Le Monde
12.04.2001
Am 18. März wurden 90 Kilometer von Algier entfernt sechs Polizisten niedergeschossen. Ein paar Tage später kam es nahe der Hauptstadt zu großräumigen Razzien durch die Armee. Es folgte ein Massaker durch mutmaßliche Islamisten in einem Dorf 50 Kilometer südwestlich der Hauptstadt; dort starben 13 Menschen. Tag für Tag ist in den Zeitungen die blutige Wahrheit nachzulesen. Der von Bouteflika vorangetriebene "Pakt der Versöhnung" ist gescheitert. Nun muss sich der Präsident neue Strategien einfallen lassen. Das Militär, das sich gerne als Vorkämpfer der Zivilgesellschaft ausgibt, hält alle Fäden in der Hand und ist nicht bereit, seine übermächtige Rolle aufzugeben. Doch die große Mehrheit der Bevölkerung möchte endlich Frieden. Dies ist ein Faktor, den sich Bouteflika zunutze machen könnte, wenn er eine echte Versöhnung durchsetzen will.
Algerien erlebt das zehnte Jahr der blutigen inneren Konflikte, und es scheint kein Ende in Sicht. Keine Aussicht auf Frieden, die großen Hoffnungen, die sich im April 1999 an die Wahl von Abdelaziz Bouteflika zum Staatspräsidenten knüpften, sind zerstoben. Gleich nach seiner Amtsübernahme hatte sich Bouteflika bemüht, einen "Pakt der Nationalen Versöhnung" durchzusetzen. Grundlage dieses Pakts war ein, geheim gehaltenes, Abkommen zwischen dem Militär und der Islamischen Armee des Heils (AIS), dem bewaffneten Arm der verbotenen Islamischen Heilsfront (FIS).
Bouteflika unterstützte dieses Abkommen, das noch unter der Präsidentschaft von Liamine Zéroual (1995-1999), allerdings ohne dessen Zustimmung, geschlossen worden war. Der neue Präsident zeigte sich bereit, die Vereinbarung nun politisch abzusegnen. Er hoffte, damit einen echten Friedensprozess in Gang zu setzen und den Einfluss jener Generäle zurückzudrängen, die im Januar 1992 die von den Islamisten gewonnenen Parlamentswahlen für ungültig erklärt und damit den Konflikt ausgelöst hatten.
Seither hat der Krieg Tausende von Opfern gefordert, zumeist unter der Zivilbevölkerung. Dorfbewohner wurden in ihren Häusern ermordet, ohne dass die örtliche Polizei wirkliche Ermittlungen aufgenommen hätte, zur Verhaftung von Schuldigen ist es so gut wie nicht gekommen. So kam es zu Gerüchten und Spekulationen über die Urheber der Massaker.
Angesichts der Aktivitäten der Untergrundkämpfer muss der "Versöhnungspakt" wohl als gescheitert gelten. Für viele Beobachter ist das eine unmittelbare Folge der strikten Geheimhaltung des Abkommens mit den Islamisten. Man zieht sogar in Zweifel, daß es die Verträge überhaupt jemals gegeben hat, und behauptet, das Ganze sei eine Inszenierung gewesen, bei der angebliche Islamisten durch den militärischen Geheimdienst in den Untergrund eingeschleust worden seien. Dafür spreche auch, dass nach Informationen einiger Zeitungen eine Reihe von übergelaufenen Kämpfern straffrei ausgingen, obwohl sie sich zu Kapitalverbrechen bekannten und eigentlich vor ein Gericht hätten gestellt werden müssen.
Wohl wissend, wie begrenzt die Möglichkeiten sind, will Präsident Bouteflika nun mit den Islamisten über ein neues Abkommen verhandeln, das zur "Nationalen Versöhnung" führen soll. Nichts anderes hatte auch sein Amtsvorgänger General Liamine Zéroual angestrebt. Für die Militärs ist das eine Kampfansage. Ihrer Meinung nach sind sie, und nicht der Präsident, zuständig für die politische Regelung des Konflikts mit den Islamisten.
Der Präsident ist daraufhin in die Kritik der Regierungskoalition geraten. Man hat ihn gewarnt, daß seine Autorität nur so lange respektiert werde, wie er sich an die ungeschriebene Grundregel des politischen Systems in Algerien hält. Die Armee hat über den staatlichen Institutionen zu stehen. Die Koalitionsparteien, die angeblich die ideologischen Strömungen der Gesellschaft repräsentieren, so soll etwa der RCD (Rassemblement pour la culture et la démocratie) von Said Sadi das "laizistische Lager" vertreten und der MSP (Mouvement de la société pour la paix) von Mahfud Nahnah die Islamisten, hatten die Kandidatur Bouteflikas im April 1999 unterstützt und den Vereinbarungen mit den Islamisten zugestimmt. Dafür wurden sie an der Regierung beteiligt.
Diesen Parteien gemeinsam ist vor allem eine feindliche Haltung gegenüber der Islamischen Heilsfront (FIS) und der Front der Sozialistischen Kräfte (FFS). Und auch gegen den Präsidenten ergreifen sie Partei, sobald es zu Streitigkeiten zwischen ihm und der Militärführung kommt. Das gilt jedenfalls für die Parteiführungen, denen von vielen ihrer Anhänger vorgehalten wird, daß sie die geheimen Abkommen mit den bewaffneten Islamisten mitgetragen haben und nicht dazu bereit waren, sich an offenen Verhandlungen mit dem politischen Flügel der FIS zu beteiligen. Solche Gespräche sind von anderer Seite geführt worden und haben 1995 den Weg frei gemacht für die Plattform von Rom, die seinerzeit in SantEgidio ausgehandelt wurde.
Das Regime hat sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert, und folglich kleben die Militärs noch genauso an ihren Posten wie im Januar 1992. Fünf Staatspräsidenten hat es seither gegeben, aber noch immer sind es dieselben hohen Offiziere, die bestimmte Funktionen innehaben oder entscheidenden Einfluss ausüben. Letztlich waren es die Generäle Mohamed Lamari, Tewfik Médiène und Smain Lamari sowie die pensionierten (aber einflussreichen) Generäle Khaled Nezzar und Larbi Belkheir, die zunächst Chadli Bendjedid aus dem Amt jagten, dann (nach der Ermordung von Mohamed Boudiaf) auch Ali Kafi und Liamine Zéroual zum Rücktritt zwangen, um schließlich Abdelaziz Bouteflika auf den Schild zu heben. Man darf sich fragen, ob ihre aktuellen Meinungsverschiedenheiten mit Bouteflika als Vorboten der nächsten vorgezogenen Präsidentschaftswahl zu deuten sind.
An der militärischen Kompetenz kann es wohl kaum liegen, daß sich die Generäle so lange auf ihren Posten halten. Die blutigen Anschläge der Untergrundkämpfer können sie nicht eindämmen. Die militärische Führung nimmt zwar Einfluss auf die Politik, dementiert das aber lautstark. Dabei bedient sie sich des militärischen Geheimdienstes, einer Einrichtung, die nur zu diesem Zweck geschaffen wurde. Sie hat freilich auch ihre Leute in den Parteien, in der Presse, den Gewerkschaften und in verschiedenen Verbänden und Vereinigungen.
Vorwürfe gegen die Geheimdienste wegen Menschenrechtsverletzungen werden daher abgeblockt. Dieser Logik entsprechen auch das Vorgehen gegen amnesty international oder das Verbot der Bücher "Qui a tué à Bentalha?" und "La Sale guerre" sowie die Hetzjagd auf Intellektuelle, die Petitionen zur Einberufung einer internationalen Untersuchungskommission unterzeichnet haben. Natürlich richten sich solche Maßnahmen auch gegen diejenigen innerhalb des Regimes, die offen für eine politische Lösung der Krise eintreten.
Die Armeeführung verwendet ihr ganzes Geschick darauf, den Doppelcharakter der Staatsmacht weitgehend zu verschleiern und zu vertuschen, daß die Militärspitze den zivilen Institutionen die Weisungen gibt. Damit soll zugleich die Politik der Unterdrückung verdeckt werden, die von der internationalen Gemeinschaft nicht mehr hingenommen wird, was den Militärs ein Dorn im Auge ist.
Bedenklich finden die Generäle vor allem die Einmischung von amnesty international. Die Organisation droht damit, sie vor einem Internationalen Strafgerichtshof wegen "Verstoßes gegen nationale Gesetze und internationale Menschenrechtsabkommen" anzuklagen. Als die Mitglieder einer amnesty-Delegation, die im November 2000 Algerien bereiste, Gespräche mit den Generälen Mohamed Lamari, Tewfik Médiène und Smain Lamari über die "verschwundenen" Personen und andere außergesetzliche Exekutionen führen wollten, sahen sie sich heftigen Angriffen durch die algerische Presse ausgesetzt. Kein Wunder, sie hatten es gewagt, den Ruf hoher Offiziere in Frage zu stellen, die von den Zeitungen als Helden gefeiert werden.
Staatspräsident Bouteflika, mit dem die Armeespitze Katz und Maus gespielt hat, kann das nur recht sein. Wenn die Generäle unter Druck geraten, kann er den ihm auferlegten knappen Handlungsspielraum etwas auszuweiten versuchen. Der Präsident hofft, seinen Vorteil daraus zu ziehen, dass die Generäle mit Massakern in Verbindung gebracht werden. Natürlich ist auch der Militärführung klar, daß der Präsident, den sie derzeit nicht so hart angehen kann, jede sich bietende Gelegenheit zu einem Gegenschlag nutzen wird.
Im Übrigen sind auch die Offiziere der algerischen Armee alles andere als eine verschworene Gemeinschaft. Dieselben Konfliktlinien, die die algerische Gesellschaft durchziehen, zeigen sich auch hier, nur war bislang der Korpsgeist immer noch stark genug, um die Geschlossenheit der Armee zu sichern. Gleichwohl bedeuten die Vorwürfe, die gegen die Generäle Mohamed Lamari, Tewfik Médiène und Smain Lamari erhoben werden, eine Schwächung ihrer Position. Andere hochrangige Offiziere könnten nämlich auf die Idee kommen, sie zu opfern, um die Armee als Institution zu retten.
Aus den Berichten von amnesty international über Folter, verschwundene Personen und außerrechtliche Exekutionen (die im Übrigen durch zwei jüngst in Paris veröffentlichte Arbeiten gestützt werden) wird deutlich, mit Ausnahme von Afghanistan gibt es heute kein Land auf der Welt, in dem die Menschenrechte so massiv verletzt werden wie in Algerien und in dem eine Militärführung, die dem Staat dienen sollte, dessen rechtliche Verfassung derart grob missachtet.
Wie konnte es dazu kommen, daß eine einst geachtete Führung so repressiv gegen die eigene Bevölkerung vorgeht? Das algerische Regime ist aus einer aufständischen Bewegung hervorgegangen, die bei ihrem Unabhängigkeitskampf viele Menschenleben geopfert hat. Das Massaker von Melouza, nachträglich der französischen Kolonialarmee zugeschrieben, ist ein Beispiel für diesen Blutzoll. Den Untergrundführern galt damals jeder Algerier, der sich nicht auf die Seite der Nationalen Befreiungsfront FLN schlug, als Verräter, der den Tod verdiente.
An diesem Todeskult (der sich in seiner religiös legitimierten Form auch bei den Islamisten findet) haben die Generäle festgehalten: Für sie ist die Armee die Verkörperung einer Nation, die allein durch eine Führung im Geiste der FLN gegen die "Verräter" verteidigt werden kann. Mit einer Kultur der staatsbürgerlichen Tugenden ist diese Mentalität unvereinbar, sie gesteht vielmehr den Militärs das Recht zu, über Leben und Tod zu entscheiden, wenn es um Menschen geht, die im Verdacht stehen, die Fundamente der Nation erschüttern zu wollen.
Die Massaker unter den Dorfbewohnern, vor allem in Rais, Bentalha, Relizane und Médéa, folgen den gleichen mentalen Mechanismen wie einst in Melouza. Nur das damals für das Blutbad die Militärführer einer nationalen Befreiungsbewegung verantwortlich waren, die sich im Krieg mit einer Besatzungsmacht befand, während die heutigen Massaker in einem unabhängigen Algerien stattfinden, das sich im Prinzip als Rechtsstaat versteht.
Das die internationale Gemeinschaft ein solches Ausmaß an Repressionen keinesfalls hinnehmen würde, war den Generälen klar. Aber sie wussten sich zu helfen, indem sie die Berichterstattung über die Massaker einschränkten und den Vertretern der wichtigen ausländischen Medien keinen Zugang zu den Schauplätzen gewährten, der Konflikt sollte möglichst "unter Ausschluss der Öffentlichkeit" ausgetragen werden. Obwohl also mediale Verschleierung verordnet war, ist es den Menschenrechtsorganisationen und den Vereinigungen der Familien von Verschwundenen und Opfern des Terrorismus mit Hilfe vieler Journalisten und NGOs gelungen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und die Algerier wie die internationale Gemeinschaft auf die Wirklichkeit eines Konflikts aufmerksam zu machen, dessen Parteien ihre Taten häufig als die des Gegners ausgeben. Daß als Militärs verkleidete Islamisten Erschießungen durchführen und die Militärs umgekehrt als Islamisten maskiert ihre Strafmaßnahmen ausüben, ist typisch für diese Auseinandersetzung, in der beide Seiten die öffentliche Verurteilung des Gegners erreichen wollen, indem sie ihm Verbrechen unterschieben, die sie selbst begangen haben.
Um diese Spirale tödlicher Gewalt und das Verhalten der Kontrahenten zu begreifen, muss man noch einmal rekapitulieren, wer sich hier gegenübersteht und warum. Zunächst die Armee: Sie geht in diesem Krieg auf drei verschiedene Arten vor. Zum einen durchkämmt sie mit ihren regulären Truppen bestimmte Gebiete. Von diesen Einsätzen wird die Presse unterrichtet, und manchmal ist das Fernsehen dabei. Zum anderen führen Spezialtruppen "gezielte Schläge" durch, um bewaffnete Gruppen in genau eingegrenzten Gebieten auszuschalten. Und drittens gibt es die Sonderaufträge des militärischen Geheimdienstes, der Informationen durch eingeschleuste Agenten gewinnt oder durch Folter erpresst und dann ohne Gerichtsverfahren Menschen töten lässt, die im Verdacht stehen, die Islamisten zu unterstützen.
Die zweite wichtige Kraft im Konflikt sind die paramilitärischen Verbände (Milizen und so genannte Selbstverteidigungsgruppen), die sich aus bewaffneten Zivilisten zusammensetzen. Mit der großzügigen Verteilung von Waffen an Menschen, deren Angehörige von Islamisten getötet wurden, oder an die Bewohner von Dörfern, die von angeblich islamistischen Gruppen überfallen wurden, versucht die Armee, die Zivilbevölkerung in den Schlagabtausch hineinzuziehen, um dann selbst als neutrale Ordnungsmacht auftreten zu können. Doch diese Strategie gerät schnell an ihre Grenzen: Tagtäglich berichten die Zeitungen von ganz gewöhnlichen Straftaten, bei denen die verteilten Waffen zum Einsatz kommen.
Die dritte Konfliktpartei sind die bewaffneten Islamisten. Sie sind noch genauso aktiv wie zu Beginn der Krise, und niemand weiß so recht, woher sie diese Stärke nehmen. Manchmal sickern Informationen über sie durch, es gibt Gerüchte, doch Journalisten, die davon berichten, droht Gefängnisstrafe. Angeblich soll nach dem fragwürdigen Abkommen zwischen AIS und militärischem Geheimdienst ein Teil der Islamisten wieder in den Untergrund gegangen sein und sich der GSPC angeschlossen haben. Deren Führer, Hassan Hattab, ein desertierter Fallschirmjäger, steht im Begriff, zur zentralen Figur des Untergrunds zu werden. Von der Kabylei aus, seiner Heimatregion, soll er die Aktivitäten der Kämpfer in ganz Algerien koordinieren.
Insgesamt ist die Auseinandersetzung geprägt von der Logik eines Systems, in dem die Militärführung grundsätzlich über dem Staat und seinen Institutionen steht. Daher muss etwa jeder Richter, der ein Verfahren wegen Terrorakten eröffnen will, zuvor die ausdrückliche Erlaubnis bei seinen Vorgesetzten einholen. Staatliche Instanzen dürfen im Kampf gegen den Terrorismus nicht die Initiative ergreifen, und der Justiz ist das Recht verwehrt, sich mit politisch motivierten Gewalttaten zu befassen, weil manche der verhafteten Terroristen eben auch für die andere Seite gearbeitet haben.
Allgemein ist man der Ansicht, dass der Konflikt andauern wird, solange die Generäle den Staat und die Medien fest im Griff haben. Zu diesem Schluss kommt auch ein kürzlich in Europa veröffentlichter Bericht, der in Algerien sehr ernüchternd gewirkt hat. Dort werden die folgenden "Empfehlungen an die Regierung und den Staatspräsidenten Algeriens" formuliert:
1. Eine Übergangsregierung aus den Parteien, die an den Wahlen von 1991 teilgenommen haben, soll einberufen werden.
2. Die Bestrebungen und politischen Haltungen der Islamisten sollten eine legitime Ausdrucksmöglichkeit erhalten. Das muss nicht unbedingt die Wiederzulassung der FIS durch die Regierung bedeuten. Vielmehr könnte etwa die Wafa-Partei von Talib Ibrahimi legalisiert werden, die als Nachfolgeorganisation der FIS gilt.
3. Ein öffentlicher und nachvollziehbarer Dialog mit allen islamistischen Gruppen, angeführt durch die Wafa, sollte eingeleitet werden, unterstützt von neutraler dritter Seite. Jede Initiative dieser Art muss auf die Abkommen von SantEgidio (1995) Bezug nehmen.
4. Die Nationale Volksversammlung sowie die Regional- und Gemeindeparlamente sind aufzulösen, und ein Zeitplan für die Abhaltung neuer Kommunal-, Parlaments- und Präsidentschaftswahlen muss aufgestellt werden.
5. Eine Verfassungsänderung sollte in Angriff genommen werden mit dem Ziel, neue institutionelle Formen zu etablieren, die mehr Transparenz und eine erweiterte Mitwirkung aller Parteien sicherstellen. Auch die Rolle der algerischen Streitkräfte sollte neu bestimmt werden.
6. Nach dem Vorbild von Ländern wie Chile, Argentinien und Südafrika müsste eine "Wahrheits- und Versöhnungskommission" gebildet werden, der auch internationale Beobachter angehören. Im Prozess der Aussöhnung müssen die Anliegen der Opfer berücksichtigt werden.
7. Es sollte ein Rahmen und eine Vermittlungsinstanz geschaffen werden, um einen dauerhaften Dialog zwischen der algerischen Regierung und den Islamisten zu unterstützen.
Von LAHOUARI ADDI (dt. Edgar Peinel)
Le Monde
12.07.2001
Obwohl die gewaltsame Unterdrückung des Aufstands bereits mehr als sechzig Menschenleben gekostet hat, weitet sich der Protest aufgebrachter Bürger in Algerien aus. Er begann am 18. April in der Kabylei, als Gendarmen in Beni Douala einen jungen Gymnasiasten mit dem symbolträchtigen Namen Massinissa Guermah ermordeten. Nicht zufällig ist die neuerliche Revolte in einer Region entbrannt, die sich vom übrigen Algerien kulturell abhebt und traditionell als aufrührerisch gilt. Hier fand 1871 der Große Kabylenaufstand statt, und er wurde damals von denselben französischen Generälen im Blut erstickt, die schon die Pariser Kommune niedergeschlagen hatten. Hier, wo sich die koloniale Unterdrückung besonders brutal zeigte, fanden in den Jahren 1954 bis 1962 die entscheidenden Kämpfe im Unabhängigkeitskrieg statt. Und hier brach im "Berber-Frühling" am 20. April 1980 die Studentenrevolte aus, die eine Anerkennung der unterdrückten Amazigh-Kultur forderte.
Im Laufe zahlreicher Invasionen wurden die Kabylen ebenso wie andere Gruppierungen des nordafrikanischen Amazigh-Volkes (der "Berber") nach und nach in die Bergregionen abgedrängt und dort isoliert. Rom assimilierte nur einen kleinen Teil der Berber, auch die Christianisierung blieb relativ erfolglos, und der Islam konnte erst im 12. Jahrhundert endgültig Fuß fassen, 400 Jahre nach seinem Siegeszug durch Arabien.
In einer feindlichen Umwelt lernten die Kabylen, ihre kulturelle Eigenheit hartnäckig gegen äu§ere Einflüsse zu verteidigen. Das findet Ausdruck in ihrer Weigerung, sich zu unterwerfen, der Bewahrung ihrer eigenen Sprache, des Tamazight, in der Liebe zu ihrem Land, ihrer besonderen Lebensweise, einer einzigartigen Literatur. Und in einem auf dörflicher Selbstverwaltung beruhenden Regierungsprinzip, das tief in den Sitten und Gebräuchen verankert ist, unmittelbare und strenge Kontrolle einer gewählten Zentralgewalt. Diese Form der partizipativen Demokratie erlebt in einem Verbund von "Dorfräten" ("urusch") derzeit einen neuen Frühling und verleiht dem Aufstand den Charakter eines spontanen Volksprotestes. Den traditionellen Parteien, inklusive den in der Kabylei verwurzelten politischen Gruppierungen, begegnen die Bürger hingegen mit Misstrauen.
Die Hoffnung auf eine stärkere Anerkennung ihrer kulturellen Eigenheiten, auch der Anerkennung des Tamazight als eine der offiziellen Landessprachen, ist eine Konstante der kabylischen Forderungen, wie im Übrigen auch der anderen Amazigh-Gruppen im Maghreb, in Algerien wie in Marokko (Rif, Atlas, Sous). Diese auf die eigene Identität zielenden Forderungen gehörten zwar vor Ort zu den Auslösern des Widerstands, bilden aber keineswegs das Hauptziel der Aufständischen. Behauptungen, sie wollten "die Teilung Algeriens" oder sie verfolgten "ethnische Ziele", sind nichts als Propaganda. Die massive Mobilisierung der letzten Wochen, die in die gigantische Demonstration in Algier am 14. Juni mündete, wurde mit Parolen gegen eine bestimmte Politik geführt, die das Land insgesamt betrifft. Die kabylischen Demonstranten haben ausdrücklich klar gemacht, daß sie das ethnische Stereotyp nicht bedienen werden, sondern im Interesse aller Algerier gegen ein verfaultes System rebellieren.
Daß dies keine leeren Worte waren, zeigte sich daran, dass der Aufstand auch auf Regionen übergriff, die nicht zur Kabylei gehören, aber ebenso unter Wohnungsmangel, verfallenden Straßen, Unterbrechungen der Strom- und Wasserversorgung, gewalttätigen Übergriffen der Ordnungskräfte, Willkür, Hoffnungslosigkeit, fehlender Demokratie, Korruption, Arbeitslosigkeit und Elend zu leiden haben. Der derzeitige Protest geht in seiner Grundsätzlichkeit weit über Forderungen nach Anerkennung hinaus. Vielmehr handelt es sich um eine grundsätzliche Ablehnung des Systems mit seiner Mischung aus Terror und Korruption, ein politischer, sozialer und ebenso ein moralischer Aufstand.
Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, und rund vierzig Prozent der Erwerbsbevölkerung sind arbeitslos. Die letzten zehn Jahre waren geprägt von militärischen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und aufständischen Islamisten, ein Krieg, der "als einer der blutigsten der Welt" gilt und den Vorwand für die Fortschreibung eines archaischen, repressiven und undurchschaubaren politischen Systems lieferte. Noch immer liegt die Macht im Wesentlichen in den Händen einer Clique von Militärs, die alle entscheidenden Schalthebel der Wirtschaft kontrolliert und nur in die eigene Tasche wirtschaftet.
Von 1998 bis 2000 haben sich die Erlöse aus dem Export von Erdölprodukten, dem Hauptreichtum des Landes, nahezu verdoppelt. Die Bevölkerung bekam von diesem Geldsegen, rund 25 Milliarden Euro, so gut wie nichts zu sehen. Allerdings nahm die soziale Ungleichheit weiter zu, und die Regierung schien in ihrem unerschütterlichen Autismus nicht im Geringsten daran interessiert, etwas zu verändern. Nur zu verständlich, dass die "Hoffnungslosen" nun auf die Straße gegangen sind und mit ihrer Parole "Wir kennen kein Pardon!" eine Art von gesellschaftlicher Generalabrechnung fordern.
Von IGNACIO RAMONET
Die Tumulte in der Kabylei, die vor allem von einer an den Rand gedrängten und zornigen Jugend ausgelöst wurden, haben sich inzwischen auf andere Gebiete Algeriens ausgeweitet. Trotz harter Gegenmaßnahmen seitens der Regierung und über hundert Toten setzten sich Ende Juni die Protestkundgebungen fort. Ihren Höhepunkt fand die Protestwelle am 25. Juni in Tizi-Ouzou, wo sich anlässlich des zehnten Jahrestags der Ermordung des Sängers Lounès Matoub mehrere zehntausend Menschen versammelten, um ihre Unzufriedenheit kundzutun. Große Teile der algerischen Gesellschaft wenden sich inzwischen gegen ein Regime, das immer mehr als korrupt, arrogant und undurchsichtig empfunden wird.
Seit Beginn der Unruhen, seit es Tote und Verletzte gibt und die Stadt erfüllt ist von Tränengasschwaden und dem beißenden Geruch nach Molotowcocktails, ist Tizi-Ouzou ein Ort mit dreigeteilter Machtstruktur.
Der erste Machtpol ist das Zentrum mit den beiden Gendarmeriekasernen, die zugleich das symbolisieren, wogegen sich der Protest richtet. Nachdem die Gendarmerie mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen hatte, die seit April 2001, nach dem Tod des Gymnasiasten Massinissa Guermah in einer Polizeiwache, die Straßen beherrschen, erhielt sie Anweisung, sich unauffällig zu verhalten. Ihre Kasernen werden inzwischen von den CNS geschützt, einer Spezialeinheit der Polizei zur Aufstandsbekämpfung, die sich auf den Einsatz von Tränengas beschränkt.
Der zweite Machtpol hat seinen Ort jenseits der Kasernen, auf den Straßen. Dort kämpfen die Aufständischen, eine zornige, wutentbrannte Jugend, deren Kraft viele Einwohner aus ihrer Bequemlichkeit aufgerüttelt hat. Die mit Eisenstangen bewaffneten jungen Leute, die sich mittlerweile im Bau von Barrikaden und der Herstellung von Molotowcocktails auskennen, wollen vor allem eines erreichen, den Abzug der Gendarmerie. Aus ihrer Sicht ist die Gewalt zum legitimen Mittel der Selbstverteidigung geworden. "Ulach smah, ulach!", skandieren sie: "Wir kennen kein Pardon!" Darin klingt der Wunsch nach Rache an den Ordnungskräften an, aber ebenso die Ablehnung aller Organisationsformen, die sich dem Rechtsverständnis der herrschenden Machthaber unterordnen.
Der dritte Pol in diesem Machtdreieck ist jene Generation, die aus dem "Frühling der Berber", der Protestbewegung der Achtzigerjahre, hervorgegangen ist. Er besteht aus den Aktivisten zweier Parteien, des Front des Forces Socialistes (FFS) und des Rassemblement pour la Culture et la Démocratie (RCD), die sich als Vermittler zwischen den Kräften des Aufstands und den Ordnungsmächten zu etablieren versuchen. Sie möchten vor allem verhindern, dass der Riss zwischen beiden Lagern "irreparabel" wird. Es ist eine Generation, die sich ihr politisches Scheitern eingestehen muss, aber sie hat in der lokalen Kultur Repräsentationsformen für sich wiederentdeckt, die an den traditionellen Dorfrat (arch) anknüpfen. Der arch basiert vor allem auf Blutsverwandtschaft und bildet sich als ein Klan um einen angesehenen Gründungsvater. Aufgrund der Verwaltungsgrenzen im modernen Algerien können einem solchen Rat heute auch Familien aus verschiedenen Gemeinden angehören.
"Nach dem Tod von Massinissa Guermah haben wir Formen der Kooperation gesucht, die über Partei- und Verwaltungsgrenzen hinweg funktionierten", erklärt Hacène Salah, "deshalb der Rückgriff auf die Dorfräte, die seit unvordenklichen Zeiten demokratische und moralische Autorität besitzen." Der 45 jährige Arzneimittelhändler, der aus der Berberbewegung kommt und sich später dem FFS angeschlossen hat, wurde nach dem Kooptationsprinzip zum Vertreter des arch der Ait Djennad im Verband der urusch (der Räte) von Tizi-Ouzou bestimmt.
Der arch der Ait Djennad stellt eine Art Großfamilie dar, die auf drei Gemeinden verteilt lebt, die wiederum zu drei verschiedenen daira (Unterpräfekturen) gehören. Insgesamt bestehen die drei Gemeinden Freha, Aghribs und Timizart aus 57 Dörfern, die nach dem Konsensprinzip, also nicht durch Wahl, je zwei Delegierte in den Rat entsenden. Unter den 114 Mitgliedern des Rats werden sechs Vertreter ausgewählt, die in den Verband auf der Ebene des wilaya (Präfektur) von Tizi-Ouzou geschickt werden.
Auf diese Weise haben sich in allen großen berbersprachigen wilayas solche uruschs als Vertretung der Landbevölkerung gebildet. Ein entsprechendes Gremium sind in den neuen Städten die Stadtviertel- oder Bezirkskomitees. Um dem Aufstand eine politische Richtung zu geben, versammelten sich alle Delegierten dieser Institutionen am 11. Juni 2001 in El Kseur und riefen zu einem friedlichen Marsch nach Algier auf, der für den 14. Juni geplant war. Unterzeichnet war der Aufruf von Vertretern der wilayas von Sétif, Bordj Bou Aréridj, Bouira, Boumerdes, Bejaia, Tizi-Ouzou und Algier (durchweg Regionen der Kabylei oder Gebiete, in denen viele Kabylen leben) sowie vom Vertretungsorgan der Universitäten von Algier.
In dieser Organisationsstruktur, die auf dem Konsensprinzip beruht, äußert sich zum einen die Furcht vor einer Spaltung und zum anderen das Bemühen, den Mythos der Einheit aller Kabylen gegenüber der Zentralmacht neu zu begründen. Nach Ansicht der meisten Mitglieder der uruschs haben die beiden "Berberparteien" - der FFS mit dem größten Wähleranhang und der RCD, dessen Gefolgschaft aufgrund seiner Regierungsbeteiligung geschrumpft ist, nur zur Spaltung beigetragen. "Die Jugend will keine Partei" versichert Salah, "sie fühlt sich von den Dorfräten vertreten." Keine Parteien, keine Wahlen, keine Frauen, ein merkwürdiges Ergebnis in einer Region, die sich zu andern Zeiten als Avantgarde eines republikanischen oder demokratischen Algerien verstanden hat.
Die Elite der vormaligen Protestgeneration begnügt sich also damit, aus der einzigen Forderung, die die jugendlichen Rebellen klar formuliert haben ("Weg mit der Gendarmerie!"), einen lediglich regionalistischen Anspruch mit kultureller Begründung abzuleiten. Der Sänger Ferhat Mehenni, eine Symbolfigur der Generation der Achtzigerjahre und Sänger ihrer Protesthymne, formuliert diese Haltung ganz offen: "Die algerische Kultur ist grundsätzlich regionalistisch und tribal orientiert. Wir erleben heute das Scheitern des Nationalismus, weil die Leute, die seit der Unabhängigkeit von 1962 an der Macht sind, weder willens noch fähig waren, den Aufbau einer Nation weiterzuführen. Ohne die Rückkehr zu den regionalen Grundlagen lässt sich überhaupt nichts aufbauen." Mehenni tritt dafür ein, mit einem Tabu zu brechen und die regionale Autonomie einzuführen: "Unter Autonomie verstehen wir, daß sämtliche staatlichen Hoheitsrechte auf die gewählten Institutionen der Region übergehen, ausgenommen nur die Landesverteidigung, die Münze, die Außenpolitik und die symbolische Vertretung der Republik. Die regionale Autonomie bedeutet den Beginn einer institutionellen Entkolonialisierung."
Die Marginalisierten bilden die Mehrheit
Eine "elitäre Haltung", meint Daho Djerbal, Historiker und Herausgeber von Naqd, einer der wenigen Zeitschriften, die den Mut haben, sich mit dem Algerien von heute auseinander zu setzen. In seinen Augen hat sich die alte Führungsriege der Region auf eine fragwürdige Position zurückgezogen. Sie vertrete den Standpunkt, so Djerbal, die Kabylei sei in stärkerem Maße Opfer der Zentralmacht als das übrige Algerien. Als Beleg diene ihr die "Verweigerung der Identität", da die Machthaber die Berbersprache Amazigh nicht als eine der offiziellen Landessprachen anerkennen.
Vor dem Hotel Belloua, in dem wir uns unterhalten, ist der Straßenkampf voll im Gange. "Komm doch her", ruft ein Jugendlicher einem CNS-Polizisten zu, "komm her, wenn du ein Mann bist, du Bastard, du Sohn der tchipa (Korruption)!" Der CNS-Mann brüllt zurück: "Hör zu, du Kabyle, aus eurem Amazigh wird nichts, du Sohn von Chirac!"
Es waren diese Jugendlichen, die den Sänger Ferhat Mehenni mit Spottversen empfangen hatten, dem Hacène Salah anschließend in aller Freundschaft riet: "Das nächste Mal solltest du nicht im Anzug auftreten." In der Revolte offenbart sich auch ein Bruch zwischen den alten Eliten der Berberbewegung und den Jugendlichen, die ohne jede Perspektive dastehen.
Nach Ansicht von Daho Djerbal drücken sich diejenigen, die die Anerkennung ihrer Sprache fordern, vor einem wichtigen Problem: "Die Basis spricht Kabylisch und Arabisch, die Elterngeneration dagegen Kabylisch und Französisch. Die Jugendlichen können kaum noch Französisch. Und der traditionellen Führung fällt zur Auflösung dieses Widerspruchs nur Partikularismus und Regionalismus ein." Alle sind sich jedoch darin einig, daß die Jugendlichen der Kabylei den engen Rahmen der kulturellen Forderungen verlassen und ein Problem von nationaler Tragweite auf die Tagesordnung gesetzt haben: ihr Verhältnis zum Staat.
Ouarmar, 27, Arabischlehrer in seinem Heimatdorf, sagt es auf seine Weise. Wie Zehntausende anderer junger Leute hatte er die Bergregion verlassen, um sich am 14. Juni am Marsch nach Algier zu beteiligen. In der Hauptstadt angekommen, fand er sich in einer Situation wieder, die mittlerweile klassisch ist. Auf die Repression reagierten die Jugendlichen mit Gewalt. Ouarmar wurde verletzt und landete mit Dutzenden anderen Demonstranten im Mustafa-Krankenhaus. Nach den üblichen Ausfällen gegen das "System" erklärt er: "Ich will, daß das hak, daß Recht und Gesetz respektiert werden, es muss Schluss sein mit den Begünstigungen und Sonderrechten." Und dann meint er, als spräche er von sich selbst. "Wer arm ist, hat gar nichts. Man lebt in den Bergen, und das wars. Aber die mit dem Geld aus dem Ausland, das sind harki (Kollaborateure der Franzosen). Und wenn du dich neben sie setzt, rücken sie weg, weil du arm bist."
Die Kluft zwischen Arm und Reich verläuft durch ganz Algerien, auch durch die Kabylei. Auf die Straße gehen, wie im Oktober 1988, die Menschen, die sozial ausgegrenzt sind. Und dies nicht nur in der Kabylei. Inzwischen hat sich die Revolte auf Khenchela, Annaba, Batna und andere Orte ausgeweitet. Um besser zu verstehen, was in Algerien geschieht, kann man immer noch auf die Einsichten zurückgreifen, die der Soziologe Said Chikhi nach der Rebellion von 1988 veröffentlicht hat: "Den Oktober nur durch Verweis auf die Arbeitslosigkeit und die Wohnungsnot erklären zu wollen bedeutet, Ursache und Wirkung zu verwechseln und vor allem die Komplexität der sozialen Beziehungen zu reduzieren. Denn man lässt damit außer Acht, was heute in Algerien eine entscheidende Rolle spielt: das Feld der Marginalisierung." Dieses Feld hat sich mittlerweile zu einem eigenen Kontinent ausgewachsen, auf dem etwa 12 Millionen Algerier leben.
Zur Arbeitslosigkeit kommt der Ausschluss aus dem Bildungssystem. "Die Schule", schrieb Said Chikhi damals, "ist nicht mehr ein Mittel der gesellschaftlichen Integration, das den ,Kindern aus dem Volk' die Chance eines gesellschaftlichen Aufstiegs bietet. Heute funktioniert sie als Selektionsinstrument, und die meisten scheitern an diesem Test. Von hundert eingeschulten Kindern erreichen nur vier die Universität." Die übrigen finden sich in die seelenlosen Schlafstädte verbannt, wo sie keine Orientierung finden und keinen sozialen Status gewinnen können.
Diese "Randständigen", die inzwischen eine Mehrheit bilden, schlagen sich in der Schattenwirtschaft durch, wo vor allem Cleverness, Tricks und kriminelle Methoden weiterhelfen, wie es Said Chikhi schon 1988 beschrieb: "Sie folgen einem anderen Ehrenkodex, Mutproben und körperliche Aggression sind ihre Mittel, die eigenen Fähigkeiten zu erproben. Und sie folgen einer anderen Logik des Handelns. Die Erfahrung, immer wieder auf der Polizeiwache verprügelt zu werden, das Gefühl, in einem verrotteten System zu leben und nur als Masse, nicht als Kollektiv zu existieren, all das führt zu Aufbegehren und Protest. Aber sie finden keinen Raum, sich auszudrücken, und keinen Rahmen für ihren Protest." Es sei denn auf der Straße, so wie heute.
Seit dieser Diagnose sind über zehn Jahre vergangen. Auch die Führungsschichten und der Mittelstand, denen die Aufgabe der "Demokratisierung" des Landes mit Hilfe von Gewerkschaften, Parlament und staatlichen Einrichtungen zugedacht war, haben ausgespielt. Erstmals wurden jetzt in der Kabylei auch Büros der "Berberparteien" verwüstet. Hat Daho Djerbal Recht mit seiner Behauptung, der Berberbewegung fehle es an Lösungen, sie sei historisch gesehen "im Begriff, die Partie zu verlieren", und biete, wie zuvor die Islamisten, keine Alternative zum herrschenden System, "weil sie mit ihrer Orientierung an Identität und Regionalismus die gesellschaftliche Bewegung auf ideologische Abwege bringt"?
Algerien hat nicht nur die Zerrüttung durch den Bürgerkrieg auszuhalten, auch der radikale wirtschaftliche Wandel hat das Land schwer erschüttert. Unter dem Druck der internationalen Finanzinstitutionen und wegen der Auflagen, die sich aus den Umschuldungsvereinbarungen ergeben, musste der Staat seine einstige wirtschaftliche Rolle innerhalb von zehn Jahren vollständig aufgeben. Die Privatisierung führte zum Bankrott von Staatsunternehmen, mehr als eine halbe Million Arbeitnehmer wurde auf die Straße gesetzt. Gleichzeitig entstand eine Schicht von Neureichen, vor allem nach dem Ende des staatlichen Außenhandelsmonopols. Und der Wandel vom Staatsmonopol zum privatwirtschaftlichen Monopol im Bereich der Mineralölförderung hatte eine weitere Einkommensumverteilung zur Folge.
Es handelt sich also um eine Art von New Deal zwischen alten und neuen Machstrukturen, an dem die große Mehrheit der Bevölkerung nicht beteiligt ist. Alles wird neu ausgehandelt: der Zugang zu Grundbesitz und Krediten, der Einfluss auf Entscheidungen der Gerichte und des Parlaments, der Zugang zu bestimmten Schlüsselpositionen. Die entscheidende Frage ist dabei, welche politischen und wirtschaftlichen Kräfte in diesem Wandlungsprozess bestimmend sind und die Macht übernehmen könnten. Was tatsächlich vorgeht, wird man kaum begreifen können, wenn man immer nur auf die Auseinandersetzungen verschiedener Klans starrt, die sich zwischen Präsident Abdelaziz Bouteflika und den "wahren Machthabern" im Militär abspielen. Auch das Militär hat sich bereits erheblich gewandelt, und die neuen Reichen aus dem privatwirtschaftlichen Sektor versuchen, alle Institutionen des Landes ihren Interessen gefügig zu machen.
Unterdessen sind die Straßenkämpfer dabei, alles zu zerschlagen, was von den öffentlichen Einrichtungen noch übrig ist. Finanzämter und Versicherungen, Postämter und Pensionskassen. Indem sich ihr Zorn gegen alles wendet, was den Staat, der sie im Stich gelassen hat, materiell repräsentiert, trägt die Masse der Opfer dieser Entwicklung tragischerweise dazu bei, sich selbst zu schwächen. Aber vielleicht kann das Algerien der Vielen, der Armen, der Millionen von Ausgegrenzten nur auf diese Weise, durch Wut und Empörung und Steinewerfen, seine Forderung nach einem neuen Gesellschaftsvertrag artikulieren.
Von GHANIA MOUFFOK (dt. Edgar Peinelt)
Frankfurter Allgemeine Zeitung
28.05.2002
Die umgedrehte Bananenschachtel dient als Verkaufstisch. An einem Frühsommernachmittag verkaufen junge Männer kleine rote Feuerwerkskörper und Kracher. Die Explosionen hallen durch die engen Straßen von Bab el-Oued, bis Polizisten in Zivil auf die fliegenden Händler in dem Viertel am Hafen von Algier zustürzen. Doch diese nehmen die Razzia nicht einfach hin. Mit Steinen bewaffnet ziehen sie vor die Polizeiwache. Auf dem Weg werfen sie Tafeln mit Plakaten politischer Parteien für die Parlamentswahl am Donnerstag um. Das Viertel Bab el-Oued mit seinen überfüllten, hohen Häusern wird damit wieder seinem Ruf gerecht, ein Vulkan zu sein, der jederzeit ausbrechen kann. Seine Einwohner, von denen sich viele in den neunziger Jahren der islamistischen Fis-Partei anschlossen, lassen sich noch weniger von der Obrigkeit bieten als andere Algerier.
"Für die Ware habe ich noch nicht bezahlt, von dem Geld muß ich leben", schimpft der Händler Hakim. Den Großhändlern, die die Knallkörper gleich containerweise importieren, geschehe wieder einmal nichts. "Das ist die Hogra!", sagt er wütend. Dieses Schlagwort beschreibt die Arroganz der Machthabenden. Es steht auch an den Wänden mehrerer Geschäfte am Rand der großen Straßenschneise mitten in dem Viertel, das sich vom Meer einen Hügel hinaufzieht. Wo heute Planierraupen und Teermaschinen die Straße wiederherrichten, hatte im vergangenen November ein Erdrutsch nach heftigen Regenfällen wohl mehr als 1.000 Einwohner unter sich begraben oder ins Meer mitgerissen. Mit Schlagworten wie "SOS Hogra", die sie an Häuserwände sprühen, protestieren Geschäftsleute dort dagegen, daß ihre von Schlamm und Schutt befreiten Läden von der Straße abgeschnitten werden sollen, obwohl sie die Katastrophe überstanden haben. Aus "Sicherheitsgründen" soll wenige Meter vor ihnen in Zukunft eine Mauer den Zugang zur Straße versperren.
"Was sollen wir von so einer Regierung erwarten?", sagt der zwanzig Jahre alte Hakim und zuckt mit den Schultern. Am Donnerstag sei zwar Parlamentswahl, aber das sei ihm egal. Die Politiker interessierten sich nicht für seine Probleme und er nicht für sie. Von der Regierung habe er noch nichts bekommen. Weder eine Wohnung noch Arbeit. Deshalb verkaufe er eben heute die roten Knallkörper, ein anderes Mal T-Shirts und demnächst vielleicht wieder Zigaretten. So komme er wenigstens über die Runden und seine Eltern und die fünf Geschwister auch.
Ohne solche kleinen Jobs als fliegende Händler, selbsternannte Parkwächter, aber auch als Kleinkriminelle und Gelegenheitsprostituierte könnten viele Leute in Algerien nicht überleben. Im vergangenen Jahr meldete die algerische Statistikbehörde, daß knapp ein Viertel der Bevölkerung arm sei. Schon die offiziellen Arbeitslosenzahlen lassen aber vermuten, daß noch mehr Einwohner des nordafrikanischen Landes wirtschaftlich zu kämpfen haben: Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist arbeitslos. Unter den Algeriern, die jünger als dreißig Jahre sind, sind es sogar 78 Prozent, diese Altersgruppe stellt weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Jedes Jahr gehen allein etwa eine halbe Million Einwohner von den Schulen und Universitäten, mit wenig Aussicht auf Arbeit, und viele von ihnen melden sich gar nicht erst arbeitslos. Die etwa 100 Dinar, die er nach der Schule von der Arbeitslosenversicherung erhalte, lohnten nicht einmal die Behördengänge, glaubt der junge Hakim.
"Ich will nur noch weg", sagt er und blickt in Richtung Hafen. Doch seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist es noch schwerer geworden, auf die andere Seite des Mittelmeers zu kommen. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Visum für Europa zur Zeit umgerechnet fast 1.500 Euro, unbezahlbar für einen Straßenhändler wie ihn. Manchmal helfe es aber auch, wenn man Leute kenne, die im Hafen arbeiten und einen auf ein Schiff lassen. So bleibt ihm wie vielen Algeriern nur der Fernsehblick in den unerreichbaren Westen, mit Hilfe der Satellitenschüssel auf dem Balkon.
Eine Chance für eine Zukunft in Algerien sieht Hakim für sich nicht, nicht einmal für eine Freundin. Er lebt wie die meisten jungen Algerier noch bei seinen Eltern. Eine Beziehung vor der Ehe ist in dem muslimischen Land auch mit schwindendem Einfluß der Islamisten für die meisten Einwohner nicht akzeptabel. Viele junge Paare wissen sich deshalb nicht anders zu helfen, als am späten Nachmittag oder am Wochenende in den zoologischen Garten zu gehen. Dort suchen sie unter den Bäumen oder im Gebüsch einen ruhigen Platz. Wer Arbeit hat und sich ein Auto leisten kann, fährt hinaus in die Wälder am Strand und baut aus Pappe einen notdürftigen Sichtschutz hinter den Fensterscheiben. Die Angst vor militanten Islamisten ist zwar geschwunden, und die Polizei drückt oft ein Auge zu. Aber die meisten Paare sind vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause: Sie wollen in ihren Familien nicht erklären müssen, wo sie gewesen seien. Aber selbst für verheiratete junge Paare ist das Zusammenleben oft nicht einfach. Viele leben weiter in der Wohnung ihrer Eltern, weil sie eine eigene nicht bezahlen können. Algerische Sozialarbeiter erklären damit nicht zuletzt auch die steigende Zahl der Scheidungen.
Viele dieser Probleme werden jedoch nicht mehr länger verschwiegen. In Chatforen im Internet und in Zeitungsrubriken mit Titeln wie "Erste Schritte" diskutieren Leser offen wie noch nie über Themen, die früher tabu waren. Eine Leserbriefschreiberin empört sich zum Beispiel über Männer, die im 21. Jahrhundert immer noch darauf bestehen, daß Frauen vor der Ehe keine sexuellen Kontakte haben dürfen. Männer nähmen sich hingegen das Recht, entsprechende Erfahrungen zu sammeln und seien auch noch stolz darauf. Dieser "Jungfräulichkeitswahn" habe sich überlebt, Frauen hätten alleine das Recht zu bestimmen, wie sie ihre Sexualität leben.
Auch Homosexualität, Drogenmißbrauch und Selbstmord sind zu Themen in den unabhängigen Tageszeitungen geworden. Eine zweiseitige Reportage in der Zeitung "Le Jeune Indépendant" berichtet zum Beispiel über die bedrückende Situation der Bewohnerinnen der Studentenunterkünfte am Rande der algerischen Hauptstadt. Offen erzählen Studentinnen von ihrer Angst, an der Universität zu scheitern, der Einsamkeit in der Großstadt und ihren verwirrenden ersten sexuellen Erfahrungen mit Männern wie Frauen. "Ich hatte Angst, fühlte mich völlig verloren. Das Leben war so anders als zu hause", erinnert sich eine Studentin, die sich mit immer mehr Tabletten zu beruhigen versuchte. Auch Rauschgift findet wachsende Verbreitung in der Bevölkerung, und das nicht nur unter Studenten. Nach einer vor kurzem vorgestellten Studie nehmen schon 48 Prozent der algerischen Gymnasiasten Rauschgift. Auch der Haschischkonsum sei gestiegen. Früher sei Algerien vor allem ein Transitland für das Rauschgift auf dem Weg von Afrika nach Europa gewesen, jetzt sei es selbst zu einem wachsenden Markt geworden.
Es ist vor allem die Enge in ihren Wohnungen und Unterkünften, womit viele junge Algerier nicht zurechtkommen. Im Studentenheim im Stadtteil Hydra leben acht Frauen auf siebzehn Quadratmetern. Bei ihnen zu Hause ist es oft kaum anders. Nach offiziellen Statistiken aus den ausgehenden neunziger Jahren lebten in den meisten Familien durchschnittlich etwas mehr als sieben Personen in einer Wohnung, die oft nur aus zwei Zimmern bestand. Nicht nur in Bab el-Oued nutzen die Bewohner deshalb im Sommer auch die Balkone als zusätzlichen Schlafraum.
Wohnungsnot und vor allem die Arbeitslosigkeit haben schon dazu geführt, da§ die Geburtenrate leicht sinkt. Die Wirtschaftskrise zwingt selbst Beamte, nach Feierabend heimlich noch etwas dazuzuverdienen. Ohne "Tschippa", eine kleine Bestechungssumme, sei in vielen Behörden nichts mehr zu bekommen, heißt es in Algier. Vor allem der Verlust des Arbeitsplatzes treibt offenbar immer mehr Algerier in den Selbstmord. Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß in algerischen Zeitungen Meldungen wie diese erscheinen: "Das Leben ist so düster, und ich habe keine Zuversicht mehr. Ich hoffe, daß wenigstens meine Kinder in Frieden leben", schrieb ein Vater von vier Kindern in seinem Abschiedsbrief. Unklar ist, wie stark die Zahl der Selbsttötungen steigt oder ob es daran liegt, daß auch über dieses bisherige Tabuthema offener gesprochen und berichtet wird als früher. Ein Vorstandsmitglied der Jugendorganisation RAJ erklärt die Fluchten in Selbstmord oder Rauschgift zynisch mit den Worten: "Die Reise ins vermeintliche Paradies außerhalb Algeriens wird eben immer schwieriger."
Von Hans-Christian Rößler
Salzburger Nachrichten
05.03.2003
Eine Million überwiegend junge Algerier empfingen ihn begeistert. Als erster ausländischer Staatschef durfte Jacques Chirac vor dem Parlament des Wüsten- und Ölstaates sprechen - und ein neues Kapitel in den stark belasteten Beziehungen zwischen den ehemaligen Kolonialherren und dem unabhängigen nordafrikanischen Land aufschlagen. Nicht zuletzt seine Haltung gegen einen Irak-Krieg hat Chirac zu diesem Jubel verholfen. Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika sagte am Dienstag, wenn Chirac in seiner Irak-Politik so fortfahre, dann sei er der richtige Mann für den nächsten Friedensnobelpreis.
"Die Zeit der Vorwürfe ist vorbei", feierte die Presse in Algier den 70-jährigen französischen Präsidenten. Schon vor Chiracs Reiseantritt als "historisch" bewertet, könnte der erste Staatsbesuch eines Präsidenten aus Paris das Fundament für ein Zusammengehen der durch das Mittelmeer getrennten "Nachbarn" gelegt haben.
Gut vier Jahrzehnte sind seit dem Algerienkrieg (1954-1962) vergangen. Zehn Jahre sind es seit Beginn des islamistischen Terrors mit 150.000 Toten im Land. Während der traurige Zenit zahlloser Attentate überschritten sein könnte, rücken beide Länder zusammen. Nach dem deutschfranzösischen Vorbild von 1963 streben Chirac und Bouteflika ein Versöhnungs-Abkommen an. Jacques Chirac sucht in seiner zweiten Amtszeit ein aktiveres Engagement in Afrika. Doch nicht nur die Anti-Kriegs-Haltung im Irak-Konflikt machte die Sympathiewelle aus. Der Mangel an Arbeitsplätzen und an Wohnungen brennt Millionen jungen Menschen, zwei Drittel der Algerier sind unter 30 Jahre alt, weit mehr unter den Nägeln als die blutige Geschichte zwischen beiden Ländern. Viele wollen deshalb Arbeit in Frankreich suchen. "Sollten die Franzosen tatsächlich die Visumpflicht für uns abschaffen, dann wird niemand mehr in Algerien bleiben", meinte der junge Nabil aus der Hauptstadt. Dazu dürfte es jedoch auch deswegen nicht so rasch kommen, weil die konservative Regierung in Paris ein Zuwanderungsgesetz plant, das diese Schleusen wohl nicht öffnen wird.
Algerien braucht Kapital aus dem Ausland, um seine Rolle als OPEC-Ölstaat noch auszubauen. Auch den Franzosen ist sehr an den algerischen Energiereserven gelegen. Unternehmen aus aller Welt, nicht zuletzt amerikanische, stehen in Konkurrenz mit dem französischen Ölkonzern Total um die Ausbeutung des Schwarzen Goldes. Paris, bereits wichtigster Wirtschaftspartner Algeriens, liegt vor allem an einer "mediterranen Schiene" als ausgleichendes Gewicht in Zeiten der EU-Osterweiterung.
Probleme bleiben. Dazu gehören bürokratische Hürden in Algerien und missachtete Menschenrechte. Kein Staatsbesuch löst das Trauma der Gewalt zwischen beiden Ländern auf. Doch gerade Bouteflika will den Wirtschaftsaufschwung.
Von HANNS-JOCHEN KAFFSACK
netzzeitung.de
22.05.2003
In Nordalgerien hat sich am Mittwochabend ein starkes Erdbeben ereignet. Dabei wurden nach offiziellen Angaben mehr als 500 Menschen getötet und über 4000 verletzt. Zahlreiche Häuser stürzten ein, Strom und Telefonnetz fielen aus.
Algeriens Hauptstadt Algier ist am Mittwochabend von schweren Erdstößen heimgesucht worden. Das Beben um 20.45 Uhr hatte nach Angaben des Erdbeben-Informationszentrums der USA eine Stärke von 6,7 auf der Richter-Skala. Andere Quellen gaben die Stärke mit 5,4 an.
In einer ersten Bilanz sprach der algerische Staatsrundfunk von etwa 40 Toten und 300 Verletzten. Am frühen Donnerstagmorgen wurden die Zahlen erheblich nach oben korrigiert. Demnach starben laut Angaben des Innenministeriums mehr als 500 Menschen, mehr als 4700 wurden verletzt. Betroffen waren den Angaben zufolge die Region östlich von Algier und die Hauptstadt.
In der Algier rannten die Menschen in Panik auf die Straße. In einigen Stadtvierteln fiel der Strom aus; auch das Mobiltelefonnetz funktionierte nicht mehr. Die Wucht der Erdstöße habe Straßen aufgerissen, hieß es. Zudem seien zahlreiche Häuser eingestürzt. Nach Angaben des algerischen Forschungszentrums für Astronomie und Astrophysik erreichten die Erdstöße eine Stärke von 5,2 auf der Richterskala. Das Epizentrum habe in der Stadt Thenia zehn Kilometer östlich von Bourmedes gelegen, erklärten die Experten.
Erdstöße bis nach Spanien spürbar
Überall in der Stadt seien Sirenen zu hören. Das italienische Nationalinstitut für Geophysik in Rom gab bekannt, das Beben habe etwa fünf Minuten gedauert.
Am schwersten betroffen waren die Region um Rouiba etwa 30 Kilometer östlich von Algier sowie Boumerdes 50 Kilometer östlich der Hauptstadt. Das Beben war laut Agenturmeldungen bis nach Spanien zu spüren, besonders an der Mittelmeerküste sowie auf Ibiza und Mallorca.
Die Erdstöße waren noch um 23.00 Uhr Ortszeit zu spüren, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Über den Rundfunk wurden Ärzte aufgerufen, in den Krankenhäusern zu helfen. Die Einwohner wurden ersucht Blut zu spenden. Die Bewohner der betroffenen Regionen wurden aufgefordert, das Gas abzustellen, um Explosionen zu verhindern. Ein Krisenstab wurde eingerichtet, um die Rettungsarbeiten und Hilfsmaßnahmen zu koordinieren.
Algerien wird regelmäßig von Erdbeben erschüttert. Im November 2000 wurde eine Stärke von 5,8 gemessen. Im Oktober 1980 waren bei einem Erdbeben rund 3000 Menschen ums Leben gekommen, 8000 weitere wurden verletzt.