dpa
06.04.1998
Kannibalismus findet man normalerweise nur mehr in Legenden. Allenfalls verrückte Kriminelle werden noch solcher Taten bezichtigt. Nun behauptet der spanische Ethnologe Jose Manuel Novoa, daß in dem südlich von Kamerun gelegenen afrikanischen Kleinstaat Äquatorial-Guinea Geheimgesellschaften existieren, in denen Kannibalismus praktiziert wird. Die Mitglieder versprächen sich Macht und Reichtum vom Verzehr menschlicher Organe.
Der Journalist Novoa, der als einer der bestinformierten Experten für die ehemalige spanische Kolonie gilt, behauptet in einem kürzlich in Spanien erschienenen Buch, daß unter den 400.000 Einwohnern des Landes Kannibalismus häufiger vorkomme: "Menschliches Fleisch zu essen war eine Tradition der Krieger des Fang-Volkes, das in Äquatorial-Guinea, Nigeria, Kamerun und Gabun lebt. Wenn sie neue Gegenden eroberten, aßen sie Teile ihrer Opfer, um Eigenschaften wie Jugend und Stärke zu gewinnen. Solche Praktiken sind im Laufe der Zeit seltener geworden, aber es gibt sie immer noch."
Heute würden menschliche Organe von Geheimgesellschaften verzehrt, die sich nachts in den Wäldern zu Zauberritualen treffen. Mitglieder werden durch Initiationsriten aufgenommen. "Man muß durch eine solche Zeremonie gegangen sein, um Menschenfleisch zu essen", so Novoa, "ansonsten soll man daran sterben."
Wer darauf hofft, durch kannibalistische Riten zu Macht und Reichtum zu kommen, muß möglicherweise einen hohen Preis für die Initiation zahlen. "Mitunter wird von ihnen verlangt, ein nahes Familienmitglied zu vergiften und den Körper für ein Mahl zur Verfügung zu stellen." Opfer würden durch Morde besorgt und indem Leichen auf Friedhöfen ausgegraben werden. Laut Novoa hat dieser Brauch die spanischen Kolonialherren veranlaßt, anzuordnen, daß Tote tiefer als üblich zu bestatten seien.
Der Kannibalismus soll zu einer Krankheit geführt haben, die als "Kuru" oder "Angst-Zitter-Krankheit" bezeichnet wird und die Ähnlichkeiten mit Rinderwahnsinn besitzt. "Kuru tritt am häufigsten bei den primitiveren Stämmen auf", betont Novoa, "und das sind die, bei denen Kannibalismus am verbreitetsten ist".
Schon vor Novoa haben Völkerkundler von Kannibalismus in Äquatorial-Guinea berichtet. Aus Kolonialakten geht hervor, daß die spanischen Behörden Menschen deswegen verurteilt haben. Zeitungen berichten mitunter von seltsamen Morden und verstümmelten Leichen. "So etwas gibt es auch in anderen westafrikanischen Ländern", so Novoa. "In Äquatorial-Guinea sind sie noch am stärksten verbreitet, weil das kleine Land nur wenigen Einflüssen von außen ausgesetzt ist."
Von Sinikka Tarvainen/dpa