DER STANDARD
14.09.2001

Aufschwung an der Goldküste

Ghanas jüngste Geschichte ist eine Erfolgsstory. Damit sich in naher Zukunft möglichst viele Touristen davon überzeugen, wird viel Geld investiert, in Betonburgen, aber auch in Naturschutzgebiete.

"Wenn du dick bist, bist du glücklich. Wenn du glücklich bist, bist du dick." Die Tortenbäckerin Comfort Greene lebt ihre Ideale und liebt ihre Produkte. Es sind wahre Kunstwerke, die hier in einem Vorort von Accra entstehen. Sechsstöckige, strahlend weiße Hochzeitstorten leuchten mit Comforts Lachen um die Wette. Die Vorlagen für die köstlichen Sünden findet sie in vergilbten englischen Kochmagazinen aus den 70er Jahren, Nachwehen der Kolonialzeit, als Ghana von den Briten besetzt war.

Die Geschäfte gehen gut. Comforts Torten werden für Bestattungszeremonien und Hochzeiten wärmstens empfohlen, vom Pastor, ihrem Bruder. Das Prinzip des Networking stammt eigentlich aus Afrika, das lernt der Besucher in Ghana schnell. Das Wohnzimmer der Familie Greene ist ein typisches Beispiel für urbanes mittelständisches Leben in Afrika. Bunte Sträuße aus Plastikblumen sind liebevoll um den Fernseher arrangiert, die Fenster sind ob der schwülen Hitze zugehängt. Der Besucher versinkt in tiefen Samtfauteuils unter dem knarrenden Ventilator, der die heiße Luft durch das Zimmer schiebt. Hier hat der Millennium-Bug zugeschlagen, der Commodore 64 auf dem Wohnzimmertisch ist seit 1. Jänner 2000 nur noch Dekoration.

Wenn auch die menschliche Technik versagt, der Reisende in Ghana kann gelassen sein, wird er doch überallhin von Gott geleitet und begleitet. "Relax, God is driving us", beruhigt die Werbung im Tro Tro, dem gängigen Sammeltaxi. Mobile Priester führen dem Buspassagier mit aller Deutlichkeit in Englisch und Twi die eigenen Erbsünden vor Augen.

Der tiefe Glaube überrascht nicht, wenn man weiß, daß das unterfinanzierte ländliche Schulwesen zu einem großen Teil in den Händen der Kirche liegt. Die Probleme beschränken sich nicht auf den Bildungsbereich. Die Wirtschaft ist nach wie vor durch den Export von Kakao, Tropenhölzern und Kaffee stark von den schwankenden Weltmarktpreisen abhängig. Politisch ging es lange Zeit turbulent zu, nach dem gescheiterten sozialistischen Experiment unter Kwame N'Krumah folgte bis in die frühen 80er Jahre ein Putsch dem anderen.

Doch Ghanas jüngste Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Unter dem Staatschef Jerry John Rawlings hat das Land sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Ghana boomt, das spürt der Besucher besonders in Accra.

Die quirlige Hauptstadt hat rund zwei Millionen Einwohner. Der lässige Stadtstrand Labadi Beach zieht jedes Wochenende gestylte Youngsters der oberen Zehntausend Accras an. Nagellackiererinnen auf der Suche nach unmanikürten Zehen, knackige Fruchtsalate oder musikalische Ständchen von Rastas, you name it, you get it. Wem das Erlernen afrikanischer Musik am Herzen liegt, fährt per Tro Tro über holprige Sandstraßen zum African Arts and Music Centre. Für ein paar Wochen geben sich hier die Berliner Logopädin, der französische Graphiker und die Frauengruppe aus Wien ganz dem Trommel- und Musikstudium hin.

Jeden Samstag gibt es Barbecue, all-you-can-eat, in Kokrobite Beach an der Küste östlich von Accra. Zebra und Alligator zergehen auf der Zunge. Das ist ganz nach Comfort Greenes Geschmack. Nur wenige Kilometer weiter lässt sich erahnen, wie die Region in zehn Jahren aussehen wird. Ein neues Touristenmekka entsteht, ein pastellfarbener Albtraum aus Beton, für den der Besucher umgerechnet öS 1.500 / EURO 109 die Nacht auf den Tisch legen muss.

Das können sich zurzeit nur Politiker und reiche Geschäftsleute leisten, die sich zu Konferenzen treffen.

An der Goldküste, ein Stück weiter westwärts, beherrschen mächtige Forts die tropische Landschaft. Die Festung Elmina, erbaut von Portugiesen am Ende des 15. Jahrhunderts, war der erste europäische Stützpunkt an der Küste Schwarzafrikas. Die Unesco hat das Castle zu einem der schutzwürdigen Denkmäler der Welt erklärt, Filmfans kennen die Festung aus Klaus Kinskis Cobra Verde. Von der kleinen Anhöhe aus ist der Blick in der Abenddämmerung atemberaubend, beflaggte Fischerboote, Wellenbrecher, endlose, palmengesäumte Sandstrände. Fast möchte man das unglaubliche Verbrechen vergessen, das hier vor ein paar hundert Jahren begangen wurde. Geschätzte sechzig Millionen Menschen wurden in dieser Küstenregion Opfer des Menschenhandels.

Heute besuchen vor allem Afroamerikaner das steinerne Zeugnis europäischer Grausamkeit und Geldgier. Was Europa Afrika angetan hat und noch immer antut, macht vor der Natur nicht Halt. Ein großer Teil der Regenwälder ist den kolonialistischen Monokulturen und später dem Export von Tropenhölzern zum Opfer gefallen. Jetzt ist man um Schadenbegrenzung bemüht und setzt auf Tourismus.

Etwa im Kakume Nationalpark. Immerhin zwei Drittel der Einnahmen fließen direkt in den Park für den Naturschutz zurück. Im Eintrittspreis sind Adrenalinstöße inbegriffen: Selbst die 80 jährige englische Touristin wagt sich auf die filigrane Hängebrücke, die in 40 Meter Höhe zwischen den Wipfeln der Urwaldriesen gespannt ist. Vor fünf Jahren hat ein australisches Forscherteam die schwingenden Brücken gebaut, um Affen und Vögel aus nächster Nähe studieren zu können.

Von der üppigen Küstenregion in den heißen und trockenen Norden zur Hauptstadt des Ashanti-Reiches führt eine zehnstündige Bahnfahrt. In Kumasi erwartet den Besucher der größte Markt Afrikas auf einer Fläche, die etwa 14 Fußballfeldern entspricht. Er ist groß, laut, vital, charmant und hässlich, und man sagt, es gebe außer Flugzeugen und Schiffen nichts, was man dort nicht kaufen könne.

Comfort Greenes Netzwerk macht auch vor Kumasi nicht Halt. Das Ehepaar Dowouna freut sich über österreichische Besucher, denn ihre Tochter lebt in Wien. Fünf Jahre lang war Herr Dowouna Botschafter in Moskau. Vor Wanzen und Brainwashing hätten die ghanaischen Freunde damals gewarnt, lacht seine Frau, aber Russland sei wunderbar gewesen.

Freitags ist öffentliche Audienz beim König. Im Kreise des Weisenrates beraten sich Frauen und Männer, in traditionelle Bobos gekleidet, mit dem goldbehangenen Oberhaupt. Optisch hat der Fortschritt Halt gemacht, politisch nicht, vor den Augen einer kritischen und überwiegend jungen Öffentlichkeit wird hier moderne Stadtpolitik gemacht.

Spätestens jetzt herrscht beim Besucher Sprachverwirrung. Nur 250 Kilometer von der Hauptstadt entfernt hat man bereits das dritte Sprachgebiet durchquert. Aber auch ohne Kenntnisse lokaler Sprachen lernt man Menschen wie Comfort Greene kennen. Und beim Endspiel des African Cup im großen Stadion von Kumasi ist nicht einmal Englisch notwendig. Phobia! heißt der Schlachtruf der Accra Hearts. Und die Götter sind gnädig: Ghana gewinnt.
Von Ina Ivanceanu


Süddeutsche Zeitung
13.10.2001

Der weltliche Papst

UN-Generalsekretär Kofi Annan ist eine moralische Autorität und beruflich zum Idealismus verdammt

Als das Nobel-Komitee in Oslo seine Wahl verkündete, hat Kofi Annan noch geschlafen in New York. Sein Sprecher Fred Eckhard weckte ihn um kurz nach fünf mit der Kunde vom Friedensnobelpreis. "Er hat sich sehr gefreut, nicht so sehr für sich selbst, sondern für die Organisation, der er vorsteht", sagt Eckhard. Das ist eine typische Reaktion Annans: Auch in der Stunde des Triumphs bleibt der Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN) leise, bescheiden, unaufgeregt. "Ich bin ein Lamm", hat er einmal selbstironisch gesagt, und ein andermal ernsthaft: "Ich diene nicht mir selbst." Bei ihm klingt das glaubhaft. Das lässt ihn herausragen aus der Masse der Politiker, und das gibt ihm seine stärkste Waffe – Würde.

Die Würde des Mannes wirkt unantastbar. Alle, die es mit ihm zu tun bekamen, zeigten sich beeindruckt davon, selbst der irakische Diktator Saddam Hussein. "Wenn er sich einem nähert, ist es nicht möglich, irgendwelche Barrieren aufrecht zu erhalten", meinte Helmut Kohl. Und bei seinen Mitarbeitern im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen heißt es: "Wenn er den Raum betritt, verbreitet sich ein Schleier der Ruhe – fast wie beim Papst."

Seit 1962 in der Weltorganisation

Den "weltlichen Papst", so hat man ihn auch schon genannt, den eleganten, 63 Jahre alten Ghanaer. In der Tat verbindet sie einiges, Annan und Johannes Paul II., der in diesem Jahr auch Kandidat für den Nobelpreis war: Beide sind moralische Autoritäten und beruflich zum Idealismus verdammt. Sie kämpfen gegen die selben Übel – Krieg, Armut, Unterdrückung – und sie stehen globalen Organisationen vor. Nur daß es Annan schwerer hat. Seine UN mit ihrem Geflecht rivalisierender Neben-, Unter- und Sonderorganisationen sind chaotisch im Vergleich zur straff strukturierten katholischen Kirche.

Als Kofi Annan 1997 das Amt des Generalsekretärs übernahm, meinte er, dies sei "der unmöglichste Job der Welt, aber irgend jemand muss ihn ja machen". Annan wusste, wovon er sprach. Seit 1962 dient er der Weltorganisation, an den verschiedensten Orten und in den unterschiedlichsten Funktionen. Dabei musste er die Schwächen der UN von Grund auf kennen lernen: Eitelkeiten, Bürokratie, Ineffizienz, Korruption, Machtlosigkeit. Seinen Glauben an den Staatenclub und die Mission, die Welt zu verbessern, hat das nicht erschüttert. Doch manchmal, so erzählte er dem Time Magazine, frage er sich nachts in Gebeten: "Die Welt ist so grausam. Wie können Menschen so grausam sein? Was kann man dagegen tun?"

Das Mindeste: Seine Würde nicht aufgeben, das hat ihm der Vater beigebracht. Henry Reginald Annan war Erbfolger eines Häuptlings aus dem Fante Stamm und britischer Gouverneur an der Goldküste, dem heutigen Ghana. Er pflegte nach dem Abendessen fingierte Gerichtsverhandlungen über die Missetaten des kleinen Kofi und seiner Geschwister abzuhalten. Dabei kam es dem Vater vor allem auf Aufrichtigkeit und Haltung der "Angeklagten" an.

Mit Anfang 20 ging der Leichtathlet und Jazz-Freund Annan zum Studium von Wirtschaft und Management nach Amerika. Schon damals fiel er auf unter den Kommilitonen, und das nicht nur, weil er als Schwarzer im weißen Mittleren Westen studierte. In einem alten Auto fuhr er mit Freunden nächtelang über die Highways, um Redewettbewerbe aufzusuchen. Seine Reden drehten sich um Arm und Reich und um die Chancen der Globalisierung. Und seine sichere Art und die samtene Stimme machten schon damals Eindruck.

1962 begann Annan als Verwaltungsbeamter seine Karriere bei den Vereinten Nationen. Er sammelte Erfahrung im Finanz- und Personalwesen. 1993 wurde er als Unter-Generalsekretär zuständig für die Friedenssicherung. Es waren die Aufbruchjahre nach dem Kalten Krieg, als der Staatenorganisation eine Rolle als Weltordnungsmacht zuzuwachsen schien. Zeitweise koordinierte Annan 16 UN-Operationen mit 75.000 Blauhelm-Soldaten. Doch es sollten auch verhängnisvolle Jahre werden: In Ruanda wurden 1994 Hunderttausende Menschen Opfer eines Völkermords. Annan blieb passiv, die UN blieben "neutral". Im Jahr darauf ermordeten Serben Tausende Muslime in der UN-Schutzzone von Srebrenica. Die Völkergemeinschaft hatte erneut versagt. Annan hat die tödlichen Versäumnisse als Generalsekretär untersuchen lassen und sich vor der Welt entschuldigt.

Seinen Glauben an das Gute hat der mit einer Schwedin verheiratete Weltchefdiplomat auch nach diesen Erfahrungen nicht verloren, was ihm von manchen als Naivität angekreidet wird. Doch verändert haben die Massaker den Ghanaer schon. Als er 1997 auf Betreiben der Amerikaner Generalsekretär wurde, begann er, das Grundprinzip der UN in Frage zu stellen: die Staatensouveränität. Ihm setzte Annan das Prinzip Einmischung entgegen. "Wenn wir nicht bereit sind, Gewalt durch Gewalt zu unterbinden, dann können wir kaum etwas ausrichten", sagte er. Völkermörder dürften sich nicht hinter dem Schild der Souveränität verstecken können.

"Stille Revolution"

Es ist nicht der einzige mutige Vorstoß des Kofi Annan. Unter dem Druck Washingtons hat er zudem Reformen des UN-Systems eingeleitet, gegen zähen Widerstand im eigenen Haus. Die Führungskräfte in New York erhielten mehr Verantwortung, die Korruption wird bekämpft, das Budget wurde eingefroren, die Strukturen verschlankt. Von einer "stillen Revolution" spricht Annan selbst. Wo sie stockt, liegt es weniger an ihm als an den Staaten in Sicherheitsrat und Generalversammlung.

Viel Energie widmet der neue Nobelpreisträger der Bekämpfung von Armut und Seuchen wie Aids. Auf ihn richten sich die Hoffnungen der Dritten Welt. Dabei scheut er nicht vor klaren Worten an die Eliten seiner Heimat Afrika zurück. "Wir haben uns jahrzehntelang nur schlecht um unsere eigenen Angelegenheiten gekümmert", sagte Annan auf einem Afrika-Gipfel in Lomé. "Jetzt leiden wir unter den Auswirkungen."

Auch gegenüber seinen Förderern, den Amerikanern, bezog der Generalsekretär klar Stellung und widerlegte den Vorwurf, Büttel Washingtons zu sein. So verhandelte er 1998 gegen den Willen der USA mit Saddam in Bagdad. Immer wieder prangerte er die miserable Zahlungsmoral Amerikas bei den UN- Beiträgen an. In der gegenwärtigen Terror-Krise geht er klugerweise behutsam mit Washington und dessen Feldzug um. Doch er sagt auch unzweideutig: "Diese Organisation (die UN) ist das natürliche Forum, um eine weltweite Koalition zu bilden. Sie allein kann dem langfristigen Kampf gegen den Terrorismus weltweite Legitimität verleihen."

Das Nobelkomitee hat Annan wegen seines Einsatzes für eine "besser organisierte und friedlichere Welt" gewürdigt. Er habe Herausragendes zur Wiederbelebung der UN geleistet, heißt es aus Oslo. Das Komitee wolle "öffentlich kund tun, dass der einzige begehbare Weg zu globalem Frieden und Zusammenarbeit der über die Vereinten Nationen ist". Den Generalsekretär, der im Januar seine zweite Amtszeit beginnt, wird das ermutigen, weiter zu glauben an seine Mission. "Die Welt besteht aus Optimisten und Pessimisten", sagte er einmal. "Letztlich liegen beide falsch. Aber der Optimist lebt glücklicher."
Von Stefan Ulrich


Neue Zürcher Zeitung
13.10.2001

Kofi Annan

Ein Mann der leisen Töne

Nicht mit markigen Sprüchen, flammenden Appellen und grossen Visionen, sondern mit Verständnis für kontroverse Positionen, grundlegende menschliche Anliegen und einem ausgeprägten Instinkt für das Machbare hat sich Kofi Annan in den vergangenen Jahren Anerkennung und Respekt verschafft, nicht nur als Uno- Generalsekretär. Seine Unparteilichkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung, seine Fähigkeit Zuzuhören und seine Zugänglichkeit für die elementarsten Bedürfnisse der Menschen haben ihm weit über die diplomatische Welt hinaus Sympathien eingetragen und ihn vermutlich zu einem der "volksnahsten" Generalsekretäre der Vereinten Nationen gemacht. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Boutros Boutros Ghali hat der 63 jährige Ghanese aus Kumasi auch immer die Grenzen seines Handlungsspielraums gesehen und respektiert. Auch auf dem Höhepunkt der Spannungen zwischen den USA und dem Irak zeigte sich Annan bereit, nach Bagdad zu reisen und zu vermitteln, allerdings erst, nachdem er grünes Licht auch aus Washington erhalten hatte. Und auch bei der Kritik amerikanischer Kongressabgeordneter an der angeblichen Ineffizienz der Vereinten Nationen liess sich Annan nie zu einer unüberlegten Bemerkung hinreissen.

Seiner zurückhaltenden Art und seiner Bescheidenheit hat Annan in den vergangenen Jahren verschiedene Erfolge zu verdanken. So gelang es ihm im Februar 1998 entgegen allen Erwartungen, den irakischen Diktator Saddam Hussein noch im letzten Augenblick zum Einlenken zu bewegen. Bei der Beilegung der Krise um das Attentat von Lockerbie leistete Annan mit einem Besuch bei Libyens Revolutionsführer Ghadhafi im gleichen Jahr einen wichtigen Beitrag, und auch an den Umwälzungen in Nigeria, von einer Diktatur zu demokratischeren Verhältnissen, hatte Annan seinen Anteil. Dem Generalsekretär zugute zu halten ist schliesslich sein Wille, das Bewusstsein in der westlichen Welt für die enormen Bedürfnisse der Entwicklungsländer und die verheerenden Auswirkungen der Aids-Epidemie zu schärfen, die vor allem die ärmsten Länder im Afrika südlich der Sahara trifft.

Sein ausgeprägter Sinn für die Realität, die Grenzen seines Amtes und die der Vereinten Nationen, der nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß der Ghanese seine gesamte Laufbahn im Dienst der Uno absolviert hat, forderten allerdings auch einen Preis. So ist es Annan nicht gelungen, die Rolle der Uno im Nahen Osten zu stärken. Auch in der Afghanistan-Krise hat Annan nicht versucht, selbst zu vermitteln. Wenig Erfolg war schliesslich den langwierigen Bemühungen zur Reform des Uno- Apparates beschieden. Dies dürfte allerdings eher auf die kontroversen Interessen der einzelnen Staaten als auf mangelnde Initiative des Uno- Generalsekretärs zurückzuführen gewesen sein.


Süddeutsche Zeitung
19.11.2001

Helden der Großstadt

Der Tellerwäscher

Das Reich des Yeboah Kwadwo, 38, aus Westafrika, ist knapp vier Quadratmeter groß. Darin steht er nun und nutzt die Macht des Wasserstrahls. Eingerahmt von einem professionellen Umluftherd und einem merkwürdigen Kubus, in dem es mächtig rumort, betätigt der schwarze Mann in seiner blütenweißen Jacke vor blendend weißen Kacheln den Griff seiner "Wasserpistole", spritzt den Dreck von einem Backblech weg.

Es ist ein Reich aus Stahl, aus Edelstahl. Blitzblank gescheuert die Spülbecken, der Herd und auch der Kubus, der wie eine metallene Blackbox wirkt, die magisch alt in neu zu verwandeln scheint, dabei aber so laut rattert, daß sie die "Hits der siebziger, achtziger und neunziger" aus dem Küchenradio locker übertönt: Yeboah lädt sie regelmä§ig mit verschmutzten Tassen und Tellern voll, senkt die mattschimmernde Haube über all dem verklebten Geschirr, und wenn er die Haube wieder hebt, erstrahlt auch das wieder in reinstem Weiß. Während also die Blackbox vollautomatisch die Kleinteile reinigt, kämpft Yeboah per Hand gegen Fett und Verkrustungen der riesigen Töpfe und Pfannen an. Was der Wasserstrahl allein nicht schafft, schrubbt er mit einem simplen Schwamm vom Stahl. Das geht natürlich nicht so leicht von der Hand, gehört aber zum Job eines Tellerwäschers, zur Arbeit an der Küchenfront, jedenfalls wenn man keine Kochmütze trägt.

Tellerwäscher. Spüler. Der Mann aus Ghana rangiert in der Hierarchie des Edelrestaurants "Oxymoron" in den Hackeschen Höfen offiziell knapp über der Putzfrau. Hat aber bereits zwei Leute unter sich! Die beiden anderen Spüler stammen aus demselben Land wie er, Yeboahs Macht erstreckt sich vor allem auf das Schreiben der Dienstpläne und ein Vorrecht auf die Tagesschicht. Befragt nach seiner genauen Berufsbezeichnung, meint Yeboah: "Spüler, na, da klingt ja nicht so gut."
Da mischt sich der Chefkoch ins Gespräch: "Schütze Arsch im letzten Glied!"
Yeboah überlegt noch, es fällt ihm so schnell nichts ein.
Der Chefkoch: "Mädchen für alles!"
Yeboah: "Ja, ja, Popo sauber machen!" Und während der Strahl über den Stahl spritzt, lachen sie, der Chefspüler und der Chefkoch.

"Ja, ich bin der Chefspüler", sagt Yeboah endlich, und der Koch sagt: "Es muss ja jemanden geben, den man anscheißen kann."

Was wie Überheblickeit klingen mag, ist zwischen den beiden nur ein Spiel. Denn Yeboah ist nicht nur ein guter Spüler, sondern ein Typ, der mit seinem afrikanischen Charme ohnehin alle Rangordnungen zwischen Koch, Kellner und Spüler überspielt. Vielleicht, weil er in seinem anderen Leben sowieso der Boss ist. Denn in seiner Heimat Ghana besitzt Yeboah nicht nur einen eigenen gastronomischen Betrieb namens "Berliner Hotel", er ist auch Sohn des traditionellen "Chiefs" der Stadt Fiapre vom Stamm der Akan. Eine Art Königssohn. Zu feierlichen Anlässen trägt sein Vater tatsächlich Krone und Zepter, Yeboah, noch, nur ein traditionelles Gewand, "Utoma" genannt, aus kunstvoll gefaltetem Stoff, wie der Chefspüler geschickt an einem Geschirrtuch mit der Aufschrift "Universum Mietwäsche" demonstriert.

Aber auch er wird jetzt in der Heimat schon mal um Rat gefragt. Und wenn sein Vater stirbt, wird Yeboah über die etwa drei Millionen Untertanen der Stadt herrschen. Yeboah Kwadwo, der am Montag geborene, als dritter seiner Mutter, aber erstgeborene Sohn seines Vaters, der drei Frauen hat. Yeboah, der Spüler vom "Oxymoron", der über "Schütze Arsch im letzten Glied" nur lacht, ist im fernen Afrika ein Herrscher in spe und ein Chef mit eigenen Angestellten, die er nach Herzenslust "herumkommandieren" kann, wie er sagt, "wenn ich denn mal in Ghana bin" und das war er immerhin vier Monate in diesem Jahr.

Doch sein Hotel in Ghana hat er sich nicht zuletzt mit Spülen und Putzen in seiner Welt aus Edelstahl, weißen Fliesen und kräftigem Wasserdruck verdient. Eine eigenwillige Karriere "vom Tellerwäscher zum Millionär"? Yeboah lacht schon wieder, er kennt den Spruch. Aber als jemand, der sich von unten nach oben kämpft, sieht er sich keinesfalls. In Berlin wohnt er mit seiner deutschen Frau und seinem vierjährigen Sohn in Kreuzberg eher genügsam. Natürlich zog er aus, um in Deutschland sein Glück zu suchen, wie der Tellerwäscher in New York. Sein Motto lautet: "In Deutschland sparen, in Afrika investieren!" Aber im Grunde war er doch schon immer wer. Jedenfalls in der Heimat. Mitglied einer Chief-Familie! Hier muss er arbeiten, spült er die Essensreste der Gäste vom Geschirr, dort wird er von hinten bis vorne bedient. "Zuhause in Ghana müssen meine Schwestern meine Wäsche waschen, für mich kochen. Da bin ich der King. Da mache ich keinen Handgriff. Da genieße ich pur."

Er erzählt das, während er die Tische und Stühle im Salon des Restaurants aufstellt. Neben Spülen und Salatputzen und Kartoffelschälen und Fischeschuppen eine seiner Aufgaben. Und nicht die unangenehmste. Yeboah genießt den "Freigang" aus seinem winzigen Reich in der Küche.

10 Uhr 45. Noch ist der Raum leer. Noch trägt er die schmutzige Jacke vom Vortag. Die riesigen Spiegel zwischen den goldenen Vorhängen reflektieren den Königssohn unter mächtigen Deckenleuchtern zwischen karminroten Sesseln. In der Vorstellung, daß der Mann ein Thronanwärter ist, ein seltsam passendes Bild. Und auch später, wenn die Gäste hier bei italienischen Opernarien fein tafeln und dabei für Nachschub an der afrikanischen Abwaschfront sorgen, wird er regelmäßig am Tresen auftauchen, um saubere Gläser und Tassen abzuliefern und um wie nebenbei einen Blick auf die weiblichen Gäste zu riskieren. Dann mit seiner neuen Jacke, die ihm das Restaurant jeden Tag gewaschen und gebügelt zur Verfügung stellt. Yebaoh, der Charmeur.

Keine Frage, Yeboah hat auch in Berlin seinen Spaß. Er wird von allen im Restaurant respektiert, Königssohn oder nicht. Im "Oxymoron" zählt vor allem seine Ausstrahlung. Und er ist so ziemlich immer gut drauf. Der König der Teller als Schelm, immer einen kecken Spruch auf den Lippen. Sein "Hallo" zu den Kellnerinnen soll ihm erst mal jemand nachmachen. Vielleicht besitzt er in Wahrheit gar kein Hotel, und vielleicht ist er am Ende nur der Sohn eines Spülers in einem Touristen-Hotel in Ghana. Egal.

Teller fragen nicht nach Titeln oder Laune. So stetig wie die Kellner sie frisch garniert an die Tische tragen und am Ende leer wieder abräumen, so stetig stapeln sie sich auf der Edelstahlablage von Yeboah, dem Chefspüler. Die Spülmaschine brummt, Yeboah summt, und der Wasserstrahl spritzt über fettige Pfannen und Töpfe, die sich durch das Reich der Küche bewegen, wie die Wiederkehr des Ewiggleichen, sauber, verdreckt, sauber, verdreckt. Sauber.

Spät, nach getanem Werk, zieht Yeboah seine inzwischen wieder schmutzige Jacke aus, geht nach Hause, oder setzt sich noch kurz an den Tresen des "Oxymorons", wo ihm der Barmann gerne einen Drink serviert. Morgen wartet eine schneeweiße Spüler-Jacke auf ihn, ein Stapel dreckiger Teller in seinem Vier-Quadratmeter-Reich und übermorgen womöglich ein Königreich in Ghana.
Von Roland Brockmann


Stern
22.11.2001

Der Himmels-Stürmer

Gott, sagt Gerald Asamoah, ist das Allerwichtigste. Gott sucht er, wenn er die Heimat in Ghana besucht. Dort schöpft Schalkes Jungstar Kraft für seine glänzenden Auftritte in der Fußball-Bundesliga.

Der Prediger hat gebetet, Gerald möge heimkehren nach Ghana und siehe, er ist gekommen. Praise the Lord. Gleich vorn sitzt er, in der ersten Bank rechts, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt. Gerald Asamoah, Halleluja, der Fußballer aus Deutschland. Als der Prediger ihm seine Hand auf die Stirn legt und langsam nach hinten drückt und immer wieder ruft, Gott der Herr ist bei dir, der Teufel weiche, beginnt Asamoah zu taumeln. Schließlich kippt er um. Gerald Asamoah, der große Kämpfer, auf Sommerurlaub in seiner Heimat, liegt wie hypnotisiert auf dem Boden, eine Zeit lang seiner Sinne beraubt.

"Halleluja"
Am Stadtrand von Accra kreischen und wimmern schon seit Stunden Frauen und Männer, sie singen und tanzen, beten und flehen. Wie Millionen Ghanaer an jedem Sonntagmorgen feiern sie Gottesdienst, festlich gekleidet, erwartungsvoll und demütig. Sie versammeln sich im kargen Klassenzimmer einer Grundschule, nicht mal ein paar Blumen schmücken den Raum. Ein Vorhang verhüllt die Kreidetafel, in der Ecke stehen Trommeln und ein alter Verstärker, der das Mikrofon krächzen lässt. In dieses eine Mikrofon brüllt der Prediger. Ein junger Mann im zu weit geratenen schwarzen Anzug, der beschwörend die Hände hebt und seiner Gemeinde "Jesus", "Amen" oder "Halleluja" entgegenschleudert. Einem Magier gleich lässt er die Menschen wie Dominosteinchen zu Boden purzeln.

Gott ist das Allerwichtigste
Die Asamoahs sind eine Stunde bei strömendem Regen über Schlaglöcher und Schlammwege hergefahren, um diesem Mann zu lauschen. Wenn sie in Afrika Urlaub machen, besuchen Gerald, seine Eltern, die Geschwister und Cousinen ihre alte Gemeinde. Gott ist das Allerwichtigste, sagt Asamoah. Der Prediger prophezeit, Gott werde seiner Freundin Linda, 21, bald Zwillinge schenken und ihn noch besser Fußball spielen lassen. Gerald lächelt.

Eine Erklärung für das, was ihm hier widerfährt, wie er funktioniert, dieser westafrikanische Zauber aus Christenlehre und Voodoo, die kann Gerald Asamoah nicht liefern. "Ich bin so groß geworden, ich war früher fast jeden Tag in der Kirche", sagt er schlicht. Jeden Abend vorm Zubettgehen lese er in der Bibel. "Johannes 3.16 und die Psalmen 70, 71 sind meine Lieblingsstellen", sagt Asamoah. "Herr, ich traue auf dich... Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an... Ich bin für viele wie ein Zeichen; aber du bist meine starke Zuversicht."

"A-sa-mo-ah"
Der gläubige Gerald aus Mampong in Ghana, ältester Sohn der Familie Asamoah, spielt Rechtsaußen bei Schalke 04 und gilt in dieser noch jungen Bundesligasaison wieder als einer der Stars seines Klubs. Und als Hoffnungsträger der Nationalmannschaft, Botschafter einer multikulturellen Gesellschaft. Er ist schon sportgeschichtliches Ereignis, der erste schwarze Afrikaner, der das deutsche Nationaltrikot trug. "Liebling Asamoah" dichtete "Bild". Auf Schalke singen die Fans "Gerald A-sa-mo-ah" zur Melodie von "Vamos a la Playa".

Rassismus stört
So viel Zuneigung tut gut in diesem Land. Denn fragt man Asamoah, was ihn stört in Deutschland, sagt er: "Rassismus". Er weiß, wovon er spricht. In Cottbus, beim Auswärtsspiel seines alten Klubs Hannover 96, haben sie ihn einst angespuckt und mit Bananen beworfen, Türsteher verwehrten ihm anderswo den Zugang zu Discos. Aufmerksam verfolgt er die Nachrichten über rechtsradikale Attacken. Jederzeit würde er sich öffentlich gegen Neonazis engagieren, sagt der Sohn eines Asylbewerbers.

Vater musste flüchten
Vater William, heute 50, kam als politischer Flüchtling über Italien und Warschau nach Deutschland. Er hatte in der Anzeigenabteilung der "Ghananian Times" gearbeitet und war aktives Mitglied der oppositionellen "People Front Party". Vor dem Militärputsch 1978 floh er Hals über Kopf aus dem Land, nachdem ihn Freunde gewarnt hatten, es werde bald Verhaftungen geben. "Es war sehr hart für mich, Gerry zu verlassen, als er gerade geboren war", sagt William Asamoah. "Aber ich hatte keine andere Chance." William schlug sich in Hannover als Straßenkehrer durch und arbeitete später beim Reifenhersteller Continental. Alle paar Wochen konnte er mit Gerald und dessen Geschwistern telefonieren, manchmal schickte er ihnen Spielzeug und seinem Sohn Fußbälle oder Schuhe.

Reis mit Rindfleisch
Ein Jahr nach der Flucht des Vaters kam die Mutter nach Deutschland. Die Kinder wurden bei Oma groß und später bei der Tante. Die Großmutter führte ein kleines Restaurant und verwöhnte sie mit gekochten Bananen und Reis mit Rindfleisch. Die Kleinen durften nur raus, wenn der Teller leer war. "Ich habe Gerald pummelig gefüttert", sagt die Oma.

1990 nach Deutschland
Erst 1990 kamen die Kinder nach Deutschland, Gerald war zwölf Jahre alt. Seine Eltern sind bis heute in Hannover geblieben, nach einer Zeit privater Trennung leben sie mittlerweile wieder in einer gemeinsamen Wohnung. Auch ihre Töchter Rexmond, 24, und Priscilla, 21, wohnen an der Leine. Der 17 jährige Luis hingegen zog in Geralds 120 Quadratmeter Wohnung nach Gelsenkirchen. Der ältere Bruder hat sich immer schon um Louis gekümmert und ihm bereits früher die Schulbrote geschmiert.

"Man denkt, man träumt"
Vater William ist froh, daß sein Sohn nun dran ist mit dem Geldverdienen. Früher führte er mal einen Afrika-Shop in Hannover, wo er Rasta-Perücken verkaufte und Kakaobutter. Heute verfolgt er jedes Spiel von Gerald. "Es ist für uns immer noch ein Wunder", sagt der Vater. "Man denkt, man träumt." Er hat das Hobby seines Sohnes gefördert und schwärmt, seit er in Deutschland ist, von Bayern München. So richtig glücklich, sagt William Asamoah, wäre er, wenn Gerald eines Tages bei Bayern spielte.

Herzprobleme
Jetzt spielt der auf Schalke, aber auch das ist ein Wunder. Denn 1998, da kickte Asamoah noch für den Zweitligisten Hannover 96, brach er nach einem Spiel zusammen, seine Brust schmerzte. Die Ärzte konstatierten eine Verdickung der Herzscheidewand und rieten ihm, aufzuhören mit dem Sport. Er würde tot umfallen, wenn er weiterspielte. Der Deutsche Fußball-Bund entzog ihm die Spielerlaubnis. Da war er gerade mal 20 Jahre alt. "Eine harte Zeit", sagt Asamoah. "Ich war ein ausgewachsener Kerl und fühlte mich kerngesund. Plötzlich verbot man mir zu spielen." Heulkrämpfe schüttelten ihn, die Familie betete jeden Tag in der Kirche. Er hatte nach dem Hauptschulabschluss zwar eine Lehre als Koch angefangen, aber nie einen anderen Traum, als mit Fußball Geld zu verdienen. Asamoah litt eine elendig lange Zeit, ehe sich Ärzte in Amerika fanden, die nach gründlichen Untersuchungen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufmachten. Das Risiko, "Probleme zu bekommen", liege bei einem Prozent. Asamoah durfte wieder ballzaubern. Und entschied sich später, zum Leidwesen des ghanaischen Nationaltrainers, Deutscher zu werden. 1999 wechselte er für 2,7 Millionen Mark nach Schalke. Dort steht ein Wiederbelebungsgerät am Spielfeldrand, wenn Asamoah aufläuft.

Viel erlebt
Die frühe Begegnung mit dem Tod hat ihn geprägt. Ihm gezeigt, daß er nicht allein verantwortlich ist für sein Schicksal. Vor zwei Jahren starb sein geliebter Cousin bei einem Autounfall, jener Cousin, der ihn einst zum ersten Fußballtraining mitnahm. "Ich habe viel erlebt für mein Alter", sagt Asamoah, "und keine Zeit, das alles zu verarbeiten." Mit Schalke wurde er Deutscher Pokalsieger und um ein Haar Deutscher Meister. Und im ersten Spiel für die Deutschen schoss er gleich ein Tor. "Ich bin stolz, dass ich das gepackt habe", sagt Asamoah. Er sagt nicht, daß er stolz ist, ein Deutscher zu sein. "Das ist doch ein Nazi-Spruch."

Nun macht er sich Sorgen, "wie ich auf dem Boden bleiben kann". Er ist glücklich mit seiner Jugendliebe Linda, die in London Pharmazie studiert hat, jetzt eifrig Deutsch lernt und in Gelsenkirchen "Schatzi" zu ihrem Gerald sagt. Derzeit lässt er in Ghana ein Haus mit Swimmingpool und Tennisplatz bauen, dort, wo auch die Fußballemigranten Anthony Yeboah und Sammy Kuffour prächtige Villen besitzen. Ein älterer Cousin kutschiert ihn in einem grünen Mercedes durch die Hauptstadt und erledigt kleinere Einkäufe. "Früher musste ich für ihn rennen", sagt Asamoah. "Jetzt wird mir klar, wie schnell sich Verhältnisse ändern können."

Kinder laufen barfuß
Wenn die Familie ihr Heimatland besucht, wohnt sie nahe am Flughafen, wo sich die Straßen nach jedem Regenguss in schmierige Seenplatten verwandeln. Ein Viertel, typisch für afrikanische Großstädte. Oft fällt der Strom aus, hinter den Häusern stapelt sich Müll. Frauen sortieren Brennholz, Kinder laufen barfuß und spielen Karten um ein paar Gummiringe. Im Haus der Asamoahs teilen drei Cousins ein Schlafzimmer mit Matratzen auf dem Boden. Luxus sind zwei Kühltruhen vor dem Haus, gefüllt mit Eis und Limo.

Grabsteine umdribbeln
Die Jungs im Viertel kicken auf einem steinigen Platz, zwischen den Torpfosten gurren Hühner. Wer genau hinschaut, entdeckt alte Gräber. Der Fußballplatz des Viertels war früher der Königsfriedhof von Accra. Auch Gerald Asamoah kickt im Sommer hier. Umdribbelt Grabsteine und umkurvt Wasserlöcher. Nur gut, daß sein Arbeitgeber nicht sieht, wie der Angestellte seine teuren Knochen ehrgeizigen afrikanischen Verteidigern aussetzt. Alle wollen sie gegen den Mann aus "Shakka", wie Schalke hier heißt, antreten.

Der 17 jährige Andrews Osei, auch mit Gerald verwandt, bolzt regelmäßig mit. Asamoah versorgt ihn mit den neuesten Schalke-Trikots, Schienbeinschonern und Schuhen. Schon morgens um fünf rennt Andrews auf dem Mittelstreifen der Straße zum Fußballplatz. Das erste Spiel des Tages beginnt um sechs. Andrews trainiert fünf Stunden am Tag und betet sonntags zu Gott, daß er es eines Tages schafft, in Holland oder Amerika spielen zu können. Oder in Dortmund. Shakka geht ja nicht, wegen Gerald.

Fußballakademie
"Afrika", sagt Asamoah: "Ich liebe es, hier zu sein. Die Leute haben nicht viel und sind locker dabei." Seine Schalker Mannschaftskollegen würde er "am liebsten mal herholen und ihnen Ghana zeigen". Abends kommen ein paar Männer zu Besuch. Einen "FC Asamoah" wollen sie gründen. Und man könne doch gemeinsam mit Schalke eine Fußballakademie führen, dann würden Shakka nie mehr die Afrikaner ausgehen. Asamoah schmunzelt. Die Männer schreiben die Namen von begabten Nachwuchskickern auf einen Zettel: Joseph Amoah Mensah,18, Edward Sasu, 20, Ebenezer Afful, 18.

Mal gucken, sagt Asamoah, ich sprech mit dem Manager. Er ist nett und verbindlich, aber nicht leichtsinnig und überschwänglich. Daß die Jungs träumen, versteht er gut. Denn er träumt selbst. Gerald Asamoah aus Mampong im Nordwesten Ghanas will mit Deutschland Weltmeister werden. Seine Mama möchte das übrigens auch. Praise the Lord.
Von Uli Hauser


Frankfurter Allgemeine Zeitung
08.01.2003

Kein Strom im Dorf, aber eine Bank

In Ghana legen Kleinunternehmer ihr Geld auf Gemeinschaftskonten an, um investieren zu können

Ein letztes Mal ziehen die Fischer mit aller Kraft ihre Paddel durchs Wasser. Dann drückt eine mächtige Atlantikwelle den bemalten Einbaum in die Höhe und schiebt ihn auf den Sandstrand bei Cape Coast. Diesmal hat sich die Plackerei der jungen Männer gelohnt. Das Boot ist bis zum Rand mit Heringen, Makrelen und Zackenbarschen gefüllt. Im warmen Wasser an den ghanaischen Küsten, wo sich der kalte Benguela-Strom aus dem südlichen Afrika mit dem warmen Kanaren-Strom mischt, herrschen ideale Bedingungen für Fische und Meeresfrüchte. Bis zu 300.000 Tonnen beträgt der jährliche Fang der Fischer, deren einfache Boote meist nicht einmal einen Außenbordmotor besitzen.

Lachend schlagen sich die Männer auf die Schultern. Auch die füllige "Fish-Mummy", die sich im Auftrag der Bootsmannschaft um Verkauf und Finanzen kümmert, zeigt sich in bester Laune. Sie spendiert ihren Männern eine Flasche Schnaps, einen Wacholderbranntwein, wie ihn niederländische Seeleute im 17. Jahrhundert an die damalige Goldküste brachten. Vor allem an diesem Küstenabschnitt Ghanas, das als erster Staat Schwarzafrikas im Jahr 1957 selbständig wurde, stößt man auf viele Spuren aus der Kolonialzeit. Über der Bucht von Cape Coast erinnert das älteste Schloß Afrikas, das erst als Handelskontor und dann als Ausgangspunkt für den Sklavenhandel diente, an die Zeit der Portugiesen.

Kaum sind die Boote entladen, eilen die ersten Kunden zu den improvisierten Verkaufsplätzen. Schnell sind die kapitalen Brocken aus dem Angebot verschwunden, sie gehen an die zahlungskräftigen Ausländerhotels. Christiana Attajbah hingegen hat sich schon immer mit kleinen Fischen begnügt. Sie steht an der Spitze einer achtköpfigen Frauengruppe, die Fische räuchert und auf den Märkten anbietet. Die 42 Jahre alte Frau deckt sich an diesem Morgen mit für ghanaische Verhältnisse gewaltigen Mengen an Heringen und Makrelen ein, die sie aus eigenen Mitteln nicht hätte bezahlen können. Wieder einmal zahlt sie mit einem Kredit, den die Kleinunternehmerinnen vom Christian Rural Aid Network (Cran) erhalten haben. Das 1984 gegründete, im ländlichen Ghana arbeitende Hilfswerk wird von der Deutschen Welthungerhilfe unterstützt. Es gewährte den Frauen zudem Mittel für Metallroste und Brennholz. Niemals hätten sie mit ihrem Anliegen bei einer der herkömmlichen Banken Erfolg gehabt: "Wir können keine Sicherheiten vorweisen, außerdem dauert es monatelang, bis Bankkredite endlich bewilligt und ausgezahlt werden. Und die Zinsen sind sehr hoch", sagt Christiana Attajbah. Banken gibt es nur in größeren Städten, und sie sind für die Frauen oft nur mühselig zu erreichen. Um dem Kleingewerbe Zugang zu Darlehen zu verschaffen, entwickelte die gemeinnützige Organisation vor vier Jahren ein Kreditvergabeverfahren, das eisernes Sparen voraussetzt. Wer Bargeld will, muß drei Monate lang regelmäßig Beträge auf ein Sparkonto einzahlen, gewissermaßen als Eingabe. Ihre Höhe kann jeder selbst bestimmen. Um das finanzielle Risiko zu begrenzen, hat man die Höchstgrenze eines Darlehens auf 200 Prozent der jeweils angesparten Summe festgesetzt.

"Susu" heißt dieses ghanaische Spar- und Kreditsystem, das unter anderen Bezeichnungen in ganz Schwarzafrika verbreitet ist. Nach einem vereinbarten Turnus, täglich oder einmal in der Woche, besuchen Susu-Geldsammler die Sparer, holen das Geld ab und bringen es zu einer Sammelstelle. Anschließend wird die Gesamtsumme auf ein reguläres Gemeinschaftskonto einer Geschäftsbank eingezahlt. Für diese Dienste behalten die Susu-Kollektoren monatlich von jedem Kunden eine Sparrate ein. Gemessen an den geringen Beträgen, die man auf dem Land täglich erwirtschaftet, lohnt sich individuelles Sparen nicht, da den Banken ein zu hoher Verwaltungsaufwand entstünde.

Das Hilfswerk "Cran" hat das seit rund einem halben Jahrhundert bestehende Susu-System weiterentwickelt, indem es ein Netz von Dorfkassen gründete. Dieser feste Bezugspunkt ist wichtig, weil sich in der Vergangenheit immer wieder Susu-Kollektoren mit dem Geld aus dem Staub gemacht hatten. Auch die Justiz konnte nicht helfen, da die Betrüger keinen festen Wohnsitz hatten. In den Dorfkassen kann die Kundschaft ihr Geld nun selbst einzahlen. Wohnen die Leute zu weit weg, holen Cran-Mitarbeiter mit Mopeds den Betrag ab. Auf Sparzinsen müssen die Kunden vorläufig verzichten, denn mit diesen Erträgen wird das Susu-Personal bezahlt.

Als Mindestbetrag wurden 500 Cedis (zehn Cent) festgelegt. Im Durchschnitt geben die Kunden umgerechnet etwa 3,50 Euro. Diese kleineren Summen kann jeder Kleinhändler regelmäßig aufbringen. "Dabei fühle ich mich einfach wohler", sagt Marian Koomson. Sie betreibt in der Küstenstadt Elmina einen Imbißstand und zahlt mit den Tageseinnahmen in der benachbarten Zweigstelle ihre Sparrate. Als Patrick Agbesynale "Cran" 1984 zusammen mit seiner Frau Doris gründete und dafür von der niederländischen Hilfsorganisation Coraid eine rückzahlbare Kapitaleinlage in Höhe von 100.000 Dollar erhielt, sollte das Netzwerk die wirtschaftlich benachteiligte Landbevölkerung fördern. Seither gründete Cran selbst fünf Grund- und Berufsschulen. Das Hilfswerk läßt Wasserleitungen in Dörfer legen und beteiligt sich an der Wiederaufforstung. Außerdem werden Dorfbewohner zu Imkern, Pilz- und Schneckenzüchtern ausgebildet. Rund ein Drittel der ghanaischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, ihre täglichen Einkünfte schwanken stark. Selbst unternehmerisch veranlagte Menschen können aus diesem Teufelskreis der Armut nicht ausbrechen, weil ihnen das nötige Startkapital fehlt.

Als das Paar Agbesynale 1993 die ersten Kredite für Kleinunternehmer vergab, mußte es allerdings eine herbe Niederlage hinnehmen: "Die meisten Empfänger haben sich schlicht geweigert, das Geld zurückzuzahlen", sagt Doris Agbesynale. Daraufhin griff das Hilfswerk auf die Susu-Praxis zurück, und damit haben die Agbesynales gute Erfahrungen gemacht. 94 Prozent der Darlehen werden pünktlich zurückgezahlt. Durch das Einsammeln der Beträge halten die Mitarbeiter der Gemeinschaftskasse persönlich Kontakt mit den Kunden und sind früh im Bild, wenn Schwierigkeiten beim Einzahlen der Sparquote auftreten.

Frauen, die kleine Geschäfte betreiben, beantragen am häufigsten Darlehen, ihr Anteil an der Kundschaft liegt bei 80 Prozent. Unter den Männern überwiegen die Besitzer kleiner Autoreparaturwerkstätten. Patrick Koomson beispielsweise braucht das Kreditangebot, wenn er Werkzeuge kaufen muß. Laufen die Geschäfte schlecht, dann läßt sich im Gegensatz zu einer normalen Bank der weitere Sparvorgang nach den Bedürfnissen des Schuldners verändern. Es gehört zu den Eigenarten der schwarzafrikanischen Länder, daß sich die Leute auf dem Land üblicherweise spontan um einen Kredit bemühen. Das ist überraschend, weil Fischer und Fischräucherinnen genau wissen, zu welchem Zeitpunkt sie größere Geldbeträge benötigen. Vom August bis in den Januar hinein verzeichnet man an der Küste die besten Fangergebnisse. Pünktlich zum Auftakt der Saison "kommen sie alle fast gleichzeitig und brauchen dringend große Beträge", klagt Vincent Atsiatormue, der Leiter einer Zweigstelle im Fischerdorf Shama Kedzi, das zwar kein fließendes Wasser und Strom, dafür aber eine eigene Bank besitzt.

Christiana Attajbah hat mit ihren Mitarbeiterinnen unterdessen 25 Kilogramm Heringe mit Meerwasser gewaschen und auf Metallrosten zum Räuchern angeordnet. Daß sie ihre Darlehen bisher immer mühelos zurückzahlen konnte, ist gewiß auf ihren Geschäftssinn zurückzuführen. Sie lagert einen Teil der konservierten Ware ein und wartet so lange, bis auf den Märkten die Fisch wieder knapper werden und die Preise wieder steigen.
Von Thomas Veser


pte
23.03.2003

Ghanaische Telekom-Kunden gehen auf die Barrikaden

Auch Telenor bewirkt in Telco-Misere keine Wunder

Die Telekommunikations-Infrastruktur ist in vielen Teilen Afrikas noch überhaupt nicht vorhanden. In den versorgten Gebieten stellt sie einen wichtigen Wirtschafts- und Standortfaktor dar – wenn sie funktioniert. Besonders schlimm scheinen die Zustände in Ghana zu sein. Ghana Telecom (GT) hat in dem 20-Mio.-Einwohner-Land erst etwa eine Viertelmillion Festnetzanschlüsse gelegt und ist hoch verschuldet.

Nachdem die Regierung zuerst Telecom Malaysia http://www.telekom.com.my zu Hilfe gerufen hatte, wurde im vergangenen Jahr dieser Vertrag nicht verlängert und das Management an Telenor http://www.telenor.com übertragen. Doch auch die Europäer mussten ihre ursprünglichen Pläne für die Installation von 400.000 Leitungen inzwischen begraben, da die geschätzten Verluste von GT von einer Mio. Dollar pro Woche derzeit keine solchen Investitionen erlauben. Dafür hat man kurzerhand die Telefonleitungen aller Internet-Provider des Landes stillgelegt, da man ihnen vorwirft, durch VoIP-Services Ghana Telecom massive Umsatzeinbußen zu bescheren.

Letzte Woche wurde es einigen Kunden zu bunt. Eine aufgebrachte Menschenmenge demonstrierte und beklagte sich gegen das in den letzten Monaten noch schlechter gewordene Service. Die Mitarbeiter eines Service-Points schlossen sich aus Angst vor der Rache ihrer Kunden sogar ein. Kwame Karikari, ein Sprecher der Demonstrierenden, sagte, Ghana Telecom hätte stets nur Ausreden gebraucht, aber nichts zur Verbesserung der Situation unternommen.

Die Demonstranten beschwerten sich darüber, daß die meisten Telefonzellen nicht funktionieren würden, das Unternehmen aber weiterhin Telefonwertkarten verkaufe, die die Kunden jedoch gar nicht benutzen könnten. Außerdem würde es immer schwieriger, Telefongespräche selbst im Inland zu führen. Eine einzige Nummer müsse oft stundenlang immer und immer wieder gewählt werden, um schließlich eine Verbindung zu erhalten. Ghana Telecom sieht die Probleme durch die Zunahme der Telefonnutzung verursacht.
Von Daniel A. J. Sokolov



Beiträge zu aktuellen Themen