbeit mehr. Arbeitsämter gibt es nicht, Sozialhilfe auch nicht.
Die Betriebe sind pleite, die Buchungen wurden restlos storniert. Die Lichter sind aus, Wasser wird per Hand aus den Brunnen gezogen, die Gartenanlagen verwildern. Es macht mich sehr traurig darüber zu schreiben, denn auch ich bin wie viele andere direkt davon betroffen. In diesem Fall gibt es nicht die Schlauen oder Dummen, hier zählt nicht mehr Geschäftstaktik oder geschickteres Marketing. Wir sind alle gemeinsam Verlierer, die Wirtschaft ist zusammengebrochen.
Nur ein paar gezielte Informationen an die Weltöffentlichkeit reichten aus, um Kenia den wirtschaftlichen Genickbruch zuzufügen. Die Politiker bemühen sich nach Kräften, die Situation zu entschärfen, versuchen alles um die Sicherheit im Land zu verbessern. Offen diskutiert man die Ungerechtigkeit, denn die Bedrohung durch den Terror besteht weltweit, warum man Kenia alleine in den Mittelpunkt stellt, ist schwer nachvollziehbar.
Der Außenminister hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht: "Wir sind vernichtet, die Terroristen haben gewonnen, ohne auch nur einen Schuss abzugeben".
Die Terroristen haben gewonnen, ohne einen Schuss abzugeben!
Das ist die morgige Schlagzeile. Soeben erhielt ich aus Nairobi vorab den Abdruck eines Briefes des kenianischen Außenministers Kalonzo Musyoka, der morgen in den kenianischen Zeitungen veröffentlicht werden wird und den er an die Britische Regierung adressiert hat.
Eine vollständige Übersetzung würde wieder einmal den Rahmen sprengen, der englische Text kann in der Onlineversion nachgelesen werden.
Der Minister schildert den endgültigen und völligen Bankrott der kenianischen Tourismus-Industrie durch die Maßnahmen der britischen Regierung, nennt Daten und Zahlen und verweist auf seinen Besuch in England vor 4 Monaten, wo er als neuer Außenminister auf Einladung der britischen Regierung eine Rede über die Zukunftspläne der neuen kenianischen Regierung hielt.
Kalonzo Musyoka besuchte England genau zu dem Zeitpunkt, als ein anonymer Anrufer eine Bombendrohung für den Heathrow-Flughafen bekannt gab und die dortige Regierung Panzer und Militär auffahren ließ, um den Flughafen zu sichern.
Herr Musyoka bittet England, das Flugverbot für Kenia endlich aufzuheben, denn Kenia verliert dadurch täglich mindestens 1 Million USD. Er bittet um Fairness und fragt an, wie lange man dieses Verbot beibehalten wolle, zumal die Erkenntnisse nicht absolut zuverlässig sind. Er beschreibt die Situation in Kenia sehr ehrlich und drastisch, sucht um Verständnis an.
In Einzelheiten beschreibt er die Maßnahmen, die die Regierung ergriffen hat, die neu formierte Zusammenarbeit der Geheimdienste und der Ermittlungsbehörden. Amerikanische und britische Beamte aus den dortigen Anti-Terror-Abteilungen sind seit Wochen in Kenia tätig, bilden Polizisten aus und ein sehr enger Austausch findet längst statt. Er versichert, daß Kenia alles erdenkliche getan hat, um die Gefahr abzuwenden und in der Lage ist, seine Bürger und Gäste zu schützen.
"Als Euer Flughafen bedroht wurde, habt Ihr verständlicherweise Maßnahmen zu dessen Schutz ergriffen. Doch die Panzer sind einige Tage später wieder abgefahren. Geschah der Abzug erst, als ein weiterer anonymer Anrufer Euch darüber informierte, daß die Gefahr vorüber sei?"
"Wenn Ihr es für nötig erachtet, bringt Eure Panzer nach Kenia, aber bitte ruiniert nicht die ganze Existenz Eures langjährigen besten Freundes in Afrika. Lasst uns zusammen arbeiten und hebt bitte endlich das Flugverbot auf. Eine Aufrechterhaltung wäre äußerst ungerecht, denn der Terror stellt eine Bedrohung für die ganze Welt dar, warum wird mit zweierlei Maß gemessen?"
Die neue kenianische Regierung
Trotz des wirtschaftlichen Exodus laufen die Aufräumarbeiten im Staat weiter. Unermüdlich arbeitet sich die neue Regierung durch den Sumpf. Große Erfolge konnten bereits verzeichnet werden, obwohl sie derzeit in Kenia nicht die Bedeutung haben, die sie verdient hätten.
Vergangene Woche unterzeichnete der Präsident einen Versicherungsvertrag. Nichts besonderes an sich, doch sehr bedeutsam für den Tourismus. Mit einer afrikanischen Agentur der in England ansässigen Lloyds-Insurance gibt es ab sofort eine Haftpflicht-Police, die in Zukunft Schadenersatzansprüche ausländischer Gäste übernehmen wird. Sollten Touristen in Kenia zu Schaden kommen, wird diese Versicherung die Betroffenen direkt kompensieren.
Vor ca. 2 Wochen wurden alle Mitarbeiter der sog. "Staatlichen Einkaufs- und Beschaffungsabteilung" auf einen Schlag zum gleichen Zeitpunkt völlig unerwartet von ihren Schreibtischen katapultiert. "Bis auf weiteres vom Dienst suspendiert" stand auf den Briefen, die plötzlich alle am Morgen in Händen hielten. Sie hatten innerhalb weniger Minuten den Arbeitsplatz zu räumen. Gleichzeitig wurden alle Verträge mit Zulieferern und Händlern fristlos gekündigt.
Diese Abteilung kauft für den Staat all die Dinge ein, die "Staat" tagtäglich braucht. Treibstoff und Lebensmittel für Armee und Polizei, Uniformen, Schulmaterial, Fahrzeuge, Ersatzteile, Straßenbaumaterial, Drucksachen, etc.
Es war normal, daß sich die Beamten durch fingierte Bestellungen zusammen mit ihren Partnern der Vertragsfirmen enorm bereicherten, der Staat zahlte für Waren und Leistungen, die in Wirklichkeit nie erbracht wurden. Jeder wusste das, keiner verhinderte es in der Vergangenheit. Jetzt ist endlich Schluss damit, der Präsident verlangt, daß sich jede Firma an einem ordentlichen Ausschreibungsverfahren beteiligen muss und den korrupten Beamten ist das Handwerk gelegt. Die Einsparungen für die Staatskasse hat man noch nicht einmal geschätzt, doch es sind große Summen.
Vor einigen Tagen wurde eine Frau nach 21 Jahren aus der Untersuchungshaft entlassen. Sie saß wegen Mordverdacht, eine Gerichtsverhandlung hat niemals stattgefunden, Akten gab es keine. Dies war der Auftakt zur Säuberung der Justiz, von der ich letzten Monat berichtete. 8 neue hohe Richter wurden eingeschworen, auch ein Schritt in die richtige Richtung.
Zur großen Freude aller Kenianer wird derzeit darüber nachgedacht, das Moi-Geld abzuschaffen. Bei seiner Amtsübernahme 1978 führte der Präsident als eine seiner ersten Amtshandlungen sein eigenes Geld ein, sein Konterfei ziert seitdem alle Banknoten. "Wir wollen nicht mehr daran erinnert werden", ist die Devise. Die neue Regierung schlug vor, die alten Geldscheine wieder zu verwenden, die seit der Unabhängigkeit Kenias im Jahre 1963 mit dem Portrait des Gründers der Republik Jomo Kenyatta bedruckt sind.
AUFRUF DES PRÄSIDENTEN MWAI KIBAKI
Anlässlich seiner Rede zum 40. Geburtstag der Republik Ende Mai appellierte Kibaki sehr eindringlich an das Volk, härter zu arbeiten und zu einer neuen Moral im Land zu finden. Er versprach, er wolle nichts unversucht lassen um die Touristen wieder ins Land zu bringen, kündigte eine Europareise zu diesem Zwecke an.
Einen ganz speziellen Aufruf adressierte er seine Landsleute, die sich im Ausland aufhalten. "Ich ernenne jeden einzelnen von Euch hiermit offiziell zu Botschaftern Kenias, Eure Aufgabe soll es sein, Euch selbst und Euer Heimatland Kenia mit Anstand und Würde zu präsentieren. Durch gutes Beispiel und vorbildliches Verhalten sollt Ihr den Menschen in Euren Gastländern mit Respekt, Ehrlichkeit und Freundlichkeit entgegentreten, sie sollen nur Positives von Kenianer erfahren dürfen. Jeder ist mitverantwortlich für das Gelingen einer neuen Zukunft für Kenia.
Von Marliese Weimer
http://www.ostafrika.de
taz
07.08.2003
Drei Frauen starren schweigend auf den Ngarengiro-Fluss. Rundum dehnt sich friedlich und still die Savanne aus. Für Alima Isa ist das ein Unheilsort. "Ein paar Meter von hier entfernt wurde ich vergewaltigt", erzählt die 27-Jährige vom Hirtenvolk der Borana und zupft nervös ihr gelbes Kopftuch zurecht. "Seitdem kriege ich meine Periode nicht mehr und kann keine Kinder bekommen. Das ist eine Schande innerhalb unserer Gemeinschaft."
Es war 1999, als die Hirtenfrau mit sechs Freundinnen Brennholz am Flussufer suchte. Plötzlich sprang eine Gruppe britischer Soldaten vom anderen Flussufer über Steine im Flussbett auf sie zu. Die 34-jährige Margaret Hawo, die dabei war, erzählt: "Sie kreisten uns ein. Drei hielten mich und nahmen mich der Reihe nach. Ich hörte die anderen Frauen schreien, während sie auch vergewaltigt wurden." Margaret gehört zum Nomadenvolk der Maasai. Sie spricht schnell und aufgeregt.
Die Frauen, alle Analphabetinnen, fragten den Clan-Ältesten um Hilfe, damit er bei der Polizei Anzeige erstattet. Die nächste Polizeiwache liegt 30 Kilometer südlich im Städtchen Nanyuki. Danach hörten sie nichts mehr.
Ein Jahr später wurde Eunice Holgeti vom Turkana-Hirtenvolk an derselben Stelle vergewaltigt. Sie hatte ihre Ziegen am Fluss trinken lassen. "Als ich die britischen Soldaten den Ngarengiro überqueren sah, rannte ich davon", erzählt sie. "Ich erinnerte mich an die Geschichten der anderen. Aber ich war zu langsam. Vier Soldaten vergewaltigten mich. Sie stritten sich untereinander, wer an der Reihe war." Wieder gingen die Clan-Ältesten zum Polizeirevier. Auch auf diese Klage hörte Eunice Holgeti nichts mehr.
Die Vergewaltigungen wurden von den Familien der Frauen als Schande empfunden, besonders weil die Täter zu einer anderen Rasse gehörten. "Mein Mann toleriert mich, aber will weiter nichts mit mir zu tun haben", sagt Eunice. "Meine Kinder werden gehänselt und immer daran erinnert, daß ich Schande über die Familie gebracht habe."
Mehr als 650 Frauen nordkenianischer Hirtenvölker haben inzwischen über Vergewaltigung durch britische Soldaten berichtet, die in Kenia Manöver abhalten. Der britische Anwalt Martin Day hat eine Sammelklage vorbereitet, und im Juli gaben die britischen Behörden Rechtshilfe frei, womit nun ein Gerichtsverfahren beginnen kann.
Aber bis es so weit war, vergingen mehrere Jahre. Während die Geschichten über Vergewaltigungen in der betroffenen Region kein Geheimnis waren, erreichten sie den Rest von Kenia nie. Der nördlich vom Äquator gelegene Landesteil wird in Nairobi als zurückgeblieben betrachtet. "Wir gehen nach Kenia", sagen die Nomaden, wenn sie in die Haupststadt fahren.
Öffentlichen Aufschrei gab es erst voriges Jahr, als von der britischen Armee bei Manövern zurückgelassene scharfe Munition im Norden Kenias Viehhüter verwundete oder tötete. Anwalt Martyn Day zwang das britische Verteidigungsministerium zu Entschädigungszahlungen von umgerechnet über sieben Millionen Euro an Verwundete oder Hinterbliebene.
"Als wir damit beschäftigt waren, kamen einige Frauen zu uns", sagt Simon ole Kaparo von der Nomadenorganisation Impact. "Sie sagten, es sei nicht gerecht, daß der Schmerz ihrer Männer mit Geld gelindert wurde, aber keiner ihr eigenes Leid hören will. Wir haben dann mit Martin Day darüber Kontakt aufgenommen". Der britische Anwalt nahm die Sache auf. Und zum großen Erstaunen der kenianischen Öffentlichkeit meldeten sich immer mehr Frauen mit Vergewaltigungsgeschichten.
"Vierzig Prozent davon haben nach meiner Meinung harte Beweise", erklärt Simon ole Kaparo in seinem Büro. "Mehr als dreißig Frauen haben nach den Vergewaltigungen ein Mischlingskind bekommen. Bei Polizei und Krankenhäusern fanden wir Anzeigen und ärztliche Berichte."
Die Frauen mussten viele Hürden überwinden, auch in der eigenen Gemeinschaft. "Es ist traurig, wie die Familien reagieren", sagt Maasai-Häuptling Stephan ole Putunoi, der bei mehreren Anzeigen geholfen hat. "Das kommt durch Unwissenheit. Ich erkläre immer, daß die Frauen zum Sex gezwungen wurden."
Nun sollen die Verfahren in Großbritannien ihren Gang gehen, wo noch eine militärinterne Untersuchung läuft. Der Prozess soll sorgfältig vorbereitet werden. Kaparo weiß, daß die Aussicht auf Entschädigungszahlungen auch Betrügerinnen anlocken kann. "Wir versuchen, die Spreu vom Weizen zu trennen, ehe ein Prozess in Londen stattfindet. Aber die Frauen müssen ihr Recht bekommen."
Von ILONA EVELEENS
pte
22.05.2004
Mehr als sechs Mio. Euro umfasst das Budget, das Kenia für seine Fremdenverkehrswerbung http://www.magicalkenya.com ausgibt.
Erst kürzlich hat das ostafrikanische Land das größte Web-Portal auf dem Schwarzen Kontinent mit 1.700 Seiten gelauncht. Damit will Kenia wieder einmal mehr zum Reiseziel Nummer Eins in Afrika werden.
2003 haben rund 550.000 Auslandsgäste das ostafrikanische Land besucht. Die Zahlen waren in den vergangenen drei Jahren nach einem massiven Einbruch im Jahr 2000 langsam aber konstant gestiegen. Noch 1999 wurde das Reiseziel von 970.000 Gästen besucht. "Bisher waren wir in unserer Werbung eher zurückhaltend", so Tourismusminister Raphael Tuju auf der diesjährigen ITB-Berlin. Die Marketingstrategien für mehr Fremde sind einfach. Das Interesse der Ausländer für die Schönheit des Landes soll geweckt werden und die reizvollsten Seiten müssen daher weltweit publik gemacht werden. Die Prognosen der Experten für die Entwicklung des Fremdenverkehrs in Ostafrika sind jedenfalls günstig. Das Preis/Leistungsverhältnis ist gut und das verstärkte Marketing werde sich sicher bezahlt machen, urteilten Experten des deutschen Insider-Fachmagazins Travel One.
Die Marketing-Kampagne Kenias wird zur Hälfte von der EU finanziert. Das sei für das Land immens wichtig, meint Tuju, der stolz darauf ist das größte afrikanische Portal mit auf die Beine gestellt zu haben. Derzeit sind die Online-Informationen nur in englischer Sprache erhältlich, aber eine deutsche Version soll bereits demnächst folgen. Kein Wunder, denn die deutschen Touristen machen rund ein Zehntel aller Kenia-Urlauber aus. Im Vorjahr blieben die Deutschen der ostafrikanischen Republik allerdings weitgehend fern. Die Besucherzahlen sanken um 30 Prozent. Auch hier soll die Marketingstrategie des Ministeriums greifen. In Deutschland ist das Kenia Tourist Board seit 2003 durch Travelmarketing http://www.travelmarketing.de vertreten.
Das Badeparadies Kenia verspricht traumhafte Voraussetzungen für einen erholsamen und zugleich abwechslungsreichen Urlaub. Der 480 km lange Küstenstreifen des Landes bietet märchenhafte Strände, die vom türkis-blauem Wasser des Indischen Ozeans umspült werden. Durch die Ausflugsmöglichkeiten hat das Land aber weit mehr zu bieten als nur reinen Strandurlaub. Neben Bergwanderungen auf eisbedeckten Vulkanen sorgen zahllose Tierreservate in einer nahezu unberührten Natur für ein unvergessliches Safari-Abenteuer, bei dem wilde Tiere wie Löwen, Elefanten oder Giraffen hautnah in ihrer natürlichen Umgebung miterlebt werden können. Neben dem Naturerlebnis wird in Zukunft auch verstärkt auf das Kulturerlebnis in Ostafrika Wert gelegt. Dadurch sollen noch mehr Fremde ins Land kommen. Der Tourismusminister hofft nämlich, daß 2004 ein Kenia-Jahr wird.
Von WOLFGANG WEITLANER
Süddeutsche Zeitung
31.12.2007
Verschwundene Wahleiter und eine Wahlbeteiligung über 100 Prozent - die dilettantische Präsidentenwahl in Kenia ist ein Rückschlag für das Land. Und für die Modernisierung Afrikas.
Eine reife Demokratie ist dies wahrlich nicht. Bei der Parlaments- und Präsidentschaftswahl in Kenia sind die Leiter einiger Wahlbüros mit den Stimmzetteln verschwunden, in manchen Bezirken lag die Beteiligung bei 99 oder gar über 100 Prozent, ausländische Beobachter wurden abgewiesen, und die Wahlkommission ließ sich unerträglich viel Zeit beim Auszählen.
Das alles deutet auf Manipulationsversuche hin, die sich offenbar alle politischen Lager geleistet haben. Das ist eine schlechte Grundlage für den mit knappen Vorsprung wieder gewählten Präsidenten Mwai Kibaki - falls das vorläufige Ergebnis überhaupt Bestand hat.
Der Amtsinhaber und sein Herausforderer Raila Odinga haben die Lage zusätzlich verschlimmert, weil sie sich jeweils zum Sieger erklären ließen, bevor alle Stimmen ausgezählt waren. Wären sie wahre Staatsmänner, hätten sie öffentlich bekunden müssen, das Resultat abzuwarten und die Entscheidung der Wähler zu respektieren.
Auch ihre Aufrufe an das Volk, die Ruhe zu bewahren, kamen reichlich spät und halbherzig daher. Nach der umstrittenen Wahl werden die Tumulte vermutlich noch gewalttätiger ausfallen. Man kann nur hoffen, dass sie sich nicht zu einem regelrechten Bürgerkrieg ausweiten.
Mit der dilettantischen Wahl verspielt Kenia seinen Ruf als afrikanisches Vorzeigeland. Das allein wäre schon traurig genug.
Das verheerende Signal aus dem Osten Afrikas belastet aber die Demokratisierungsbemühungen auf dem ganzen Kontinent. Die Menschen verlieren den Glauben, dass sie eines Tages faire und verantwortungsbewusste Regierungen bekommen werden.
Das erschwert die Arbeit der Menschenrechtsgruppen, die sich für Mitbestimmung und saubere Politik einsetzen. Dabei hätten sie Unterstützung dringend nötig, weil ihre Bewegung erst am Anfang steht. Ohne den Einsatz der Zivilgesellschaft werden sich in den Ländern Afrikas kaum Demokratien etablieren.
Kenias Politiker hätten jetzt zeigen können, dass sie besser sind als die Autokraten, die manche von ihnen unter Einsatz ihres Lebens bekämpft haben.
So ein Zeichen wäre umso wichtiger gewesen, nachdem schon das westafrikanische Musterland Nigeria bei den Wahlen im Frühling kläglich versagt hatte. Auch dort wurde manipuliert. Und auch dort starben Menschen bei gewaltsamen Demonstrationen.
Solche Szenen bestätigen jene Skeptiker, die Afrika schon immer als hoffnungslosen Kontinent abgestempelt haben und am liebsten jegliche Entwicklungshilfe einstellen würden. Radikalität in dieser Form wäre allerdings unklug und ungerecht.
Unklug, weil es die westlichen Länder zu spüren bekommen, wenn sich die Lebensverhältnisse in Afrika nicht bessern. Da muss man nur an die Flüchtlinge in Ceuta oder Lampedusa denken.
Unklug wäre es auch, weil Afrika als Wirtschaftspartner immer wichtiger wird. Chinesen und Inder sichern sich längst Abbaulizenzen für wertvolle Rohstoffe und verkaufen den Afrikanern Mobiltelefone und Textilien.
Ungerecht wäre es, Afrika im Stich zu lassen, weil die Mehrzahl der Menschen auf dem Kontinent keineswegs korrupt und desinteressiert am Fortschritt ist. Es sind in den meisten Fällen die kleinen Zirkel der Machthaber, die ihre Pfründe sichern wollen und damit die Demokratisierung eines Landes verhindern.
Die Wahl in Kenia, so unglücklich sie gelaufen ist, zeigt auch eine positive politische Entwicklung. Die Wähler haben Kibaki abgestraft, weil er eines seiner größten Versprechen brach.
Als er vor fünf Jahren an die Macht kam, hatte er zugesagt, die Korruption und die Vetternwirtschaft zu bekämpfen. Das Gegenteil aber ist eingetreten.
Kaum ein Parlament war so korrupt wie jenes unter Kibaki. Nun haben die Kenianer viele Abgeordnete durch junge Politiker ersetzt. Sie sind zwar unerfahren - aber auch unbelastet. Nach dem Wahldebakel sind sie die neue Hoffnung für Kenia.
Von Judith Raupp