Le Monde
14.01.2000

Die bessere Hälfte Afrikas

Frauen greifen zur Selbsthilfe

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehört der südlich der Sahara gelegene Teil Afrikas zu den Regionen, wo die Frauen aller Altersstufen am meisten arbeiten. Wobei Welten zwischen den wohlhabenden Geschäftsfrauen aus Togo und Nigeria auf der einen und den Straßenhändlerinnen in Dakar auf der anderen Seite liegen.
Die kleine Minderheit, die oft einen hohen Preis für ihre Autonomie gezahlt hat, kann die Not und Abhängigkeit der großen Mehrheit der Afrikanerinnen nicht vergessen lassen. Dazu kommt der tiefe Graben zwischen ihrer wahren wirtschaftlichen Rolle und ihrem sozialen und politischen Einfluss. Siebzehn Stunden währt der durchschnittliche Arbeitstag einer afrikanischen Frau.

Doch in den Städten und Dörfern des Kontinents versteht man das Problem weitaus besser, als es die Statistiken von internationalen Organisationen ausdrücken können. Die Afrikanerinnen schuften, ob auf den Märkten Bamakos, im roten Staub von Burkina Faso, auf den Straßen von Lagos oder an den Stränden Dakars.Sie verkaufen drei Kokosnüsse, fünf Zigaretten, zehn Stück Zucker. Sie tauschen: fünfzehn Mangos gegen ein Stück Stoff, Trockenfisch gegen zwei Stück Seife. Sie jäten, harken, säen ein Feld von der Größe zweier Taschentücher, ein von allen verachtetes, ödes Fleckchen Erde.

"Gebär- und Ackermaschine", der Ausdruck des kamerunischen Schriftstellers Rene Philombe bewahrheitet sich in allen afrikanischen Dörfern. In Westafrika ist der Feuchtreisanbau mancherorts reine Frauensache. Bei den Fulbe sind sie für die Viehzucht zuständig. Insgesamt werden vier Fünftel der für die Ernährung auf gewendeten Arbeitszeit von Frauen bestritten. Ihre vielen tausend kleinen Hände sorgen dafür, daß es auf dem Kontinent etwas zu essen gibt. Es sind anonyme Hände, lange Zeit vergessen von allen Statistiken und Entwicklungsplänen, und es sind unsichtbare Hände, unbezahlt, ohne Recht auf Boden, Besitz, Kredit oder Erbschaft. Sie werden ausgebeutet und zu Fronarbeit eingesetzt auf einem Land, das ihnen nicht gehört und das im Falle der Scheidung oder des Ablebens des Ehemanns sofort von dessen Familie beschlagnahmt wird. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie etwa Namibia, wo die Himba Frauen den Großteil des Viehs besitzen, oder den Zulu, wo die Frauen eigene Speicher und Felder haben, gilt immer noch der alte Fulbe-Spruch: "Die Erde ist ein Vater, der seine Töchter nicht anerkennt".

Die Burkinerin Georgette Konate schreibt: " Im Allgemeinen gelten Frauen in ihrer eigenen Familie als Fremde auf der Durchreise und im Clan, in den sie einheiraten, als wirkliche Fremde. Etwas so Unschätzbares wie den Boden können sie daher weder besitzen noch kontrollieren."
Die Städterinnen sind auch nicht viel besser dran und müssen die unangenehmsten und am schlechtesten bezahlten Arbeiten erledigen. Ihr Mangel an Ausbildung hat sie massiv in den informellen Sektor gedrängt. In Schwarzafrika sind 60 Prozent der arbeitenden Frauen selbständig (das ist die höchste Rate der Welt): kleine Gemüsehndlerinnen, Marktschieberinnen für mehr oder weniger wirksame bunte Pillen, Maniokschnapsbrauerinnen, Eiswasserverkäuferinnen.

In Afrika hat arbeiten nichts mit einer persönlichen Entscheidung oder gar mit Selbstverwirklichung oder Emanzipation zu tun, es ist einfach eine Frage des Überlebens. Von den wenigen Münzen, die am Abend in der Kasse liegen, hängt das tägliche Brot der Familie ab. Oft reicht es knapp, um dem Elend, der absoluten Not zu entgehen. In Westafrika werden 30 Prozent der Haushalte von allein stehenden Frauen geführt, es sind die Ärmsten der Armen, wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Ginette Yoman aus der Elfenbeinküste belegt. Die Krise hat die Konkurrenz zwischen Männern und Frauen verstärkt, ein gnadenloser Kampf, den letztere sehr selten gewinnen. Wie auch, wenn landwirtschaftliche Strukturanpassungsprogramme den Ertragsanbau und die Aneignung von Grundbesitz favorisieren und die Bäuerinnen an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen werden.

Im regulären Arbeitsleben wurden Frauen als Erste entlassen (pro portional waren sie stärker von Budgetkürzungen betroffen als Männer). Im informellen Sektor haben die Anpassungsprogramme die kleinen Händlerinnen in den Städten besonders schwer getroffen: Ihre Kunden haben weniger Geld in der Tasche, und dazu kommen zehntausende neue Arbeitslose, die in Wettbewerb zu ihnen treten und ihnen die lukrativsten Geschäfte streitig machen. Ironischerweise hat die Krise zum einen die schwierige Situation der arbeitenden Frauen aufgezeigt und verschärft und gleichzeitig ihre tragende Rolle in der afrikanischen Wirtschaft deutlich gemacht. Was kann man schon anderes tun, wenn der Mann "weggedrückt" wird?

In den achtziger Jahren standen beispielsweise im Kongo nach drakonischen Etatkürzungen tausende Beamte auf der Straße, und dann sind ihre Frauen auf die Märkte gegangen und haben die Familie ernährt. Wann haben die internationalen Organisationen eigentlich herausgefunden, dass jeder zweite Afrikaner eine Afrikanerin ist? Es ist nicht lange her, genauer: erst seit 1975, das mit großem Pomp zum Internationalen Jahr der Frau erklärt wurde, wird die Rolle der Frauen für die Entwicklung dieser Länder allmählich anerkannt und beleuchtet. Doch am Alltag der Frauen hat sich durch die (freilich sehr relative) Aufmerksamkeit in den internationalen Institutionen und Nichtregierungsorganisationen nur wenig verbessert.

Ihre unternehmerischen Fähigkeiten sind allenthalben anerkannt, aber der Zugang zu Krediten bleibt ihnen weiterhin größtenteils versperrt. Eine Vorfinanzierung auszuhandeln ist keine leichte Prüfung, und in den meisten Fällen wird der Antrag negativ beschieden. Wer einen Kredit gewährt bekommen will, muss über ausreichend eigene Mittel verfügen und einen Grundbesitz als Kaution anbieten können. Beide Bedingungen schließen die meisten Frauen von vornherein aus. In Kenia, Malawi, Sierra Leone, Simbabwe und Sambia bekommen Frauen weniger als 10 Prozent aller Kleinhandelskredite. Im landwirtschaftlichen Bereich ist es noch katastrophaler, dort liegen sie unter 1 Prozent. Selbst auf ihren ureigensten Gebieten kontrollieren Frauen nur selten die Produktionskette und haben so gut wie nie Zugang zu den Entscheidungszentren.

Mit einer rühmlichen Ausnahme: In Togo hat eine Handvoll Frauen bereits vor dreißig Jahren begriffen, daß Geld das A und O des Geschlechterkriegs ist. Sie haben ausgefeilte Abkommen mit großen europäischen Import- und Exportfirmen abgeschlossen (Über Exklusivkleiderstoffe, die erst nach Verkauf bezahlt werden müssen), und sind reich geworden. Als "Nana-Benze" werden diese Frauen bezeichnet (in Anlehnung an die prunkvollen Mercedes-Karossen mit den jungen Chauffeuren, die ihnen angeblich bei Bedarf auch als Gigolos dienen). Diese modernen Amazonen sind ledig, verwitwet oder geschieden und managen mit Meister(innen)hand Gebäudeblocks, Geschäfte und Schweizer Bankkonten. Inzwischen hat die Krise ihre Profite zwar reduziert und sie gezwungen, ihre englischen Stoffe zugunsten billigerer nigerianischer Produkte aus dem Programm zu nehmen, dennoch kontrollieren sie etwa die Hälfte der Wirtschaftskraft des Landes.

Die Ahnin der Nana-Benze ist Madame Tinubu, nach der einer der großen Plätze in Lagos (Nigeria) benannt ist. Diese Händlerin ist eine Symbolfigur in der Geschichte der Yoruba. Sie hatte um 1850 ein kleines Wirtschaftsimperium auf Waffenhandel aufgebaut und spielte eine entscheidende politische Rolle, indem sie unter anderem die Kriege gegen das Königreich von Abomey (das heutige Benin) finanziert haben soll. "Eine Waffenhändlerin, das hat damals niemanden schockiert", erklärt Corinne Mandjou, eine Journalistin aus Kamerun, die ein Buch über die politische Geschichte der afrikanischen Frauen vom 17. bis 19. Jahrhundert geschrieben hat. "Zu vorkolonialen Zeiten verfügten Frauen über Kapital und Arbeitskräfte. Die westliche Vorstellung von der Situation der afrikanischen Frauen ist eine gigantische Fehleinschätzung. Es stimmt einfach nicht, dass die afrikanische Frau unterdrückt ist und von Entscheidungen ausgeschlossen. Wer hat denn seit dem 19. Jahrhundert über Afrika geschrieben? Das waren doch nur Söhne aus reichen Familien, die sich mit den Dorfältesten unterhalten haben und dann auf der Grundlage ihrer Klassenvorurteile aufschrieben, was sie sich so dachten. Und da sie keine Frauen zu Gesicht bekamen, zogen sie den Schluss, Frauen hätten keinerlei Macht. Dabei wurden in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften immer erst die Frauen gefragt, bevor eine Entscheidung fiel, selbst wenn sie sich nicht öffentlich geäußert haben. Zudem spielten in diesen Gesellschaften die Mutter des Königs und seine Hauptfrau eine wichtige Rolle für die Politik.

Heute hat sich die Situation sehr verändert. Die Männer haben die Macht an sich gerissen, und die Frauen müssen auf allen Ebenen kämpfen. Zudem gibt es viel zu wenig Frauenorganisationen, und die sind dann meist nur Ableger der einen oder anderen politischen Partei." Sollte also der Übergang vom traditionellen Recht zum modernen Rechtsstaat die Situation der Frauen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert haben? Das senegalesische Gesetz für die ländlichen Gemeinden zeigt, wie eine zunächst geschlechtsneutrale Regelung am Ende die Frauen benachteiligt: Das Gesetz verlangt, daß mindestens einer von drei Gemeinderatsmitgliedern Vertreter einer Kooperative sein muss. Da aber die meisten Zusammenschlüsse von Frauen nicht als Kooperativen funktionieren, sind diese ipso facto von den Entscheidungsinstanzen ausgeschlossen. Resultat: 1994 waren nur 6 der insgesamt 4 000 ländlichen Gemeindevertreter in Senegal Frauen.

Um der Apathie der Behörden und den nicht selten zweifelhaften Ergebnissen der Entwicklungspolitik entgegenzuwirken, schließen sich die Frauen zusammen und setzen auf Solidarität. Die Banken wollen ihnen kein Geld leihen? Dann gründen sie eben einen Sparverein. Nicht zufällig interessieren sich junge Afrikanerinnen heute ganz besonders für Fortbildungsmaßnahmen zu den Mechanismen und Strukturen im Finanzwesen. Die Männer verwehren ihnen den Zugang zur Universität? In Kamerun und Ghana gibt es Frauengruppen, die ihre Profite zur Verfügung stellen, um armen Mädchen aus ihrem Dorf das Studium zu finanzieren.

Die Nana-Benz-Frauen haben bewiesen, dass es darauf ankommt, die Versorgung zu kontrollieren. "In Ghana, in der Demokratischen Republik Kongo und in der Republik Kongo sowie in Nigeria haben Frauen eine zentrale Stellung im Netz der Handelsbeziehungen", erklärt Corinne Mandjou, "angefangen bei Stoffen bis hin zu Import und Export von Produkten aller Art. In Westafrika wird der Bekleidungsmarkt zu 95 Prozent von Frauen kontrolliert. Sie machen die Geschäftsreisen nach Frankreich und Italien, und heute auch nach Singapur und Taiwan. Selbst im Bereich von Landwirtschaft und Ernährung sind sie überall vertreten: Offiziell sind die Frauen am Ruder, aber in Wahrheit sind sie moderne Managerinnen." In Nigeria nutzen die Yoruba-Händlerinnen ihre Kontakte im Dorf und, wenn es sein muss, auch die Familiensolidarität, um an Informationen über die nächste Ernte zu kommen. In Kamerun durchstreifen die Bayam Sallam (Buy them sell them in Pidgin) das Land, um den Bauern ihre Überschüsse abzukaufen. Sie stellen junge Bauern als Bodyguards ein. In Burkina bewirtschaften Frauen gemeinsam größere Felder. In Senegal verhandeln einzelne Geschäftsfrauen direkt mit den Gemüsebauern und haben manchmal sogar eigenes Land. Zwei Drittel der Fischfangflotte im Hafen von Lome befinden sich im Besitz der großen Fischhändlerinnen des Landes.

Einheit macht stark: In Ibadan haben sich die Frauen im Cowad, dem Committee on Women and Development, zusammengeschlossen, um durch gemeinsame Großeinkäufe günstigere Preise zu erzielen. Nach und nach organisiert sich der Widerstand. Ebenso wie die Arbeit der Frauen in Afrika bildet er sich oft informell und schreitet im Schneckentempo voran.
Der Weg ist lang und schmal, die Hindernisse sind zahlreich. Eine Frau in Kamerun, dem Land der "Businesswomen", kann noch heute nicht ohne die Genehmigung ihres Ehemannes ausreisen...
Von ELISABETH LEQUERET (dt. Christiane Kayser)


Le Monde
16.02.2001

IN TOGO KÄMPFEN LAIENJURISTINNEN FÜR DIE RECHTE DER FRAUEN

Palaver für die Gleichberechtigung

In Togo, das von Gnassingbé Eyadéma autoritär regiert wird, organisieren sich immer mehr Frauen im Kampf für ihre Rechte. Trotz der aussichtslosen wirtschaftlichen Lage und der Strapazen des täglichen Überlebenskampfs wehren sich die Frauen in Togo mit großem Engagement gegen die vielfältigen Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind. Auch wenn in der Gesetzgebung schon beachtliche Fortschritte erzielt wurden, ist in der Praxis bisher noch sehr vieles beim Alten geblieben. Viele Frauen in Togo besitzen keine Personaldokumente, zu viele. Denn das bedeutet, dass sie weder ein Familienbuch haben noch Personalausweis oder Geburtsurkunde und folglich weder rechtlichen Schutz genießen, noch ihre staatsbürgerlichen Rechte wahrnehmen können. Dabei ist in der Verfassung des Landes, das auch die Konvention zur Beseitigung jeglicher Form der Diskriminierung der Frau von 1979 ratifiziert hat, theoretisch die Gleichstellung von Mann und Frau verankert. Aber es ist eben ein weiter Weg von einem Gesetzestext bis zu seiner Umsetzung. Also werden Frauen und Mädchen weiterhin zwangsverheiratet, rechtswidrig geschieden oder verstoßen, Väter zahlen ihren Familien nach wie vor kein Unterhaltsgeld, es kommt immer noch zu illegalen oder heimlichen Eheschließungen nach dem Gewohnheitsrecht, und weibliche Geschlechtsorgane werden auch weiterhin verstümmelt.

Die 1992 gegründete Reflexions- und Aktionsgruppe Frauen, Demokratie und Entwicklung (Groupe de réflexion et daction femmes, démocratie et développement; GF2D) beschloss damals infolge einer Studie über die Lage der Togoerinnen, sich für die praktische Anwendung der gesetzlich festgeschriebenen Rechte einzusetzen. Die Gruppe versteht das als Beitrag zur Entwicklung des Landes. "Zuerst wollten wir mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen bringen, im intellektuellen Bereich, in der Politik und in der Wirtschaft", erklärt eine Mitstreiterin. "Aber prinzipiell geht es darum, dass alle Frauen selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können, und zwar sowohl im Privatbereich als auch in der Öffentlichkeit." Deshalb erschien es ihnen besonders wichtig, zunächst Rechtssicherheit für Frauen herzustellen. Hierzu eine der Leiterinnen der Organisation: "Togo zeichnet sich dadurch aus, daß es immer alle Konventionen unterzeichnet hat, und die ratifizierten internationalen Verträge genießen Verfassungsrang. Das ist die Basis, auf die wir uns berufen können."

Witwenritual als gewalttätige Tradition
Die Frauen in Togo, deren durchschnittliche Lebenserwartung 50 Jahre beträgt (die der Männer liegt bei 48 Jahren), sind nicht nur besonders arm, sie werden auch in vielen anderen Hinsichten benachteiligt. Eine Beamtin erklärt: "Es ist schwer für die Frauen in Togo, der Armut zu entkommen. Außerdem sind sie oft der Gewalt des Ehemanns oder der Schwiegereltern ausgesetzt, oder gewalttätigen Traditionen wie beispielsweise dem Witwenritual. Frauen haben nur Pflichten. Sie müssen den Mund halten, fügsam sein und haben keinerlei Rechte. Gewissen Bräuchen zufolge dürfen Frauen kein Land erben, mit der fadenscheinigen Begründung, daß, wenn eine Witwe wieder heiratet, die Familie des Verstorbenen den Landbesitz dann an Fremde verlieren würde. Die Leute befürchten immer, Frauen könnten sich etwas nehmen, was ihnen nicht gehört, und es dann an Dritte weitergeben. Was die Witwenrente anbelangt, so gilt es gemeinhin immer noch als Sache des Onkels, die Erbfolge zu regeln, und die Frau geht leer aus. Sobald ein Mann stirbt, gerät seine Ehefrau automatisch unter Verdacht, ihn umgebracht zu haben: Sie muss folglich das Haus verlassen und die Kinder mitnehmen, sie muss weggehen. Ihr wird alles genommen." Dieser Bericht macht die unverminderte Bedeutung des Gewohnheitsrechts deutlich, das neben dem modernen Rechtekodex weiter besteht und Gültigkeit hat, ungeachtet der Tatsache, dass es ihm gleichzeitig widerspricht. Denn laut Gesetz stehen den Togoerinnen zwar gewisse Rechte zu, aber die meisten Frauen wissen davon nichts.

Seit 1994 entsendet die GF2D deshalb 300 Laienjuristinnen in Städte und ländliche Gebiete, die den Inhalt der Gesetze allgemein verständlich erklären und kostenlose Rechtsberatung anbieten. Sie überzeugen die Frauen davon, sich und ihre Kinder ins Zivilregister eintragen zu lassen, und erklären ihnen, dass eine standesamtliche Heirat Schutz vor der Verstoßung bietet. Sie arbeiten unentgeltlich, ihre Aufgabe ist es, zuzuhören, zu beraten und Gesetzestexte in die Umgangssprache zu übertragen. Zu diesem Zweck verfügen sie über ein "Juristisches Handbuch für die togoische Frau", dessen zweite Auflage die GF2D unlängst herausgegeben hat. "Sie organisieren Palaver über Themen wie Scheidung, Erziehungsberechtigung, Erbfolge und Ehe. Sie helfen bei bestimmten Verwaltungsvorgängen wie z. B. der Feststellung der Staatsbürgerschaft oder der Ausstellung von Personalausweisen, die es beispielsweise ermöglichen, ein Bankkonto zu eröffnen", erklärt ein Mitarbeiter von GF2D. "Sie helfen den Frauen gegebenenfalls bei Klagen vor Gericht, damit sie ihre Rechte geltend machen können." Nach einer theoretischen Grundausbildung und den ersten sechs Monaten Einsatz im Lande kommen sie noch einmal zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und Erfolge festzuhalten. Im Zuge dieser Auswertung können vor allem die spezifischen Probleme der Frauen in ländlichen Gebieten besser erkannt und berücksichtigt werden.

"Unsere Laienjuristinnen kommen aus allen möglichen Berufen: Es sind Bäuerinnen darunter, Friseurinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen, Hebammen und Krankenschwestern, Geschäftsfrauen, Hausfrauen und auch Nonnen." Auch bei der Anwerbung werden Frauen aus den verschiedensten Bereichen angesprochen: Sie kommen aus Nichtregierungsorganisationen, Frauengruppen, Gewerkschaften oder kirchlichen Gruppen. Ausgewählt werden diejenigen, die in ihren Gemeinschaften Ansehen und Autorität genießen und sich bereits für die Sache der Frauen engagiert haben. Die Kandidatinnen müssen zwar Französisch lesen und schreiben können, das sowohl Ausbildungs- als auch offizielle Amtssprache ist, doch bei der Arbeit selbst sprechen sie dann ihre jeweiligen Landessprachen. Dieses Auswahlverfahren stellt sicher, dass die Frauen ihr neu erworbenes Wissen über die Rechte der Frauen möglichst reibungslos weitergeben können, ohne dass es mit ihren Gesprächspartnerinnen zu Konflikten kommt: "Sie haben innerhalb ihrer Gemeinschaften einen sehr guten Ruf, weshalb sie in vielen Ehe- und Erbfolgekonflikten gut als Schlichterinnen auftreten können."

In der Öffentlichkeit ist es alles andere als gern gesehen, wenn eine Frau etwas unternimmt, um ihren Ehemann vor Gericht zu bringen: Der Betreffenden wird sofort unterstellt, dass sie ihrem Gatten nach dem Leben trachtet. Diese Frauen sind also nicht nur der Parteilichkeit von meist männlichen Richtern ausgesetzt, die nur ungern zu ihren Gunsten entscheiden, sondern sie werden auch noch gesellschaftlich geächtet. Deshalb wagen es die Frauen kaum, vor Gericht zu ziehen. Als Analphabetinnen verstehen sie die Funktionsweise der Justiz häufig nicht und haben Angst davor. Die Laienjuristinnen dagegen genießen sowohl bei den offiziellen Behörden als auch bei den traditionellen Autoritäten ein hohes Ansehen: "Manche Chiefs fragen sie um Rat, bevor sie Recht sprechen." Sie verteidigen die Frauen in lokalen Konflikten und vermitteln zwischen ihnen und den verschiedenen Machtinstanzen. Als juristische "Generalistinnen" sind sie auch im Kampf gegen "Gewalt gegen Frauen, verfrühte und erzwungene Eheschließungen und den Frauentausch" aktiv. Was die Gewalt gegen Frauen anbelangt, so werden genitale Verstümmelungen in Togo weiterhin praktiziert, obwohl sie mittlerweile gesetzlich verboten sind. Hierzu werden Zahlen genannt: "Nach unserer Schätzung sind zwölf Prozent aller Frauen beschnitten. Das sind bei 4,3 Millionen Einwohnern eine ganze Menge."

Obwohl es sich durchaus als klug erweist, die geltenden Gesetze als Waffe einzusetzen, fordert die GF2D noch einige Reformen. Denn nach wie vor darf ein Ehemann seiner Frau verbieten, einen Beruf auszuüben. Auch bleibt das Erbrecht bislang noch dem Gewohnheitsrecht unterworfen. Die Frauen aber wollen erreichen, dass aus den Gesetzen eine integrative Kraft erwächst.

Fortschritt durch Bildung
Nach der Auffassung des Sozial- und Frauenministeriums hat die Integration der Gesellschaft auch für die togoische Regierung oberste Priorität: "Im Zuge der Umsetzung der Bestimmungen von Peking haben wir unser besonderes Augenmerk auf die Schulbildung der Mädchen gelegt. Die Alphabetisierung der weiblichen Bevölkerung und ihre berufliche Ausbildung ist unserer Ansicht nach das Herzstück jeglichen Fortschritts. Seit der Schulreform ist der Schulbesuch für alle Kinder verpflichtend. Die Regierung hat ein "affirmative action" Programm auf den Weg gebracht, das Mädchen aus armen und unterprivilegierten Verhältnissen beim Schulgeld unter die Arme greift. Diese Maßnahme des Ministerrats ist für alle und jeden nachvollziehbar. Der Bildungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen muss abgeschafft werden. Wir wollen auch noch weitere Anreize schaffen, damit die Mädchen nicht nur eingeschult werden, sondern anschließend auch in der Schule bleiben."

Es wäre sehr zu wünschen, dass diese Politik der affirmative action in der gesamten Subregion und darüber hinaus Schule machte. Doch ruft die fortschrittliche Maßnahme bisher gemischte Reaktionen hervor: Sie wird zwar nicht offen kritisiert, aber es werden Zweifel laut über die effektivsten Mittel, sie in die Praxis umzusetzen.

Frauen sind in Führungspositionen immer noch stark unterrepräsentiert: "Das gilt auf der Ebene der Dörfer genauso wie in der großen Politik. Es gibt zwar allmählich Fortschritte. Aber generell sollten viel mehr Frauen an Entscheidungen beteiligt werden, die sie nicht nur als Frauen betreffen, sondern auch als Mitglieder der togoischen Gesellschaft. Da haben Frauen ja einiges beizutragen." Im derzeitigen Parlament sind gerade einmal 5 von insgesamt 81 Abgeordneten Frauen, in der vorherigen Legislaturperiode gab es nur eine einzige weibliche Abgeordnete.

Jenseits der Auseinandersetzungen auf der juristischen Ebene sehen sich die Togoerinnen auch gezwungen, einer Mentalität entgegentreten, die sie als minderwertige Wesen einstuft. Sie müssen also an verschiedenen Fronten gleichzeitig kämpfen, müssen Frauenrechte im Alltag durchsetzen, die bisherigen Errungenschaften öffentlich bekannt machen, sich für die Verabschiedung neuer Gesetze einsetzen und althergebrachte Denkweisen in Frage stellen.

Deshalb fällt das Fazit der GF2D in dem Weißbuch, in dem ihre Forderungen zusammengefasst sind, eher bitter aus. Auf dem großen Markt von Lomé sagt eine Händlerin, halb zuversichtlich, halb fatalistisch: "Es wird schon werden. Wir hoffen eben, dass wir in zehn Jahren nicht mehr unter diesen Bedingungen leben müssen. Es werden vielleicht viele von uns sterben, bevor wir so weit sind. Aber wir müssen durchhalten."
Von FLORENCE SANTOS DA SILVA (dt. Miriam Lang)


Le Monde
16.03.2001

Über Vergewaltigung in Südafrika

Südafrika hat laut Interpol-Statistik die weltweit höchste Vergewaltigungsrate. Vor allem in den Jahren nach der Abschaffung der Apartheid ist ein erschreckender Anstieg zu verzeichnen gewesen. Die Ursachen dafür sind in den sozioökonomischen Faktoren zu suchen, die erst mit der veränderten politischen Perspektive sichtbar geworden sind. Kaum jemand hatte wohl eine Ahnung davon, wie marode die moralische Verfassung der südafrikanischen Gesellschaft während der Apartheid war. Erst jetzt treten die bisher verdeckten Auswirkungen von Armut, Arbeitslosigkeit und Drogenmissbrauch zutage, werden die Einstellungen zu Frauen und das Verhältnis zur Macht deutlich, macht sich das rapide wachsende Bandenwesen wirklich bemerkbar.

Für die Menschen im Norden und im Westen, die schon lange mit Rechtsfragen vertraut sind und über die Dynamik wie die Psychologie der Macht in den Verhältnissen zwischen Männern und Frauen relativ offen sprechen, sind Schutz und Garantie von Rechten eine Selbstverständlichkeit. Die Demokratie in Südafrika jedoch ist gerade einmal sechs Jahre alt und baut zudem auf vollkommen neuen Wissensgrundlagen auf; sie lotet Grenzen aus und versucht herauszufinden, wie weit dieses Wissen (und also die Demokratie) trägt und ob es wirklich funktioniert.

Tiefes Misstrauen prägte während der Apartheid die Haltung der Schwarzen zu einem Staat, der für sie weder Schutz noch Sicherheit oder Zuflucht bot. Die Polizei funktionierte im Allgemeinen als verlängerter Arm des repressiven, nur der weißen Bevölkerung zugute kommenden Apartheidregimes. Wenn schwarze Frauen Anzeige wegen Vergewaltigungen oder Gewalt in der Familie erstatten wollten, blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als mitleidlosen weißen Polizisten ihre Geschichte zu erzählen. In diesem ganzen Bereich hatte sich, da der nationale Befreiungskampf im Vordergrund stand, ohnehin eine Kultur des Schweigens breit gemacht. Patricia McFadden, eine feministische Aktivistin aus Simbabwe, hat darauf hingewiesen, dass die afrikanischen Frauen ihre Rechte immer dem Kampf um die nationale Befreiung hintanzustellen hatten. Die doppelte Unterdrückung afrikanischer Frauen sowohl durch ein weißes wie durch ein schwarzes Patriarchat macht jedoch auch deutlich, dass die Rechte von Frauen als Menschenrechte wahrgenommen werden müssen.

Im Kampf gegen das Apartheidregime haben südafrikanische Frauen gelernt, worin ihre Rechte bestehen und wie sie diese verteidigen können. Sie wissen, dass es zu den Aufgaben des Staates gehört, seine Bürgerinnen und Bürger zu beschützen. Nun muss die südafrikanische Demokratie ihre Versprechen einlösen und die Rechte der Frauen als Menschen- und Bürgerrechte verankern und respektieren. Wenn vor allem schwarze Frauen Vergewaltigungen vermehrt anzeigen, bedeutet das auch, daß sie, die so wenig Vertrauen in die früheren staatlichen Institutionen hatten, auf das neue, von ihnen mitgeschaffene System setzen. Im Vergleich zu den schwarzen Frauen in Townships, auf dem Land und in den Städten waren weiße Frauen lange Zeit privilegiert. Inzwischen jedoch bekommen auch Weiße die allgemeine Missachtung gegenüber Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft zu spüren, sie sind ebenso verletzbar geworden wie schwarze Frauen.

Die Demokratie in Südafrika fördert vieles zutage, was lange verborgen war: Probleme, die mit beengtem Wohnraum, schlimmer Armut und Arbeitslosigkeit zusammenhängen, der Missbrauch von Frauen und Kindern, die frustrierten, betrunkenen und untätigen Vätern und Ehemännern ausgeliefert sind. Im Rahmen eines 1991 durchgeführten Projektes, das sich mit den Belangen schwarzer Jugendlicher in den Townships befasste, ging es auch um Vergewaltigungen, darum, ob sie zur Anzeige gebracht wurden und um begleitende Hilfsangebote. Wir haben Interviews mit vielen Opfern und ihren Familien geführt und haben auch einen Vergewaltiger dazu gebracht, mit uns zu reden. Die Berichte waren erschreckend. Mit einer einzigen Ausnahme hatten sich alle Vergewaltigungsopfer entschieden, keine Anzeige zu erstatten, weil die Polizei ohnehin nichts unternähme. Einige sprachen von höhnischen Kommentaren der Township-Polizisten, die den Frauen selbst die Schuld gaben. Wenn sie ihre Männer sexuell nicht befriedigten, hätten sie es eben nicht anders verdient. Manche Frauen äußerten auch die Befürchtung, sich mit einer Anzeige nur neue Drohungen und Einschüchterungen durch Gangmitglieder oder Familienangehörige einzuhandeln.

Ich lebte damals in Hillbrow (Johannesburg), einem lebendigen, hauptsächlich von Künstlern bewohnten Viertel mit einer vitalen, bunten Clubszene. Hier wurden Frauen häufig Opfer des inzwischen über Südafrika hinaus bekannten Jackrolling. Dabei wird ein Mädchen meist durch Verabreichung von Drogen willenlos gemacht, entführt und dann von mehreren Männern ein Wochenende lang als Sexsklavin missbraucht. Diese perverse Praxis existiert in Südafrika bis heute, sie ist allerdings durch die Aufmerksamkeit der Medien einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht worden, weshalb auch die Polizei nicht mehr tatenlos zusehen kann.

Vergewaltigung als Initiationsritus
Bandenvergewaltigungen nehmen besonders in der Region der Cape Flats (dem ärmsten Teil der Kapregion) weiterhin zu. Die Vergewaltigung und Ermordung der 14 jährigen Valencia Farmer im Juli 1999 schockierte die Menschen in ganz Südafrika und führte einer größeren Öffentlichkeit vor Augen, was für "Initiationsrituale" bei Jugendbanden gang und gäbe sind und wie junge Männer beim Eintritt in eine solche Bande ihre "Männlichkeit" unter Beweis stellen. Die zunehmende Präsenz dieser Gangs ist wohl ein Anzeichen für das starke Bedürfnis nach Identität in einer Gesellschaft, die außerstande ist, sich selbst zu befragen und sich über ihre Verarmung klar zu werden.

Besonders erschreckend ist das Verhältnis, das Jugendliche zu Frauen haben. Traditionell werden Frauen in Afrika wie Eigentum behandelt, sie gehören zum Besitz des väterlichen Haushalts und später zu dem des Mannes. Eine Untersuchung des Soul-City-Instituts für Gesundheit und Entwicklung zeigt nun, dass unter jungen Männern die Überzeugung vorherrscht, sie hätten ein unbestreitbares Anrecht auf den Besitz von Frauen. Kaltschnäuzig wird Vergewaltigung zur Normalität erklärt und damit entschuldigt, dass Männer ihr sexuelles Verlangen nicht unter Kontrolle haben. Aus dieser Sicht steht es den Frauen nicht zu, Sex abzulehnen. Frauen werden vielmehr verantwortlich gemacht für die ungezügelte Sexualität der Männer: wenn sie sich provokativ anziehen, dann "bekämen sie eben, was sie selbst haben wollten".

Junge Mädchen, die sich einer sexuellen Annäherung entziehen, werden häufig durch den betreffenden jungen Mann und seine Freunde "bestraft". Nicht selten reagieren sich junge Männer auch an älteren Frauen ab und erklären sich hinterher für nicht verantwortlich: "Wenn man junge Mädchen in engen Kleidern sieht, wird man sexuell erregt. Und wenn man dann an der nächsten Ecke auf eine Alte trifft, dann steckt man ihn einfach rein", so erklärte ein junger Mann in der Soul-City-Studie die Sache.

Das gro§e Freiheitsversprechen der Demokratie beinhaltet auch die Verantwortlichkeit des Individuums und bedeutet für viele Männer die erschreckende Einsicht, dass sie nicht einfach alles haben können, was sie wollen.

Seit Generationen finden sich Reichtum und Wohlstand von Männern verkörpert in der Polygamie, genauer in der Anzahl der Frauen, die sich ein Mann leisten kann. Die gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in Südafrika werfen jedoch auch die Frage auf, wie relevant die Polygamie heute noch sein soll. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich will hier nicht für die Abschaffung der Polygamie plädieren, sondern halte im Gegenteil ihre Anerkennung für notwendig und fundamental, damit eine neue Nation entstehen und wachsen kann, die der südafrikanischen Tradition und Kultur gerecht wird.

Die herrschende sexuelle Anspruchshaltung und der afrikanische Machismo müssen durch staatliche Maßnahmen auf der einen und durch lokale Initiativen auf der andern Seite aufgeweicht und allmählich verändert werden, damit auch im Postapartheid-Südafrika die Grundwerte der Menschenrechte wirklich zur Geltung kommen. Eine Veränderung der Einstellungen wird nur eintreten, wenn Südafrika mit strengeren Gesetzen gegen Vergewaltiger vorgeht, die Opfer besser schützt und die Ausbildung und Erziehung von Jungen eher einfühlsamen Männern anvertraut. Erste Anzeichen dafür, dass sich die Dinge verändern, gibt es bereits, die "Männer gegen Vergewaltigung" etwa, oder die Aktivitäten von Frauen in den Townships gegen Vergewaltiger und Banden, oder auch politische Initiativen, die schärfere Strafen für überführte Vergewaltiger durchzusetzen versuchen.

Wer über Sexualität in Südafrika sprechen will, kommt an einer Beschäftigung mit dem Thema HIV und Aids natürlich nicht vorbei. Unabhängig von Präsident Mbekis umstrittenen Stellungnahmen zur Aidsepidemie in Südafrika belegen Statistiken, wie schlecht die Bevölkerung über das HI-Virus, seine Übertragungswege und über Behandlungsmöglichkeiten informiert ist. Traditionelle afrikanische Heiler haben bislang wenig dazu beigetragen, bestimmte fatale Vorstellungen aus der Welt zu schaffen: In Südafrika herrscht der verbreitete Irrglaube, dass Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau oder einem Kind ein sicherer Weg sei, um das Virus loszuwerden. Nicht selten müssen Frauen zusehen, wie ihre Männer oder Freunde sich an ihren Kindern vergreifen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Aids-Research-Council zeigt den Teufelskreis dieses soziosexuellen (Miss-)Brauchs auf: Die wirtschaftlich abhängigen Frauen sind außerstande, sich und ihre Kinder vor den sexuellen Übergriffen ihrer Männer zu schützen. Denn wenn sie Anzeige gegen ihre Männer erstatten würden, kämen diese ins Gefängnis und die Familie hätte keinen Lebensunterhalt mehr. So unvorstellbar es auch scheinen mag, dass Frauen und Mütter auf diese Weise dem Missbrauch ihrer Kinder zusehen, ihre verzweifelte wirtschaftlich-soziale Lage lässt ihnen einfach keinen anderen Ausweg.

Damit sich die Situation verändert, reicht es nicht aus, die Frauen über ihre Rechte aufzuklären. Vielmehr müssen Bedingungen geschaffen werden, die ihre Unabhängigkeit und Freiheit wirklich ermöglichen. Der kürzlich erschienene Artikel "Human Rights - The Next Step" leuchtet aus, in einem wie komplexen Umfeld Menschenrechtsinitiativen arbeiten. So finden etwa bisher die sozialen und ökonomischen Bedingungen, die zur ständigen Verletzung der Menschenrechte führen, in der Agenda der Menschenrechte kaum Beachtung. Außerdem kommt es darauf an zu klären, in welchem konkreten Verhältnis der Korpus der Menschenrechte zu dem der sozioökonomischen Rechte steht. Andernfalls liefe der Kampf für die Menschenrechte Gefahr, ausgerechnet diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die doch eigentlich unter ihrem Schutz stehen sollen. Die feministische Philosophin Martha Nussbaum erklärt: "Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie dem Recht der Frauen auf körperliche Unversehrtheit zur Durchsetzung verholfen werden kann, muss sich über die materielle Seite des Lebens ebenso viele Gedanken machen wie über Gesetze. Warum kann eine Frau einen Ehemann, der sie schlägt, nicht verlassen? Sehr oft deshalb, weil sie kein Recht auf Eigentum hat und also kein Darlehen aufnehmen kann". Im Falle Südafrika ist die Sache insofern noch elementarer, als bezahlte Arbeit nach wie vor weitgehend den Männern vorbehalten ist. Kein Geld der Welt wird allerdings ausreichen, um einer vergewaltigten Frau die physische und emotionale Sicherheit in der Gesellschaft wiederzugeben. Deshalb muss der Staat Sorge tragen, dass er Frauen, die seinen Schutz benötigen, nicht neuerlich zu Opfern macht.

Südafrika bahnt sich, wie viele andere junge Demokratien auch, seinen Weg zu mehr Recht, mehr Bildung und Aufklärung. Männer und Frauen haben inzwischen angefangen, eine bessere und selbst bestimmte Zukunft des Landes zu gestalten. Sie alle brauchen jetzt die Erfahrung, dass die Demokratie auch wirklich funktioniert. Frauen und Kinder müssen endlich vor Missbrauch geschützt werden und sich auf die Unterstützung durch den Staat verlassen können. Schon viel zu lange haben Frauen die Missachtung der Männer ertragen und aushalten müssen, dass Transformationsprozesse auf ihrem Rücken ausgetragen wurden.
Von JYOTI MISTRY (dt. Uta Ruge)


NEWS.CH
25.08.2001

Keiner wußte vom Anderen

Ägypterin hat sechs Ehemänner

Kairo: Eine 32 jährige Ägypterin ist der Heirat mit sechs Männern wegen verhaftet worden. Die Gatten wussten nichts voneinander. Die Frau sagte aus, daß sie einfach mit keinem von ihren Männern länger zusammenleben konnte.
Männer dürfen in Ägypten bis zu vier Frauen gleichzeitig haben, Frauen aber nur einen Ehemann.


Der Standard
23.10.2001

Schwangere Nigerianerin soll zu Tode gesteinigt werden

Islamisches Gericht verhängt Strafe für vorehelichen Geschlechtsverkehr

Lagos: Ein islamisches Gericht in Nigeria hat eine schwangere Frau wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs zum Tod durch Steinigen verurteilt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte das Urteil am Dienstag. Ein Vertreter der in New York ansässigen Organisation nannte das Urteil einen unmenschlichen Verstoß gegen das "Grundrecht der Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung".

Das Gericht im Norden Nigerias hatte das Urteil über die nach Justizangaben schwangere Frau verhängt, die nun bis zum 8. November Gelegenheit hat, um in Berufung zu gehen. Der Vollstreckung des Urteils geht eine Prüfung durch den Gouverneur des Bundesstaates voraus. Der mutmaßliche Liebhaber der Verurteilten war von dem selben Gericht freigesprochen worden. Human Rights Watch schließt daraus auf einen Mangel an Beweisen.

Es handelt sich vermutlich um das zweite Mal, daß ein islamisches Gericht in Nigeria jemanden zum Tode durch Steinigen verurteilt. Die vermutlich erste Entscheidung dieser Art liegt einen Monat zurück. Ein 35 jähriger Mann war wegen Missbrauchs eines achtjährigen Buben verurteilt worden. Er hat das Urteil angefochten und wurde daraufhin wieder in Gewahrsam genommen.

Im vergangenen Jahr hatte ein islamisches Gericht ein jugendliches Mädchen wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu 180 Stockschlägen verurteilt. Das Strafmaß war später auf 100 Schläge reduziert und im Jänner vollstreckt worden.
(APA/AP)


Eine Publikation der Gesellschaft für bedrohte Völker:

Zum Tode verurteilt, weil sie Leben schenkte:
Amina Lawal darf nicht gesteinigt werden!

Das Töchterchen von Amina Lawal Kurami ist noch zu klein, um sich vorstellen zu können, daß seine Mutter bald nicht mehr für sie da sein könnte. Amina soll gesteinigt werden. Ihr erst neun Monate altes Baby Wasila ist der Grund für dieses furchtbare Urteil eines Scharia-Gerichts in Nigeria vom 22. März 2002. Erst vor wenigen Tagen, am 19. August, hat ein Berufungsgericht dieses Urteil bestätigt. Es soll im Januar 2004 vollstreckt werden. Dann ist die Kleine zwei Jahre alt und kann abgestillt werden. Amina wird erneut Einspruch gegen ihr Todesurteil eingelegen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ruft dringend zu Protesten gegen die drohende Steinigung auf. Bitte helfen Sie mit, das Leben der 30-jährigen zu retten, und senden Sie die nachfolgenden Appelle an den nigerianischen Justizminister und den Präsidenten der Europäischen Kommission ab.

Amina hat ihre Tochter nach ihrer Scheidung zur Welt gebracht und wurde deshalb wegen Ehebruchs angeklagt. Nach dem islamischen Scharia-Recht wird dieses Vergehen mit Steinigung geahndet. Bei Frauen gilt die Schwangerschaft als Beweis für einen Ehebruch, während ein Mann dafür nur verurteilt wird, wenn es vier männliche Augenzeugen gibt. Das hat Yahaha Mohammed gerettet, den Amina als Vater von Wasila angegeben hat. Er wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Im Alter von 14 Jahren wurde Amina verheiratet. Sie hat nie eine Schule besucht. Bei ihrem ersten Gerichtsverfahren hatte sie keinen Rechtsbeistand. Danach gelang es ihr jedoch mit Hilfe nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen, Einspruch gegen das Urteil zu erheben. Daraufhin wurde auch die Vollstreckung der Strafe verschoben.

Internationaler Druck könnte Aminas Leben retten. Das hat der Fall Safiya Hussaini bewiesen. Auch sie war wegen außerehelicher Schwangerschaft von einem nigerianischen Scharia-Gericht zum Tod durch Steinigung verurteilt worden. Dieser Richterspruch rief weltweit Entsetzen hervor. Wir hatten damals sofort reagiert und zu Protesten aufgerufen. Safiya wurde schließlich aus formellen Gründen begnadigt, drei Tage nachdem Amina verurteilt worden war.

Die Todesurteile gegen diese beiden Frauen sind mit nigerianischem Bundesrecht nicht vereinbar. Seit Ende der jahrzehntelangen Militärdiktatur gilt in der Verfassung Nigerias von 1999 das Recht auf Leben, die Todesstrafe wie auch Frauen diskriminierende Gesetze sind rechtswidrig. Trotzdem wurde das Scharia-Recht seither in den zwölf nördlichen der insgesamt 36 Bundesstaaten eingeführt. Es sieht neben Steinigungen auch so drakonische Strafen vor wie Amputationen und Auspeitschungen. Diese wurden und werden, im Gegensatz zu Steinigungen, auch bereits ausgeführt.

Im Verlauf der Verhandlung um Safiya Hussaini hatte sich der nigerianische Justizminister Kanu Agabi zu Wort gemeldet und die Scharia ausdrücklich für verfassungswidrig erklärt. Doch davon ließen sich die Machthaber im Norden des Landes nicht beeindrucken. Auch im Fall von Amina hat der Justizminister die Entscheidung des Berufungsgerichts schließlich öffentlich verurteilt und der 30-jährigen zugesichert, ihre Rechtsanwälte in den kommenden Verhandlungen zu unterstützen. Denn jetzt wird Amina das höhere Scharia-Berufungs-Gericht von Katsina anrufen. Sollten auch diese Richter den Einspruch ablehnen, wird sie mit ihrer Berufung schließlich vor den Obersten Gerichtshof ziehen. Dann käme es zu einer verfassungsrechtlichen Auseinandersetzung über die Scharia auf höchster Ebene.

Amina und Safiya sind Spielbälle in einem größeren politischen Spiel, das das Leben kosten kann. Darüber empörte sich auch Nobelpreisträger Wole Soyinka. Die zyprischen Behörden gewährten einer 21-jährigen Nigerianerin, die unverheiratet im siebten Monat schwanger ist, am 21. August aus Sorge um ihr Schicksal in ihrem Heimatland auf Zypern Asyl. Seit dem Übergang zur Demokratie ringen die unterschiedlichen Ethnien Nigerias um die politische Vorherrschaft. Durch die Einführung der Scharia hetzen die Führer der Haussa und Fulani im muslimischen Norden des Landes die Bevölkerung gegen den christlichen Süden auf: In den vergangenen beiden Jahren sind bei ethnisch-religiös motivierten Übergriffen mehr als 6.000 Menschen getötet worden.

Präsident Olusegun Obasanjo ist Christ. Eine direkte politische Auseinandersetzung mit den muslimischen Führern des Nordens hat er als Staatsoberhaupt noch nicht mit der Deutlichkeit geführt, die nötig wäre, um derart unmenschliche Strafen zu verhindern. Nigeria steuert jetzt auf eine Zerreißprobe zu. Am Fall Amina Lawal könnten sich die ethnisch-religiösen Konflikte erneut entzünden und zu einem noch größeren Blutbad eskalieren, wie es 1967-70 an den Ibos in Ostnigeria (Biafra) verübt wurde.

Zum Tode verurteilt, weil sie Leben schenkte:
Amina Lawal darf nicht gesteinigt werden!

Durch Ihr Engagement können Sie mithelfen, für Amina Lawal die internationale Öffentlichkeit herzustellen, die schon Safiya Hussaini vor dem Tod bewahren konnte.

Bitte beteiligen Sie sich an unserem Appell an den nigerianischen Justizminister (His Excellency Kanu Godwin Agabi, Minister of Justice, Ministry of Justice, New Federal Secretariat Complex, Shehu Shagari Way, Abuja, Federal Capital Territory, Nigeria, E-Mail über die Homepage der nigerianischen Regierung www.nigeria.gov.ng/discussion/index.htm) und den Präsidenten der Europäischen Kommission Prof. Romano Prodi (Prof. Romani Prodi, President of the European Commission, Rue de la Loi/Wetstraat 200, B-1049 Brüssel, Belgien, Fax 0032 2 29 563 36, E-Mail: Romano.prodi@cec.eu.int). Danken Sie ersterem dafür, daß er sich auf die Seite von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gestellt und die Menschenrechte verteidigt hat. Bitten Sie ihn darum, sein Versprechen einzuhalten und die Rechtsanwälte von Amina Lawal zu unterstützen. Wenn Sie unseren Musterbrief verwenden möchten, rufen Sie bitte die o.g. Internetseite auf, markieren Sie den Musterbrief und fügen Sie den Text über copy/paste bzw. kopieren, einfügen in das dortige Formular ein. Leider können wir Ihnen in Ermangelung einer E-mail-Adresse des Service einer Protestmail, die Sie direkt von unserer Seite absenden können, nicht anbieten. Bitte appellieren Sie an Romano Prodi, er solle sich wie damals schon für Safiya Hussaini nun auch für Amina Lawal einsetzen.

Bestellen Sie diesen Appell als Flugblatt mit Postkarten in beliebiger Stückzahl kostenlos bei uns (Tel. 0551 499 06-11, E-Mail verwaltung@gfbv.de) und verteilen Sie sie im Freundes-, Verwandten- und Kollegenkreis. Bitte denken Sie auch daran, uns die dritte Postkarte ausgefüllt zurückzuschicken, wenn Sie dies nicht bereits bei unserer vorherigen Aktion für die Kurdin Leyla Zana getan haben. Nur so kann unsere Datenbank aktualisiert werden.
Unterstützen Sie unsere Menschenrechtsarbeit mit einer Spende auf das Konto 2055 bei der Sparkasse Göttingen, BLZ 260 500 01 oder werden Sie Mitglied. Für Ihre Spende und / oder Ihren Mitgliedsbeitrag können Sie auch unsere online-Formulare nutzen. Spenden und Mitgliedsbeiträge sichern unsere politische Unabhängigkeit. Auch diese Kampagne für Amina Lawal und gegen eine Eskalation der ethnisch-religiösen Konflikte in Nigeria kostet Geld. Bitte tragen Sie – wenn es Ihnen möglich ist - mit einer Spende zur Deckung unserer Unkosten für diese Initiative bei.

Musterbrief an: His Excellency Kanu Godwin Agabi +++ Minister of Justice, Ministry of Justice +++ Federal Secretariat Complex +++ Shehu Shagari Way +++ Abuja, Federal Capital Territory +++ Nigeria
E-Mail über die Homepage der nigerianischen Regierung www.nigeria.gov.ng/discussion/index.htm

Your Excellency,
I greatly welcome your condemnation of the judgement against Amina Lawal, whose sentence of death by stoning was upheld by a court in Katsina State on August 19. I would like to express my gratitude for your efforts to protect human rights and the rule of law in Nigeria. Your government has promised to assist Amina´s Lawyers with their appeals. Please make sure that Amina Lawal´s life is spared, in accordance with your constitution and the International Human Rights Convenants that Nigeria is party to. An intervention by the government on Amina Lawal´s behalf would show the world that your government truly "is committed to human rights", as you have stated.
Sincerely yours,

Freie Übersetzung des Postkartentextes:
Exzellenz,
am 19. August hat ein Gericht in Katsina bestätigt, dass Amina Lawal mit dem Tod durch Steinigung bestraft werden soll.Ich begrüße es sehr, daß Sie diesen Richterspruch gegen Amina Lawal verurteilt haben, und möchte Ihnen für Ihre Anstrengungen danken, die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit in Nigeria zu schützen. Ihre Regierung hat versprochen, die Anwälte von Amina Lawal zu unterstützen. Bitte sorgen Sie dafür, daß Aminas Leben geschont wird. Das gebietet auch die nigerianische Verfassung und schreiben Internationale Menschenrechtskonventionen fest, die Nigeria unterzeichnet hat. Eine Intervention der Regierung im Sinne von Amina Lawal würde der Welt zeigen, daß Ihre Regierung den Menschenrechten tatsächlich verpflichtet ist, wie Sie erklärt haben.
Mit freundlichen Grüßen,

Musterbrief an: Prof. Romano Prodi +++ President of the European Commission +++ Rue de la Loi/Wetstraat 200 +++ B-1049 Brüssel +++ Belgien +++ Fax: 0032 2 295 63 36 +++
Romano.prodi@cec.eu.int

Protestmail
Dear Mr. President,
on August 19, a stoning sentence against Amina Lawal was upheld by a Sharia court in Katsina, Nigeria. I strongly urge the European Commission to do everthing in its power to ensure that Amina Lawal is not executed for giving birth to a child while divorced. The European Commission has promised to follow this case very closely and to raise the issue with the Nigerian authorities. Please use your influence as the President of the European Commission to ensure that Ms. Lawal´s human rights and life are protected, as you have already successfully done in the case of Safiya Hussaini this year.
Sincerely yours,

Freie Übersetzung des Postkartentextes:
Sehr geehrter Herr Präsident,
am 19. August wurde das Steinigungs-Urteil gegen Amina Lawal in Katsina, Nigeria, bestätigt. Ich appelliere nachdrücklich an die Europäische Kommission, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit Amina Lawal nicht hingerichtet wird, weil sie als geschiedene Frau ein Kind bekam. Die Europäische Kommission hat versprochen, diesen Fall genau zu verfolgen und sich für sie bei der nigerianischen Regierung einzusetzen. Bitte nutzen Sie Ihren Einfluss als Präsident der Europäischen Kommission um Frau Lawals Menschenrechte und Leben zu schützen, wie Sie es dieses Jahr bereits mit Erfolg im Fall Safiya Hussaini getan haben.
Mit freundlichen Grüßen,


Focus
18.11.2001

Miss World kommt aus Afrika

Die erste Schwarzafrikanerin auf dem Thron der "Miss World"

Eine bildhübsche 18 Jährige ist als erste Schwarzafrikanerin zur schönsten Frau der Welt gekürt worden. Agbani Darego gewann am späten Freitagabend in Sun City, Südafrika, die Wahl zur Miss World 2001. Darego stach 96 Konkurrentinnen aus, die mit ihr um die Krone kämpften. Die überglückliche Gewinnerin wertete ihren Sieg auch als Erfolg für Afrika. Die deutsche Teilnehmerin Adina Wilhelmi war schon in der ersten Runde gescheitert.

Die elegante Darego im hellgrünen Kleid, mit Turban-Frisur und ausgefallenen Ohrringen hatte schon zu Beginn des 51. Schönheitswettbewerbs zu den Favoritinnen gehört. Sie will in Zukunft ihre Popularität für wohltätige Zwecke einsetzen. Auf dem Thron aus Zebrafell und mit Goldrahmen wurde die junge Frau überschwänglich von der Nummer Zwei, "Miss Aruba" Zerelda Lee, und der Dritten im Finale, "Miss Scottland" Juliet-Jane Horne, beglückwünscht.


Neue Zürcher Zeitung
25.02.2002

Rückkehr der "Hottentot Venus" nach Südafrika

Die sterblichen Überreste von Saartjie Baartman, der "Hottentot Venus", werden innerhalb der nächsten zwei Monate nach Südafrika übergeführt. Somit wird ein langes, trauriges Kapitel im Leben der Südafrikanerin endlich zu einem Abschluss gelangen. Das französische Parlament hat am Donnerstag eine Gesetzesvorlage verabschiedet, welche die Überweisung von Baartmans sterblichen Überresten, die seit 1816 in einem Pariser Museum eingelagert sind, ermöglicht. Baartman wurde 1789 in Gamtoos River geboren und gehört zum Stamm der Khoisan (früher als Hottentotten bekannt), die heute noch im südlichen Afrika leben. 1810 wurde sie von einem englischen Schiffsarzt nach London gebracht. Es war der Anfang einer Reise in die Einsamkeit und Erniedrigung. Baartman wurde in England im Zirkus und in Museen, an Universitäten und in Bars zur Schau gestellt. Wegen ihres für europäische Begriffe ungewöhnlich grossen Hinterteils und der grossen Genitalien galt sie als Missgeburt und als Produkt einer bizarren Laune der Natur.

Nachdem sie nach Paris gebracht worden war, ging das Interesse an ihr langsam zurück. Sie musste sich schliesslich als Prostituierte durchschlagen. Sie starb verarmt und vereinsamt. Nach ihrem Tod wurde ein Abguss ihres Körpers gemacht. Französische Wissenschafter erhielten ihr Skelett und legten ihre Genitalien und ihr Gehirn ein. Diese wurden bis 1974 im Museum der Menschheit in Paris ausgestellt. Weil ihre sterblichen Überreste gesetzmässiges Eigentum der französischen Regierung sind, brauchte es einen parlamentarischen Akt, um diese nach Südafrika zu überführen. Die Zurschaustellung des Körpers von Saartjie Baartman galt für viele Soziologen im südlichen Afrika als Beispiel für die klischeehaften Vorstellungen über Afrikaner und vor allem Afrikanerinnen in Europa.

Für afrikanische Feministinnen ist Baartman ein Symbol der Ausbeutung afrikanischer Frauen. Wegen ihrer traurigen Geschichte sei Baartman zum Symbol für die Erniedrigung von Khoisan-Frauen geworden, sagte die Vertreterin einer Menschenrechtsorganisation der Khoisan. Diese wollen Baartman in einer würdevollen Beisetzung am Kap die letzte Ehre erweisen.


Neue Zürcher Zeitung
26.02.2002

Abenteurer kämpft gegen Genitalverstümmelung

Kampagne des deutschen Survival-Experten Rüdiger Nehberg

Der deutsche Survival-Künstler Rüdiger Nehberg hat am Montag in Hamburg über die erste Aktion im Rahmen seiner Kampagne berichtet, mit der er gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen antritt, die vor allem in der islamischen Welt verbreitet ist. Vor einigen Jahren hatte der tollkühne Mann mit dem Markennamen "Sir Vival" begonnen, seine waghalsigen Aktionen in den Dienst von Menschenrechtsanliegen zu stellen. Zuletzt erregte der ehemalige Konditor Aufsehen zugunsten der Yanomami-Indianer in Brasilien, als er mit einer im Emmental gefällten Tanne im Alleingang den Atlantik überquerte.

Im Alter von 66 Jahren wendet sich der unverwüstliche Haudegen nun gegen eine Unsitte, unter der schätzungsweise 130 Millionen Frauen in Afrika und Arabien zu leiden haben. Die gefährlichste Variante ist die "pharaonische", bei der den Mädchen mit einer rostigen Rasierklinge Klitoris und Schamlippen abgeschnitten und die Genitalöffnung dann zugenäht wird.

Drastisch illustriert Nehberg seine Kampagne mit einem Plakat, auf dem eine Rasierklinge ein Papier in Form eines Unterleibs zerschneidet. Die erste Aktion veranstalteten Nehberg und seine Partnerin Annette Weber in der Danakil-Wüste in Äthiopien. Im vergangenen Dezember organisierten sie bei den Afar eine "Wüstenkonferenz", an der 1.200 Personen teilnahmen. Dabei unterzeichnete der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten der Afar eine "Fatiiha" (ein Stammesgesetz), welche die Infibulation der Frauen als "ererbte schlechte Tradition" brandmarkt und sie fortan untersagt. Ob damit dieser tief verwurzelte Brauch wirklich ausgemerzt werden kann, muss sich erst erweisen.

Nehberg und seine Organisation "Target" betonen, daß ihre Aktionen nicht gegen den Islam gerichtet seien http://www.target-human-rights.com. Nirgendwo in den heiligen Schriften sei die Rede von der Genitalverstümmelung, weshalb Nehberg sie als "unislamisch" deklariert. Diese Ansicht will er unterstreichen, indem er muslimische Persönlichkeiten zum Beitritt in die "Pro-Islamische Allianz gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen" bewegen will. Für Nehberg ist die Gründung dieser Allianz ein "längst fälliges Dankeschön für die hohe islamische Ethik in Sachen Gastfreundschaft". Zweimal hatten ihm Muslime das Leben gerettet - 1977, in der Danakil-Wüste.


Die Zeit
22.03.2002

B E W E G U N G S K R A F T

Kopflastige Forschung
Warum verbrauchen afrikanische Frauen beim Tragen so wenig Energie? Zwei Physiologen wollen das Rätsel gelöst haben.

Menschen sind Energieverschwender, nicht nur beim Heizen oder Autofahren, sondern auch, wenn sie zu Fuß unterwegs sind. Ein großer Teil der Kraft, die wir für unsere Schritte brauchen, verpufft ungenutzt. Selbst die geschicktesten menschlichen Geher setzen die aufgewendete Energie maximal zu 65 Prozent in Vorwärtsbewegung um. Sogar Vögel oder Fische, die sich nebenbei noch in der Luft halten oder eine dichte Flüssigkeit verdrängen müssen, bewegen sich effektiver fort.

Die ärmliche Ergonomie des Homo sapiens kennt nur eine frappierende Ausnahme: afrikanische Frauen. Sie können weit höhere Wirkungsgrade beim Gehen erzielen, paradoxerweise jedoch nur dann, wenn sie dabei eine große Last auf dem Kopf tragen. Balancieren sie rund 20 Prozent ihres Körpergewichts auf dem Scheitel, so haben Forscher ermittelt, setzen diese Frauen ihre Energie zu über 80 Prozent in Vorwärtsbewegung um. Worin allerdings ihr Geheimnis besteht, wusste bisher niemand schlüssig zu erklären. Doch nun warten zwei Physiologen mit einer Theorie auf, die den beeindruckenden Gang der Afrikanerinnen endlich überzeugend erklärt.

Selbstversuch im Sturzflug
Mitte der achtziger Jahre sorgte die anmutige Bewegung afrikanischer Frauen erstmals für Aufsehen in der Wissenschaft. Norman Heglund, damals Doktorand der Harvard University, war 1977 in den Westen Kenias gereist, um die Energieausnutzung von Elefanten, Giraffen und Büffeln zu studieren. Doch als er dort sah, mit welcher Leichtigkeit die Frauen gewaltige Lasten auf ihrem Kopf trugen, war sein Forschungsinteresse geweckt. "Ich überredete die Frau meines Gastgebers zu einem Experiment", erinnert sich Heglund. Während sie unter verschiedenen Lasten vorwärts ging, maß er ihren Sauerstoffverbrauch unter einer Maske. Ihr Sauerstoff-(und damit ihr Energie-)Verbrauch stieg erst an, als sie mehr als ein Fünftel ihres Körpergewichts auf dem Kopf trug, doch weit weniger, als angesichts der zusätzlichen Last zu erwarten war. "Und sie war kein Einzelfall", sagt Heglund. Mit immer verfeinerteren Messverfahren konnte er zeigen, daß auch Frauen aus anderen Gegenden Afrikas die Kunst des energiesparenden Gangs beherrschen.

Dann stieß Heglund auf eine ältere Untersuchung an amerikanischen Soldaten, die beim Gehen unter der Last schwerer Rucksäcke erheblich mehr Energie verbrauchten als die Afrikanerinnen. Als er Vergleichsgruppen amerikanischer Männer und Frauen einen entsprechend schweren Bleihelm aufsetzte, konnten sie mit dem leichten Gang der Afrikanerinnen ebenfalls nicht mithalten. Als Heglund, inzwischen Physiologe an der katholischen Universität im belgischen Louvain, seine Forschungsergebnisse Mitte der achtziger Jahre publizierte, waren die Zahlen eindeutig. Doch was die Afrikanerinnen anders machen als der Rest der Menschheit, konnte er nicht erklären. Haben sie besonders starke Muskeln im Nacken oder Rücken? Bewegen sie sich beim Gehen weniger auf und ab, oder haben sie gar eine genetische Besonderheit? All diese Hypothesen ließen sich bei genauerer Untersuchung nicht halten. "Ich war einfach ratlos", sagt er.

Dann traf er Giovanni Cavagna, der sich als Physiologe an der Universität Mailand schon seit 1964 mit dem menschlichen Gang beschäftigt, allerdings nicht in Afrika, sondern auf dem Mond. Dort wirkt nur rund ein Sechstel der irdischen Schwerkraft. "Ich war nicht überrascht, daß die Astronauten dort nicht normal gehen konnten", erinnert sich Cavagna an das Jahr 1969, als Neil Armstrongs großer Schritt für die Menschheit eher wie ein Hüpfer aussah. Mithilfe einer Computersimulation entwickelte Cavagna ein Modell für das Gehen bei unterschiedlichen Werten der Schwerkraft, das unter anderem eine genaue Voraussage für künftige Marsbesuche ermöglicht: "Während die optimale Gehgeschwindigkeit auf der Erde 5,5 Kilometer pro Stunde beträgt, liegt sie auf dem Mars nur bei 3,4 und auf dem Mond sogar nur bei 2,2 Kilometer pro Stunde." Seine Theorie überprüft der 68 jährige Italiener regelmäßig im Selbstversuch in einem Forschungsflugzeug der Esa. Der umgebaute Airbus A300, in Fachkreisen als "Vomit Comet" (Kotzkomet) bekannt, fliegt von Bordeaux aus in wildem Steig- und Sturzflug über die Biskaya, sodaß in seinem Inneren für bis zu 30 Sekunden die unterschiedlichsten Gravitationskräfte herrschen, von der völligen Schwerelosigkeit bis zum vielfachen der irdischen Erdanziehung.

In dieser Woche sind Cavagna und Norman Heglund wieder mit dem Vomit Comet unterwegs. Gegenseitig beobachten sie, wie sich ihr Gang mit und ohne Gewichten auf Rücken oder Kopf unter den verschiedenen Schwerkräften verändert. Solche Studien haben die beiden Forscher auch auf ihre Theorie zum Gang der Afrikanerinnen geführt. Um diese zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die Physik nötig. Denn die Bewegungskräfte beim menschlichen Gang vergleichen Cavagna und Heglund mit Kräften, die an einem Quadrat entstehen, das über den Boden holpert. Das Ende eines Schrittes, wenn das vordere Knie durchgedrückt ist, entspricht einem Quadrat, das auf einer Spitze steht. Dann ist der höchste Punkt der Bewegung und damit das Maximum der Lage-(oder potenziellen) Energie erreicht.

Wird der nächste Schritt eingeleitet und das Knie gebeugt, entspricht dies einem Quadrat, das sich weiterdreht. Dabei sinkt der Schwerpunkt, und die potenzielle Energie wird in Bewegungs-(oder kinetische) Energie umgewandelt. Am Tiefpunkt der Bewegung (wenn das Quadrat mit der Kante voll den Boden berührt) ist alle potenzielle in kinetische Energie umgewandelt. Sie reicht im Idealfall gerade aus, das Quadrat wieder bis auf die Spitze zu drehen. Dann kann der Kreislauf von vorn beginnen. Da dieses ständige Hin und Her zwischen Lage- und Bewegungsenergie an ein Pendel erinnert, beschreiben Cavagna und Heglund den menschlichen Gang auch als "umgekehrtes Pendel", dessen Aufhängepunkt gewissermaßen der Fußboden ist.

Doch tatsächlich ist unser Gang weit von der perfekten Pendelbewegung entfernt. Eine genaue Messung an Videoaufzeichnungen zeigt, daß der normale Homo sapiens am höchsten Punkt seines Gangs rund 15 Millisekunden braucht, um mit der Umsetzung der potenziellen Energie in kinetische Energie zu beginnen. Während dieser Zeitspanne sinkt er nach unten, ohne sich nach vorne zu bewegen, und verschwendet wertvolle Lageenergie ungenutzt. Afrikanische Frauen dagegen verzögern den Beginn der Vorwärtsbewegung nur um zehn, manchmal um noch weniger Millisekunden, jedoch nur dann, wenn sie eine Last auf dem Kopf tragen. Genauere Messergebnisse wollen Heglund und Cavagna noch in diesem Jahr veröffentlichen.

Lernprozess über Generationen
Und wieso können die Frauen mit einer schweren Last auf dem Kopf in diesen energiesparenden Gang fallen, amerikanische Rekruten aber nicht? Die Frage stößt nicht nur beim Militär auf Interesse. Doch da müssen die beiden Forscher alle Hoffnungen enttäuschen. "Der Unterschied ist so minimal, das können Sie nicht lernen", meint Giovanni Cavagna. Auch in Afrika beherrschen nur jene Frauen den Trick, die sich schon als kleine Mädchen an das Tragen von Lasten auf dem Kopf gewöhnt haben. "Wahrscheinlich gucken sie sich den perfekten Gang dabei von den älteren Frauen ab", vermutet Cavagna, "das ist ein Lernprozess über viele Generationen."

Die Frage, ob diese Art von Transport der Gesundheit nun nützt oder ob afrikanische Mädchen sich mit dem Tragen auf dem Kopf einen Rückenschaden holen, ist epidemiologisch nie untersucht worden. Deutsche Ärzte, die in Afrika gearbeitet haben, sind aber einig darin, daß Rückenprobleme bei afrikanischen Frauen auf dem Land sehr viel seltener auftreten als hierzulande. Schließlich wird die Rückenmuskulatur, die in den Industrieländern meist durch langes Sitzen verkümmert, bei ihnen durch das Tragen und Ausbalancieren der Last auf dem Kopf ständig trainiert.

Allerdings ist das Tragen in Afrika ein Ausdruck von Armut. Wer es sich leisten kann, holt sich das Wasser lieber aus der Leitung, als es mühselig vom nächsten Bach oder Brunnen heraufzutragen. Die Frauen selbst halten jedenfalls nichts von der Schlepperei auf dem Kopf. "Die Mädchen haben kaum Freizeit, weil sie mehrere Stunden am Tag Wasser und Feuerholz heranschaffen müssen, und die Frauen bekommen davon Kopfschmerzen", erfuhren Esther Kioko und Richard Bagine, zwei kenianische Forscher, als sie Betroffene auf den Dörfern befragten.

Sollte die Erforschung des perfekten afrikanischen Pendelgangs am Ende also ganz ohne praktischen Nutzen bleiben? Norman Heglund stört diese Vorstellung überhaupt nicht: "Wir machen Grundlagenforschung, keinen Gehunterricht für Europäer." Sein Kollege Cavagna klagt zwar über Rückenschmerzen, steigt aber trotzdem immer wieder gerne mit einem Bleihelm in den Kotzkometen. "Ich mache das doch nicht, weil es nützlich ist", sagt er, "sondern weil es mir Spaß macht."
Von Dirk Asendorpf


taz
22.03.2002

Ugandas Frauen begehren auf

Vizepräsidentin Speciosa Kazibwe hat ihren Mann Charles wegen Gewalt verlassen. Nun streitet das ostafrikanische Land heftig über heile und weniger heile Familien.

Speciosa Kazibwe ist eine ungewöhnliche Frau. Sie ist stellvertretendes Staatsoberhaupt von Uganda, ein Posten, der nicht nur in Afrika meistens Männern vorbehalten ist. Und jetzt hat sie nach 23 Jahren Ehe ihren Mann verlassen, weil er sie misshandelt hat.

"Genug ist genug", sagte sie, als sie ihren Schritt vor einer Woche bei einem Workshop von Parlamentarierinnen publik machte. "Ich bin stark genug, mir ein Haus zu bauen, ohne jemandes Geld zu stehlen. Und vor kurzem habe ich eine Party in meinem neuen Haus abgehalten. Ich bin froh, einen Mann verlassen zu haben, der mich schlug."

Die Enthüllung hat in Uganda großes Aufsehen erregt. Männliche Gewalt gegen Frauen ist in dem ostafrikanischen Land verbreitet und galt bisher als Privatangelegenheit, über die man ebenso wenig spricht wie über Aids. Die Regierung von Präsident Yoweri Museveni ist zugleich relativ fortschrittlich, was Frauenrechte angeht. Es gibt Vertreterinnen von Frauen als gesellschaftlicher Gruppe im Parlament, und die staatliche Zeitung New Vision druckt regelmäßig Ratschläge für Frauen, die Probleme in der Ehe haben. Häusliche Gewalt ist strafbar.

Kazibwe hat schon früher Frauen Kampfsport empfohlen, um sich wehren zu können. Kontrovers ist sie sowieso. Sie studierte Medizin zusammen mit Ugandas führenden, jetzt exilierten Oppositionellen Kiiza Besigye, weswegen sie jetzt immer besonders wortgewaltig Regierungsgegner beschimpft.

1999 lud sie die Führer der Moon-Sekte zu einem gigantischen Kongress über Glück in der Familie nach Uganda ein. Nun hat sie einen praktischen Schritt mit Vorbildcharakter unternommen. "Wir unterstützen sie", so Mary Kusambiza, Uganda-Direktorin des Internationalen Anwältinnenbundes. "Gewalt ist keine Privatsache, sondern eine Menschenrechtsfrage."

Frauen in die Politik?
Doch nach der Vizepräsidentin ging ihr Mann Charles Kazibwe an die Öffentlichkeit. Am vergangenen Wochenende breitete der Ingenieur, dessen Geschäftsräume in der Hauptstadt in den letzten Jahren verdächtig oft ausgeraubt wurden, seine Leidensgeschichte aus. Seit seine Frau 1994 Vizepräsidentin wurde, habe sie ihn geschnitten. Seit Oktober 1995 hätten sie das Bett nicht mehr geteilt. Er habe seine Frau nur zweimal geschlagen, 1993 und 1995. Charles Kazibwe warnte, Ugandas Männer sollten es sich gut überlegen, ob sie ihre Frauen in die Politik lassen. Dann wurde berichtet, der Mann habe auf Anweisung seiner Frau staatliche Privilegien verloren, zum Beispiel die kostenlose Reparatur seines Mercedes.

Daraufhin ging die Debatte erst richtig los. Keine Geringere als Ugandas Ethikministerin Miria Matembe schimpfte, Charles Kazibwe habe seine Frau als "Monster" dargestellt und sich selbst als "Opfer". Religiöse Führer riefen die Kazibwes zur Versöhnung auf und sprachen vom "schlechten Beispiel", das die Vizepräsidentin den Frauen gebe. Gestern wurde berichtet, eine ugandische Frau habe ihrem Mann während eines Ehestreits die Genitalien abgebissen.

Möglicherweise hat die Diskussion eine positive Wirkung. Ein vor kurzem aus religiöser Rücksichtnahme von der parlamentarischen Tagesordnung gestrichenes Gesetz über Gewalt in der Familie könnte neu aufgelegt werden. Bereits im Januar hatte ein lokales Referendum im Bezirk Tororo über die Abschaffung des traditionellen Brautpreises eine Diskussion über Machtverhältnisse in der Ehe entfacht.

Immer öfter wird sich Uganda bewusst, daß die rasche Modernisierung der Gesellschaft die Gewalt in der Familie nicht verringert, im Gegenteil, meint die Zeitung Monitor: "Die Armen leben in offenen Gesellschaften, wo man leicht weiß, ob jemand seine Frau schlägt oder nicht. Dann verurteilt die Gemeinschaft den Täter, oder die Schwager greifen ein. Doch die reichen und gebildeten Städter sind genauso barbarisch, nur machen sie es in der Privatsphäre ihrer Mauern, ihrer riesigen Bungalows und teuren Autos mit getönten Scheiben."
Von DOMINIC JOHNSON


Süddeutsche Zeitung
26.03.2002

Kampf gegen ein barbarisches Ritual

Die Exil-Iranerin Mina Ahadi leitet das Internationale Netzwerk gegen Steinigung

"Die Proteste helfen doch etwas", freut sich Mina Ahadi, die Koordinatorin des Internationalen Netzwerks gegen Steinigung. Tatsächlich hat ein Berufungsgericht in Nigeria das Steinigungsurteil gegen Sufiyatu Huseini am Montag aufgehoben. Erst Anfang Februar war ein Steinigungsurteil gegen die Sudanesin Abok Alfa Akok wegen Ehebruchs vom Gericht in Nyala, in der Provinz Süd-Darfur, aufgehoben worden. Das Netzwerk hatte gemeinsam mit anderen gegen das Urteil protestiert. Ahadi glaubt deswegen fest daran, daß die Proteste etwas bewirken. Das gibt ihr die Kraft, weiterzumachen.

"Entweder du trägst ein Kopftuch, oder wir schlagen dich", lautete 1980 die Parole, die Ajatollah Chomeini am internationalen Frauentag nach der Islamischen Revolution verkündete. An diesem Tag begann Mina Ahadis Engagement für Frauenrechte. Statt Chomeinis Bekleidungsvorschriften zu folgen, hielt die 23 Jahre alte Medizinstudentin auf einer Demonstration eine flammende Rede gegen den Kopftuchzwang. Am nächsten Tag wurde sie deswegen aus der Uni ausgeschlossen.

Heute lebt die inzwischen 45 jährige Ahadi seit fast sechs Jahren in Köln. Gerade ist sie aus London zurückgekehrt von einem Kongress iranischer und irakischer Frauenrechtlerinnen. Vor einem Jahr rief sie das Internationale Netzwerk gegen Steinigung ins Leben. Ihm haben sich bislang mehr als 150 Personen und Institutionen aus zehn Ländern angeschlossen. Die Arbeit ist bislang ehrenamtlich und recht provisorisch, ein Büro gibt es noch nicht. Ziel ist die Abschaffung der Steinigung und die Aufhebung aller Steinigungsurteile. Nach dem Vorbild von Amnesty International sollen die Mitglieder Protestbriefe an Politiker schreiben. Dies taten sie auch im aktuellen Fall der Nigerianerin Sufiyatu. Das Steinigungsurteil gegen sie hatte weltweites Aufsehen erregt.

Eigentlich müsste Ahadi zufrieden sein angesichts dieser Welle internationaler Anteilnahme. In ihre Freude mischt sich aber viel Skepsis. Sufiyatus Schicksal sorgt ihrer Ansicht nach in westlichen Ländern nur deshalb für Empörung, weil Nigeria kein rein islamisches Land ist. "Die Steinigungen in Iran hat kaum jemand zur Kenntnis genommen", kritisiert sie. "Man scheint sie und andere barbarische Auswüchse in islamischen Ländern als religiöse und kulturelle Eigenheiten hinzunehmen."

Terror und die Anwendung der Scharia sind für Ahadi aber nicht Ergebnisse der von den Menschen in islamischen Ländern gelebten Kultur. "Sie sind Ausdruck einer islamisch-politischen Front, die ihren Einfluss weiter ausdehnen will." Die Scharia sieht Ahadi dabei als Instrument des Machterhalts. "Die Menschen haben einfach Angst, so werden sie unterwürfig gehalten." Ahadi selbst hat sich dem Terror nie gebeugt. Nach dem Ausschluss aus der Universität beteiligte sie sich zusammen mit ihrem Mann an politischen Untergrundaktivitäten gegen das Chomeini-Regime. Eines Tages wurde ihr Mann vom Geheimdienst verhaftet. Sie sah ihn nie wieder, nur seinen Namen, auf einer Liste von Hingerichteten. Anlass für die Gründung ihres Netzwerks war die drohende Steinigung einer vermeintlichen Ehebrecherin im Teheraner Evin Gefängnis. Zwar konnte Ahadi diese Steinigung nicht verhindern, aber viele Menschen für dieses Ritual sensibilisieren. Doch die Steinigungsurteile nehmen zu. Nicht nur in Afrika. In Iran sind laut Amnesty International in der Amtszeit des als Reformer angetretenen Staatspräsidenten Mohammed Chatami neun Steinigungen von Frauen und Männern dokumentiert. Die Organisation schätzt die tatsächliche Zahl jedoch "auf einige Dutzend".

Die Abscheu vor dem drohenden Schauspiel in Nigeria sei so groß gewesen, glaubt Ahadi, daß weltweit Organisationen von Migrantinnen aus islamischen Ländern gegen das Urteil protestiert hätten. Darunter sogar zwei, die sich "muslimisch" nennen. "Das zeigt", sagt Ahadi, "daß Frauen aus islamischen Ländern sich ebenso für Menschenrechte einsetzen und nicht, wie im Westen oft angenommen, nur Opfer sind."
Von Rebecca Hillauer


pte
18.07.2002

Afrikanische First Ladys gründen Aids-Organisation

18 Staatschef-Ehefrauen als "Katalysator" gegen Immunschwächekrankheit

18 afrikanische First Ladies werden im Rahmen des heute in Genf startenden dreitägigen Treffens des US-Aids-Programmes UNAIDS http://www.unaids.org die historische Aids-Initiative "African First Ladies Organisation against HIV/Aids" aus der Taufe heben. Unter den Mitgliedern sind u.a. die Ehefrauen der Staatschefs von Burundi, Ghana, Senegal und Simbabwe.

"Die Organisation soll wie ein Katalysator den Kampf gegen Aids vorantreiben, dies nicht nur in den einzelnen Staaten, sondern über den afrikanischen Kontinent hinaus", erklärte Sandra Thurman, Präsidentin des International Aids Trust (IAT). Auch der UNAIDS-Geschäftsführer Peter Piot begrüßt die Initiative der Politikerfrauen als "einen bedeutende Schritt vorwärts gegen die verheerende Epidemie, die den afrikanischen Kontinent am schlimmsten trifft."

Laut Angaben von UNAIDS sind von rund 40 Mio. HIV/Aids-Patienten weltweit etwa 18 Mio. Frauen. In Ländern südlich der Sahara sind 55 aller HIV-infizierten Erwachsenen Frauen. "Mit ihrer Persönlichkeit können die Politikerfrauen Menschen auf dem Kontinent zum aktiven Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids bewegen", ergänzte Piot. Vor allem ermögliche die Organisation eine Arbeit über politische und geografische Grenzen hinaus. Erste Anzeichen der Gründung der Initiative gab es bereits 2001 und 2002. Die aktive Diskussion startete im Rahmen der UN-Generalversammlung mit dem Schwerpunkt "Kinder" im Mai 2002.
Von Sandra Standhartinger


pte
25.09.2002

Women@Work präsentiert Fotoserie "Technologie als Chance"

Frauen aus Afrika und ihre Begegnungen mit neuen Technologien

Christine de Grancy, Fotografin in Wien und langjährige Künstlerkollegin von André Heller, stellt acht Bilder aus ihrem Fotoessay, "Die Tuareg – Frauenbilder aus der Sahara", der Informationsveranstaltung "Women @Work – Karrierechancen für Frauen in IT-Berufen" (http://www.waw.ocg.at ) zur Verfügung. Die Fotos enstanden im Jahr 2000 anlässlich einer Reise durch das Air-Bergland und die Region Agadez im Vielvölkerstaat Niger.

Die ausgestellten Arbeiten von Christine de Grancy zeigen vorwiegend Frauen bei der Arbeit und Ihre erste Begegnungen mit den neuen Technologien.
Die Tuareg werden durch die jungen afrikanischen Staaten Lybien, Algerien, Mali, Burkino Faso und dem Niger seit geraumer Zeit zur Sesshaftigkeit gezwungen und so von ihrer uralten erprobten Lebensform getrennt. Sie waren einzig abhängig von ihren Kamel- und Ziegenherden, ihrer universellen Lebensbasis und der Suche nach Weidegründen im unendlichen und unwirtlichen Raum der Sahara. Die Sesshaftigkeit brachte vor allem für die Frauen dramatische Folgen mit sich. Ihre gesellschaftliche Stellung, in der traditionellen Tuareg-Gesellschaft von Geburt an gleichberechtigt mit dem Mann, verändert sich durch fundamentalistische Strömungen zu ihrem Nachteil. Es war eine Gesellschaft, die auf Ausgewogenheit menschlicher Bedürfnisse und notwendige Partnerschaft konzipiert war. Der westlich-moderne Mensch wird im höchsten Maß zur Mobilität gezwungen und in immer schwerer durchschaubare Globalisierungsprozesse mit immer weniger Existenzabsicherung verstrickt, obgleich doch die wesentlichsten modernen Technologien aus dem Westen stammen...
Soziale Netze, schwer errungen, zerreißen auch bei uns. Für eine Gesellschaft, die vor allem durch Sesshaftigkeit geprägt wurde, ein ebenfalls dramatischer Wandel.

Technologie als Chance
Kluge Männer und Frauen in der Tuareg-Gesellschaft ermahnen ihre Menschen, der heutigen Realität gerecht zu werden und nicht nur touristischen Fantasien westlicher Menschen mit ihrer falschen Romantik über die "blauen Männer" der Wüste zu entsprechen. Neue Technologien können, richtig eingesetzt, dieser und anderen Gesellschaften Möglichkeiten bieten, mit den raschen Veränderungen unserers Zeitalters fertig zu werden.
Die Bilder sollen den Teilnehmerinnen von Women@Work ihre möglichen Ängste und Skepsis vor den neuen Technologien nehmen, indem sie den Zugang der Ärmsten dieser Welt zur Informationstechnologie zeigen. Die damit bei uns geforderte Mobilität bedeutet für die traditionelle Nomaden-Frauen der Sahara eine neue Freiheit und eine vorteilhafte gesellschaftliche Stellung.

Die Bilder wurden nach Vorgaben der Künstlerin vom Wiener Digitalfotolabor Cyberlab http://www.cyberlab.at auf einem Durst Lambda Laserbelichter vergrößert und werden zu einem späteren Zeitpunkt auch in Agadez gezeigt werden. Die Ausstellungsform ist, wie die BesucherInnen sehen werden, auf Mobilität ausgerichtet und schließt so den thematischen Kreis zurück zu ihrem Ausgangspunkt.


Die Welt
08.02.2003

"Lasst sie so sein, wie Gott sie geschaffen hat"

Unicef fordert weltweites Verbot von Beschneidungen - Das somalische Model Waris Dirie findet in Afrika prominente Mitstreiterinnen

Tradition kann weh tun, sie kann traumatisieren und tödlich sein. Und dennoch: Die blutige Sitte der Genitalverstümmelung lebt fort.
Jedes Jahr müssen in Afrika rund zwei Millionen Mädchen diesen Ritus erleiden, obwohl weder der Islam noch das Christentum diese Praxis billigen. 30 bis 50 Prozent sterben bei dem Eingriff. Jetzt haben sich Hunderte Frauen im äthiopischen Addis Abeba zu einer panafrikanischen Initiative gegen die Verstümmelung zusammengefunden und mit dem Kinderhilfswerk Unicef einen "Null-Toleranz-Tag" ausgerufen, den 6. Februar.

Die etwa 130 Millionen Frauen weltweit, die eine Verstümmelung ihrer Geschlechtsorgane erlitten hätten, seien der "lebende Beweis dafür, daß die Welt bei ihrem Schutz versagt hat", sagte Unicef-Generaldirektorin Carol Bellamy zum Abschluss einer dreitägigen Konferenz in Addis Abeba. Fast zeitgleich meldete gestern der britische Sender BBC im Internet, daß sich in Kenia etwa 100 Mädchen vor ihren Eltern verstecken, um dem Ritus zu entgehen. In Kirchen im Südwesten des Landes fanden sie Unterschlupf.

Die Abschaffung der Beschneidung von Frauen, fordern die Aktivistinnen, soll in den afrikanischen Entwicklungsplan Nepad aufgenommen werden. Das somalische Model Waris Dirie, UN-Botschafterin gegen die Beschneidung, fand in Addis mit vier Präsidentengattinnen prominente Unterstützerinnen. Zu ihnen zählt Chantal Campaore aus Burkina Faso: "Die Beschneidung ist die grausamste und tödlichste Form von Gewalt gegen Frauen in Afrika", sagte die First Lady. Sei es im Alter von acht Jahren oder erst mit 13, in 28 afrikanischen Ländern ist das blutige Brauchtum verbreitet. Bei vielen Hütern der Tradition hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, daß das Aids-Virus in einigen Ländern Infektionsraten von bis zu 30 Prozent erreicht.

Die Beschneiderinnen benutzen oft dieselbe Klinge für mehrere Mädchen und verbreiten so das tödliche Virus. Je nach Kulturkreis schneiden sie unter Verzicht auf jedwede Betäubung mal mehr, mal weniger ab, die Klitoris, die äußeren, die inneren Schamlippen. Zum Schutz der Unschuld der Mädchen nähen manche die verbleibende Öffnung zu. Diese Praxis ist vor allem in Somalia gängig. Die Folgen hat Waris Diri in ihrem Bestseller "Wüstenblume" eindringlich geschildert. Häufig kommt es zu Infektionen. Bei der Geburt des ersten Kindes reißen alte Narben auf, viele beschnittene Frauen verbluten. Selbst im vergleichsweise aufgeklärten Kenia führen 90 Prozent der 42 Ethnien Beschneidungsriten durch, obwohl die meisten Kenianer stramme Christen sind. Seit 1990 ist die FGM, die Female Genital Mutilation, dort verboten. Aber Verbote allein bewirken in Afrika wenig.

Dennoch will das Kinderhilfswerk Unicef bis zum Jahr 2010 die Genitalverstümmelung weltweit beseitigt haben. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, sagt die Frauenrechtlerin Rose Mary Moraa aus Nairobi: "Das ist nichts, was du einfach so stoppen kannst. Es kostet Zeit. Die Tradition liegt tief im Bewusstsein der Menschen." Die Frauenrechtlerinnen sehen langfristig nur einen Weg zum Erfolg: Bessere Aufklärung aller, Männer und Kinder müssen einbezogen werden, nicht nur die Frauen.

Auch sollen sich alternative Riten etablieren, Zeremonien ohne Blut. "Lasst sie so sein, wie Gott sie geschaffen hat", sagt Rose Mary Moraa. Als Angehörige der kenianischen Kisii-Ethnie wurde auch sie beschnitten. Vor mehr als 40 Jahren. Ihren eigenen Töchtern hat sie die Verstümmelung erspart.
Von Stefan Ehlert


taz
23.05.2003

Afrikas Frauenheldin nimmt den Hut

Speciosa Kazibwe, Vizepräsidentin von Uganda und umstrittene Fürsprecherin unterdrückter Frauen, tritt entnervt ab

Nach außen war es ein ganz normaler Rücktritt. Ugandas Vizepräsidentin Speciosa Kazibwe bat Staatschef Yoweri Museveni, sie von ihrem Posten zu entbinden, damit sie eine Doktorarbeit an der "Harvard School of Medicine" schreiben kann. Aber es war für Kazibwe typisch, daß niemand ihr diesen Grund so richtig abnahm. Zu viele Kontroversen hat Afrikas höchstrangige Politikerin in ihrer neunjährigen Amtszeit angefacht. Aber sie lässt ein Uganda zurück, in dem offener als irgendwo sonst auf dem Kontinent über Frauenthemen diskutiert wird.

Im März 2002 löste sie ein gesellschaftspolitisches Erdbeben aus, als sie sich von ihrem Ehemann Charles Kazibwe trennte. "Ich bin froh, einen Mann verlassen zu haben, der mich schlug", sagte sie. Plötzlich war Gewalt in der Ehe, ansonsten in Afrika ein absolutes Tabu, ein Politikum. "Spe", wie Speciosa Kazibwe im Volk genannt wird, wurde zur Heldin unterdrückter Frauen. Ihr Mann Charles konterte, seine Frau habe ihn sexuell geschnitten, seit sie 1994 Vizepräsidentin wurde. Dann gründete Sam Njuba, Wahlkampfleiter der Opposition bei Ugandas Präsidentschaftswahl 2001, einen Verein für Männer politisch aktiver Ehefrauen und sagte, er wolle mit Charles Kazibwe "Erfahrungen austauschen". Letzterer wurde kurz darauf im Rahmen einer rabiaten gerichtlichen Schuldeneintreibung kurzzeitig festgenommen.

Speciosa Kazibwe war damit in ihrem Element. Die am 1. Juli 1955 geborene Katholikin aus dem Südwesten Ugandas hatte an der Universität Makerere Medizin studiert und dabei gegen Diktator Idi Amin Studentenproteste organisiert. Später, als Uganda im Bürgerkrieg versank, schloss sie sich Musevenis Rebellen an, die 1986 die Macht ergriffen. 1989 wurde sie Musevenis Vizeindustrieministerin, später Frauenministerin und 1994 stellvertretendes Staatsoberhaupt. Wegen des Verschwindens von Staatsgeldern, die zum Bau von Staudämmen gebucht waren, geriet sie in den Strudel eines Korruptionsskandals.

Ihre Autorität etablierte Kazibwe schnell, als sie bei ihrer ersten Parlamentsrede die stinkenden Socken ihrer männlichen Kollegen tadelte. Sie rief ständig Frauen dazu auf, sich gegen überhebliche und gewalttätige Männer zu wehren. Um des Ausgleichs willen kritisierte sie dann auch prügelnde Ehefrauen. Ihr Leitgedanke war immer: Wer öffentliche Ämter bekleidet, sollte erst mal seine persönlichen Probleme in den Griff kriegen.

Mit der Trennung von ihrem Mann und dem nachfolgenden, noch immer nicht beendeten Scheidungsverfahren fiel Speciosa Kazibwe aber hinter den eigenen Anspruch zurück und galt ihren Kollegen zunehmend als Belastung. Oppositionspolitiker Norbert Mao verlangte eine staatliche Untersuchung ihrer "Affären", mit bewusstem Doppelsinn. Ihre Reaktion: soll er sie doch verklagen.

"Immer, wenn sie Schlagzeilen macht, geht es um einen Skandal", kommentierte die Oppositionszeitung Monitor vor einem Monat, als erste Gerüchte einer Entlassung Kazibwes die Runde machten. Mit ihrem Rücktritt hat sie jetzt präventiv gehandelt - und sich das Recht auf lebenslange Pension gesichert. Das letzte peinliche Wort blieb ihrem Noch-Ehemann Charles vorbehalten: "Sie hätte mir wenigstens sagen müssen: Liebling, ich will wieder studieren.
Von DOMINIC JOHNSON


taz
20.08.2003

Flucht vor der Verstümmelung

Weltweit sind 120 Millionen Frauen beschnitten, und jährlich kommen weitere zwei Millionen dazu. Aber in Kenia entfliehen immer mehr Maasai-Mädchen dem Eingriff. Offiziell ist er zwar verboten, wird aber dennoch weiter vorgenommen.

Agnes Pareyio stellt ein braun gestrichenes Holzmodell auf den Tisch. Zwischen weiblichen Oberschenkeln und Hüften hängt die Vierundvierzigjährige ein Holzblöckchen auf einen Nagel in die Mitte. Das soll die Vagina darstellen. "So sollen wir aussehen", erklärt sie den lauschenden Kindern. Dann ersetzt sie das Holzstück mit einem anderen, das abgefeilt ist und einen feuerroten Punkt trägt. "So sehen wir nach unserer Beschneidung aus", sagt sie.

Um sie herum sitzen Mädchen des kenianischen Maasai-Volkes. Die Kinder des Hirtenvolkes gehen meistens ins Internat, während die Eltern mit dem Vieh auf den Savannen im Süden Kenias umherschweifen. In den Schulferien dient das Zentrum am Rande des südwestlichen Narok als Ersatzheim. Und hier, in der einzigen solchen Einrichtung in ganz Kenia, lernen die Kinder, die Tradition der Beschneidung zu hinterfragen.

Bei den Maasai ist die Sunna-Form der Beschneidung geläufig, die am wenigsten Spuren hinterlässt. Die Schamlippen werden nicht weggeschnitten, und die Vagina wird nicht zugenäht, wie es bei manchen afrikanischen Völkern üblich ist. Dennoch ist der Eingriff traumatisch. "Die eigene Beschneidung vergisst man nie", erzählt Agnes Pareyio. "Ich wollte es überhaupt nicht, aber ich wurde gezwungen. Es gab keine Betäubung. Die Schmerzen waren kaum zu ertragen."

Die kleine, vollschlanke Frau trägt am liebsten die traditionelle vielfarbige Maasaitracht. Sie ist stolz auf viele Traditionen ihrer Bevölkerungsgruppe, aber manche findet sie ekelhaft, wie eben die Beschneidung von Mädchen. Seit drei Jahren zieht sie mit ihrem Holzmodell durch Kenias Maasailand, um auf die Risiken der Beschneidung hinzuweisen: Oft verbluten die Mädchen, oder sie werden mit dem HI-Virus infiziert. Auch kann es später bei Entbindungen Komplikationen geben. Maasai-Mädchen werden in dem Jahr beschnitten, in dem sie ihre erste Periode bekommen. Der Eingriff symbolisiert das Ende der Kindheit und den Eintritt ins Erwachsenenleben. Viele Mädchen werden kurz danach verheiratet, und die Eltern bekommen eine Aussteuer.

Zwei Mädchen sitzen am Eingang des Auffangzentrums in Narok. Die dreizehn Jahre alte Evelyn Siron fummelt mit einer Hand an ihrem rot-weiß getupften Rock. Ihren anderen Arm hat sie um die Schultern der vierzehnjährigen Roselyn Osoi gelegt. Sie wohnen seit einigen Tagen im Zentrum. "Ich merkte zu spät, daß ich beschnitten werden sollte", erzählt Evelyn mit leiser Stimme. "Nach einer Woche, als die Schmerzen nicht mehr so schlimm waren, erzählte ich meinem Vater, daß ich wieder in die Schule zurückwollte. Er drohte, mich umzubringen und innerhalb von ein paar Wochen hat er mich vermählt."

Dem vierzig Jahre alten Bräutigam von Evelyn gelang es aber nicht, seine ehelichen Rechte wahrzunehmen, weil seine Frau jeden Tag versuchte, davonzulaufen. Am sechsten Tag ihrer Ehe gelang ihr die Flucht ins Auffangzentrum. "Ich will die Schule absolvieren, aber meine Eltern weigern sich, zu zahlen. Mein Ehemann will jetzt nämlich seine Kühe und Ziegen zurück, die er für mich gegeben hat. Zum Glück hat das Auffangzentrum versprochen, mein Schulgeld zu übernehmen." Als Evelyn ins Zentrum kam, traf sie Roselyn, die einen Tag vorher angekommen war. Auch sie war frisch beschnitten und vermählt worden. Die Erfahrung hat die beiden zu engen Freundinnen gemacht. Judy Keiwua hatte mehr Glück. Als die Vierzehnjährige hörte, daß ihre Eltern sie beschneiden lassen wollten, zog sie sofort weg. "Ich will nach meiner Ausbildung beim Radio oder Fernsehen arbeiten", erklärt sie. "Informationen weiterzugeben, finde ich einen schönen Beruf. Informationen haben mir schließlich geholfen, eine Entscheidung zu treffen."

Eigentlich ist es seit vorigem Jahr in Kenia verboten, Mädchen unter achtzehn zu beschneiden. Die lokalen Autoritäten in Maasailand unterstützen jetzt die Arbeit des Auffangzentrums. Samuel Lemeria ole Dikirr ist der traditionelle Chief von Narok. "Beinahe hundert Mädchen haben schon das Zentrum benutzt", lobt er. "In größeren Dörfern und Städten nimmt die Zahl der Beschneidungen ab. Aber im Busch sind Eltern noch nicht so schlau."

Auf Chief Samuels Bürotisch liegt eine blaue Decke, sonst nur ein Stempel und Stempelkissen. Der Chief ist Analphabet. Lächelnd erinnert er sich an einen Informationstag von Agnes Pareyio. "Ich hatte zwar gehört, wie schlecht Beschneidungen sind, aber erst, als Agnes alles mit dem Modell erklärte, verstand ich es richtig. Seitdem reise ich viel, um Kollegen in Maasailand davon zu überzeugen, mit dieser Tradition zu brechen."

Das neue Denken macht Schule. Die Beschneidung von Mädchen wird von Frauen geleistet, die oft zugleich Hebammen sind. Immer mehr sind nun gegen das, was sie tun. Die zweiundvierzigjährige Noola Mala verweigerte sich bei der letzten Runde von Beschneidungen, die meistens in den Schulferien stattfinden. "Ich sagte, daß ich dringend auf Familienbesuch müsse. Ich kann nicht öffentlich sagen, daß ich gegen diese Tradition bin. Sonst kriege ich viele Probleme."

Schon einige Zeit wollte sie mit ihrer Arbeit Schluss machen, aus Angst vor Aids. Sie beschnitt nur noch, wenn die Eltern für jedes Mädchen eine neue, unbenutzte Rasierklinge gaben. "Aber was mich wirklich überzeugt hat, waren meine zwei kleinen Töchter von fünf und sechs Jahren", erzählt Noola Mala und freut sich: "Die drohen jetzt schon, wegzulaufen, wenn wir sie beschneiden würden. So jung und so schlau!"
Von ILONA EVELEENS



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