Der Spiegel
04.12.2000
Die Lehrmeinung über die Evolution muß möglicherweise geändert werden:
Erste "Vor-Menschen" existierten, so ein neuer Fund, weitaus früher als bislang gedacht.
Nairobi: Wissenschafter haben in Kenia die sterblichen Überreste eines Primaten ausgegraben, der als der älteste bekannte Vorfahre des Menschen in die wissenschaftliche Literatur eingehen könnte. Die Knochen sind vermutlich sechs Millionen Jahre alt.
Die ersten Fossilien wurden, wie das kenianisch-französische Forscherteam jetzt bekannt gab, bereits am 25. Oktober 2000 im Herzen Kenias entdeckt, rund 235 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt. Seitdem haben die Wissenschafter verschiedene Knochen von mindestens fünf "Vor-Menschen" gefunden, sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts.
Die Forscher hatten in der Baringo-Region im kenianischen Rift Valley gegraben. Dort sind schon zahlreiche Entdeckungen gemacht worden. Die Gegend ist reich an Kalzium-Karbonat, durch das Knochen gut erhalten bleiben.
Die Überreste lassen darauf schließen, dass das auf den Namen Millennium-Mann getaufte Lebewesen ungefähr die Größe eines Schimpansen hatte, aufrecht ging und starke Arme hatte, mit denen er gut klettern konnte. Die Möglichkeit aufrecht zu gehen verleihen dem Primaten hominide Züge und bringen ihn damit, so die Paläontologen, in direkte Verbindung zum Menschen. Die Forscher hoffen jetzt auf weitere Funde.
Bislang galten 4,5 Millionen Jahre alte Knochenfunde in Äthiopien als älteste Hinweise auf einen direkten Vorgänger des Menschen.
Der Paläontologe Martin Pickford zeigte sich begeistert. "Dieser Fund ist nicht nur älter als alle bisher bekannten, er befindet sich auch in einem deutlich fortgeschrittenerem Stadium der Evolution", sagte er. Insbesondere die Zähne und der Kiefer deuteten auf eine nahe Verwandtschaft zum Menschen. Der Millennium-Mann ernährte sich überwiegend vegetarisch, verschmähte aber auch Fleisch nicht.
Möglicherweise fand einer der fünf "Vor-Menschen" einen gewaltsamen Tod: Biss-Spuren deuten laut Pickford darauf hin, daß eine Großkatze ihn tötete. Denkbar ist, dass sie ihn in ihren Stammplatz auf einen Baum zerrte, von wo seine Knochen in ein Gewässer fielen.
Der Spiegel
06.12.2000
Out of Africa: Die Theorie, dass alle Vorfahren des heutigen Menschen vom schwarzen Kontinent kommen, hat neue Nahrung bekommen.
London/Leipzig: Erst vor rund 52.000 Jahren verließen die Ahnen des heutigen modernen Menschen ihre afrikanische Heimat und breiteten sich weltweit aus. Alle älteren Menschenformen, die bereits vor dieser Zeit Afrika verließen und als fossile Reste in verschiedenen Teilen der Welt nachweisbar sind, starben jüngsten Genanalysen zufolge wieder aus. Sie haben nicht einmal durch Vermischung ihr Erbgut bis in die heutige Zeit erhalten können.
Zu diesem Ergebnis kommt ein schwedisch-deutsches Team, zu dem auch die Arbeitsgruppe von Svante Pääbo am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig gehört. Die Forscher stellen ihre Ergebnisse im britischen Fachjournal "Nature" vom Donnerstag vor.
Nach der neuen Untersuchung, die 53 unterschiedliche ethnische Gruppen umfasst, bildet die moderne Weltbevölkerung eine sehr junge, einheitliche Gruppe, die innerhalb kürzester Zeit die Erde besiedelte.
Die Wissenschafter untersuchten erstmals das gesamte, 16.500 Bausteine lange Erbgut in den Mitochondrien, den Kraftwerken menschlicher Zellen. In allen vorangegangenen Untersuchungen dieser Art waren immer nur Bruchteile des Mitochondrien-Erbguts analysiert worden. Die Ergebnisse wurden entsprechen kritisiert und angezweifelt.
"Wir hatten die Idee, dass sich die Mühe lohnen könnte, erstmals das gesamte Erbgut in den Mitochondrien und nicht nur Bruchteile zu untersuchen", sagte Henrik Caessmann, Assistent in der Arbeitsgruppe von Svante Pääbo. "Das Ergebnis hat uns Recht gegeben". Da Mitochondrien nur von der Mutter auf das Kind übertragen wird, verändert sich das Erbgut bei der Fortpflanzung nicht.
Fest stünde, so die Forscher, dass der hellhäutige Mensch von dunkelhäutigen Vorfahren abstamme. "Doch noch ist nicht geklärt, in welchen zeitlichen Abläufen die einzelnen Menschenrassen entstanden sind", sagte Caessmann. Es könne in relativ kurzer Zeit geschehen sein, in denen sich die Individuen ihren neuen äußeren Bedingungen angepasst haben. Doch das müsse noch genauer erforscht werden.
Erst Anfang dieser Woche hatten kenianische und französische Paläontologen im Rift Valley (Kenia) sechs Millionen Jahre alte Skelettteile ausgegraben, die die Evolutionsgeschichte revolutionieren könnten. Dies bestätigte die Ko-Leiterin der Expeditionsgruppe des College de France in Paris, Brigitte Senut. Die Funde des so genannten "Millennium-Menschen" seien "außergewöhnlich", weil sie die Trennung zwischen Menschenaffen und Menschen rund zwei Millionen Jahre weiter als bisher vermutet zurückdatierten.
Der Standard
07. Dezember 2000
Erst vor etwa 100.000 Jahren verließen die Ahnen des heutigen modernen Menschen ihre afrikanische Heimat und breiteten sich weltweit aus. Alle älteren Menschenformen, die bereits vor dieser Zeit Afrika verließen und als fossile Reste in verschiedenen Teilen der Welt nachweisbar sind, starben jüngsten Genanalysen zufolge wieder aus.
Zu diesem Befund kommt ein deutsch-schwedisches Team, das erstmals die gesamte mitochondriale DNA, sie wird nur von Frauen vererbt und bietet ein gutes Archiv, von 53 ethnischen Gruppen analysierte und aus ihr die letzte und erfolgreiche Wanderbewegung aus Afrika ablesen konnte. Demnach ist die gesamte heutige Menschheit relativ jung und entsprechend eng untereinander verwandt. Vor 67.000 Jahren trafen die ersten dieser Wanderer in Zentral- und Südostasien ein, von wo sie vor 20.000 Jahren über die Beringstraße nach Amerika zogen und vor 13.000 Jahren den dortigen Süden erreichten. Unterdessen hatten sich Einwanderer in Zentralasien nach Westen gewandt und erreichten vor 40.000 Jahren Europa.
Von früheren Wanderungswellen aus Afrika, die es ohne Zweifel gegeben hat, finden sich in den heutigen Genen keinerlei Spuren. Die jetzige Studie schlichtet viel früheren Streit, der offenbar daher rührte, daß man bisher noch nie die gesamte mitochondriale DNA, sondern immer nur Teile davon analysiert hat.
Der Spiegel
21.03.2001
Paläontologen haben in Kenia die Überreste eines bisher unbekannten Vorfahren des Homo sapiens gefunden. Der flachgesichtige Urahn könnte die bisherige Deutung der Menschheitsgeschichte aushebeln.
Nairobi: Ein Team um die kenianische Paläontologin Meave Leakey hat am Turkana-See im Norden Kenias 3,2 bis 3,5 Millionen Jahre alte Knochenreste ausgegraben, die zu einer bislang unbekannten Gattung der Hominiden gehören sollen. Ihren Fund stellen die Wissenschaftler am Donnerstag auch im Fachmagazin "Nature" vor.
Der auf den wissenschaftlichen Namen Kenyanthropus platyops getaufte Urmensch widerlegt nach Auffassung seiner Finder die seit den achtziger Jahren verbreitete Vorstellung, nach der die Hominiden der vergangenen drei Millionen Jahre einer Linie entstammten. "Der Kenyanthropus beweist, dass es bereits vor 3,5 Millionen Jahren zwei Linien in der Entwicklung unserer Vorfahren gab", erklärte Leakey in Nairobi. Zu den Funden, die ihr Team bei Grabungen vor zwei bis drei Jahren machte, gehören mehrere Knochen und ein kompletter Schädel.
"Sein Schädel wirkt äußerst primitiv, aber sein Gesicht zeigt erstaunlich menschliche Züge, nur daß es auffallend flach ist", beschreibt der an den Ausgrabungen beteiligte Anatom Fred Spoor vom University College in London den "flachgesichtigen Menschen aus Kenia". Sicher sei, dass der Hominide zur selben Zeit lebte wie der Australopithecus afarensis, dessen bekanntestes Exemplar die 3,2 Millionen Jahre alte Lucy ist. Ihr Skelett, das erste zusammenhängende ihrer Gattung, wurde 1974 in der nordostäthiopischen Afar-Region ausgegraben.
Auffallend sind Spoor zufolge die im Vergleich zum Australopithecus kleinen Zähne des Kenyanthropus, der sich sowohl von Fleisch als auch Pflanzen ernährt haben könnte. "Möglicherweise hatten beide Spezies unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten, was ihnen das Nebeneinander ermöglicht hat." Wie unter seinen Zeitgenossen üblich, sei der Kenyanthropus auch schon auf zwei Beinen gegangen.
Die Vorstellung des Kenyanthropus erfolgt nur wenige Monate, nachdem ein anderes Forscherteam den "Millennium-Menschen" nach sechs Millionen Jahren aus den Tiefen des ostafrikanischen Grabenbruchs ans Licht holte. Er brachte die Erkenntnis, dass die Trennung der Arten zwischen Menschenaffen und Menschen nicht, wie bisher angenommen, rund vier Millionen Jahre, sondern auf die Zeit vor sechs Millionen Jahren und davor zurückgeht.
Der Spiegel
21.07.2001
Forscher wollen in Äthiopien die bislang ältesten Überreste eines Hominiden ausgegraben haben. Doch die neuen Funde lassen die frühe Menschheitsgeschichte eher rätselhafter erscheinen.
Der Stammbaum des Menschen muß vermutlich erneut umgeschrieben werden. Der Paläontologe Yohannes Haile-Selassie hat in Äthiopien in der Gegend des Awash-Flusses Knochen gefunden, die seiner Meinung nach zum ältesten bislang entdeckten Urmenschen gehören. Wie der Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" schreibt, sind die Überreste etwa 5,2 bis 5,8 Millionen Jahre alt.
Zu den elf Fundstücken, die der Wissenschafter von der University of California in Berkeley seit 1997 zu Tage förderte, gehören ein Kieferknochen, diverse Hand- und Fußknochen und weitere Fragmente. Besonders wichtig für Paläontologen sind die Zähne: So argumentiert Haile-Selassie, dass der untere Eckzahn in seiner Form eher an die Zähne späterer Menschen als an die von Affen erinnert. Die Fußknochen deuten auf einen aufrechten Gang hin.
Die von mindestens fünf verschiedenen Individuen stammenden Überreste gehören laut Haile-Selassie zu einer frühen Unterart des Ardipithecus ramidus, von dem in Äthiopien bereits rund 4,4 Millionen Jahre alte Knochen gefunden worden waren. Seine Entdeckung taufte der Wissenschaftler auf den Namen Ardipithecus ramidus kadabba.
Die neuen Funde dürften den Expertenstreit um die Evolution des Menschen weiter anheizen. Im Kern der Debatte steht die Frage, zu welchem Zeitpunkt sich die Vorläufer von Menschen und Schimpansen getrennt weiterentwickelten. Eine Zuordnung der oft nur in Fragmenten vorhandenen Fossilien zu einer der beiden Linien ist meist umstritten. So meinen zum Beispiel manche Forscher, dass neben den Hominiden auch später ausgestorbene Affenarten aufrecht gegangen sein könnten.
Haile-Selassie ist jedoch vom Hominiden-Status des Ardipithecus ramidus kadabba überzeugt: "Diese Fossilien sind ein guter Beleg dafür, dass die beiden Entwicklungslinien, aus denen Schimpansen und Menschen hervorgingen, schon vor mehr als fünf Millionen Jahren getrennt waren."
Allerdings ist der Forscher nicht der Einzige, der den ältesten Hominiden entdeckt haben will. Im vergangenen Jahr präsentierte ein Team in Kenia gefundene, rund sechs Millionen Jahre alte Knochenfragmente. Die Wissenschaftler erklärten den "Millennium-Mann", wissenschaftlich Orrorin tugenensis, zum direkten Vorfahren des Menschen. Doch daran gab es bald Zweifel. Wie nun auch Haile-Selassie in seiner Studie schreibt, könnte es sich beim "Millennium-Mann" genauso gut um einen Urahnen der heutigen Schimpansen oder eine frühe Affenart ohne lebende Nachkommen handeln.
Falls Haile-Selassie Recht behält und sich der Ardipithecus ramidus kadabba als ältester Hominide erweist, würde der Fund eine gängige Evolutionstheorie über den Haufen werfen. Forscher um Giday WoldeGabriel vom Los Alamos National Laboratory konnten mit Sedimentanalysen zeigen, dass Ardipithecus in einer feuchten und waldigen Landschaft lebte. Diese Erkenntnis widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, der zufolge sich der Mensch erst entwickelte, als Waldgebiete durch einen Klimawandel einer Steppenlandschaft wichen.
Zudem war die Gegend um den Awash-Fluss vor sechs Millionen Jahren geologisch äußerst aktiv. Regelmäßig brachen Vulkane aus, die heiße Asche über die Region regnen ließen. "Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Leben in dieser feindlichen Umgebung weiterentwickeln konnte", sagt Wolde Gabriel. "Ardipithecus und die dort lebenden Tiere müssen wahre Überlebenskünstler gewesen sein."
Der Spiegel
21.08.2001
Aus Blutflecken an Steinwerkzeugen wollen Forscher die Erbsubstanz eines 1,8 Millionen Jahre alten Hominiden gewonnen haben. Ob die DNS überhaupt so lange haltbar ist, wird jedoch von Kritikern bezweifelt.
Vor knapp zwei Millionen Jahren schnitt sich im heutigen Südafrika ein ungeschickter Urmensch an seinem Werkzeug und hinterließ damit der Nachwelt seine biologische Signatur. Das jedenfalls vermuten zwei Forscher, die auf Artefakten aus den Höhlen von Sterkfontein winzige Blutflecken entdeckt haben. Aus den Spuren wollen sie die Erbsubstanz eines Hominiden isoliert haben, eine Behauptung, die von Kollegen mit Skepsis aufgenommen wurde.
"Die von uns gefundene DNS liegt irgendwo zwischen der eines Schimpansen und der eines Menschen", sagte die Archäologin Bonnie Williamson von der südafrikanischen Wits University der Zeitung "Mail & Guardian". "Das legt nahe, dass es sich um die Erbsubstanz eines Hominiden handelt." Williamson und ihr Kollege Tom Loy von der australischen University of Queensland nehmen an, dass die DNS entweder vom Homo habilis stammt, der als direkter Vorfahre des Menschen gilt, oder vom flachgesichtigen Paranthropus robustus.
Ihre Theorie, die durch weitere Forschungen untermauert werden soll, wollen die beiden Wissenschaftler demnächst in einer Fachzeitschrift veröffentlichen. Falls Williamson und Loy ihre Behauptung ausreichend belegen können, hätten sie einen neuen Rekord aufgestellt: Ihr Fund wäre die bislang älteste rekonstruierte Erbsubstanz aus der Urzeit.
Doch daran haben viele Fachleute Zweifel. "Es wäre erstaunlich, wenn solches Material unter diesen Bedingungen zwei Millionen Jahre überstehen könnte", sagte Chris Stringer vom Londoner Natural History Museum gegenüber "BBC News Online". Er hält es deshalb für "äußerst unwahrscheinlich", dass die von Williamson und Loy gewonnene DNS zu einem Hominiden gehört. Spätestens nach 100.000 Jahren, so glauben manche Experten, ist die Rekonstruktion des genetischen Materials chemisch unmöglich.
Skeptiker verweisen auf das Problem der Kontamination. Schon ein Nieser, ein Schweißtropfen oder winzige Haut- und Haarreste können die Proben mit menschlicher DNS verunreinigen. Williamson und Loy beteuern jedoch, bei ihrer Analyse alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen zu haben. Loy: "Wir haben die Oberflächen sterilisiert und mit ultraviolettem Licht bestrahlt, um jüngere DNS-Reste zu zerstören."
Der Spiegel
17.08.2001
Nahe Johannesburg sind Wissenschafter auf die ältesten, jemals im südlichen Afrika ausgegrabenen vormenschlichen Gebeine gestoßen. Noch sind die Fossilien weitgehend unerforscht.
Die Knochen, die in dem für seinen Fossilienreichtum berühmten Höhlensystem von Sterkfontein aus der Erde gezogen wurden, sind wahrscheinlich 3,5 Millionen Jahre alt. Sie übertreffen damit bereits zuvor gemachte Funde an selber Stelle um rund 200.000 Jahre.
Wie "BBC News Online" berichtet, handelt es sich bei den von Ron Clarke von der südafrikanischen University of the Witwatersrand gemachten Entdeckungen unter anderem um Beinknochen und Schädelfragmente. Die neuen Funde seien, so der der Arbeitsgruppe angehörende, renommierte Anthropologe Phillip Tobias, zwar datiert, aber noch nicht grundlegend studiert worden. Es stehe nicht einmal abschließend fest, wie viele unterschiedliche Individuen entdeckt worden seien.
Wahrscheinlich lassen sich die jetzt entdeckten Fossilien in die Gattung Australopithecus einordnen. Welcher der verschiedenen Arten sie angehören, ist aber noch weitgehend unklar.
Die Entdeckungen in Südafrika sind zwar bei weitem nicht die ältesten Funde, die jemals in Afrika gemacht wurden, sie könnten aber helfen, die Entwicklungsgeschichte des Menschen besser zu verstehen. Funde in Kenia und Äthiopien deuten darauf hin, dass sich bereits vor rund sechs Millionen Jahren Vorfahren des heutigen Menschen in Afrika aufhielten.
Die Funde könnten damit weiteren Aufschluss in der Frage geben, wann und wie sich die Linien der heutigen Affen und der heutigen Menschen trennten. "Beweise auf der DNS-Ebene haben viele Jahre lang darauf hin gedeutet, dass Menschen und Affen - ganz besonders Schimpansen - vor fünf bis sieben Millionen Jahren getrennte Wege gingen", sagt Tobias. "Doch die neuen Funde in Ostafrika könnten uns zwingen, diesen Zeitpunkt möglicherweise bis zu neun Millionen Jahre zurückzuschieben." Die Fossilien aus Südafrika stünden jedenfalls dem Menschen deutlich näher als dem Affen.
Sterkfontein gilt als einer der weltweit besten Fundorte, um Überreste der Hominiden, der frühen Vorfahren des Menschen, zu entdecken. Bislang wurden, so Phillip Tobias, genau 606 hominide Fossilien aus dem harten Untergrund gegraben.
Der Spiegel
11.01.2002
Archäologen sind in Südafrika auf Gravuren gestoßen, die sich als das älteste von Menschen geschaffene Kunstwerk erweisen könnten. Möglicherweise muss die Geschichte des Homo sapiens überdacht werden.
Es ist ein seltsames Muster: Schräge, sich kreuzende Linien sind in zwei Ockerstücke geritzt, die Forscher in der Blombos-Höhle im Süden Afrikas entdeckt haben. Was das frühe Kunstwerk darstellen soll, bleibt ein Rätsel. Doch eines ist klar, die Felsbrocken sind rund 77.000 Jahre alt und damit deutlich älter als alle bekannten Kunstwerke der Steinzeit.
Wie ein Team um Christopher Stuart Henshilwood in einem vom US-Wissenschaftsmagazin "Science" online veröffentlichten Aufsatz berichtet, hat der Fund die Fachwelt überrascht: Womöglich hat sich modernes menschliches Verhalten weitaus früher entwickelt hat als bislang angenommen, zuerst in Afrika, von wo sich der modern handelnde Mensch langsam nach Europa ausgebreitet hat.
Die meisten Anthropologen gehen davon aus, daß der Homo sapiens vor rund 130.000 Jahren erstmals seinen Fuß auf die Erde gesetzt hat. Entsprechende Knochenfunde und DNS-Analysen deuten auf die ersten anatomisch modernen Menschen hin.
Doch die geistigen Fähigkeiten entwickelten sich offenbar nur langsam. So fehlen über viele Jahrtausende Spuren kognitiver Anlagen, die Menschen bei künstlerischen Tätigkeiten, bei abstrakten oder gegenständlichen Zeichnungen helfen könnten. Die weltberühmten Felszeichnungen in Frankreich erreichten ihre Blütezeit vor etwa 30.000 Jahren. Auch fortgeschrittene Jagd- und Fischtechniken entstanden dem aktuellem Stand der Forschung zufolge erst vor 40.000 Jahren.
Mit den neuen Entdeckungen rückt nun Südafrika ins Zentrum der archäologisch-kunstkritischen Diskussion. Bereits im Dezember hatten Henshilwood und Kollegen in der Fachzeitschrift "Journal of Human Evolution" von kunstvoll angespitzten Knochen aus der Blombos-Höhle berichtet. Die Funde sind ebenfalls älter als 70.000 Jahre.
Doch die beiden Ockerstücke, bereits 1999 und 2000 von Forschern aus Südafrika, Norwegen, Großbritannien und den USA ausgegraben, lassen die Knochen alt aussehen. Mit ihren komplexen, vermutlich symbolischen Formen gehen sie weit über das reine Anspitzen von Skelettteilen hinaus. Der größere der beiden Gesteinsbrocken ist 76 Millimeter lang und zeigt viele X-förmige Einkerbungen, die von drei horizontalen Linien durchzogen werden. Das kleinere Stück misst 53 Millimeter, allerdings sind nicht alle X-Strukturen durchgestrichen.
"Dabei handelt es sich eindeutig um ein absichtlich eingraviertes, abstraktes geometrisches Design", so Stanley Ambrose von der University of Illinois gegenüber "Science". "Das ist Kunst." Andere Experten für Steinzeitkunst sind sich nicht so sicher. Besonders der Versuch, symmetrische Objekte zu schaffen, lasse Zweifel an der Fähigkeit für abstrakte Zeichnungen aufkommen. Vielleicht, so die Spekulation mancher Wissenschaftler, habe ein gelangweilter Höhlenbewohner auch nur herumgekritzelt.
Selbst wenn es sich um Kunst handeln würde, die zeitliche Ordnung der Steinzeit muss der Überraschungsfund nicht durcheinander bringen. Zumindest nicht in den Augen eher konservativer Wissenschafter: "Ich habe leichte Probleme zu akzeptieren, daß wir jetzt genau den Beweis gefunden haben sollen, der alle anderen Erkenntnisse ersetzen wird", sagt Meg Conkey von der University of California in Berkeley.
Schließlich könnten die Funde auch das Werk eines einzelnen, außergewöhnlich begabten Künstlers sein, dessen Talent mit seinem Tod starb und erst viel später ein breiteres Publikum erreichte. Dafür spreche, daß es weltweit mindestens 30 mit Blombos vergleichbare Fundorte gibt, aber nirgends derartige Gravuren entdeckt wurden.
Alles eine Frage der Suche, kontert Henshilwood. Die meisten der 30 Fundstellen seien in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt, aber weder sauber datiert noch korrekt ausgegraben worden. Die Funde in der Blombos-Höhle stellten jedenfalls, so der südafrikanische Archäologe, "nur die Spitze des Eisberges" dar.
Von Alexander Stirn
Die Zeit
17.01.2002
Reichlich merkwürdig sei die jüngste Schöpfung der Natur ausgefallen, urteilten die versammelten Experten. In nur 3000 Generationen, gleichsam ein Lidschlag der Evolution, sei der Bestand der neuen Spezies von wenigen tausend Exemplaren zur globalen Plage angeschwollen, so schnell, daß sich kaum Genveränderungen ins Erbgut der seltsamen Rasse einschleichen konnten. "Eigentlich", spottete der Genetiker Craig Venter, "haben wir es mit sechs Milliarden eineiigen Zwillingen zu tun."
Die Verwunderung der Wissenschafter galt ihresgleichen. Wie konnte der Mensch so rasch zur herrschenden Spezies aufsteigen?, grübelten die Gelehrten jüngst auf einer Tagung in Stockholm. Warum glückte ihm der Sprung zum Kulturwesen? Erst vor 90.000 Jahren, das zeigen neue Genanalysen, trat ein Trupp afrikanischer Gründerväter seinen planetaren Siegeszug an. Nur um 10.000 Köpfe zählten die Ahnen der heutigen Weltbevölkerung. Doch steckten in den Steinzeitpilgern bereits der schöpferische Geist des Menschen, seine komplexe Sprachbegabung und sein Eroberungsdrang? Und wenn ja, wer waren die rätselhaften Pioniere?
Einige von ihnen saßen einst in den Klippen beim Strand, in einer Höhle, 35 Meter über dem Indischen Ozean. Am Herdfeuer knackten sie Muscheln und Schalentiere, daneben filetierten sie Frischfisch. Während seine Kumpane noch urzeitliches Seafood und Sashimi mampften, saß einer abseits. Sorgsam glättete er ein Stück Ocker, bis die Oberfläche plan war und zeichnete.
Fast 80.000 Jahre nach dem Paläoschmaus stieß Christopher Henshilwoods Grabungsteam in der heute Blombos Cave genannten Höhle in der südafrikanischen Kap-Provinz auf das Zeichenbrett und ahnte nicht, welchen Schatz man geborgen hatte. "Wir haben nichts bemerkt", gesteht Henshilwood, "wir haben das Stück ins Labor getragen und fotografiert, aber zuerst die Unterseite. Doch als wir es umdrehten, sahen wir die Gravur. Ein unglaublicher Moment." Sieben mit Ornamenten versehene, fingerlange Ockersteine barg die Crew des Museums von Kapstadt aus der vorzeitlichen Behausung. Schon zuvor waren sie in den Höhlensedimenten auf Essensreste gestoßen, berichten die Forscher. Muschelschalen, Fischgräten und Tierknochen.
Flugs revidierten die Wissenschaftler vom Kap auch die Bewertung ihres ersten Fundes in der Blombos-Höhle. Bereits 1992, bei Grabungsbeginn, hatten sie dort einen bearbeiteten Säugetierknochen entdeckt. Nun, nach erneuter Untersuchung, glauben die Forscher, auch in den Knochen seien mit Bedacht abstrakte Muster gefräst worden. Inzwischen haben sie weitere 28 Knochenwerkzeuge entdeckt, "einige davon besonders kunstvoll bearbeitet", schwärmt Henshilwood. Ebenso wie die Ockersteine seien auch die Knochen vor über 70.000 Jahren von Vorzeitkünstlern bearbeitet worden.
Trifft Henshilwoods Interpretation zu, wäre ein jahrzehntelanger Fachdisput entschieden. Ohne handfeste Belege, aber mit umso mehr Inbrunst stritten die Gelehrten, wie viel Geistesmacht dem Menschen in seiner Geburtsstunde zu Gebote stand. Zwar besteht weithin Konsens, daß die ersten Menschen mit heutiger Anatomie bereits vor über 120.000 Jahren durch Afrika pirschten. Doch hauste schon bei ihrer Entstehung, lange vor dem Aufbruch zu anderen Kontinenten, ein symbolisch arbeitender Verstand in ihren Hirnen?
Keineswegs, beharrt eine Forscherfraktion, angeführt von dem Paläoanthropologen Richard Klein. Der letzte Anstoß zur Kulturrevolution, behauptet der Stanford-Professor, sei erst einer späteren biologischen Umwälzung zu verdanken, womöglich einer Genveränderung, die erst kurz vor der Eroberung Europas, vor rund 50.000 Jahren, das Hirn umkrempelte und das Kulturwesen Mensch hervorzauberte. Aus dem anatomisch modernen Menschen sei mithin erst viele zehntausend Jahre später das intelligente Wesen vom Schlage Einsteins entstanden.
Der bisherige Ermittlungsstand schien Klein Recht zu geben. Erst die Cromagnonmenschen, die von Osten vor 40.000 Jahren bis nach Westeuropa vordrangen, die Neanderthaler friedlich verdrängten oder ausrotteten, hinterließen greifbare Zeugnisse schöpferischen Denkens. Doch die Perfektion der 32.000 Jahre alten Tiergemälde in der Höhle von Chauvet bleibt ebenso rätselhaft wie die Kunstfertigkeit, mit der schon vor 28.000 Jahren die Venus von Willendorf gedrechselt oder vor 34.000 Jahren die Venus von Dolni Vestonice aus Lehm und Knochenmehl geformt wurde. Warum beherrschte ein Geschöpf, das sich genetisch kaum vom Schimpansen unterscheidet, schlagartig Malerei, Kunsthandwerk und fortgeschrittene Waffentechnik? Scheinbar hatten die afrikanischen Auswanderer irgendwann im Verlaufe der Jahrtausende währenden Besiedlung Europas rasch jene geistigen Fähigkeiten entwickelt, die später zu Oper und Internet, Raumfahrt und Rap führen sollten. Urplötzlich habe eine Genmutation die Zivilisation wie ein Feuerwerk gezündet, raunen die Verfechter des Szenarios vom "Big Bang der Kultur". In der Tat gab es bislang keine Anzeichen dafür, daß dem Höhenflug des modernen Menschen ein allmählicher Aufschwung des symbolischen Denkens vorangegangen wäre.
Fast keine. Für Kathlyn Stewart und John Yellen sind die Funde in der Blombos-Höhle eine lang ersehnte Genugtuung. Die Forscherin vom Canadian Museum of Nature in Ottawa und ihr US-Kollege hatten bereits 1995 bei Katanda, im westlichen Rift Valley von Zaire, eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht. Dort waren sie in alten Sedimenten auf Hinterlassenschaften früher Menschen gestoßen. Prunkstück war ein Arsenal knöcherner Projektile, viele mit Widerhaken, sagenhafte 80.000 bis 90.000 Jahre alt. Offensichtlich hatten die Steinzeitmenschen die geschärften Knochenspitzen an Schäften befestigt und zum Speeren von Fischen benutzt. Vor allem die ausgefeilte Jagdtechnik mit Widerhaken verblüffte die Fachwelt, solche Tricks galten als Errungenschaft weit späterer Generationen. Schon zu Anbeginn, spätestens vor 90.000 Jahren, hätten sich die heutigen kognitiven Fähigkeiten der Menschen in Afrika entwickelt, lautete das Fazit der US-kanadischen Gräbertruppe, mithin sei Afrika auch die Wiege des kulturbegabten Menschen.
Doch die Fachwelt senkte den Daumen. "Es war ein einziger Fund", sagt Yellen, "und die Interpretation verstieß gegen ein Dogma." Nun, mit den Entdeckungen in der Blombos-Höhle, wankt die These vom späten Intelligenzschub in der Menschheitsgeschichte. Yellen sieht sich bestätigt, Henshilwood habe "dort einen wundervollen Job gemacht", schwört er. Auch die Interpretation der Relikte findet, kein Wunder, Yellens Zustimmung. Immerhin steht auf der Sponsorenliste der Südafrikaner auch die amerikanische National Science Foundation (NSF). Und der Direktor des NSF-Archäologie-Programms heißt Yellen. "Die Muster wurden mit einer bestimmten Absicht hergestellt", sagt er, "ein extrem wichtiger Fund."
Noch akzeptieren die Verfechter eines Spätaufschwungs des menschlichen Verstandes den Grabungserfolg nicht als Beweis für ein modernes Bewusstsein bei den afrikanischen Ahnen. "Wenn die Zivilisation so früh kam, warum sind solche Entdeckungen so selten?", stichelt Klein, der selbst in den Höhlen Südafrikas forscht. Auch der Anthropologe Steve Kuhn von der University of Arizona zweifelt an der Interpretation der Ritzzeichnungen: "Das könnte auch Gekritzel sein, ohne jede Bedeutung."
Doch für Henshilwoods Deutung spricht einiges. Offenbar ging der unbekannte Graveur planmäßig zu Werke. Erst nachdem er die Ockerstücke sorgfältig geglättet hatte, begann er das ornamentale Muster zu ritzen. Mikroskopische Untersuchungen ergaben, daß er dabei präzisen Arbeitsschritten folgte. "Es war keine Krakelei aus reiner Langeweile", versichert Henshilwood, "das Muster besaß eine Bedeutung für den Graveur und seine Leute." Zudem hatte die Sache System. Fünf weitere Ockerstücke, die noch in Henshilwoods Labor untersucht werden, zeigen ähnliche geometrische Muster. "In Südafrika waren schon vor 77.000 Jahren geistig moderne Menschen am Werk", folgert Henshilwood. "Die Wiege der Zivilisation stand hier, und die Afrikaner dürfen stolz sein."
Immerhin liefert sein Szenario auch eine plausible Erklärung für den Fortgang der Prähistorie. Denn inzwischen lässt sich anhand von Kleinstvarianten im Erbgut verschiedener Völker rekonstruieren, wann und auf welchen Routen der Mensch von Afrika aus den Globus besiedelte. Und die Seltenheit solcher Differenzen im Genpool gilt als Beleg für eine Besiedelung im Eiltempo. Tatsächlich scheinen die Nachkommen der Menschen von Blombos Cave kaum 20.000 Jahre später bereits Australien besiedelt zu haben. Und es ist schwer vorstellbar, daß den Steinzeitmenschen die Seepassage ohne moderne Geistesgaben geglückt ist.
Nun hoffen die Experten auf weitere Funde. Erst wenn mehr Relikte vom Kulturschaffen früher Menschen vorliegen, wird sich Henshilwoods These erhärten lassen. Zweifel indes dürften immer bleiben, gesteht Yellen. "Die Paläoanthropologie", seufzt er, "ist eine Welt, in der gar nichts sicher ist."
Von Ulrich Bahnsen
pte
15.02.2002
Geoffrey Clark, Paläoanthropologe der Arizona State University http://www.asu.edu, hat die These aufgestellt, daß die weitverbreitete Lehrmeinung über die neuen Errungenschaften des modernen Menschen noch einmal überdacht werden muss. Eventuell stammen Malereien schon von früheren Hominiden. Der Paläoanthropologe stellt in Frage, ob der moderne Mensch den Neandertaler tatsächlich verdrängt hat. Clark hat dazu den Bericht "When Anatomy and Archeology do not coincide at the transition" veröffentlicht. Dieser wurde im Rahmen des jährlichen Treffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) 2002 heute, Freitag, in Boston präsentiert. http://www.aaas.org
Bisher nahm man an, daß die Gruppe der Neandertaler vor 50.000 bis 40.000 Jahren von dem aus Afrika über den Mittelosten nach Europa kommenden modernen Menschen verdrängt wurde. Der Neandertaler starb bald danach aus. Der moderne Mensch unterschied sich stark von dem primitiven und an Kälte angepasstem Neandertaler. Für Paläoanthropologen und Archäologen bewiesen Fossilfunde und das plötzliche Auftauchen von Malerei die Veränderung. Clark sieht darin aber lediglich ein zusammengestoppeltes Mosaik aus geographischen Erkenntnissen und bisher bekannten Verhaltensmustern. Die seither dem modernen Menschen zugeordneten Eigenschaften wie steigende Kultivierung, Spezialisierung und das Auftreten von "Kunst" könnten auch weiter zurück datiert und ebenso gut mit Neandertalern assoziiert werden wie mit dem modernen Menschen. Einen möglichen anderen Grund für die neuen kulturellen und technischen Fertigkeiten sieht Clark in der Erreichung einer kritischen Populationsdichte, bewirkt durch das entstandene milde Klima vor 57.000 bis 24.000 Jahren. Während der Zeit des Neandertalers herrschte in Europa ein rauhes Klima und die Population war relativ klein. Die veränderten äußeren Bedingungen wirkten auch auf die Menschen zurück.
Clark behauptet, daß Symbolismus sogar bei den frühesten Hominiden zu finden ist, und nicht einer bestimmten Spezies zuzuordnen ist. "Das Fehlen eines beweiskräftigen Fundes sagt nicht, daß es ihn nicht gibt. Sie sind nur nicht so häufig um in der Archäologie aufzuscheinen", meint Clark.
Von Ulrike Unterberger
Süddeutsche Zeitung
26.03.2002
Wir sind alle Afrikaner. Noch vor wenigen Jahren wäre es gewagt gewesen, die Entstehung des anatomisch modernen Menschen öffentlich auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Bis heute steht in einigen Lehrbüchern, der moderne Mensch habe sich in Europa entwickelt. Neue Funde machen nun jedoch immer klarer, daß Afrika die Wiege für alle Entwicklungsstufen der Menschheitsgeschichte war. Fossilien aus Äthiopien etwa belegen die enge Verwandtschaft zwischen afrikanischen und asiatischen Vormenschen. Gleichzeitig zeigt eine neue genetische Analyse, daß unsere Vorfahren Europa und Asien in mehreren Wellen besiedelt haben.
Die Geschichte des Menschen beginnt vor fast sechs Millionen Jahren mit der Entstehung des ersten aufrecht gehenden, aber sonst eher affenähnlichen Vormenschen, des Orrorintugensis, des so genannten Millennium Menschen. Bis vor drei Millionen Jahren hatte sich der Australopithecus genannte Vormensch von Ostafrika nach Westafrika (A.bahrelgazali), Nordostafrika (A.garhi und A.afarensis) und Südafrika (A.africanus) ausgebreitet. Lange Zeit schien jedoch eine Lücke im Lebensraum der Hominiden zu klaffen: ein fast 3000 Kilometer langer Korridor zwischen Fundstellen im Süden und Osten des Kontinents. Erst 1996 fand das malawisch-deutsch-amerikanische Team unseres Hominid Corridor Research Project in Nord-Malawi ein 2,4 bis 2,5Millionen Jahre altes Oberkieferstück. Es ist eines der ältesten bekannten Fragmente der Art Paranthropusboisei.
Werkzeugmacher verlässt Afrika
Da unser Team 1991 ebenfalls in Malawi Reste des ältesten Urmenschen Homorudolfensis gefunden hatte, wissen wir, daß bereits vor 2,5 Millionen Jahren die Hominiden und die frühen Angehörigen der Gattung Homo das Gebiet gemeinsam bevölkerten. Diese Erkenntnis liefert entscheidende Hinweise auf die Ursachen der Entstehung der Gattung Mensch. Allerdings beruhen sie auf einer Vermutung über die ökologische Entwicklung des Lebensraumes.
Vor etwa 2,8 Millionen Jahren begann sich das Klima demnach weltweit abzukühlen, in Afrika setzte eine Trockenperiode ein, die etwa 300.000 Jahre später ihren Höhepunkt erreichte. Die Veränderung der Umwelt hatte zur Folge, daß sich Savannen ausdehnten, in denen viele Pflanzen mit einem höheren Anteil an hartfaserigen und hartschaligen Pflanzen wuchsen. Das brachte zunächst bessere Chancen für Tiere und Hominiden mit größeren Zähnen. Daher führt nun ein Entwicklungsast zu den Nussknackermenschen der Gattung Paranthropus, die aber vor etwa einer Million Jahren ausstarb.
Die ersten Angehörigen der Gattung Homo im anderen Ast des Stammbaums waren flexibler: Ihre Anpassung an die klimatischen Veränderungen ging einher mit der Entwicklung eines leistungsfähigeren Gehirns. Außerdem stellten sie sich auf eine zahnschonendere Nahrung um und entwickelten sich zu Allesfressern. Zudem hatten unsere Vorfahren eine Alternative zum kraftvollen Kauapparat gefunden, die ersten Werkzeuge. Unter dem Druck der Umweltveränderungen war es daher vor allem die Fähigkeit zu kulturellem Verhalten, welche die Gattung Mensch entstehen ließ.
Vor fast zwei Millionen Jahren verließ der kurz zuvor entstandene Frühmensch Homoerectus (manche nennen diese Form auch den Werkzeugmacher Homoergaster) zum ersten Mal Afrika. Sowohl die Kontrolle über das Feuer, das die Vormenschen vor mehr als 1,5 Millionen Jahren schon beherrschen, als auch Jagdtechniken waren wichtige Voraussetzungen, neue Lebensräume zu suchen.
Geographische Varianten von Homoerectus wurden in vielen Teilen der Alten Welt gefunden. Strittig war bislang, ob es sich hierbei um verschiedene Arten handelte. Doch neue äthiopische Funde des Teams um Berhane Asfaw und Tim White von der University of California in Berkeley machen es nun zumindest wahrscheinlich, daß es eine enge biologische Verwandtschaft der Frühmenschen in Asien und Afrika gab (Nature, Bd. 416, S.317, 2002). Ein ungefähr eine Million Jahre alter Schädel, der 1997 nordöstlich von Addis Abeba gefunden wurde, zeigt anatomische Merkmale sowohl der asiatischen als auch der afrikanischen Frühmenschen. Daraus schließen Asfaw und sein Team, daß die geographischen Varianten zur selben Art Homoerectus gehörten.
Eigentlich ist diese Ansicht nicht neu, denn sie bestand bis 1994. Doch dann bezeichnete Bernard Wood von der George Washington University die afrikanischen Homoerectus-Angehörigen als eigene Art Homoergaster. Hierzu wurden später auch Funde aus Georgien gerechnet. Die Abkehr von dieser These gewinnt besondere Bedeutung, weil dadurch in die Frage, wie der moderne Mensch entstand, Bewegung kommt.
Nach molekulargenetischen Untersuchungen an lebenden Menschen sagt Alan Templeton von der Washington University in St. Louis, daß es in den letzten 800.000 Jahren mehrere Entwicklungsschübe aus Afrika heraus gegeben haben muss (Nature, Bd.416, S.45, 2002). Lokale Vermischungen des modernen Menschen mit den Nachfahren des früher ausgewanderten Homoerectus, darunter in Europa der Neandertaler, waren offensichtlich eher die Regel als die Ausnahme. Diese Ergebnisse beruhen auf einer weltweit vorgenommenen Genanalyse. Erstmals wurden hierbei nicht nur einzelne DNS-Sequenzen untersucht, was in der Vergangenheit widersprüchliche Ergebnisse erbracht hatte. Statt dessen hat Templeton die Daten von zehn verschiedenen Genorten bei Homosapiens auf verschiedenen Chromosomen und in den Mitochondrien analysiert.
Hierdurch nimmt die Diskussion um den Ursprung eine neue und für manchen unerwartete Wendung. Jahre lang hatten die Befürworter einer multiregionalen Entstehung unerbittlich mit den Verfechtern der Out of Africa-These gestritten. In der Tat hatte die im Wesentlichen auf Fossilfunde gestützte Paläoanthropologie auch widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Eine "multiregionale Out of Africa-Hypothese" könnte nun beide Ansichten elegant versöhnen. Die Vorfahren des Menschen haben den einen Kontinent ihres Ursprungs in mehreren Wellen verlassen und sich dann in ihrer neuen Heimat weiterentwickelt.
Denn egal ob unsere Gene nun auf dem Umweg über den Neandertaler oder direkt über den Homo Sapiens in unsere Zellen gelangt sind, entstanden sind sie zwischen Sahara und dem Kap der Guten Hoffnung. Genetisch sind wir dennoch alle Afrikaner.
Dr. Friedemann Schrenk ist Professor für Paläobiologie an der Universität Frankfurt und Leiter der Forschungsabteilung Paläoanthropologie am dortigen Senckenberg-Museum. Zusammen mit Timothy Bromage hat er vor kurzem das Buch "Adams Eltern" veröffentlicht (C.H.Beck, 19,90 Euro).
Von Friedemann Schrenk
Die Zeit
04.04.2002
Die Pioniertruppe aus dem Schwarzen Kontinent war klein, doch hoch gerüstet an Waffen und Verstand. Entschlossen marschierten die Eroberer nordwärts, überrannten den Nahen Osten, dann stießen sie nach Asien vor. Nach waghalsiger Seereise stürmten Vorauskommandos wenig später den fünften Kontinent. Andere wandten sich nach Westen und besetzten Europa. Den Eingeborenen dieser Kontinente, die seit Hunderttausenden von Jahren dort ihr Auskommen fanden, bekam die Kolonialisierung schlecht. Mit dem Siegeszug der Afrikaner verschwanden Peking- und Javamenschen aus Asien, verlieren sich die Spuren der Neandertaler in Europa. Die Sitten waren rau in der Steinzeit.
So ungefähr, lautet das bisherige Fazit der Anthropologen, muss es zugegangen sein, als der moderne Mensch aus Afrika vor knapp 100.000 Jahren in einem grandiosen Siegeszug innerhalb weniger Jahrzehntausende die Erde eroberte und dabei sämtliche älteren Frühmenschen verdrängte. Die Eroberer out of Africa, sind die meisten Fachgelehrten überzeugt, hätten ihre vormenschlichen Vorgänger so gründlich ausgelöscht, daß von ihnen keinerlei genetische Spuren in der heutigen Weltbevölkerung mehr zu finden seien.
Nur eine kleine Schar von Forschern, angeführt von dem US-Anthropologen Milford Wolpoff, opponiert bis heute verbissen gegen die schon fast zur Lehrmeinung gereifte Eroberungsthese, nach der die moderne Menschheit aus Afrika kam. Der Urmenschenforscher von der University of Michigan ist einer der Letzten, der glaubt, heutige Europäer trügen auch Erbmaterial des Neandertalers in sich, ebenso wie Asiaten und Australier Nachfahren von Peking- und Javamensch seien. Auf allen Kontinenten, so lautet Wolpoffs Version, die multiregionale Theorie der Menschheitsevolution, haben sich aus Frühformen moderne Menschen entwickelt. Ständiger genetischer Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen habe dafür gesorgt, daß die Menschheit trotz der geografischen Entfernungen eine einheitliche Spezies geblieben sei, eine ziemlich verwegene Annahme, die von den Fachkollegen zuletzt nur noch mild belächelt wurde.
Uralte Chronik aus den Genen
Jetzt erhält Wolpoff zum ersten Mal überraschend Schützenhilfe aus der Genforschung. Der Paläoanthropologe Alan Templeton von der Washington University in St. Louis hat in Nature einen Beitrag veröffentlicht, in dem er eine Vielzahl genetischer Daten von rund 6000 heutigen Menschen aus Afrika, Europa und Asien vergleicht und dabei zu erstaunlichen Schlüssen kommt. Mithilfe eines Computerprogramms glaubt Templeton in dem genetischen Buchstabensalat lesen zu können wie in einer Chronik der Menschheitsvergangenheit.
Und diese Geschichte verläuft dann doch etwas anders, als die Verfechter der Out-of-Africa-Theorie behaupten. In einer Zeit vor 420.000 bis 800.000 Jahren zogen archaische Menschenformen von Afrika aus in die Welt hinaus und trafen in der Fremde auf noch ältere Typen. Möglicherweise gab es schon bei dieser ersten Welle eine Vermischung, doch dürfte ein "Genfluss" damals wohl sehr gering gewesen sein und lässt sich nicht sicher nachweisen. Dann, vor 80.000 bis 150.000 Jahren, in Afrika hat sich inzwischen der typische runde, hoch aufgewölbte Schädel des modernen Menschen entwickelt, schwappte die nächste Auswandererwelle aus dem Schwarzen Kontinent über die Welt. Die modernen Menschen kamen.
Und dieses Mal, da ist Templeton sicher, kam es zu massiven Vermischungen zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen, die ihre Spuren in den Genen der Menschheit hinterließen. Die Modernen hatten die europäischen Neandertaler und die archaischen Asiaten nicht verdrängt und ausgelöscht (replacement), sondern sich mit ihnen fortgepflanzt. "Die Menschheit breitete sich wieder und wieder aus Afrika kommend aus", schließt Templeton. "Doch dies schlug sich in einer Kreuzung nieder, nicht in einem replacement, und stärkte so die genetischen Bande zwischen den menschlichen Populationen weltweit."
Dieser Befund ist Wasser auf Wolpoffs Mühlen. "Templeton hat genetisch bestätigt, was wir anatomisch zu zeigen versucht haben", frohlockt der hartnäckige Forscher. Unermüdlich hatte er Beweise für seine Sicht der Dinge gesammelt und sich dabei auf anatomische Vergleiche von fossilen Schädeln gestützt, um eine kontinuierliche regionale Weiterentwicklung zu belegen. Deren Interpretation aber war in der Fachwelt durchaus strittig. Doch nun, sagt Wolpoff, offenbarten Templetons Ergebnisse, "daß Genetiker und Paläoanthropologen den Prozess der menschlichen Evolution auf dieselbe Weise sehen."
Ganz so weit ist es dann doch noch nicht mit der plötzlichen Einigkeit. Trotzdem könnte Templetons Resultat vielleicht den schwärenden Streit zwischen Replacement-Theoretikern und Multiregionalisten beenden helfen, einen Disput, den der US-Genetiker Allan Wilson von der University of California in Berkeley Ende der achtziger Jahre losgetreten hatte. Wilson war als Erster mit einem völlig neuen Instrumentarium angetreten, um die Urgeschichte der Menschheit zu enträtseln und seine Ergebnisse hatten die Welt verblüfft. Aus einem Vergleich der Erbsubstanz von Mitochondrien, die mit eigenem Erbmaterial versehenen so genannten "Kraftwerke" der Zelle, die nur von der Mutter vererbt werden, hatte er geschlossen, dass die jetzt lebende Menschheit auf eine gemeinsame Linie zurückgeht, die aus Afrika stammt und nicht älter als 200.000 Jahre sein sollte. Weitere Untersuchungen an Mitochondrien-DNA schienen diese Sicht zu bestätigen. Auch anatomische Befunde sprachen dafür, daß der moderne Mensch in Afrika entstand und von dort aus die Welt eroberte. Während sich in Europa vor 200.000 Jahren gerade der Neandertaler herausformte und sich in Asien noch lange Vertreter des Homo erectus tummeln, sind zu dieser Zeit in Afrika bereits anatomisch moderne Menschen zu Hause, eine Erkenntnis, an der Paläoanthropologe Günter Bräuer von der Universität Hamburg mit seinen Studien an afrikanischen Schädelfossilien maßgeblich mitgewirkt hat. Je früher die "Modernen" in Afrika auftauchen, argumentiert er, desto wahrscheinlicher werde es, daß sie sich nur auf diesem Kontinent und nicht auch parallel irgendwo anders entwickelt haben. "In der Debatte, die um diese Frage tobt, bin ich heute mehr denn je ein entschiedener Out-of-Africa-Verfechter", verkündete Bräuer noch 1998 in einem Magazinbeitrag.
Aber manche andere Befunde der letzten Jahre könnten durchaus auch Wolpoffs Sicht stärken. So haben Molekulararchäologen inzwischen zahlreiche Gene ähnlich wie damals Wilson verglichen, kamen jedoch zu unterschiedlichen Angaben über das Alter der afrikanischen Eva. "Das frühere einheitliche Bild einer mitochondrialen Eva wird durch die sich ansammelnden neuen Daten sicher aufgelöst werden", stellt der Bioinformatiker Arndt von Haeseler von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und dem Forschungszentrum Jülich fest. "Jedes Gen, jedes Stück DNA wird seine eigene Eva oder seinen eigenen Adam haben."
Die Forscher müssen also die Evolution einzelner Gene gesondert betrachten und sich von einem vereinfachten Bild verabschieden. Aber auch anatomische Befunde verwirren das simple Bild von unserer alleinigen Urmutter, die vor 100.000 Jahren aus Afrika kam. Chinesische Paläoanthropologen präsentieren schon seit Jahren immer wieder anatomische Details an Fossilien, die ihre spezielle Interpretation der eigenen Herkunft untermauern sollen. In Asien habe es nämlich eine separate Entwicklung gegeben, die kontinuierlich vom Pekingmenschen vor 400.000 Jahren über den archaischen Asiaten bis zum heutigen Chinesen geführt haben soll. Immer wieder betonen sie die lange Eigenständigkeit der asiatischen Menschheit, und sie sträuben sich vehement gegen die Vorstellung, ihre Vorfahren sollen vor weniger als 100.000 Jahren aus Schwarzafrika eingewandert sein.
Grübelnd sitzen die Fachgelehrten zudem über neuen Funden aus Europa. Groß war die Aufregung, als im November 1998 im Lapedo-Tal in Zentralportugal ein 25.000 Jahre altes Kinderskelett geborgen wurde, das den Forschern Kopfzerbrechen bereitete. Es handelte sich um die Gebeine eines etwa vierjährigen Kindes, das mit all den von modernen Menschen bekannten Zeremonien bestattet worden war. Große Teile des Skeletts wirkten tatsächlich völlig normal, aber manche anatomische Details ließen die Anthropologen stutzen, zum Beispiel die kurzen Oberschenkel und das fliehende Kinn, typische Neandertaler-Merkmale. Doch die waren vor mindestens 29.000 Jahren aus Europa verschwunden. Sollte das Kind ein Bastard, ein Mischling zwischen modernen Menschen und Neandertalern, sein? "Es ist ein komplexes Mosaik aus beiden Menschengattungen", erklärt der US-Anthropologe Eric Trinkaus, der das Skelett akribisch vermessen hat. "Wir sind sicher, daß es ein Mischling ist." Trinkaus' Interpretation wird zwar von Kollegen in Zweifel gezogen, doch sollte er Recht behalten, wäre der Fund der erste anatomische Beweis für eine Kreuzung und damit für ein Weiterleben von Neandertaler-Genen in uns.
Verdrängung und etwas Multikulti
In Wolpoffs Bild der Menschenevolution passt die Entdeckung aus Portugal natürlich bestens. Emsig hatte er inzwischen weitere Indizien für sein multiregionales Modell gesammelt. Im Januar 2001 publizierte er in Science einen Beitrag, in dem er anatomische Details verschiedener fossiler Schädel verglich und regionale Ähnlichkeiten zwischen älteren und jüngeren Formen aus derselben Region fand, was für eine örtliche Weiterentwicklung sprechen würde. Unter anderem glaubte er, an Schädeln aus Tschechien sowohl Merkmale von Neandertalern als auch solche von modernen Menschen entdecken zu können. Günter Bräuer indes hatte sich dieselben Schädel aus dem tschechischen Mladec vorgenommen und vermochte daran "absolut nichts Neandertalerhaftes" zu erkennen. Doch betont der Hamburger Paläoanthropologe heute: "Ich habe immer schon gesagt: Es gab eine Vermischung, wenn auch wohl eher in geringem Maß." Daß es vor 400.000 bis 700.000 Jahren eine erste Auswanderungswelle gab, deren Nachfahren Spuren in der Menschheit hinterlassen haben könnten, wolle er gar nicht ausschließen. Bräuer betont allerdings, daß sich in der Erbsubstanz heute lebender Menschen bislang nichts "so richtig Altes" habe nachweisen lassen, und verweist auf seine mit molekulargenetischen Methoden arbeitenden Kollegen, zum Beispiel Mark Stoneking vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Auch Stoneking sieht bislang keine überzeugenden genetischen Daten, die gegen die Entstehung des modernen Menschen in Afrika und eine vollständige Verdrängung aller älteren Menschenformen sprechen. Allerdings räumt er ein: "Das reine Out-of-Africa-Modell ist eine extreme Hypothese, und extreme Hypothesen sind normalerweise nicht korrekt." Eine Vermischung will auch Stoneking daher nicht grundsätzlich ausschließen.
Ähnlich sieht es sein Institutskollege Svante Pääbo, der vor wenigen Jahren mit der ersten Analyse von Neandertaler-DNA großes Aufsehen erregte. "Ich habe nichts dagegen, daß es Mischungen gegeben hat. Aber ich habe Probleme damit, Templetons Methode und sein Computerprogramm zu verstehen." Nach Pääbos Ansicht müsste man bei heutigen Menschen ein Gen finden, das nur auf eine bestimmte Region beschränkt vorkommt, zum Beipiel das Gen für Rothaarigkeit in Europa, und anhand von Mutationen an diesem Gen nachweisen, dass es älter ist als die moderne Menschheit. Das wäre für ihn der Beweis einer Vermischung. Die einzigen Analysen an wirklich alter Erbsubstanz, nämlich an Neandertaler-Knochen, deuten aber darauf hin, dass die Gemeinsamkeiten zwischen uns und dieser Menschenform schon vor 500.000 Jahren endeten.
Dem widersprechen die Ergebnisse Templetons. Woran liegt das? Eine Möglichkeit besteht darin, daß die genetische Erkundung des Neandertalers auf Mitochondrien-DNA eingeschränkt ist. Templeton aber hat in seiner Analyse die genetischen Daten von zehn verschiedenen Regionen kombiniert, solche aus der Mitochondrien-Erbsubstanz und aus verschiedenen Chromosomen. Es sind Daten, die er von anderen Forschern übernommen und in einem selbst entwickelten Computerprogramm ausgewertet hat. Ganz generell bestimmen die Molekulararchäologen das Alter eines Gens, indem sie dessen Variabilität nehmen und unter der Annahme, daß pro Zeiteinheit etwa gleich häufig Mutationen auftreten zurückrechnen, wann es zum ersten Mal auftauchte. Da in diesem Verfahren eine relativ große Unsicherheit liegt, hat Templeton mit seinem Programm Gruppen von Genen zusammengefasst, die zum selben Zeitpunkt in denselben Regionen auftauchen. Im Prinzip erhält der US-Forscher also Stammbäume der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Genen.
Kaum ein Kollege allerdings kann die Mathematik hinter Templetons Programm nachvollziehen, und Leute wie Pääbo und Stoneking glauben, daß es noch nicht genug an Simulationen erprobt ist. Infrage stehe auch, ob alle der untersuchten Gene für solche Rückschlüsse geeignet sind, meint von Haeseler. Denn Voraussetzung für die Zuverlässigkeit der Methode ist, daß sich genetische Veränderungen gleichmäßig durch zufällige Mutationen ansammeln und nicht durch eine Selektion beeinflusst werden. Alles in allem hat der Bioinformatiker den Verdacht, dass Templetons Interpretation die "heutige Datenlage überstrapaziert".
Dennoch misst von Haeseler der Arbeit des US-Forschers ein großes Verdienst bei: "Templeton ist der Erste, der versucht, die vielen verschiedenen Daten systematisch zusammenzufügen zu einem großen Bild." Der Bioinformatiker sieht auch, daß sich die verschiedenen Lager genähert haben und die ursprünglich entgegengesetzten Hypothesen sich umso stärker angleichen werden, je mehr die Forscher über die genetische Variabilität des Menschen herausfinden.
Der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk vom Institut für Zoologie der Universität Frankfurt hat diese Annäherung ebenfalls registriert und hält Templetons Arbeit für einen wichtigen Beitrag zur Diskussion: "Das Ganze ist sehr interessant, weil jetzt plötzlich aus Out-of-Africa und aus multiregional eine multiregionale Out-of-Africa-Hypothese wird."
Nur Wolpoff bleibt kämpferisch. "Einer muss falsch liegen!", poltert er. "Wenn Mischung eine Rolle spielt, dann kann es kein replacement gegeben haben." Höchstens könne es manchmal ein großes Maß an Vermischung gegeben haben, an anderen Orten zu anderen Zeiten weniger. Also doch ein bisschen replacement? Dabei liegt Wolpoff gar nicht so weit von seinem deutschen Kollegen Günter Bräuer entfernt. Er sagt: "Günter und ich kennen uns schon lange. Einmal hat er zu mir gesagt: ,Vielleicht gibt es eine Vermischung, aber wenn, dann ist das wie ein Tröpfchen Milch in einer Tasse Kaffee'". Worüber also noch streiten? "Ich glaube, es war mehr als nur ein Tröpfchen."
Von Henning Engeln
Salzburger Nachrichten
04.04.2002
Viele Menschen geben sich mit der Auffassung zufrieden, daß sie vom Affen abstammen. Sie ist weithin an die Stelle des von der Bibel vermittelten Glaubens an ein von Gott geschaffenes erstes Menschenpaar getreten, Adam und Eva. Die Wirklichkeit der Menschwerdung, vom Vormenschen über den Urmenschen und den frühen Menschen zum modernen Menschen, ist indessen ein besonders komplexes wissenschaftliches Thema. Jedenfalls stammen wir nicht vom Affen ab, sondern haben nur dieselben Vorfahren.
Die Forschung ist im vergangenen Jahrzehnt ein großes Stück vorangekommen. Fragen nach dem letzten gemeinsamen Vorfahren der heute lebenden Menschenaffen und des Menschen, nach Entstehung des aufrechten Ganges, nach dem Beginn der Kultur und der ersten Auswanderung aus Afrika seien einer möglichen Beantwortung näher gebracht worden, konstatieren der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk (Frankfurt am Main) und sein amerikanischer Kollege Timothy G. Bromage in ihrem neuen Buch "Adams Eltern". Die eigenen Funde Schrenks und seines Teams im südostafrikanischen Malawi bekräftigen insbesondere die Annahme, daß die Entstehung des Urmenschen entscheidend mit Klimaveränderungen zu tun habe.
Überhaupt haben solche Veränderungen eine wichtige Rolle gespielt, wie die beiden Forscher aufzeigen. Unter anderem deswegen haben sich die Entwicklungslinien der gemeinsamen Vorfahren der Menschenaffen und des Menschen vor sieben bis sechs Millionen Jahren getrennt. Zwei eigenständige Stränge entstanden, deren Vertreter in zwei recht unterschiedlichen Naturräumen lebten. Was Schimpansen nur ab und zu tun, wurde hier für unsere ältesten Vorfahren zum normalen Verhalten, das zweibeinige Gehen.
Besonders deutlich haben Funde die Entwicklung des Urmenschen in der Phase seiner Entstehung gemacht. Vor etwa 2,8 Millionen Jahren begann in Afrika eine Zeit der Abkühlung und damit verbundener zunehmender Trockenheit. Sie erreichte vor etwa 2,5 Millionen Jahren ihren Höhepunkt. Die entstandenen Umweltveränderungen übten offensichtlich einen starken Selektionsdruck aus. Sowohl der sehr robuste Vormenschentyp mit mächtigen Knochenkämmen auf dem Schädel als Ansatzstellen für eine massive Kaumuskulatur wie auch der Urmensch, Homo rudolfensis, mit seinen starken Kiefern und großen Zähnen werden als eine Reaktion auf die gewandelten Lebensverhältnisse gedeutet. Mit ihrer physischen Ausstattung konnten sie sich das Angebot an härterer Nahrung in den sich ausbreitenden Savannen erschließen. Die mächtigen Backenzähne dienten zum Zermalmen harter Pflanzenfasern und Schalen.
Homo rudolfensis erhielt seinen Namen von etwa zwei Millionen Jahre alten Funden am einstigen Rudolf See in Kenia (heute Turkana See). Die Anpassung an die klimatischen Veränderungen ging bei ihm auch mit der Entwicklung eines größeren und leistungsfähigeren Gehirns einher. Neue Funde von Steinwerkzeugen zeigen, daß es zeitgleich mit der Entstehung der Gattung Homo schon erste Werkzeugkulturen gab. Ein Teil der Nahrungsverarbeitung konnte nach außerhalb des Körpers verlegt werden. Erste Werkzeuge zum Aufbrechen harter Nahrung brachten immense Vorteile. Zufällig entstandene scharfkantige Abschläge dienten zum Schneiden. Ein Kadaver konnte leichter zerlegt und Fleisch einfacher gegessen werden. Schon der Urmensch war ein Alles(fr)esser, wobei seine Nachfahren bis heute geblieben sind.
Den bislang ältesten Homo rudolfensis haben Schrenk und Bromage in Gestalt eines 1991 in Malawi gefundenen Unterkiefers identifiziert. Sie gaben ihm den Namen UR 501. Er ist 2,5 Millionen Jahre alt. Kurios erscheint nachträglich seine Beziehung zu dem 1972 am Turkana See gefundenen berühmten Schädel KNM-ER 1470. Sein Finder, der Kenianer Richard Leakey, schätzte sein Alter auf 2,5 Millionen Jahre und setzte mit ihm die Entstehung der Gattung Homo fest. Obwohl er mit seiner Altersschätzung um eine halbe Million Jahre danebenlag, sollte er mit der Behauptung, der erste Mensch im eigentlichen Sinne des Wortes sei vor 2,5 Millionen Jahren entstanden, Recht behalten. Nach 20 Jahren bestätige UR 501 die These von Richard Leakey.
In den vergangenen Jahren konnte auch eine schon sehr frühe, vermutlich durch neue Klimaveränderungen bewirkte Auswanderung aus Afrika nachgewiesen werden. Die ältesten Zeugnisse auf Java (Indonesien) und in China gehen inzwischen bis etwa 1,8 Millionen Jahre zurück.
Vor spätestens 800.000 Jahren waren Frühmenschen dann außer in Afrika und Asien auch in Südeuropa verbreitet.
In Mitteleuropa ist die Existenz des Frühmenschen (Homo heidelbergensis) vor etwa 600.000 Jahren zum Beispiel durch den berühmten Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg belegt. In den folgenden Jahrhunderttausenden entwickelte sich in Afrika der biologisch moderne Mensch. Auswanderungen gab es vor etwa 120.000 Jahren. "Adams Eltern und damit auch unser aller Vorfahren, waren also in jedem Fall Afrikaner, so viel zum Thema Rassismus und Ausländerfeindlichkeit", heißt es in Friedemann Schrenks und Timothy G. Bromages Buch "Adams Eltern" (Verlag C. H. Beck; ISBN 3406486150).
Von RUDOLF GRIMM
Süddeutsche Zeitung
09.04.2002
Konzentriert tastet Dorian Staps mit seinen Augen den Boden ab. Immer wieder bückt sich der Wissenschafter und befühlt das Gestein. Dann kratzt er mit einem Spatel dessen Oberfläche ab. "In diesem versteinerten Erdreich schlummern unsere Schätze", sagt er. Wie zum Beweis deutet er auf eine helle, dreieckige Stelle über ihm in der rostroten Wand. "Das ist das Schulterblatt einer Antilope", erklärt Staps. "Hier ist der Wirbel eines Schweins. Und dort, das könnte die Speiche eines Säbelzahntigers sein." Eine kurze Exkursion in Sachen Paläoanthropologie, Staps ist zufrieden, auch wenn er an diesem Tag in der Höhle von Swartkrans nicht finden wird, wonach er eigentlich sucht, einen versteinerten menschlichen Knochen, einen Schädel womöglich. Oder gar den Teil eines Millionen Jahre alten Skeletts.
Das hätte den Forscher der Palaeoanthopological Unit for Research und Exploration (PURE) der Johannesburger Witwatersrand Universität nicht allzu sehr überrascht. Denn im rosafarbenen Dolomitgestein des Witwatersrand-Gebirges nordöstlich der südafrikanischen Millionenstadt befinden sich die reichsten Vorkommen menschlicher Fossilien der Erde. Die Höhlen von Sterkfontein, Swartkrans und Drimolen, nur drei Grabungsstellen von mehr als zehn in dieser Gegend, lieferten bislang mehr fossile Überreste unserer Vorfahren zu Tage, als alle anderen Fundorte weltweit. Die Forscher von PURE nennen die fruchtbare Hügellandschaft deshalb das "Mekka der Paläoanthropologie".
Die Wissenschaft von den ersten Menschen hat in Johannesburg eine Tradition, die bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts reicht. 1947 machte Robert Broom vom Transvaal Museum einen Fund, der in die Geschichte einging. Der Anthropologe entdeckte in den stillgelegten Kalkminen von Sterkfontein einen weiblichen Schädel. Der Schädel eines Australopithecus africanus ("Südlicher Affe") besaß eine kurze Schnauze, rundliche Augenhöhlen und parabolische Zahnreihen. Der Eintritt des Rückenmarks befand sich an der Basis des Schädels und nicht unter dem Hinterkopf: Dies ist ein deutliches Indiz für aufrechten Gang. Es musste sich also um einen Urmenschen handeln. "Mrs.Ples", wie das Fossil heute genannt wird, hatte vor etwa 2,5 Millionen Jahren gelebt.
Das Alter der Dame stellten die Forscher aber erst viel später fest. So zahlreich die Funde sind, die Altersbestimmung macht am Witwatersrand große Probleme. Die Fundorte liegen in urzeitlichen Höhlen, die vielfach eingestürzt oder durch langjährige Erosion völlig freigelegt sind. "Deshalb können wir nicht mit den üblichen radiometrischen Methoden bestimmen, wie alt die Gesteinsschichten sind", sagt Staps. "Manchmal liegen ältere Schichten über jüngeren, die Knochen wurden verschüttet oder sind in den abschüssigen Höhlen während der Jahre in frühere Schichten gedriftet." Daher vergleichen die Forscher ihre Funde mit Fossilien aus dem ostafrikanischen Rift-Valley. Das Alter von Funden aus Äthiopien, Kenia oder Tansania lasse sich exakt datieren, erklärt Staps. "Dort werden wir fast ausschließlich in Schichten fündig, die Vulkan-Asche enthalten. Diese Asche enthält Kalium, das über die Zeit in Argon zerfällt. Wenn man das Mengenverhältnis dieser Stoffe bestimmt, erhält man Rückschlüsse auf das Alter der Schicht."
Aber warum bergen in Südafrika ausgerechnet Höhlen so viele Hominiden-Fossilien? "Zuerst ging man davon aus, daß unsere Vorfahren darin gelebt haben", sagt der Paläoanthropologe Staps. "Aber das wäre gefährlich gewesen, die Höhle hätte bei einer Bedrohung wie eine Falle gewirkt." Und: "Warum sollten die Urmenschen so zahlreich darin gestorben sein?"
Dann fand der Südafrikaner Bob Brain in Swartkrans ein Fossil, das nicht nur die Höhlen-Theorie widerlegte, sondern auch die Ansicht, unsere Ahnen seien die schrecklichsten Jäger der Savanne gewesen. Im Gegenteil. Sie selbst waren die Gejagten. Der angeblich so gefürchtete Urmensch war vor 1,5 Millionen Jahren selbst einem Jäger zum Opfer gefallen. Brain erkannte zwei Löcher in dem Fossil, in die die Reißzähne eines Leoparden passten. "Der Räuber muss sein Opfer am Kopf in die Höhle geschleppt haben", sagt Staps. Das erklärt auch, warum sich in den Höhlen so viele Fossilien verbergen, von Pavianen, Antilopen oder anderen urzeitlichen Paarhufern. Sie waren von Räubern gerissen worden.
Raubtiere gibt es in den Savannen um Johannesburg heute nur noch in Reservaten. Die Rolle der Jäger haben die Paläoanthropologen von PURE übernommen. Ihre Ausbeute ist gewaltig. Die Erde an den Ausgrabungsstätten ist durchsetzt mit Fossilien wie ein Schweizer Käse mit Löchern. Mehrere Holzkisten mit braun gefärbten Knochen schaffen die Teams jeden Tag von der Savanne in die Stadt. Die wertvollen Funde liegen inzwischen tonnenweise im Institut auf dem Universitäts-Campus. Schreibtische und Mikroskopierplätze sind voll gestellt mit Fossilien, die es genau zu vermessen und zu vergleichen gilt. Inzwischen ist es so viel Material, daß die Ausgrabungen teilweise angehalten werden mussten. In Swartkrans, wo mittlerweile wieder ein tiefes Loch im Boden klafft, wurden seit den 50er Jahren mehr als 300.000 Fossilien und 68 Knochenwerkzeuge geborgen. In Drimolen, wo erst seit 1992 gegraben wird, fanden die Forscher über 80 hominide Fossilien. "Wir können dort noch hundert Jahre graben", glaubt Staps.
Die Research Unit der Witwatersrand-Universität setzt sich aus rund fünfzehn Wissenschaftern zusammen, aus Archäologen, die den Gebrauch von Knochenwerkzeugen untersuchen, und Zooarchäologen und Taphonomen, zuständig für tierische Fossilien und Prozesse, die während der Jahre auf sie eingewirkt haben. Aus Anatomen, Biologen, Anthropologen, die Skelett und Zähne der Urmenschen untersuchen, und Medizinern, die sich auf deren Sexualdimorphismus und Paläopediatrie spezialisiert haben.
Ständig pendeln sie mit ihren Jeeps zwischen den Ausgrabungen und der Universität, machen Abgüsse oder untersuchen Knochen mit dem Computertomografen. Sie treffen sich regelmäßig in großer Runde, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand ihrer Foschung zu bringen. In dem Team, das sich aus Amerikanern, Kanadiern, Südafrikanern, Spaniern und Kroaten zusammensetzt, ist Staps der einzige Deutsche. Der Münchner Humanbiologe ist Spezialist für die funktionelle Anatomie bei den ersten Menschen. Derzeit vergleicht er Wirbelknochen von Australopithecus africanus und Australopithecus afarensis, Urmenschen, die vor vier bis zwei Millionen Jahren auf der Erde gelebt hatten. Er entdeckte jüngst, daß diesen Arten, zu denen auch das berühmte Skelett von Lucy zählt, Haltungsprobleme schwer zu schaffen machten. "Sie litten an Spondylosis deformans in den Lendenwirbeln und im Kreuzbein", erklärt er, "traumatischen Schäden, die ihnen das Laufen arg erschwerten." Die Bandscheibenschäden, die auch beim modernen Büromenschen auftreten, hatten sie sich bei Sprüngen aus großer Höhe zugezogen, vermutet er, "auf der Flucht vor Feinden oder bei der Jagd". Die Erkrankung sei vielleicht sogar eine potenzielle Ursache für ihren Tod gewesen, "Sie lahmten und wurden eher gerissen als ihre gesunden Artgenossen."
Ein Los, das wahrscheinlich auch viele Menschenaffen ereilte, die damals lebten. Aber diese Frage kann noch niemand beantworten. Das ist wohl die größte Herausforderung für die Forscher, während sie das Ahnen-Puzzle im südlichen Afrika zusammensetzen. Die Identifizierung des "missing link". "Stammbäume gibt es inzwischen so viele, wie es Paläoanthroplogen gibt", lacht Dorian Staps. Doch jeder dieser Ahnenstränge beginne mit einem Fragezeichen. Niemand wisse, wann und wie sich die Menschen von den Schimpansen abgespalten haben, wann die Menschwerdung begann. Aber vielleicht liegt die Antwort ja ganz nahe, in einem der steinernen Gräber im Witwatersrand bei Johannesburg.
Von Florian Rath
Die Welt
11.04.2002
Schimpansen und Menschen. Zwei Verwandte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Genetisch so gleich (98,7 Prozent) und in Anatomie, kognitiven Fähigkeiten und Verhalten doch so verschieden. Das Geheimnis, warum das so ist, ist zwar noch nicht gelüftet, aber eine Tür dazu wurde jetzt aufgestoßen. Ein internationales Forscherteam hat erstmals genetisch relevante Unterschiede identifiziert. Vor allem im Gehirn benutzen Menschen ihre Gene völlig anders, schreibt Wolfgang Enard vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in der heutigen Ausgabe der Fachzeitschrift Science.
Vor fünf bis sechs Millionen Jahren hat diese Entwicklung begonnen. Da haben sich aus einer in Afrika lebenden Primatenart sowohl der Mensch als auch der Schimpanse entwickelt. Doch wie sich dabei das Erbgut veränderte, ist weit gehend unbekannt. Enard und seine Kollegen haben dies erstmals systematisch analysiert. Sie haben bei Mensch, Schimpanse, Orang-Utan und Rhesusaffe untersucht, wie die Gene in Gehirn-, Leber- und Blutzellen an- und abgeschaltet werden.
Dabei haben sie sich den Moment angeschaut, in dem die Zelle eine Gen-Kopie (Boten-RNA) erstellt, aus der dann das Protein, also das eigentliche Genprodukt und damit der eigentliche Akteur im Organismus entsteht. Dieser Vorgang, auch Transkription oder Gen-Expression genannt, verläuft in den verschiedenen Gewebetypen unterschiedlich und führt zu unterschiedlichen Gen-Produkten.
Mithilfe so genannter Gen-Arrays (Chips) haben die Forscher das Muster dieser Produkte sichtbar gemacht. Bis zu 18.000 Gene, also DNA-Stücke, haben sie auf einen Nylon- oder Glasträger aufgebracht. Die im Gewebe zu suchenden RNA-Moleküle passen genau zu "ihrem" Gen und binden daran. Zuvor wurden sie radioaktiv markiert oder mit einem Fluoreszenzfarbstoff versehen. So sehen die Forscher, welche Gene aktiv sind und in welcher Anzahl.
"In der Leber und in den Blutzellen sind die Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse nicht sehr groß", sagt Enard. Dafür aber im Gehirn. Fast vier Mal so viele Unterschiede haben die Forscher hier gefunden. Das heißt, daß die sich auseinander entwickelnde molekulare Evolution vor allem im Gehirn stattgefunden hat. Hier ist der Mensch dazu übergegangen, seine Gene anders zu benutzen. Warum das so passiert ist, wissen die Forscher allerdings nicht. "Anfangs waren wir nicht sicher, ob wir überhaupt einen signifikanten Unterschied finden würden. Jetzt haben wir Hunderte", sagte MPI-Direktor Professor Svante Pääbo gestern in Berlin.
Anhand dieser Unterschiede könnten Wissenschafter jetzt viel besser erkunden, warum Schimpansen beispielsweise trotz HIV-Infektion kein Aids bekommen und weniger anfällig für Malaria, Krebs oder die Alzheimer-Krankheit sind. Und auch innerhalb der menschlichen Spezies selbst scheint die Gen-Expression eine entscheidende Rolle zu spielen. Sie ist sehr individuell. Interessant ist dabei, manche Menschen scheinen bezüglich ihres Gen-Expressionsmusters enger mit Schimpansen als mit anderen Menschen verwandt zu sein.
Mensch und Schimpanse unterscheiden sich also vor allem im Gehirn. Doch welcher von beiden hat die ursprüngliche Linie verlassen? Um diese Frage zu beantworten, haben die Forscher auch den Orang-Utan und den Rhesusaffen in ihre Untersuchungen einbezogen. Und sie stellten fest, im Gehirn unterscheidet sich das "Transkriptom" (Gesamtheit der von DNA- auf RNA-Moleküle überschriebenen Transkripte) des Schimpansen nicht sehr von dem des Orang-Utan. Also hat wohl vor allem der Mensch seine Gen-Expression verändert. "Damit können wir erstmals jenseits von DNA-Sequenzen die Evolution betrachten", erläutert Enard die Bedeutung dieser Ergebnisse.
Zudem hätten sie festgestellt, so Wolfgang Enard, daß eine solche Evolution nicht auf Primaten beschränkt ist. Auch drei Mäusestämme hat das Team untersucht und verglichen und siehe da, der Effekt, daß sich das Gehirn bei einer Spezies schneller entwickelt, findet sich auch bei den Nagetieren, allerdings nicht in so großem Umfang. Was bedeutet, daß die Diskrepanz zwischen Menschen und Schimpansen eine Besonderheit in der Evolution darstellt.
Diese Tendenz wurde bestätigt, als die Forscher nicht nur die Gen-Kopien, sondern auch die Unterschiede im Proteinspiegel untersuchten. Wiederum war der quantitative Unterschied im Gehirn frappierend. Und wiederum trat er auch bei den Mäusestämmen auf, jedoch wieder nicht in so großem Maße wie bei den Primaten.
Jetzt wollen die Forscher klären, wie viele dieser Unterschiede sich tatsächlich auch als Funktionsunterschiede im Organismus bemerkbar machen. Auch wisse man noch nicht, ob es nur wenige spezifische Gene oder Gen-Familien sind, die an dieser beschleunigten Evolution beteiligt waren oder ob die verstärkte Expression im menschlichen Gehirn bei vielen Genen erfolgt. "Noch gibt es kein vollständig entschlüsseltes Schimpansen-Genom", sagt Svante Pääbo. "Vergleiche mit dem Humangenom wären aber wünschenswert." Es bleibt also noch einiges zu tun.
Von Ina Helms
Der Spiegel
27.05.2002
Die Großen Menschenaffen stehen uns biologisch näher als alle anderen Lebewesen. Sie bergen das Geheimnis, was den Menschen zum Menschen macht. Während Wissenschaftler noch ihre geistigen Leistungen erkunden, droht ihnen bereits der Artentod, durch uns.
Wenn der amerikanische Rechtsanwalt Steven Wise in die Zukunft schaut, lässt er mitunter seine nüchterne Skepsis fahren und beginnt zu träumen. Noch während seines Berufslebens, so hofft er, werde er einen Sieg vor Gericht erleben, dessen Tragweite sich an der Befreiung der Sklaven oder der Gleichstellung der Frauen messen lassen könnte. Wie den Akteuren und Vorkämpferinnen dieser früheren Emanzipationsbewegungen geht es auch ihm um einklagbare Grundrechte, nur daß seine Mandanten keine Menschen sind. Rechtsanwalt Wise will, sobald sich ein Erfolg versprechender Fall findet, den bahnbrechenden Prozess im Namen eines Affen gewinnen.
Der seit 20 Jahren aktive, unter anderem an der Harvard-Universität lehrende Tierrechtler setzt sich vor allem für Menschenaffen der Gattung Pan mit den beiden Spezies Pan troglodytes, den Schimpansen, und Pan paniscus, den Zwergschimpansen oder Bonobos, ein. Wise will erreichen, daß diese nächsten biologischen Verwandten des Homo sapiens ähnlich unmündigen Menschenkindern vor dem Gesetz als Rechtspersonen anerkannt werden.
"Man muss kein Mensch sein, um als Person zu gelten", sagt der Jurist, der sich mit seinem Anliegen in guter Gesellschaft weiß. Im vergangenen Herbst hat als erstes Parlament der Welt das neuseeländische allen "nicht humanen Hominiden" in Anerkennung ihrer "erhöhten kognitiven und emotionalen Fähigkeiten" Rechte eingeräumt, die keine andere Tiergruppe genießt. Danach dürfen Große Menschenaffen in dem Pazifikstaat nur noch in Versuchen eingesetzt werden, die ihnen selbst oder zumindest ihrer Art zugute kommen, nicht aber solchen allein zum Nutzen des Menschen.
Ähnlich wie die Neuseeländer stützt sich Steven Wise auf die vielfältigen Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung an Primaten. Von den ersten anatomischen Studien und taxonomischen Zuordnungen vergangener Jahrhunderte über Einsichten in Hand- und Werkzeuggebrauch, Sprachvermögen, Bewusstsein und Emotionalität bis hin zu neuesten Erkenntnissen über Schimpansenkulturen lässt sich ihr Werdegang vom Ungeheuer à la King Kong zum Mitgeschöpf und schließlich sogar vom Vetter zum Bruder des Menschen nachzeichnen.
Wer jemals Großen Menschenaffen gegenüberstand, nicht in Gefangenschaft, da sind sie oft übergewichtig, gereizt, betrübt und unendlich gelangweilt, sondern in ihrer Welt, der Wildnis, mit ihrer Vielfalt und Bewegungsfreiheit, wer je einer Schimpansengruppe durch den Wald gefolgt ist und ihren abwechslungsreichen Alltag beobachtet hat oder plötzlich im Dickicht des Nebelwaldes einem vier Zentner schweren Silberrücken, dem Boss einer Gorillagruppe, in die Augen sah, kennt dieses Gefühl, durch einen Tunnel der Evolutionsgeschichte zurück in unsere ferne biologische Vergangenheit, in einen Spiegel unserer eigenen Spezies zu blicken.
Nichts beschreibt die Familienbande zwischen Homo und Pan eindrucksvoller als die enge genetische Verwandtschaft zwischen den beiden Primatengattungen. Mit einer Übereinstimmung von 98,4 Prozent in der Erbsubstanz DNS stehen uns unsere haarigen Angehörigen auf eine fast schon beunruhigende Weise nahe. Wir sind einander damit näher verwandt als etwa Indischer und Afrikanischer Elefant.
Wenn es stimmt, daß Information der wichtigste Rohstoff der Wissensgesellschaft und genetische Information die wertvollste Ressource im beginnenden Zeitalter der Biologie ist, dann steckt im Erbgut der Großen Menschenaffen ein Datenschatz von unermesslichem Gehalt. Allein der Unterschied von rund eineinhalb Prozent in den Bausteinen der DNS enthält das Geheimnis dessen, was den Menschen zum Menschen macht.
Mit der nahezu vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes im Humangenomprojekt wächst der Druck einer Allianz von Wissenschaftlern, die auch das Erbgut unserer nächsten Verwandten entziffern wollen.
Nirgendwo hat sich die genetische Nähe in jüngster Zeit dramatischer ausgewirkt als bei der weltweiten Aidsepidemie. Es gilt als sicher, dass die Aids auslösenden Viren vor einigen Jahrzehnten von Schimpansen (oder zumindest von Kulturen aus ihrem Gewebe) auf Menschen übergesprungen sind. Erst in diesem neuen Wirt konnten sie ihre tödliche Wirkung entfalten und sich über die Erde ausbreiten.
Über den Systemvergleich Affe - Mensch könnten sich die Mechanismen von Aids, aber auch die Krebsentstehung und der Prozess des Alterns besser verstehen lassen. Ihre Ähnlichkeit zum Menschen wird den Menschenaffen, solange sich an ihrem Rechtsstatus nichts ändert, somit auch zum Verhängnis: In den Augen vieler Wissenschaftler sind sie als Versuchstiere unersetzlich.
Wären die Differenzen zwischen den Genomen erst im Detail bekannt, ließen sich aber auch rein menschliche Erbanlagen benennen und die großen Folgen des kleinen Unterschieds untersuchen. Welche Schritte in der genetisch gesteuerten Entwicklung von Embryo, Fetus und heranwachsendem Kind haben Homo in evolutionsmäßig sehr kurzer Zeit seinen Vorsprung verschafft?
Die Max-Planck-Gesellschaft hat diesem Umstand Rechnung getragen und der noch jungen "Evolutionären Anthropologie" 1997 in Leipzig eigens ein Institut gewidmet, dessen Kurzname "Eva" auf die Urmutter aller Menschen anspielt.
Molekulargenetiker sehen in DNS-Analysen den Schlüssel zum Erbe des gemeinsamen Vorfahren von Homo und Pan. Erst vor fünf bis sieben Millionen Jahren haben sich unsere Entwicklungslinien getrennt. Verhaltensforschung an Menschenaffen im Freiland und Studien an Primaten in Gefangenschaft wiederum lassen Rückschlüsse darauf zu, wo Mensch und Affe einander etwa in der geistigen und sozialen Entwicklung gleichen und wo sie voneinander abweichen.
Je tiefer Psychologen und Intelligenzforscher in die Geheimnisse des äffischen Geistes vordringen, desto besser verstehen sie, warum nur der Mensch den Sprung zum planenden, alle Klimazonen der Erde bewohnenden, vernünftigen Wesen geschafft hat. Gerade in jüngster Zeit ist es mit Hilfe ausgeklügelter Experimente gelungen, die oft verblüffende mentale Leistungsfähigkeit besonders von Schimpansen in nie gekannter Präzision zu ermitteln, aber auch jenen Zeitpunkt in der kindlichen Entwicklung dingfest zu machen, ab dem sich Menschen endgültig über ihre intelligenten Verwandten erheben.
Die Ergebnisse aus diesen Versuchen haben zu neuen, oft heftig diskutierten Theorien über Wahrnehmung, Bewusstsein, Intellekt und die kulturellen Ursprünge der menschlichen Kognition geführt. Im Schatten der Gen-Euphorie hat sich die vergleichende Primatenforschung so zu einem der aufregendsten wissenschaftlichen Gebiete entwickelt, deren Erkenntnisse uns oft mehr über das Rätsel Mensch verraten als die bloße Betrachtung unserer selbst.
Ausgerechnet diese Aufbruchstimmung in der Wissenschaft trüben in jüngster Zeit immer häufiger Hiobsbotschaften von der Artenschutzfront. Auf einer vor kurzem im ugandischen Entebbe erstmals abgehaltenen Konferenz der Aufbewahrungs- und Auswilderungsstationen für konfiszierte Schimpansen waren alarmierende Nachrichten zu hören. Von Wilderern wegen ihres Fleisches gejagt, aufgerieben zwischen den Fronten immer neuer Kriege und zurückgedrängt von der nach wie vor gnadenlos wütenden Holzindustrie, stehen die Großen Menschenaffen als bedrohte Arten auf der roten Liste.
Die heute auf die Welt kommenden Menschenkinder werden einmal feststellen müssen, daß ihre Vorfahren ihre wild lebenden Wiedergänger innerhalb nur eines, des verfluchten 20. Jahrhunderts in einem beispiellosen Genozid in dramatischer Weise dezimiert haben.
Das erscheint umso bitterer, als eine, wenn auch ambivalente, Faszination an der tierischen Verwandtschaft mehr oder weniger die gesamte Geschichte des Abendlandes begleitet hat. Schon im vierten Jahrhundert vor Christus stellte der griechische Denker und Naturforscher Aristoteles, als er einen Berberaffen sezierte, erstaunliche Übereinstimmungen der äffischen mit der menschlichen Anatomie fest. Gleichwohl hatte der Grieche den Affen bei aller körperlichen Ähnlichkeit bescheinigt, sie seien "automatische Puppen".
Der schwedische Forscher Carl von Linné, dessen Systematik des Lebendigen bis heute noch weitgehend gilt, schuf 1758 in der 10. Auflage seines Werks "Systema naturae" die Ordnung der "Primates", der "Vorrangigen". Darin fasste er die Gattungen Homo und Simia (mit Menschenaffen und Affen) sowie die Halbaffen zusammen.
Im 19. Jahrhundert tat der Mensch schließlich, wenn auch zögerlich, den großen Schritt auf seine Brüder zu. Konnte der deutsche Zoologe Alfred Brehm noch im Jahr 1864 äußern: "Man braucht nur das Affengesicht zu studiren, um zu wissen, weß Geistes Kind man vor sich hat", formulierte sein Zeitgenosse Charles Darwin 1871 jenen ketzerischen Gedanken, der populär vereinfacht zum geistigen Allgemeingut wurde: Der Mensch stammt vom Affen ab.
Der Schöpfer der modernen Evolutionstheorie hatte auch erkannt, daß der Unterschied zwischen menschlicher und tierischer Kognition "nicht grundsätzlicher, sondern nur gradueller Natur" sei und das, obwohl zu seinen Lebzeiten die außerordentlichen Fähigkeiten der Menschenaffen allenfalls bruchstückhaft bekannt waren.
Eine erste eindrucksvolle Demonstration gelang Anfang des 20. Jahrhunderts dem deutschen Psychologen Wolfgang Köhler. Bei Versuchen auf Teneriffa an gefangenen Schimpansen konnte er zeigen, daß die Tiere Kisten stapeln und Stöcke zusammenstecken können, um an Gegenstände zu gelangen, die für sie sonst unerreichbar waren, eine Fähigkeit, die er "einsichtig" nannte.
Als die Amerikaner Ada und Robert Yerkes 1929 erstmals alle verfügbaren Informationen über Menschenaffen in ihrem Buch "The Great Apes" zusammentrugen, bezogen sie ihr Wissen fast ausschließlich aus Beobachtungen an Affen in Menschengewahrsam und das blieb bis in die späten fünfziger Jahre so.
Die dann einsetzende systematische Erforschung der Tiere im Freiland wird für immer mit den Namen dreier junger Frauen verbunden sein, die, jede auf ihre Weise gefordert und gefördert von dem Urmenschenforscher Louis Leakey, alle drei zu großen Wissenschafterinnen wurden. Da ihr Mentor zum besseren Verständnis der Menschwerdung Daten über unsere nächsten Verwandten brauchte, brach die Britin Jane Goodall 1960 zu den Schimpansen in Tansania auf, 1967 die Amerikanerin Dian Fossey zu den zentralafrikanischen Berggorillas und die Kanadierin Biruté Galdikas schließlich 1971 zu den Orang-Utans auf Borneo.
Zur tragischen Figur geriet dabei Dian Fossey, die bei ihren verbissenen Versuchen, Berggorillas vor Wilderern zu schützen, 1985 grausam getötet wurde. Der Film "Gorillas im Nebel" hat ihr ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Schimpansen leben als Jäger und Sammler
Den größten Ruhm unter den Pionierinnen erlangte Jane Goodall und zwar nicht nur, weil sie als Erste der drei in die Wildnis zog. Bereits die Beobachtungen, von denen sie Leakey nach wenigen Monaten telegrafisch berichtete, bargen zwei wissenschaftliche Sensationen, auch deshalb, weil sie die Einzigartigkeit des Menschen in Frage stellten. Zum einen können Schimpansen Werkzeuge herstellen und nicht nur vorhandene Gegenstände benutzen. Beispielsweise reißen sie Zweige und Blätter von Ästen ab, um sie zum Angeln von Termiten zu benutzen. Das bedeutet, daß sie Pläne machen und ausführen können. Zum anderen gehen sie hin und wieder auf Jagd und fressen mit Lust und Gier ihre Beute. Der Vergleich mit Urmenschen und den in Naturvölkern verbreiteten Kulturen der Sammler und Jäger drängte sich auf.
Bei der Jagd gehen die Schimpansen, mit Menschenaugen betrachtet, äußerst brutal, aber auch höchst diszipliniert und koordiniert vor. Richard Wrangham von der Harvard University erforscht seit 1987 im Kibale-Nationalpark unweit der ugandischen Distrikthauptstadt Fort Portal besonders das Gewaltverhalten von Pan troglodytes.
Wer die Forschungsstation des Primatologen besucht und "seine" Affen eine Weile lang begleitet, wird das Wort "bestialisch" aus dem Mund des Forschers bald mit anderen Ohren hören. Eine acht Tiere umfassende Gruppe hat gefrühstückt, ausgiebig Fellpflege betrieben und kopuliert, da trommelt das Alpha-Männchen seine Mannen zur Jagd auf Rote Stummelaffen zusammen. Augenblicklich erfasst eine schrille Erregung die Affenbande, sie schreit, bellt, johlt und rast los.
Die Schimpansen betreiben regelrechte Treibjagden, bei denen sie Koalitionen mit dem Ziel "verabreden", einzelnen Opfern die Fluchtwege abzuschneiden und einem unter ihnen, meistens dem Alpha-Tier, zuzutreiben. Hierzu, sagt Wrangham, brauchen sie ein Verständnis kausaler Zusammenhänge, also von Ursache und Wirkung, sowie die Fähigkeit vorherzusagen, wie die Beute handeln wird. Ihre Jagd sei daher nicht zu vergleichen mit den Gruppenjagden bei Löwen oder Wölfen, wo alle in etwa das Gleiche tun.
Ein Stummelaffe sitzt über dem Alpha in der Baumkrone, alle Fluchtwege sind ihm verstellt. Plötzlich packt das Leittier den Baumstamm mit seinen mächtigen Händen und schüttelt ihn. Kein Mensch könnte diesen Baum in Bewegung versetzen. Da männliche Schimpansen bis zu fünfmal so stark sind wie Menschenmänner, bringt der Alpha die Krone ohne Schwierigkeiten in Schwingungen. Seine Kumpane veranstalten dazu ein höllisches Geschrei.
Als der Stummelaffe schließlich doch versucht, blitzschnell an seinem Häscher vorbeizurasen und zu entwischen, erweist sich der Jäger als schneller, packt das Äffchen mit einem Hieb und reißt ihm kraftvoll den Bauch auf. Das Beutetier ist noch bei vollem Bewusstsein, es quiekt herzerweichend, während der Erbeuter ihm bereits das Fleisch aus dem lebendigen Leibe frisst. "Das", sagt Wrangham, "ist Blutlust in ihrer rohesten Form."
Das Bild vom friedliebenden Paradiesbewohner, der sich die überreich vorhandenen Früchte ins Maul wachsen lässt, ja die Vorstellung vom "Menschen im Stande der Unschuld" war bereits 1974 endgültig passé. In Jane Goodalls Beobachtungsgebiet Gombe hatten die Forscher eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen zwei benachbarten Gruppen erlebt, die aus einer vorher zusammengehörenden hervorgegangen waren. Dieser gnadenlos hart geführte Krieg endete erst, als die unterlegene Gruppe vollständig ausgelöscht war.
Die Nachricht schockierte und faszinierte gleichermaßen. Die Tatsache, daß unter den Säugetieren allein Menschen und Schimpansen diese Verhaltensweise zeigen, erwies sich nicht nur als weiterer Beleg für unsere Verbundenheit. Sie legte den verheerenden Schluss nahe, daß Kriege und sogar Völkermord biologische Wurzeln haben könnten.
Harvard-Primatologe Wrangham verriet dem SPIEGEL eine sensationelle, bislang noch nicht publizierte Neuigkeit. Spezialisten aus seinem Team im Kibale-Nationalpark haben ihm geschildert, wie ein Alpha-Männchen vor ihren Augen einen Knüppel aufgehoben und damit ein Weibchen verprügelt habe. Der Vorgang habe sich später noch einmal wiederholt. Mit dieser Beobachtung hat sich erstmals der Verdacht bestätigt, daß Schimpansen Gegenstände nicht nur als Werkzeuge oder zur Verteidigung gegen Feinde, sondern auch als Waffen gegen Artgenossen einsetzen.
Experimente mit Spiegeln brachten Einsichten ins Ich
Doch nicht nur aus dem Freiland, auch aus Experimenten an Tieren in Gefangenschaft mehrten sich die Hinweise, daß uns die Großen Menschenaffen sehr viel ähnlicher sind, als so mancher Mensch es wahrhaben will.
Die weitest reichende Entdeckung hatte der Amerikaner Gordon Gallup schon 1969 gemacht. Beim morgendlichen Rasieren will er, damals noch Student, den genialen Einfall gehabt haben, dessen Folgen seine Fachkollegen bis heute in Atem halten. Wie würden wohl, fragte er sich beim Blick ins eigene Gesicht, andere Spezies auf ihr Spiegelbild reagieren?
Schon seit 100 Jahren hatten Forscher immer wieder Spiegel vor Primaten platziert, stets mit dem gleichen Resultat. Die Tiere hielten das Gegenüber für einen Artgenossen, aber nicht für sich selbst. Da ein Spiegel nichts ist, was in der natürlichen Umgebung von Menschenaffen vorkommt, dachte sich der junge Psychologe, müsse man ihnen vielleicht mehr Zeit geben, diesen merkwürdigen Gegenstand kennen zu lernen und zwar mit möglichst wenig Ablenkung. Also stellte er einen Spiegel in voller Länge vor einen ansonsten leeren Käfig, in dem sich nur ein Schimpanse befand. Acht Stunden am Tag ließ er dem Affen Zeit, sich mit der reflektierenden Oberfläche vertraut zu machen.
Anfangs passierte nichts. Doch am dritten Tag beobachtete Gallup "eine fundamentale Veränderung": Der Schimpanse fing an, den Spiegel regelrecht zu "benutzen", sich zum Beispiel Körperstellen anzuschauen, die er sonst nicht sehen konnte. Scheinbar fasziniert und voller Hingabe untersuchte er etwa sein Hinterteil, das ihm vorher nie zu Augen gekommen war.
Zum Nachweis, daß er sich nicht etwa täusche, ersann der Nachwuchsforscher einen Test. Am zehnten Tag des Experiments betäubte er seinen Schimpansen und malte dem bewusstlosen Tier mit einer nicht riechenden, nicht fühlbaren Farbe einen roten Fleck auf die Stirn. Während der Aufwachphase blieb der Affe zunächst ohne Spiegel, wurde dann aber wieder mit dem Anblick seiner selbst konfrontiert.
Zum Vergleich dienten zwei Artgenossen, die sich noch nie selber im Spiegel gesehen hatten. Anders als diese beiden versuchte der mit der Reflexion vertraute Schimpanse schon bald, sich die Farbe von der Stirn zu wischen. Er hatte in dem Gegenüber mit dem Fleck tatsächlich sich selber erkannt.
Die eigentliche Überraschung stand dem Studenten erst noch bevor, als er das Experiment mit anderen Arten wiederholte. Sogar die evolutionär einfacheren Affen bestanden den Selbsterkennungstest nicht. Allein Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans sowie, unter Vorbehalt, Gorillas (und womöglich, wie sich viel später zeigte, Delfine) erkennen sich selber im Spiegel. Bald nach Gallups bahnbrechenden Arbeiten zeigten ähnliche Versuche mit Babys und Kleinkindern, daß auch Menschen nicht mit der Fähigkeit zur Selbsterkennung auf die Welt kommen. Sie entwickelt sich erst im zweiten Lebensjahr.
Die erschütternde Schlussfolgerung aus den Spiegeleien lag unmittelbar auf der Hand. Offenbar teilen unsere nächsten Verwandten ein Vermögen mit uns, das erst spät während der Evolution entstanden ist, ein Ich-Bewusstsein.
Wie kaum eine andere Erkenntnis förderte Gallups Heureka den Schulterschluss über die Artgrenzen hinweg. Wenn außer uns und den Großen Menschenaffen kein Landsäugetier diesen evolutionären Quantensprung geschafft hat, müsste dann die Trennlinie, die vormals allein den Menschen von der übrigen Schöpfung schied, nun nicht zwischen Menschenaffen und Menschen auf der einen und dem Rest der Tierwelt auf der anderen Seite gezogen werden?
Barriere um Barriere fiel. Zwar waren alle Versuche gescheitert, Affen Lautsprachen beizubringen, weil ihnen dazu schlicht die anatomischen Voraussetzungen fehlen. Doch brachten es Schimpansen etwa mit der Gebärdensprache, wie sie Gehörlose verwenden, auf ein ansehnliches Niveau. Ihr Gehirn scheint jedenfalls hoch genug entwickelt zu sein, abstrakte Sprache zu verarbeiten.
Am bekanntesten unter den äffischen Sprachkünstlern in menschlichem Gewahrsam wurde Kanzi. Der Bonobo versteht gesprochenes Englisch von erstaunlichem Schwierigkeitsgrad. Über eine computergestützte Tastatur mit 256 "Lexigrammen" kann er sich überdies komplex ausdrücken und mit Menschen "unterhalten". Seine Halbschwester Panbanisha versteht angeblich rund 3000 Wörter und kann über einen Sprachsynthesizer etwa 250 Wörter produzieren. Sogar syntaktische Feinheiten wie der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, zwischen "Katze frisst Maus" und "Maus frisst Katze" machen sprachbegabten Affen keine Probleme.
Im Lauf der Jahre zeigte sich, dass Menschenaffen so unterschiedliche Dinge beherrschen wie mit einfachen Zahlen umgehen oder lügen. Selbst künstlerische Fähigkeiten glauben manche Menschen in den Strichen und Klecksen zu erblicken, die ihre Brüder und Schwestern auf die Leinwand bringen.
Die Fähigkeit zu komplexem Sozialverhalten, die das Täuschen und Manipulieren von Artgenossen ebenso einschließt wie das Bilden von Koalitionen und Allianzen, erfordert eine Art von Geistesgabe, die etwa jene für den Werkzeuggebrauch bei weitem übertrifft. Diese hoch entwickelte Form sozialer Intelligenz hat der britische Primatologe Andrew Whiten in einem inzwischen klassischen Buch 1988 "machiavellistisch" getauft. Primaten und besonders die Großen Menschenaffen verhalten sich nach der Hypothese oft so, als folgten sie dem Rat des Italieners Niccolò Machiavelli. Der hatte im 16. Jahrhundert Politikern Empfehlungen gegeben, wie sich Konkurrenten und Untergebene sozial beeinflussen lassen.
Wie der Niederländer Frans de Waal darlegen konnte, sind besonders Bonobos und Schimpansen wahre Meister der Macht und der Diplomatie. Und doch erwiesen sich die beiden, die äußerlich kaum zu unterscheiden sind, in ihrem Verhalten in vielen Aspekten als glatte Antagonisten.
Bei den Bonobos, der zweiten Schimpansenart, von Wissenschaftlern als "sanfte Affen" beschrieben, sind weder Treibjagden noch Stammeskriege verbreitet. Zwar fressen auch sie Fleisch, etwa Antilopenbabys. Aber noch niemals wurden sie dabei gesehen, andere Affen zu verzehren.
Auch Bonobo-Männer geraten mitunter in Streit, doch sind sie dabei sehr viel weniger brutal als männliche Schimpansen. Über erzwungenen Sex, wie er bei den anderen Menschenaffen mehr oder wenig üblich ist, wurde bei den Zwergschimpansen noch in keinem Fall berichtet. Und das Prügeln erwachsener Weibchen kommt ebenso wenig vor wie Kindstötungen, die vor allem bei den Gorillas verbreitet sind.
Bei den "kodominanten" Bonobos gelten hierarchisch führende Weibchen und Männchen gleich viel. Doch obwohl auch in diesen Gemeinschaften die männlichen die deutlich stärkeren Tiere sind, besitzen die Frauen die Macht und zwar aus einem einfachen Grund. Sie halten zusammen und sind gemeinsam stark. Während bei den Schimpansen nur die männlichen Tiere Allianzen formen, etwa zur Jagd, kommen solche Bündnisse bei den Bonobos allein unter Frauen vor.
Bemerkenswert dabei, daß die Frauenfreundschaften durch gleichgeschlechtlichen Sex regelmäßig manifestiert werden, wissenschaftlich "genito-genitales Reiben", in der Sprache der Mongandu, eines Volkes im Kongo, sehr viel poetischer "hokahoka" genannt. Bonobos haben Sex, um Freunde zu gewinnen, um gereizte Artgenossen zu entspannen oder zur Versöhnung nach einem Streit.
Fragt sich nur, warum die Menschheit mit ihren gewaltbereiten Männern, die tendenziell dazu neigen, Herrschaft über Frauen mit körperlicher Einschüchterung auszuüben, die Kriege führen und ganze Völker hinwegschlachten, warum die Menschheit in diesem Punkt anscheinend mehr nach den Schimpansen ausschlägt als nach den Bonobos, die uns gleichermaßen nahe verwandt sind.
Besaß unser gemeinsamer Vorfahre nicht das Potenzial zu beiden Optionen? Hätten menschliche Gesellschaften womöglich nach wie vor die Wahl, den friedlichen Weg zu gehen, wenn nur die weiblichen Mitglieder ihre Power bündeln würden? Oder ist die Aggressivität der Menschenmännchen der unausweichliche Preis des zivilisatorischen Himmelssturms von Homo sapiens? Ohne Morde kein Mozart?
Die Frage, ob wir so sind, wie wir sein müssen, oder ob wir auch anders sein könnten, als wir sind, ist noch offen. Das Vermächtnis jenes Vorfahren jedenfalls, dessen Erbe wir mit den Menschenaffen teilen, wird uns niemand besser verraten als diese.
Primaten haben Kulturen entwickelt
Seit 1979 erforscht der Schweizer Biologe Christophe Boesch, einer der Direktoren am Leipziger Max-Planck-Institut, gemeinsam mit seiner Frau Hedwige Schimpansen im Tai-Nationalpark (Elfenbeinküste). Nicht unwesentlich auf die Arbeit der beiden gehen jene Erkenntnisse zurück, die in der Fachwelt seit einiger Zeit für erhitzte Diskussionen sorgen. Es geht um die Frage, ob Primaten einfache Kulturen entwickelt haben oder nicht.
Für Boesch, der unter anderem die unterschiedlichen Arten, Nüsse zu knacken, in verschiedenen Populationen untersucht hat, steht au§er Zweifel: "Vieles am Schimpansenverhalten wird kulturell vermittelt." Wie sonst ließe sich erklären, daß in der einen Gegend Generation auf Generation Nüsse auf dieselbe Weise knackt, in einer anderen aber nicht? Es dauere Jahre, bis Eltern ihrem Nachwuchs beigebracht hätten, flache Steine so auf dem Boden zu platzieren, daß sie nicht kippen, dann eine Nuss darauf zu legen und diese mit einem leichteren Stein wuchtig zu zertrümmern.
Wenn jedoch ein Verhalten wie die Kunst des Nüsseknackens durch Lehren und Lernen weitergegeben wird und nicht als angeborener Instinkt, wenn es darüber hinaus nicht für die gesamte Spezies typisch ist, sondern nur für ein bestimmtes Volk, dann erfüllt das nach Ansicht Boeschs die Kriterien von Kultur.
Die einstmals scharfe Grenze verwischt sich mehr und mehr. Etliche Forscher sind sich mittlerweile sogar einig, würden Anthropologen die gleichen Kriterien ansetzen wie Zoologen generell bei Säugetieren oder Vögeln, müssten Homo und die beiden Pan-Spezies längst zu einer Gattung gehören.
"Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe", verkündete Nietzsche schon Ende des vorletzten Jahrhunderts und träumte seinen Traum vom Übermenschen. Den Schluss, daß Affen mehr Mensch sein könnten als mancher Mensch, hat 100 Jahre später wiederum ein umstrittener Philosoph gezogen, der Australier Peter Singer.
Der wegen seiner Thesen zur Euthanasie besonders in Deutschland angefeindete, mittlerweile an der Princeton University lehrende Ethiker hat in den siebziger Jahren mit seinem Buch "Befreiung der Tiere" die Tierrechtsbewegung mitbegründet. In den Neunzigern formulierte er einen für viele unerträglichen Gedanken: Forschungen mit Schimpansen seien nur dann zu rechtfertigen, wenn die Experimente so wichtig seien, daß statt der Tiere auch hirngeschädigte Menschen eingesetzt werden könnten. Singer hat nie gefordert, mit Behinderten zu experimentieren. Mit dem gleichen Recht aber, das diese schütze, müssten auch die Affen verschont bleiben.
Gemeinsam mit seiner italienischen Kollegin Paola Cavalieri gab Singer die 1993 im englischen Original erschienene Streitschrift "Menschenrechte für die Großen Menschenaffen" heraus. In einer "Deklaration" fordern Herausgeber und Autoren, "daß die Gemeinschaft der Gleichen so erweitert wird, daß sie alle Großen Menschenaffen mit einschließt" - ebenjenes Ziel, das Anwalt Wise juristisch verfolgt.
Doch genau in dem Moment, da Tierrechtler wie Wise und Singer erstmals ernsthafte Hoffnungen hegen, Menschenaffen in den Rang von Personen heben zu können, ist in der Wissenschaft ein heftiger Streit über deren tatsächliche kognitive Leistungsfähigkeit ausgebrochen. Und wenn es einer geschafft hat, den Burgfrieden im Elfenbeinturm der Affenforscher zu stören, dann Daniel Povinelli und seine Mitarbeiter von der University of Louisiana in Lafayette.
"Bislang wurden vor allem Gemeinsamkeiten gesucht", sagt der Psychologe, "wir legen das Gewicht auf Unterschiede." Er glaubt, daß man Affen, um sie als Brüder zu erkennen, nicht gleich zu Menschen machen muss. "Es ist doch keine Beleidigung zu sagen, daß Schimpansen ziemlich einfach gestrickt sind."
Povinelli stellt etliche etablierte Ansichten in Abrede, inklusive sogar der Verbindung von Spiegel-Test und Ich-Bewusstsein. Dabei beruft er sich unter anderem auf einen abgewandelten Selbsterkennungstest, in dem er den Spiegel durch Video ersetzt und Schimpansen und Menschenkinder im Alter von zwei bis fünf Jahren vergleicht.
Befestigt er in den Haaren von Zwei- bis Dreijährigen heimlich einen Sticker und lässt er die Kleinen sich dann live, also zeitgleich, im Video betrachten, greifen sie unverzüglich nach dem Ding und entfernen es. Führt er ihnen das Video allerdings drei Minuten später vor, also zeitversetzt, zeigen die meisten keine Reaktion, obwohl sie das Bild klar mit sich selber identifizieren und die dargestellte Person "ich" nennen.
Nach Meinung des Experimentators fehlt ihnen ein Gefühl für die Kontinuität des Selbst, das sie als Vier- bis Fünfjährige dann aber besitzen. Auch wenn die Älteren nur eine Aufzeichnung sehen, greifen sie sofort nach dem Sticker im Haar.
Schimpansen hingegen erreichen Povinellis Experimenten zufolge diese Stufe überhaupt nicht. Sie verhalten sich wie die jüngeren Kinder, greifen ohne Zögern nach dem Sticker, wenn sie sich ohne Zeitverzug sehen, können aber bei der Aufzeichnung offenbar sich selbst und ihr abgelichtetes Bild nicht in Verbindung bringen.
Der Psychologe glaubt, die Tiere könnten bei dem Test nicht eigene mentale Zustände erkennen und daher nicht den Schluss "Das bin ich" ziehen, sondern nur ihr eigenes Verhalten im Sinne von: "Das ist der Gleiche wie ich." Nach seiner Ansicht nehmen sie im Spiegel-Test auf ihren Körper Bezug, nicht ihren Geist.
Die Auseinandersetzung dreht sich vor allem darum, ob Menschenaffen eine "Theorie des Geistes" besitzen, ob sie Gedanken und Absichten eines Gegenübers lesen, sich mithin Vorstellungen vom mentalen Innenleben anderer machen können.
Daniel Povinelli spricht seinen behaarten Probanden sogar die einfache Form des Einfühlungsvermögens ab. Schimpansen, behauptet er, wissen nicht, daß andere Schimpansen wissen. Er stützt sich auf Variationen des bekannten Sally-Ann-Tests, über den Psychologen mit Handpuppen ermitteln, ob der eine versteht, daß ein anderer sich täuscht.
Nachdem Sally mit dem Ball gespielt hat, steckt sie ihn in einen Korb und verlässt für einen Augenblick die Szenerie. Während ihrer Abwesenheit kommt Ann, nimmt den Ball aus dem Korb und legt ihn in einen Kasten. Dann kehrt Sally zurück, und Kinder, die das Geschehen beobachtet haben, sollen sagen, wo sie wohl nach dem Ball suchen wird. Dreijährige antworten: "Im Kasten." Sie verstehen noch nicht, daß Sally einem falschen Glauben aufsitzt und nichts von Anns Tausch weiß. Vierjährige hingegen bestehen diesen "false belief"-Test ohne weiteres und entgegnen: "Im Korb."
Da Schimpansen nicht sprechen und daher nicht wie Kinder antworten können, hat Povinelli auch diesen Versuch auf ihre Belange umgestellt. Die Tiere befinden sich dabei hinter einer Plexiglasscheibe mit tellergroßen Öffnungen. Durch die können sie Hand und Arm strecken, wenn sie um Futter betteln wollen, das von zwei Experimentatorinnen vor der Trennwand dargeboten wird. Der Trick: Eine der beiden Frauen hat die Augen verbunden, hält sie sich mit den Händen zu oder stülpt sich einen Eimer über den Kopf.
"Falls Schimpansen entsprechend dem hochgreifenden Modell wirklich ein Verständnis für die Situation anderer haben", argumentiert Povinelli, "dann sollten sie von den beiden Mitarbeiterinnen nur die anbetteln, die sie in der Testsituation tatsächlich sehen konnte." Doch die Affen fielen durch, sie bettelten die "blinde" Person ebenso bereitwillig an wie die andere.
Die Arbeiten des streitlustigen Amerikaners stoßen wie erwartet auf breite Kritik. Unter anderem monieren seine Kollegen, daß sich von der Laborsituation nicht ohne weiteres auf die im Freiland schließen lasse. Außerdem werde mit der künstlichen Versuchsanordnung nur getestet, ob die Tiere sich in die Lage von Menschen hineinversetzen können, nicht aber in die von Artgenossen.
Was haben Schulanfänger, das Affen nicht haben?
Experimente von Affe zu Affe hat nun in seiner neuesten Arbeit Povinellis Landsmann Michael Tomasello, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut, vorgestellt. Er lässt jeweils zwei Schimpansen in unterschiedlichen Anordnungen um zwei Stücke Futter konkurrieren und berücksichtigt dabei auch die Rangordnung der Tiere. Da in der Regel der Übergeordnete das gesamte Futter kriegt, hilft es dem Untergeordneten zu wissen, was der andere über dessen Position weiß. Kann der Stärkere zum Beispiel den Happen nicht sehen, den der Schwächere im Blick hat, dann hat der Schwächere einen Vorteil, wenn er sich das Nichtwissen des anderen klarmacht. Und genau das konnten Tomasello und seine Mitarbeiter zeigen.
Eine "theory of mind", sagt der Max-Planck-Forscher, sei damit aber nicht nachgewiesen. Im Gegenteil, er glaubt, daß die mentale Kapazität schon fünfjähriger Menschen die aller Menschenaffen übersteigt: Die Tiere wissen wohl, was ein anderer sieht, verstehen aber den Wahrnehmungsprozess als solchen nicht. Menschen dagegen gehen sogar noch einen Schritt weiter. Wir wissen, daß andere wissen, daß wir wissen.
Was aber haben wir Menschen bereits als Schulanfänger, das Affen nicht haben? Der im australischen Queensland forschende deutsche Psychologe Thomas Suddendorf schlägt dazu eine Art dritter mentaler Ebene vor, die allein der Mensch besitzt und die er "metamind" nennt, etwa: "Metageist" oder "reflektierender Übergeist".
Nach seiner Vorstellung hat sich in der Evolution vor wenigen hundert Millionen Jahren ein "Primärgeist" entwickelt, der heute Vögel und Säugetiere auszeichnet. Im menschlichen Fetus entwickelt er sich etwa in der 30. Woche. Damit verbunden ist eine "primäre Repräsentation", das heißt ein einfaches und direktes mentales Modell der Welt, das ständig über das sinnlich Wahrgenommene aktualisiert wird.
Der nächsthöhere Level, bei ihm ist eine zweite Ebene oder "sekundäre Repräsentation" nachgeschaltet, ist rund 15 Millionen Jahre alt. Er ist nur bei Großen Menschenaffen und Menschen erreicht, bei denen er im Alter von eineinhalb Jahren auftritt. Damit kann der Geist nicht nur fühlen, wahrnehmen und repräsentieren. Nun kann er gleichzeitig über Dinge und Ereignisse nachdenken, die nicht gerade präsent sind. So kann ein aktuelles mit einem vergangenen oder sogar imaginären Ereignis in Bezug gesetzt, verglichen und beurteilt werden.
Auf diesem Niveau sind dann Bau und Verwendung einfacher Werkzeuge möglich sowie erste Ausprägungen von "Politik", das Vortäuschen falscher Tatsachen, Selbsterkennen im Spiegel, einsichtiges Problemlösen und Verstehen kausaler Zusammenhänge. Beispielsweise erkennen Kinder und Große Menschenaffen Fotos und Filme nicht mehr nur als buntes Papier oder bewegtes Licht, sondern als Abbildungen der Wirklichkeit.
In ihrem vierten Lebensjahr machen Menschenkinder dann einen dramatischen Wandel durch. Dieser Fortschritt, während der Evolution vor rund eineinhalb Millionen Jahren entstanden, ist in Suddendorfs Modell der Gattung Homo vorbehalten. Nur diese dritte Ebene, metamind, erlaubt es Kindern, Repräsentationen als solche wahrzunehmen und so über die eigene Geistestätigkeit und die anderer Menschen nachzudenken. So machen sie sich, besonders über immer neue Warum- und Wozu-Fragen, ihr eigenes Bild von der Welt. Mit diesem Schritt, argumentiert der Psychologe, habe der Geist eine Art Kontrollinstanz über sich selber erhalten, durch die er auch seine eigenen spontanen Impulse "überstimmen" kann.
Und genau diese Instanz ist es, die es dem Menschen erlaubt, das Tier in sich im Zaum zu halten. Die meisten Menschenmänner sind keine Mörder oder Vergewaltiger, selbst wenn es keinen Zweifel gibt, daß sie das biologische Potenzial dazu besitzen.
Erst ab dieser Stufe, sagt Suddendorf, sei es möglich, die Vergangenheit zu rekonstruieren und die Zukunft zu planen, ja regelrechte geistige Zeitreisen zu unternehmen. Und damit stehe der Mensch allein da. Die Großen Menschenaffen verfügen nach allem, was die Forschung weiß, weder über ein ausgeprägtes autobiografisches Gedächtnis noch über das Vermögen, Handlungen in fernerer Zukunft zu antizipieren.
Nur mit dem Metageist, glaubt Suddendorf, könne der kognitive Apparat gewissermaßen im Offline-Modus arbeiten und so etwas Abstraktes wie Theorien bilden, eben auch jene "theory of mind". Und erst auf dieser dritten Ebene konnte Sprache entstehen und schließlich auch Wissenschaft, Kultur, Religion, Moral und allzu Menschliches wie Humor und Ironie.
Nicht zuletzt verleiht der Metageist den Menschen und nur ihnen ihre erschütterndste Fähigkeit, ihr Wissen um den eigenen Tod, das sich als tief verwurzeltes Bewusstsein vermutlich erst in der späteren Kindheit einstellt.
Da Wissenschaftler nach aller Gleichsetzung nun wieder eine solide, wenn auch subtile Barriere zwischen Mensch und Menschenaffe errichten, stellt sich erneut die Frage, wie sich der menschliche Geist zumindest nach evolutionärer Zeitrechnung so schnell und so hoch emporschwingen konnte.
Die gängige Erklärung, dieser Entwicklungssprung lasse sich allein auf das rasante Anwachsen des Hirnvolumens zurückführen, reicht vermutlich nicht mehr aus. Die Frontallappen des Gehirns, denen wir unsere mentale Meisterschaft nicht unwesentlich verdanken, sind nach neueren Untersuchungen bei Menschen im Verhältnis zum Gesamtgehirn und darauf kommt es an, nicht wesentlich größer als bei Schimpansen.
So genannte Spindelzellen, ein bestimmter Typ von Hirnzellen, die beim Homo bei der Verbindung von Wahrnehmung und Emotion, aber auch bei dem bewussten Erleben von Schmerzen eine Rolle spielen, wurden bei Halbaffen nicht gefunden, wohl aber bei Menschenaffen.
Bei allen mentalen Unterschieden müssen wir mithin davon ausgehen, daß zumindest unsere evolutionären Geschwister, was ihr Leidenspotenzial angeht, uns in nichts nachstehen, daß sie Pein in gleicher Weise empfinden wie wir, was sie, wenn es etwa um Tierversuche geht, tatsächlich mit uns gemeinsam von der übrigen Schöpfung abhebt.
Was aber den geistigen Höhenflug des Homo betrifft, so ist er mit Biologie allein wahrscheinlich nicht zu erklären. Entwicklungspsychologe Tomasello glaubt, ein einziger kritischer Schritt in der biologischen Evolution könnte ausgereicht haben, unsere Ahnen jenseits von Mutation und Selektion zum Kulturwesen aufsteigen zu lassen.
Der Max-Planck-Direktor schlägt einen "Ratschen-Effekt" als Mechanismus vor, benannt nach dem rasselnden, sich nur in eine Richtung drehenden Kinderspielzeug, wie es Sportfans zur Lärmunterstützung ihres Teams oft im Stadion schwingen. Jeder neue Entwicklungsschritt baut danach auf dem vorhandenen auf, wobei wie bei einer Ratsche das Zurückrutschen in frühere Zustände verhindert wird. Diese stabilisierende Komponente des Systems hält Tomasello für wesentlicher als die kreative. Nicht das Erfinden neuer Qualitäten und Kapazitäten stelle die eigentliche Leistung dar, sondern das Bewahren und Anhäufen des jeweils Erreichten.
Was den Menschen vor allen anderen Lebewesen, auch seinen nächsten Verwandten, auszeichnet, ist laut Tomasello seine ausgeprägte Gabe zu imitieren. Diese angeborene Fähigkeit mache kleine Kinder zu jenen "Nachahmungsmaschinen", die den Ratschen-Effekt erst ermöglichen. Zum Beleg wartet er mit einer verblüffenden Erkenntnis auf. Nicht Affen seien die besten Nachäffer, sie haben damit im Gegenteil große Mühe, sondern Menschenkinder.
Tomasello weist auf einen entscheidenden Unterschied im Verhalten zwischen uns und unseren nächsten Verwandten hin. Im Alter von neun Monaten beginnen Kinder, auf Dinge zu deuten. Menschenaffen tun das nie. Das Dreieck, das Kinder auf diese Weise zwischen ich, du und er, sie, es konstruieren, also zwischen sich, ihrem Gegenüber, dem sie etwas oder jemanden zeigen, und dem Ding oder der Person, auf die sie ihren Finger richten, dieses Dreieck sei einer der Grundsteine von Kultur, glaubt der Psychologe.
Welche Bedeutung bei dieser entscheidenden Handlung die Hand spielt, hat der amerikanische Neurologe Frank Wilson vor kurzem herausgearbeitet. Auf dem Weg vom Affen zum Menschen habe sich zunächst, wie fossile Funde belegen, die menschliche Hand gebildet, erst im Zusammenspiel des Hand-Hirn-Komplexes ist nach Wilsons Ansicht der menschliche Verstand entstanden.
Womöglich waren die Hände unserer Ahnen für das Entstehen der Sprache auch wichtiger als der, erst vor etwa 100.000 Jahren fertig entwickelte, Stimm- und Sprechapparat. Zunächst verständigten sie sich über primitive Laute und über immer ausgefeiltere Gesten, vergleichbar einer Urform der heute unter Gehörlosen gebräuchlichen Gebärdensprachen.
Erst dadurch könnten im Gehirn jene Strukturen entstanden sein, die später den Einsatz gesprochener Sprachen ermöglichten. Der letzte Schritt, das allmähliche Aufschlüsseln des Gesprochenen in Symbole der Schrift, ist 5000 Jahre alt und schuf die Voraussetzung für jene Kulturexplosion, deren Höhepunkt im globalen Netzwerk des Internet wir Heutigen gerade erleben.
Die biologische Evolution gleicht einer Einbahnstraße
Die Fortsetzung der Evolution mit kulturellen Mitteln, glaubt Michael Tomasello, habe jenen vollkommen anderen Zeitrahmen geschaffen, der die rasante Entwicklung im Zuge der Menschwerdung erst möglich machte. Mit der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und sie nachzuahmen, habe die Evolution dem Menschen eine Art Universalmechanismus gegeben, der sich bei allen Lernvorgängen bewährt.
Bei alledem hat sich die Gattung Homo, als sie ihre äffische Vergangenheit hinter sich ließ, auf einen riskanten Weg eingelassen: Die biologische Evolution gleicht einer Einbahnstraße. Fast alle Arten, die je auf Erden gelebt haben, so auch sämtliche Stufen zwischen unserem gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen und heutigen Menschen, sind wieder ausgestorben.
Erweisen sich Spezialisierungen unter veränderten Bedingungen als unvorteilhaft, droht der Artentod. So haben etwa unsere frühen Ahnen, als sie sich auf zwei Beine erhoben und ihre Hände den neuen Ansprüchen anpassten, irgendwann unwiderruflich jene Kletterkünste aufgegeben, mit deren Hilfe sich Früchte tragende Bäume ersteigen lassen.
Im Gegenzug waren sie in der Lage, die nach einer epochalen Dürre entstandenen Savannen zu besiedeln, Voraussetzung für die Eroberung der Erde, die mit dem ersten Exodus der Urmenschen aus Afrika vor 1,8 Millionen Jahren begann.
Vor etwa 100.000 Jahren stand Homo sapiens bereits einmal kurz vor dem Ende, als die gesamte Population aus nicht bekannten Gründen auf rund 10.000 Exemplare zusammengeschrumpft war. Daher sind bei allen scheinbar großen äußerlichen Unterschieden alle Menschen einander genetisch sehr viel ähnlicher als etwa die Schimpansen.
Das ergibt sich unter anderem aus den Analysen des schwedischen Molekulargenetikers Svante Pääbo, des dritten von vier Direktoren am Leipziger Max-Planck-Institut, der sich vor allem dem genetischen Vergleich mit unseren äffischen Geschwistern widmet. Dabei geht er unter anderem der Frage nach, was 98,4 Prozent identische DNS überhaupt bedeuten.
Daß Menschenaffen Menschen ähnlicher sind als irgendeinem anderen Tier, hatten auf eine einfache, aber raffinierte Weise die Amerikaner Jon Ahlquist und Charles Sibley schon 1984 ermittelt. Über die Methode der "DNS-Hybridisierung" konnten sie damals zwar nur ungefähr auf die Ähnlichkeit zwischen Erbmolekülen schließen, doch ihre Resultate bargen eine Sensation.
Die Fragestellung, wer näher mit dem Menschen verwandt ist, Schimpanse oder Gorilla, brachte das erwartete Ergebnis, die Schimpansen. Gleichwohl barg das Experiment eine faustdicke Überraschung. Nicht die beiden Affen, wie bis dahin allein schon auf Grund des Äußeren angenommen, weisen die größere Gemeinsamkeit auf, sondern Homo und Pan. Dieses anfangs mit Unglauben quittierte Ergebnis konnte später mit verbesserten Verfahren bestätigt werden.
Im Zuge der allgemeinen Gen-Euphorie geistert seither die Frage durch die Gazetten, welche DNS-Abschnitte dem Menschen die Krone aufgesetzt haben und ob sich diese nicht sogar verbessern lassen könnten, Planziel Übermensch.
Svante Pääbo warnt vor solchen Vereinfachungen. Nicht nur hält er es für "ziemlich illusorisch, Gene für den aufrechten Gang zu finden". Er glaubt generell nicht, daß ein paar magische Erbanlagen uns zum Menschen machen. Da sich etwa auch Maus und Mensch in ihrer DNS zu 92 Prozent gleichen und Mensch und Fruchtfliege sogar noch zu 75 Prozent, seien Mechanismen jenseits der genetischen Ebene vermutlich von erheblicher Bedeutung.
Die Ursache der Unterschiede zwischen Schimpanse und Mensch im kognitiven Bereich liegt nach Pääbos Ansicht womöglich in feinen Differenzen zwischen "homologen" Genen, Erbanlagen, die beide Arten besitzen. Sie unterscheiden sich in ihrer Aktivität wie etwa ein starker von einem schwachen Staubsauger, nicht aber in ihrer Funktion wie der Staubsauger vom Mixer, also in ihrer Quantität, nicht ihrer Qualität.
Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe studiert Pääbo daher die "Expression" einzelner Gene. Er will verstehen, wie ausgeprägt die DNS-Sequenz einzelner Gene in Eiweißmoleküle übersetzt wird.
Was andrerseits die rund eineinhalb Prozent Unterschied in der DNS betrifft, betont der Forscher, stünden sie ja nicht für eineinhalb Prozent unterschiedliche Erbanlagen, sondern nur für eineinhalb Prozent veränderte Buchstaben im genetischen Alphabet. Da solche punktuellen Veränderungen in der Sprache der Gene nur in seltenen Fällen zu veränderten Wirkungen der Eiweiße führen, sei die Zahl funktionell, also qualitativ, voneinander abweichender Gene mit Sicherheit deutlich geringer.
Bislang ist erst ein einziger Fund eines solchen Gens geglückt, das die Synthese eines bestimmten Zuckers verursacht. Mehr oder weniger durch Zufall entdeckte Ajit Varki, Biochemiker an der University of California in San Diego, daß menschlichen Zellen auf ihrer Oberfläche dieser Zucker fehlt, der ansonsten bei fast allen Säugetierarten inklusive der Menschenaffen vorkommt. Was dieses Fehlen bedeutet, ist noch ungewiss. Es gibt allerdings Hinweise, daß sie bei der Hirnentwicklung eine Rolle spielen.
Da Krankheitserreger solche Zuckerbestandteile aber nutzen, um Zellen zu erkennen und zu infizieren, könnten derartige Veränderungen medizinisch bedeutsam sein. Forscher der Biotech-Firma GenoPlex im amerikanischen Denver, die zu den führenden Betreibern eines Schimpansen-Genomprojekts zählt, hoffen über das Aufspüren solcher genetischen Unterschiede Therapien zu entwickeln.
Niemand vermag zu sagen, ob sich solch vergleichsweise kleine molekulare Umwandlungen in so etwas Bedeutsamem wie dem "Ratschen-Effekt" oder im "Übergeist" manifestiert haben. Oder wie tief in Genetik und Biochemie das Rätsel steckt, daß Menschen- und Schimpansenmänner von Natur aus so viel gewalttätiger zu sein scheinen als ihre Bonobo-Brüder.
In einem Punkt besteht jedoch weitgehend Einigkeit: Niemand kann uns besser dabei behilflich sein, diesen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, als unsere nächsten Verwandten.
"Wenn es uns nicht gelingt, das Überleben der Menschenaffen in freier Natur zu sichern", warnt Christophe Boesch, "werden viele Fragen nach unserer eigenen Herkunft unbeantwortet bleiben müssen."
Alles müsse getan werden, den Tieren ihre Wildnis zu bewahren. Denn nur im Wald entfalteten sie "ihre unheimliche Verhaltensvielfalt", die erst bruchstückhaft bekannt sei. Nicht einmal eine komplette Generation von Schimpansen, die etwa 40 Jahre alt werden, lasse sich bislang überschauen.
Wir schützen die Majestäten der Meere und Savannen, Wale und Elefanten, wir haben ein Herz für Hunde und Dollar für Delfine, selbst die verbliebene Schar von Berggorillas genießt höchste Aufmerksamkeit. Nur bei unseren allernächsten Verwandten sehen wir fast tatenlos zu, wie sie in kürzester Zeit verschwinden. Verdrängen wir sie vielleicht, nicht obwohl, sondern weil sie uns so nahe stehen?
Vor 100 Jahren lebten schätzungsweise zwei Millionen Schimpansen in Afrika, heute sind es nur noch 100.000, die Zahl könnte aber auch weit darunter liegen. Bei den Bonobos liegen pessimistische Schätzungen sogar bei nur 5000. Die Holzkonzerne betreiben mit ihren Bulldozern eine besonders perfide Form der Vernichtung. Indem sie die Wälder zerstören, engen sie den Lebensraum der Schimpansen so ein, daß diese schließlich gegeneinander Kriege führen und sich gegenseitig ausrotten.
Wie dramatisch sich besonders in jüngster Zeit die Lage zugespitzt hat, zeigt sich auf der 40 Hektar großen Insel Ngamba im Victoriasee, einer von etlichen Aufbewahrungsstationen für Schimpansen in Afrika. Dorthin gelangen Tiere, welche Zöllner an der Grenze Schmugglern abnehmen, die sie für Versuchslabore oder als Haustiere außer Landes zu schaffen versuchen.
Im vergangenen Jahr habe sich die Zahl der aufgenommenen Tiere verzehnfacht, rechnet der Gründer der Station vor, der deutsche Zoologe Wilhelm Möller. Wenn der Trend anhält, schätzt Peter Christian Hammelsbeck vom Münchner Jane Goodall Institute, das neben anderen Sponsoren die Station unterstützt, dann hat Ngamba schon Ende dieses Jahres die Grenzen seiner Kapazität erreicht. Und niemand wisse, wohin dann mit den konfiszierten Tieren. "Wenn es so weitergeht wie bisher", sagt Hammelsbeck, "werden die Schimpansen im Freiland keine 30 Jahre mehr überleben."
"In 25 Jahren werden dann die ersten Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen die verbliebenen Waldreste umstellen", fürchtet der in London lehrende deutsche Primatologe Volker Sommer, "um die paar Dutzend Menschenaffen, die noch leben, als Erbe der Menschheit zu bewachen."
Von Jürgen Neffe
Salzburger Nachrichten
11.07.2002
Der neu entdeckte Vorfahre der Menschen wäre damit doppelt so alt wie die berühmte "Lucy" aus Ostafrika (nur 3,2 Millionen Jahre jung und Bezugspunkt für viele Fossilfunde), die bisher als vermeintliche Mutter der Menschheit galt. Wissenschafter aus Frankreich und dem Tschad berichten in der britischen Fachzeitschrift "Nature" vom Fund eines Schädels in Zentralafrika, der aus der Zeit der Trennung der Affen- und Menschenartigen stammen könnte. Der neue Fund könnte die Vorstellungen über die Abstammung des Menschen ebenso revolutionieren wie der des "Taung-Schädels" in Südafrika vor 77 Jahren, glauben Experten. (Der Taung-Schädel aus Afrika gehörte vor fünf Millionen Jahren einem Wesen im Umbruch, noch Affe, aber bereits mit menschlichen Merkmalen.)
Bereits im Juli 2001 fand die Expedition der "Mission paläoanthropologique Franco-Tchadienne" in der Djurab-Wüste im Norden des Tschad einen gut erhaltenen Schädel, zwei Bruchstücke von Unterkiefern und drei Zähne, berichtet Projektleiter Michel Brunet von der französischen Universität Poitiers. Alle Überreste deuten auf ein Wesen mit einer Mischung von primitiven und moderneren Merkmalen, das keiner der bisher bekannten Arten zugeordnet werden kann.
Der Hirnschädel ähnelt dem eines Schimpansen, der relativ flache Gesichtsschädel, die markanten Wülste über den Augenhöhlen und die kleinen Eckzähne deuten dagegen deutlich auf eine Menschenverwandtschaft. Die genaue Datierung ist noch nicht abgeschlossen, berichtet Brunet. Tierfossilien derselben Fundstelle aus 44 verschiedenen Gruppen weisen jedoch auf ein Alter zwischen sechs und sieben Millionen Jahre hin. Damit wäre das Fossil der älteste bekannte Vorfahr des Menschen.
Der Fund erhielt den wissenschaftlichen Namen "Sahelanthropus tchadensis" (wegen seines Fundes im Tschad und der Sahel-Zone). Wie viele andere bedeutende Menschenfunde, etwa "Taung" und "Lucy", erhielt er aber auch einen Spitznamen: Toumao. In der Sprache der Bewohner der Djurab-Wüste wird dieser Name, "Hoffnung auf Leben", häufig Kindern gegeben, die kurz vor der Trockenzeit geboren werden.
Der Fund von Toumao könne nicht nur Licht auf die bisher kaum bekannte frühe Entwicklung des Menschen werfen, er zwinge auch dazu, die bisherige Ansicht zu überdenken, daß Ost- und Südafrika die Wiege des Menschen seien, schreibt Brunet. Die Tatsache, daß menschenähnliche Wesen im Gebiet des heutigen Tschad lebten, also 2500 Kilometer von den bekannten ostafrikanischen Fundstellen entfernt, bedeute, daß diese sich schon früh in sehr viel differenzierteren Formen entwickelten und weiter verbreitet waren als bisher angenommen.
Millenium-Mensch weiterhin umstritten
"Dies könnte ein ebenso wichtiger Wendepunkt der Forschung sein wie der Fund des ersten Affenmenschen (Australopithecus africanus) durch Raymond Dart im Jahre 1925", kommentiert Berard Wood von der Universität Washington (USA) in "Nature". "Ich denke, daß Sahelanthropus erst die Spitze eines Eisbergs bisher unbekannter Entwicklungsstufen des Menschen zwischen fünf und sieben Millionen Jahren darstellt."
Toumao hat damit dem sechs Millionen Jahre alten "Orrorin tugenensis" hiermit den Rang abgelaufen. Der im Oktober 2000 in der Boringo-Region in Kenia gefundene "Millenium-Mensch" ist jedoch als direkter Vorfahre des Menschen umstritten.
Süddeutsche Zeitung
12.07.2002
Irgendwann vor ungefähr sechs Millionen Jahren muss es passiert sein. In Afrika spalteten sich die ältesten Vorfahren der Menschen, die Hominiden, aus der Gruppe der Schimpansen ab. Wie das genau passierte, war bis vor kurzem ein Rätsel, für dessen Lösung es nicht den geringsten Hinweis in Form von Fossilien gab. Erst in den letzten Jahren machten Wissenschafter Funde aus der Anfangszeit der Vormenschen, die nun spektakulären Zuwachs erhalten. Michel Brunet von der Universität Poitiers und sein Team der "Mission Paléoanthropologique Franco Tchadienne" (MPFT) entdeckten die mit circa sechs bis sieben Millionen Jahren bislang ältesten Hominidenreste, wie die Forscher in der Fachzeitschrift Nature berichten.
Daß Funde aus dieser Zeit so lange auf sich warten ließen, war um so erstaunlicher, als aus jüngeren Zeiten Hunderte von Vor-, Früh- und Urmenschen-Reste in Afrika ausgegraben wurden. Die Forscher hatten lange nichts, wonach sie suchen mussten, um ganz alte Funde aus der Zeit des Übergangs vom Affen zum Menschen zuzuordnen, außer gewissen Vorstellungen. Anatomische Hinweise auf den menschenähnlichen aufrechten Gang sollten kombiniert sein mit einem noch affenähnlichen dünnen Zahnschmelz. Der aufrechte Gang, als Beginn der Menschwerdung, etablierte sich mit dem Rückzug des afrikanischen Regenwaldes in dessen lichten Randgebieten als Fortbewegungsart am Boden. Kurze Zeit später entwickelten die Hominiden einen dickeren Zahnschmelz, um die neue, außerhalb des Regenwaldes zunehmend hartschaligere Nahrung zerkleinern zu können.
In diese Tiefen des Stammbaums der Menschen fiel erst Ende 2000 ein Lichtstrahl, als in sechs Millionen Jahre alten Schichten Kenias der aufrecht gehende Millenium-Mensch (Orrorin tugenensis) entdeckt wurde. Kurz darauf kamen in Äthiopien bis zu 5,8 Millionen Jahre alte Überreste von Hominiden zum Vorschein. Der aktuelle Fund, von den Forschern nach dem Fundort in der Sahelzone des Tschad Sahelanthropus tchadensis genannt, ist deutlich älter. Nachdem der Zeitraum vor sieben und fünf Millionen Jahren bis vor kurzem also hoffnungslos leer an Fundstücken war, ist er nun mit dreierlei Hominiden-Gattungen "bevölkert". Denn die anatomischen Merkmale unterscheiden sich bei allen dreien deutlich.
Der neue Traumfund aus dem Tschad besticht nicht nur wegen seines Alters. Immerhin handelt es sich neben Einzelzähnen und Kieferbruchstücken um einen fast vollständigen Schädel, der auf den Spitznamen Toumai ("Hoffnung auf Leben") getauft wurde. Zwar ist der Schädel gequetscht, und die anatomische Interpretation durch die Forscher als "Mischform von Schimpansen und frühem Hominiden" mag etwas verfrüht erscheinen. Aber er gewinnt seine fundamentale Bedeutung schon aus der geografischen Lage des Fundgebiets: Außer in Ostafrika und Nordost-Afrika gab es offensichtlich auch in Westafrika Varianten der ältesten Vorfahren des Menschen, 2500 Kilometer von den bisherigen Fundstellen entfernt.
Zudem bestätigt Toumai eine Erkenntnis der paläoanthropologischen Forschung der letzten Jahre: Die Abstammung des Menschen lässt sich, für die letzten vier Millionen Jahre, nicht mehr als Linie darstellen, auch nicht als (Stamm-)Baum, sondern bestenfalls als Busch. Gleichzeitig wurde die Suche nach dem "missing link" zwischen Affe und Mensch in immer ältere Schichten verlegt. Wenngleich die Autoren selbst ihren Fund für genau diese Übergangsform halten, so beweist er eigentlich genau das Gegenteil. Offenbar gab es kein alleiniges "missing link", sondern eine Verflechtung von Varianten der ersten Vormenschen in Zeit und Raum entlang der Grenzen des damals schrumpfenden tropischen Regenwaldes. Obwohl wir uns mit jedem neuen Fund dem Ursprung annähern, wird dieser immer weniger fassbar.
Von Friedemann Schrenk
Der Autor ist Professor für Paläobiologie an der Universität Frankfurt/ Main und Leiter der Abteilung Paläoanthropologie am Forschungsinstitut Senckenberg
Friedemann Schrenk, Timothy G. Bromage "Adams Eltern" Expeditionen in die Welt der Frühmenschen
Verlag C. H. Beck, ISBN 3 406-48615 0
Süddeutsche Zeitung
09.01.2003
Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da gehörte zusammen, was heute nicht mehr zueinander passt. Ein dampfender, nur schwer durchdringbarer Urwald mit einem riesengroßen Fluß und eine lebensfeindliche, gewaltige Wüste, in der es ab und zu nur ein paar Stunden braucht, bis man verdurstet. Größer könnten die Gegensätze nicht sein, und doch, vor Hunderten Millionen Jahren, waren der Amazonas und die Sahara eins, ein Kontinent, und dieser trug den Namen Gondwana.
Es klingt wie ein Märchen, wie eine Geschichte aus einem Abenteuerbuch, und doch scheint sie wahr zu sein. Der Ursprung des Amazonas liegt in der Sahara, und zwar dort, wo sie besonders lebensfeindlich ist, im heutigen Tschad, einem Land, das für Fremde fast vollständig verschlossen ist, ein grauer Fleck auf der Landkarte, geschunden von jahrzehntelangen Bürgerkriegen. Und obwohl es dort riesige Ölvorkommen gibt, leben die Menschen in bitterer Armut, es gibt fast keine Straßen und Fahrzeuge, wer reisen möchte, muss es so machen wie die libyschen Händler. Sie sind im Tschad unterwegs, um ihre Waren zu verkaufen.
Der Biologe Sepp Friedhuber und der Geologe Gero Hillmer haben den ehemals 14.000 Kilometer langen Verlauf des Uramazonas verfolgt, von seinem prähistorischen Quellgebiet in der Sahara bis zu den Anden in Südamerika. Und auf dieser Reise haben sie zahlreiche Indizien gefunden, die die These vom Urstrom aus Afrika belegen. Sie fanden Fossilien in der Wüste, die eigentlich nur am Oberlauf des Amazonas vorkommen, sie stießen auf die letzten Wüstenkrokodile, und sie entdeckten einen Mesosaurus, der vor 230 Millionen Jahren lebte. Laut Friedhuber und Hillmer musste der Amazonas erst vor kurzer Zeit, also vor rund sechs Millionen Jahren, seine Richtung ändern, die driftbedingte Auffaltung der Anden blockierte seinen Weg, so daß er heute in den Atlantik mündet.
Sepp Friedhuber fand den Stoff für sein Buch im Geo Spezial Sahara, dort wurde die These vom Uramazonas erwähnt, doch das, was er und seine Kollegen auf dieser Expedition entdeckt haben, daß, was sie erzählen und fotografierten, macht ihr Werk zu mehr als einem Bildband mit Text, es ist Buch, das wie ein Märchen beginnt und als Wissenschaftskrimi endet.
Von MICHAEL BITALA
SEPP FRIEDHUBER: Uramazonas. Fluss aus der Sahara.
Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2002. ISBN 3 201-017906
pte
22.01.2003
Der Urvater aller Säugetiere ist nach Ansicht südafrikanischer Genetiker das afrikanische Erdferkel. Nach der Entschlüsselung der DNA ist der afrikanische Säuger mit unseren frühen Vorfahren genetisch nahe verwandt und sozusagen der letzte gemeinsame Vorfahre aller Mammalien, berichten die Wissenschafter in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) http://www.pnas.org.
Das Erdferkel, das sich in erster Linie von Ameisen und Termiten ernährt, ist eine genetische Besonderheit. "Es sieht zwar nicht aus wie ein Elefant, ist genetisch aber nahe verwandt mit Jumbo und Co", so Terence Robinson von der Uni in Stellenbosch/Matieland, Südafrika. Viele Forscher gehen davon aus, daß das Erdferkel, der Elefant, die Seekuh, die afrikanische Spitzmaus, der Kurzohr-Rüsselspringer und die Goldmulle, die alle zur Gruppe der Afrotheriana gehören, sozusagen die Urväter der Säugetiere sind. Diese Tiere entstanden damals, als Afrika sich vom Rest des Urkontinents trennte. Nach ersten Untersuchungen der genetischen Struktur und der Chromosomen sind diese Tiere näher mit dem Menschen verwandt als bisher angenommen. Nach Ansicht der Wissenschafter hat sich die DNA seit dieser Zeit nur geringfügig verändert. Robinson erklärte gegenüber BBC-Online http://news.bbc.co.uk, daß die Untersuchungen des Erdferkels ergeben haben, daß die Entwicklung eines gemeinsamen Chromosomen-Satzes deutlich nachvollziehbar sei. Diese Analysen basieren darauf, wie sehr sich die Chromosomen der Lebewesen innerhalb eines Zeitraumes verändern.
Kritik erntete der südafrikanische Wissenschafter von einem Forscherkollegen aus Cambridge. Das Ergebnis komme dem Mischen einer großen Zahl von Spielkarten gleich. Denn auch die Chromosomen des Erdferkels sind innerhalb der vergangenen 100 Mio. Jahre einige Male "vermischt worden", so Malcolm Ferguson-Smith. Allerdings räumt Ferguson-Smith ein, daß die Erdferkel die Zahl und Form von angestammten Chromosomen nicht verändert haben. "Deutlich ist aber, daß wir mit den Erdferkeln überhaupt nichts mehr gemeinsam haben, außer, daß wir Menschen, wie alle anderen Säuger, lebende Junge zur Welt bringen", so der Forscher.
Von Wolfgang Weitlaner
Der Spiegel
29.01.2003
SPIEGEL: Herr Professor Klein, wenn einer von uns aus einer Zeit stammte von vor über 100.000 Jahren, wüssten Sie welcher?
Klein: Keiner von Ihnen beiden. Die Menschen vor 100.000 Jahren lebten in Afrika und sahen aus wie heutige Afrikaner. Und Sie sind nicht schwarz.
SPIEGEL: Zugegeben. Also nehmen wir an, es wäre möglich, aus dem Überrest eines damaligen Menschen einen Säugling zu klonen - glauben Sie, er könnte in die Welt des 21. Jahrhunderts hineinwachsen?
Klein: Ich bezweifle es. Die Menschen aus dieser Zeit sahen zwar aus wie wir, aber ich glaube nicht, daß sie auch sprechen, denken und handeln konnten wie wir.
SPIEGEL: Was fehlte ihnen denn?
Klein: Der moderne Geist. Meine - zugegebenermaßen umstrittene - These lautet: Vor etwa 50.000 Jahren muss es unter den Menschen in Afrika eine genetische Veränderung gegeben haben. Diese Mutation hat modernes Verhalten erst möglich gemacht und den Keim zur Kultur gelegt.
SPIEGEL: Wie lebte der Mensch denn, ehe er den Segen des modernen Geistes empfing?
Klein: Wir haben Feuerstellen gefunden, zum Beispiel in südafrikanischen Höhlen; wir wissen, daß die Menschen damals Muscheln aßen, Pinguine, Seehunde und Antilopen, aber selten gefahrvoll zu jagende Tiere wie etwa Büffel. Bezeichnenderweise finden wir in den Höhlen keine Fischskelette. Sie kamen offenbar an Salzwasserfische nicht heran, obwohl sie oft direkt an der Küste lebten. Sie kannten weder Boote, noch Netze, noch Angeln. Sie waren wohl nicht einmal in der Lage, Wasser zu transportieren. Spätere Menschen nutzten entleerte Straußeneier als Wasserspeicher. Aber davon ist nicht eines gefunden worden, das älter wäre als 50.000 Jahre.
SPIEGEL: Unsere Ahnen waren also ziemlich blöde?
Klein: Ihre Steinwerkzeuge zumindest blieben einfach, sie produzierten keine Kunst und nichts, was auf symbolisches Denken schließen ließe. Immerhin bestatteten sie ihre Toten, allerdings ohne Schmuck und ohne Grabbeigaben. Sie wollten wohl einfach nur ihre Toten rasch loswerden.
SPIEGEL: Wenn ein Außerirdischer damals die Erde besucht hätte - hätte er die Menschen für etwas Besonderes gehalten?
Klein: Ja, sicher. Die Menschen damals arbeiteten bereits mit Technik, nicht mit Händen und Zähnen. Sie waren die bedeutendsten Jäger und - zusammen mit den Neandertalern - die intelligentesten Wesen des Planeten. Sie wären aufgefallen.
SPIEGEL: Hätte der Außerirdische geahnt, ob der Neandertaler oder der Afrikaner das Rennen um die Weltherrschaft gewinnt?
Klein: Ich glaube kaum. Wenn ich Recht habe und eine genetische Veränderung modernes Verhalten erst möglich gemacht hat, dann hätte dies ebenso gut den Neandertalern passieren können, die damals in Europa lebten. Dann wären wir jetzt alle Neandertaler und würden uns wundern, warum Homo sapiens ausgestorben ist.
SPIEGEL: Das heißt, vor 50.000 Jahren tauchte also aus dem Nichts ein neues Gen auf, und - schwuppdiwupp - war der moderne Mensch geschaffen. Machen Sie es sich da nicht etwas leicht?
Klein: Es ist für mich der plausibelste Schluss aus allem, was wir wissen. Vermutlich handelte es sich um eine Mutation, die wichtig für die Hirnorganisation ist. Im Detail kann man sich da vieles denken. Vor ein paar Jahren zum Beispiel hat ein Genforscher Mäuse hergestellt, die sich besser als andere Mäuse in Labyrinthen zurechtfinden. Waren diese Mäuse intelligenter? Nein. Nur ihr Gedächtnis funktionierte besser. Vielleicht war es bei Homo sapiens ähnlich.
SPIEGEL: Wie und wann soll das Gen denn beim Menschen aufgetaucht sein?
Klein: Wir wissen, daß die Population vor etwa 50.000 Jahren dramatisch eingebrochen ist. Es war der Höhepunkt der Eiszeit. Nord- und Südafrika waren extrem trocken, nur in Ostafrika war das Leben für die Menschen noch akzeptabel. Wir können uns etwa 5.000 gebärfähige Frauen vorstellen, eine gleiche Zahl von Männern und einen Riesenhaufen Kinder. Glauben Sie mir: Eine Mutation in einer Bevölkerung dieser Größe setzt sich schnell durch, wenn sie Vorteile bietet. Und das tat sie.
SPIEGEL: Und was passierte dann?
Klein: Es vollziehen sich dramatische Veränderungen mit den Menschen. Plötzlich fangen sie in Afrika an, anders zu leben und anders zu jagen. Sie bauen komplexe Gräber. Sie stellen Kunst her, Tonfiguren und Malereien - manches davon so schön, daß Sie und ich es uns heute noch gern ins Wohnzimmer hängen würden. Vor circa 40.000 Jahren dringt Homo sapiens dann nach Europa vor, wo er ziemlich schnell den Neandertaler verdrängt.
SPIEGEL: Wenn die Ursache für all das wirklich eine Mutation war, ist es dann nicht viel plausibler, daß sie in Europa auftrat? Schließlich liegen dort alle herausragenden Stätten altsteinzeitlicher Kunst.
Klein: In Afrika sind die archäologischen Voraussetzungen viel schlechter. Was da war, ist meist zerstört, denn es gibt dort, anders als in Südfrankreich und Nordspanien, diese tiefen Kalksteinhöhlen nicht. Außerdem graben natürlich viel mehr Archäologen in Europa, und sie tun es seit längerer Zeit. Ich prophezeie, daß in Afrika noch große Funde gemacht werden, zumal einer der ältesten Belege für Kunst von dort stammt. Mindestens 40.000 Jahre alte Perlenketten, die mühevoll aus den Schalen von Straußeneiern hergestellt wurden. Die Kung, Buschmänner in der Kalahari, produzieren sie heute noch auf die gleiche Weise.
SPIEGEL: Das ist ziemlich dürftig im Vergleich zu den Prachtmalereien in der französischen Chauvet-Höhle.
Klein: Ja, schon; aber vielleicht gab es Ähnliches auch in Afrika, nur eben auf offenem Fels, auf Holz oder auf anderen Materialien, die nicht überleben.
SPIEGEL: Dieses Argument lässt sich aber auch gegen Ihre These wenden: Wer weiß denn, ob die Menschen nicht auch vor mehr als 50.000 Jahren schon Kunst schufen, nur daß sie nicht überdauert hat?
Klein: Das klingt plausibel, ist es aber nicht. Denn wir finden regelmäßig Kunst und Artefakte an Fundstellen, die jünger als 40.000 Jahre sind. Wir finden sie aber niemals an älteren Stätten.
SPIEGEL: Einige Experten vertreten die Meinung, daß die aus Afrika einwandernden Menschen erst in Europa modernes Verhalten entwickelten, als Folge ihrer Konkurrenz mit den Neandertalern.
Klein: Widersprüche und Zweideutigkeiten wird es immer geben. In dieser Situation müssen wir denken wie eine Jury vor Gericht: Welche Version des Tathergangs ist die überzeugendste?
SPIEGEL: Wie sah denn die Konfrontation von modernem Mensch und Neandertaler Ihrer Meinung nach aus?
Klein: Homo sapiens erwies sich als der bessere Jäger und Sammler. Seine Gruppen waren größer. Er hatte bessere Waffen. Er besaß wahrscheinlich Wurfspeere, der Neandertaler hingegen nutzte Spieße. Die modernen Menschen schleuderten ihre Speere aus sicherem Abstand auf gefährliche Tiere wie Bisons. Die Neandertaler mussten nahe ran an ihr Jagdwild und ihnen dann die Spieße in den Leib rammen. Und das war riskant. Die Neandertaler-Skelette zeigen uns, wie oft sie ihre Knochen brachen. Neandertaler waren wie Wölfe mit langen Messern. Auch Wölfe verletzen sich häufig bei ihren Angriffen.
SPIEGEL: Sie stellen Neandertaler als ziemlich schlichte Geschöpfe dar. Viele Ihrer Kollegen hingegen halten sie für fast ebenso begabt wie die modernen Menschen, schon allein ihres großen Gehirns wegen.
Klein: Gehirngröße ist nicht alles. Seit 500.000 Jahren haben alle Vertreter der Gattung Homo große Hirne. Ich bestreite ja nicht: Die Fähigkeiten der Neandertaler waren beeindruckend. Sie hatten Werkzeuge, sie jagten viel und vertilgten extrem viel Fleisch, sie sorgten für Alte und Kranke. Dumm waren die Neandertaler also nicht. Verglichen mit Homo erectus waren sie sogar sehr intelligent. So clever wie die Menschen, von denen sie verdrängt wurden, waren sie aber nicht.
SPIEGEL: Zumindest an einer Neandertaler-Fundstelle, im französischen Arcy-sur-Cure, wurde unzweifelhaft Kunst gefunden. Wie passt das in Ihr Bild?
Klein: Sie haben Recht: Arcy ist das größte Problem für mich. Allerdings gibt es nur diese einzige Fundstelle. Dort haben tatsächlich Neandertaler vor 36.000 Jahren Kunstobjekte und hoch entwickelte Arbeiten aus Knochen hergestellt. Aber vielleicht war Arcy die Ausnahme, vielleicht schaute dort eine Gruppe Neandertaler modernen Menschen zu, wie sie interessante Ornamente und Kunst produzierten, und sie haben es ihnen nachgemacht.
SPIEGEL: ... aber wer nachmachen kann, der kann auch selber machen.
Klein: Ja, ich frage mich auch: Wenn Neandertaler zu modernem Verhalten fähig waren, warum haben sie sich dann nicht vermischt mit den modernen Menschen, obwohl das biologisch wahrscheinlich noch möglich war? Viel später haben sich europäische Eroberer doch auch mit Indianern, Afrikanern und Aborigines vermischt. Aber es gibt in unserem Erbgut keine Hinweise auf Neandertaler-Gene.
SPIEGEL: Es gab also wenig Liebe, aber viel Gewalt zwischen beiden Menschenarten?
Klein: Es wird hin und wieder Gemetzel zwischen ihnen gegeben haben. Aber Gewalt ist gar nicht nötig, um das Verschwinden der Neandertaler zu erklären. Für sie sah es nicht gut aus. Beide Gruppen konkurrierten um die gleichen Nahrungsmittel, und die modernen Leute waren einfach besser darin, diese Nahrungsmittel zu bekommen. Über Jahre und Jahrhunderte zogen die Neandertaler immer den Kürzeren, bis sie schließlich verschwanden ...
SPIEGEL: ... weil ein Super-Gen des Homo sapiens ihnen den Garaus machte. Wenn man sich diese Theorie zu Eigen macht, liegt es dann nicht nahe, auch die nächste Revolution, die Erfindung des Ackerbaus vor circa 11.000 Jahren, einem Gen, sozusagen einem Ackerbau-Gen, zuzuschreiben?
Klein: Keineswegs. Die Menschen vor 20.000 Jahren waren allesamt Jäger und Sammler. Was sie uns archäologisch hinterlassen haben, unterscheidet sich stark von dem, was die Menschen vor 100.000 Jahren hinterließen, aber kaum von dem, was heutige Jäger und Sammler hinterlassen. Und fehlt denen ein Ackerbau-Gen? Nein. Wir wissen, daß ein Aborigines-Baby problemlos im Silicon Valley aufwachsen und als Software-Ingenieur enden könnte. Folglich brauchen wir kein Ackerbau-Gen, kein Buchdruck- oder Dampfmaschinen-Gen. Aber für die Veränderung von vor 50.000 Jahren kommen Sie nicht drum herum, denn auch unter den heutigen Jägern und Sammlern lebt niemand so wie die Menschen vor 100.000 Jahren.
SPIEGEL: Warum fingen die Menschen den Ackerbau dann nicht viel früher an?
Klein: Weil sich das Klima rasant änderte. Vor 10.000 bis 11.000 Jahren ging gerade die letzte Eiszeit zu Ende, und die Menschen erlebten einen Wandel, wie er uns auch heute noch tief beeindrucken würde. Ähnliches hatte der Mensch zwar auch am Ende früherer Eiszeiten erlebt: vor 130.000 Jahren zum Beispiel und vor 186.000 Jahren. Aber damals begann er nicht, Äcker zu bestellen. Ich glaube, daß das daran liegt, daß es am Ende der letzten Eiszeit erstmals Menschen mit der intellektuellen Fähigkeit zum Ackerbau gab: Sie besaßen den modernen Verstand.
SPIEGEL: Ihre These mag reizvoll sein. Aber lässt sie sich auch beweisen?
Klein: Im Augenblick leider nicht. Und ich glaube auch nicht, daß weitere Ausgrabungen uns weiterbringen werden. Die Antwort kann nur von Genforschern kommen, wie zum Beispiel von Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. In den vergangenen Jahren kamen aus seinem Labor fast alle fundamentalen Beiträge zur Molekulargenetik der menschlichen Evolution.
SPIEGEL: Was versprechen Sie sich denn von den Genstudien?
Klein: Es wäre sehr spannend, die Gene zu kennen, die Menschen von Schimpansen unterscheiden. Und diese Gene müssten wir datieren. So könnten wir die Geschichte des Verhaltenswandels nachzeichnen. Kürzlich hat Pääbo zum Beispiel ein Gen gefunden, das bis zu 200.000 Jahre alt ist und eine Rolle spielt bei der Fähigkeit zu sprechen. Ich sage voraus, daß weitere Gene gefunden werden, die das menschliche Denken verändert haben, und daß diese 50.000 Jahre jung sind.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß es in Zukunft noch einen biologischen Sprung nach vorn für die Menschheit geben kann?
Klein: Nein. Mit der großen Revolution vor 50.000 Jahren ist es uns gelungen, unsere Evolution von der Biologie zu entkoppeln. Seither ist sie an die Kultur gebunden. Das ist vorteilhafter, denn so können wir auf Veränderungen viel schneller reagieren.
SPIEGEL: Die genetische Revolution, von der Sie sprechen, war also die zugleich wichtigste und letzte in der Geschichte des Menschengeschlechts?
Klein: Ja. Eine genetische Veränderung hat stattgefunden, die uns einen im Prinzip unbeschränkten Zugang zur Technik eröffnet hat. Damit ist ein für allemal die Gabe zur Kreativität im Menschen angelegt worden.
SPIEGEL: Herr Professor Klein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Richard Klein lehrt Archäologie an der kalifornischen Stanford University. Bei Ausgrabungen in Südafrika erforschte er den abrupten Verhaltenswandel des Homo sapiens, der sich vor rund 50.000 Jahren vollzog. Immer wieder stieß Klein, 61, dabei auf eines der zentralen Rätsel der modernen Anthropologie: Was war der Auslöser der kulturellen Evolution? Und welche Rolle spielte sie in der Konkurrenz von Homo sapiens und Neandertaler um den Lebensraum in Europa? In einem neuen Buch schlägt Klein nun eine radikale Antwort auf diese Fragen vor: Eine genetische Mutation vor rund 50.000 Jahren habe die Hirnorganisation des Menschen verändert und ihm dadurch erst seine Kulturfähigkeit beschert.
Das Gespräch führten die Redakteure Marco Evers und Johann Grolle.
news.ch
25.04.2003
Ein 4,17 Millionen Jahre altes Skelett eines Hominiden gilt als jüngster Hoffnungsträger bei der Erforschung der Menschheitsgeschichte.
Das 1997 bei Johannesburg gefundene Knochengerüst eines Menschenaffen wurde mit modernen Methoden neu datiert und ermöglicht so neue Erkenntnisse beim Blick auf die Evolution, erklärte Professor Tim Partridge im südafrikanischen Radio.
Das Alter des vollständig erhaltenen Skeletts entspreche anderen Funden in Ostafrika, sagte der Wissenschafter der Johannesburger Witwatersrand-Universität.
Es belege, daß der auf zwei Beinen laufende Hominide über einen langen Zeitraum in Afrika weit verbreitet war. Bisher war angenommen worden, daß die auch auf Bäumen lebenden Hominiden von Kenia aus ins Südliche Afrika gelangten.
Ursprünglich war das in Südafrika entdeckte Skelett auf 3,3 Millionen Jahre datiert worden. Die an seiner Erforschung beteiligten Wissenschafter erhoffen sich unter anderem Aufschlüsse über die Anatomie des Little Foot genannten menschlichen Vorläufers der Gattung Australopithecus.
Sein Skelett war in den Sterkfontein-Höhlen nordwestlich von Johannesburg in monatelanger Arbeit aus dem Gestein befreit worden.
Neue Zürcher Zeitung
07.05.2003
Neue Fossilfunde von Homo erectus, dem evolutionsbiologischen Vorläufer des modernen Menschen, zwingen zur Korrektur etablierter Lehrmeinungen: Mit einem überraschend kleinen Gehirn und primitiven Werkzeugen hat sich Homo erectus etwa eine Million Jahre früher als bisher vermutet von Afrika nach Eurasien ausgebreitet. Voller Irrungen und Wirrungen ist sie, die Entdeckungsgeschichte von Homo erectus. Die ersten fossilen Zeugnisse dieser altsteinzeitlichen Hominidengruppe wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Ostasien zutage gefördert, allen voran der "Javamensch", den der belgische Arzt und Naturforscher Eugène Dubois im javanischen Trinil entdeckte. Besessen von der darwinistisch inspirierten Idee, ein "missing link" zwischen Affe und Mensch zu finden, war Dubois 1887 in die holländischen "East Indies" aufgebrochen. In der Tat fand er dort nach langjähriger Suche neben anderen Hominidenfragmenten auch den Schädel des Javamenschen. Sich am Ziel seiner Träume wähnend, taufte er den Fund Pithecanthropus erectus, aufrechter Affenmensch. Damit schien sich die damals herrschende Meinung bestätigt zu haben, der Ursprung der Menschheit liege in Asien. Aus Afrika waren Ende des 19. Jahrhunderts noch keinerlei fossile Reste prähistorischer Hominiden bekannt.
Afrika als Wiege der Hominiden
Inzwischen haben Fossilfunde früher Hominiden aus Afrika das Bild total verändert. Eine beachtliche Zahl von Fossilien ganz unterschiedlichen geologischen Alters, darunter der letztes Jahr in Zentralafrika entdeckte sieben Millionen Jahre alte Hominide "Toumai", dann die unzähligen jüngeren Fossilien der Hominidengattung Australopithecus und schließlich jene der Gattung Homo, sie alle lassen keinen Zweifel daran, daß sich zumindest die ersten Jahrmillionen der Hominidenevolution in Afrika abgespielt haben. Doch wie und wo die spätere Entwicklung einschließlich der Entstehung des modernen Homo sapiens verlief, ist Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen.
In diesen Debatten spielt Homo erectus als mutmasslich erster Kosmopolit unter den Hominiden eine Schlüsselrolle. Nach zahlreichen früheren Funden in Ostasien stiess man seit den 1950er Jahren zunehmend auch in Ostafrika auf Erectus- Fossilien verschiedener geologischer Epochen. Die ältesten Exemplare wurden auf 1,8 und 1,6 Millionen Jahre datiert. Ihnen gegenüber mussten die Erectus-Funde aus Java und China, der "Javamensch" und der "Pekingmensch", mit ihrem geschätzten Alter von knapp einer Million Jahren als geradezu jung erscheinen. Als noch jünger erwiesen sich die ältesten in Europa (Italien und Spanien) entdeckten fossilen Reste von Homo erectus. Dieses räumliche und zeitliche Muster fügte sich zum bisherigen Bild der ersten Hominidenauswanderung aus Afrika. Vor etwa einer Million Jahren stiessen demnach erste Populationen von Homo erectus über den Vorderen Orient nach Asien vor, wo sie sich bis nach Indonesien und China ausbreiteten. Erst später erfolgte dann die Besiedlung Europas, eine Verzögerung, die man auf geologische und klimatische Barrieren zurückzuführen suchte.
Auswanderung vor 2 Millionen Jahren
Doch seit Mitte der 1990er Jahre geriet dieses nunmehr klassische Szenario aufgrund neuer Funde und Analysen zunehmend ins Wanken. Zunächst wurden zwei zuvor wesentlich jünger geschätzte Erectus-Fossilien aus Java neu auf 1,6 bis 1,8 Millionen Jahre datiert, womit sie zu Zeitgenossen der vermeintlich ältesten Erectus-Vertreter aus Afrika avancierten. Zwar blieb diese Datierung wegen der verworrenen geologischen Verhältnisse auf Java umstritten, doch im Lauf der letzten drei Jahre zwangen Hominidenfunde aus dem mittelalterlichen Burghügel von Dmanisi in Georgien endgültig zur Revision der etablierten Vorstellungen. Mit einem zuverlässig datierten Alter von mindestens 1,7 Millionen Jahren lieferten sie den zweifelsfreien Beleg dafür, daß die Erectus-Gruppe ausserhalb Afrikas schon wesentlich früher als bisher behauptet präsent gewesen sein muss, die erste Auswanderungswelle aus Afrika also bereits vor etwa zwei Millionen Jahren eingesetzt haben dürfte.
Die genannten Erectus-Fossilien aus Georgien, bisher wurden in der Fachliteratur drei gut erhaltene Schädel beschrieben, widerlegen zugleich noch eine zweite klassische Auswanderungshypothese, daß nämlich die ersten Hominiden, die in neue, kühlere Klimazonen vordrangen, mit einem relativ grossen Gehirn und fortschrittlichen Werkzeugen des "acheuleanischen" Typs ausgerüstet gewesen sein mussten. Zum einen verfügen die georgischen Exemplare über ein ausgesprochen kleines Hirnvolumen, eines unterbietet mit einem Volumen von nur 600 Kubikzentimetern sogar alle bisher bekannten Erectus-Funde, zum anderen sind die Werkzeuge, die zum Vorschein kamen, genauso primitiv wie jene Schaber und Hackbeile, die man bei frühen Vertretern von Homo erectus in der Olduvaischlucht Ostafrikas gefunden hatte.
Wenn also diese ersten Auswanderer weder eine grössere Hirnkapazität noch fortschrittlichere Technologien als ihre afrikanischen Vorläufer besassen, was hat sie dann zur Kolonisierung neuer Gebiete veranlasst und befähigt? An Spekulationen fehlt es nicht. Der englische Paläoanthropologe Chris Stringer hält es zum Beispiel für möglich, daß die klimatischen Bedingungen im heutigen Georgien damals "afrikanischer" gewesen seien als heute und damit für die primitiven Zuwanderer keine unüberwindbare Barriere bedeutet hätten. Konkretere Anhaltspunkte erhofft man sich von weiteren Funden auf dem Burghügel von Dmanisi, der sich nun neben der berühmten Olduvaischlucht in Tansania als eine der reichhaltigsten Fundstätten für Fossilien prähistorischer Hominiden und ihrer Begleitfauna zu erweisen beginnt.
Ein Zweites erstaunt an den drei Schädeln von Dmanisi: ihre ausserordentliche morphologische Variationsbreite. Hätte man sie an verschiedenen Lokalitäten gefunden, wären sie wohl kaum der gleichen Art zugeordnet worden, erläutert Christoph Zollikofer, Zürcher Paläoanthropologe und Koautor der jüngsten Dmanisi-Publikation. Die teilweise erheblichen morphologischen Differenzen zwischen Fossilien verschiedener Lokalitäten und Zeitepochen hatten einige Experten in den letzten Jahren sogar veranlasst, die Erectus- Gruppe in zwei Arten aufzuspalten, in Homo ergaster, dem die primitiveren, afrikanischen Formen zugerechnet wurden, und Homo erectus als Taxon für die fortschrittlicheren, vornehmlich in Eurasien beheimateten Formen, eine Aufteilung, die jedoch sehr umstritten blieb.
Kontinuierliches Formenspektrum
Der Gelehrtenstreit scheint sich nun zugunsten derjenigen zu wenden, die für eine einzige Art plädieren. Die stärksten Argumente lieferte letztes Jahr ein neuer Erectus-Schädel aus Bouri in Äthiopien, dessen Alter auf 0,8 bis 1 Million Jahre geschätzt wird und der verblüffende Ähnlichkeiten mit gleichaltrigen Fossilien aus Ostasien und Europa aufweist. Dieser Fund verbindet gleichzeitig die geologisch älteren und jüngeren Exemplare aus Afrika zu einem morphologischen Kontinuum. Ähnliches gilt für einen vermutlich etwas älteren Schädelfund aus Ileret im nördlichen Kenya, den die Forschungsgruppe von Meave Leakey erst vor zehn Tagen am Kongress der "American Association of Physical Anthropologists" in Arizona vorgestellt hat. Auch in Java zeigt die vergleichende Untersuchung eines jüngst geborgenen Schädels, daß sich frühere und spätere Formen in ein übergreifendes Grundmuster einordnen. Damit bilden die rund 1,5 Millionen Jahre umspannenden Erectus-Funde aus verschiedenen Kontinenten und geologischen Horizonten ein kontinuierliches Formenspektrum, für das die natürliche Variationsbreite innerhalb einer einzigen Art als Interpretationsgrundlage ausreichen dürfte. Erst das mittlerweile doch recht umfangreiche Fundarsenal liess solche Gemeinsamkeiten überhaupt erkennen. Lückenhaftes Fossilmaterial, der Normalfall in der Paläoanthropologie, verleitet demgegenüber zum "Splitting", zur Schaffung eines eigenen Taxons für fast jeden neuen Fund.
Wohl nicht die letzte Revision
Einmal mehr muss also das Bild der Evolution des Menschen aufgrund jüngster Funde in manchen Teilen neu gezeichnet werden, wohl nicht zum letzten Mal. So harrt die Frage, wann und wo der moderne Mensch, Homo sapiens, entstand und welche Rolle Homo erectus bei diesem Entwicklungsschritt spielte, noch immer der Klärung.
Von Sibylle Wehner-v. Segesser
Homo erectus war der erste Hominide, der Afrika verließ und weite Teile Eurasiens besiedelte, darin sind sich heute die meisten Fachleute einig. Daß Homo sapiens aus Nachfahren von Homo erectus hervorging, wird ebenso wenig bezweifelt. Doch bei der Frage, wie und wo dieser evolutionäre Schritt gelang, scheiden sich die Geister. Die Mehrheit der Experten favorisiert heute die Out-of-Africa-Hypothese, nach welcher Homo sapiens auf dem afrikanischen Kontinent entstand, dann Eurasien kolonisierte und dort die Neandertaler und andere archaische Hominiden verdrängte. Die unterschiedlichen Merkmale der heutigen Populationen hätten sich demnach erst in relativ junger Zeit herausgebildet.
Dem Out-of-Africa-Szenario steht die multiregionale Hypothese gegenüber, nach der der moderne Mensch simultan in mehreren Regionen entstand. Die verschiedenen Populationen wären dann erst durch genetischen Austausch zur Art Homo sapiens zusammengewachsen. Zwar führen beide Hypothesen Homo sapiens auf Homo erectus beziehungsweise dessen Nachfahren zurück, doch im ersten Fall wäre dieser Evolutionsschritt in Afrika erfolgt, im zweiten dagegen auch in Europa und Asien, etwa über Formen wie jene des Peking- und des Javamenschen oder andere Vertreter der eurasischen Erectus-Gruppe.
Während genetische Vergleiche zwischen afrikanischen und eurasischen Populationen ebenso wie die meisten Fossilfunde, die ältesten archaischen Sapiens- Fossilien stammen aus Afrika und dem vorderen Orient, eher die Out-of-Africa-Hypothese stützen, führen die Multiregionalisten unter anderem einzelne Fossilien ins Feld, die für eine frühe Entstehung der regionalen Sapiens-Merkmale sprechen. Aus heutiger Sicht lässt sich keine der beiden Annahmen endgültig widerlegen. Neue genetische Untersuchungen geben sogar zur Vermutung Anlass, die Wahrheit könnte auch irgendwo dazwischen liegen. Danach wäre Homo sapiens zwar aus Afrika ausgewandert, hätte aber die in Eurasien lebenden archaischen Homo-Populationen nicht vollständig verdrängt, sondern sich mit Vertretern dieser Populationen vermischt.
Salzburger Nachrichten
12.06.2003
Die ältesten bisher gefundenen Überreste des modernen Menschen hat ein internationales Forscherteam in Äthiopien ausgegraben. Die Schädelknochen von drei Angehörigen der Art Homo sapiens sind rund 160.000 Jahre alt. Der Fund erhärte die Vermutung, daß die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die Welt ausgebreitet haben, schreibt Tim White von der Universität Berkeley im britischen Fachjournal "Nature". Die drei Schädel haben Kratzspuren von Steinwerkzeugen, was vermutlich auf einen Totenkult hinweist.
Der Fundort der Fossilien liegt in der äthiopischen Awash-Region, nahe des Dorfs Herto auf der Halbinsel Bouri, rund 230 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Addis Abeba. Einer der drei Schädel, die bereits 1997 ausgegraben worden sind, gehörte zu einem männlichen Erwachsenen und ist sehr gut erhalten. Von einem weiteren Erwachsenen ist nur die Schädeldecke erhalten, der Schädel eines Kindes war in kleine Teile zersprengt und wurde von den Wissenschaftern in mühevoller Arbeit zusammengesetzt. Die Ähnlichkeit von Schädelform und -größe der so genannten "Herto-Hominiden" zu den heute lebenden Menschen (Homo sapiens sapiens) ist so groß, daß die Forscher sie zur Art Homo sapiens zählen, allerdings als Unterart: Homo sapiens idaltu.
Unter Fachleuten ist umstritten, ob sich die modernen Menschen von Afrika aus in die gesamte Welt verbreitet haben oder sich auf verschiedenen Kontinenten parallel entwickelt haben. Die neuen Funde sprechen für die erste Hypothese, schreiben die Forscher. Die neuen Funde seien zudem ein bisher fehlendes Bindeglied zwischen älteren Fossilienfunden in Afrika und neueren Funden beziehungsweise dem heute lebenden modernen Menschen. Neben Schädelfragmenten und Zähnen von weiteren sieben Menschen fanden die Wissenschafter auch Steinwerkzeuge und Tierknochen. Überreste von Antilopen und Flusspferden geben dabei einen Hinweis auf den Speiseplan dieser Menschen. Eine Analyse ergab, daß die Herto-Hominiden an einem See gelebt haben.
Vor 70.000 Jahren sind wir fast ausgestorben
Die Menschen wären einer neuen Studie zufolge vor 70.000 Jahren um ein Haar ausgestorben. Nur 2000 moderne Menschen teilten sich damals den Lebensraum, den heute gut sechs Milliarden Erdenbürger bewohnen. Das schließen amerikanische und russische Forscher aus einer jüngsten Analyse des menschlichen Erbguts.