Foumban im Südwesten des kameruanischen Adamaoua-Hochlandes ist das Zentrum des Königreiches Bamum und Residenzstadt von Sultan Mbombo Mjoya (seit 1991).
Das Königreich entstand im 17. Jahrhundert und konnte sich seine Selbständigkeit während der Kolonialzeit weitgehend bewahren. Heute ist der Machtbereich des Sultans auf die Residenzstadt beschränkt.
Berühmt wurde das Bamum-Reich vor allem durch Sultan Njioya Ibrahim (1889-1933). Unter seiner Herrschaft entstanden der an deutsche Baukunst angelehnte Palast in Foumban. Ibrahim etablierte in seinem Reich den Islam und ließ eine eigene Njova-Schrift entwickeln.
Noch heute gibt es eine Schule, an der die aus 83 Zeichen bestehende Schrift gelehrt wird.
Der Sultan war bemüht, mit den deutschen Kolonialherren friedlich zusammenzuleben. Kaiser Wilhem II. (1888-1918) übergab er zum Geburtstag im Jahr 1908 den Königsthron von Bamum. Er steht heute im Berliner Museum für Völkerkunde.
Njoya Seidou Njimoluh (1933-1991) modernisierte das Königreich und führte zur Erhaltung und Belebung alter Traditionen den Einsatz moderner Medien wie Film und Fernsehen ein.
Neue Zürcher Zeitung
23.11.2001
Vor über 100 Jahren leitete der König der Bamum in Kamerun mit der Entwicklung einer Schrift und einer eigenen Sprache einen aufsehenerregenden Modernisierungsschritt ein. Die deutschen Kolonisatoren ermunterten ihn zunächst dabei. Doch Frankreich als spätere Mandatsmacht erstickte die Entwicklung im Keim.
"Wissen Sie", sagt Gilbert auf dem Weg von der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé ins rund 200 Kilometer nordwestlich gelegene Foumban, "diese Bamum sind uns nicht geheuer. Denen kann man nicht trauen, die sind nicht gerade heraus, das sieht man schon an der Schlange mit zwei Köpfen in ihrem Wappen." Gilbert ist der Fahrer und ein Bamiléké, ein Angehöriger des Mehrheitsvolks in der Westprovinz Kameruns und Nachbarn der Bamum. Er hat sich zuvor versichert, daß der Passagier im Fond des Wagens eingeschlafen war, denn es handelt sich um den dritten Stellvertreter des Königs der Bamum, zuständig für kulturelle Angelegenheiten. Nach etwa zwei Stunden Fahrt lichtet sich der Wald zusehends und gibt bald den Blick auf jene Gegend frei, welche die Deutschen Grasland genannt hatten: die Übergangslandschaft zwischen Wald und Savanne. Bei der Überquerung des Flusses Noun, der Grenze des gleichnamigen Distrikts, ist der Passagier im Wagenfond wieder hellwach. Er ist in der Heimat angekommen, denn der Distrikt Noun ist fast deckungsgleich mit dem früheren Königreich der Bamum. Bald werde man in Foumban sein, erklärt er, und er werde persönlich dafür sorgen, daß der Besucher rasch eine Audienz beim König haben werde.
Ein Krieg oder ein Traum am Anfang?
Foumban wäre eigentlich ein recht erbärmliches Kaff. Nennenswert sind nur eine eindrückliche Kathedrale der Missionsstation und ein stattliches Haus, das recht gut in eine mitteleuropäische Landschaft passen würde. Der dreistöckige Backsteinbau mit Ziegeldach wirkt zwar alt, aber nicht so vernachlässigt wie die meisten anderen Gebäude in Foumban. Es handelt sich denn auch um nichts weniger als den Palast, den König Njoya zwischen 1913 und 1922 bauen liess, nachdem der vorherige Königssitz, traditionell aus leicht brennbaren Materialien gebaut, abgebrannt war. Foumban ist zwar auch ein Zentrum des Handels und der Produktion afrikanischer Kunst, doch Berühmtheit erlangte das Städtchen zweifellos wegen König Njoya, der hier von 1889 bis 1930 regiert hatte, bevor er von der französischen Mandatsverwaltung entmachtet wurde. Njoya war in verschiedener Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, doch seine überragende Charaktereigenschaft war ein ungestümer Drang zur Modernisierung der afrikanischen Gesellschaft.
Entstanden ist Njoyas Drang zur Modernisierung vermutlich durch einen Machtkampf in der Königsfamilie, den er nur mit Hilfe der Fulbe, eines Peul-Volks aus dem Norden, gewinnen konnte. Die Fulbe, bereits seit langem islamisiert, brachten neben ihrer militärischen Überlegenheit auch den Koran nach Foumban mit. Njoya war tief beeindruckt. Bisher waren die Legenden und Sagen seines Volks nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben worden. Laut der Legende organisierte Njoya mit den Notabeln seines Hofs ein, auch heute noch bekanntes, Spiel, in dem eine Geschichte im Flüsterton von einem Mitspieler zum nächsten im Kreis herum erzählt wird. Da normalerweise jeder Mitspieler da etwas hinzufügt und dort etwas weglässt, endet die Geschichte nach ihrem Kreislauf durch die Spielerrunde fast immer in einer Form, die nur noch vage an die ursprüngliche Version erinnert. Njoya soll damit die Überlegenheit der schriftlichen Überlieferung selbst über Jahrhunderte hinaus bewiesen haben. Eine prosaischere Begründung lautet, Njoya habe sicherstellen wollen, daß seine Befehle und Anordnungen wortgetreu bei den Empfängern ankommen würden, und habe deshalb die Entwicklung seiner wohl spektakulärsten Erfindung in Gang gesetzt, einer eigenen Schrift.
Laut Njoya selber, der seine Memoiren in einem Werk über "Die Geschichte und Gebräuche der Bamum" in seiner eigenen Schrift festhielt, gab eine Erscheinung während eines Traums den Anstoss für die Erschaffung der Schrift. Ein ganzes Team von Gelehrten und Notabeln soll danach eine erste Version mit über 500 Piktogrammen und Ideogrammen ausgearbeitet haben. All dies geschah noch im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, also noch vor dem ersten Kontakt der Bamum mit den Europäern. Einen vergleichbaren Versuch zur Erschaffung einer völlig neuen Schrift gab es zu dieser Zeit in Afrika lediglich im Gebiet des heutigen Liberia. Dort, im Siedlungsgebiet der Mande, wurden die Manuskripte von Vai gefunden, die vermutlich um 1833 erstellt worden waren. Die viele Jahrhunderte früher im nubischen Königreich von Meroe benutzte Schrift war dagegen ein Ableger der ägyptischen Hieroglyphenschrift, während die sabäische Schrift, auf welcher die äthiopische Urschrift Ge'ez beruht, aus der arabischen Halbinsel über das Rote Meer gebracht worden war.
Deutsches Wohlgefallen
1902 trafen die ersten Deutschen in Fumban ein, und bereits 1907 schrieb ein Missionar Göhring im "Evangelischen Heidenboten" der Basler Mission einen Beitrag über König Njoyas Schrift. Die deutschen Kolonisatoren waren von Njoya deutlich angetan, und sie ermunterten ihn zur Entwicklung seiner Schrift sowie anderer Erfindungen. Die Begeisterung wurde später etwas getrübt, als der König trotz anderen Signalen, wonach eine Bekehrung zum Christentum unmittelbar bevorstand, sich schliesslich zum Islam bekannte, sich fortan Ibrahim nannte und sein ganzes Königreich islamisierte. Auch heute noch sind die Bamum zu 80 bis 90 Prozent muslimisch.
In mehreren Schritten reduzierten Njoya und sein "Forscherteam" die Zahl der Zeichen von über 500 auf 70 für phonetische Silben und 10 für die Zahlen. Nach einer letzten Revision im Jahr 1916 erreichte die "Königsschrift" ihre endgültige Form. 70 Zeichen stehen für phonetische Silben, eines markiert die Grossschreibung, und 10 stellen die Zahlen dar. Gleichzeitig mit der Schrift hatte Njoya eine neue Sprache erschaffen. Schrift und Sprache des Königs nannte er "Shü-Mom".
Spuren dieses fast einzigartigen kulturellen Innovationsschubs in Afrika sind im Alltag der Bamum heute keine mehr zu finden. Bei entsprechenden Fragen wird man an den Palast in Foumban verwiesen, wo unterdessen der 17. König der Bamum residiert. Doch dessen vornehmlich symbolisches Amt wird von Dutzenden von Hofschranzen abgeschirmt, die den ganzen Tag nur mit sich selber und ihren Eifersüchteleien beschäftigt scheinen. Dem Besucher wird, je nach Rang, reflexartig die Frage zugeworfen, ob er denn den König, dessen ersten Stellvertreter oder wenigstens den zweiten Stellvertreter gesehen habe. Gleichzeitig hintertreiben die sogenannten Notabeln jegliches Ansinnen, einen der drei Genannten zu sprechen. Zum Glück wurde in jüngster Zeit nicht nur ein königliches Spital ausserhalb des Palastbezirks erbaut, sondern auch eine Shü-Mom Schule. Deren Lehrer, unter Umgehung der Hofschranzen angefragt, erklärt sich nach längeren Verhandlungen mit der Aussicht auf eine kleine Unterstützung des Bibliothek-Fonds bereit, dem Besucher Rede und Antwort zu stehen.
Populärer als die französischen Schulen
Daß es so schwierig ist, überhaupt noch Spuren der Königsschrift zu finden, ist in erster Linie der französischen Mandatsverwaltung anzulasten. Diese fand, als sie die deutsche Kolonie nach dem Ersten Weltkrieg "erbte", in keiner Weise ein vergleichbares Wohlgefallen an Njoyas Projekten. Der Modernisierer war ihnen zu eigensinnig, es wurden ihm überall Steine in den Weg gelegt, so daß Njoya eine mit deutscher Hilfe eigens für Shü-Mom entwickelte Druckmaschine schliesslich frustriert zerstören liess. Sein Hofstaat wurde massiv ausgedünnt, und um seinen Einfluss endgültig zu brechen, verbannten ihn die Franzosen 1930 nach Yaoundé ins Exil, wo er drei Jahre später starb.
Der gegenwärtige Lehrer an der königlichen Shü-Mom Schule in Foumban, Oumarou Nchare, ist davon überzeugt, daß die Franzosen den König deshalb behinderten, weil sie im Gegensatz zu den Deutschen die ganze Tragweite des Unternehmens begriffen. "Njoyas Projekt war nichts weniger als eine einheimische Gegenkolonisation. Er liess in einem weiten Umkreis Schulen errichten, an denen Shü-Mom gelehrt wurde", sagt Nchare. Als der König von den Franzosen entmachtet wurde, gab es laut Nchare bereits 48 Schulen mit unzähligen Schülern. "Die Kameruner waren an Shü-Mom bedeutend stärker interessiert als an den französischen Schulen. Das konnte die Mandatsverwaltung nicht akzeptieren; sie liess die Schulen schliessen." Nchare widerspricht aus dieser Sicht der Dinge auch dem in den Büchern über Njoya verbreiteten Glauben, bei der Sprache Njoyas habe es sich um eine Geheimsprache gehandelt. "Wer eine Geheimsprache will", sagt der Lehrer, "lässt sie nicht an Schulen im ganzen Land unterrichten."
Erst 1985, 20 Jahre nach der Unabhängigkeit Kameruns, eröffnete der Nachfolger König Njoyas, Njimolüh, im Palast von Foumban wieder eine Shü-Mom Schule. Damals mussten zuerst die mittlerweile reichlich betagten Bamum gefunden werden, welche Shü-Mom noch reden und schreiben konnten. Heute wird in Foumban an Nchares Schule in den Schul- und Semesterferien wieder unterrichtet, auf völlig freiwilliger Basis. Doch Nchare stellt ein zunehmendes Interesse der jungen Kameruner an Njoyas Schrift und Sprache fest. Bereits gebe es Shü-Mom Klubs an verschiedenen Hochschulen, und der Lehrer würde gerne noch weiter gehen. "Wir planen, hier etwa 25 Lehrer auszubilden, die dann an den Mittelschulen im ganzen Land Shü-Mom unterrichten sollen", sagt Nchare. "Doch dazu müssten wir über erheblich mehr Mittel verfügen."
Intrigen als Lebensinhalt
Der Überlieferung und erneuten Verbreitung von Shü-Mom stehen aber nicht nur die vergangenen Taten und Missetaten der Franzosen im Weg, sondern auch gegenwärtige, hausgemachte Probleme. In der französischen Übersetzung von König Njoyas "Geschichte und Gebräuche der Bamum" aus dem Jahr 1952 ist im Vorwort zu lesen: "Die Bamum, ein stolzes, kriegerisches Volk, das die Intrige anscheinend zu einem seiner wichtigsten Lebensinhalte machte." Das Ringen darum, wer bei der Renaissance von Shü-Mom den Ton angibt und über allfällige Gelder verfügt, hat diese Renaissance bisher weitgehend verhindert. Die doppelköpfige Schlange im Wappen des Königshauses von Foumban steht laut der Legende für die Fähigkeit der Bamum, einen Krieg auch an zwei Fronten, gegen zwei Nachbarvölker gleichzeitig, gewinnen zu können. Zurzeit scheinen die Fronten aber nur kreuz und quer durch den Hofstaat zu verlaufen.
taz
10.10.2001
Mongo Beti, bekannter afrikanischer Schriftsteller und Feind des französischen Neokolonialismus, ist gestorben.
Der kamerunische Schrifsteller Mongo Beti, einer der bekanntesten Autoren des frankophonen Afrika, ist tot. Beti, mit richtigem Namen Alexandre Biyidi Awala, starb in der Nacht zu Montag in der kamerunischen Stadt Duala. Er war 68 Jahre alt.
Beti war ein herausragender Kritiker des französischen Neokolonialismus in Afrika. Bereits 1956, noch zu Kolonialzeiten, wurde sein Roman "Le Pauvre Christ de Bomba" zensiert. Am berühmtesten wurde Beti 1972 mit dem Buch "Main basse sur lAfrique", in dem er die französische Mafiapolitik in Afrika beschrieb - das Werk wurde in Frankreich verboten. Mit einer Französin verheiratet, lebte Beti dennoch lange Zeit im französischen Rouen und kehrte erst in den 90er Jahren mit dem Ende der Einparteiendiktatur in die Heimat zurück. Er eröffnete einen Buchladen und blieb der Regierung von Präsident Paul Biya gegenüber kritisch eingestellt. Noch Anfang 2001 wurde Beti bei Demonstrationen von Kameruns Polizei misshandelt. Mit ihm stirbt einer der letzten Vertreter der Intellektuellengeneration der Entkolonisierung, die sich in Frankreich und Afrika gleichermaßen zu Hause fühlte und daher eine messerscharfe Kritik der neokolonialen Verhältnisse zu formulieren wusste.
D. J.
Neue Zürcher Zeitung
13.10.2001
Die afrikanische Literatur hat einen der zornigsten Kritiker von Kolonialismus und Neokolonialismus verloren. Ohne daß die Agenturen davon berichtet hätten, ist letzten Montag der 1932 in Kamerun geborene Alexandre Biyidi-Awala gestorben, dessen Werke hauptsächlich unter dem Namen Mongo Beti erschienen.
Mongo Betis Zorn verwickelte ihn in häufige Kontroversen. Von der Missionsschule wurde er relegiert, weil ihm die Religion nicht so viel bedeutete, wie die Missionare dies gewünscht hätten. Zweimal geriet er in schwerwiegende Konflikte mit dem französischen Staat: 1956 wurde sein Roman "Der arme Christ von Bomba" auf Betreiben der Kirche verboten, und das Gleiche widerfuhr 1972 dem Essay "Main basse sur le Cameroun - Autopsie d'une décolonisation". Die französischen Behörden wollten ihm gar die Staatsbürgerschaft aberkennen und die Lehrtätigkeit am Lycée Corneille in Rouen verunmöglichen. 1991 kehrte Mongo Beti nach einem 32 jährigen Exil nach Kamerun zurück, vom Publikum als Gewissen der Nation herzlich empfangen, von der Regierung dagegen mit Hilfe ihrer Presse als "französischer Tourist und armseliger Schreiberling" verunglimpft.
Mit dieser Reaktion bestätigte die Regierung nur, was Beti sein Leben lang allen Regierenden vorgeworfen hatte, zuerst der kolonialen Administration und später den postkolonialen Herrschern: Machtmissbrauch, Unfähigkeit, Egoismus. Er bediente sich dabei ausschliesslich des Wortes, aber verschiedener Genres: Romane, Essays und Aufsätze. Letztere publizierte er hauptsächlich in seiner 1978 gegründeten Zeitschrift "Peuples Noirs - Peuples Africains".
Dass sich Beti als Journalist und als Schriftsteller äusserte, trug wohl dazu bei, dass seine Romane sich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zu politischen Pamphleten verdünnten. Als er nach einer langen Pause 1972 wieder zu veröffentlichen begann, bildeten politische Säuberungen in Kamerun den Anlass. Auf "Main basse sur le Cameroun" folgten sechs Romane, von denen zwei um den legendären Widerstandskämpfer Ruben um Nyobé kreisen, den die Franzosen 1958 in einem Hinterhalt erschossen hatten. Sie sind weitgehend Fiktionalisierungen seiner Ideen, von Ereignissen und historischen Figuren, was ihre literarische Qualität zumindest einschränkt.
Ein Roman aus dieser Schaffensphase verdient aber auch heute noch uneingeschränkte Beachtung: "Perpétue und die Gewöhnung ans Unglück" (in der deutschen Übersetzung vergriffen). Der in einem fiktiven postkolonialen Land Afrikas handelnde Roman ist eine literarisch interessante Rekonstruktion von Perpétues Schicksal, die zum Opfer einer anachronistischen Tradition, der arrangierten Heirat und gewissenloser Bürokraten wird.
Mongo Betis literarische Bedeutung gründet in den vier Romanen seiner ersten Schaffensphase. Neben "Der arme Christ von Bomba" (in einer deutschen Übersetzung zugänglich) ist "Mission terminée" (in der vergriffenen deutschen Ausgabe "Besuch in Kala") hervorzuheben. Beide Romane bestechen durch ihren Witz und die Leichtigkeit des Erzählens und zeigen einerseits die engen Verwicklungen von Mission und Kolonialismus und anderseits die Veränderungen durch die aufkommende Modernisierung Afrikas.
Obwohl Mongo Beti französische Literatur studierte, fand er seine Vorbilder anderswo. Mark Twain und Richard Wright waren für sein literarisches Selbstverständnis bedeutend. Randständigkeit, Vitalität und volkstümliche Derbheit waren ihm wichtiger als Idealisierungen; er äusserte sich kritisch über afrikanische Autoren, die ihre Werke mit Trommeln und Tanz grundierten und eine ideale Vergangenheit lobten. Mongo Beti geht es gerade darum, die Veränderbarkeit von Tradition durch von aussen kommende Einflüsse zu zeigen. Nicht eine ethnologische Sicht auf Afrika interessiert ihn, sondern eine soziale.
Nach seiner Rückkehr nach Kamerun eröffnete Mongo Beti eine Buchhandlung und begann wieder zu schreiben: "Sonne Liebe Tod" heisst der Roman, der 2000 auch in der Krimireihe "UT metro" des Unionsverlags erschien. Er zeigt ein authentisches Bild seines chaotischen Landes aus einer inneren Perspektive. Belebend wirkt Mongo Betis sarkastischer Humor, der ihn bis zu seinem Tod nicht verliess.
Von Heinz Hug
Neue Zürcher Zeitung
22.10.2001
Der Konsul hatte ausdrücklich davor gewarnt. Doch nach Reisen in fast drei Dutzend afrikanische Länder hatte der Korrespondent sich sicher genug gefühlt, auch mit den Immigrationsbeamten im internationalen Flughafen von Yaoundé einen Ausweg aus dem Problem zu finden, das dadurch entstanden war, daß es in seinem Wohnsitzland Kenya keine Möglichkeit gibt, ein Visum für Kamerun zu erhalten. Dennoch fliegen Cameroon Airlines und Kenya Airways mehrmals die Woche von Nairobi nach Yaoundé und Douala, und von beiden Gesellschaften war zu hören, dass man sich keine Sorgen zu machen brauche, da das Visum am Zielflughafen erhältlich sei.
Keine Hektik
Der Flug verläuft ebenso reibungs- wie ereignislos, und pünktlich setzt die Maschine auf der Landebahn in Yaoundé auf. Um 15 Uhr 30 wird der Korrespondent zusammen mit weiteren Passagieren vom ersten Grenzpolizisten am Einreiseschalter mit den Worten vertröstet, man werde sich sofort um die Ausstellung der Visa kümmern: "Lassen Sie mich nur zuerst die Passagiere abfertigen, die ein Visum haben, dann können wir uns um ihre "difficulté" kümmern." Die Gruppe der "sans-visa" wird in Warteposition gebracht, und der Korrespondent bereitet sich innerlich auf angeregte Diskussionen vor, in deren Verlauf er zu erklären und zu überzeugen haben wird, daß seine Einreise dem Gastland nur zum Wohl gereichen kann. Er wird darlegen, dass er als Journalist unmöglich Schmiergeld zahlen kann. Er müsste ja sonst darüber berichten, was dem Gastland Schaden in Millionenhöhe zufügen könnte, falls potenzielle Investoren wegen des Berichts plötzlich zurückschrecken sollten.
Eine geschlagene Stunde später stösst der Grenzpolizist mit einem Stapel Pässen zu den sechs Wartenden, diskutiert kurz mit jedem Gast, fragt nach einer schriftlichen Einladung. Drei Passagiere murmeln undeutlich, die drei anderen geben zu verstehen, daß sie ein solches Papier zwar nicht besitzen, aber trotzdem gute Gründe für ihre Anwesenheit hier haben. Der Grenzbeamte verschwindet in einem nicht einsehbaren Bürotrakt, von wo aus er über eine unsichtbare Befehlskette jene drei Passagiere zu sich rufen lässt, die nur undeutlich gemurmelt hatten. Es ist mittlerweile 17 Uhr 30, der Flughafen ist in völlige Lethargie versunken, und die drei übrig gebliebenen Passagiere, zwei rwandische Beamte des Gesundheitsministeriums in Kigali und der Korrespondent, sitzen auf ihren Koffern herum und versuchen zu verstehen, warum niemand erscheint, mit dem es etwas zu diskutieren gäbe. Im Gegensatz zu vielen anderen Grenzübergängen in Afrika, wo Besucher mit unablässiger Hektik unter Stress gesetzt werden, bevor das befreiende Schmiergeld eingefordert wird, haben die Grenzpolizisten hier offenbar die Taktik des langsamen Zermürbens gewählt.
"Il faut patienter!"
Während nur noch einige Putzmänner müde ihre Besen durch die Ankunftshalle stossen, taucht der Grenzbeamte plötzlich wieder auf und teilt bekümmert mit, daß nun der "officier" zu entscheiden habe. Der Korrespondent beantragt eine Unterredung unter vier Augen. Der Grenzpolizist geht auf den Vorschlag freudig ein. Doch es geht nicht um einen Umschlag oder ein Bündel Banknoten, sondern darum, daß der Korrespondent die Lächerlichkeit der Situation in allen Details schildert. Hunderte von Ankommenden müssen hier ihr Visum gekauft haben, man solle also einfach das Gleiche mit den verbleibenden drei Passagieren aus Nairobi machen. Der Grenzbeamte nickt aufmerksam, ist mit dem Gesagten mehr als einverstanden, muss aber gestehen, daß ihm die Hände gebunden seien. Ein Gepäckträger gibt nach dem Gespräch zu verstehen, dass 20.000 Francs CFA (umgerechnet 50 Franken) oder eine Flasche Champagner aus dem Duty Free-Shop die Fesseln an den Händen des Grenzbeamten zu lösen vermöchten. Doch davon wollen die drei Wartenden nichts wissen.
Um 18 Uhr 30 erscheint der "officier" auf den Plan, stellt die gleichen Fragen erneut, kratzt sich am kurz geschorenen Schädel und meint dann, es gelte sich zu gedulden. Um 19 Uhr kommt der "officier" mit der Auskunft zurück, der "commissaire adjoint" prüfe nun die drei Dossiers persönlich und man dürfe hoffen, dass die "difficulté" innert kürzester Frist aus dem Weg geräumt sein werde. Um 19 Uhr 30 bittet der "commissaire adjoint" zu einer Unterredung. "Da wir keine Repräsentation in Kenya haben, denke ich, sollten Sie Ihr Visum kriegen", sagt er nach den etwas langen, aber offenbar überzeugenden Erläuterungen des Korrespondenten. "Lassen Sie uns zusammen zum "commissaire" gehen, der dann entscheiden wird." Der Gang zum "commissaire" findet aber nicht statt, da der "commissaire adjoint" auf dem Weg von einem Grenzbeamten über eine dringende Angelegenheit informiert wird, der er sofort und zu seinem grössten Leidwesen nachzugehen hat. "Il faut patienter", sagt er, bevor er davoneilt.
Verstärkte Sicherheitsvorkehrungen?
Irgendwann füllt sich der Flughafen mit überbordender Aktivität. Ein Flug aus Europa wird angekündigt. Jedermann, der will, bahnt sich mit einem Trinkgeld für die Wachen den Weg in die Ankunftshalle. Hunderte von Freunden, Verwandten und Zaungästen warten auf die Ankommenden. Ein Polizist deutet auf einen Hünen von Mann in hellem Anzug: "Da ist der "commissaire", vielleicht wollen Sie mit ihm reden." Der Korrespondent will. Der "commissaire", ausserordentlich guter Laune und nonchalant in die Runde der auf Freunde und Angehörige wartenden Europäer lächelnd, zischt zwischen kaum geöffneten Lippen hindurch, er sei nun mit dem Europa-Flug beschäftigt. "Nach den Terrorangriffen in Amerika haben wir strikte Anweisungen erhalten, Passagiere ohne Visa wegzuweisen", erläutert er die heikle Lage. "Wir werden sehen müssen, ob Ihr Fall eine Ausnahme zulässt, sonst stecke ich Sie ins nächste Flugzeug."
Gegen 21 Uhr entscheidet sich der Korrespondent, den "commissaire adjoint" nochmals aufzusuchen. Dieser teilt ihm mit aufrichtiger Zerknirschung mit, daß es ganz danach aussehe, als müssten die drei "sans-visa" mit dem Flugzeug der Kenya Airways, das bald von seiner Schlaufe nach Abidjan zurückkehren wird, nach Hause fliegen. Der Korrespondent stellt mit den Angestellten der Fluggesellschaft sicher, dass er nicht eine ganze Woche in der Transithalle campieren muss, bis der nächste Flug nach Nairobi in Yaoundé vorbeikommt, genehmigt sich ein Bier in der Bar und geht schliesslich ins Büro des "commissaire adjoint" zurück, um seinen Pass für die Heimreise zurückzufordern.
Plötzlicher Meinungsumschwung
"Ich darf Ihnen mitteilen", sagt ihm dieser um 21 Uhr 30, "daß sich die Lage geändert hat und ich Ihnen das Visum ausstellen kann." Die Gebühr von 30.000 CFA-Francs (75 Franken) ist im afrikanischen Vergleich völlig durchschnittlich und wird sogar von einer Beamtin der Steuerbehörde per Stempel in den Pass quittiert. Als sich der Korrespondent vom "commissaire adjoint" verabschiedet, treten auch die beiden Rwander strahlend in dessen Büro ein, um ihr Visum in Empfang zu nehmen. Das Match um die besseren Nerven endet somit unentschieden. Die drei Reisenden haben zwar ihr Visum, sind von der nervlichen Kraftprobe aber deutlich gezeichnet: Sechs Stunden Spieldauer sind in der Tat ein einsamer Rekord.
Ja, ja, Korrespondenten sind auch nur Menschen.
taz
22.03.2002
Vor längerer Zeit fuhr ich im Westen Kameruns mit einem Kleinbus (Buschtaxi) vom Bafoussam nach Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns. Während der Busfahrer die regennasse und kurvenreiche Straße in der hereinbrechenden Dunkelheit mit halsbrecherischer Höchstgeschwindigkeit bewältigte, lauschten die Insassen außer mir eine Reihe von Marktfrauen und Studenten, den Abendnachrichten des örtlichen Radiosenders. Der Sprecher des Präsidentenamtes verkündete mit Emphase, daß Kamerun jetzt auch endlich als eines des ärmsten Länder der Welt anerkannt sei und sich damit für die Entschuldungsinitiative der Weltbank qualifiziert habe. (1) Interessant die Reaktion meiner Mitreisenden: Statt freudiger Zustimmung gab es erregte und empörte Kommentare. Da könne man sehen, wie unfähig die Regierung sei. Zunächst habe sie ein reiches Land so abgewirtschaftet, daß es nun als "arm" qualifiziert würde. Und jetzt sei sie auch noch stolz darauf, zum Almosenempfänger zu werden.
Nun sind die Bamilike aus dem Westen Kameruns, und meine BegleiterInnen kamen ausschließlich aus dieser Gegend, bekannt für ihre Tüchtigkeit, ihren Geschäftssinn und ihre Opposition zur Regierung. Sogar ein Kleinbauer mit nur einem Hektar Land wird zwar über die Preise für die Schuluniformen seiner Kinder oder für Arzneimittel schimpfen, aber nicht auf die Idee kommen, sich als arm und hilfsbedürftig zu bezeichnen. Die spontane Reaktion der Bamilike auf die Nachricht des Schuldenerlasses verweist auf ein grundlegendes Strukturproblem Kameruns. Aus durchaus nachvollziehbarer Furcht, daß die Dynamik und der wirtschaftliche Erfolg der Bewohner der Grasslands zu massiven ethnischen Konflikten führen könnte, sind Regierung und Präsident seit Jahr und Tag damit beschäftigt, das Entwicklungspotenzial ihrer aktivsten Bevölkerungsgruppe so auszubremsen, daß höchstens die Hälfte davon zur Entfaltung kommt. Die Folge ist ein erhebliches Maß an Stagnation und Resistenz gegenüber Reformen.
Manche, so auch ein amerikanisches Unternehmen, das im Rahmen der Privatisierung den staatlichen Elektrizitätsversorger Sonel erworben hat, meinen, sie könnten mit der in Jahrzehnten praktizierten staatlichen Misswirtschaft über Nacht aufräumen, ohne auf den Stolz und die Selbstachtung ihrer qualifizierten kamerunischen Mitarbeiter Rücksicht nehmen zu müssen. Im Hauruckverfahen wurde das gesamte Top-Management von Sonel gegen US-Amerikaner ausgetauscht. Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Sabotageakte legten die Turbinen eines Kraftwerks in der Industriemetropole Douala lahm. Auch alle Personalakten gingen in Flammen auf. Monate später muß Douala immer noch mit täglichen Rationierungen der Stromversorgung leben. (2) Das Drängen der Weltbank auf rasche Privatisierung und deren unreflektierte Umsetzung hat zunächst zu deutlich mehr und nicht zu weniger Problemen geführt.
Daß es anders geht, zeigt ein kamerunischer Unternehmer, Michel Fotso, der seit etwas mehr als einem Jahr die staatliche Fluggesellschaft Camair leitet. Als Michel Fotso die Leitung von Camair übernahm, war diese völlig heruntergewirtschaftet und überschuldet, Verspätungen an der Regel, der Service berüchtigt, die Absturzgefahr real, und dies, obwohl das Unternehmen über sehr gute kamerunische Piloten und Techniker verfügte. Dies hatten die meisten der weißen Experten und Generaldirektoren demonstrativ ignoriert: Wer es sich leisten konnte, flog nicht mit Camair. Michel Fotso, ältester Sohn der lebenden Legende Victor Fotso (3), dessen Aufstieg zu einem der reichsten Männer des Landes eine klassische Tellerwäschergeschichte ist, erklärte zunächst, daß er solange ohne Gehalt arbeiten wolle, bis Camair wieder Gewinne einfliegen würde. Er verzichtet konsequent auf alle ihm zustehenden Privilegien. Haus, Wagen mit Chauffeur, Kreditkarte. Sein Sanierungspaket beinhaltete zunächst, daß konsequent alle Rabatte und Freiflüge, ein beliebtes Mittel verbreiteter Patronage, gestrichen wurden. Folge: Die Auslastung von Camair sank um 30 Prozent bei gleich bleibenden Umsatz. Gleichzeitig wurde das Personal um 35 Prozent bei Zahlung der gesetzlich vorgesehenen Abfindungen abgebaut, der Rest des Personals verzichtete für ein Jahr auf 20 Prozent seines Gehalts. Bei der Umsetzung des Programms stützte sich Michel Fotso weitgehend auf das vorhandene Management. Nur für das Controlling brachte er neue Leute von außen in das Unternehmen. Die Ausgewogenheit des Sanierungsprogramms war so überzeugend, daß es keine Streiks gab. Im Gegenteil, man spürte, daß die Mitarbeiter wieder stolz auf ihr Unternehmen wurden, Service und Freundlichkeit des Kabinenpersonals sind heute für kamerunische Verhältnisse ungewöhnlich. Und das Unternehmen hat Erfolg, schafft neue Flugzeuge an, dehnt sein Streckennetz aus, ist bemerkenswert pünktlich geworden. Auf den Versuch von Air France, die Angst um ihr Quasimonopol hat, die Flugzeuge von Camair in Paris unter allerlei Vorwänden für Stunden festzuhalten, reagierte das Camair-Personal in Douala mit Gegenmaßnahmen. Die Air-France-Maschinen wurden in Douala ebenfalls nicht für den Start freigegeben. Diese Form selbstbewusster Gegenwehr veranlasste schließlich den Goliath Air France zum Einlenken. Damit dürfte die endgültige wirtschaftliche Sanierung von Camair in absehbarer Zeit sichergestellt werden können. Im letzten Dezember feierte die Belegschaft zusammen mit ihrem Chef und dem afrikanischen Starsaxofonisten Manu Dibango ausgelassen den vierzigsten Geburtstag ihrer Gesellschaft.
Es ist ein Grundzug unserer Entwicklungszusammenarbeit (nicht unbedingt der deutschen Außenpolitik), daß sie das Kreative, Gestalterische und Unternehmerische ihrer afrikanischen "Partner" weitgehend verkennt. Es gibt heute in praktisch allen afrikanischen Staaten gut ausgebildete und engagierte Fachleute, Beamten, Diplomaten und Unternehmer. Dennoch wird man immer wieder feststellen, daß viele Fachkräfte aus dem deutschen Entwicklungshilfeapparat, die jahrelang vor Ort in Afrika gearbeitet haben, kaum anhaltende Freundschaften mit Afrikanern geschlossen haben. Evaluierungsmissionen zur Identifizierung von neuen Projekten und Programmen schaffen es, zwei Wochen im jeweiligen Land umherzureisen, ohne mit herausragenden Vertretern der lokalen Zivilgesellschaft geredet zu haben. Stattdessen bewegen sie sich immer noch gern im Kreise von ihresgleichen, das heißt, man kontaktiert vorzugsweise die VertreterInnen der anderen "Geber" vor Ort.
Diese Form der Missachtung der Partner, in 90 Prozent der Fälle dienen denn auch die Regierungsverhandlungen zwischen den "gleichberechtigten Partnern" dazu, das festzuklopfen, was sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) zuvor als Priorität ausgeguckt hat, hat ihren Preis. Die verbreitete, extrem zähflüssige Bearbeitung von Entwicklungsvorhaben kontrastiert bemerkenswert mit der immer wieder demonstrierten Fähigkeit der Afrikaner, die Sachen zügig voranzubringen, die ihnen wirklich wichtig sind: So stellt die Organisation des letzten Afrika-Cups durch Mali in jeder Hinsicht eine beachtliche organisatorische, finanzielle und bauliche Leistung dar, ohne daß es dazu der Hilfestellung allzu vieler "Entwicklungshelfer" gebraucht hätte.
Interessant auch die Beobachtung, daß es afrikanische Partner, die sich in ihren Ländern auf unterschiedlichen Gebieten Anerkennung und Prestige erworben oder erkämpft haben, zum Teil ohne große Korruption schaffen, wichtige Vorhaben auf den Weg zu bringen, während es auf der anderen Seite geradezu Volkssport ist, "die Weißen" abzuzocken.
Nun beschränkt sich der strukturelle Paternalismus nicht nur auf pensionierte Ministeriale des BMZ, die in langatmigen Aufsätzen ausführen, warum die minutiöse Kontrolle eines jeden Projektes der Entwicklungszusammenarbeit ein großer Fortschritt sei, der auf keinen Fall aufgegeben werden dürfe. Auch die Szene der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ist davon nicht frei. Zwar ist es völlig richtig und unter gleichberechtigten Partnern auch eine Selbstverständlichkeit, daß bei einer Änderung der Konditionen eines Vertrags, so bei der Entschuldung, darüber verhandelt wird, wofür das frei werdende Geld denn verwendet werden soll. Nicht nachvollziehbar ist allerdings, wenn NGOs darauf dringen, daß diese Verwendungskontrolle über neu eingerichtete Institutionen an den gewählten Parlamenten vorbei abgewickelt werden soll. Da betreiben NGOs nicht nur Selbstbeschäftigung, sie erschweren auch den schwierigen Prozess der mühseligen Bildung von selbstbewussten Institutionen. Und wer genau hinsieht und seine Partner ernst nimmt, wird feststellen, daß sich viele afrikanische Parlamentarier Stück für Stück mehr Rechte und Souveränität erkämpfen.
Die sich ausbreitende Erkenntnis, daß "ownership" (4), ein Begriff, der auch von IWF und Weltbank wortgewaltig propagiert wird, der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung ist, muß endlich praktische Konsequenzen haben. Daß Wort und Tat dramatisch auseinander klaffen, zeigt erst kürzlich die von den US-Amerikanern im Rahmen der Terrorismusbekämpfung erfolgte Zerschlagung der somalischen Barakaat-Bank. (5)
Diese Bank, eine Gründung von vielen Dutzenden von somalischen Geschäftsleuten, hat weltweit ein gut funktionierendes und auf Vertrauen basierendes Geldüberweisungssystem, insbesondere von der somalischen Diaspora in die Heimat, aufgebaut. Ihre Zerschlagung erfolgte, weil einige wenige Gründungsmitglieder Kontakte zu Bin Laden unterhielten. Durch ein angemessenes Vorgehen hätte man diese Kontakte auch unter Einbeziehung der Bank unterbinden können. So wurde einem funktionierenden afrikanisches Eigengewächs in wenigen Tagen der Garaus gemacht. Die verheerende Auswirkung, die diese Maßnahme auf den Stolz der Besitzer und Kunden dieser Bank hatte, kann man nur erahnen.
Zusammenarbeit mit Afrika muß demgegenüber das Ziel haben, funktionierende afrikanische Strukturen und Unternehmen systematisch zu stärken. Es sollte nicht so laufen wie beim Bau der Erdölpipeline vom Tschad an die Küste Kameruns. (6) Dieser Bau ist international nur unter ökologischen Gesichtspunkten kritisiert worden. Demgegenüber hat auch in der NGO-Community wenig Beachtung gefunden, daß nur sehr wenig Aufträge bei lokalen kamerunischen Unternehmen angekommen sind. So werden die Schweißer von weit her eingeflogen, obwohl es in Kamerun viele qualifizierte Facharbeiter gibt, die mit geringem Aufwand hätten geschult werden können und die die expandierende lokale Werft später mit Kusshand genommen hätte. Während Umweltauflagen bei Entwicklungskrediten heute zum Standard gehören, sucht man gerade auch in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit vergeblich nach Bestimmungen, die eine vorrangige Vergabe von Aufträgen an lokale Unternehmen vorsehen.
Unter rot-grüner Ägide hat das Thema Konfliktprävention einen neuen, gewichtigen Stellenwert bekommen. Zunehmend werden Entwicklungsvorhaben daraufhin untersucht, ob sie Konfliktpotenziale abmildern oder verstärken. Eine in diesem Zusammhang noch wenig untersuchte Fragestellung ist, ob eine Privatisierungspolitik, die alle großen Unternehmen eines Landes in ausländische Hände überführt, nicht den sozialen Frieden gefährdet und Instabilität geradezu fördert. Die Weltbank muß dringend darauf achten, daß lokale Investoren mit Hilfe innovativer Konstruktionen bei Privatisierungen auch eine reale Chance erhalten, auch wenn dies mühselig ist und Zeit erfordert. Black empowerment ist nicht nur in Südafrika angesagt.
Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit kann viel von den Briten lernen. Diese gehen beispielsweise in Uganda systematisch dazu über, mit ihren Partnern über Budgetzuschüsse und konkrete Ziele und Erfolgskriterien zu verhandeln. Die Ausführung dieser Zielvorgaben bleibt dann den ugandischen Ministerien in Eigenverantwortung überlassen. Mitarbeiter der Botschaft beschränken sich darauf, regelmäßig im Dialog mit ihren ugandischen Counterparts die Zielerfüllung zu kontrollieren. Diese Programme beginnen, zum Beispiel bei der flächendeckenden Einführung der Grundschulbildung, reale Erfolge aufzuweisen. Die deutsche Entwicklungshilfe mit ihrer bürokratischen Vielfalt, ihren zahllosen Projekten und Vorgaben orientiert sich dagegen am Vorbild des deutschen Schulwesen. Dies zeichnet sich dadurch aus, daß den Lehrern bis ins Detail vorgeschrieben wird, was sie wann mit welcher Methode zu unterrichten haben. Das Ergebnis ist Mittelmaß, während Länder, die auf Zielvorgaben setzen und es ansonsten den Schulen überlassen, deren Umsetzung eigenverantwortlich zu gestalten, Spitzenergebnisse produzieren. Und im Gegensatz zu dem verbreiteten Gejammer und Selbstmitleid im deutschen Schulwesen, findet man in den Schulen der Länder mit Spitzenergebnissen Spaß, Kreativität, Stolz auf die eigene Leistung.
Es ist ein verbreitetes Fehlurteil, daß es in der Kooperation mit Afrika in erster Linie um mehr Geld ginge. Es könnte schon verdammt viel erreicht werden, wenn das gesamte Instrumentarium wirtschaftlicher Kooperation mit Afrika so neu gestaltet werden könnte, daß systematisch die Kreativität, das Leistungspotenzial und unternehmerischer Wagemut von Afrikanern gefördert werden könnte. Nur stolze und selbstbewusste Partner werden in der Lage sein, die immensen Probleme ihrer Länder schrittweise zu lösen.
Fußnoten:
(1) Kamerun liegt an der zentralafrikanischen Atlantikküste und ist mit 15 Millionen Einwohnern auf 475.000 Quadratkilometern die wichtigste Volkswirtschaft des frankophonen Zentralafrika. Seit der Unabhängigkeit wird es beständig von derselben, eng mit Frankreich verbundenen Partei regiert. In den Korruptionsranglisten von Transparency International wechseln sich Kamerun und Nigeria regelmäßig als Schlusslichter ab. In den 80er- und 90er-Jahren stürzte das Land in die Krise; das Pro-Kopf-Einkommen fiel um die Hälfte, und im Oktober 2000 stieg Kamerun in die Schuldenerlassprogramme der Weltbank ein. Es erhielt eine Schuldendienstverringerung von zwei Milliarden Dollar.
(2) Die unabhängige kamerunische Zeitung "Le Messager" berichtet diese Woche, Sonel stehe am Rande der Pleite. Die US-Muttergesellschaft sei in den Strudel der Enron-Affäre geraten, ihr Börsenkurs sei um 83 Prozent gefallen. Sonel könne keine Gehälter mehr bezahlen und habe alle Investitionen in Kamerun eingefroren.
(3) Victor Fotso ist der wohl berühmteste Milliardär Zentralafrikas, einer der reichsten Geschäftsleute Kameruns und enger Freund des Präsidenten Paul Biya. Er begann als kleiner Bierverkäufer und arbeitete sich im regionalen Bierhandel nach ganz oben, bevor er sich diversifizierte. Heute ist er Präsident der von ihm selbst gegründeten Commercial Bank of Cameroon, eines der größten Geldinstitute der Region. Fotso, seine Familie und Freunde sind Hauptnutznießer der Privatisierungspolitik, die Kameruns Regierung auf Aufforderung der Weltbank betreibt.
(4) "Ownership" bedeutet in der entwicklungspolitischen Fachdiskussion, daß die Betroffenen einer entwicklungspolitischen Maßnahme sie eigenverantwortlich durchführen und nicht ausländische Experten.
(5) Al-Barakaat ist das größte Bankhaus Somalias und diente bis Herbst 2001 zum Transfer der Einnahmen somalischer Emigranten weltweit an ihre Angehörigen im Heimatland. Wegen vermuteter Verbindungen zu al-Qaida verfügte die US-Regierung im November Barakaats Schließung.
(6) Der Bau einer Ölpipeline von neu entdeckten Ölfeldern im Süden des Tschad bis zum Hafen Kribi an Kameruns Atlantikküste ist das derzeit größte private Investitionsprojekt in Afrika und wegen seiner ökologischen und sozialen Auswirkungen höchst umstritten. Kameruns Regierung setzt darauf, daß die Einnahmen aus dem Öltransit die Wirtschaftskrise des Landes beenden.
Von ROGER PELTZER
taz
15.11.2002
Die Präsidenten von Nigeria und Kamerun treffen heute in Genf mit UN-Generalsekretär Kofi Annan zusammen, um einen Grenzstreit zu entschärfen, der die beiden Länder in Westafrika an den Rand eines Krieges getrieben hat. Streitpunkt ist die 1.000 Quadratkilometer große Halbinsel Bakassi an der Atlantikküste. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hatte am 10. Oktober nach einem jahrelangen Prozess entschieden, daß Bakassi zu Kamerun gehört, obwohl Nigeria das Gebiet seit 1993 kontrolliert.
Landstreitigkeiten haben schon mehrfach gewaltsame Konflikte unter Nachbarn in Afrika gestiftet. Schuld sind häufig unnatürliche Grenzen, die Kolonialmächte in Unkenntnis der örtlichen Geografie zogen. Auch jetzt gründeten die Richter in Den Haag ihr Urteil auf einen Vertrag von 1913 zwischen Deutschland und Großbritannien, der die Grenzziehung zwischen den Kolonien Kamerun und Nigeria festlegte.
Seit den 80er-Jahren hat es zwischen Nigeria und Kamerun mehrere Zusammenstöße um Bakassi gegeben. Und es war abzusehen, daß ein Urteil aus Europa den Streit zwischen afrikanischen Nachbarn nur bedingt schlichten kann. Kurz nach dem Spruch aus den Haag hatte Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo seine Landsleute noch aufgerufen, das Urteil hinzunehmen. Ihm schien es zu reichen, daß Nigeria zwar die territoriale Kontrolle abgeben, aber laut dem Urteilsspruch seine Ölrechte in den Küstengewässern behalten würde. Aber nur Tage später hieß es, das letzte Wort sei noch keinesfalls gesprochen. Erst vor den heutigen Verhandlungen wurde wieder betont, man wolle nicht das Urteil aus Den Haag in Frage stellen, sondern nur über ungeklärte Details reden.
Die Zukunft des moskitoverseuchten Sumpfgebietes sieht jedenfalls ungewiss aus. Beim Streit geht es nicht zuletzt um Rechte für den Fischfang und noch mehr gewinnträchtige Ölförderrechte. Aber während in Kamerun Zeitungen über den "Sieg" jubeln, sorgen sich Kommentatoren in Nigeria mehr um die gefährdete Einheit ihres Landes als um Bakassi.
Die Zurückhaltung in Nigeria hängt mit der Tradition des Landes zusammen. Richter und Anwälte genießen wie sonst kaum in Afrika hohes gesellschaftliches Ansehen; viele Meinungsführer, Politiker und Bürgerrechtler sind Juristen. So wird über Bakassi eher akademisch diskutiert, während Sprücheklopfer schnell abgebürstet werden. Als ein Gouverneur aus dem Norden des Landes ironische Glückwünsche zum Verlust nigerianischen Bodens aussprach, erntete er herbe Kritik von Florence Ita-Giwa, Senatorin und Präsidentin der "Selbstbestimmungsfront der Bakassianer". Eine Mehrheit der Nigerianier sieht die Leute auf Bakassi als Landsleute und das Terrain als nigerianisch an. Aber noch steigt der Konflikt nicht zum Wahlkampfthema auf.
Von HAKEEM JIMO