Die Welt
25.11.2001

Viel ist hingesunken uns zur Trauer

Joachim Sartorius beschwört den vergessenen Zauber des alten Alexandria

Wunderbar muss Alexandria vor den beiden Weltkriegen gewesen sein, eine polyglotte Stadt, in der Griechen, Araber, Armenier, Juden durcheinanderwuselten, in der Italienisch, Türkisch, Französisch gesprochen wurde, die von Schriftstellern wie Ungaretti, Seferis, Kavafis, E.M. Forster, Edwa al Charrac und André Aciman gefeiert wurde. Der nationalistische Diktator Gamal Abdel Nasser hat dieses alte Alexandria zerstört, geblieben sind wieder einmal nur die schönen Worte. Eine Fata Morgana, wie Joachim Sartorius in seiner kenntnisreich zusammengestellten Anthologie schreibt. Nur die Sehnsucht nach Alexandria, die kann keiner uns nehmen.

Das alte Europa ist voller untergegangener Städte, von denen zuweilen Ruinen, oft aber nur die Namen geblieben sind. Wer weiß noch etwas von Sybaris? Nur der Ausdruck "sybaritisch" ist geblieben, der für höchste Verfeinerung luxuriösen Daseins steht. Die griechische Stadt an der Ostküste Kalabriens war ihrer so sicher, daß sich die Sybariter nicht einmal ein Heer leisteten. Der Glanz ihres Daseins würde so betörend sein, daß ihre Nachbarn nur voller Sehnsucht auf sie blicken könnten. Aber eben das lenkte die Missgunst der anderen griechischen Kolonien an der Küste Italiens auf die volkreiche Metropole. Sie löschten Sybaris nach der Eroberung der Stadt so endgültig aus, daß sie einen nahen Fluss über sie leiteten, damit der Schwemmsand den Ort unkenntlich mache, wo einst Zehntausende von Griechen lebten.

Von einer anderen griechischen Kolonie auf dem Boden Italiens, dem mächtigen Syrakus, ist mehr geblieben, nicht nur Schillers Gedicht, sondern auch Säulen, Mauern und Vasen. Auch in diesem Fall waren der Glanz und der Reichtum der Stadt an der Küste Siziliens das Staunen der Welt. Selbst die Kaimauern der beiden Hafenbecken waren aus weißem Marmor aufgerichtet, so daß das Strahlen ihrer Mauern nicht nur ihre karthagischen Gegner, sondern auch die Griechen des Mutterlands verführte. Zwei Jahrhunderte lang machten sich Dichter, Philosophen und Mathematiker aus der Heimat über die Ägäis auf, um am Hofe der Stadtherren von Syrakus zu leben. Niemand hätte gedacht, daß diese Stadt je vergehen könnte. Heute erinnern nur noch einige Tempel- und Stadionruinen daran, daß Syrakus einst tatsächlich der Mittelpunkt des Mittelmeers war.

In diese Reihe untergegangener Weltstädte gehörte auch Alexandria, in der die Kräfte dreier Erdteile zusammenkamen, jene antike Welt, die man später Europa nannte, dann die alten Kulturen des Zweistromlands und des Nils, die ihrerseits beide vielfach gespeist wurden von dem geheimnisvollen Kontinent, der schon für Hesiod "Afrika" war. Die Stadt und ihr Hinterland, vor der Zeit Alexanders ein eher unbedeutender Flecken, stellte dann jahrhundertelang alle bekannten Plätze der Mittelmeerwelt in den Schatten. Mehr als 600.000 Einwohner hatte Alexandria, eine für die damalige Zeit ganz unermessliche Zahl, und wieder war es der weiße Marmor, der alle zu Schiff Kommenden schon von weitem blendete. Übrigens nachdenkenswert, daß das Verfügbarste, der aus nahen Brüchen gebrochene Stein, doch zugleich ein Luxus war, dessen sich von Perikles bis Augustus jedermann rühmte: "Ich habe eine rote Ziegelstadt übernommen und eine weiß schimmernde Stadt hinterlassen."

Die Stadt, die von Alexander dem Großen gegründet worden war, nahm unter seinen Erben, den ptolomäischen Herrschern, das Geschlecht eines der Heerführer Alexanders, an Schönheit, Reichtum und geistiger Strahlkraft noch zu. Davon zeugte nicht nur der 31 Meter hohe Leuchtturm Pharos, eines der sieben Weltwunder, sondern auch das Museion, das direkt neben dem Palast lag, von dem man nicht zu sagen wusste, ob er seinen Glanz von den Pharaonen bezog oder von den Herrschern des Zweistromlandes. Immer neue Legenden hefteten sich an die Stadt, in die schließlich Cäsar einzog, der dann aber von der Herrscherin Cleopatra derart eingenommen wurde, daß sie zusammen den Sohn Cäsarion hatten. Man weiß, wie die Sache ausging. In den Auseinandersetzungen der verfeindeten Erben Cäsars fiel Alexandria zusammen mit Cleopatra an Marc Anton und dann an Octavian, der als Kaiser Augustus der Welt für lange Zeit Frieden aufzwang. Alle diese Herrscher kamen aus Rom, das alle Städte zwischen Euphrat und Nil überdauern sollte. Rom wurde tatsächlich die "ewige" Stadt, und es blieb, als alle anderen Städte längst versunken waren.

Auch die geistige Macht Alexandrias schien ewig zu dauern. Das Verlangen der ptolomäischen Herrscher nach Büchern muss unstillbar gewesen sein, sodaß das Museion in seiner Bibliothek weit mehr Bücher versammelte als alle anderen Städte der bekannten Welt. Zeitgenössische Berichte sagen, daß jedes Schiff, das im Hafen von Alexandria die Anker warf, alle an Bord befindlichen Manuskripte abgeben musste, damit sie kopiert wurden. Der Wissensdurst der alexandrinischen Gelehrten kannte keine Grenzen, 72 jüdische Sprachkundige mussten die Thora übersetzen und schufen so die Septuaginta, die älteste Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische.

Aber im Museion von Alexandria wurden auch alle erreichbaren buddhistischen Texte aus Indien gesammelt, und ein vielbändiges Werk hielt die Lehren des persischen Religionsstifters Zoroaster fest. Diese Große Bibliothek soll schließlich 490.000 Schriftrollen gezählt haben, eine Zahl, der Joachim Sartorius, der Herausgeber der erkenntnisreich zusammengestellten Anthologie literarischer Texte über Alexandria, zu Recht die Sorbonne gegenüberstellt, die berühmteste Bibliothek Europas, die in ihrer Glanzzeit im 14. Jahrhundert ganze 17.000 Bände umfasste.

Auch dieses Alexandria sollte untergehen und wenig von ihm bleiben. Immer wieder kommen einem die Zeilen Heimito von Doderers in den Sinn: "Viel ist hingesunken uns zur Trauer", die der österreichische Dichter seinem Romanwerk "Die Strudlhofstiege" voranstellt, das eine andere gerade untergehende Welt beschwört, das österreichisch-ungarische Kaiserreich der Habsburger, das von Prag in Böhmen, Lemberg in Galizien und Budapest, die ungarische Königsstadt, bis zu Triest in Istrien reichte und in der Donaustadt Wien seine geistige Mitte hatte. Von Doderer hatte, wie wir alle, den Untergang dieser Welt erlebt, und er setzte ihr, wie neben ihm so eindrucksvoll nur E. M. Forster und Lawrence Durrell, in seinen großen Romanen ein unvergleichliches Denkmal. Und wieder sind es vor allem die dichterischen Zeugnisse, die Alexandrias Gedenken bewahren. Joachim Sartorius findet das schöne Bild einer "Fata Morgana" für all die untergegangenen Städte. Sie sind lebendig nur in der Sehnsucht.

Verglichen mit den anderen Metropolen der antiken Welt ist Alexandria eine vergleichsweise junge Stadt, nicht nur im Vergleich zu Athen und Korinth, sondern auch, wenn man sie neben die Tochtergründungen in Kalabrien, der Magna Grecia stellt, wo sich abseits des besiedelten Küstenstreifens eine vorgriechische Urbevölkerung erhalten zu haben scheint. Aber diese griechischen Kolonien auf italienischem Boden waren so von der griechischen Kultur überwältigt, daß sie ihren eigenen Untergang durch Normannen, Hohenstaufen und Sarazenen überlebten. Noch in unseren Tagen fand ich in abgelegenen Regionen Kalabriens Ortschaften, in denen die bäuerliche Bevölkerung nicht Italienisch, sondern Griechisch sprach, ein Zeugnis, wie die Sprache oft die politischen Herrschaftssysteme überdauert.

Alexandria war bis in unser Jahrhundert hinein ein Ort, wo sich Völker, Sprachen und Kulturen trafen. Noch als mein Vater vor dem Ersten Weltkrieg als junger kaiserlicher Konsul beim Khediven, dem osmanischen Vizekönig von Ägypten, akkreditiert war, sprach man in Alexandria alle Sprachen der Welt, am wenigsten aber Arabisch. Als ich als 18 jähriger Kriegsgefangener 1944 durch Alexandria getrieben wurde, war diese Welt noch immer erlebbar.

Die Stadt war eine griechische Gründung gewesen, und über 2000 Jahre hatte sich das griechische Element erhalten. Dagegen war es wohl die sehr persönliche Zuneigung zu allem Italienischen, die der kultivierte und lasterhafte König Faruk bis zu seiner Vertreibung durch nationalistische Offiziere 1952 bewahrte, daß noch um 1920 10.000 Italiener in der Stadt lebten. Die Europäer aber sprachen untereinander meist Französisch, auch wenn sie Engländer oder Deutsche waren. Natürlich prägte sich das Türkische als Sprache des Osmanischen Reiches der Verwaltung und dem Militär auf.

So war dieses Alexandria vor den beiden Weltkriegen eine wirklich polyglotte Stadt, denn auch das jüdische und das armenische Element spielten eine Rolle nicht nur im Geschäftsleben, sondern auch in der Gesellschaftswelt der Mittelmeermetropole. Seit der Eingliederung Ägyptens in das islamische Kalifat im 7. Jahrhundert war das Arabische die Umgangssprache des Volkes. Aber daneben gab es unzählige Reste anderer Kulturen und Sprachen, wovon das Koptische bis in die Gegenwart hinein sein Recht gegen alle Islamisierung behauptet.

Diese kosmopolitische Welt ist vom Nationalismus Gamal Abdel Nassers ausgelöscht worden, wovon die Verstaatlichung des Suezkanals, der Bankenwelt und der Industrie nur ein äu§eres Zeichen war, auch wenn das die westliche Welt vor allem wahrgenommen hat. Heute ist Alexandria, inzwischen zu einer Siebenmillionenstadt herangewachsen, eine rein ägyptische Stadt, in der ausschließlich arabische Dialekte gesprochen werden. Aber damit ist auch jenes Alexandria versunken, das die Welt verzauberte, und nie wird es auferstehen. Wie immer sind es nur Dichter, die sie bewahren, und die bedeutendsten von ihnen hat Joachim Sartorius zusammengetragen, Ungaretti, Marinetti, Seferis, Kavafis, E. M. Forster, Lawrence Durrell, der Kopte Edwa al Charrac und der Jude André Aciman, alles Autoren jenes glücklichen halben Jahrhunderts, das sich der Verlockung Alexandrias hingegeben hatte.

Ist es nur die Trauer, mit der uns jeder Untergang erfüllt, daß wir auch den Schluss jene Verse Heimito von Doderes zitieren wollen, die im Gedicht so enden: "Und das Schöne zeigt die kleinste Dauer."
Von Wolf Jobst Siedler
Joachim Sartorius (Hrsg.): Alexandria. Fata Morgana. DVA, München 2001. 316 S., 68 Mark.


Der Konflikt in Ägypten

Beginn und Ursachen:
Die Vereinigung "Gamaat" war Anfang der 70 er Jahre entstanden, gegründet von Söhnen mittelloser Bauern, die aus ganz Oberägypten zum Studium in die Provinzhauptstadt gezogen waren. Der damalige Gouverneur unterstützte sie mit Geld und Waffen, die Gruppe sollte ein Gegengewicht zur linken Opposition bilden.
Doch schon bald geriet die Vereinigung außer Kontrolle. Auf dem Land und in manchen Stadtvierteln errichtete sie ihr "islamisches Regime", kontrollierte die Marktpreise und verurteilte angebliche Missetäter. Mit ihren Gesetzen bestimmten die religiösen Eiferer den Alltag und schufen ihre eigene Gesellschaft. Sie begannen allmählich gegen Ägyptens christliche Minderheiten zu hetzen.
Den Hintermännern dieser Organisation ist die positive Rolle, die Ägypten im Nahen Osten und in der arabischen Welt spielt, ihre Friedenspolitik und ihre weltoffene Zivilisation ein Dorn im Auge.
Die Staatsgewalt macht einen schlimmen Fehler, sie läßt keine echte Mitsprache zu. Niemand wird beteiligt, niemand wird nach seiner Meinung gefragt, allen werden immer nur Befehle erteilt.
Das sind Verhältnisse, die den Fanatikern zugute kommen. Verzweiflung der Bevölkerung ist die Voraussetzung für den Erfolg der Islamisten.
Konfliktparteien:
Fundamentalistische Terroristenvereinigung "Gamaa-al-Islamiya" (islamische Gruppen)
Moslemische Extremistengruppe "El-Dschihad" (Heiliger Krieg)
Hochburgen im mittelägyptischen Manfalut und Asjut (in der Moschee)
Ziele:
Flugblätter: "Wir geben unser Leben für die Errichtung von Allahs Reich !"
Letztendlich geht es gar nicht um Religion und die Verletzung religiöser Gefühle, es geht um Macht. Die Religion ist Mittel zum Zweck; Verzweiflung die Voraussetzung für den Erfolg der Islamisten. Wenn jemand nicht mehr ein noch aus weiß, sucht er Zuflucht im Gebet zu Gott. Dann kommen die Islamisten und flüstern ihm zu: "Bruder komm zu uns, laß Dir einen Bart wachsen und trage die Dschellaba, Gott ist mit Dir."
Verlauf:
Die moslemischen Extremisten terrorisieren das Land. Polizei und Militär können die Hochburgen nicht bezwingen. Die Extremisten fordern die Staatsmacht heraus, indem sie mit Bombenanschlägen, Überfällen und Attentaten (sogar auf den Staatschef Mubarak) provozieren. Die Regierung spielte anfangs die Greueltaten als "bedauernswerte, kleine Vorfälle" herunter. Mit Repression allein kann der Staat die Islamisten indes nicht bezwingen. Jede seiner oft brutalen Säuberungsaktionen stachelt die Extremisten nur zu noch dreisteren Aktionen an. Der Staat reagiert mit Großrazzien und Massenverhaftungen. Doch diese steigern nur die Erbitterung der Islamisten. Mit diesen Aktionen säen die Militärs nur weiteren Haß. Immer weniger Intellektuelle lassen sich auf einen offenen Disput mit den Islamisten ein, weil jederzeit der Vorwurf der Gotteslästerung lauert. Der Ausschluß des Volkes von den politischen und sozialen Entscheidungen führt auf dem kürzesten Weg in den Fundamentalismus. Ägypten befindet sich zwischen "Hammer und Amboß". Wie soll die schweigende Mehrheit des Volkes der Regierung gegen den Fundamentalimus beistehen, wenn sie von der Regierung verlacht, verachtet und betrogen worden ist?
Folgen und Auswirkungen:
Je härter der Staat durchgriff, um so waghalsiger schlugen die islamischen Terroristen mit Bombenanschlägen, Überfällen, Erpressungen, Attentaten, etc. zurück. Die Folge waren viele Verletzte und Tote, Massenverhaftungen (oft wurden auch Unschuldige Opfer dieser Maßnahmen). Zudem blieb auch der Tourismus aus, da die Islamisten auch vor Urlaubern nicht halt machten. Anfang Februar 1996 wurde im Eilverfahren ein Gesetz verabschiedet, daß die Praxis der Hisba einschränkt. Jeder Moslem kann "zur Verteidigung der Rechte Gottes" ein Gerichtsverfahren gegen andere Moslems einleiten und sie zu "Abtrünnigen" erklären lassen. Die Hisba wird seit einigen Jahren von fundamentalistischen Geistlichen gegen Künstler und Intellektuelle angewandt.
Lösungsansätze:
Waffenstarrende Drohgebärden, gezielte Verhaftungen und verstärkt Grenztruppen weden als mögliche Lösungsansätze gesehen. Mubarak: "Der religiöse Terror wird nicht überleben". Aber dem Terror ist in Ägypten das Rückgrat bereits gebrochen, weil die Bevölkerung nicht mitspielt und aus freien Stücken mit der Polizei zusammenarbeitet." Die Demokratie wäre wohl das sicherste Abwehrmittel gegen den Fundamentalismus. Um die "gefährliche Entwicklung" zu stoppen, setzte Gouverneur Alfi, der Mitte April zum Innenminister aufstieg, mehr auf politische als auf militärische Maßnahmen. "Was wir brauchen", klagt er, "sind Geld, Arbeitsplätze und eine Perspektive für die Menschen." Zu lange hat Kairo die Region vernachlässigt. Es fehlt an Wasser, Strom und Straßen. Viele Menschen sind ohne Beschäftigung und sehen keine Zukunft.


Die Presse
11.07.02

Ägyptens Staatsfeinde Nummer eins schwören dem Terrorismus ab

Die radikalen Islamisten der Gama'a Islamiya entschuldigen sich vom Gefängnis aus.

Das Sündenregister der Gama'a Islamiya, der "Islamischen Gruppe", ist lang. Ägyptens größte militante Islamisten-Organisation zeichnet verantwortlich für zahlreiche Anschläge auf Polizisten, ägyptische Christen und Touristen in den 90er Jahren. Eine Gama'a-Splittergruppe stand wahrscheinlich hinter dem Massaker von Luxor, bei dem vor fünf Jahren 58 Touristen ermordet worden waren. Für wenige Wochen gehörte die Gama'a Islamiya sogar Osama bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida an.

Reuige Mörder Sadats
Die erste Gama'a-Generation sitzt seit über 20 Jahren für die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar Al-Sadat hinter Gittern. Nun wollen die im Gefängnis sitzenden Führungskader der Organisation ein neues, friedlicheres Kapitel aufschlagen. In einem 19 seitigen Interview in dem ägyptischen Magazin "Musawar" verurteilen sie nicht nur die Anschläge vom 11. September, sondern schwörten jeglicher Gewalt gegen Zivilisten ab. Derartiges sei unislamisch und schade dem Image der Moslems weltweit, heißt es in dem Interview. Im Moment soll die Gruppe einen Brief an die ägyptische Öffentlichkeit vorbereiten, in dem sie sich für ihre fehlgeleiteten Operationen der Vergangenheit offiziell entschuldigt. Sogar von Schadenersatz für die Opfer ist die Rede.

Seit Ende der 90er Jahre diskutierten Mitglieder der Gruppe immer wieder über neue politische Strategien, um den von ihnen einst ausgerufenen "militanten Kampf gegen ihre ungläubigen Gesellschaften" abzulösen. Mehrmals war von einem einseitigen Waffenstillstand die Rede und tatsächlich ist es in Ägypten in den letzten Jahren relativ ruhig geblieben. Die jetzige Idee einer offiziellen Entschuldigung als endgültiger Abschied von der Militanz ist allerdings neu.

"Wichtiger Präzedenzfall"
Arabische Kommentatoren bezeichnen das Ganze als einen "wichtigen Präzedenzfall für das politische Leben in der arabischen Welt" und hoffen, daß auch andere militante Gruppen und individuelle al-Qaida-Mitglieder dem Beispiel folgen, wie die saudische Tageszeitung "Asch-Scharq al-Ausat" schreibt.

"Tausende Fehlgeleiteter sollten überzeugt werden, daß ihre sündhaften Aktionen nicht von der Religion oder irgendeiner Weltanschauung gedeckt sind", heißt es auch in der libanesischen Tageszeitung "As-Safir", die von einem umfassenden Transformationsprozeß nach ausgiebigen Debatten innerhalb der Gruppe spricht.

Ganz abgeschlossen scheint die Diskussion damit allerdings nicht. Einer der führenden Gama'a Mitglieder auf freiem Fuß, Muhammad Schauqi Istanbouli, der Bruder des Mörders Sadats, spricht von seinem unbekannten Aufenthaltsort aus den Kadern im Gefängnis die Legitimität ab, für die gesamte Gruppe zu sprechen.

Auch Usama Ruschdi, ein Mitglied des Führungsrates der Organisation, der in Holland als politischer Flüchtling lebt, bleibt reserviert: "Ideologische Neuerungen sollten in einer freien Atmosphäre und nicht unter erzwungenen Geständnissen stattfinden", heißt es in einer Erklärung auf seiner Website. Er bleibt skeptisch, ob die neue Initiative tatsächlich zu einem endgültigen Deal zwischen der Gama'a Islamiya und der ägyptischen Regierung führen wird.

Ein solcher Deal müßte auch die Freilassung der seit über 20 Jahren hinter Gitter sitzenden historischen Führung der Gama'a beinhalten. Das gegenwärtige internationale Klima, so Raschwan, spräche nicht für einen solchen Schritt, zumal die Gama'a Islamiya von den USA immer wieder als ein Schlüsselpartner al-Qaida beschrieben würden.

Al-Qaida plant Attentate
Osama Bin Ladens al-Qaida hat für die weitere Zukunft weitere Anschläge in den USA und deren Bündnisstaaten angekündigt. "Unsere Militär- und Aufklärungsspezialisten bewerten und beobachten neue Ziele in den USA, die wir in nicht sehr langer Zeit angreifen werden", erklärte al-Qaida-Sprecher Sulaiman Abu Ghaith in einem Interview mit der algerischen Zeitung "El Youm". Das Blatt ist eigenen Angaben zufolge per E-Mail in Kontakt mit dem Terrornetzwerk getreten.

"Unsere Selbstmordattentäter sind bereit und ungeduldig, Anschläge gegen amerikanische und jüdische Ziele in und außerhalb der USA zu verüben", so Abu Ghaith. Die Amerikaner sollen die Sicherheitsgurte anlegen, denn die al-Qaida werde von einer unerwarteten Seite zuschlagen. "Amerika weiß, wir sind der Tat."

Italienischen Geheimdiensten zufolge plante die al-Qaida noch vor dem 11. September Attentate im Vatikan, gegen die US-Botschaft in Rom und gegen Ziele in Venedig.
Von KARIM EL-GAWHARY


ddp/wissenschaft.de
15.06.2005

Woher die sieben fetten und sieben mageren Jahre kamen

Forscher entdecken Sieben-Jahre-Zyklus bei Nil-Wasserständen, der vom Atlantik gesteuert wird

Das Klima in den tropischen Regionen Ostafrikas wird nicht nur durch den El-Nino-Zyklus im Pazifik beeinflusst, sondern auch durch Klimavariationen im Nordatlantik. Womöglich sei das Atlantik-Klima für einen siebenjährigen Rhythmus beim Nilhochwasser verantwortlich, berichten Dmitri Kondrashov von der University of California in Los Angeles und seine Kollegen in der Zeitschrift Geophysical Research Letters.

Weil das Hochwasser des Nils für die Landwirtschaft in Ägypten lebenswichtig war, wurden die Wasserstände schon seit frühesten Zeiten genau aufgezeichnet. Kondrashov und Kollegen analysierten jetzt eine Zeitreihe mit neuen statistischen Methoden, die vom Jahr 622 nach Christus bis zum Jahr 1922 reicht. Sie entdeckten mehrere Zyklen von unterschiedlicher Dauer. Ein vierjähriger und ein zweijähriger Zyklus waren bereits bekannt. Beide werden auf den Einfluss der El-Nino-Oszillation zurückgeführt, die sich bis ins Quellgebiet des Nils in Äthiopien auswirkt.

Einige längere Zyklen, mit einer Dauer von 256, 64, 19 und 12 Jahren führen die Forscher auf astronomische Einflüsse zurück. Zusätzlich entdeckten sie in den Daten einen bislang unbekannten Sieben-Jahres-Zyklus wie er in der Bibel in der Geschichte von Josef erwähnt wird. Die sieben fetten und sieben mageren Jahre, die den Ägyptern damals zu schaffen machten, seien womöglich auf die so genannte Nordatlantische Oszillation zurückzuführen, schreiben die Forscher um Kondrashov.

Dieser Klimazyklus, dessen Stärke anhand des Luftdruckunterschieds zwischen Island und den Azoren bestimmt wird, beeinflusst das Wetter bis in den Mittelmeerraum und Nordafrika. Die Nordatlantische Oszillation weist ebenfalls einen siebenjährigen Rhythmus auf: Luftdruck auf Meereshöhe und Meeresoberflächentemperaturen im Nordatlantik sowie die Stärke der Oszillation schwanken im Takt von sieben Jahren.

Ein weiteres Ergebnis: In den vergangenen anderthalb Jahrtausenden gab es im Quellgebiet des Nils einige abrupte Klimawechsel. Das lasse befürchten, daß auch in naher Zukunft drastische Veränderungen auftreten könnten.

Dmitri Kondrashov, Yizhak Feliks, Michael Ghil: "Oscillatory modes of extended Nile River records (A.D. 622-1922)", GEOPHYSICAL RESEARCH LETTERS, VOL. 32, L10702, doi:10.1029/2004GL022156
Von Ute Kehse



Beiträge zu aktuellen Themen